Herausforderungen auf Facebook

Das Prinzip ist einfach: Auf Facebook fordern sich vor allem junge Menschen gegenseitig heraus, ins kalte Wasser zu springen – in Brunnen, Bäche, Seen, Badis. Tun das die Herausgeforderten, dürfen sie weitere Nominationen aussprechen, tun sie es nicht, schulden sie den Herausfordernden etwas – Bier, meistens, es kann aber auch etwas anderes sein. Ursprung der Idee ist wahrscheinlich eine Sammlung für ein krebskrankes Kind in England.

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Der Trend ist mittlerweile so vorüber, dass ihn sogar die etablierten Medien und Politikerinnen und Politiker mitmachen, wie man hier sieht. Das ich nach meiner Meinung gefragt worden bin, hier eine kurze Analyse:

  1. Das Phänomen zeigt, wie Social Media funktionieren: Durch Beziehungen, mit visuellen Inhalten und mit positiven, unterhaltsamen Geschichten, die nicht zu lang sind. Anderen zuschauen, wie sie in einen See springen und wen sie damit in Verlegenheit bringen: Solche Inhalte sind für Facebook ideal.
  2. Das Mem, das verwendet wird, also die Idee, die mediale Verbreitung findet, ist uralt: Auch die klassischen Duelle benutzen die Öffentlichkeit und den Ruf der anderen Person, um sie zu etwas zu zwingen, was sie unter Umständen nicht tun wollte. Viele Wetten unter Jugendlichen funktionieren so, dass es darum geht, das eigene Image vor den Augen eines Publikums zu verteidigen.
  3. Damit sind selbstverständlich auch negative Effekte verbunden: Mobbing benutzt dieselbe soziale Konstellation. Viele schauen wenigen zu, die etwas tun müssen, was sie nicht tun wollen. Fordert man jemanden heraus, der nicht einfach locker in einen Fluss springen will oder kann, so kann das sehr unangenehme Konsequenzen haben. Aber auch diese Art des halb-öffentlichen Übergriffs ist ein Social Media inhärentes Phänomen.

Herausforderungen sind nichts Neues, sind werden medial einfach neu verpackt. Durch die Tatsache, dass alle eine Kamera mit sich führen und wir auch in der Distanz Zeugin oder Zeuge des Sprungs ins Wasser werden können, macht alles viel einfacher.

Aber wie jeder Social-Media-Trend hat auch der eine Halbwertszeit, vor allem, weil es sich letztlich um ein Schneeballsystem handelt: Fordern alle Menschen drei andere heraus, sind sehr schnell alle einmal ins Wasser gesprungen.

 

Facebook und Beziehungen – Zusammenfassung einiger Studien

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»Is Facebook part of the separating or part of the congregating; is it a huddling together for warmth or a shuffling away in pain?« – Zitat aus der Cover-Story von The Atlantic, May 2012 (Stephen Marche)

In letzter Zeit habe ich einige Studien zu Facebook und Beziehungen gelesen und möchte einige hier zusammenfassen. Bei Interesse kann ich Privatkopien der Volltexte verschicken, die Links führen meist zu Seiten mit Abstracts der Studien.

Facebook ist ein geeignetes Untersuchungsgebiet, weil die Plattform so verbreitet ist, dass allgemeine Untersuchungen möglich sind. Allerdings verwenden alle Studien ähnliche Testpersonen: Studierende in den ersten Semestern, die entweder Credits oder Geld für die Teilnahme an den Studien erhalten. Die quantitativen Daten werden oft mit einfachen Fragebogen ermittelt, woraus ebenso wie aus der eingeschränkten Untersuchungsbasis eine Reihe von methodischen Problemen resultieren können (beim Ausfüllen ist es beispielsweise durchaus denkbar, dass sich die Befragten systematisch täuschen oder anders erscheinen wollen, als sie sich tatsächlich fühlen; Studierende könnten gewisse Reaktionen aufweisen, die für andere Bevölkerungsgruppen nicht nachweisbar wären). Trotz dieser möglichen Einwände sind die Resultate der Studien wertvoll, weil sie differenzierte Fragen beantworten und Erklärungen mit Daten stützen oder widerlegen können.

