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Warum »Marktplatz der Ideen« eine falsche Vorstellung ist – und was daraus zu folgern ist

Die Bedeutung von Meinungsfreiheit wird heute stark verhandelt – unter anderem, weil die digitalen Plattformen jenseits der Massenmedien Kanäle eröffnet haben, um ein breites Publikum zu erreichen (und auch neue Formen von privater Regulierung vorführen). Die Frage, wie mit bestimmten Meinungen umzugehen ist, hat insbesondere durch die Alt-Right-Bewegung (hier eine sehenswerte Einordnung) an Bedeutung gewonnen.

Eine Sichtweise auf den Umgang mit Meinungen ist die Metapher vom »Marktplatz der Ideen«. Sie impliziert, verschiedene Sichtweisen oder Argumente würden auf einem Marktplatz angeboten. Wer den Markt besucht, kann sich selber ein Urteil bilden und die Ideen übernehmen (mit seiner Aufmerksamkeit »kaufen«), die überzeugen.

Die Marktplatz-Metapher wird oft mit Mills Vorstellungen der Meinungsfreiheit in Verbindung gebracht (explizit steht sie erstmals in einem US-Gerichtsurteil von 1953). Das ist einerseits einleuchtend, weil Mill ökonomisch Privatbesitz und Konkurrenz als Mittel gesehen hat, um den gesellschaftlichen Fortschritt zu befördern. In der Frage der Meinungsfreiheit hat er jedoch eine andere Position vertreten (Gordon hat das vor 20 Jahren schon präzise aufgearbeitet):

Solange nicht mit gleicher Freiheit, gleicher Energie und gleichem Talent Meinungen zum Ausdruck kommen, die der Demokratie ebenso günstig sind wie der Aristokratie, dem Privateigentum ebenso wie der Vermögensgleichheit, dem Zusammen arbeiten ebenso wie der Konkurrenz, dem Luxus wie der Abstinenz, dem Gemeinsinn und dem Individualismus, der Freiheit und der Disziplin, kurz, all den ständigen Gegensätzen des praktischen Lebens, besteht keine Aussicht, daß beide Elemente ihr Recht bekommen; vielmehr wird solange stets die Schale der einen steigen, wenn die der anderen sinkt. Die Wahrheit hängt in den großen praktischen Angelegenheiten des Lebens so stark von der Versöhnung und Vereinung (sic!) von Gegensätzen ab, daß nur wenige Menschen einen so umfassenden und unparteiischen Geist haben, daß sie den Ausgleich mit annähernder Korrektheit treffen. Darum muß man diesen dem rauhen Prozeß eines Kampfes zwischen feindlichen Parteien überlassen. Wenn eine der beiden Anschauungen über jede der eben erwähnten großen offenen Fragen einen besseren Anspruch als die andere hat, nicht nur geduldet, sondern ermutigt und unterstützt zu werden, so ist es sicher diejenige, die in jener Zeit und an ihrem Platz in der Minderheit ist. Denn das ist die Meinung, die für ihre Zeit die vernachlässigten Interessen vertritt und die Seite des menschlichen Lebens, die in Gefahr ist, in ihrem Rechtsanspruch gekürzt zu werden. (On Liberty, Hg. von Horst Brandt, S. 68)

Mill sieht also nicht die Entscheidung einer Marktverhandlung als entscheidend an, sondern fordert die Förderung von marginalisierten Meinungen (durch Maßnahmen, die er nicht klar formuliert).

Liest man Mill, dann wird ein erster Einwand gegen den Ideenmarkt deutlich: Die Entscheidungen einer Mehrheit verdecken Sichtweisen, die ebenfalls Gehör verdienen, gerade weil sie »vernachlässigte Interessen« vertreten.

Zwei weitere Einwände gegen diese Konzeption sind noch folgenschwerer: Wer auf einem Gemüsemarkt Produkte anbietet, hat zumindest ähnliche Absichten wie die Konkurrenz: Möglichst viel Gemüse zu verkaufen und damit Geld zu verdienen. Diese Ähnlichkeit der Intentionen führt zu einer gewissen Sicherheit der Marktbesucher: Wer einkauft, muss nicht befürchten, jemand verkaufe möglichst schlechtes Gemüse, um das Ansehen von Gemüsemärkten zu beschädigen, oder an einem Stand würden die Produkte mit Viren kontaminiert, um Spezialärztinnen Patienten zuzuführen.

Beim Marktplatz der Ideen gibt es diese vergleichbaren Intentionen nicht: Wir können nicht davon ausgehen, Menschen würden Ideen austauschen, um mit dem besten Argument zu überzeugen. Die Alt-Right-Bewegung setzt (ähnlich wie Propaganda in Diktaturen) gezielt Verfahren ein, um die Orientierung in der Gesellschaft zu erschweren, um Menschen daran zu hindern, überhaupt erkennen zu können, welches das beste Argument oder eine sinnvolle politische Handlung ist.

Kurz: Wer sich mit solchen Menschen auf einen »Marktplatz der Ideen« setzt, verhält sich wie die Gemüsehändlerin, die einen Verkaufsplatz mit Terroristen teilt, die den Gemüsestand aufgebaut haben, um einen geplanten Anschlag zu verstecken.

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Barbara Smaller – New Yorker Cartoon

Ein dritter gewichtiger Einwand besteht in einer präzisen Analyse, wie sich Überzeugungen verbreiten. Die Marktplatz-Idee geht davon aus, dass Kundinnen und Kunden durch die Präsentation von Waren und zusätzliche Informationen wie Preise zu einer rationalen Entscheidung befähigt werden. Ich sehe mir alle Gurken an – und entscheide dann, welche ich kaufen will.

Meinungen übertragen sich in einem komplett anderen Prozess. Elisabeth Wehling hält das in ihrem Buch über »Politisches Framing« (längere Leseprobe) von 2016 klar fest:

Denken ist, entgegen landläufigen Meinungen und Mythen, nicht faktenbezogen und rational im klassischen Sinne. Wir treffen nie Entscheidungen, indem wir ›rein sachlich und objektiv‹ Fakten gegeneinander abwägen. Nie. Das gilt auch für die Politik. Frames, nicht Fakten, bedingen unser Entscheidungsverhalten.

