Wie bewertet man individuelle Lernprozesse?

Viele zeitgemäße Lernsettings führen zu individuell unterschiedlichen Lernwegen. Das hat Konsequenzen für die Bewertung: Da nicht ähnliche Lösungen von identischen Aufgaben verglichen oder beurteilt werden, stellt sich die Frage, wie eine faire Bewertung aussehen könnte.

Ohne auf weitere Formen der Leistungsmessung einzugehen (Christian und Axel haben hier enorm viele Ressourcen zu diesen Fragen zusammengetragen), möchte ich diese spezifische Frage beantworten.

  1. Eigentlich müssen Lernprozesse nicht beurteilt werden. Wenn ich lerne, veganen Kuchen zu backen, dann merke ich selber, ob ich das kann – und bin zufrieden, wenn ich das kann. Es braucht niemanden, der mir für mein Lernen eine Note gibt. Die erste Antwort lautet also: Wenn es keine Verpflichtung zur Bewertung gibt, sollten Lernprozesse *nicht* bewertet werden. (Das kann man argumentativ auch gut stützen, z.B. über das Anreizproblem: Jede Bewertung schafft Fehlanreize.)
  2. Ausgangspunkt für eine sinnvolle Bewertung ist eine Selbsteinschätzung, für die es Kriterien braucht. Schmeckt der Kuchen denen, die ihn essen? Hat es mir Spaß gemacht, ihn zu backen? Weiß ich, worauf ich achten würde, wenn ich ihn noch einmal backen würde?
    Wenn Lernende solche Selbsteinschätzungen vornehmen, dann lassen sich damit auch faire Bewertungen verbinden. Das bedingt, dass alle wissen, worauf es ankommt. Lautet die Aufgabe: »Backe einen Kuchen, den fünf Personen problemlos essen können und der ihnen schmeckt« – dann ist mir auch klar, ob ich das Ziel erreicht habe. Wir müssen also so auch über Lernprozesse sprechen können: So dass allen Schüler*innen klar ist, was sie gelernt haben und wie sie das gemacht haben.
  3. Ein weiterer sinnvoller Zugang erfolgt über die Reflexion des Lernprozesses. Reflexionen sind Texte (oder Sprachnachrichten, Videos etc.), in denen Lernende über ihr Lernen und ihre Arbeitsergebnisse nachdenken.
    Wie lassen sich Reflexionen bewerten? Anna Reuter hat unter Bezug auf das Modell von Bain et al. Dimensionen festgehalten, wie sich reflektieren beschreiben lässt; Nina Brendel hat auf derselben Basis konkrete Kriterien ausgearbeitet, mit denen sich Reflexionen beurteilen lassen.

Wer nun denkt, dass Reflexionen beim sprachlichen Lernen durchaus zielführend sein könnten, beim mathematisch-naturwissenschaftlichen aber doch primär Aufgaben gelöst werden müssten, blendet ein riesiges Potential aus: Mathematisches Denken besteht nicht darin, vorgegebene Werkzeuge zu verwenden, sondern mathematische Probleme zu bearbeiten. Das lässt sich an der dialogischen Mathematik-Didaktik von Peter Gallin gut zeigen.

Schematisch sieht dann der Reflexionsteil so aus:

  1. Attraktives fachliches Problem, z.B. die Frage:
    »Welche Tiere können schwimmen, welche nicht? Woran liegt das?« 
  2. Offene, individuelle Arbeit am Problem.
  3. Dokumentation in einem Lernjournal:
    Was hast du herausgefunden?
    Wie bist du vorgegangen?
    Wie hast du die Arbeit am Problem erlebt?
  4. Austausch über die Ergebnisse und den Lernprozesse.
  5. (Bewertung der Lernjournale, wenn nötig – entweder mit Selbstbeurteilung oder den Kriterien von Bain/Reuter/Brendel).
Image
Auszug aus einem Reflexions-Text

Wem gehören Bildungsdaten? Woran Lehrkräfte denken sollten…

»Meine Daten gehören mir.« Dieser Satz ist so verbreitet wie falsch: Daten entstehen in komplexen Kontexten, die sich auch auf die Eigentumsverhältnisse übertragen.

Wem gehören die Arbeitsblätter, die Folien und Projektaufträge, die ich für den Unterricht gestalte?

  • Irgendwie mir: Sie sind das Resultat meiner Arbeit, meines Wissensmanagements.
  • Irgendwie aber auch den Steuerzahlenden: Sie haben mich für meine Arbeit bezahlt.
  • Irgendwie auch der Schule: Sie ist die Institution, die mir die Möglichkeit für ihre Nutzung gegeben hat, für die Schule haben meine Arbeiten einen Wert.

Wenn ich nun klassisch mit einem Ordner und Kopiervorlagen arbeite, dann bleiben nach einem Schulwechsel vielleicht einzelne Exemplare meiner Arbeiten an einer Schule, wo sie schnell vergessen gehen. Die Ordner nehme ich mit an meinen nächsten Arbeitsort, wenn die Stelle wechsle.

Nutze ich ein Lernmanagementsystem oder OneNote, dann sind meine Daten in der Cloud, welche die Schule mir zur Verfügung stellt. Verliere ich den Zugang zur Cloud, sind meine Daten weg. Das ist juristisch vielleicht gar kein Problem – für mein Wissensmanagement aber schon.

Deshalb brauchen Lehrkräfte private Kopien ihrer Arbeiten, wenn sie den Zugang dazu nicht verlieren wollen. Hier stellt sich dann die Frage der Praktikabilität: Kann ich jedes OneNote-Notizbuch noch einmal duplizieren, jede Chatnachricht speichern, jede E-Mail auch lokal speichern?

Mein Vorgehen ist einfach: Ich speichere alle meine Unterrichtsmaterialien auf offenen WordPress-Seiten, deren Backups ich auch noch lokal speichere und in andere Clouds lade. Die Seiten binde ich in den LMS ein. Die Daten stehen aber unter meiner Hoheit – verliere ich den Zugang zum Schulserver, gehen keine wichtigen Daten verloren. Alle Menschen können sich ansehen, was ich erarbeitet haben – und es so nutzen, wie sie möchten.
Was aber nicht dort ist, sind die Interaktionen mit den Schüler*innen und den anderen Lehrpersonen. Was auch richtig ist: Schließlich sind das nicht meine Daten, sondern unsere Daten. Sie sind an unsere Zusammenarbeit an einer Schule gebunden – und damit an die Regeln dieser Schule.

green and red light wallpaper
Pietro Jeng, Unsplash

Interaktionen gestalten als wesentliche Kompetenz in einer Kultur der Digitalität

Kürzlich habe ich auf Twitter auf den #edchatde zurückgeblickt – ein Format, bei dem pädagogische Interessierte sich eine Stunde zu einem vorgegebenen Thema ausgetauscht haben. Matthias und Tobi haben darauf hingewiesen, wie wichtig die Möglichkeit war, in diesem Rahmen interagieren zu können.

Torsten Larbig und André Spang haben mit dem Format einen Weg gefunden, um eine nachhaltige Interaktion zu gestalten. Waren sie am Anfang bei der Auswahl der Themen und der Moderation stark beteiligt, konnten sie sich später auch wochenweise komplett zurückziehen: Auch die Moderation und die Themenauswahl waren als Interaktionen designt, die andere übernehmen konnten.

Das Beispiel zeigt zunächst, was ich unter einer Interaktion verstehe:

  • eine strukturierte Kommunikationsform
  • bei der sich unterschiedliche Personen mit Fachkenntnissen und Perspektiven
  • zu einem Thema
  • moderiert austauschen können
  • eine kuratierte Dokumentation macht die Interaktion auch für andere zugänglich.

