TikTok ist wie Sex – über den Umgang mit digitalen Plattformen im Unterricht

Wird Sex in der Schule thematisiert, sind einige Grundregeln klar:

  1. Schüler*innen müssen keinen Sex haben, um über Sex reden zu können.
  2. Schüler*innen sollten einige Dinge über Sex wissen und sich eine Meinung zu diesen Dingen bilden, bevor sie selber Sex haben.
  3. Ob und wie Lehrkräfte selber Sex haben, spielt für den Unterricht keine Rolle.
  4. Komplette Enthaltsamkeit ist als pädagogische Position problematisch, weil damit erstens keine gesunden Verhaltensweisen vermittelt werden können und zweitens der nötigen Vorbereitung aus dem Weg gegangen wird.
  5. Es gibt problematische, gefährliche und unsichere Formen von Sexualität – aber auch unproblematische, gesunde und sichere. Welche Formen zu welcher Gruppe gehören, hängt von Individuen und Handlungskontexten ab.
    Das Ziel besteht darin, dass Schülerinnen und Schüler sich abhängig von ihren Bedürfnissen und den entsprechenden Situationen schützen können.

In diesem Beitrag geht es nicht um Sex, sondern um TikTok. TikTok macht Schlagzeilen, weil die App Daten sammelt (wofür, ist unklar). Und weil der Algorithmus bestimmte Inhalte unterdrückt.

Nun können wir aber einerseits davon ausgehen, dass Schüler*innen TikTok nutzen können, ohne dass die Schule darauf direkt einen Einfluss hat. Andererseits entstehen auf TikTok wichtige Kommunikations- und Erzählformen, die für das Verständnis der Umwelt relevant sind. Schüler*innen bewegen sich in Kulturen, die sich auf TikTok zeigen und die auf TikTok (mit-)geprägt werden.

Deshalb gehört TikTok in die Schule, auch wenn die App dort nicht genutzt werden kann. Es spielt auch keine Rolle, ob die Lehrperson TikTok mag oder gut findet.

TikTok-Videos können leicht ohne App zugänglich gemacht werden:

  1. In einem sicheren Browser kann tiktok.com aufgerufen werden.
  2. Die Videos sind mit einer Webadresse erreichbar, z.B. https://www.tiktok.com/@soontobecarefree/video/6830611741643246854
  3. Mit Download-Tools wie https://www.expertsphp.com/tiktok-video-downloader.html können sie runtergeladen und in Lernmanagement-Systemen oder Präsentationen verfügbar gemacht werden.

Klar: TikTok lebt als Plattform vom Empfehlungsalgorithmus, von der Möglichkeit, Beiträge zu verlinken und zu kommentieren. Aber mit den Videos selber ist eine gehaltvolle Auseinandersetzung mit TikTok im Unterricht möglich.

Bildschirmfoto 2020-07-14 um 16.31.56.png
Charles Deluvio: Sex Education, Unsplash

Sprachliche Normen in einer Kultur der Digitalität – eine Auslegeordnung

Letzte Woche habe in einem Blogpost diskutiert, wie es dazu kommen konnte, dass Redaktionen Korrektorate abbauen. Ich habe den Vorgang als Beispiel für einen Bedeutungsverlust der Rechtschreibung analysiert, den ich mit der Kultur der Digitalität zu erklären versucht habe. In der Folge haben sich weitere Gedankengänge an diesen Zusammenhang angeschlossen, die ich etwas ausführlicher formulieren möchte.

Mir ist bewusst, dass vielen Menschen an Rechtschreibung gelegen ist: Sie verstehen sie als einen Ausdruck von Sorgfalt und Anstrengung; Fehler deuten darauf hin, dass einem Autor oder einer Autorin ein Text nicht wichtig ist, dass sich jemand nur wenig Zeit fürs Schreiben nehmen wollte. Rechtschreibung zu lernen war für viele Menschen aufwendig und mit Kränkungen verbunden. Ihnen liegt deshalb daran, dass der Wert dieses Lernschritts erhalten bleibt. Zudem haben Korrekturlesen und das Feilen an sprachlichen Ausdrücken einen unbestreitbaren Wert für die Klarheit von Texten und damit für ihr Verständnis.

Doc - 12.07.2020 - 14-47.jpg
Korrekturen meines Deutschlehrers Peter Märki in einem meiner Aufsätze am Gymnasium, 1993

Mir geht es im Folgenden nicht darum, eine Gegenposition einzunehmen und argumentativ die Funktion orthografischer Normen zu bestreiten. Vielmehr möchte ich zeigen, dass kodifizierte Normen für sprachliche Korrektheit von einem Aushandlungsprozess und algorithmischen Verfahren überlagert werden.

Inhaltsverzeichnis

Die »Erfindung« der Rechtschreibung im 19. Jahrhundert

Rechtschreibung und die Merkmale der Kultur der Digitalität

Deskriptive Sprach- und Medienwissenschaft

Korpora und Datenbanken ersetzen Wörterbücher

Emojis & Dialekt

Interaktionsorientierte Schreibarbeit in »real time«

»damn you, autocorrect« – Sprachassistenzsysteme

Für Maschinen schreiben

Fazit

Die »Erfindung« der Rechtschreibung im 19. Jahrhundert

Ein zentraler Text für die Geschichte der deutschen Rechtschreibung ist »Zur Orientirung über die orthographische Frage« von Konrad Duden. Der Titel alleine zeigt, dass Rechtschreibung sich wandelt. Im Gegensatz zu anderen sprachlichen Normen handelt es sich um eine bewusst geschaffene Norm, die sich auch bewusst verändern lässt (vgl. Lasselsberger 2000, S. 8ff.). 1871 ging Duden davon aus, dass »Orientirung« die richtige Schreibweise sei. In der ersten Auflage seines Wörterbuches mit dem Titel »Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache« von 1880 ist nur das Verb »orientieren« verzeichnet:

Bildschirmfoto 2020-07-12 um 15.24.14.png
Erste Auflage des »Duden«, 1880, S. 117

Duden hat Rechtschreibung nicht erfunden. Seit Jahrhunderten haben Menschen darüber debattiert, wie man Wörter schreibt. Duden hat einen Kodex geschaffen, der benutzt wurde, um sprachliche Normen zu vereinheitlichen. Sprachliche Normen sind auf verschiedenen Ebenen angesiedelt: Sie ergeben sich zunächst durch den Gebrauch von Sprache. Jede Familie entwickelt etwa eigene Sprachnormen. Mitglieder der Familie können gegen diese Normen verstoßen – das fällt dann auf und kann sozial sanktioniert werden. Familien haben aber kein Nachschlagewerk, in dem ihre Normen verzeichnet wären. Und sie können auch nicht bei einer zuständigen Person nachfragen, wenn es zu Unklarheiten oder Zweifelsfällen kommt. Es gibt sprachliche Normen also in verschiedenen Formen: Als soziale Normen, als kodifizierte (aufgeschriebene) Normen – und als Normen, die von einer Instanz durchgesetzt werden. Rechtschreibung war immer eine soziale Norm, wurde im 19. Jahrhundert zusätzlich zu einer kodifizierten und von Behörden durchgesetzten (z.B. an Schulen, in offiziellem Schriftverkehr etc.).