Diese Tatsache ist aber zu über 90% der Fälle unbewusst: Menschen denken, sie würden sich ihre politische Meinung rational bilden, tun das aber nur ganz selten. Viel öfter ist ihr Denken durch (sprachliche) Bilder massiv beeinflusst. Wehling untersucht im Buch gezielt politische Frames, aus unterschiedlichen Gründen:

[Einige] aktivieren Frames, die im krassen Gegensatz zu unserer Gesetzes- und Rechtslage, und damit unserem demokratischen Common Sense, stehen oder zumindest davon abweichen. Und wieder andere kaschieren unstrittige Fakten kognitiv oder geben sie falsch wieder. [Passage leicht umgestellt]

Auf den »Marktplatz der Ideen« übertragen: Dort werden oft nicht Ideen oder Argumente einander gegenübergestellt, sondern Frames aktiviert.

Fassen wir zusammen: Die Vorstellung des Marktplatzes lässt sich für Debatten deshalb nicht halten, weil auf dem Marktplatz erstens wichtige Argumente kein Gehör erhalten, weil zweitens dort auch Parteien vertreten sind, die gar nicht an einem Abwägen von Ideen interessiert sind – und weil sich drittens in Diskussionen nicht die besten Argumente durchsetze, sondern Frames in den Köpfen von Zuhörerinnen und Zuhörern aktiviert werden, ob sie wollen oder nicht.

* * *

Laurie Penny und Nesrine Malik haben kürzlich dargelegt, weshalb sie auf öffentliche Debatten mit Vertreterinnen und Vertretern der Alt-Right verzichten würden. Ihr zentrales Argument: Es ist wichtiger, Bewegungen zu bekämpfen, die Fremden- und Frauenhass verbreiten und Demokratie wie auch den Rechtsstaat angreifen, als den Eindruck zu vermeiden, eine Form von Zensur zu fordern. Die Debatte mit der Alt-Right sei Narzissmus, schreibt Malik, während Penny von einer ohnehin schon verlorenen Unschuld spricht. Wer sich mit Menschen, die Menschenrechte infrage stellen und abschaffen wollen, auf eine Bühne setzt, kann noch so gute Argumente gegen ihre Ansichten vorbringen: Die gemeinsame Bühne besteht und sie ist es, die den problematischen Ansichten und Ansehen und Aufmerksamkeit verhilft. So verbreiten sie sich – komplett unabhängig davon, was man ihnen entgegenstellt. Und auch wenn die Grundrechte diesen Bewegungen zusichern, eigene Plattformen bewirtschaften zu dürfen, sind sie weder identisch mit der Präsenz in Qualitätsmedien noch ist die so generierte Aufmerksamkeit ein Argument für die Relevanz dieser Ideen.

Die Zeugen Jehovas sind eine stark wachsende Glaubensgemeinschaft. Wer ihnen zuhören will, darf das. Aber wir sollten sie nicht in Fernsehsendungen einladen, um mit ihnen über Bluttransfusion zu sprechen.

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Leitmedienwechsel – was ist das eigentlich?

Weil »Digitalisierung« ein abgegriffener Begriff ist, der nichts mehr meint, weil er alles bedeuten kann, versuche ich bei entsprechenden Veranstaltungen, Bestimmungen vorzunehmen, die dabei helfen, konkret über Veränderungen (in Bildungskontexten zu sprechen).

Auf drei (nicht übereinstimmende) Bestimmungen greife ich häufig zurück:

  1. Auf die These, dass das, was in der Welt passiert, als Daten erfasst wird, als Daten dargestellt wird und diese Daten maschinell verarbeitet werden können.
  2. Auf Stalders Merkmale der Kultur der Digitalitätdie zeigen, dass sich kulturelle Praktiken verändert haben und dabei algorithmischen Verfahren, Zusammenarbeit und Weiterverarbeitung von Vorlagen große Bedeutung zukommt.
  3. Auf Doebeli Honeggers Konzept der »Leitmedienwechsels«, wie er in der Abbildung dargestellt wird. Bildschirmfoto 2018-09-17 um 16.08.52

Bei einem Vortrag hat ein Historiker kürzlich nachgefragt, was denn für ein Geschichtsmodell hinter dieser Darstellung stehe – ob es nicht sinnvoll wäre, hier etwas differenzierter und historisch genauer zu argumentieren.

Deshalb versuche ich hier, den Leitmedienwechsel etwas präziser zu fassen. (Unter einem Leitmedium versteht man in diesem Sinne das Medium, das kulturell, wirtschaftlich und gesellschaftlich die stärkste Bedeutung hat…) Döbeli Honegger bezieht sich dabei auf Baecker, der in der Einleitung zu »Studien zur nächsten Gesellschaft« schreibt:

Wir haben es mit nichts Geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. (S. 7)

Daran schließt ein aufschlussreicher Abschnitt an:

Man kann darüber streiten, ob die Sprache sinnvoll als ein Verbreitungsmedium der Kommunikation zu verstehen ist. Und erst recht kann man darüber streiten, ob es angesichts der Komplexität und Diversität jeder Gesellschaft Sinn macht, von jeweils einer Strukturform und einer Kulturform pro Gesellschaftsformation zu sprechen, ganz zu schweigen davon, dass man auch bezweifeln kann, dass sich einzelne Gesellschaftsformationen so eindeutig je einem dominierenden Kommunikationsmedium zuordnen lassen, wie das hier unterstellt wird. Sind nicht die Medientheorie und die Mediengeschichte im Anschluss an Harold A. Innis, Marshall McLuhan und andere viel besser beraten, wenn sie von vornherein auf Vielfalt und Uneindeutigkeit setzen, um daraus empirisch differenzierungsfähigere Fragestellungen zu gewinnen? (ebd.)

Was also in der Grafik bei Döbeli Honegger als ein klarer Übergang von einer Gesellschaftsform zur nächsten erscheint, ist bei Baecker eine »Vermutung«, die dann sofort differenziert und hinterfragt wird. Baecker ergänzt zudem, dass neue Leitmedien alte nicht verdrängen, sondern ergänzen und vielmehr auch überlagen, so dass wir allenfalls in einer Informationsgesellschaft leben, die auch Prozesse der Buchdruck-, der Schrift-, Handschrift- und Sprachkultur bewahrt.

Baecker präzisiert seine Prognose in der Einleitung:

Die nächste Gesellschaft wird man vermutlich dann am besten verstehen, wenn man sie als eine Population von Kontrollprojekten beschreibt, die sich gegenseitig ergänzen, durchkreuzen und sonst wie in Anspruch nehmen, die jedoch weder in die Ordnung einer Statushierarchie wie in der Schriftgesellschaft noch in eine funktionale Sachordnung wie in der Buchdruckgesellschaft gebracht werden können. Im Vergleich mit diesen immer noch beeindruckenden Entwürfen einer Gesamtordnung (man denke an Henry Adams) wird die nächste Gesellschaft am ehesten an die Stammesverhältnisse der oralen Gesellschaft erinnern. Aber auch das greift zu kurz, weil die nächste Gesellschaft nicht aus segmentär geordneten homogenen Einheiten (»Stämmen«), sondern aus ökologisch geordneten heterogenen Einheiten (»Kontrollprojekten«) bestehen wird, wenn die gegenwärtigen Anzeichen nicht trügen. (S. 9f.)