Beispiele sind Podcast-Gespräche, Twitter-Diskussionen, Twitch-Streams, Instagram-Live-Interviews, Q&A-Sessions auf verschiedenen Plattformen etc.

Für ein Thesenpapier zum Sprachunterricht in einer Kultur der Digitalität habe ich das mit dem Erarbeiten strukturierter Texte verglichen:

Interaktionen organisieren wird wichtiger als komplexe Texte strukturieren

In einer Kultur der Digitalität stellen Menschen ihre Streams selber zusammen. Kompetente und verantwortungsvolle Menschen können gehaltvolle Interaktionen anbieten – das wird wichtiger, als längere und komplexe Texte zu verfassen. 

In der Diskussion dazu (Interaktion!) wurden besonders zwei Kritikpunkte stark gemacht:

  1. Das sei eine falsche Dichotomie, weil beides doch wichtig sei.
  2. Strukturierte Texte seien auf eine Form einer Interaktion.

Beide Einwände kann ich nachvollziehen, würde aber darauf entgegnen, dass sich der Fokus verschiebt: Lehrmittel, propädeutische sowie wissenschaftliche Arbeiten werden beispielsweise prototypisch von der Perspektive strukturierter Texte aus gedacht. Würden hier Interaktionen zum Ausgangspunkt, gäbe es weiterhin Texte, auch komplexe – aber sie wären Bestandteil von verschiedenen Interaktionen. Das ist deshalb wichtig, weil in einer Kultur der Digitalität Autor*innen nicht alle Perspektiven einnehmen können, sondern erst über den Austausch sichtbar wird, was in einer Vorlage fehlt, wo blinde Flecken liegen, wo relevante Erfahrungen ausgeblendet werden.

Strukturierte Texte können – so wie ich das hier mache – Interaktionen dokumentieren oder ein Beitrag für eine weitere Interaktion sein. Sie sind aber darin eingebunden.

Texte, die kaum jemand liest, sind ein Auslaufmodell. Sie haben im Bildungssystem noch immer einen hohen Stellenwert. Hier tritt aus meiner Sicht eine Verschiebung ein.

Best of Loserfruit April 8th - YouTube
Twitchstream von Loserfruit

Was pädagogische Freiheit (nicht) ist

 

Kürzlich habe ich auf Twitter einen Newsletter des Philologen-Verband NRW diskutiert, in dem folgende Passage steht:

Digitale Medien sollten nur dort Anwendung finden, wo es pädagogisch und didaktisch sinnvoll und verantwortbar erscheint. Die Verantwortung für den Einsatz trägt dabei die einzelne Lehrkraft, die den Einsatz im Rahmen ihrer pädagogischen Freiheit und methodischer wie didaktischer Erwägungen plant und durchführt.

Der Kern der Argumentation ist die »pädagogische Freiheit«. Der Verband sieht sie als ein Recht der Lehrkraft, autonom nach eigenem Gutdünken zu entscheiden und sich gegen Ansprüche von Wirtschaft, Gesellschaft, Fachdidaktik, Medienpädagogik etc. abzugrenzen.

Selbstverständlich ist Freiheit ein schillernder Begriff. Freiheit ist einerseits Ermächtigung zum Handeln (frei ist, wer handeln kann), andererseits Abgrenzung gegenüber fremden Einflüssen (frei ist, wer zu nichts gezwungen wird). Einseitige Auslegungen sind meist problematisch.

Auf pädagogische Freiheit übertragen heißt das: Frei ist, wer über verschiedene Handlungsmöglichkeiten verfügt und sich unter ihnen ohne Zwang entscheiden kann.

So betrachtet taugt das Argument nicht dazu, um eine Weigerung, digitale Medien in den Unterricht einzubeziehen, zu stützen. Pädagogische Freiheit kann dazu führen, in einem bestimmten pädagogischen Kontext auf digitale Medien zu verzichten. Sie aber generell abzulehnen, ist keine Option: Weil das dazu führt, dass die betroffenen Lehrpersonen das gar nicht könnten.

Wie der folgende Tweet zeigt, lohnt sich aber eine etwas breitere Diskussion dessen, was pädagogische Freiheit bedeutet.

Für mich zeigt sich hier ein Problem, das auch in der Unterscheidung von Verantwortung und Eigenverantwortung virulent wird. »Eigenverantwortung« meint, dass ich für meine Handlungen insofern verantwortlich bin, als dass sie mich betreffen. Verantwortung meint aber, dass mein Handeln immer in einem gesellschaftlichen Kontext erfolgt und nicht nur ausschließlich mich betrifft. Mehr noch: Mein Handeln hat auch komplexe indirekte Effekte, die ich als verantwortungsvoller Menschen reflektieren, bedenken und berücksichtigen müsste.

Das heißt für pädagogisches Handeln: Wer pädagogische Freiheit ernst nimmt, berücksichtigt den gesamten Kontext, in dem es erfolgt. Berücksichtigt werden dabei:

  1. Die von diesem Handeln direkt Betroffenen, die Lernenden also.
  2. Die Kolleginnen und Kollegen.
  3. Die Eltern.
  4. Der demokratische Auftrag der Schule (Lehrplan etc.).
  5. Die relevanten gesellschaftlichen Entwicklungen.
  6. Die lokale Einbettung der Schule und die mit der Schule verbundenen Institutionen.

Pädagogische Freiheit wird missverstanden, wenn sie als Abgrenzung gegenüber diesen sechs Punkten benutzt wird.

Anders formuliert: Zu pädagogischen Verantwortung gehört es, die von Axel Krommer vorgeschlagenen Schieberegler einzustellen. Die Freiheit besteht jetzt nicht darin, diese Regler so einzustellen, wie es einer Lehrkraft gefällt – sondern es in Abstimmung mit Lernenden, anderen Lehrenden und der Gesellschaft so zu tun, dass es stimmt. Wo gibt es einen Freiheitsgrad? Die Regler werden nicht von einem Ministerium, einer Schulleitung oder Wirtschaftsverbänden eingestellt, sondern es ist der Lehrkraft überlassen, diese Justierung verantwortungsbewusst vorzunehmen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Jugendliche spielen auf TikTok Holocaust-Opfer – eine Einordnung

Am Wochenende habe ich auf Twitter und Facebook diesen Artikel diskutiert, der dokumentiert, dass TikTok-User*innen Jugendliche spielen, die im Holocaust ermordet worden sind oder werden. Im Folgenden beschreibe ich das Phänomen und kommentiere es. Gemäß einem Wired-Artikel verstoßen die Videos nicht gegen die Regeln von TikTok und werden nicht gelöscht.

Bildschirmfoto 2020-08-24 um 14.46.00.png

POV-Videos auf TikTok

Die Videos nehmen ein Verfahren auf, das sich Point-Of-View oder POV nennt. Dabei spielen nicht nur die gefilmten Figuren eine Rolle, sondern auch die Zuschauer*innen nehmen eine Perspektive ein, die ihnen im Video zugewiesen wird.

Die witzigen Videos von Nicole Ciravolo, welche die Schulsekretärin Ms. Connie spielt, die verständnisvoll auf queere Jugendliche reagiert, sind ein gutes Beispiel: Andere TikTok-User*innern reagieren auf die Videos von Ciravolo, indem sie die für die Zuschauer*innen gelassene Rolle ausfüllen – im Original macht die Schauspielerin Pausen.