Normen gibt es in einer inneren und einer äußeren Form: Eine innere Norm befolge ich, wenn ich ohne groß nachzudenken schreibe, so wie ich es für richtig halte und wie Hand und Hirn quasi automatisch schreiben. Die äußere Norm ist im Duden kodifiziert und teilweise auch expliziert: Das ist dann der Fall, wenn Gründe angegeben werden, weshalb man Wörter so schreibt, wie man sie schreibt.

Konrad Dudens »Erfindung« bestand nun darin, seinen Kodex für sprachliche Normen relevanter zu machen. Dieter Nerius hat das 1989 wie folgt beschrieben (zitiert nach Lasselsberger, S. 12):

»[Die Kodifikation der Rechtschreibung in Wörterbüchern und Regelwerken wird immer dominierender für den Sprachgebrauch,] so dass alles Schreiben heute eigentlich nur Rechtschreiben bedeutet bzw. nur dann ernst genommen wird, wenn es orthographisch korrekt ist […].« 

Für die Zeit vom ersten Duden bis zur Rechtschreibreform in den 1990er-Jahren stimmt diese Bemerkung sicher. Seither hat sich aber die Kultur der Digitalität entwickelt, die eine Verschiebung vorgenommen hat. Aspekte dieser Verschiebung sind der Fokus der folgenden Abschnitte.

Rechtschreibung und die Merkmale der Kultur der Digitalität

Bildschirmfoto 2020-07-12 um 15.43.12.pngDie drei Merkmale aus Stalders »Kultur der Digitalität«dürften bekannt sein – deshalb zeige ich gleich an einem Beispiel, was sie für die Rechtschreibung bedeuten.

Ich bin konstant unsicher, ob das erste Merkmal »Referentialität« oder »Referenzialität« heißt. Der einfachste Weg, um das nachzuschlagen, ist das Wort in die Suchzeile meines Browsers einzugeben.

Bildschirmfoto 2020-07-12 um 15.42.40

Der erste Suchvorschlag zeigt, dass »Referentialität« richtig ist. Woher weiß Google das? Hier wird kein Wörterbuch konsultiert, sondern die Sprachverwendung von Menschen im Netz untersucht. In den relevanten Texten steht »Referentialität« – deshalb stimmt diese Schreibweise (es ist auch die von Stalder, wie mir Nachschlagen gezeigt hat). Ich könnte natürlich auch den Duden konsultieren: Bildschirmfoto 2020-07-12 um 15.47.57.png

Wenn Google auf eine große Menge anderer Texte verweist, um Rechtschreibfragen zu beantworten, für die es möglicherweise keine kodifizierte Lösungen gibt, dann spielt hier auch Gemeinschaftlichkeit eine Rolle: Wer an Texten mitschreibt, bestimmt, welche Schreibweisen gefunden und vorgeschlagen werden. Rechtschreibung ergibt sich über die Sprachverwendung, auf die sich (einflussreiche) Menschen einigen können. Das war vor Duden der Standard und ist nach gut 100 Jahren kodifizierter Rechtschreibung wieder der Trend.

Zuletzt die Algorithmizität. Während ich das schreibe, liest LanguageTool, ein Chrome-Plugin, mit. Wörter, die das Programm nicht kennt, werden rot unterstrichen – stilistisch Auffälliges wird blau ausgezeichnet. Die Wahl zwischen »Referenzialität« und »Referentialität« fällt mir auch deshalb schwer, weil beide Wörter als falsch markiert werden. Algorithmen prüfen also Orthografie und machen Vorschläge zur Korrektur.

Bildschirmfoto 2020-07-12 um 15.15.04
Korrekturvorschlag von LanguageTool

Deskriptive Sprach- und Medienwissenschaft

In seinem Podcast geht Michael Lewis der Frage nach, wie gute Entscheidungen getroffen werden und weshalb viele Menschen zunehmend voreingenommen wirken. In einer im April ausgestrahlten Folge spricht er mit Bryan Garner. Der Linguist hat mit »Garner’s Modern American Usage« ein Wörterbuch verfasst, das auch auf Sprachveränderungen eingeht und sie auf einer Skala beurteilt.

Bildschirmfoto 2020-07-12 um 16.10.17.png
Garners Skala für Sprachveränderung, »Language Change Index«, S. XXXV

Im Podcast spricht Garner über die Haltung der deskriptiven Linguistik, die er wie folgt darstellt und beurteilt:

»A native speaker of English cannot make a mistake and, ipso facto, if a native speaker says it, it is correct. That is a very extreme position to take, and I think an indefensible one and one that I have pretty much set my face against.«

Hinter dieser Haltung steckt die philosophische Frage, was ein (sprachlicher) Fehler überhaupt ist. Wenn wir nun die Funktionsweise von Google anschauen, dann sind verbreitete Fehler die Grundlage für die Schreibarbeit, die Zusammenarbeit und die Nutzung von Algorithmen (z.B. Stage 3 von Garner, »commonplace […] but still avoided in careful usage«).

Bildschirmfoto 2020-07-12 um 16.18.40.png

In der Schweiz schreiben viele Menschen »vorallem« als ein Wort. Das lässt sich auf zwei Arten beurteilen:

  1. Da breitet sich ein Fehler aus, weil »vor« und »allem« zwei Wörter sind, wie man im Duden leicht nachschlagen kann.
  2. Da verändert sich eine sprachliche Norm, bald wird im Duden auch »vorallem« als Variante stehen müssen, weil Menschen das offenbar als ein Wort wahrnehmen.

Wer 1. die naheliegende Position findet, sollte sich fragen, wie Fehler beurteilt werden. Weshalb machen Schülerinnen und Schüler diesen Fehler, auch wenn er ihnen in Texten ständig als falsch angestrichen wird und sie darauf aufmerksam gemacht werden, dass »vor« und »allem« zwei Wörter sind?

Die Antworten auf diese Fragen sprechen aus meiner Sicht für eine deskriptive Haltung:

  • Menschen schreiben »vorallem«, weil sie das als ein Wort abgespeichert haben und es mündlich als ein Wort benutzen.
  • Sie schreiben das Wort in umgangssprachlichen oder dialektalen Chats so, wenn diese Schreibung akzeptiert wird.

Die Regel, dass es sich hier um zwei Wörter handelt, passt weder zur mentalen Repräsentation noch zur sozialen Akzeptanz.

Eine deskriptive Haltung hat sich in der Linguistik und in der Medienwissenschaft durchgesetzt: Wer Phänomene verstehen und erklären will, kann sie nicht zuerst bewerten – sondern muss sie nüchtern betrachten. Wer hingegen durch die Brille der Norm auf das Verhalten von Menschen blickt, versteht es nicht. Mehr noch: Wer Normen voraussetzt, versteht auch nicht, wie das Verhalten von Menschen in einer Kultur der Digitalität wirkt.

Felix Stalder schreibt in seinem Buch (S. 200ff.):

»Mittlerweile lassen sich immer mehr Handlungen, Zustände und Zusammenhänge empirisch messen. [Damit verbunden ist] der Anspruch derjenigen, die über die neuen und umfassenden Beobachtungskapazitäten verfügen […], einzelne Personen besser zu kennen als diese sich selbst und so Fragen beantworten zu können, bevor sie diese stellen. […] 
Bei der »Wendung nach innen« geht es also um den Raum der »gemeinschaftlichen Formation«, konstituiert durch die Summe aller Handlungen der interagierenden Akteure. Allerdings wird eine gemeinschaftliche Formation nicht bewusst in einem horizontalen Prozess geschaffen und erhalten, sondern synthetisch als eine rechnerische Funktion konstruiert, zu der Einzelne, je nach Kontext und Notwendigkeit, zugeordnet oder aus der sie entfernt werden können. […] Aus dem gigantischen Heuhaufen durchsuchbarer Informationen werden Ergebnisse generiert, die dabei gleich zu der gesuchten Nadel erklärt werden. Wie diese Resultate zustande gekommen sind, welche Positionen in der Welt damit gestärkt beziehungsweise geschwächt werden, ist im besten Fall nur ansatzweise nachvollziehbar. Aber solange die Nadel einigermaßen funktionstüchtig ist, sind die meisten Nutzer zufrieden, und der Algorithmus registriert diese Zufriedenheit, um sich selbst zu validieren. […] Die User können die Suchergebnisse einzig pragmatisch daraufhin beurteilen, ob sie helfen, ein konkretes Problem zu lösen. Dabei steht nicht die beste Lösung oder die richtige Antwort im Vordergrund, sondern eine, die verfügbar und gut genug ist. Das verleiht den Institutionen und Verfahren, die die Lösungen und Antworten liefern, einen enormen Einfluss.«

Was heißt das für die Sprachverwendung? Digitale Plattformen errechnen Normen aus der Sprachverwendung unzähliger Menschen (und Maschinen). Autoritäten wie Garner (oder Duden oder Nerius) verlieren ihren Einfluss, intransparente Berechnungsverfahren gewinnen an Einfluss. Deskritptive Sprachbetrachtung ist das Verfahren der Algorithmen, die menschliche Sprache nach Mustern durchsuchen und diese Muster wieder ausgeben. Menschen suchen nicht nach richtigen sprachlichen Wendungen, sondern nach solchen, die im Kontext »gut genug« sind.

Kurz: In einer Kultur der Digitalität ist sprachlich das richtig, was nach den Berechnungsverfahren von Algorithmen zur Sprachverwendung anderer Menschen passt. Vor der Kultur der Digitalisierung war sprachlich das richtig, was gebildete und mächte Menschen als richtig bezeichnet haben.

Korpora und Datenbanken ersetzen Wörterbücher

Diese Erkenntnis lässt sich an der digitalen Weiterentwicklung von Wörterbüchern gut zeigen: Konrad Duden hat 1880 seine Vorstellung von Sprachrichtigkeit in einem Buch dargelegt. So wurde sie Ausgangspunkt zu einer Norm, die von der Duden-Redaktion gepflegt und entwickelt wurde: Jahr für Jahr entscheiden Menschen, welche Wörter in den Duden aufgenommen werden und welche nicht. Und wie die aufgenommenen Wörter geschrieben werden. »Referentialität« hat noch keine Aufnahme gefunden.

Was wäre die Alternative der deskriptiven Linguistik? Betrachten wir dazu das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS). Hier wird erstens deutlich, dass beide Schreibweisen möglich sind. Das Wörterbuch verweist auf einer Reihe von Korpora, die direkt durchsuchbar sind. Dabei handelt es sich um Textsammlungen, in denen sich Belegstellen für bestimmte Wendungen, Wörter oder Schreibweisen finden lassen. Hier sieht man die Ergebnisse aus dem Zeit-Korpus von 1946-2018 (dort finden sich lediglich drei Belege für das Wort, in unterschiedlichen Schreibweisen.)

Google funktioniert ähnlich wie die DWDS Korpus-Abfrage – wenn auch überhaupt nicht transparent. Die Redaktion eines Wörterbuchs kann also grundsätzlich durch eine riesige Datenbank ersetzt werden. Ob eine Schreibweise richtig ist, müssen nicht Menschen entscheiden, sondern die Häufigkeit einer Verwendung und allenfalls der Kontext der Verwendung (»Schreiben gebildete Menschen so?«) können mir anzeigen, welche Norm ich verwenden möchte. Verstoße ich mit einer neuen Schreibweise gegen Normen, so schaffe ich damit gleichzeitig einen Eintrag für diese Datenbanken, der zu einer neuen Norm führen könnte.

Emojis & Dialekt

Lange Zeit habe ich mich geweigert, in Chats Emojis einzusetzen oder Zürichdeutsch zu schreiben – obwohl beides in meinem Kommmunikationsumfeld längst zu einer Norm geworden war. Es war aber nicht meine Norm, ich war daran nicht gewohnt und auch nicht bereit, mein Verhalten zu ändern.

Das änderte sich, als mir Jugendilche mitteilten, meine Nachrichten wirkten unterkühlt, als würden mich andere Menschen nicht interessieren, nur die Sache. Die entstandenen Normen wirkten sich ohne mein Zutun und Einverständnis auf mich aus.

Dialektverwendung in Chats wird von Schülerinnen und Schülern oft mit Bezug auf Normen erklärt. Die Erklärung »Auf Schweizerdeutsch gibt es keine Rechtschreibung« ist zwar falsch, drückt aber das Bedürfnis auch, sich von kodifizierten Normen zu entfernen (richtig wäre, dass die schweizerdeutschen Wörterbücher kaum bekannt und präsent sind, so dass die darin festgeschriebenen Normen im Alltag keine Relevanz haben).

Bei der Schreibung von Dialekt werden viele Normen ausgehandelt, die Schreibenden oft nicht bewusst sind. »Ich chume hüt nöd id Badi.« (»Ich komme heute nicht mit ins Schwimmbad.«) kann – je nach Dialekt – auch als »Ich chom höt ned id Badi.« oder »Ig kum hüd nöt i Badi.« geschrieben werden. Innerhalb von Gruppen, die intensiv kommunizieren, gleichen sich solche Schreibweisen jedoch an.

Dasselbe gilt für die Verwendung von Emojis. Die gelben sind heimtückisch, weil die damit verbundenen Emotionen unterschiedlich interpretiert werden. Wann ist ein Gesicht müde, wann verärgert, erschöpft, überfordert? Wenn ist die Emotion ernst gemeint, wann ist sie ein ironischer Meta-Kommentar?

IMG_4846
Die Verwendung sprachlicher Normen, die nicht kodifiziert sind (oder bei denen die Kodices im Netz nicht zugänglich sind), führt dazu, dass in digitalen Formen Normen als verhandelbar erlebt werden. Entscheidend ist nicht, ob meine Sprachverwendung in dem Sinne richtig ist, dass sie einer Vorgabe entspricht – entscheidend ist, ob sie akzeptiert wird, ob sie passt.

Interaktionsorientierte Schreibarbeit in »real time«

Interaktionsorientietes Schreiben bezeichnet nach Angelika Storrer »einen Kommunikationsverlauf in einer digitalen Interaktionsumgebung, bei der die Möglichkeit besteht, Verstehensprobleme interaktiv zu bearbeiten«. Wenn nun, wie eingangs erwähnt, Verständnis eines der zentralen Argumente für Rechtschreibung ist, dann lösen Schreibformen in interaktiven, digitalen Settings ein Problem anders: Schreibende müssen nicht Verstehensprobleme präventiv ausräumen, sondern können sie in der Interaktion passgenau bearbeiten, wenn sie auftreten. Sie müssen Rechtschreibung dort normieren, wo es für das Verständnis wirklich wichtig ist – in allen anderen Bereichen entfällt diese Notwendigkeit.