Die für Baecker relevante Frage ist also, wie die Gesellschaft mit dem »Überschuss an Kontrolle« umgeht. Für »innovative Unternehmen« skizziert er das mit folgendem Fazit:

Innovative Unternehmen der nächsten Gesellschaft werden sich auf die Form einstellen, in der zustande, was überhaupt zu Stande kommen kann. Sie werden lernen, dass die gesellschaftliche Form sozialer Ordnung immer etwas mit Identität und Kontrolle zu tun hat. Sie werden lernen, dass es in Wirtschaft und Politik, Wissenschaft und Erziehung, Kunst und Religion und zwischen allen diesen Bereichen mit Netzwerken zu tun haben, in denen Leute, Ideen, Geschichten und Institutionen um ihre Identität kämpfen, indem sie mal sanft, mal rücksichtslos alle jene zu kontrollieren versuchen, von denen sie abhängig sind. Und sie werden lernen, dass es nur eine Form der wirksamen Kontrolle gibt, nämlich die Bereitschaft, sich von denen kontrollieren zu lassen, die man kontrollieren will. (S. 21)

Das ist jetzt alles noch sehr soziologisch und nicht historisch gedacht. Die Betonung von Kontrollnetzwerken ist eine Vermutung, eine Prognose – nicht eine historische Analyse.

Dem Historiker, welcher das Geschichtsmodell hinter dem Leitmedienwechsel kritisch befragt hat, habe ich zurückgeschrieben:

Hier ändert sich etwas (was wir nicht genau verstehen) aus Gründen, die wir nicht genau verstehen – und jetzt müssen wir uns dazu verhalten, ohne zu verstehen, wozu wir uns verhalten.

Das ist tatsächlich die Situation, in der sich Bildungsinstitutionen befinden. Denkt man das von Krommer zitierte Neurath-Gleichnis mit dieser Visualisierung der SAMR-These zusammen, dann bauen wir im Moment ein Schiff um, ohne zu wissen, für welches Medium wir das Schiff brauchen werden. Gewiss bleibt also nur: Es ändert sich etwas. Das hat mit Medien zu tun. Unsere gesellschaftlichen Systeme werden sich auch ändern müssen. Aber das steht – für mich – zunächst einmal außerhalb eines Geschichtsmodells. Ich kann die Veränderung weder werten noch kann ich sie klaren Auslösern zuordnen – ich sehe mit verschiedenen Methoden nur, dass sie sich auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen abspielt.

Baecker hat für die Universität der »nächsten Gesellschaft« folgende Losung ausgegeben:

Geht es in der Wissenschaft vor allem darum, Wissen und Nichtwissen so aufeinander zu beziehen, das fruchtbare Fragen gestellt werden können, so muss die Universität zusätzlich dazu erziehen, wissenschaftliche Theorien und Methoden als solche von anderen Formen des Wissens und Fragens unterscheiden zu können. Wie aber lernt und lehrt man etwas über ein Abenteuer des Denkens, indem es auf die Kunst der sicheren Frage ankommt, während diese Frage in einem Raum gestellt wird, indem die Antwort unsicher ist? Wie weckte man Geschmack und Gefühl für den Umgang mit der Paradoxie, dass man wissen kann, dass man nicht wissen kann, welches Wissen auf eine Frage dann antwortet, wenn sie präzise gestellt wird? (S. 116)

Solche Formulierungen zeigen, wie schwierig es ist, konkrete Ratschläge zu geben, wenn man differenziert über den Leitmedienwechsel nachdenkt. Die vereinfachte Darstellung von Döbeli Honegger hilft, Zusammenhänge mitzuteilen und über Haltungen und Verfahren nachzudenken. Aber wenn man das tut, muss man die Vereinfachungen wie Krücken bald loswerden, weil sie gewissermaßen auch falsch sind, oder zu einfach. Das gilt auch für die Dystopie (totale Kontrolle und Überwachung im Bildungskontext, bald sind alle wie die chinesischen Schüler*innen, deren Gesichtsausdruck permanent von Maschinen erfasst und ausgewertet wird) wie auch für die Utopie (in post-fordistischen Projekten arbeiten alle rund um die Uhr zusammen und sind produktiver denn je, lernen immer und überall und selbstbestimmt). Beide Erzählungen helfen uns, über einen Prozess nachzudenken, der schwer zu erfassen ist – weil er gerade jetzt abläuft. Aber sie erfassen ihn nicht, sie sind falsch – oder zu einfach.

 

 

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Automatisierte Texterstellung – drei Beispiele und eine Einschätzung

Gestern konnte ich an einem Netzwerktreffen von Dozierenden teilnehmen, die an den Schweizer Fachhochschulen Schreibmodule anbieten. Ein Thema war der Einsatz von Tools, die Texte automatisch generieren – was letztlich bedeutet, dass Menschen in bestimmten Berufen keine Texte mehr selbst schreiben müssen. Ich erwähne drei Beispiele und nehme dann eine kurze Einschätzung vor. 

(1) Abklärungsinstrument zum Kindesschutz

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Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter erstellen Berichte, mit denen sie Maßnahmen beantragen können, um etwa Kinder durch eine behördliche Intervention schützen zu lassen. Für diese Berichte im Bereich des Kindessschutzes haben Teams der Hochschulen Luzern und Bern ein automatisiertes Abklärungsinstrument entwickelt.

Auf dem Screenshot ist ersichtlich, wie das Tool funktioniert: Es geht von der gesetzlichen bzw. juristischen Logik aus, die Kriterien vorgibt, welche geprüft werden müssen. Die Antragsstellenden klicken nun die zutreffenden Felder an und geben in die leeren Felder fallspezifische Begründungen ein, wenn das nötig ist.

Daraus generiert das Tool dann – Knopf oben recht – einen Abklärungsbericht: Einen ausformulierten Text, der den juristischen Anforderungen genügt. Damit ist sicher gestellt, dass die Berichte keine Formfehler aufweisen oder unvollständig sind – ganz ähnlich wie das kantonale Tools bei Steuererklärungen machen. Die Verantwortlichen können den fertigen Text dann noch mal überarbeiten und einreichen.