Die Holocaust-Videos funktionieren nach diesem Schema. Die Jugendlichen schminken sich mit Bühnenschminke und spielen eine Rolle. Wer ihnen zuschaut, übernimmt automatisch auch eine Rolle (diese ist nicht immer gleich).

#museumofdeath

Die pov-Videos folgen oft Inspirationen. Diese sind Memes oder Challenges, die sich wie Writing Prompts durchsetzen: Wer nach Ideen für ein Video sucht, kann einfach eine solche Idee aufgreifen. Userin emmanortss beschreibt #museumofdeath wie folgt:

#pov you’re at a museum where you can watch simulations of people who died traumatic deaths. you select to watch her last words…

Die Vorstellung, pov-Videos mit sterbenden Figuren zu machen, hat sich also schon länger auf TikTok verbreitet (vgl. #museumofdeath). Weshalb hat sie sich auf Holocaust-Opfer ausgedehnt?

Einschätzungen von Jugendlichen

Wired hat mit Jugendlichen über die Holocaust-TikTok-Videos gesprochen. Ihre Statements enthalten grundsätzlich vier Aussagen:

  1. Jugendliche müssen stärker über den Holocaust und Antisemitismus aufgeklärt werden.
  2. Die Videos können aber auch ein Weg sein, um Jugendliche für den Holocaust zu sensibilisieren.
  3. Die Videos sind primär ein Weg, um »fame« zu erhalten, Aufmerksamkeit zu generieren.
  4. Es spielt eine Rolle, ob jüdische oder nicht-jüdische Teenager diese Videos drehen. Stellen sie für Jüd*innen möglicherweise eine legitime Form der Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte dar, handelt es sich bei nicht-jüdischen User*innen um eine widerliche Romantisierung des Holocausts.

Aufmerksamkeit

Rabbit Hole, ein Podcast über Netzkultur von der New York Times, erzählt in den Folgen 5 und 6 die Geschichte des Youtuber PewDiePie, der antisemitische Parolen und Aussagen genutzt hat, um sich von etablierten Medien zu distanzieren und noch bekannter zu werden. Antisemitismus und der Holocaust erscheinen als inhaltliche Grenzen, deren Erscheinungen mit hohem Risiko verbunden sind, weil ihre Überschreitung zu einer gesellschaftlichen Ächtung führt. Weil diese aber vom Mainstream ausgeht, ist damit auch Anerkennung von einem Netzpublikum verbunden. Beides – Ächtung und Anerkennung – führen zu Aufmerksamkeit, die in einer Aufmerksamkeitsökonomie einen Wert hat.

Das Wilkomirski-Syndrom

Bruno Dössekker hat 1995 unter dem Pseudonym Binjamin Wilkomirski eine gefälschte Autobiographie veröffentlicht. Er gibt darin vor, litauischer und jüdischer Abstammung zu sein und als Kind durch Ghettos und KZs verschleppt worden zu sein – was nachweislich nicht stimmt. Das damit verbundene Syndrom – das durchaus umstritten ist – besteht darin, dass Dössekker sein erlebtes Leid (er war ein uneheliches Kind, das zur Adoption freigegeben wurde) durch die Erfindung einer jüdischen Biografie einen Sinn erhielt, zumal damit die Geschichte eines Identitätsdiebstahls verbunden war.

Etwas Ähnliches zeigen wohl diese Videos: Jugendliche können ihr Leiden am Leben (worin auch immer es besteht) versinnbildlichen, indem sie in die Rolle von Holocaust-Opfern schlüpfen. In den spielerischen Formen der POV-Ausdrucksweise und der TikTok-Schminke suchen sie nach einer Identität, deren Leiden kulturell anerkannt und respektiert ist.

(Der Begriff Syndrom soll dabei anzeigen, dass das nicht eine sinnvolle Form der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität ist, sondern eine pathologische.)

2020

Der Holocaust konnte vor 75 Jahren gestoppt werden. Nur wenige Zeitzeug*innen leben noch. Auf TikTok wird etwas inszeniert, was fast nur noch medial wahrnehmbar ist. Das ist wohl kein Zufall.

Ich danke Sarah Fluck, Adriane Langela und Rebecca Sanders für Hinweise, die ich in diesem Beitrag verarbeitet habe.  

Digitale Plattformen ohne Anleitungen nutzen

Letzte Woche habe ich mit zwei ersten Klassen ein spezielles Schuljahr begonnen: Es handelt sich um den ersten Jahrgang, der mit BYOD arbeitet, d.h. alle Schüler*innen haben ein privates Gerät in die Schule mitgebracht (einen Laptop oder ein Tablet mit Tastatur).

Bildschirmfoto 2020-08-23 um 09.44.45
Bildquelle: #mycorona Folge 7, ZDF

Ich habe vor Jahren an einer anderen Schule schon mehrere BYOD-Klassen unterrichtet. Vergleicht man die Bilder, merkt man, dass ich heute viel stärker postdigital arbeite: Die Geräte sind vorhanden und können jederzeit benutzt werden, stehen aber nicht im Vordergrund.

Bildschirmfoto 2020-08-23 um 09.41.59.png

Daraus ergibt sich auch die Haltung, auf Anleitungen zu verzichten. Ich habe früher Handouts erstellt, auf denen alle wichtigen Schritte verzeichnet waren, damit die Schülerinnen und Schüler nachschauen können, wenn sie zuhause arbeiten sollen.

Die Vorstellung, Anleitungen seien wichtig, entspricht aber nicht der Kultur der Digitalität, in der Gemeinschaftlichkeit und Suchverfahren eine große Rolle spielen. Eine Anleitung geht von der Haltung aus: »Wenn du richtig gelesen hättest, wüsstest du, wie’s geht.«

Meine Haltung ist eher: »Du kannst rausfinden, wie das funktioniert.« Deshalb gebe ich den Klassen konkrete Aufgaben, die sie auch mit digitaler Unterstützung lösen müssen: Die erste bestand darin, einen Kommentar von ca. 1000 Zeichen über Teams einzureichen. Die Schüler*innen müssen also in ihrer Software rausfinden, wie man Zeichen zählt und die Aufgaben-Funktion von Teams wahrnehmen und nutzen.

Selbstverständlich helfe ich Ihnen dabei:

Bildschirmfoto 2020-08-23 um 09.49.13

Mit der Zeit führt uns das an Aufgaben heran, die auch ich nicht vollumfänglich verstehe. Und das ist genau das Ziel: Weil dann alle robuste Strategien haben, um ohne Anleitung Probleme bearbeiten zu können.

TikTok ist wie Sex – über den Umgang mit digitalen Plattformen im Unterricht

Wird Sex in der Schule thematisiert, sind einige Grundregeln klar:

  1. Schüler*innen müssen keinen Sex haben, um über Sex reden zu können.
  2. Schüler*innen sollten einige Dinge über Sex wissen und sich eine Meinung zu diesen Dingen bilden, bevor sie selber Sex haben.
  3. Ob und wie Lehrkräfte selber Sex haben, spielt für den Unterricht keine Rolle.
  4. Komplette Enthaltsamkeit ist als pädagogische Position problematisch, weil damit erstens keine gesunden Verhaltensweisen vermittelt werden können und zweitens der nötigen Vorbereitung aus dem Weg gegangen wird.
  5. Es gibt problematische, gefährliche und unsichere Formen von Sexualität – aber auch unproblematische, gesunde und sichere. Welche Formen zu welcher Gruppe gehören, hängt von Individuen und Handlungskontexten ab.
    Das Ziel besteht darin, dass Schülerinnen und Schüler sich abhängig von ihren Bedürfnissen und den entsprechenden Situationen schützen können.

