Machen Social Media unkritisch?

Auf Slate hat Jacob Silverman heute einen interessanten Artikel über Literaturkritik in Zeiten von Social Media publiziert. Sein Fazit: In den Zeiten, wo viele AutorInnen Twitter und Tumblr verwenden, um mit ihren Leserinnen und Lesern in Kontakt zu treten und ein öffentliches Bild zu pflegen, gibt es kaum noch kritische Rezensionen, sondern nur noch wohlwollende:

[I]f you spend time in the literary Twitter- or blogospheres, you’ll be positively besieged by amiability, by a relentless enthusiasm that might have you believing that all new books are wonderful and that every writer is every other writer’s biggest fan. It’s not only shallow, it’s untrue, and it’s having a chilling effect on literary culture, creating an environment where writers are vaunted for their personal biographies or their online followings rather than for their work on the page.
[Übersetzung phw:] Wenn man Zeit auf Twitter oder Blogs verbringt, wird man überwältigt sein von der Freundlichkeit und von einem unablässigen Enthusiasmus, der einem den Eindruck verleiht, alle neuen Bücher seien wunderbar und Autoren sei die größten Fans von anderen Autoren. Das ist nicht nur oberflächlich, sondern falsch, und es hat einen negativen Effekt auf den Literaturbetrieb, weil es eine Umgebung schafft, in der Schriftstellerinnen und Schriftsteller aufgrund ihrer Biografien oder Online-Präsenz beurteilt werden und nicht für ihre Arbeit am Text.

Silverman gibt weitere Gründe an, die seine Beobachtung erklären könnten:

  • Die »Zentrifugalkräfte« auf Social Media sind positive: Wer selber wahrgenommen werden will, muss andere loben, ihre Nachrichten verbreiten und »like« drücken. Kritische Menschen werden ignoriert und verlieren fast automatisch an Einfluss und Aufmerksamkeit.
  • Der Medienwandel führt dazu, dass Literaturkritik online und im Print in eine Konkurrenzsituation treten – offenbar sind positive Rezensionen bei Leserinnen und Lesern beliebter und werden deshalb vorgezogen.
  • Empfehlungen können leichter monetarisiert werden: Amazon zahlt Blogs, die auf ein Buch verlinken, eine Prämie. Wer also ein Buch empfiehlt, erhält dafür eher Geld als für einen heftigen Verriss.
  • Herausgeber stehen kritischen Beurteilungen ablehnend gegenüber, weil sie Resultat einer persönlichen Abneigung sein könnten.

Diese Tendenz, so Silverman, müsse aufhören. Sie schade der Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche und verhindere eine ernsthafte, tiefgründige intellektuelle Auseinandersetzung. Sein Fazit:

[A]ffirmation is the habitual gesture of the Internet. We like, favorite, and heart all day; it is a show of support and agreement, as well as a small plea for attention: Look at me, I liked this too. Follow back? […] The problem with Liking is that it’s a critical dead-end, a conversation nonstarter. It’s opinion without evidence—or, really, posture without opinion. [A] feeling is expressed without saying much at all.
[Übersetzung phw:] Bestätigung ist auf dem Internet Gewohnheit. Wir »liken«, favorisieren und verteilen Herze – den ganzen Tag, es ist ein Zeichen von Unterstützung und Einverständnis, zudem auch eine Bitte um Aufmerksamkeit: Schau mich an, ich mag das auch. Folgst du mir? […] Das Problem mit dem »Liken« ist, dass es eine kritische Sackgasse ist, die ein Gespräch verhindert. Es ist eine Meinung ohne Beleg, oder aber: Eine Pose ohne Meinung. Der Ausdruck eines Gefühls, ohne viel zu sagen.

Dieses Beispiel zeigt sehr schön, dass es auf Social Media kaum eine Trennung von Inhalt und Profil gibt. Was wir sagen macht aus, wer wird sind und wie wir wahrgenommen werden möchten. Social Media kann nicht die einzige Form von Konversation werden, gerade weil Kritik wichtig und nötig ist.