(2) Automatisierte Arbeitszeugnisse

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Firmen wie Aconso bieten Software an, die aus wenigen Klicks von Vorgesetzten ausformulierte Arbeitszeugnisse generieren. Dabei sind alle Datenbanken eines Unternehmens angeschlossen und die resultierenden Texte genügen wie im Beispiel (1) den juristischen Anforderungen.

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Interessanterweise können diese Tools auch umgekehrt verwendet werden, wie die Darstellung der Scanning-Funktion zeigt, welche Aconso ebenfalls im Portfolio hat. Mit dieser lassen sich also aus Arbeitszeugnisse wieder die entsprechenden Daten erzeugen, welche die Grundlage für das Arbeitszeugnis waren.

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(3) Wissenschaftliche Arbeiten

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In Zusammenarbeit mit Otto Kruse hat die ZHAW den Thesis Writer entwickelt: Ein Tool, das Studierenden erlaubt, mit digitaler Unterstützung wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben. Während in einer ersten Version primär Vorschläge aus dem Tool übernommen werden können, die gut zu den einzelnen Teilen des Textes passen würden, ist offenbar angedacht, dass einzelne Textpassagen auch automatisch generiert werden könnten.

(4) Einschätzung

Das Beispiel des Arbeitszeugnisses wie auch des juristischen Berichts oder Antrags zeigt: Ausformulierte Texte scheinen nur noch ein Relikt zu sein, das Maschinen generieren, um Menschen den Eindruck zu vermitteln, sie seien als Lesende gemeint. (Zumindest, wenn es klare Strukturen und Kategorien gibt, von denen die Texte abhängen.)
Längst lesen Maschinen Texte und schrieben sie auch. Das macht ihnen nicht einmal Mühe – sie verwerten und generieren aber Daten, die dann als Nebenprodukt zu Texten führen.

Solche Texte müssen Menschen nicht mehr schreiben (und bald auch nicht mehr lesen). Das gibt ihnen Raum für die relevanten Fragen – wer einen Antrag auf Kindesschutz liest, kann mithilfe einer maschinellen Auswertung schnell die kritischen Aspekte identifizieren und sich darauf konzentrieren, statt lange Berichte zu studieren oder zu schreiben.

Dasselbe gilt auch für wissenschaftliche Texte. Werden sie nur geschrieben, um die Reputation (verstanden als numerischer Wert) zu erhöhen, die wiederum davon abhängt, wie wie oft ein Text zitiert worden ist – dann ist das im besten Falle Scheinwissenschaft, im schlechteren Nonsens. Die Forderung, die Zahl wissenschaftlicher Publikationen zu reduzieren, ist deshalb sehr verbreitet.

Der Fokus des menschlichen Schreibens sollten Texte sein, die für Menschen geschrieben sind. Was das genau heißt, wird zu bestimmen sein. Es zeichnet sich ab, dass etwa echte Empfehlungsschreiben neben Arbeitszeugnissen an Wert gewinnen könnten, wenn sie denn überhaupt die erste maschinelle Phase eines Anstellungsverfahrens überstehen.

Aber die Idee, dass fast alle Menschen in Dienstleistungsberufen schrieben müssen, wird wohl bald obsolet. Aus sauber erfassten Daten können Maschinen je nach Kontext unterschiedliche Präsentationsformen generieren, für die es keine Texte im traditionellen Sinne mehr braucht.

***

Vilém Flusser hat sich schon 1987 mit der Frage auseinandergesetzt, ob Schreiben eine Zukunft habe. In seinem Buch »Die Schrift« ist diese Frage der Untertitel. Flusser konstatiert darin:

Es gibt mittlerweile Codes , die besser als die Schriftzeichen Informationen übermitteln. Was bisher geschrieben wurde kann besser auf Tonbänder, Schallplatten, Filme, Videobänder, Bildplatten oder Disketten übertragen werden.  Und vieles was bislang nicht geschrieben werden konnte, ist in diesen neuen Codes notierbar.  Die derart codierten Informationen sind bequemer zu erzeugen, zu übertragen, zu empfangen und zu speichern, als geschriebene Texte. Künftig wird mit Hilfe der neuen Codes besser korrespondiert, Wissenschaft geschrieben, politisiert, gedichtet und philosophiert werden können als im Alphabet. (S. 187)

In der Einleitung auf die Errungenschaften der Schrift für die Menschheit:

Die Schrift, dieses zeilenförmige Aneinanderreihen von Zeichen, macht überhaupt erst das Geschichtsbewußtsein möglich. Erst wenn man Zeilen schreibt, kann man logisch denken, kalkulieren, kritisieren, Wissenschaft treiben, philosophieren – und entsprechend handeln. Vorher dreht man sich in Kreisen. Und je länger man Zeilen schreibt, desto historischer kann man denken und handeln. Die Geste des Schreibens ruft das historische Bewußtsein zutage, welches sich durch immer weiteres Schreiben verstärkt und vertieft und das Schreiben seinerseits immer stärker und dichter werden läßt. Dieses Feedback zwischen dem Schreibenden und dem historischen Bewußtsein verleiht dem Bewußtsein jene sich immer steigernde Spannung, die ihm erlaubt, immer weiter voranzustoßen. Das ist die Dynamik der Geschichte. (S. 11)

Lesen, Schreiben, Denken – dieser Zusammenhang wird sich für Menschen so schnell nicht ändern. Wer schreibt, kann sich selbst und die Welt um einen herum durchdringen. Auch und gerade wenn Schreiben unpraktisch wird.

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Emoji-Kompetenz

So läuft das oft: Ich spreche einen Gedanken laut auf Twitter aus, diskutiere ein bisschen darüber und stoße auf Gedanken, die ich dann mittels Recherche vertiefe und im Blog entfalte.


(1) Mein Problem

Zwei Vorbemerkungen: Mir ist erstens absolut klar, dass Emojis für viele Menschen eine wichtige kommunikative Funktion haben. Die meisten Menschen betonen, Emojis würden ihnen helfen zu verdeutlichen, wie ein schriftliche Aussage gemeint ist. Diese Funktion will und kann ich nicht werten – das ist keine Stellungnahme pro oder contra Emojis. Ich verstehe auch in vielen Fällen, wie Emojis eingesetzt werden. Zweitens ist mir auch klar, dass ich mich Emojis nicht entziehen kann. Ich will und muss lernen, wie man damit kommuniziert.