In diesem Beitrag geht es nicht um Sex, sondern um TikTok. TikTok macht Schlagzeilen, weil die App Daten sammelt (wofür, ist unklar). Und weil der Algorithmus bestimmte Inhalte unterdrückt.

Nun können wir aber einerseits davon ausgehen, dass Schüler*innen TikTok nutzen können, ohne dass die Schule darauf direkt einen Einfluss hat. Andererseits entstehen auf TikTok wichtige Kommunikations- und Erzählformen, die für das Verständnis der Umwelt relevant sind. Schüler*innen bewegen sich in Kulturen, die sich auf TikTok zeigen und die auf TikTok (mit-)geprägt werden.

Deshalb gehört TikTok in die Schule, auch wenn die App dort nicht genutzt werden kann. Es spielt auch keine Rolle, ob die Lehrperson TikTok mag oder gut findet.

TikTok-Videos können leicht ohne App zugänglich gemacht werden:

  1. In einem sicheren Browser kann tiktok.com aufgerufen werden.
  2. Die Videos sind mit einer Webadresse erreichbar, z.B. https://www.tiktok.com/@soontobecarefree/video/6830611741643246854
  3. Mit Download-Tools wie https://www.expertsphp.com/tiktok-video-downloader.html können sie runtergeladen und in Lernmanagement-Systemen oder Präsentationen verfügbar gemacht werden.

Klar: TikTok lebt als Plattform vom Empfehlungsalgorithmus, von der Möglichkeit, Beiträge zu verlinken und zu kommentieren. Aber mit den Videos selber ist eine gehaltvolle Auseinandersetzung mit TikTok im Unterricht möglich.

Bildschirmfoto 2020-07-14 um 16.31.56.png
Charles Deluvio: Sex Education, Unsplash

Sprachliche Normen in einer Kultur der Digitalität – eine Auslegeordnung

Letzte Woche habe in einem Blogpost diskutiert, wie es dazu kommen konnte, dass Redaktionen Korrektorate abbauen. Ich habe den Vorgang als Beispiel für einen Bedeutungsverlust der Rechtschreibung analysiert, den ich mit der Kultur der Digitalität zu erklären versucht habe. In der Folge haben sich weitere Gedankengänge an diesen Zusammenhang angeschlossen, die ich etwas ausführlicher formulieren möchte.

Mir ist bewusst, dass vielen Menschen an Rechtschreibung gelegen ist: Sie verstehen sie als einen Ausdruck von Sorgfalt und Anstrengung; Fehler deuten darauf hin, dass einem Autor oder einer Autorin ein Text nicht wichtig ist, dass sich jemand nur wenig Zeit fürs Schreiben nehmen wollte. Rechtschreibung zu lernen war für viele Menschen aufwendig und mit Kränkungen verbunden. Ihnen liegt deshalb daran, dass der Wert dieses Lernschritts erhalten bleibt. Zudem haben Korrekturlesen und das Feilen an sprachlichen Ausdrücken einen unbestreitbaren Wert für die Klarheit von Texten und damit für ihr Verständnis.

Doc - 12.07.2020 - 14-47.jpg
Korrekturen meines Deutschlehrers Peter Märki in einem meiner Aufsätze am Gymnasium, 1993

Mir geht es im Folgenden nicht darum, eine Gegenposition einzunehmen und argumentativ die Funktion orthografischer Normen zu bestreiten. Vielmehr möchte ich zeigen, dass kodifizierte Normen für sprachliche Korrektheit von einem Aushandlungsprozess und algorithmischen Verfahren überlagert werden.

Inhaltsverzeichnis

Die »Erfindung« der Rechtschreibung im 19. Jahrhundert

Rechtschreibung und die Merkmale der Kultur der Digitalität

Deskriptive Sprach- und Medienwissenschaft

Korpora und Datenbanken ersetzen Wörterbücher

Emojis & Dialekt

Interaktionsorientierte Schreibarbeit in »real time«

»damn you, autocorrect« – Sprachassistenzsysteme

Für Maschinen schreiben

Fazit

Die »Erfindung« der Rechtschreibung im 19. Jahrhundert

Ein zentraler Text für die Geschichte der deutschen Rechtschreibung ist »Zur Orientirung über die orthographische Frage« von Konrad Duden. Der Titel alleine zeigt, dass Rechtschreibung sich wandelt. Im Gegensatz zu anderen sprachlichen Normen handelt es sich um eine bewusst geschaffene Norm, die sich auch bewusst verändern lässt (vgl. Lasselsberger 2000, S. 8ff.). 1871 ging Duden davon aus, dass »Orientirung« die richtige Schreibweise sei. In der ersten Auflage seines Wörterbuches mit dem Titel »Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache« von 1880 ist nur das Verb »orientieren« verzeichnet:

Bildschirmfoto 2020-07-12 um 15.24.14.png
Erste Auflage des »Duden«, 1880, S. 117

Duden hat Rechtschreibung nicht erfunden. Seit Jahrhunderten haben Menschen darüber debattiert, wie man Wörter schreibt. Duden hat einen Kodex geschaffen, der benutzt wurde, um sprachliche Normen zu vereinheitlichen. Sprachliche Normen sind auf verschiedenen Ebenen angesiedelt: Sie ergeben sich zunächst durch den Gebrauch von Sprache. Jede Familie entwickelt etwa eigene Sprachnormen. Mitglieder der Familie können gegen diese Normen verstoßen – das fällt dann auf und kann sozial sanktioniert werden. Familien haben aber kein Nachschlagewerk, in dem ihre Normen verzeichnet wären. Und sie können auch nicht bei einer zuständigen Person nachfragen, wenn es zu Unklarheiten oder Zweifelsfällen kommt. Es gibt sprachliche Normen also in verschiedenen Formen: Als soziale Normen, als kodifizierte (aufgeschriebene) Normen – und als Normen, die von einer Instanz durchgesetzt werden. Rechtschreibung war immer eine soziale Norm, wurde im 19. Jahrhundert zusätzlich zu einer kodifizierten und von Behörden durchgesetzten (z.B. an Schulen, in offiziellem Schriftverkehr etc.).

Normen gibt es in einer inneren und einer äußeren Form: Eine innere Norm befolge ich, wenn ich ohne groß nachzudenken schreibe, so wie ich es für richtig halte und wie Hand und Hirn quasi automatisch schreiben. Die äußere Norm ist im Duden kodifiziert und teilweise auch expliziert: Das ist dann der Fall, wenn Gründe angegeben werden, weshalb man Wörter so schreibt, wie man sie schreibt.

Konrad Dudens »Erfindung« bestand nun darin, seinen Kodex für sprachliche Normen relevanter zu machen. Dieter Nerius hat das 1989 wie folgt beschrieben (zitiert nach Lasselsberger, S. 12):

»[Die Kodifikation der Rechtschreibung in Wörterbüchern und Regelwerken wird immer dominierender für den Sprachgebrauch,] so dass alles Schreiben heute eigentlich nur Rechtschreiben bedeutet bzw. nur dann ernst genommen wird, wenn es orthographisch korrekt ist […].« 

Für die Zeit vom ersten Duden bis zur Rechtschreibreform in den 1990er-Jahren stimmt diese Bemerkung sicher. Seither hat sich aber die Kultur der Digitalität entwickelt, die eine Verschiebung vorgenommen hat. Aspekte dieser Verschiebung sind der Fokus der folgenden Abschnitte.