Das perfekte Social Network

Bei Netzwertig hält Martin Weigert 12 Anforderungen fest, die an ein perfektes Social Network zu stellen sind. Ich paraphrasiere sie sehr knapp und leicht modifiziert, wo mir das nötig scheint:

  1. Alle Freunde sind dabei.
  2. Offen.
  3. Vertrauen in die Entwickler.
  4. Problemloser Datenschutz.
  5. Neue Funktionen als Option, nicht als Zwang.
  6. Funktioniert besser als Konkurrenz.
  7. Sieht gut aus, fühlt sich gut an.
  8. Kann auf jedem Gerät und jeder Plattform genutzt werden.
  9. Absolut sicher.
  10. Rentabel.
  11. Ethisch korrekt.
  12. Dezentrale Serverstruktur.

Denkt man an den Einsatz von Social Networks in einem Bildungskontext, dann sind viele Punkte bei einer sauberen Auswahl leicht zu erfüllen: Man kann beispielsweise i. alle relevanten Personen einladen, ii. Offenheit selber wählen und muss sich über x. und xi. keine Gedanken machen.

Das heißt aber in der Konsequenz, dass bestehende, große Social Networks für den schulischen Kontext nicht oder nur sehr bedingt geeignet sind – gerade weil viele Faktoren nicht beeinflusst werden können.

Weigerts Fazit:

Dass eine solche Anwendung für immer ein Wunschtraum bleiben wird, ist offensichtlich – schon weil sich einige Punkte widersprechen […]

Vorstellung: Facebook für Eltern

Thomas Pfeiffer und Jöran Muuß-Merholz haben ein Buch mit dem Titel »Mein Kind ist bei Facebook – Tipps für Eltern« geschrieben.

Auf ihrer Homepage bieten sie einige Leseproben an, unter anderem auch zwei Kapitel als pdf:

Gut gefällt mir die Definition von Facebook als Balanceakt. Dabei werden einfache Richtlinien beschrieben sowie auch eine Rolle für Lehrpersonen oder Eltern definiert. Die konsequente Metaphorik ist verständlich, die Texte scheinen mir aber tendenziell etwas länger als nötig:

Es gibt keine einfache Wahrheit, nach der man genau weiß, was richtig und was falsch ist. Es lässt sich nur folgender allgemeine Grundsatz formulieren:

Du musst bei Facebook immer zwischen Offenheit und Geschlossenheit abwägen! So viel Offenheit wie nötig, damit Du Deine Ziele erreichst. So viel Geschlossenheit wie möglich, damit die unerwünschten Risiken und Nebenwirkungen möglichst unwahrscheinlich bleiben. […]

Die Höhe des Seils ist die Offenheit. Gleich alles mit allen teilen, gleich auch private und heikle Inhalte zu posten, das ist, also ob man gleich zu Beginn auf dem Drahtseil in großer Höhe einen Salto rückwärts ausprobiert. Das kann gut gehen, aber man kann auch leicht abstürzen. Also gilt: Ungeübte Facebook-Nutzer beginnen mit Geschlossenheit, mit harmlosen Inhalten und begrenztem Zugang für andere. […]

Das Auffangnetz unter dem Drahtseil gibt es bei Facebook nicht. Wenn man einen Inhalt veröffentlicht hat und daraus unerfreuliche Konsequenzen entstehen, kann man den Inhalt vielleicht noch löschen, aber die Folgen nicht mehr rückgängig machen. Als Ersatz für das Auffangnetz kann man sich eine „Gedanken-Probe“ erschaffen. Also: Man formuliere einen Inhalt und die gewünschten Einstellungen zur Privatsphäre, ohne den Inhalt aber tatsächlich abzusenden. Stattdessen zeigt man ihn sich selbst (oder Eltern, Freunden, Vertrauten) mit der Frage: Was könnte passieren, wenn ich das mit dieser Offenheit poste? […]

Der Trainer ist jemand, der schon Erfahrung auf dem Drahtseil hat und dem Neuling beratend zur Seite stehen kann. Dafür muss er nicht selbst jede Situation kennen, in die sein Schützling geraten kann. Häufig kommt es eher darauf an, die richtigen Fragen zu stellen oder einfach nur als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen.