Mein Problem ist also kein intellektuelles, sondern ein emotionales: Emojis lösen bei mir nicht die richtigen Assoziationen aus. Ich verwende sie sehr gekünstelt und nehme sie auch so wahr: Ich überlege zu viel dabei.

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Nehmen wir das Beispiel links. Das Emoji heißt in OS X »lächelndes Gesicht«. Nur: Das Gesicht hat rote Wangen und geschlossene Augen. Ist es ein verlegenes Lächeln? Ist es ein Lächeln über jemanden oder mit jemandem? Ist die Person verlegen, weil sie lächelt, oder lächelt sie, weil sie verlegen ist?

Nun könnte ich annehmen, dass die Person das halt einfach positiv meint und die nahelegendste Interpretation die richtige ist. Nur habe ich dann schon so viel nachgedacht, dass ich nicht mehr weiß, welches die naheliegende ist. Zudem könnte ich ja auch annehmen, dass es die andere Person nicht positiv meint – ich habe im Netz oft mit Personen zu tun, die mich kritisieren. Und die setzen gerne Emojis ein, um ablehnende Gefühle auszudrücken.

Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: Aus Gesprächen mit Jugendlichen weiß ich, wie unterschiedlich die Symbolik etwa des rechten Emojis sein kann. OS X: »lächelndes Gesicht mit Hörnern«. Es kann von »passiv-aggressiv« über »flirten mit sexueller Konnotation« bis zu »Schadenfreude« alles bedeuten. Also was jetzt?

Und: Ich bin nicht mal alleine.

(2) Die Funktion von Emojis

Ein Blick in die wissenschaftliche Literatur zeigt, dass Emojis in den letzten Jahren gut untersucht wurden. Primär in Interviews und im Labor, selten in wirklich persönlicher Kommunikation (auch aus forschungsethischen Gründen nicht ganz einfach).

Kelly und Watts (2015) betonen, dass über Emojis »Appropriationen« ablaufen. Damit sind Verwendungen gemeint, welche die Absicht derjenigen, welche eine Funktion zur Verfügung stellen, unterlaufen oder modifizieren. Die ursprüngliche Idee hinter Emojis war die Möglichkeit, Gedanken oder Gefühle zu kommunizieren, ohne starke Reaktionen oder Ablehnungen zu provozieren (ebd., S. 3).

Die Autoren listen folgende Funktionen von Emojis in der digitalen Kommunikation auf:

  1. Die emotionale Betonung einer Nachricht kontrollieren.
  2. Ein Gespräch oder eine Verbindung am Laufen halten (als Ersatz für eine inhaltlich gefüllte Mitteilung oder als Anstoß, darauf zu reagieren und weiterzuchaten).
  3. Die wahren Gefühle einer Sprecherin kaschieren (also etwa Absichten abzuschwächen, Kritik zu verstecken etc.).
  4. In digitalen Gesprächen mit dem Gegenüber spielen zu können.
  5. Gemeinsam eine (geheime) Symbolsprache zu erfinden, indem Emojis mit eigenen Bedeutungen belegt werden.

Tang und Hew (2018) haben in einer Review der bestehenden Forschungsliteratur Aspekte herausgearbeitet, über die weitgehende Einigkeit herrscht:

  1. Die richtige Verwendung von Emojis (besonders die positive) trägt zur Festigung von Beziehungen bei.
  2. Sie erleichtert ebenfalls das gegenseitige Verständnis.
  3. Emojis werden stark kontextbezogen und personalisiert verwendet.
  4. Emojiverwendung ist von fünf Aspekten der Kommunikation beeinflusst:
    a) ist die Interaktion auf eine Aufgabe bezogen oder sozialer Natur
    b) wird synchron oder asynchron kommuniziert (synchron werden weniger positive Emojis verwendet als negative, asynchron umgekehrt).
    c) ist die gegenseitige Wahrnehmung positiv oder negativ
    d) Gender (Männer brauchen häufiger Emojis, wenn sie in einer Gruppe mit mehreren Geschlechtern schreiben)
    e) Vorlieben der Nutzerinnen und Nutzer (Emojis, die einfach zu verstehen sind, werden häufiger verwendet).

(3) Technische Differenzen in der Einschätzung

Diese unterschiedlichen und teils auch widersprüchlichen Funktionen werden durch technische Aspekte noch komplexer. Das zeigt eine Studie einer Forschungsgruppe der University of Minnesota (2016).

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Die Tabelle zeigt zunächst, wie unterschiedlich die Emojis je nach Betriebssystem aussehen (unten steht jeweils die Unicode-Abkürzung, die zeigt, dass es sich um dasselbe Emoji handelt). In der Tabelle sind dann die Werte verzeichnet, wie stark die Gefühle abweichen, die je nach Plattform durch die Emojis erzeugt werden. Die länge der Balken zeigt an, wie stark die Differenzen über alle fünf Plattformen hinweg sind. Das Emoji ganz links weist also im direkten Vergleich die stärksten Unterschiede auf, das Grinsen mit den gebleckten Zähnen in der Mitte hingegen die stärkste Differenz über alle fünf Plattformen hinweg.

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Die zweite Tabelle zeigt die Emojis, die in der Bedeutungszuschreibung die stärksten Differenzen aufweisen. Wir sehen so, dass das untere Emoji mit Enttäuschung, Abgeklärtheit, Indifferenz, Verzweiflung und Depression verbunden wird.

Das Fazit der Autorinnen und Autoren (ebd., S. 266, übers. v. Ph.W.):

Wenn Menschen die identische Darstellung eines Emojis sehen, interpretieren sie oft sowohl das damit verbundene Gefühl wie auch die damit verbundene Bedeutung stark unterschiedlich. […] Über verschiedene Plattformen hinweg bestehen starke Unterschiede sowohl in Bezug auf die Gefühle wie auch auf die Bedeutung, die an Emojis geknüpft sind.

Das lachende Gesicht mit geschlossenen Augen bei Microsoft, so eines der krassesten Beispiele, empfindet ziemlich genau die Hälfte der Befragten positiv – die andere Hälfte als negativ. Emojis rufen gemischte Gefühle hervor.

(4) Geschlechterdifferenzen in der Einschätzung

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Diese Tabelle stammt aus einem Paper von Herring und Dainas (2018). Sie haben in einer Studie die starken Geschlechterdifferenzen ermittelt: Generell fühlen sich Frauen in der Verwendung und Interpretation von Emojis deutlich sicherer als Männer und verwenden sie häufiger in mehrfachen Funktionen. Männer geben häufiger an, die Bedeutung von Emojis nicht zu kennen.