Rechtschreibung und die Merkmale der Kultur der Digitalität

Bildschirmfoto 2020-07-12 um 15.43.12.pngDie drei Merkmale aus Stalders »Kultur der Digitalität«dürften bekannt sein – deshalb zeige ich gleich an einem Beispiel, was sie für die Rechtschreibung bedeuten.

Ich bin konstant unsicher, ob das erste Merkmal »Referentialität« oder »Referenzialität« heißt. Der einfachste Weg, um das nachzuschlagen, ist das Wort in die Suchzeile meines Browsers einzugeben.

Bildschirmfoto 2020-07-12 um 15.42.40

Der erste Suchvorschlag zeigt, dass »Referentialität« richtig ist. Woher weiß Google das? Hier wird kein Wörterbuch konsultiert, sondern die Sprachverwendung von Menschen im Netz untersucht. In den relevanten Texten steht »Referentialität« – deshalb stimmt diese Schreibweise (es ist auch die von Stalder, wie mir Nachschlagen gezeigt hat). Ich könnte natürlich auch den Duden konsultieren: Bildschirmfoto 2020-07-12 um 15.47.57.png

Wenn Google auf eine große Menge anderer Texte verweist, um Rechtschreibfragen zu beantworten, für die es möglicherweise keine kodifizierte Lösungen gibt, dann spielt hier auch Gemeinschaftlichkeit eine Rolle: Wer an Texten mitschreibt, bestimmt, welche Schreibweisen gefunden und vorgeschlagen werden. Rechtschreibung ergibt sich über die Sprachverwendung, auf die sich (einflussreiche) Menschen einigen können. Das war vor Duden der Standard und ist nach gut 100 Jahren kodifizierter Rechtschreibung wieder der Trend.

Zuletzt die Algorithmizität. Während ich das schreibe, liest LanguageTool, ein Chrome-Plugin, mit. Wörter, die das Programm nicht kennt, werden rot unterstrichen – stilistisch Auffälliges wird blau ausgezeichnet. Die Wahl zwischen »Referenzialität« und »Referentialität« fällt mir auch deshalb schwer, weil beide Wörter als falsch markiert werden. Algorithmen prüfen also Orthografie und machen Vorschläge zur Korrektur.

Bildschirmfoto 2020-07-12 um 15.15.04
Korrekturvorschlag von LanguageTool

Deskriptive Sprach- und Medienwissenschaft

In seinem Podcast geht Michael Lewis der Frage nach, wie gute Entscheidungen getroffen werden und weshalb viele Menschen zunehmend voreingenommen wirken. In einer im April ausgestrahlten Folge spricht er mit Bryan Garner. Der Linguist hat mit »Garner’s Modern American Usage« ein Wörterbuch verfasst, das auch auf Sprachveränderungen eingeht und sie auf einer Skala beurteilt.

Bildschirmfoto 2020-07-12 um 16.10.17.png
Garners Skala für Sprachveränderung, »Language Change Index«, S. XXXV

Im Podcast spricht Garner über die Haltung der deskriptiven Linguistik, die er wie folgt darstellt und beurteilt:

»A native speaker of English cannot make a mistake and, ipso facto, if a native speaker says it, it is correct. That is a very extreme position to take, and I think an indefensible one and one that I have pretty much set my face against.«

Hinter dieser Haltung steckt die philosophische Frage, was ein (sprachlicher) Fehler überhaupt ist. Wenn wir nun die Funktionsweise von Google anschauen, dann sind verbreitete Fehler die Grundlage für die Schreibarbeit, die Zusammenarbeit und die Nutzung von Algorithmen (z.B. Stage 3 von Garner, »commonplace […] but still avoided in careful usage«).

Bildschirmfoto 2020-07-12 um 16.18.40.png

In der Schweiz schreiben viele Menschen »vorallem« als ein Wort. Das lässt sich auf zwei Arten beurteilen:

  1. Da breitet sich ein Fehler aus, weil »vor« und »allem« zwei Wörter sind, wie man im Duden leicht nachschlagen kann.
  2. Da verändert sich eine sprachliche Norm, bald wird im Duden auch »vorallem« als Variante stehen müssen, weil Menschen das offenbar als ein Wort wahrnehmen.

Wer 1. die naheliegende Position findet, sollte sich fragen, wie Fehler beurteilt werden. Weshalb machen Schülerinnen und Schüler diesen Fehler, auch wenn er ihnen in Texten ständig als falsch angestrichen wird und sie darauf aufmerksam gemacht werden, dass »vor« und »allem« zwei Wörter sind?

Die Antworten auf diese Fragen sprechen aus meiner Sicht für eine deskriptive Haltung:

  • Menschen schreiben »vorallem«, weil sie das als ein Wort abgespeichert haben und es mündlich als ein Wort benutzen.
  • Sie schreiben das Wort in umgangssprachlichen oder dialektalen Chats so, wenn diese Schreibung akzeptiert wird.

Die Regel, dass es sich hier um zwei Wörter handelt, passt weder zur mentalen Repräsentation noch zur sozialen Akzeptanz.

Eine deskriptive Haltung hat sich in der Linguistik und in der Medienwissenschaft durchgesetzt: Wer Phänomene verstehen und erklären will, kann sie nicht zuerst bewerten – sondern muss sie nüchtern betrachten. Wer hingegen durch die Brille der Norm auf das Verhalten von Menschen blickt, versteht es nicht. Mehr noch: Wer Normen voraussetzt, versteht auch nicht, wie das Verhalten von Menschen in einer Kultur der Digitalität wirkt.

Felix Stalder schreibt in seinem Buch (S. 200ff.):

»Mittlerweile lassen sich immer mehr Handlungen, Zustände und Zusammenhänge empirisch messen. [Damit verbunden ist] der Anspruch derjenigen, die über die neuen und umfassenden Beobachtungskapazitäten verfügen […], einzelne Personen besser zu kennen als diese sich selbst und so Fragen beantworten zu können, bevor sie diese stellen. […] 
Bei der »Wendung nach innen« geht es also um den Raum der »gemeinschaftlichen Formation«, konstituiert durch die Summe aller Handlungen der interagierenden Akteure. Allerdings wird eine gemeinschaftliche Formation nicht bewusst in einem horizontalen Prozess geschaffen und erhalten, sondern synthetisch als eine rechnerische Funktion konstruiert, zu der Einzelne, je nach Kontext und Notwendigkeit, zugeordnet oder aus der sie entfernt werden können. […] Aus dem gigantischen Heuhaufen durchsuchbarer Informationen werden Ergebnisse generiert, die dabei gleich zu der gesuchten Nadel erklärt werden. Wie diese Resultate zustande gekommen sind, welche Positionen in der Welt damit gestärkt beziehungsweise geschwächt werden, ist im besten Fall nur ansatzweise nachvollziehbar. Aber solange die Nadel einigermaßen funktionstüchtig ist, sind die meisten Nutzer zufrieden, und der Algorithmus registriert diese Zufriedenheit, um sich selbst zu validieren. […] Die User können die Suchergebnisse einzig pragmatisch daraufhin beurteilen, ob sie helfen, ein konkretes Problem zu lösen. Dabei steht nicht die beste Lösung oder die richtige Antwort im Vordergrund, sondern eine, die verfügbar und gut genug ist. Das verleiht den Institutionen und Verfahren, die die Lösungen und Antworten liefern, einen enormen Einfluss.«

Was heißt das für die Sprachverwendung? Digitale Plattformen errechnen Normen aus der Sprachverwendung unzähliger Menschen (und Maschinen). Autoritäten wie Garner (oder Duden oder Nerius) verlieren ihren Einfluss, intransparente Berechnungsverfahren gewinnen an Einfluss. Deskritptive Sprachbetrachtung ist das Verfahren der Algorithmen, die menschliche Sprache nach Mustern durchsuchen und diese Muster wieder ausgeben. Menschen suchen nicht nach richtigen sprachlichen Wendungen, sondern nach solchen, die im Kontext »gut genug« sind.