Interaktionen verlaufen oft sehr schnell. Gab es bei Briefen oder E-Mail noch bestimmte Fristen, innert derer Antworten erwartet werden konnten, so wird in Chats oft direkt reagiert. Das bedeutet, dass zwischen dem Schreibprozess und der Publikation des Geschriebenen keine Zeit für Korrekturen bleibt. Was auch nicht nötig ist, weil die Interaktion bzw. das Schicken mehrer Botschaften hintereinander Raum für Korrekturen lässt. Aus diesem Grund hat es sich eingebürgert, in Chats Korrekturen mit * zu markieren: Falls das Gegenüber die Nachricht nicht verstehen sollte (oder aus Höflichkeit), werden Korrekturen zugänglich gemacht – die zuerst verfasste Nachricht aber nicht korrigiert, weil sie nicht mehr korrigiert werden kann.

Weil digitale Publikation in vielen Bereichen queasi schon der Standard ist (Texte sind eigentlich immer schon publiziert), veröffentlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Preprints von Arbeiten, die später ohnehin nur digital erscheinen werden. Arbeit am Text (Peer-Review, Fakten-Checks, Redaktion, Korrektur, Layout) erscheinen als Verlangsamung. Das ist auch auf Redaktionen so: Wer News schnell veröffentlichen will, ärgert sich übers Korrektorat, weil das verlangsamt. Deshalb werden Ticker-Meldungen schon länger nicht mehr korrigiert. Die Rechtschreibprüfung muss automatisch erfolgen – oder wird als Störung empfunden, nicht als Qualitätsverbesserung.

»damn you, autocorrect« – Sprachassistenzsysteme

Um das Jahr 2010 hat die Seite damnyouautocorrect.com (mittlerweile existiert sie nicht mehr bzw. wurde durch eine andere Seite ersetzt) Screenshots von lustigen Chat-Gesprächen veröffentlicht, in denen die Autokorrektur-Funktion von iPhones Missverständnisse produziert oder es Menschen erschwert hat, das zu schreiben, was sie meinen.

Die Autokorrektur-Funktion ist nur eines von mehreren Sprachassistenzsystemen: Menschen können Geräten diktieren, was sie schreiben wollen – oder sie können aus vorgeschlagenen Wörtern oder Emojis die passenden auswählen. Was in einem digitalen Kontext geschrieben wird, wird immer auch von Maschinen mitgeschrieben und umgeschrieben, teilweise auch von Maschinen falsch geschrieben.

Für Maschinen schreiben

Die Journalistin Odilia Hiller hat sich kürzlich darüber mokiert, dass Menschen zu viele Wörter mit Bindestrichen koppeln, anstatt sie zusammenzuschreiben. Über die Gründe schreibt sie Folgendes:

»Fragt man Urheber unsinniger Kopplungen, warum sie unsinnig koppeln, heisst es oft „Die Autokorrektur hat das Wort nicht erkannt.“ Bei Fortgeschrittenen wird vom „ungewohnten Schriftbild“ genuschelt. Schliesslich funkt noch die „leichte Sprache“ hinein – entwickelt für Menschen mit schweren Lernschwierigkeiten, deren Fähigkeiten zum Entziffern längerer Wörter nicht ausreichen. Offensichtlich gehen viele Autorinnen und Texter davon aus, ihre Leserinnen und Leser bewegten sich intellektuell in einem ähnlichen Rahmen.«

Was Hiller hier beschreibt, ist ein erster Reflex davon, dass Menschen nicht nur für andere Menschen schreiben, sondern auch für Maschinen. Texte sollten gut maschinenlesbar sein, damit sie von Suchmaschinen und anderen Werkzeugen verarbeitet werden können; sie sollten aber auch für Menschen gut lesbar sein und Normen genügen. Hier kann es also zu Konflikten kommen.

Bleiben wir kurz beim Schreiben für Maschinen, dann könnten die Normen des Programmierens herangezogen werden – als ein Argument, das aus der Perspektive einer Digitalität gegen eine Preisgabe fixierter sprachlicher Normen spricht: Programme müssen aus präzisen Befehlen bestehen, weil sie sonst nicht funktionieren.

Allerdings werden Programme schon lange in sogenannten integrierten Entwicklungsumgebungen oder IDEs geschrieben. Darin kommen praktische alle hier erwähnten technischen Unterstützungsformen vor: Programmiercode wird farbig ausgezeichnet, Vorschläge für Befehle werden eingeblendet, Fehler können korrigiert werden.

Ähnlich funktioniert das mit dem Zugang zum Internet, wo teilweise Präzision wichtig war: URLs werden über QR-Codes oder Autovervollständigung zugänglich gemacht, das Eingabefeld für URLs ist gleichzeitig ein Suchfenster, mit dem eine Suchmaschine angesprochen wird. Passwörter werden von Browsern und anderen Tools automatisch gesichert und müssen oft nicht mehr genau eingegeben werden. Wenn Menschen mit Unterstützung von maschinellen Verfahren für Menschen und Maschinen schreiben, dann entfernen sie sich dabei auch von Normen, die Menschen festgelegt haben. Sprache wird geprägt von den Anforderungen maschineller Verfahren: Menschen werden beispielsweise zunehmend so sprechen, dass ihre Sprachbefehle funktionieren.

Fazit

Der Niedergang der Rechtschreibung wird seit Jahrzehnten beklagt. Studien, wie etwa die von Steinig und Betzel von 2013, scheinen zu belegen, dass Menschen orthografische Normen immer schlechter beherrschen.

Solche Studien kämpfen aber auch mit methodischen Problemen, die aufschlussreich sind: Steinig und Betzel haben Schülerinnen und Schülern der vierten Klasse 1972, 2002 und 2012 ähnliche Aufgaben gestellt. Dabei haben sie jedoch festgestellt, dass die Aufgabe anders interpretiert wurde: Waren 1972 Wissenschaftler, die in die Schule kamen, selbstverständlich an formal normnaher Sprachverwendung interessiert, so erschien ihr Besuch 2012 eher als Auflockerung des Alltags, als eine Einladung, freier zu schreiben. Entsprechend lässt sich nur vergleichen, wie gut Menschen kodifizierte Rechtschreibnormen beherrschen, wenn sie Situationen und Aufgaben gleich bewerten – und wenn die Normen denselben Status haben. (Rechtschreibung ist ein schönes Beispiel für eine Diagnose einer Verfallserscheinung, die gar nicht belegt werden kann, sondern immer nur auf subjektiven Eindrücken beruht, die sich in der Wahrnehmung selbst bestätigen.)

Christa Dürscheid hat den Forschungsstand vor knapp 10 Jahren wie folgt zusammengefasst:

»Es gibt keine Evidenz dafür, dass das private, dialogische Schreiben in den neuen Medien einen Niederschlag in den Schultexten findet. Zwar kann es vereinzelt vorkommen, dass ein Smiley gesetzt wird, doch die meisten Merkmale, die typisch für das Schreiben in den neuen Medien sind und weiter oben erwähnt wurden, finden sich in den Schultexten nicht. Die Schülerinnen und Schüler wissen die beiden Schreibwelten, die private und die schulische, zu trennen.«

Die Frage ist, welchen Status »Schultexte« und »Schreiben in den neuen Medien« haben. Dürscheid unterscheidet zwischen einer offiziellen Schreibweise (bei der Normen beachtet werden müssen) und einer privaten, bei der Normen sozial und medial neu verhandelt werden können. Hier hat sich, so meine These, in den letzten zehn Jahren etwas bewegt: Die Kultur der Digitalität hat dazu geführt, dass sprachliche Normen anders gesetzt und wahgenommen werden.