Menschen, die sich weder als weiblich noch männlich identifizieren, nutzen Emojis differenzierter und abweichender als Frauen und Männer.

(6) Fazit

Stark und Crawford (2015) nehmen eine kulturwissenschaftliche Interpretation der Verwendung von Emojis vor (S. 8):

Representations of feeling in general, and happiness in particular, are often painted across the exterior of moneymaking ventures. Emoji are an exuberant form of social expression but they are also just another means to lure consumers to a platform, to extract data from them more efficiently, and to express a normative, consumerist, and predominantly cheery world-view. […] In this light, emoji should be understood both as a rear-guard action to enable sociality in digital networks and also the means to quantify, measure, signal, and control affective labor, and reinforce existing regimes of inequality and exploitation.

Sie betonen den Konflikt, den Emojis ausdrücken: Zwischen Normen, die stark von Unternehmen geprägt werden, die uns Werbung zeigen und Dinge verkaufen wollen und dafür positive, einfache Gefühle brauchen – und dem menschlichen Bedürfnis, sich in der Kommunikation mit anderen Menschen zu verbinden und auszutauschen.

Mein Widerstand gegen Emojis – noch mal: der keine Wertung enthält – hat deshalb wohl vier Ursachen:

  • Zu wenig Übung, Erfahrung und positive Erlebnisse mit Emojis.
  • Meine persönlichen Eigenschaften und die Formen, in denen ich häufig kommuniziere.
  • Tatsächlich zu beobachtende Differenzen in der Verwendung und Interpretation von Emojis.
  • Ein gewisses Unbehagen gegenüber den emotionalen Vorgaben, die Emojis machen.

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Was verändert sich beim Lesen mit digitalen Geräten?

Die Frage, wie sich der Leseprozess durch die digitale Rezeption von Texten verändert, wurde in diesem Blog schon mehrmals in Artikeln diskutiert. 2015 habe ich einige Resultate aus empirischen Studien diskutiert, 2014 die Veränderungen etwas breiter beschrieben und 2012 Tendenzen beschrieben, welche die Möglichkeiten der Vernetzung von Leserinnen und Lesern erzeugen.

Für eine zweitägige Weiterbildungsveranstaltung habe ich die Veränderung des Lesens noch einmal aufgearbeitet. Die Slides gibt es hier, eine Zusammenfassung der für mich wichtigsten Aspekte in den folgenden Abschnitten.

Das Unbehagen der digitalen Lektüre

Viele Menschen lesen lieber Texte auf Papier. Diese im Alltag und in Studien gut dokumentierte Einsicht wird interessant, wenn sie begründet werden soll. Die Präferenz wird häufig als einfache Vorliebe oder Gewöhnung beschrieben, geht aber wohl auf andere Ursachen zurück, die für die Lesenden aber reflexiv nicht direkt zugänglich sind.

Axel Krommer hat von der Ent-Dimensionierung des Lesens gesprochen. Damit meint er, dass digitale Verfahren der Textpräsentation flacher werden – Tools, die dazu geeignet sind, längeren Text auf einer Smartwatch oder anderen kleinen Bildschirmen verfügbar zu machen, zeigen jeweils nur einzelne Wörter an, lösen also nicht nur die Dicke gestapelter Seiten, sondern die Seite selbst auf.

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Dieser Verlust an Dimensionen geht mit einem Verlust an zeitlicher und räumlicher Orientierung in einem narrativen Text einher, wie eine Untersuchung von Anne Mangen (2017) zeigt. Das gilt unabhängig davon, ob ein reguläres Tablet oder ein spezieller E-Reader verwendet wird.

Nicht-lineares Lesen

Ein weiterer Grund könnte darin liegen, dass digitale Lektüre oft sprunghaft ist. Wer auf digitalen Endgeräten liest, durchsucht oder überfliegt Texte oft, liest nur Teile davon oder springt vom einen Text zum anderen. Das zeigen schon frühe Studien wie die Befragung, die Liu 2005 durchgeführt hat:

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Sie zeigt (auf einer hier nicht abgebildeten Tabelle), dass die Menschen generell mehr Zeit mit Lesen verbringen als vor dem Einsatz digitaler Geräte, aber weniger fokussiert lesen.

Das hat auch damit zu tun, dass nicht-lineares Lesen stärker kontextbezogen ist. Garland bezieht sich in seiner Analyse auf unterschiedliche kognitive Prozesse beim Speichern von Wissen: Dieses kann direkt als Wissensprozess gespeichert und abgerufen werden – oder als Erinnerungsprozess. Im zweiten Fall wird das Wissen mit Kontexten verbunden – wird es abgerufen, erinnern sich Menschen noch an anderen, damit verbundene Dinge. Nicht-lineares Lesen speichert Wissen nun wie Erinnerungen ab, während lineares Lesen zum direkten Speichern von Wissen führen kann.

Was Daston im unten stehenden Zitat – es stammt aus diesem Interview – feststellt, ist also halb zutreffend. Junge Menschen, die sich an digitale Lektüre gewöhnt haben, lesen tatsächlich anders. Sie lesen aber nicht weniger kontextualisierend, sondern eher stärker – aber verbunden auf andere, textexterne Kontexte.

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Metakognition

Alle Studien zu lernbezogener Lektüre in der Schule oder im Studium zeigen, dass gedruckte Texte zu besseren Leistungen führen als digital rezipierte. Ackerman und Lauterman haben aber gezeigt, dass das unter gewissen Bedingungen stärker der Fall ist als unter anderen. Ein Fazit aus ihrer Studie ist, dass Metakognition ganz entscheidend ist für die Wirkung der Lektüre. Diese wird vor einem Bildschirm oft zurückgefahren. Lesende müssten sich also bewusst fragen, wozu sie lesen, was sie damit erreichen möchten; sich zwingen, Passagen mehrfach zu lesen, Notizen anzulegen, Medienwechsel vorzunehmen. Digitale Werkzeuge sind in dieser Hinsicht zu immersiv: Sie erlauben es der Leserin nicht, in eine Distanz zum eigenen Lesen und zum Text zu treten.

Deep Reading

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Dieses Zitat aus einem im Kontext sehr lesenswerten Artikel aus dem New Yorker erklärt sehr gut, was Deep Reading ist: Ein Prozess, bei dem beim Lesen eigenes Denken entsteht. Er setzt eher bei belletristischen Texten denn bei Sachtexten ein und führt zu einer Auseinandersetzung mit sich selbst, zu Kreativität und zu vertieftem Verstehen.