Facebook durchsucht Chats

In einem einflussreicher Artikel von Reuters sagte der Chief Security Officer von Facebook, Joe Sullivan, dass Facebook proaktiv die Kommunikation seiner Nutzer auf potentielle Straftaten durchsuche. Konkret werden Chats protokolliert (und selbstverständlich bei Facebook gespeichert), aber auch auf bestimmte Schlüsselwörter durchsucht. Es ist unklar, wie das genau funktioniert, aber offenbar spielen folgende Faktoren eine Rolle:

  1. Die Art der Beziehung (Beziehungen, die nicht »real« zu sein scheinen, sind für Facebook verdächtiger).
  2. Das Alter der Chatteilnehmenden – junge User werden besonders geschützt.
  3. Bestimmte Begriffe oder Wendungen.
  4. Die Tatsache, ob jemand schon einmal wegen eines angeblichen Fehlverhaltens gemeldet worden ist.

Unklar ist, ob Facebook in Deutschland proaktiv auf Strafverfolgungsbehörden zugeht, wenn das Unternehmen aufgrund seiner automatisierten Systeme einen Verdacht auf eine potentielle Straftat hat, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet. In einem Fall in Florida konnte mit dem System offenbar ein 33-jähriger Mann verhaftet werden, der sich mit einem 13-jährigen Mädchen treffen wollte.


Die Reaktionen sind deutlich. In seiner SPON-Kolumne fordert Sacha Lobo eine Ausweitung des Briefgeheimnisses hin zu einem »Telemediengeheimnis«:

Private Chats sind 2012 das, was Briefe 1948 waren. Die Frage nach der Sicherheit der User ist berechtigt und muss von Facebook beantwortet werden. Allerdings ist die heimliche Totalüberwachung eines Instruments, das von den meisten Leuten als höchst privat empfunden wird, keine Antwort auf diese Frage. Ungefähr ebenso wenig wie die Installation von Überwachungskameras in Privatwohnungen zum Schutz vor häuslicher Gewalt. Oder die grundsätzliche Öffnung und Durchsicht von Briefen. Womit der Zirkel geschlossen wäre, denn auch den 4 Müttern und den 66 Vätern des Grundgesetzes dürfte klar gewesen sein, dass die ständige Kontrolle aller Inhalte von Briefen, Post und Fernmeldesituationen eventuell Straftaten hätte verhindern können. Aber sie haben das Gegenteil davon ins Grundgesetz geschrieben. […] Wir brauchen ein Telemediengeheimnis.

Die Berliner taz stellt klar, dass es eigentlich keine Gesetzesänderung braucht, es lediglich unklar ist, ob sich Facebook an deutsches Recht halten muss. Zudem zeigt der Artikel, dass nicht nur Facebook, sondern auch Google und Skype Chats und Mails systematisch durchsuchen, es eine Privatsphäre nicht gibt.

Der Artikel zitiert Sullivan mit einer interessanten Aussage zur Frage, ob es nicht problematisch ist, wenn User systematisch überwacht werden:

„Wir wollten nie eine Umgebung schaffen, in der Angestellte private Kommunikation beobachten, deshalb ist es uns sehr wichtig, Technologie zu benutzen, die selten falschen Alarm auslöst“, erklärt Sicherheitschef Sullivan das Überwachungssystem. Chat-Verläufe werden deswegen zunächst maschinell gelesen und erst bei Auffälligkeiten an Menschen weitergeleitet.

Was soziale Netzwerke über uns wissen

Baynote, ein auf E-Commerce spezialisierte Firma, die Unternehmen hilft, personalisiertes Shopping anzubieten, hat eine Infografik veröffentlicht, die zeigt, was soziale Netzwerke über uns wissen.

Baynote schreibt (übersetzt von phw):

Soziale Netzwerke, Suchseiten und Anwendungen verwenden unsere Informationen immer häufiger, um personalisierte Internetangebote zu ermöglichen. Während Kunden beginnen »aufzuwachen« und ihnen bewusst wird, was mit ihren Daten passiert, kann man nur hoffen, dass der Wert von personalisierten Angeboten, die Verbindung mit Freunden oder das Anzeigen der besten Suchresultate von den Kunden als fairer Tausch für die Verwendung der Daten angesehen wird.

Die Perspektive von Baynote ist dabei klar – die Aussage aber dennoch korrekt: Die Dienstleistungen der in der Grafik vorkommenden Unternehmen wie Facebook oder Google sind nicht kostenlos, sondern werden mit Daten bezahlt, die wiederum in Geld umgewandelt werden können. Dieser Preis ist versteck – weshalb es gut ist, wenn man ihn kennt.

Ich präsentiere die Infografik in zwei Teilen, einer Legende und einem Hauptteil, die ganze Darstellung kann hier runtergeladen werden.

 

Zwei Perspektiven auf den Shitstorm

Der folgende Beitrag versteht sich als Ausgangspunkt für die Gestaltung einer Unterrichtseinheit zum Thema »Shitstorm«. Das Thema würde ich in der Medienkunde ansiedeln, es eignet sich sehr gut, um Funktionsweisen von Social Media und von viralen Inhalten zu verstehen. Geeignet ist es für Schülerinnen und Schüler ab der siebten Klasse.

Die einzelnen Teile könnten nach dem einführenden Video selbständig in Gruppen erarbeitet werden und z.B. auf einem Blog dokumentiert und zusammengeführt werden. Idealerweise informieren Schülerinnen und Schüler einander über die Ergebnisse ihrer Untersuchungen.

Einführung: Ein Video


Der Begriff »Shitstorm«

Der Begriff war 2010 als Anglizismus des Jahres nominiert und hat Eingang in Wikipedia und in den Duden gefunden. Dort steht als Definition:

Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht.

Die Frage, ob der Begriff tatsächlich eine Entlehnung aus dem Englischen ist oder im Deutschen eine neue Bedeutung erhalten habe, wird kontrovers diskutiert – auf jeden Fall handelt es sich um eine Form von Kritik, wie Susanne Flach festhält:

Kri­tik und Shits­torm mögen gemein­sam auf einem Pro­test­kon­ti­nuum lie­gen; die Aus­prä­gun­gen, Aus­füh­rungs­or­gane und Über­mitt­lungs­ka­näle sind aber unter­schied­lich. Das wird auch daran lie­gen, dass mit stei­gen­den Nut­zer­zah­len der sonst stamm­tisch­li­che (hier: eben nicht aus tra­di­tio­nel­len Medien abge­feu­er­ter) Pro­test in den öffent­li­chen Raum getra­gen wird. Shits­torm fügt dem Kon­ti­nuum also einen Hal­te­be­reich hinzu – und gibt dem bis­her unge­hör­ten, aber neu­er­dings voka­li­sier­ba­ren Unmut einen Namen.

Unterrichtsidee 1:
a) Die Geschichte des Begriffs selbständig recherchieren lassen.
b) Anglizismus und Scheinanglizismus begrifflich präzisieren lassen (als Forschungsaufgabe), mit Beispielen. 
c) Wortfeld »Kritik« konstruieren lassen. 
d) »Anglizismus des Jahres« rekapitulieren – welche Begriffe gewinnen und weshalb? 
e) Welche Begriffe finden Aufnahme in den Duden/Wikipedia? Nach welchen Kriterien? 

Perspektive 1: Shitstorm aus der Sicht des Opfers

Opfer eines Shitstorms ist meist eine Person des öffentlichen Lebens oder ein Unternehmen. Ein Beispiel:

Dirk Nowitzki, der deutsche Basketballsuperstar, hat einen Werbeclip für die ING-DiBa-Bank gedreht.


Dieses Video hat auf der Facebook-Seite der Bank für einen Sturm der Entrüstung gesorgt: Der Fleischkonsum von Nowitzki sowie die idealisierte Darstellung einer Metzgerei wurden harsch kritisiert, Kunden drohten mit der Auflösung ihres Kontos. Ein Shitstorm entwickelte sich, wie man hier nachlesen kann.

Die Frage ist nun, wie man aus der Sicht des Unternehmens oder aus der Sicht von Nowitzki auf dieses Problem reagieren kann. Expertinnen und Experten diskutieren eine Reihe von Strategien, einig scheint man sich darin zu sein, dass Zensur sehr problematisch ist: Löscht man kritische Kommentare, verstärkt sich der Shitstorm. Die Bank hat in diesem Beispiel die Welle der Kritik ausgesessen und – so scheint es – ihr Image dadurch verbessert.

Daniel Graf und Barbara Schwede haben bei Feinheit eine Shitstorm-Skala entwickelt, mit der man beurteilen kann, wann Kritik ein beängstigendes Ausmass annimmt:

Unterrichtsidee 2:
a) Beispiele für Shitstorms suchen und sie der Klasse vorstellen. 
b) Beispiele mit der Skala beurteilen.
c) Reaktionsweisen von Community Managern skizzieren und vergleichen. 

Perspektive 2: Shitstorm aus der Sicht der Kritisierenden

Daniel Graf hat sich auch die Frage gestellt, wie man denn einen Shitstorm starten kann. Aus dieser Sicht ist ein Shitstorm ein günstiges Mittel, um Aufmerksamkeit für ein Anliegen zu erhalten: Z.B. für eine NGO, die darauf aufmerksam machen will, dass Produkte unter Verletzung von Menschenrechten oder mit grossen Schäden für die Umwelt hergestellt werden. Graf hält folgende Tipps fest:

Unterrichtsidee 3:
a) Rechercheauftrag: Wie verbreiten sich Videos oder Bilder schnell in sozialen Netzwerken? 
b) Diskussion: Sind Shitstorms ein legitimes Mittel für Kritik?
c) Praxis: Einen eigenen Shitstorm starten! [Die Warnung sei erwähnt: Lehrperson bewilligt Mittel und Inhalte…]

Update 20. August 2012: Im kleinen Rahmen habe ich eine Unterrichtseinheit dazu begonnen, das Arbeitsblatt kann man hier runterladen.

Medienkompetenz als Polizeiaufgabe

Im Kanton Basel-Stadt (Schweiz) ist es Aufgabe der Polizei, »Kinder und Jugendliche bei einem selbstständigen, kritischen und verantwortungsbewussten Umgang mit den neuen Medien zu unterstützen«. Die Polizei kommt in die Schulklassen und gestaltet drei Lektionen, die in Bezug auf die Schülerinnen und Schüler folgende Ziele abdeckt, wie man der Homepage der Polizei Basel-Stadt entnehmen kann:

  • Aufklärung und Sensibilisierung über Risiken neuer Medien
  • Erwerb von Medienkompetenz, d.h. Kinder sind in der Lage zu erkennen, was Realität und Fiktion ist und bei Gewaltszenen und sexueller Gewalt distanziert zu reagieren
  • Opfer- und Täterprävention (Rechts- und Unrechtsbewusstsein)
  • Förderung positiver Verhaltensentwicklung (kommunikative und soziale Kompetenzen)

Was ist davon zu halten?

Zunächst ein positiver Aspekt: Es ist lobenswert, dass Medienkompetenz einen festen Platz im Unterricht hat und systematisch durchgeführt wird.

Darüber hinaus ist aber daran zu zweifeln, ob die Polizei diese Aufgabe ausführen sollte. Der Aufgabenbereich der Polizei kann nicht Prävention sämtlicher Risiken beinhalten, weil sie sonst auch Buchhaltung, Sport, Kunst und andere Fächer unterrichten sollte. Darüber hinaus erweckt die Präsenz der Polizei in einem Schulhaus den Eindruck, es mit etwas besonders Gefährlichen zu tun zu haben: Und danach sieht die Themenauswahl auch aus.

Das Handy wird benutzt, so die Homepage der Polizei, für »Happy Slapping, Gewalt, Pornographie«. Was man auch immer für die Realität der Jugendlichen halten mach: Tatsächlich werden Handys für Kommunikation gebraucht, für konstruktive Arbeiten.

Dadurch wird ein völlig falscher Akzent gesetzt und eine Begeisterung für Medien innerhalb einer ausgewogenen Diskussion über Chancen und Risiken verhindert.

Medienpädagogik ist – ganz knapp gesagt – Aufgabe von Pädagoginnen und Pädagogen, nicht der Polizei.

(Ich danke Patrik Tschudin für den Hinweis auf dieses Thema.)

Der Real-Life-Fetisch: Vom Wunsch, »offline« zu sein

Es gibt ein Spiel, das viele Menschen toll finden: Wenn eine Gruppe junger oder mittelalterlicher Erwachsener zusammen im Restaurant isst, wird vereinbart, dass zahlen muss, wer zuerst das Smartphone benutzt. Man schafft einen Anreiz, offline zu bleiben, präsent zu sein: Sich in die Augen zu blicken, ein Gespräch zu führen.Das sind Fähigkeiten, die zunehmend verloren gehen, wenn man populären Technologiekritikern wie der omnipräsenten Sherry Turkle Glauben schenkt. Und doch scheint das Spiel albern, irgendwie auch unnötig.

Rene Magritte: L’Appel des cimes. 1942/43.

In einem Artikel in der Zeit präsentiert nun Eike Kühl in Bezug auf einen Essay von Nathan Jurgenson eine alternative Perspektive: Offline-Sein wird zu einem Fetish, einer Besessenheit. Wir inszenieren uns in unserer Fähigkeit, offline sein zu können. Wer das Internet eine Wochenende lang nicht nutzt, eine Reise ohne Smartphone macht oder bewusst eine Offline-Tätigkeit in Angriff nimmt, kann dies nicht tun, ohne bewusst auf diese Leistung hinzuweisen. Man stellt sich selber als etwas Besonderes heraus, indem man darauf hinweist, dass alle anderen süchtig nach dem Internet seien, abgelenkt und nicht mehr fähig zum tiefgründigen Leben ohne digitale Technik.

Dabei wird von einem dualen Modell ausgegangen, das Jurgenson »digital dualism« nennt: Die Vorstellung, es gebe die reale Welt und dann das Internet. Die beiden Sphären, so das Modell, schließen sich aus: Wer in der realen Welt ist, ist offline. Kühl schreibt dazu von einem eigenen Erlebnis:

Vor einigen Wochen korrigierte ich die Masterarbeit eines Freundes. Es ging um Social Media in Unternehmen, viele Studien, noch mehr Zahlen. An einer Stelle stutzte ich: Es war die Rede von Kontakten im „real life“ im Vergleich zu Kontakten auf Facebook. Ich erinnerte mich an eine Aussage des Pirate-Bay-Gründers Peter Sunde während einer Anhörung. Auf die Frage der Anklage, wann er das erste Mal jemanden im „echten Leben“ kennenlernte, antwortete Sunde: „Ich glaube, das Internet ist auch echt.“ Großartig. Ich strich die Textstelle mit der gleichen Begründung aus.

Das Leben offline wir überhöht. Es ist eine Utopie, in der man sich perfekt konzentrieren kann, erfüllende Beziehungen pflegt, Zeit hat und zur Ruhe kommt. Man ist produktiv und zufrieden. Nur: Diese Zustände gibt es nicht. Wir können uns auch im Internet konzentrieren, pflegen dort erfüllende Beziehungen und sind auch da produktiv und zufrieden – im gleichen Masse, wie wir es auch sonst sind. Das Internet ist Teil des Lebens, es ist das real life.

Kühl weist darauf hin, dass viele Erwachsene im Offline-Sein etwas Nostalgisches sehen:

Viele ältere Nutzer verbinden mit dem Offlinesein in seiner zunehmenden Rarität etwas ebenso Romantisches wie Nostalgisches. Ähnlich der Annahme, dass die besten Texte nur in Handschrift im Notizblock entstehen oder die wahre Musik nur aus den Rillen schwarzer Vinylscheiben erklingt, verbinden viele das digitale Abschalten mit einem veralteten Ideal. Offline, das steht in den Köpfen vieler für ausgedehnte Waldspaziergänge, tiefe Gespräche und gesteigerte Produktivität. Offline, das bedeutet immer auch „damals“: Damals, als wir noch nicht ständig auf E-Mails antworten mussten. Damals, als wir uns nicht ständig ablenken ließen.

Sie bilanziert, die Überhöhung des Offline-Seins »nerve«:

Es scheint fast so, als müsse man seinen Freunden gratulieren, dass sie mal wieder aus de Haus gingen oder während des Essens das iPhone in der Tasche ließen. Dass sie am Wochenende an den See fahren oder drei Tage bei Mutti ihre E-Mails nicht abrufen. Als sei dieses scheinbar selbstverständliche Verhalten einen Toast oder – und damit wird es endgültig bizarr – auch nur einen Tweet wert.

Der Einfluss von Social Media auf die Sprache der Jugendlichen

Die Klagen über den Sprachzerfall sind alt. Jugendsprache ist sehr dynamisch und zeichnet sich durch eine Innovationskraft aus, die ihr auch die Möglichkeit gibt, Sprachwandelprozesse zu initiieren – gerade weil es auch darum geht, sich von der Sprache der Erwachsenen und der etablierten Kultur zu distanzieren.

Behält man das im Hinterkopf, so stellt sich die Frage, welchen Gehalt die Sprachkritik hat, die den Einfluss von Social Media beklagt. Prominent wurde diese Kritik letzte  Woche von Marie Clair von der Plain English Initiative vorgebracht. In der Daily Mail sagte sie:

Young people’s language in general is becoming more direct in comparison to their parents and the business community because of the communication channels they’re more familiar with.
Those fast communication channels of Facebook, email and Twitter [that] they’ve grown up with mean they haven’t got as much time to deliberate and choose their words.

Die Kritik geht also von der Feststellung aus, die Kommunikation mit Eltern und Geschäftsleuten werde direkter, weil soziale Medien schnell sind und es nicht erlauben, sich gewählt auszudrücken.

Sie führt weiter aus:

If you’re sending text messages all the time, you’re having conversations that are like shorthand. To any outsider, there aren’t those pleasantries that there were when you wrote a letter to someone.

Der Versand von SMS oder kurzen Botschaften sei mit dem Fehlen von Floskeln verbunden, die Freundlichkeit in Textsorten wie Briefen markieren.

Interessant an dieser Diskussion sind die Interpretationen der Fakten: Zunächst können die Mechanismen von Social Media beschrieben werden – Kommentare werden schnell verfasst, die Dialogizität ist sehr intensiv und wichtig. Zudem sind diese Mitteilungen oft sehr kurz.

Dazu kommt aber nun eine Interpretation: Geschwindigkeit und Kürze führten zu einer stärkeren »Aggressivität« – vor allem bei Frauen. Diese Wertung ist einerseits mit einem Rollenbild verbunden, andererseits mit der Verbindung von direkten und kurzen Botschaften mit aggressivem Verhalten, wie ein Kommentar auf TechCrunch deutlich macht.

Die Interpretation dürfte zudem falsch sein. Der Tages Anzeiger hat auf die Kritik von Clair mit einem Hintergrundartikel reagiert, in dem Martin Luginbühl von der Universität Zürich wie folgt zitiert wird:

Facebook und Co hätten, soweit bekannt, nicht zu einem Sprachzerfall geführt. Man habe in einer breit angelegten Studie Hunderte von Schüleraufsätzen untersucht. Das Resultat: Es gibt keinen Grund zur Sorge. «Neue Medien haben praktisch keinen Einfluss auf den Schreibstil», sagt Luginbühl. Die Jugendlichen haben ein grosses Repertoire an Schreibstilen und können diese entsprechend der Schreibsituation richtig anwenden. Das gelte auch in der sogenannten Face-to-Face-Kommunikation, also im direkten Gespräch.
Einzig sei ein Trend zum Informellen zu beobachten. Allerdings reicht dieser bis in die 70er-Jahre zurück. Damals wurde es Mode, erstmals Wörter wie «cool» zu gebrauchen, was in den 60er-Jahren undenkbar gewesen sei. Dass Teenager vermehrt eine informelle Art der Kommunikation pflegten, sei nicht erst durch soziale Medien aufgekommen. Luginbühl will aber nicht ausschliessen, dass Facebook und Twitter diesen Trend verstärkten.

Fazit: Was Jugendliche auf Social Media tun, reflektiert ihren Sprachgebrauch im Alltag. Social Media bilden eine informelle Jugendkommunikationskultur ab, welche eigene Spielregeln hat und die Möglichkeit nicht ausschließt, in entsprechenden Situationen andere Register zu verwenden.

Vision: Wie sieht das Lernen im Jahre 2020 aus?

Nico Kirch fragt im Aufruf zu einer Blogparade:

Mich interessieren Eure Visionen: Wie sieht das Lernen im Jahr 2020 aus? […]

  1. Wie sehen Klassen-Räume im Jahr 2020 aus?
  2. Welche Medien werden im Unterricht genutzt?
  3. Wie ist der Anteil an Frontal-Unterricht zu Gruppenarbeiten bzw. zu Web-basierten Lernformen?
  4. Wie sieht das Lernen nach dem Unterricht aus?

Darauf hat es schon interessante Rückmeldungen gegeben, z.B. von  Monika König oder von Dörte Giebel.

Zunächst möchte ich festhalten: Ich bin davon überzeugt, dass das Lernen 2020 nicht wesentlich anders aussehen wird, als es das heute tut. Lernprozesse werden immer von den Vorstellungen früherer Generation beeinflusst und verändern sich nicht sehr schnell und selten dramatisch.

Es geht aber um meine Visionen, also um die Frage, was möglich wäre, was wünschenswert wäre, woran man sich orientieren soll.

Meine Vision geht aus von zwei zentralen Punkten:

Erstens: Das Lernen im Jahr 2020 ist ein persönliches Lernen. Gelernt wird, was interessiert, was gebraucht wird, was Lust macht, aktuell ist, unter die Haut geht. Inhaltliche Vorgaben aus Lehrplänen oder Kanon-artigen Vorstellungen sind obsolet, Fragestellungen entstehen aus Problemen und Situationen. Die Didaktik des problemorientierten Lernens oder des dialogischen Lernens wird zu einer sich natürlich anfühlenden Didaktik. Das betrifft direkt auch die oben stehenden Fragen: Die Räume, Medien und Unterrichtsformen müssen sich den Problemen anpassen. Es muss möglich sein, Fragestellungen zu entwickeln und hartnäckig nach Antworten zu suchen. Dafür muss die Infrastruktur vorhanden sein, aber auch die entsprechenden Lehrpersonen, die bereit sind, Wissensmanagement zu begleiten, zu coachen und nicht Wissen abzufüllen. Damit verschmilzt das schulische und das private Lernen, auch der Übergang vom Lern- zum Arbeitsprozess ist fließend, idealerweise würden auch Arbeitgeber verstehen, dass nur lernende Mitarbeitende produktiv und motiviert sind und Freiräume zur Verfügung stellen, in denen Lernprozesse erfolgen können.

Zweitens: Das Lernen im Jahr 2020 ist kollaborativ. Stärker als heute wird deutlich, was Henry Jenkins in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagt:

Natürlich müssen wir auch die Schulbildung stärker darauf auslegen, kollaborative Fähigkeiten zu fördern und gemeinsame Problemlösungsstrategien zu beobachten und zu bewerten. Es wird nicht mehr darum gehen, jedem Schüler die gleichen Dinge und Lösungsansätze beizubringen, sondern darum, dass jeder Verantwortung für einen Teil der Probleme übernimmt. Die Ironie dabei ist derzeit: In den gegenwärtigen Standardprüfungen gilt Kollaboration sogar als Betrug.

Man kann als Beispiel das Storytelling in Hollywood nehmen: Bei jeder Serie und jedem Film ist ein Team damit beschäftigt, eine Geschichte zu erzählen. Narrative Aufgaben werden verteilt und in komplexen Prozessen entstehen Geschichten nach Regeln, aber auch solche, die Regeln verletzen, umstossen. Es gibt ein großes Know-How, wie kreative, aber auch analytische Prozesse in Teams erledigt werden können. Dafür sind natürlich wiederum Lernräume, Medien und Lernformen nötig, die den Rahmen des heute Bekannten sprengen.

Eine Schlussbemerkung: Social Media wurden noch gar nicht erwähnt. Das ist auch nicht nötig: Social Media wird selbstverständlich sein, in dem Sinne, dass kommunikative Prozesse zwischen allen Beteiligten verlaufen müssen, dass man ein Profil von sich erstellen muss und sich mit anderen Menschen verknüpfen kann, ohne ihnen direkt begegnen zu müssen.