Wir befinden uns in einem Übergangsprozess: Das kann erklären, weshalb vielen Menschen an kodifizierten Normen liegt, sie sich aber gleichzeitig auch mit neu ausgehandelten Normen auseinandersetzen müssen und das als Konflikt erleben.

 

 

Warum Rechtschreibung in der Kultur der Digitalität an Bedeutung verliert

Schweizer Medienkonzerne haben begonnen, Korrektorate zuerst ins Ausland auszulagern, dann ganz abzuschaffen. Die Folge sind Fehler in großen Tageszeitungen – hier hat das Jacqueline Preisig am Beispiel der Berner Zeitung vorgeführt:

Bildschirmfoto 2020-07-07 um 10.43.59

Nun kann man das als verfehlte Sparmaßnahme bezeichnen und es als Qualitätsverschlechterung beklagen – mit allem Recht. Es ist aber ein gutes Beispiel für Digitale Transformation. Um das zu erklären, lohnt es sich, den Text von Daniel Meyer zu lesen, der bei der Republik Korrektor ist:

»Sie kennen vielleicht den etwas bösen Spruch, dass manch einer, der geht, eine Lücke hinterlässt, die ihn voll und ganz ersetzt. Ist von einem Korrektorat die Rede, kommt er mir zuverlässig in den Sinn. Fragen darf man sich aber schon, warum der umgekehrte Weg keine Option ist. Warum stehen Medien­unternehmen nicht hin und sagen: Wir legen Wert auf eine gepflegte Sprache und legen uns ordentlich ins Zeug? Wir wollen auch in diesem Bereich die Messlatte setzen? Gerade der grösste Player im Land mit Titeln in der halben Schweiz sollte hier einer gewissen Vorbild­funktion nachkommen. Die Beiträge der Autorinnen, damit verbunden die Glaubwürdigkeit, sind das Kernprodukt eines Medien­unternehmens.«

Ich möchte diese Fragen nicht als rhetorische verstehen, sondern versuchen, sie zu beantworten.

Was oft als »Digitalisierung« bezeichnet wird, sind vier parallele Prozesse:

  1. Verfügbarkeit von digitalen Geräten und Software für Arbeitsprozesse
  2. ein Leitmedienwechsel vom Buch zum Netz
  3. Digitale Transformation als eine durch 1. und 2. bedingte Veränderung der Gesellschaft und aller daran beteiligten Systeme
  4. Kultur der Digitalität als eine neue Form im Umgang mit Kultur

Alle diese Prozesse führen dazu, dass die Korrektur von Texten und auch Orthographie an Bedeutung verlieren:

  • digitale Textverarbeitung arbeitet zunehmend mit Textbausteinen, Speech-to-Text-Verfahren, automatisierter Rechtschreib- und Stilprüfung. Sie ersetzen menschliche Korrektur nicht (wie Meyer richtig schreibt), führen aber zur Frage: Wenn Texte anders geschrieben werden können, weshalb braucht es weiterhin dieselben Korrekturabläufe?
    Korrekturabteilungen einzusparen ist eine (falsche) Antwort auf die Frage, wie mit dem (vermeintlichen) Produktionsgewinn umgegangen werden soll.
  • Netztexte erscheinen in Versionen, es braucht keine fertige Druckversion. Fehler können korrigiert werden, wenn sie bemerkt werden. Ich korrigiere Blogtexte nicht aufwendig, verbessere sie aber immer wieder, wenn ich Fehler entdecke oder darauf hingewiesen werden (danke, Ivano!).
  • Zeitungen können ihre Texte weniger gut monetarisieren, weil Werbung auf anderen digitalen Plattformen ausgespielt wird. Entsprechend müssen sie sparen.
  • Online first und real time haben etwa über Ticker-Formate die Publikationszeit im Journalismus fast auf 0 reduziert: Sobald ein Text geschrieben ist, kann er zur Lektüre freigegeben werden. Das Korrektorat wird hier als Verlangsamung wahrgenommen. Durch die Überarbeitung von Texten geht Zeit verloren, die für das Sammeln von Klicks und Aufmerksamkeit wichtig wäre.
  • In der Kultur der Digitalität übernehmen gesprochene Sprache und audiovisuelle Medien Funktionen geschriebener Texte. Zudem verbreiten sich konzeptionell mündliche und interaktionsorientierte Texte auf digitalen Plattformen: D.h. Fehler sind keine schlimmen Normverstöße, sondern gehören zur Sprachverwendung dazu und können ohne große Umstände korrigiert werden (wie wenn ich einen Namen falsch ausspreche – dann entschuldige ich mich und sage ihn noch einmal richtig). Bildschirmfoto 2020-07-07 um 11.08.37

In einem Vortrag über digitale Didaktik habe ich folgende Definition formuliert und begründet:

Bildschirmfoto 2020-07-07 um 11.02.10.png

Ist Rechtschreibung eine Kompetenz, die in der Kultur der Digitalität eine Rolle spielt? Wohl nur teilweise. Bereits seit einigen Jahren kann beobachtet werden, dass Orthographie weniger intensiv unterrichtet wird. Das vermag Menschen immer wieder zu empören (zu dem hier verlinkten Beitrag habe ich auch hinter der Social-Media-Bühne kritische Rückmeldungen erhalten), aber letztlich ist es eine Konsequenz aus der Entscheidung, auf welche Kompetenzen sich Schule fokussieren sollte. Wenn im Sprachunterricht gesprochene Sprache und der Umgang mit Bildern eine größere Rolle einnimmt, dann nimmt formale Korrektheit eine kleinere Rolle ein.

Es ist bedauerlich, dass Korrektorate wegfallen. Eine ganzheitliche Betrachtung der Digitalen Transformation kann erklären, weshalb das passiert – und zeigen, dass Orthographie im Vergleich mit anderen Kompetenzen einen geringeren Stellenwert einnimmt.

 

 

 

 

 

Authentizität auf digitalen Plattformen herstellen – was wir von der Polizei Hamburg lernen können

Die Polizei sieht sich aufgrund von Polizeigewalt und den damit verbundenen #blacklivesmatter-Protesten mit intensiver Kritik konfrontiert. Eine Form digitaler PR-Strategie besteht darin, auch positives Feedback zu zeigen. Das hat die Polizei Hamburg am 1. Juli gemacht:

Bildschirmfoto 2020-07-02 um 08.53.31.png

Der Tweet hat sich viral verbreitet. Sehr schnell wurde die Postkarte aber als Fälschung bezeichnet: die Schrift, die Fehler und der Stil seien nicht authentisch, könnten nicht von einem Kind stammen.

Hier passiert nun etwas, was für jede Form von Social-Media-Kommunikation relevant ist: Weil alles, was kommuniziert wird, medial vermittelt vorliegt, kann die Authentizität von allem in Zweifel gezogen werden. Mehr noch: Eine Grundregel ist, dass überzeugende, glatte Geschichten, die sich viral verbreiten, meistens nicht authentisch sind – sondern wesentliche Aspekte ausgelassen, verzerrt oder erfunden worden sind.