  1. Facebook-Abhängigkeit führt zu Eifersucht und Unzufriedenheit in Liebesbeziehungen [Elphiston/Noller, 2011].
    Die Studie operiert mit einem Fragebogen, mit dem »Facebook Intrusion« gemessen wird, d.h. wie stark Facebook den Alltag von Menschen beeinflusst. Ist das stark der Fall, so führt das bei australischen Studierenden zu stärkerer Eifersucht und Überwachungsverhalten in Liebesbeziehungen; beides sind wiederum Faktoren, welche die Zufriedenheit mit der Beziehung negativ beeinflussen.
  2. Vielfältige Einflüsse von Facebook auf Liebesbeziehungen [Bowe, 2010]
    Während gemeinsame Rituale oder öffentliche Liebesbekundungen auf Facebook das Vertrauen in eine Beziehung stärken können, ist das Design respektive die Architektur der Seite dafür geeignet, intime Beziehungen durch Eifersucht oder Besitzansprüche zu bedrohen. Die Präsenz von ehemaligen Partnern auf Facebook ist dabei ein gewichtiger Faktor, zeigen qualitative Interviews mit irischen Studierenden.
  3. Wer Facebook intensiv nutzt, schreibt anderen ein glücklicheres Leben zu. [Chou/Edge, 2012]
    Je länger amerikanische Studierende bei Facebook dabei sind oder je mehr Zeit sie auf der Seite verbringen, desto eher denken sie, dass andere Menschen ein glücklicheres Leben führten und das Leben generell ungerecht sei. Dieser Effekt verringert sich, je mehr Facebook-Kontakte auch außerhalb der Seite zum Bekanntenkreis zählen und je mehr Zeit studierende gemeinsam mit ihren Freunden im direkten Kontakt verbringen.
  4. Wer seinen Status updatet, fühlt sich weniger einsam. [Deters/Mehl, 2013]
    Unabhängig davon, ob amerikanische Studierende Feedback auf ihre Status-Updates erhalten, fühlen sie sich alleine durch das Verfassen einer entsprechenden Meldung mehr mit anderen Menschen verbunden und weniger einsam, wenn sie aufgefordert werden, deutlich häufiger Updates vorzunehmen.
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  5. Passive Freundschaften auf Facebook führen zu Neid [Krasnova, Wenninger et al, 2013]
    Die Studie weist bei deutschen Studierenden nach, dass negative Gefühle bei der Nutzung von Facebook oft mit Neid zusammenhängen. Neid bezieht sich auf der Plattform insbesondere auf Reisemöglichkeiten, die Freizeitgestaltung und die soziale Eingebundenheit, während die Neidtrigger offline stärker auf den Erfolg einer Person bezogen sind. Der auf FB erlebte Neid führt zu einer geringeren Zufriedenheit mit dem eigenen Leben.

Die Facebook-Verweigerung als Inszenierung

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In der NZZ schreibt Alice Kohli einen Nachruf auf ihr Facebook-Alter-Ego. Darin steht unter anderem:

Das Leben auf Facebook war damit genauso kompliziert geworden wie das richtige Leben. Oder noch komplizierter. Würde ich ohne Facebook etwas verpassen? Würde ich tatsächlich wichtige Kontakte verlieren? Kaum.
An einem Sonntagnachmittag im Dezember, nach knapp sechs Jahren, deaktivierte ich meinen Account. «Diese Freunde werden dich vermissen», mahnte Facebook und zeigte mir vier Gesichter, von denen ich ziemlich sicher war, dass sie mich nicht vermissen würden. Ich drückte den Knopf und war draussen. Mein Leben war ein kleines bisschen weniger kompliziert als vorher.