Kurz: In einer Kultur der Digitalität ist sprachlich das richtig, was nach den Berechnungsverfahren von Algorithmen zur Sprachverwendung anderer Menschen passt. Vor der Kultur der Digitalisierung war sprachlich das richtig, was gebildete und mächte Menschen als richtig bezeichnet haben.

Korpora und Datenbanken ersetzen Wörterbücher

Diese Erkenntnis lässt sich an der digitalen Weiterentwicklung von Wörterbüchern gut zeigen: Konrad Duden hat 1880 seine Vorstellung von Sprachrichtigkeit in einem Buch dargelegt. So wurde sie Ausgangspunkt zu einer Norm, die von der Duden-Redaktion gepflegt und entwickelt wurde: Jahr für Jahr entscheiden Menschen, welche Wörter in den Duden aufgenommen werden und welche nicht. Und wie die aufgenommenen Wörter geschrieben werden. »Referentialität« hat noch keine Aufnahme gefunden.

Was wäre die Alternative der deskriptiven Linguistik? Betrachten wir dazu das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS). Hier wird erstens deutlich, dass beide Schreibweisen möglich sind. Das Wörterbuch verweist auf einer Reihe von Korpora, die direkt durchsuchbar sind. Dabei handelt es sich um Textsammlungen, in denen sich Belegstellen für bestimmte Wendungen, Wörter oder Schreibweisen finden lassen. Hier sieht man die Ergebnisse aus dem Zeit-Korpus von 1946-2018 (dort finden sich lediglich drei Belege für das Wort, in unterschiedlichen Schreibweisen.)

Google funktioniert ähnlich wie die DWDS Korpus-Abfrage – wenn auch überhaupt nicht transparent. Die Redaktion eines Wörterbuchs kann also grundsätzlich durch eine riesige Datenbank ersetzt werden. Ob eine Schreibweise richtig ist, müssen nicht Menschen entscheiden, sondern die Häufigkeit einer Verwendung und allenfalls der Kontext der Verwendung (»Schreiben gebildete Menschen so?«) können mir anzeigen, welche Norm ich verwenden möchte. Verstoße ich mit einer neuen Schreibweise gegen Normen, so schaffe ich damit gleichzeitig einen Eintrag für diese Datenbanken, der zu einer neuen Norm führen könnte.

Emojis & Dialekt

Lange Zeit habe ich mich geweigert, in Chats Emojis einzusetzen oder Zürichdeutsch zu schreiben – obwohl beides in meinem Kommmunikationsumfeld längst zu einer Norm geworden war. Es war aber nicht meine Norm, ich war daran nicht gewohnt und auch nicht bereit, mein Verhalten zu ändern.

Das änderte sich, als mir Jugendilche mitteilten, meine Nachrichten wirkten unterkühlt, als würden mich andere Menschen nicht interessieren, nur die Sache. Die entstandenen Normen wirkten sich ohne mein Zutun und Einverständnis auf mich aus.

Dialektverwendung in Chats wird von Schülerinnen und Schülern oft mit Bezug auf Normen erklärt. Die Erklärung »Auf Schweizerdeutsch gibt es keine Rechtschreibung« ist zwar falsch, drückt aber das Bedürfnis auch, sich von kodifizierten Normen zu entfernen (richtig wäre, dass die schweizerdeutschen Wörterbücher kaum bekannt und präsent sind, so dass die darin festgeschriebenen Normen im Alltag keine Relevanz haben).

Bei der Schreibung von Dialekt werden viele Normen ausgehandelt, die Schreibenden oft nicht bewusst sind. »Ich chume hüt nöd id Badi.« (»Ich komme heute nicht mit ins Schwimmbad.«) kann – je nach Dialekt – auch als »Ich chom höt ned id Badi.« oder »Ig kum hüd nöt i Badi.« geschrieben werden. Innerhalb von Gruppen, die intensiv kommunizieren, gleichen sich solche Schreibweisen jedoch an.

Dasselbe gilt für die Verwendung von Emojis. Die gelben sind heimtückisch, weil die damit verbundenen Emotionen unterschiedlich interpretiert werden. Wann ist ein Gesicht müde, wann verärgert, erschöpft, überfordert? Wenn ist die Emotion ernst gemeint, wann ist sie ein ironischer Meta-Kommentar?

IMG_4846
Die Verwendung sprachlicher Normen, die nicht kodifiziert sind (oder bei denen die Kodices im Netz nicht zugänglich sind), führt dazu, dass in digitalen Formen Normen als verhandelbar erlebt werden. Entscheidend ist nicht, ob meine Sprachverwendung in dem Sinne richtig ist, dass sie einer Vorgabe entspricht – entscheidend ist, ob sie akzeptiert wird, ob sie passt.

Interaktionsorientierte Schreibarbeit in »real time«

Interaktionsorientietes Schreiben bezeichnet nach Angelika Storrer »einen Kommunikationsverlauf in einer digitalen Interaktionsumgebung, bei der die Möglichkeit besteht, Verstehensprobleme interaktiv zu bearbeiten«. Wenn nun, wie eingangs erwähnt, Verständnis eines der zentralen Argumente für Rechtschreibung ist, dann lösen Schreibformen in interaktiven, digitalen Settings ein Problem anders: Schreibende müssen nicht Verstehensprobleme präventiv ausräumen, sondern können sie in der Interaktion passgenau bearbeiten, wenn sie auftreten. Sie müssen Rechtschreibung dort normieren, wo es für das Verständnis wirklich wichtig ist – in allen anderen Bereichen entfällt diese Notwendigkeit.

Interaktionen verlaufen oft sehr schnell. Gab es bei Briefen oder E-Mail noch bestimmte Fristen, innert derer Antworten erwartet werden konnten, so wird in Chats oft direkt reagiert. Das bedeutet, dass zwischen dem Schreibprozess und der Publikation des Geschriebenen keine Zeit für Korrekturen bleibt. Was auch nicht nötig ist, weil die Interaktion bzw. das Schicken mehrer Botschaften hintereinander Raum für Korrekturen lässt. Aus diesem Grund hat es sich eingebürgert, in Chats Korrekturen mit * zu markieren: Falls das Gegenüber die Nachricht nicht verstehen sollte (oder aus Höflichkeit), werden Korrekturen zugänglich gemacht – die zuerst verfasste Nachricht aber nicht korrigiert, weil sie nicht mehr korrigiert werden kann.

Weil digitale Publikation in vielen Bereichen queasi schon der Standard ist (Texte sind eigentlich immer schon publiziert), veröffentlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Preprints von Arbeiten, die später ohnehin nur digital erscheinen werden. Arbeit am Text (Peer-Review, Fakten-Checks, Redaktion, Korrektur, Layout) erscheinen als Verlangsamung. Das ist auch auf Redaktionen so: Wer News schnell veröffentlichen will, ärgert sich übers Korrektorat, weil das verlangsamt. Deshalb werden Ticker-Meldungen schon länger nicht mehr korrigiert. Die Rechtschreibprüfung muss automatisch erfolgen – oder wird als Störung empfunden, nicht als Qualitätsverbesserung.

»damn you, autocorrect« – Sprachassistenzsysteme

Um das Jahr 2010 hat die Seite damnyouautocorrect.com (mittlerweile existiert sie nicht mehr bzw. wurde durch eine andere Seite ersetzt) Screenshots von lustigen Chat-Gesprächen veröffentlicht, in denen die Autokorrektur-Funktion von iPhones Missverständnisse produziert oder es Menschen erschwert hat, das zu schreiben, was sie meinen.

Die Autokorrektur-Funktion ist nur eines von mehreren Sprachassistenzsystemen: Menschen können Geräten diktieren, was sie schreiben wollen – oder sie können aus vorgeschlagenen Wörtern oder Emojis die passenden auswählen. Was in einem digitalen Kontext geschrieben wird, wird immer auch von Maschinen mitgeschrieben und umgeschrieben, teilweise auch von Maschinen falsch geschrieben.

Für Maschinen schreiben

Die Journalistin Odilia Hiller hat sich kürzlich darüber mokiert, dass Menschen zu viele Wörter mit Bindestrichen koppeln, anstatt sie zusammenzuschreiben. Über die Gründe schreibt sie Folgendes:

»Fragt man Urheber unsinniger Kopplungen, warum sie unsinnig koppeln, heisst es oft „Die Autokorrektur hat das Wort nicht erkannt.“ Bei Fortgeschrittenen wird vom „ungewohnten Schriftbild“ genuschelt. Schliesslich funkt noch die „leichte Sprache“ hinein – entwickelt für Menschen mit schweren Lernschwierigkeiten, deren Fähigkeiten zum Entziffern längerer Wörter nicht ausreichen. Offensichtlich gehen viele Autorinnen und Texter davon aus, ihre Leserinnen und Leser bewegten sich intellektuell in einem ähnlichen Rahmen.«

Was Hiller hier beschreibt, ist ein erster Reflex davon, dass Menschen nicht nur für andere Menschen schreiben, sondern auch für Maschinen. Texte sollten gut maschinenlesbar sein, damit sie von Suchmaschinen und anderen Werkzeugen verarbeitet werden können; sie sollten aber auch für Menschen gut lesbar sein und Normen genügen. Hier kann es also zu Konflikten kommen.

Bleiben wir kurz beim Schreiben für Maschinen, dann könnten die Normen des Programmierens herangezogen werden – als ein Argument, das aus der Perspektive einer Digitalität gegen eine Preisgabe fixierter sprachlicher Normen spricht: Programme müssen aus präzisen Befehlen bestehen, weil sie sonst nicht funktionieren.

Allerdings werden Programme schon lange in sogenannten integrierten Entwicklungsumgebungen oder IDEs geschrieben. Darin kommen praktische alle hier erwähnten technischen Unterstützungsformen vor: Programmiercode wird farbig ausgezeichnet, Vorschläge für Befehle werden eingeblendet, Fehler können korrigiert werden.

Ähnlich funktioniert das mit dem Zugang zum Internet, wo teilweise Präzision wichtig war: URLs werden über QR-Codes oder Autovervollständigung zugänglich gemacht, das Eingabefeld für URLs ist gleichzeitig ein Suchfenster, mit dem eine Suchmaschine angesprochen wird. Passwörter werden von Browsern und anderen Tools automatisch gesichert und müssen oft nicht mehr genau eingegeben werden. Wenn Menschen mit Unterstützung von maschinellen Verfahren für Menschen und Maschinen schreiben, dann entfernen sie sich dabei auch von Normen, die Menschen festgelegt haben. Sprache wird geprägt von den Anforderungen maschineller Verfahren: Menschen werden beispielsweise zunehmend so sprechen, dass ihre Sprachbefehle funktionieren.

Fazit

Der Niedergang der Rechtschreibung wird seit Jahrzehnten beklagt. Studien, wie etwa die von Steinig und Betzel von 2013, scheinen zu belegen, dass Menschen orthografische Normen immer schlechter beherrschen.

Solche Studien kämpfen aber auch mit methodischen Problemen, die aufschlussreich sind: Steinig und Betzel haben Schülerinnen und Schülern der vierten Klasse 1972, 2002 und 2012 ähnliche Aufgaben gestellt. Dabei haben sie jedoch festgestellt, dass die Aufgabe anders interpretiert wurde: Waren 1972 Wissenschaftler, die in die Schule kamen, selbstverständlich an formal normnaher Sprachverwendung interessiert, so erschien ihr Besuch 2012 eher als Auflockerung des Alltags, als eine Einladung, freier zu schreiben. Entsprechend lässt sich nur vergleichen, wie gut Menschen kodifizierte Rechtschreibnormen beherrschen, wenn sie Situationen und Aufgaben gleich bewerten – und wenn die Normen denselben Status haben. (Rechtschreibung ist ein schönes Beispiel für eine Diagnose einer Verfallserscheinung, die gar nicht belegt werden kann, sondern immer nur auf subjektiven Eindrücken beruht, die sich in der Wahrnehmung selbst bestätigen.)

Christa Dürscheid hat den Forschungsstand vor knapp 10 Jahren wie folgt zusammengefasst:

»Es gibt keine Evidenz dafür, dass das private, dialogische Schreiben in den neuen Medien einen Niederschlag in den Schultexten findet. Zwar kann es vereinzelt vorkommen, dass ein Smiley gesetzt wird, doch die meisten Merkmale, die typisch für das Schreiben in den neuen Medien sind und weiter oben erwähnt wurden, finden sich in den Schultexten nicht. Die Schülerinnen und Schüler wissen die beiden Schreibwelten, die private und die schulische, zu trennen.«

Die Frage ist, welchen Status »Schultexte« und »Schreiben in den neuen Medien« haben. Dürscheid unterscheidet zwischen einer offiziellen Schreibweise (bei der Normen beachtet werden müssen) und einer privaten, bei der Normen sozial und medial neu verhandelt werden können. Hier hat sich, so meine These, in den letzten zehn Jahren etwas bewegt: Die Kultur der Digitalität hat dazu geführt, dass sprachliche Normen anders gesetzt und wahgenommen werden.

Wir befinden uns in einem Übergangsprozess: Das kann erklären, weshalb vielen Menschen an kodifizierten Normen liegt, sie sich aber gleichzeitig auch mit neu ausgehandelten Normen auseinandersetzen müssen und das als Konflikt erleben.

 

 

Warum Rechtschreibung in der Kultur der Digitalität an Bedeutung verliert

Schweizer Medienkonzerne haben begonnen, Korrektorate zuerst ins Ausland auszulagern, dann ganz abzuschaffen. Die Folge sind Fehler in großen Tageszeitungen – hier hat das Jacqueline Preisig am Beispiel der Berner Zeitung vorgeführt:

Bildschirmfoto 2020-07-07 um 10.43.59

Nun kann man das als verfehlte Sparmaßnahme bezeichnen und es als Qualitätsverschlechterung beklagen – mit allem Recht. Es ist aber ein gutes Beispiel für Digitale Transformation. Um das zu erklären, lohnt es sich, den Text von Daniel Meyer zu lesen, der bei der Republik Korrektor ist:

»Sie kennen vielleicht den etwas bösen Spruch, dass manch einer, der geht, eine Lücke hinterlässt, die ihn voll und ganz ersetzt. Ist von einem Korrektorat die Rede, kommt er mir zuverlässig in den Sinn. Fragen darf man sich aber schon, warum der umgekehrte Weg keine Option ist. Warum stehen Medien­unternehmen nicht hin und sagen: Wir legen Wert auf eine gepflegte Sprache und legen uns ordentlich ins Zeug? Wir wollen auch in diesem Bereich die Messlatte setzen? Gerade der grösste Player im Land mit Titeln in der halben Schweiz sollte hier einer gewissen Vorbild­funktion nachkommen. Die Beiträge der Autorinnen, damit verbunden die Glaubwürdigkeit, sind das Kernprodukt eines Medien­unternehmens.«

Ich möchte diese Fragen nicht als rhetorische verstehen, sondern versuchen, sie zu beantworten.