Was bedeutet das? Wer glaubwürdig kommunizieren will, muss damit rechnen, dass Zweifel laut werden – und wissen, wie die Antwort auf diese Zweifel ausfallen könnte.

Schauen wir uns die Reaktion der Polizei Hamburg an:

Bildschirmfoto 2020-07-02 um 08.53.49

Was hier versucht wird, ist mit einer Behauptung Authentizität herzustellen: »Ben gibt es wirklich«. Die Polizei Hamburg zeigt damit: Ihre PR-Abteilung ist bereit, ihre Glaubwürdigkeit zu riskieren in dieser Frage. Nur: Aktuell wird der Polizei vorgeworfen, Polizeigewalt zu ignorieren und zu vertuschen. Wer die Polizei so sieht, kann mit einem Verweis auf ihre Glaubwürdigkeit nicht überzeugt werden.

Authentizität entsteht so nicht. Was das Publikum wissen müsste:

  1. Woher weiß die Polizei, dass es »Ben« gibt?
  2. Wer ist »Ben« genau? Wie alt ist er, welche Schule besucht er, wie sieht er aus…
  3. Wie sieht der Umschlag aus?
  4. Wer hat sonst noch eine Karte von dieser Klasse bekommen?

Grundsätzlich bräuchte es ein Videodokument, in dem diese Fragen beantwortet werden. Dass »Ben« irgendwie geschützt werden müsste, ist kein Argument. Wer mit authentischen Dokumenten kommuniziert, muss abklären, ob alle Betroffenen einverstanden sind. In diesem Zusammenhang müssten auch Authentifizierungsstrategien geklärt werden. Wer nur die Erlaubnis hat, isolierte Dokumente zu publizieren – ohne Möglichkeit, sie in einen glaubwürdigen Kontext zu stellen – sollte sie nicht veröffentlichen.

tl;dr: Etwas zu zeigen – das reicht auf digitalen Plattformen nicht. Wer etwas zeigt, muss in Interaktionen auch belegen können, dass das Gezeigte wirklich dem entspricht, wofür es verkauft wird.

Bonus: Dejan hat einen anderen Blick auf den Tweet… 

»agil« – was bedeutet der Begriff für Schule und Bildung?

Nachdem ich kürzlich vorgeschlagen habe, Schulen immer wieder neu zu gründen, um sie agiler zu machen,  wurde mir gestern vorgeworfen, ich verstünde nicht, was »agil« bedeutet und würde Ideen mit dem Label versehen, die dem Konzept grundsätzlich widersprächen.

Das ist ein guter Anlass, um etwas genauer zu überlegen, was Agilität für Schule und Bildung bedeuten. Grundsätzlich meint es »Anpassungsfähigkeit«, ein aktiver, gestaltender und flexibler Umgang mit Veränderungen.

Die zentralen Formulierungen finden sich im »Manifest für Agile Softwareentwicklung«. In der deutschen Version lautet es wie folgt:

»Wir erschließen bessere Wege, Software zu entwickeln, indem wir es selbst tun und anderen dabei helfen.
Durch diese Tätigkeit haben wir diese Werte zu schätzen gelernt:

Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge
Funktionierende Software mehr als umfassende Dokumentation
Zusammenarbeit mit dem Kunden mehr als Vertragsverhandlung
Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans

Das heißt, obwohl wir die Werte auf der rechten Seite wichtig finden,
schätzen wir die Werte auf der linken Seite höher ein.«

Matthias Förtsch und Friedemann Stöffler haben in ihrem Buch »Die agile Schule« eine Adaption des Manifests vorgenommen.

Doc - 26.06.2020 - 10-48.jpg
Förtsch/Stöffler: Die agile Schule, S. 12

Folgt man der Nummerierung der Verfasser, so kann man mit Blick auf das Schule als Ganzes noch einige Ergänzungen vornehmen oder Akzente anders setzen (Förtsch und Stöffler nehmen die Perspektive der Schulentwicklung ein):

  1. Individuen und Interaktionen sind wichtiger als…
    …Lehrpläne, Stundenpläne, Bildungspläne
    …didaktische Methoden
    …Gepflogenheiten und Routinen an einer Schule
  2. Funktionierende Lernprozesse…
    Langfristiges Lernen…
    Soziale Gerechtigkeit…
    Die Bedürfnisse aller am Schulleben beteiligter…
    …ist wichtiger als…
    …Bewertung
    …Zertifikate
    …Bearbeitung von Stoff
  3. Zusammenarbeit mit allen am Schulleben Beteiligten ist wichtiger als…
    …das Image der Schule nach außen
    …politische Erwartungen an die Schule
  4. Gestalten von Veränderung ist wichtiger als das Befolgen eines Plans.

Das Kernproblem der gestrigen Diskussion war aus meiner Sicht folgendes: Wenn nun Schulen gegen viele Widerstände daran arbeiten, dass Hierarchie, Reglemente, Dokumentation, Zuständigkeiten, Pläne etc. weniger prägend sind, Individuen, Zusammenarbeit, Veränderung, Lernen, Schulleben hingegen eine größere Rolle spielen – dann wird es in der Bildungspolitik und in den Kollegien und bei den Eltern und unter den Schüler*innen Widerstand geben. Nicht alle möchten Schule agil gestalten. Der Status Quo entspricht Menschen, die sich an nicht-agilen Schulen wohlfühlen oder sich da eingerichtet haben.

Damit lässt sich nun ein genereller Einwand gegen einen Prozess hin zu mehr Agilität formulieren: «Diese Individuen sind doch wichtiger als eurer agiler Prozess, steht ja so im Manifest!«

Diesem Einwand kann man auf drei Arten begegnen, denke ich:

  1. Agile Prozesse werden in Schulen in Nischen eingeführt, die Teilnahme ist freiwillig. Besonders beliebt ist etwa die Möglichkeit, im Unterricht agil zu arbeiten. Das kann man dann den Lehrer*innen überlassen, die das machen können oder nicht. Genau so geht das in bestimmten Projekten, in Schulversuchen etc. Wer damit ein Problem hat, muss es nicht machen. Von diesen ersten Erfahrungen aus kann eine Schule langsam agiler werden, quasi bottom up.
  2. Lass uns mal eine radikale Idee ausprobieren – und dann/dabei auf die Bedürfnisse alle Beteiligter achten, nicht vorher. »Gestalten von Veränderung ist wichtiger als das Befolgen eines Plans.«
    Beispiel: Lass uns Unterricht freiwillig machen – wer nicht im Schulzimmer lernen will, kann sich an anderen Orten im Schulhaus aufhalten und dort lernen, reden, lesen, zocken…
  3. Man kann sich wünschen, agil zu werden, aber den Ängsten und Verhinderungsdiskursen so viel Raum geben, dass sich nichts ändert.

Mein Vorschlag, Schulen als befristete Projekte zu denken, ist ein radikaler Vorschlag. Ja, er bricht mit der Erwartung von Lehrkräften, Lebensstellen an Schulen zu haben. Ja, er bricht mit der Erwartung von Eltern und Kindern, dass einzelne Lehrer*innen einzelne Schüler*innen möglichst lang und konstant begleiten.

Nur: Es gibt halt keine Agilität in nicht-agilen Systemen. Schulen werden nicht anpassungsfähig, wenn das behauptet wird. Können sie anpassungsfähig werden, wenn das im Kleinen begonnen wird und von da aus wächst? Ich weiß es nicht und bin wohl skeptischer und ungeduldiger als andere. Aber ich regle ja nichts, ich kann Veränderungen nicht verordnen: Sie müssen sich ergeben.

 

 

Weg vom Stoff

Denkt man über Unterrichts- und Schulentwicklung nach, gibt es eine einfache Skala, die zwischen den Polen »Stoffvermittlung« und »Lernzentrierung« verläuft.

Bildschirmfoto 2020-06-22 um 10.58.17

Die linke Seite zeigt das Modell Stoffvermittlung: Nicht nur, aber besonders gut erkennbar in schlechter Mathematikdidaktik geht Unterricht in diesem Modell von der Vorstellung aus, es gebe Konzepte, Begriffe, Zusammenhänge, Regeln und Verfahren, die den Stoff ausmachen. Die Aufgabe einer Lehrerin oder eines Lehrers besteht nun darin, diesen Stoff zu vermitteln: Die Schülerinnen und Schüler sollen ihn verstehen. Das lässt sich dann prüfen. Eine gute Schulstunde ist in diesem Modell eine, bei der relevanter Stoff durchgenommen und von der Klasse verstanden wurde.

Was dabei vergessen geht: Dieser scheinbar objektiv gegebene Stoff ist Resultat einer Perspektive und einer Selektion. Es ist ein spezifischer Blick auf einen kleinen Teil dessen, was Mathematik oder Deutsch oder Erdkunde ist. Das wird dann deutlich, wenn Lehrkräfte nach einem Fachstudium in den Beruf wechseln und merken, dass sie im Studium viel gelernt haben, was in der Schule gar keine Bedeutung hat.

Damit kommen wir zur rechten Seite: Sie geht von den Lernenden aus. Die Aufgabe der Lehrkraft besteht darin, eine Umgebung zu schaffen, in der sich Lernprozesse entfalten können. Dazu gehört auch Material, Orientierung: Aber die Schülerinnen und Schüler entscheiden mit. Sie sind an Auswahl und Perspektive beteiligt. Eine gute Schulstunde in diesem Modell ist eine, in der die Schülerinnen und Schüler aktiv gelernt haben.

Die Unterrichtsrealität befindet sich oft irgendwo dazwischen. Lehrerinnen und Lehrer müssen Stoff vermitteln, begleiten und aktivieren aber auch eigenständige Lernprozesse. Der nicht ganz unproblematische Umgang mit der Kompetenzorientierung ist ein Symptom dieser Zwischenposition: Die Kritik an der Kompetenzvorstellung, die behauptet, Wissen sei eine zentrale Grundlage von Kompetenzen, hält an der Stoffvermittlung fest.

Wenn wir nun darüber nachdenken, wie sich Schule in der Digitalen Transformation verändert, dann würde ich dafür plädieren, den Schieber möglichst weit nach rechts zu rücken.

#schuleneudenken: alle fünf Jahre eine neue Schule gründen

Wie verändern sich Schulen? Oder: Warum verändern sich viele Schulen nur schwerfällig?

Die Antworten auf diese Fragen müssen systemisch oder systemtheoretisch ausfallen. Was heißt das? Lisa Rosa beschreibt, dass Schule häufig so funktioniert:

  1. Ergebniserwartung (zufriedene, lernende Schüler*innen)
  2. »Unterrichten«
  3. Enttäuschte Erwartungen
  4. Bestrafung der Schüler*innen oder optimiertes »Unterrichten«

Kurz: Grundsätzlich sind viele Lehrkräfte nicht zufrieden damit, wie es läuft, und geben dann wahlweise sich selber oder den Schüler*innen die Schuld dafür. Damit verändern sie aber nicht wirklich etwas, weil sie die systemischen Ursachen des Problems nicht sehen.

Lisa Rosa plädiert mit Verweis auf Helmut Willke dafür, den Rahmen anzusehen, die systemischen Bedingungen. Aus dieser Perspektive sieht Veränderung dann anders aus:

»Die Bedingung für Änderung (Lernen) ist also: Das System muss sich ändern und gleichzeitig identisch bleiben. Dieses Paradox lässt sich nur auflösen durch Temporalisierung, d.h. in einem stufenweisen Prozess. Etwas bleibt gleich, etwas wird verändert.« (Lisa Rosa)

Gestern habe ich an einer Session von digitalitaet20.de mit anderen Teilgebenden darüber nachgedacht, wie agile Methoden in die Schule kommen (den Input dazu haben Uta Eichborn und Petra Walenciak formuliert). Meine These:

Agile Methoden kommen in die Schulen, wenn Lehrkräfte nach 5 Jahren eine Schule verlassen und in neuen Teams eine neue Schule übernehmen. 

Nun muss ich vielleicht zuerst erklären, was agile Methoden sind. Gemeint sind Entwicklungsprozesse, die

  1. Konzepte durch Prototypen ersetzen, also Neues erproben, bevor es abschließend diskutiert und festgelegt ist.
  2. Von den Betroffenen aus denken – im Falle der Schule also von den Schüler*innen aus.
  3. Unterschiedliche Perspektiven zusammenbringen und auch unerwartete Lösungsvorschläge ernst nehmen.
  4. Veränderungen schnell umsetzen können.

(Lesetipp dazu: Förtsch/Stöffler: Die agile Schule, 2019).

Das – wie das Uta und Petra vorschlagen – auf den Unterricht zu beschränken, geht für mich nicht: Wenn ein Verfahren überzeugend ist, muss es immer auch unter Lehrkräften eingesetzt werden. Faustregel: Sobald etwas nur für den Unterricht geeignet ist, ist es eigentlich nicht geeignet.

Nun stelle man sich vor, Lehrer*innen würden alle fünf Jahr die Schule wechseln und gleichzeitig eine völlig neue Schule übernehmen, an denen es keine bestehenden Prozesse, feststehende Abläufe, etablierte Statusgefälle etc. gibt. Agiles Handeln wäre – so denke ich – in vielen Fällen alternativlos: Die Schüler*innen wären die einzigen, welche die Schule schon kennen – sie müssten einbezogen werden. Da die Zeit fehlt, lange Konzepte zu schreiben, müsste Neues ausprobiert werden.

Interessant ist nun, wie die Reaktion auf meinen Vorschlag ausgefallen ist. Beobachten kann man das im agilsten Medium: Twitter. (Einfach mal die Antworten lesen.)

(Zugegeben: Zwei Jahre sind viel zu kurz – das wurde schnell bemerkt und das sehe ich auch ein.)

Die Reaktionen lassen sich in folgende Kategorien unterteilen:

  1. Spannend, lass uns zusätzlich noch über… nachdenken.
  2. Vielleicht einfach die Schulleitung nach ein paar Jahren wechseln.
  3. Vielleicht einfach ein Sabbatical für Lehrkräfte im Ausland oder in der Privatwirtschaft.
  4. »Ich soll alle paar Jahre an eine neue Schule? Geht gar nicht.«
  5. Die Schüler*innen brauchen uns länger an einem Ort.

Ja: Agile Methoden haben einen Preis. Es gibt Gründe, weshalb Startups fast ausschließlich damit arbeiten und Schulen kaum. Weil Menschen den Beruf auch deshalb wählen, weil sie sich ihr Leben um den Beruf herum organisieren. Nun meint aber digitale Transformation einen Wandel der Gesellschaft, bei dem auch Arbeit, Mobilität und Wohnen neu gedacht wird – was sich dann auch auf den Lehrberuf auswirkt.

(Ich würde Lehrkräfte nicht entfristen, sondern eine sichere Anstellung mit guten Gehältern anbieten – unter der Bedingung einer agilen Arbeitsweise.)

Aber: Die These zeigt gut, wie limitiert die Bereitschaft ist, Schule neu zu denken. Wer nicht wirklich bereit ist, systemische Veränderungen zuzulassen oder zumindest zu erwägen, sollte #schuleneudenken nicht zum Thema machen. Vielleicht fehlt ja der Wille, Schule neu zu denken. Aber wenn er da ist, würde ich einen radikalen Schritt wagen (und zuerst Noten und Prüfungen abschaffen).

Zum Schluss ein Test, den ich bei Axel bzw. Basti gefunden habe. Seymour Sarason fragt:

»In what ways do our recommendations differ from those made by comparable groups twenty or even fifty years ago? How do we account for what seems to be the universal conclusion that there has been a marked deterioration in the climate and accomplishments of our schools? Why should the solutions we offer make a difference?«

Heißt für mich: Wir können #schuleneudenken. Aber wenn wir das so machen, wie es seit 50 Jahren (ohne sichtbare Veränderung gemacht wurde), passiert wohl nichts.

person standing in front of optical illusion wall

Die Ameisen unter dem Stein

swarm of fire ants on rice

In einem Garten wird ein Stein gehoben. Darunter befindet sich eine Kolonie Ameisen, die plötzlich ans Licht gezerrt wird. Die Ameisen sind im ersten Moment verwirrt, rennen hin und her.

Einige Ameisen wünschen sich den Stein zurück. Sie können mit dem Licht wenig anfangen, der Stein beruhigt sie und gibt ihnen Sicherheit.

Andere Ameisen suchen die Königin, die ihnen sagt, was zu tun ist. Von ihrer Führung erhoffen sie sich Orientierung.

Ein paar Ameisen beginnen sich zu orientieren, entwickeln neue Arbeits- und Lebensformen – ohne Stein und ohne Königin.

Dieses Gleichnis auf die Zeit des Distance Learnings im Frühjahr 2020 stammt nicht von mir. Geteilt und diskutiert haben wir es bei einer Session von #digitalitaet20, mit dabei waren Thomas Breddermann, Franziska Teine, Luisa Hanning, Ralf Schlotter, Thomas Walden, Ralf Anske und Anja Schmitt. 

Beziehungen als Grundlage der Pädagogik

Gestern habe ich im Rahmen eines Webinars (Link folgt) darüber nachgedacht, was alles von tragfähigen Beziehungen abhängt. Wesentliche Prozesse – Zusammenarbeit, Feedback, Austausch von Perspektiven, Motivation – hängen von Beziehungen ab.

Zeitgemäße Lernformen brauchen gerade im Fernunterricht eine Lernkultur mit stabilen Beziehungen, in denen Vertrauen und Verlässlichkeit aufgebaut worden ist. Im klassischen Schulsetting passiert das nur eingeschränkt: Machtmittel wie Prüfungen und Anwesenheitszwang verhindern, dass Beziehungsarbeit den Raum erhält, die sie bräuchte. Und so verweigern sich dann Schüler*innen im Fernunterricht, missbrauchen die Freiheiten, die nicht selbstverständlich, sondern eine auf ein Notlösung zurückführbare Ausnahme darstellen.

Worüber wir nachdenken müssen: Wie wir – ohne irgend eine Form von »Normalität« zu erwarten – eine Lernkultur schaffen können, welche die Grundlage für selbstorientierte, soziale, motivierende Bildung sein kann.

Von Prüfungen zu Kompetenznachweisen zu Kollaboration

Die Prüfungskultur ist für mich die zentrale Hürde bei der Verbesserung von schulischen Lernkulturen.

Bildschirmfoto 2020-06-11 um 09.31.57

Das Grundproblem besteht darin, dass von außen Lernziele an Lernende herangetragen werden, deren Erfüllung wiederum von außen geprüft wird. Das ist in Bezug auf Faktoren der Motivation verheerend. Folgt man der Selbstbestimmungstheorie von Deci und Ryan, dann geht Motivation von Wirksamkeit, Autonomie und sozialer Eingebundenheit aus. Die klassische Prüfungskultur lenkt die Wirksamkeit aufs Prüfungssetting hin aus (wirksam ist das, was zu einer guten Note führt) – und verhindert Autonomie und soziale Eingebundenheit komplett. Dieses Problem wird durch die Vorstellung aufgefangen, Prüfungen würden als extrinisische Motivation zu intrinsischer führen. »Extrinsische Motivation« ist aber nur ein anderes Wort für Druck oder Anreize, es ist keine Motivation im Sinne der Selbstbestimmungstheorie (oder im Sinne des Wortes Motivation an sich).

Mit der Bewegung von Lernzielen hin zu Kompetenzen hat sich der Fokus der Wirksamkeit verschoben: Kompetenzen sind Befähigungen von Menschen, sie beschreiben, was diese können. Entsprechend müssen sie auch nicht überprüft werden, sondern werden von Lernenden nachgewiesen. Das ist eine Erkenntnis, die sich erst langsam in Schulen und Prüfungsformen bemerkbar macht, aber letztlich ist sie konzeptionell schon vorgesehen: Lernende zeigen zur Leistungsüberprüfung was sie können.

Bildschirmfoto 2020-06-11 um 09.32.12

An der Kompetenzorientierung gibt es eine oberflächliche Kritik (Kompetenzen würden Wissen entwerten). Diese Kritik will zurück zu Lernzielen, die häufig von Wissensvermittlung und Wissensabfrage ausgehen. Daneben gibt es aber auch einen gewichtigen Einwand, der sich so verstehen lässt, dass die Kompetenzorientierung nicht weit genug geht. Hier die Formulierung dieses Einwands durch Felicitas Macgilchrist:

Neben dem technologischen Fokus ist zu kritisieren, dass vor allem individuelle Kompetenzen als der Schlüssel zur gesellschaftlichen Teilhabe hervorgehoben werden. Dies vernachlässigt unsere Einbettung in soziale, ökonomische, politische und technische Strukturen beziehungsweise Infrastrukturen, die eine Teilhabe ermöglichen oder beschränken.

Kompetenzen, so mein Verständnis, blenden in einem individuellen oder individualistischen Verständnis relevante gesellschaftliche Prozesse aus. Das zeigt sich in der Leistungsmessung dann, wenn bei Projektarbeit individuelle Leistungen aus einem Projekt rausgerechnet werden, um einzelne Lernende benoten zu können, obwohl die relevanten Arbeits- und Lernschritte in einem Gruppensetting erfolgt sind.

Deshalb sieht für mich die Zielvorgabe so aus: Gelernt wird von Gruppen in Projektsettings. Daraus entsteht ein kollaboratives Lernprodukt, das als solches mit Feedback und Kritik versehen wird. Daraus ergibt sich eine Reflexionsmöglichkeit. Eine Bewertung entfällt.

Bildschirmfoto 2020-06-11 um 09.32.24

 

Generell lässt sich sagen, dass wirksame Lernprodukte, motivierende Lernsettings und Zusammenarbeit durch eine Orientierung an einer Kultur des Prüfens und Bewertens verunmöglicht werden. Wir müssen uns davon lösen.