Sie schlägt damit in eine Kerbe, in die schon viele geschlagen haben, z.B. die Autorin Zadie Smith in einem Essay für die New York Review of Books:

Shouldn’t we struggle against Facebook? Everything in it is reduced to the size of its founder. Blue, because it turns out Zuckerberg is red-green color-blind. “Blue is the richest color for me—I can see all of blue.” Poking, because that’s what shy boys do to girls they are scared to talk to. Preoccupied with personal trivia, because Mark Zuckerberg thinks the exchange of personal trivia is what “friendship” is.

Ich bin anderer Meinung und habe dazu einen Kommentar geschrieben. Die dahinter stehenden Gedanken können bei Nathan Jurgenson vertieft werden, der über diesen Social-Media-kritischen Diskurs schreibt, dass es dabei darum gehe, Schwierigkeiten und Unzufriedenheiten im Leben auf einer technischen Ebene als etwas darzustellen, was sich lösen oder heilen lasse: »it is about reframing our anxieties and difficulties as something we can fix«. Das heißt, dass Menschen Beziehungen, Einsamkeit, Vertrauen, Wertschätzung, Selbstvertrauen etc. immer schwer fallen – sie in der Kritik an Technologie der Illusion nachgehen können, es gäbe einfache Rezepte für ein besseres Leben in dieser Hinsicht.

Mein Kommentar zum Artikel kenn gut auf der NZZ-Seite diskutiert werden kann (oder natürlich auch hier):

Mir scheint, diese Beitrag widerspricht sich performativ. Facebook ist die inszenierte Oberfläche – ein Mittel, um als etwas zu erscheinen, was wir gerne wären, nicht sind. Es gibt viele andere: Unsere Kleidung, unsere Autos, unsere Wohnungen. Wie wir reden, was wir arbeiten, was wir unternehmen. Jede Meinung zu Facebook ist genau so eine Inszenierung wie ein Facebook-Profil. Wer sich demonstrativ verweigert unterscheidet sich nicht von denen, die sich demonstrativ mitteilen.
Zu sagen, man könne »Menschen begegnen, ohne sich darum zu kümmern, ob sie auf einer selbstgebauten Skala der digitalen Meta-Ebene vielleicht Sonderlinge wären«, halte ich für eine Illusion. Menschen bauen sich Skalen und sich konstruieren Meta-Ebenen. Ob sie das digital oder analog tun, ist letztlich irrelevant.
Damit will ich nicht sagen, dass das Leben ohne Facebook nicht wunderbar funktionieren würde. Aber Menschen, die darauf verzichten, leben nicht mehr oder echter, als die, die das Tool nutzen. Wir brauchen Kommunikationsmittel, weil wir als Menschen eine symbolische und eine körperliche Seite haben. Zu werten, wie Menschen sich symbolisch inszenieren, halte ich für überheblich und unnötig.

Facebook speichert auch nicht-publizierte Inhalte

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Öffnen wir Facebook, werden wir eingeladen, Inhalte zu teilen. Eine Statusmeldung zu tippen, ein Foto hochzuladen. Oft öffnen wir Facebook, weil wir unserem Netzwerk etwas mitzuteilen haben. Und dann entscheiden wir uns anders, löschen die Nachricht oder teilen das Bild doch nicht.

Wie eine Forschungsarbeit von Sauvik Das und Adam Kramer nahe legt, kann Facebook auch auf diese Inhalte zugreifen, welche User gar nicht publiziert haben. Die beiden Wissenschaftler untersuchen nämlich mit Daten von Facebook, unter welchen Umständen »Self-Censoring«, also Selbstzensur erfolgt. Ihre Ergebnisse:

We studied the last-minute self-censorship habits of 3.9 million English speaking Facebook users, and found that a large majority (71%) self-censored content at least once. Decisions to self-censor appeared to be driven by two principles: […] while posts directed at vague audiences (e.g., status updates) are censored more, so are posts directed at specifically defined targets (e.g., group posts), because it is easier to doubt the relevance of content directed at these focused audiences.