Was oft als »Digitalisierung« bezeichnet wird, sind vier parallele Prozesse:

  1. Verfügbarkeit von digitalen Geräten und Software für Arbeitsprozesse
  2. ein Leitmedienwechsel vom Buch zum Netz
  3. Digitale Transformation als eine durch 1. und 2. bedingte Veränderung der Gesellschaft und aller daran beteiligten Systeme
  4. Kultur der Digitalität als eine neue Form im Umgang mit Kultur

Alle diese Prozesse führen dazu, dass die Korrektur von Texten und auch Orthographie an Bedeutung verlieren:

  • digitale Textverarbeitung arbeitet zunehmend mit Textbausteinen, Speech-to-Text-Verfahren, automatisierter Rechtschreib- und Stilprüfung. Sie ersetzen menschliche Korrektur nicht (wie Meyer richtig schreibt), führen aber zur Frage: Wenn Texte anders geschrieben werden können, weshalb braucht es weiterhin dieselben Korrekturabläufe?
    Korrekturabteilungen einzusparen ist eine (falsche) Antwort auf die Frage, wie mit dem (vermeintlichen) Produktionsgewinn umgegangen werden soll.
  • Netztexte erscheinen in Versionen, es braucht keine fertige Druckversion. Fehler können korrigiert werden, wenn sie bemerkt werden. Ich korrigiere Blogtexte nicht aufwendig, verbessere sie aber immer wieder, wenn ich Fehler entdecke oder darauf hingewiesen werden (danke, Ivano!).
  • Zeitungen können ihre Texte weniger gut monetarisieren, weil Werbung auf anderen digitalen Plattformen ausgespielt wird. Entsprechend müssen sie sparen.
  • Online first und real time haben etwa über Ticker-Formate die Publikationszeit im Journalismus fast auf 0 reduziert: Sobald ein Text geschrieben ist, kann er zur Lektüre freigegeben werden. Das Korrektorat wird hier als Verlangsamung wahrgenommen. Durch die Überarbeitung von Texten geht Zeit verloren, die für das Sammeln von Klicks und Aufmerksamkeit wichtig wäre.
  • In der Kultur der Digitalität übernehmen gesprochene Sprache und audiovisuelle Medien Funktionen geschriebener Texte. Zudem verbreiten sich konzeptionell mündliche und interaktionsorientierte Texte auf digitalen Plattformen: D.h. Fehler sind keine schlimmen Normverstöße, sondern gehören zur Sprachverwendung dazu und können ohne große Umstände korrigiert werden (wie wenn ich einen Namen falsch ausspreche – dann entschuldige ich mich und sage ihn noch einmal richtig). Bildschirmfoto 2020-07-07 um 11.08.37

In einem Vortrag über digitale Didaktik habe ich folgende Definition formuliert und begründet:

Bildschirmfoto 2020-07-07 um 11.02.10.png

Ist Rechtschreibung eine Kompetenz, die in der Kultur der Digitalität eine Rolle spielt? Wohl nur teilweise. Bereits seit einigen Jahren kann beobachtet werden, dass Orthographie weniger intensiv unterrichtet wird. Das vermag Menschen immer wieder zu empören (zu dem hier verlinkten Beitrag habe ich auch hinter der Social-Media-Bühne kritische Rückmeldungen erhalten), aber letztlich ist es eine Konsequenz aus der Entscheidung, auf welche Kompetenzen sich Schule fokussieren sollte. Wenn im Sprachunterricht gesprochene Sprache und der Umgang mit Bildern eine größere Rolle einnimmt, dann nimmt formale Korrektheit eine kleinere Rolle ein.

Es ist bedauerlich, dass Korrektorate wegfallen. Eine ganzheitliche Betrachtung der Digitalen Transformation kann erklären, weshalb das passiert – und zeigen, dass Orthographie im Vergleich mit anderen Kompetenzen einen geringeren Stellenwert einnimmt.

 

 

 

 

 

Authentizität auf digitalen Plattformen herstellen – was wir von der Polizei Hamburg lernen können

Die Polizei sieht sich aufgrund von Polizeigewalt und den damit verbundenen #blacklivesmatter-Protesten mit intensiver Kritik konfrontiert. Eine Form digitaler PR-Strategie besteht darin, auch positives Feedback zu zeigen. Das hat die Polizei Hamburg am 1. Juli gemacht:

Bildschirmfoto 2020-07-02 um 08.53.31.png

Der Tweet hat sich viral verbreitet. Sehr schnell wurde die Postkarte aber als Fälschung bezeichnet: die Schrift, die Fehler und der Stil seien nicht authentisch, könnten nicht von einem Kind stammen.

Hier passiert nun etwas, was für jede Form von Social-Media-Kommunikation relevant ist: Weil alles, was kommuniziert wird, medial vermittelt vorliegt, kann die Authentizität von allem in Zweifel gezogen werden. Mehr noch: Eine Grundregel ist, dass überzeugende, glatte Geschichten, die sich viral verbreiten, meistens nicht authentisch sind – sondern wesentliche Aspekte ausgelassen, verzerrt oder erfunden worden sind.

Was bedeutet das? Wer glaubwürdig kommunizieren will, muss damit rechnen, dass Zweifel laut werden – und wissen, wie die Antwort auf diese Zweifel ausfallen könnte.

Schauen wir uns die Reaktion der Polizei Hamburg an:

Bildschirmfoto 2020-07-02 um 08.53.49

Was hier versucht wird, ist mit einer Behauptung Authentizität herzustellen: »Ben gibt es wirklich«. Die Polizei Hamburg zeigt damit: Ihre PR-Abteilung ist bereit, ihre Glaubwürdigkeit zu riskieren in dieser Frage. Nur: Aktuell wird der Polizei vorgeworfen, Polizeigewalt zu ignorieren und zu vertuschen. Wer die Polizei so sieht, kann mit einem Verweis auf ihre Glaubwürdigkeit nicht überzeugt werden.

Authentizität entsteht so nicht. Was das Publikum wissen müsste:

  1. Woher weiß die Polizei, dass es »Ben« gibt?
  2. Wer ist »Ben« genau? Wie alt ist er, welche Schule besucht er, wie sieht er aus…
  3. Wie sieht der Umschlag aus?
  4. Wer hat sonst noch eine Karte von dieser Klasse bekommen?

Grundsätzlich bräuchte es ein Videodokument, in dem diese Fragen beantwortet werden. Dass »Ben« irgendwie geschützt werden müsste, ist kein Argument. Wer mit authentischen Dokumenten kommuniziert, muss abklären, ob alle Betroffenen einverstanden sind. In diesem Zusammenhang müssten auch Authentifizierungsstrategien geklärt werden. Wer nur die Erlaubnis hat, isolierte Dokumente zu publizieren – ohne Möglichkeit, sie in einen glaubwürdigen Kontext zu stellen – sollte sie nicht veröffentlichen.

tl;dr: Etwas zu zeigen – das reicht auf digitalen Plattformen nicht. Wer etwas zeigt, muss in Interaktionen auch belegen können, dass das Gezeigte wirklich dem entspricht, wofür es verkauft wird.

Bonus: Dejan hat einen anderen Blick auf den Tweet…