Die Fragen, die Wolf stellt, deuten an, dass wir zwar davon ausgehen können, dass digitale Umgebungen Deep Reading erschweren, aber das nicht genau nachweisen können. Möglicherweise bietet die digitale Lektüre spezifisch digitaler Texte (Webserien, Social-Media-Feeds, Computerspiele etc.) eine neue Form der Vertiefung an, die Deep Reading gedruckter Romane ersetzen wird. Eine amerikanische Autorin hat kürzlich beschrieben, wie sie ihre Trennung von ihrem Ehemann dadurch verarbeitet hat, dass sie Youtube-Filme geschaut hat – ein mögliches Beispiel für diese Vermutung.

Fazit

Lesen auf digitalen Geräten ist verbreitet und wird kaum verschwinden. Zwar gibt es souveräne Lesepraktiken in diesen Kontexten – aber vielen Menschen fällt es nicht nur schwer, digital zu lesen: Sie mögen es auch nicht, lernen dabei weniger und können sich weniger gut vertiefen.

Das stellt eine Herausforderung dar, besonders für Bildungskontexte. Junge Menschen dort aufzufordern, Texte genau und mit der nötigen Metakognition zu lesen, scheint gerade heute sehr wichtig. Aber ob das auf Papier geschehen soll, weil es dort leichter geht, oder gerade nicht (weil die Lektüre im Alltag junger Menschen primär digital ist) – darüber wird man sich noch lange streiten können. Die Gefahr besteht gerade bei der Durchsicht der Forschung dabei, die spezifischen Leistungen nicht-linearer Leseprozesse zu vergessen und diese unter einer reinen Defizitperspektive abzuwerten. Die Perspektive der Herausforderung und ein forschender Umgang mit neuen Möglichkeiten scheint in diesem Zusammenhang mehr zu versprechen.

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Die Dialektik der Digitalisierung

Digitalisierung wird oft im Schema »Chancen und Risiken« reflektiert. Die Veränderung, welche als Digitalisierung beschrieben und unter diesem Begriff auch diskutiert wird, wird so polar bewertet: Etwas daran ist gut, etwas schlecht.

Passig und Lobo haben ihr Buch »Internet. Segen oder Fluch?« 2012 wie folgt eingeleitet:

Unbestreitbar: das Netz verändert die Welt. Die Frage aber, ob zum Guten oder zum Schlechten, ist nicht so eindeutig zu beantworten, wie die Verfechter beider Ansichten es gern hätten. Die einen bewegen sich in einem Feld zwischen fortschrittsgläubiger Naivität und selbstbewusstem Optimismus, die anderen verharren zwischen gesunder Skepsis und verbittertem Pessimismus. In der Diskussion steht oft Bauchgefühl gegen Bauchgefühl, und Argumente werden nur akzeptiert, wenn sie zu diesem Gefühl passen. Einen ärgerlich großen Raum nehmen reflexhafte Phrasen und kaum belegbare Behauptungen ein, verbunden zu einem emotionalen Amalgam, das mehr die Gruppenzugehörigkeiten festigen als irgendjemanden überzeugen soll.

Ich tendiere immer mehr zu einer anderen Ansicht, die ich im Folgenden kurz ausführe. Ins Schema lasse ich mich schon länger nicht mehr pressen, weil es für mich oft zu einer vorschnellen Bewertung führt. Wenn Lehrkräfte in Weiterbildungen gerne über »Chancen und Risiken« diskutieren möchten, dann überspringen sie dabei häufig Aspekte des Dagstuhl-Dreiecks (zu dem auch immer die Frage gehört, was denn »das« für eine Geschichte hat).

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Dagstuhl-Dreieck

 

»Datenschutz« ist etwa ein Konzept, das häufig gebraucht wird, um Risiken der Digitalisierung zu beschreiben – ohne vorher zu klären, wie Menschen mit ihren Daten umgehen oder wie das Konzept des Datenschutzes gesellschaftlich gehandhabt wird.

Wie ich bereits in einer Bemerkung zum Thema Freiheit im Netz ausgeführt habe, sehe ich die Transformation der Digitalisierung als dialektischen Prozess. Wo Freiheiten verschwinden, eröffnen sich andere Freiheiten. Mehr noch: Weil Freiheiten verschwinden, können sich neue Freiheiten eröffnen. Das Schlechte ist die Bedingung für das Gute (und umgekehrt).

Das gilt für viele andere Bereiche auch. Im Moment arbeite ich an einem Buch zum Thema »Macht im Netz«. Castells, der sich intensiv mit dieser Frage beschäftigt hat, notiert in einem Aufsatz eine grundlegende Einsicht:

Aber wo es Macht gibt, gibt es Gegenmacht, welche den Interessen und Werten derjenigen in untergeordneten Positionen der sozialen Organisation dienen.

Die großen Internetunternehmen, Google, Facebook, Apple, Amazon und Microsoft sind etwa unglaublich mächtig. Sie überwachen und kontrollieren praktisch jede Aktivität im Netz. Aber ihre Tools und Aktivitäten geben auch Menschen Macht, die sich gegen Überwachung einsetzen, welche die Zerschlagung dieser Megafirmen fordern und erfolgreich juristisch gegen sie vorgehen.

Auch bei der Arbeit an »Generation Social Media« ist die Dialektik bei praktischen Fragen des jugendlichen Lebens sichtbar geworden: Die Auswirkungen digitaler Medien auf das Körpergefühl, die Sexualität, die Risikobereitschaft oder die Gesundheit junger Menschen können nur dann genau beschrieben werden, wenn teilweise gegenläufige Bewegungen erfasst und miteinander verbunden werden. Was unter der Chancen-Risiken-Perspektive etwa als gefährlicher, oberflächlicher Körperkult erscheint, ist etwa gleichzeitig ein enormer Druck, anderen zu gefallen, sich präsentieren zu können – aber auch die Befreiung, offen über psychische und physische Gesundheit zu reden, sich selber im eigenen Körper anzunehmen. Konstantin Nowotny hat in diesem Zusammenhang auf das Instagram-Profil der Journalistin Gina Nicolini hingeweisen:

Wäre Nicolini nicht das perfekte Beispiel dafür, dass all die Bedenken hinsichtlich der Schädlichkeit von Selbstdarstellung und Scheinperfektion im Netz, hinsichtlich der inhaltsleeren, süchtigmachenden Reizüberflutung sich nicht so leicht bewahrheiten?