Es gibt einen nachvollziehbaren Grund, weshalb Facebook wissen möchte, wann und wie Nutzerinnen und Nutzer Inhalte nicht publizieren: Diese Inhalte betreffen Bereiche, in denen Facebook kein Vertrauen genießt und die deshalb auch für Werbekunden nicht zugänglich gemacht werden können. Findet Facebook heraus, welche User weshalb Inhalte selbst-zensieren, können Änderungen an der Architektur einen Anreiz schaffen, dass das seltener geschieht.

Die Tatsache, dass Facebook auch nicht-veröffentliche Inhalte speichert und durchsucht, ist beängstigend. In einem Slate-Artikel wird zurecht auf die Parallele zu den elektronischen Überwachungsmöglichkeiten des FBI und der NSA hingewiesen. Problematisch ist insbesondere, dass Facebook erstaunlich genau darüber informiert, wie das Unternehmen an Informationen über Nutzerinnen und Nutzer gelangt – dabei aber die Möglichkeit verschweigt, dass auch nicht-veröffentliche Informationen gespeichert werden:

Deine Informationen umfassen auch diejenigen Daten, die du anderen Personen auf Facebook zugänglich machst, zum Beispiel wenn du eine Statusmeldung postest, ein Foto hochlädst oder die Meldung eines Freundes kommentierst.

Auch wenn ein offizieller Facebook-Sprecher behauptet, Facebook würde unveröffentlichte Statusmeldungen nicht speichern, zeigt das Beispiel zeigt ein weiteres Mal, weshalb wir heute davon ausgehen müssen, dass alles, was wir an einem internetfähigen Gerät tun, erstens Unternehmen und Staaten zugänglich ist, zweitens auf Arten ausgewertet werden wird, die wir uns heute nicht vorstellen können.

Wer Facebook oft nutzt, fühlt sich schlechter

Eine differenzierte Studie von Kross et al. (2013) hat ergeben, dass Menschen durch die Nutzung von Facebook sich generell weniger gut fühlen. Die 82 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie wurden während zwei Wochen fünf Mal täglich per SMS befragt, wie es ihnen gehe. Parallel dazu wurde ihre Aktivität auf Facebook erhoben. Aus der Verbindung der Daten hat sich ergeben, dass das Wohlbefinden nicht zu intensiveren Nutzung von Facebook führe, die Nutzung aber direkt mit schlechterem Wohlbefinden verbunden sei. Dabei wurde Wohlbefinden in zwei Kategorien aufgespalten: einerseits in den aktuellen Gefühlszustand (wie geht es der Person), andererseits mit der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Der Gefühlszustand wurde durch die kurzfristige Nutzung von Facebook innerhalb eines Tages negativ beeinflusst, die Lebenszufriedenheit mittelfristig über die Facebooknutzung während zwei Wochen.

Die Autorinnen und Autoren hielten in der Diskussion ihrer Ergebnisse fest, dass sie auch alternative Erklärungen geprüft hätten:

Erstens führt direkte soziale Interaktion nicht zu einer Verschlechterung des Wohlbefindens, sondern gar zu einer Verbesserung. Daher kann man annehmen, dass Facebook eine einzigartige Interaktion mit einem sozialen Netzwerk ist, aus der eine Reduktion der Zufriedenheit resultiert. Zweitens kann ausgeschlossen werden, dass die Verschlechterung des Wohlbefindens darauf zurückzuführen ist, dass Menschen Facebook immer dann nutzen, wenn es ihnen nicht gut geht. Während weder der aktuelle Gefühlszustand noch die erlebte Besorgnis mit der Facebook-Nutzung korrelierten, führte die gefühlte Einsamkeit zu einem Anstieg der Facebook-Nutzung, der aber wiederum die Gefühlslage stärker verschlechtert als die Einsamkeit alleine. (Kross et al., 2013, S. 4)

Die Studie verweist auf frühere Untersuchungen, die nahe legen, dass weder isolierte Formen von Beschäftigung noch Internetaktivitäten alleine negative emotionale Auswirkungen haben – das soziale Netzwerk hat hier also offenbar eine wirklich herausragende negative Eigenschaft: Je mehr wir Facebook brauchen, desto schlechter geht es uns.

Die Resultate der Studie müssen aber vorsichtig betrachtet werden. Es ist äußerst schwierig, in diesem Bereich von Kausalität zu sprechen, zumal die Facebook-Nutzung erfragt wurde und nicht objektiv registriert wurde. Negative Gefühle beeinflussen unsere Wahrnehmung und trüben damit unsere Einschätzung der Nutzungsdauer, was die ganze Studie verzerrt haben könnte. Es ist – so zeigt dieses Beispiel – äußerst schwierig, Versuchsanlagen zu finden, die zu verlässlichen Aussagen über die emotionalen Auswirkungen von sozialen Netzwerken führen.

(Ich danke Nico Scheidegger für die Hinweise (FB), die zu einer Überarbeitung des Beitrags geführt haben.) 

Mass Distraction

Auch der digitale Mensch ist ein Mensch

Zeynep Tufecki ist eine Forscherin, deren Arbeiten verdeutlichen, welche Funktion Social Media für das Leben der Menschen heute haben. Ihren Aufsatz  »We Were Always Human« habe ich heute mit großem Interesse gelesen und möchte die wichtigsten Argumentationslinien hier nachzeichnen.

Tufecki geht von einer dualistischen Definition des Menschen aus: Er verbindet eine körperliche Präsenz mit einer symbolischen. In der Stimme sind sie verbunden, in der Schrift – so zeigt ein Verweis auf eine berühmte Platon-Stelle – nicht. Die Schrift lässt sich vom Körper trennen und erzeugt so eine körperlose Symbolik:

Jede Rede aber, wenn sie nur einmal geschrieben, treibt sich allerorts umher, gleicherweise bei denen, die sie verstehen, wie auch bei denen, für die sie nicht passt, und sie selber weiß nicht, zu wem sie reden soll, zu wem nicht. (Platon,  Phaidros 275D)

Technologie, so führt Tufecki ihre Argumentation weiter, ändere an der Dualität des Menschen nichts: Weder die Bibliothek von Alexandria noch die Erfindung der Schreibmaschine, des Telegrafen oder des Internets. Aber Menschen würden daran arbeiten, die Sphäre des Symbolischen zu erweitern und zu externalisieren.

Das kann in der frühen Phase des Internets beobachtet werden, in der vornehmlich wohlhabende, aufgeschlossene, junge, weiße Männer digitale Kommunikation verwendet haben, um damit multiple und fragmentarische Persönlichkeiten zu entwerfen, die sich oft rein symbolisch manifestierten und keine körperlichen Konsequenzen hatten.

Heute, in Zeiten von Social Media, nähere sich die digitale Bevölkerung der realen an – und sei damit viel stärker an Körper gebunden, der letztlich alle Rollen, die Menschen online einnehmen könnten, verbinde. Dadurch wird deutlich, dass frühe theoretische Arbeiten zum Internet einen Digitalen Dualismus vertreten haben, der nicht haltbar ist: Der symbolische Bereich des Menschen kann nicht als »Cyberspace« oder »virtuelle Welt« von der körperlichen, realen Welt gelöst werden, weil sonst auch alle Bücher, Höhlenmalereien oder Telefongespräche eine »virtuelle Welt« bilden würden.

Samuel Schimek: Facebook This. Social Media Photobooth.
Samuel Schimek: Facebook This. Social Media Photobooth.

Tufecki hat die Nutzung von Facebook früh intensiv untersucht. Wie Daniel Miller spricht sie davon, es gäbe nicht ein Facebook, sondern für jede Kultur eines. Sie macht nun in ihrem Aufsatz mehrere aufschlussreiche Feststellungen:

  1. Unabhängig von ihren Einstellungen passen sich Menschen – z.B. in Bezug auf Privatsphäre – an die in ihrer Community herrschenden Normen in einem sozialen Netzwerk an.
  2. Deshalb agieren viele dort mit ihrem realen Namen, obwohl sie Bedenken in Bezug auf ihre Privatsphäre haben.
  3. Auf Facebook sind viele Nutzerinnen und Nutzer »Grassroot Surveillance« ausgesetzt, also einer niederschwelligen Überwachung durch ihre Mitmenschen, die es ihnen erschwert, verschiedene Rollen anzunehmen, ohne – im Fall von Jugendlichen – von ihren Eltern, ihren Lehrpersonen oder ihren Freunden dabei indirekt beobachtet zu werden.
  4. Dadurch werden sich neue Normen und Umgangsformen ergeben, die aber noch nicht genügend entwickelt sind, so dass gerade Facebook zur Zeit von Tufeckis Untersuchung zu vielen Konflikten unter Jugendlichen geführt hat.

Tufeckis Untersuchungen konnten aufzeigen, dass es ein Spektrum in Bezug auf die Aufgeschlossenheit gegenüber digitaler Kommunikation gibt. Sie verwendet die Begriffe »cyberasozial« und »cyberhypersozial« für Menschen, die nicht willens oder fähig sind, digitale Beziehungen zu pflegen respektive in hohem Masse willens und fähig dazu sind.

Dieser Charakterzug ist unabhängig von technischer Kompetenz einerseits, von der Intensität und Quantität von offline Beziehungen andererseits: Das Vorurteil, nur sozial nicht eingebundene Menschen würden digitale Beziehungen pflegen, lässt sich durch Tufeckis Untersuchungen widerlegen.

Ihr Fazit:

The size of our capacity and ability for affection and bonding remains grounded in our humanness. And that perhaps is the most impor- tant conclusion. “Faster, higher, and stronger” through technology may be tempting, but we are, as we have always been, human and our limits transcend technology. We are, as we always were, human, all too human.

 

Schulgerüchte auf Social Media

Wie jede Organisation gibt es an Schulen dunkle Kommunikation: Bösartiges, Unsicheres, Nebensächliches beschäftigt Lernende wie Lehrende in den Pausen und auf dem Schulweg. Das Schulgeschehen wird zum Gegenstand der Unterhaltung und so emotional verarbeitet.

An der Kantonsschule in Zug ist daraus ein innovatives Projekt entstanden: Die KSZ Confessions (Facebook-Link). Auf der Seite werden »Geständnisse« von Schülerinnen, Schülern und Lehrpersonen (?) anonym publiziert.

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Die dunkle Kommunikation rückt ins Licht, aber ohne Schaden zu verursachen. Die Geständnisse wirken aus der Distanz entweder harmlos oder so gehaltvoll, dass sie echte Reflexionen auslösen können, wie folgende Beispiele zeigen:

Ich war unglaublich süchtig nach dem Schlumpf-Spiel. Darin hatte ich einmal Melonen gepflanzt und diese mussten 36h wachsen. Als sie reif waren, war ich im GS-Unterricht. Ich begab mich auf das Klo und erntete die Melonen.

Wenn ich die Kantonsschule Zug mit einem Wort beschreiben müsste, wäre dies «ineffizient«!

Praktisch alle Frauen unserer Klasse wurden, ohne einen triftigen Grund zu haben, aufgefordert, bei der Schulpsychologin vorbeizugehen.

Die Distanz durch die Zeit und die Anonymität des sozialen Netzwerks erlauben über wichtige Erfahrungen so zu sprechen, dass sie verarbeitet, aber auch von anderen genutzt werden können.

Das Projekt scheint mir sehr innovativ zu sein. Es nutzt die technischen Möglichkeiten, schafft Identifikation und löst Prozesse aus, die einer Verbesserung des Klimas und des Unterrichts dienlich sein können. Und es ist enorm mutig, diesen Aussagen einen halb-offiziellen Platz einzuräumen (die Schulleitung fordert, dass heikle Inhalte gelöscht werden – danke Paul Zübli für den Hinweis in den Kommentaren!).