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Ein weiteres Beispiel für die digitale Dialektik ist das Thema der Selbstwirksamkeit. Der Tweet von Maik Riecken hat bei mir folgende Reaktion ausgelöst:

Nun hat Maik sicher recht, wenn er darauf hinweist, dass technische Anforderungen es nur Privilegierten mit den nötigen Kompetenzen, den nötigen Mitteln und der nötigen Zeit erlaubt, sich auch bei Problemen als handlungsmächtig zu erleben. Gleichzeitig gibt es aber sehr unscheinbare Nischen, in denen Menschen gerade in digitalisierten Kontexten Lösungen für alltägliche Probleme erarbeiten.

Digitalisierung ist ein komplexer Prozess, bei dem alle Bereiche der Gesellschaft ineinander spielen: Angetrieben von wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Prozessen wird sichtbar, was passiert, wenn sich eine Gesellschaft wandelt. Das als dialektischen Prozess zu sehen, bei dem das Verschwinden von Möglichkeiten an die Entstehung neuer Möglichkeiten gekoppelt ist, ist nicht besonders originell: Praktisch alle Veränderungen funktionieren so.

Zu fordern, erstens genau zu verstehen, wie sich die Digitalisierung auswirkt, und zweitens den Blick für diese Dialektik zu schärfen, erscheint unter dem Blickwinkel von »Gefahren und Risiken« als Verharmlosung. Wer sich nicht von der Gruppenzugehörigkeit lösen kann, wird die dialektisch Denkenden nicht als Teil ihrer Gruppe erleben. Aber darum geht es auch gar nicht: Die Unsicherheit und Komplexität der Digitalisierung kann nur gedacht werden, wenn alle Aspekte berücksichtigt werden.

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Der Kompetenzbegriff – die Zopf-, Scheren- und Kreisdarstellung der OECD

Der Begriff der Kompetenz hat sich zwar in der bildungspolitischen Diskussion längst durchgesetzt, ist aber immer wieder Anlass für ähnliche Diskussionen. Das ist Anlass für mich, ein sinnvolles Verständnis des Begriffs Kompetenz zu umreißen.

Für den kompetenzorientierten Lehrplan 21 der Schweizer Volksschule ist die Definition von Weinert maßgebend (eine sinnvolle Quelle ist sein Aufsatz »Vergleichende Leistungsmessung in Schulen« von 2001, S. 27f.):

Unter Kompetenzen versteht man die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können.

Die Definition zeigt: Die Unterscheidung von Kompetenzen und Wissen oder die Behauptung, Kompetenzen seien leer oder inhaltslos, sind in diesem Verständnis haltlos. Sie sind als Kritik an der schulischen Umsetzungen und Operationalisierungen der Kompetenzvorstellung teilweise berechtigt, treffen aber den so verstandenen Begriff der Kompetenz nicht. Kompetenz meint das Können – alles, was dazu gehört, dass Menschen mit Problemen umgehen können (»Probleme zu lösen« ist bei Weinert eine unglückliche Formulierung, weil die entscheidenden Probleme, sogenannte »wicked problems«, nicht gelöst werden können).

Der Kompetenzbegriff von Weinert geht zurück auf Arbeiten der OECD. Im OECD-Bericht »Global Competency for an Inclusive World« von 2017 findet sich die Zopfdarstellung des Kompetenzbegriffs (S. 2):

Zopfdarstellung der Kompetenz gemäß OECD

Zopfdarstellung der Kompetenz gemäß OECD

Im Text (S. 2) findet sich folgende Definition:

A competence is the ability to mobilise knowledge, skills, attitudes and values, alongside a reflective approach to the processes of learning, in order to engage with and act in the world.

Diese Konzeption ist in drei Hinsichten etwas schärfer als die von Weinert: Erstens benennt sie mit »action« oder »[to] act in the world« ein klares Ziel für Lernen und Kompetenzaufbau. Zweitens betont sie, dass Wissen, Fertigkeiten, Werte und Haltungen in Kompetenzen untrennbar verflochten sind. Und drittens integriert sie Reflexion in das Verständnis von Kompetenz (»an essential element of modern learning is the ability to reflect on the way one learns best«, S. 2).

Kompetenzen befähigen zum Handeln und zum Lernen. Sie sind zudem politisch, indem sie diskriminierende Strukturen sichtbar machen und so die unverzichtbaren Werte beeinflussen sollen.

Im neueren Bericht der OECD (The Future of Education and Skills, 2018, S. 4) enthält mit der Scherendarstellung eine Entwicklung der Zopfdarstellung. Diese löst die Spitze des Zopfes auf – Kompetenzen münden nicht mehr ausschließlich in Handlungen (»action«), sondern auch in »anticipation« (Erwartung, Vorbereitung) und »reflection«. Zudem wird gezeigt, dass die Kompetenzen sich in verschiedenen Gemeinschaften auswirken (darauf legt Harold Jarche in seinen Arbeiten immer wieder den Fokus, z.B. hier).

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Scherendarstellung, The Future of Education and Skills, S. 4

Im Hinblick auf die »global goals« gibt es noch eine dritte Darstellung in den Papieren der OECD. Die Kreisdarstellung stammt aus Preparing our youth for an inclusive and sustainable World – The OECD PISA global competence framework von 2018 (S. 11). Sie verbindet wiederum Wissen, Fertigkeiten, Werte und Haltungen, benennt dann aber vier Handlungs- und Kompetenzdimensionen, in denen sich die Kompetenz niederschlägt:

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Kreisdarstellung der Kompetenz gemäß OECD

Aus meiner Sicht bringt die Zopfdarstellung am direktesten und klarsten auf den Punkt, was ein zeitgmäßes Verständnis von Kompetenz ist. Für Schule und Unterricht ist diese Konzeption unverzichtbar: Nicht, weil Lernen einer wirtschaftlichen Verwertung untergeordnet werden soll, sondern weil Lernen nur dann sinnhaft sein kann, wenn es das Können von Lernenden erweitert. Die oft wahrgenommene Leere oder Inhaltslosigkeit ist nicht Resultat einer falschen Konzeption, sondern ergibt sich aus der Einsicht, dass die für ein bestimmtes Können oder Handeln relevanten Wissensbestände individuell gesucht und gefunden werden müssen.

Die Aspekte, welche in der Scheren- und Kreisdarstellung akzentuiert werden, sind für ein integrales Verständnis des Kontextes der Kompetenzentwicklung wichtig – sie dienen aber nicht primär der Klärung des Kompetenzbegriffs.

Für den Hinweis auf die Scherendarstellung danke ich Lisa Rosa: