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Was wir von »The Good Place« für die Mehrwert-Debatte lernen können

Gestern habe ich beim Apéro-Gespräch eine Serienempfehlung erhalten: »The Good Place« sei witzig gemacht und doch Unterhaltung mit Anspruch, die 20-Minuten-Folgen ließen sich gut in den Feierabend integrieren oder »bingen«. Ich habe dann zurückgefragt, ob die Serie für Netflix geschrieben sei oder für einen Fernsehsender – und dann beim Schauen der ersten Folgen gemerkt, dass es eine Fernsehserie ist (sie wurde für NBC produziert und wird in Europa über Netflix ausgestrahlt).

Obwohl mir der Humor und das Konzept gut gefallen, stört mich das Fernseh-Format: Es führt zu redundanten Informationen sowohl in den einzelnen Folgen (die zweite Folge erklärt die Handlung und Exposition der ersten noch einmal usw.) wie auch zwischen Szenen: Zuschauerinnen und Zuschauer müssen nach der Werbeunterbrechung wieder abgeholt werden.

Streaming hat Serien verändert. Können die Teams, welche Serien schreiben, davon ausgehen, dass Zuschauerinnen und Zuschauer auf alle Folgen einer Serie zurückgreifen können, können sie direkter, schneller erzählen. Sie sind nicht darauf angewiesen, mitten in einer Staffel neue Zuschauerinnen und Zuschauer zu gewinnen oder Serien so zu gestalten, dass andere Sender Folgen später noch einmal ausstrahlen würden. Zu sagen, das sei der »Mehrwert« von Streaming, wäre deshalb aber unsinnig: Private Fernsehsender wie HBO haben Serien grundsätzlich verändert (»It’s not TV, it’s HBO«, mehr dazu in einem Aufsatz), indem sie Werbung entfernt und neue Finanzierungsmodelle für Serien gefunden haben, die weniger stark von Einschaltquoten abhängen, sondern DVD-Verkäufe einplanen. Netflix und andere Streaming-Anbieter haben diese Entwicklungen weitergeführt: Sie bieten Serien auch auf mobilen Endgeräten an und machen für eine gewisse Zeit alle Episoden gleichzeitig verfügbar.

Kurz: Serien werden heute anders geschrieben als vor 10 oder 20 Jahren. Das ist nicht ein »Mehrwert«, sondern einfach eine Folge veränderter technischer, medialer, gesellschaftlicher und ökonomischer Voraussetzungen. So können wir davon ausgehen, dass Unterricht, Schule und Lernen in 10 oder 20 Jahren anders erfolgen werden, weil sich die Rahmenbedingungen dafür ändern. Der Leitmedienwechsel ist ein starker Faktor, der aber auch mit anderen verbunden ist.

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Digitale Vorstellungsrunde: Zeig mir deine Emojis – und ich sag dir, wer du bist!

Unsere Smartphones sind Teil einer digitalen Identität. Ein oft nicht sichtbarer Teil: Unsere Screens sind nur für uns und unsere nahen Freundinnen und Freunde sichtbar. Sie tragen die Spuren unserer Benutzung, zeigen, welche Muster sich in unsere digitale Kommunikation und die Verwendung dieser Geräte eingeschlichen haben, vielleicht ohne, dass wir diese Muster genau benennen könnten.

Lange Zeit war der Home-Screen Ausgangspunkt für Diskussionen und Vergleiche. Im Unterricht hat sich das etwa als Einstieg in eine Diskussion über die Verwendungsweisen von Smartphones angeboten.

Ein einfaches Spiel besteht darin, einen Homescreen auf dem Projektor zu zeigen und eine Gruppe raten zu lassen, wem der Screen zugeordnet werden kann.

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Zu dieser Idee sind mit neuen Praktiken weitere hinzugekommen. Eine naheliegende besteht darin, die oft verwendeten Emojis zu zeigen – und sich dann zu fragen, ob diese Darstellung Aufschlüsse über die eigene Identität gibt.

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Leider habe ich diesen Beitrag etwas verschlafen: Mittlerweile wurde er journalistisch schon verwertet

Der nächste Schritt wäre dann, die gifs anzusehen, die häufig verschickt worden sind. In meinem Fall (alle Beispiele stammen von meinem Handy) sind das leider nur gifs, die ich jeweils ein Mal verwendet habe, da ich nicht so häufig damit arbeite. (Auch bei den Emojis sind solche dabei, die nicht direkt zu meiner Sprache gehören, genau so, wie auf meiner Startseite Apps sind, die ich teilweise noch nie geöffnet habe, weil ich über Spotlight auf Apps zugreife…) img_7704

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Persönliche vs. personalisierte Bildung: Der Duolingo-Test

Gestern habe ich im Rahmen einer Veranstaltung der Digitalen Gesellschaft Schweiz (wer in der Schweiz noch nicht Mitglied ist, sollte das werden) über zwei widersprüchliche Tendenzen gesprochen, die sich aus der Digitalisierung für das Bildungssystem ergeben.

Ich formuliere hier nicht den ganzen Vortrag aus – die Slides gibt es hier: phwa.ch/karl2019 – sondern fasse einfach den wesentlichen Gedanken zusammen, für den ich mich auf zwei Vorarbeiten stütze:

  1. Marek Ceglwoski: The Website Obesity Crisis (2015)
  2. Martin Lindner: Die Ver-Web-ung der Bildung (2016)

Geht Bildung im Netz von Personen aus, die autonom über ihr Lernen und ihr Bildungsnetzwerk bestimmen, würde ich von persönlicher Bildung sprechen. In diesem Sinne verwenden Menschen beim Lernen das Netz dazu, um Begegnungen zu schaffen, sich auszudrücken, von anderen Personen zu lernen. Kernvorstellung dieses Lernens ist das Netzwerk.

Geht die Bildung andererseits von Programmen und Unternehmen aus, die auf Plattformen gamifizierte Anreize schaffen, um die Aufmerksamkeit von Personen auf Lernprozesse zu lenken, würde ich dem personalisierte Bildung sagen. Menschen werden als Produzenten von Daten gesehen, die behavioristisch auf Reize reagieren, die Maschinen ihnen vorsetzen. Lernen bedeutet dann, korrekt mit einem Interface zu reagieren und sich in einer bestimmten Situation erwartungsgemäß bzw. standardisiert zu verhalten.

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Die Bildungsrealität spielt sich heute entweder völlig unbehelligt von diesen Tendenzen ab, weil Digitalisierung noch keinen Einfluss auf diesen Bereich des Bildungssystems hatte, oder dann häufig auf einem Mittelweg. Dieser Mittelweg ist nicht falsch: Geschieht das selbstbestimmt, kann es sehr sinnvoll sein, auf Plattformen bestimmte Fertigkeiten zu trainieren. Letztlich muss aber der Gesamtrahmen von Menschen ausgehen, nicht von Plattformen, Programmen oder Unternehmen.

Ist die Idee der persönlichen Bildung eine idealistische, die erziehungswissenschaftlich nicht neu ist und durch die Digitalisierung lediglich eine neue Schlaufe einer Spirale durchlaufen hat, so stellt die personalisierte Bildung für das gesamte Bildungssystem eine Herausforderung dar, die man mit dem Duolingo-Test bezeichnen kann:

Wer in der Schule Französisch lernt, muss das in irgendeiner Form als wirksamer erleben als wenn sie oder er in dieser Zeit auf dem Smartphone mit Duolingo arbeiten würde.

Schulischer Unterricht oder Bildungsangebote jeder Art können diesen Test leicht mit Anwesenden durchführen. Er zeigt, welche Konkurrenz von der Plattform-Bildung her droht: Werden als Ressourcen im bestehenden System eingesetzt, so muss das Ziel darin bestehen, Lerneffekte zu ermöglichen, die auf digitalen Plattformen so nicht zu erreichen sind. Aus meiner Sicht muss das sozial geschehen: Lernen muss verschiedene Perspektiven koppeln, auf jeder Stufe deutlich machen, dass die Welt mit anderen Augen anders aussieht. Meine Prognose: Bildungsangebote, die nicht so aufgestellt sind, werden schnell verdrängt.

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Wie die Plattformen den Rickroll verunmöglichen – und wie wir ihn zurückbringen können

Rickrolling ist der Prototyp eines Internet-Streiches, eines Hoaxes. Er funktioniert so: In einer Diskussion auf einem Forum oder in einer Nachricht wird ein bestimmter Inhalt angekündigt und ein Link dazu verschickt. Der Link ruft aber nicht den erwarteten Beitrag auf – sondern das auf Youtube verfügbare Musikvideo zu Rick Astleys »Never Gonna Give You Up« von 1987.

Der Streich entstand 2007 auf 4chan, einem berüchtigten regellosem Forum. Zu dieser Zeit reichte es, den Link mit einem Link-Shortener leicht zu modifizieren:

https://bitly.com/98K8eH

führt etwa zum entsprechenden Video.

Der Rickroll steht stellvertretend für eine Vermischung von Netz-, Pop- und Alltagskultur, die das Aufkommen des Web 2.0 nach sich gezogen hat. Astley und das Video stehen für Popmusik und Musikfernsehen, die sich durch das Netz dramatisch verändert haben. Der Rickroll-Link ist also zunächst ein Verweis auf eine überholte Phase der Kulturproduktion, eine Art Rauswurf aus dem Kontext, in dem der Link verschickt wird. Sehr oft wurden Rickrolls eingesetzt, wenn etwas Neues, noch nie Gesehenes angekündigt wurde: Der erste bekannte Rickroll sollte 2007 zu einem Preview für GTA IV führen, also etwas zeigen, was kulturell noch in der Zukunft lag – führte aber zurück in die noch erinnerbare kulturelle Vergangenheit.

Wie die Übersicht von KnowYourMeme zeigt, gibt es eine ganze Reihe bekannter Rickroll-Hoaxes in Institutionen, die nicht direkt mit der Kultur der Digitalität verbunden sind. 2010 haben etwa Abgeordnete im US-Bundesstaat Oregon in verschiedenen Reden einzelne Liedzeilen aus »Never Gonna Give You Up« untergebracht, die später zusammengeschnitten wurden.

Mit dem Rickroll hat ein Netzstreich den digitalen Dualismus überwunden, also vorgeführt, dass es nicht unterschiedliche Kultur- und Kommunikationsformen im Netz und außerhalb davon gibt, sondern dass das Netz Teil eines umfassenden kulturellen und kommunikativen Wandels ist.

Der Rickroll schlägt noch eine dritte Brücke: zwischen dem HTML-Link, der zentralen Funktion der Netzkultur, und Youtube, einer der ersten Plattformen im Netz. Der Link steht für das offene, freie Netz: Er ermöglicht, von einem Text auf einen anderen zu verweisen. Youtube steht für Plattformen, die beschränkt offen sind und als geschlossenes Ökosystem primär auf andere Inhalte innerhalb der Plattform verweisen.

In Rickrolls verbinden sich also die kulturelle Vergangenheit mit der Zukunft, Online- und Offline-Kultur sowie was freie und das geschlossene Netz.

Oder genauer: Sie haben sich darin verbunden. Rickrolls funktionieren heute nicht mehr. Das hat zwei Gründe: Vorschaufunktionen und Werbung.

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In diesem Twitter-Beispiel sieht man deutlich, dass Axel Krommer zwar versucht, mir einen Rickroll-Link zu schicken, dieser aber sofort als Vorschau geöffnet wird, so dass die Differenz zwischen Link-Erwartung und tatsächlichem Link-Ziel gar nicht mehr besteht. In der nicht-ausgeklappten Ansicht von Twitter wird deutlich, wie der Link ohne Vorschau aussehen würde:

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Die Vorschaufunktion ist Teil einer Entwicklung, bei der Plattformen Links prüfen, klassifizieren und den entsprechenden Inhalten eine Form geben, die dazu verleitet, die Plattform gar nicht mehr zu verlassen, sondern in diesem Beispiel das Video direkt auf der Plattform selbst abzuspielen. Die Möglichkeit, mit einem Link den aktuellen Kontext zu verlassen, wird so beschränkt; von einem Tweet oder Facebook-Post aus kann nicht mehr auf einen anderen Text im Netz verwiesen werden, vielmehr wird dieser Text, sofern er den Voraussetzungen der Plattform entspricht, darin eingebettet.

Symptomatisch für diese Entwicklung ist die Beschränkung von Instagram, das Links nur in den Profilbeschreibungen zulässt, nicht aber in Kommentaren oder Texten zu einzelnen Posts.

Das Beispiel von Sandro Bucher zeigt das zweite Problem: Google hat sogenannte Pre-Roll-Werbung vor Youtube-Videos geschaltet. Das bedeutet, dass der Song von Astley nicht direkt aufgerufen werden kann, der Klick auf den Link vielmehr zu einem Werbespot führt (der personalisiert ausgespielt wird, also von User zu Userin unterschiedlich aussieht).

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Die Interpretation dieser Entwicklung ist nicht schwierig: Die Web-Kultur wird komplett von Werbung überlagert – vor, über, hinter und neben Inhalten im Netz wird Werbung eingeblendet.

Was müssen wir tun, um den Rickroll zurückbringen zu können?

  1. Einen Link erzeugen, der kein Vorschaubild abruft.
  2. Das Video so abspielen, dass keine Werbung eingeblendet wird.

Technisch ist das nicht nur möglich – es wurde auch schon gemacht: Auf https://www.latlmes.com kann sogar vorgegeben werden, hinter dem Link verberge sich eine relevante News-Story und führt die Gerickrollten dann auf eine Seite mit einem Slogan: »You Got Rick Rolled in 2018«.

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Dieser Slogan ist symptomatisch: Der ehemals direkte Hoax ist nicht mehr möglich, er ist nur noch als eine nostalgische Sehnsucht zitierbar, er führt auf eine neu erstellte Plattform, die Youtube genau so einbettet wie Facebook oder Twitter das tun.

Die Geschichte des Rickrolls erzählt von der Entwicklung der Netzkultur in den letzten Jahren. Sie verweist auf das omnipräsente Geschäftsmodell, Kultur und Kommunikation zu verwerten, indem Werbung eingeblendet wird und Nutzerinnen und Nutzern auf Plattformen festgehalten werden. Erstaunlich ist es nicht, dass so ein harmloser Scherz verunmöglicht wird. Aber noch vielsagend: Menschliches ist auf den Netzplattformen nur noch vorgesehen, wenn es den Geschäftsvorstellungen der großen Unternehmen entspricht.

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Über Gamification im Deutschunterricht und die Quantifizierbarkeit von Lektüreerlebnissen

In diesem Gastbeitrag möchte ich Interessierten einen Einblick in die Funktionsweise eines Gamificationprojektes im gymnasialen Deutschunterricht geben, welches ich seit nunmehr fünf Jahren mit verschiedenen Klassenzügen erfolgreich durchgeführt und dabei stetig optimiert habe. Um den pädagogischen Witz einer gamifizierten Lernumgebung erfassen zu können, reicht leider der blosse Blick auf die Oberfläche nicht aus, vielmehr ist es erforderlich, die Spielmechanik und mithin die ihr zugrunde liegenden Überlegungen auszuführen, um das Gewinnbringende ihrer Nuancen zu begreifen. Das soll schlussendlich der Erkenntnis dienen, dass Gamification mehr ist eine modische Worthülse, mehr als blosses Trophäen- und Badgesammeln.

Vorweg, es werden hier keine Videospiele oder Ähnliches im Unterricht verwendet. Gamification meint einfach das Übertragen gewisser Spielmechaniken auf andere Anwendungsbereiche. Und ich glaube, hier ein anschauliches Beispiel einer relativ schlanken, aber trotzdem effektiven Variante einer solchen geben zu können, die sich auf zahlreiche andere Formen selbstorganiserten Lernens übertragen lässt. Read More

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Macht in Netzwerken – Die Analyse Castells

Ich arbeite momentan an einem Reclam-Band, in dem Textausschnitte zum Themenkomplex »Macht im Netz« versammelt sind. Beim Kürzen des Bandes ist die folgende Erklärung der Konzeption Castells rausgefallen, die ich deshalb vorab hier publiziere. 

Castells hat sich sehr früh aus soziologischer Perspektive Gedanken zu den Auswirkungen dessen gemacht, was oft »Digitalisierung« genannt wird. Diese Gedanken sind auch heute lesenswert und erhellen zentrale Zusammenhänge der Frage, wie Machtfragen in der Netzwerkgesellschaft verhandelt werden. 

* * *

Der spanische Soziologe Manuel Castells hat in den 1990er-Jahren eine umfassende Analyse der »Netzwerkgesellschaft« vorgelegt. Er betrachtet Netzwerke als die dominante Organisationsstruktur in allen gesellschaftlichen Systemen: Vom Militär über die Politik bis zur Wirtschaft. In einem Aufsatz von 2011 bespricht Castells den Zusammenhang von Netzwerken, multimedialer Kommunikation und Macht. Ausgangspunkt ist eine Definition von Macht:

Macht ist die relationale Fähigkeit, den Willen eines Akteurs dem Willen eines anderen Akteurs überzuordnen, basierend auf den strukturellen Möglichkeiten der Beherrschung, welche in Institutionen oder die Gesellschaft eingebettet sind. (Castells 2011, S. 775).

Das Zitat macht deutlich, dass Netzwerke oder genauer digitale Kommunikationsnetzwerke die Art und Weise verändern, wie Mechanismen der Beherrschung funktionieren und in die Gesellschaft eingebettet sind. Castells sieht Kommunikationsnetzwerke als grundlegend an. Sie eröffnen – wie andere Netzwerke auch – vier Arten von Machtverhältnissen:

  1. Ausschlüsse und Einschlüsse: Wer ein Netzwerk programmiert, legt fest, wer dazu Zugang hat und wer nicht. Das gilt für politische Prozesse in einer Demokratie, bei der geregelt ist, wer in Ämter gewählt werden kann und wird. Es gilt gleichermaßen für digitale Plattformen wie Facebook: Einerseits erleichtert Facebook in Entwicklungsländern den Zugang zur Plattform mit Browsern, die sehr wenige Daten benötigen und so auch bei schwacher Netzanbindung den Zugang zu Facebook ermöglichen. Andererseits schließt Facebook Profile aus, wenn die Verantwortlichen auf Regelverstöße aufmerksam werden.
  2. Koordination von Netzwerken: Nicht nur die Teilhabe wird durch Programme festgelegt, sondern auch die Formate der Nachrichten, die in Netzwerken verschickt werden können. Auch hier können politische Netzwerke mit digitalen Plattformen verglichen werden: Nicht nur erfolgen Wahlen und Abstimmungen mit standardisierten Formularen, auch die Redebeiträge in Parlamenten sind bezüglich Länge, Inhalt und Aufbau normiert. Ganz analog gibt es Standards, die Regeln, welche Dateiformate auf digitalen Kanälen verschickt werden können und wie sie dargestellt werden können. Ein naheliegendes Beispiel sind gif-Dateien, mit denen kurze Filmsequenzen so dargestellt werden, dass sie automatisch ablaufen. gifs waren lange Zeit ein Grund, tumblr zu nutzen: Die Dateien konnten dort leicht eingebunden und dargestellt werden. Twitter, Facebook und WhatsApp zeigten bis 2016 nur unbewegte Bilder an.
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    Castells fügt seiner Analyse zur Koordination als Machtinstrument zwei Bemerkungen hinzu:
    (a) Weil es so viele verschiedene Formate von Nachrichten gibt, entsteht aus der Macht, Standards zu bestimmen, auch eine Gegenmacht, welche den Kontrollverlust über Nachrichten in digitalen Kontexten ausnutzt. In China werden viele Begriffe im Netz von der Zensur unterdrückt: So ist es beispielsweise nicht möglich, bestimmte politische Ereignisse zu erwähnen. Deshalb sind viele Chinesinnen und Chinesen dazu übergegangen, mit Alltagsbegriffen auf politische Zustände zu verweisen: Das Zensursystem setzt Standards, kann aber nicht verhindern, dass sie unterlaufen werden. Dasselbe gilt für Systeme, welche Fluchwörter oder sexualisierte Sprache in Chatsystemen unterdrücken sollen: Mit leichten Verfremdungen gelingt es, die Verfahren zu umgehen.
    (b) Der Wert von Standards ist abhängig von der Zahl von Menschen, die sie benutzen. E-Mail ist deshalb ein wertvoller Standard, weil sehr viele Menschen E-Mails empfangen und verschicken können. Dadurch verlieren Alternativen an Wert und verschwinden auch: Die Wahlfreiheit von Menschen wird dadurch eingeschränkt. In beruflichen Kontexten ist es kaum denkbar, den E-Mail-Standard nicht zu verwenden.
  3. Macht in Netzwerken: Diese Art von Machtverhältnissen hat mit Themensetzungen und redaktionellen Entscheiden zu tun. Wer bestimmt, mit welchen Inhalten sich die Teilnehmenden in einem Netzwerk befassen? Wer legt fest, was gut sichtbar ist und was im Netz gesucht werden muss? Castells geht davon aus, dass das von den einprogrammierten Zielen eines Netzwerks abhängt. Am Beispiel von Facebook lässt sich das besonders gut zeigen: Mark Zuckerberg, der CEO des Unternehmens, weigert sich, bestimmte problematische Inhalte (z.B. das Leugnen des Holocaust) auf Facebook zu unterdrücken – weil ein Ziel der Plattform die Maximierung der Zeit ist, die Menschen auf der Plattform verbringen. (Je intensiver sie Facebook nutzen, desto mehr Werbung kann an sie ausgespielt werden.) Egal wie kontrovers oder verwerflich Inhalte sind – sie sind es, die Menschen dazu bringen, Facebook zu nutzen. So lässt sich die redaktionelle Entscheidung erklären, diese Inhalte nicht zu entfernen und in ihrem Zusammenhang keine Sanktionen auszusprechen. Die Macht in den Netzwerken wird aufgrund der einprogrammierten Ziele verteilt. Was oder wer ein Netzwerk seinen Zielen näherbringen kann, kann darin Macht ausüben. So lässt sich erklären, dass Menschen, die radikale Inhalte veröffentlichen und Hass und Empörung verbreiten, auf digitalen Plattformen Machpositionen einnehmen können: Sie unterstützen die Netzwerke dabei, die Aufmerksamkeit von Nutzerinnen und Nutzern zu maximieren.
  4. Netzwerke herstellen: Auf einer noch höheren Ebene werden diese Ziele definiert, so dass Netzwerke überhaupt erst entstehen können. Zudem werden Schalter zwischen den Netzwerken festgelegt, die ihre Kooperation und ihre Verhältnisse regeln. Castells spricht hier von Metaprogrammen, die festlegen, was überhaupt programmiert wird.
    Ein gutes Beispiel dafür ist die Blockchain, die Idee hinter Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum. Die Funktionsweise der Blockchain kann gut anhand ihrer Anwendung im Gebrauchtwagenmarkt erklärt werden: Kaufe ich heute einen Gebrauchtwagen, muss ich der Person vertrauen, die ihn verkauft. Belügt sie mich in Bezug auf Schäden oder Unfälle, dann zahle ich möglicherweise deutlich zu viel für das Fahrzeug. Wird der Gebrauchtwagenmarkt auf einer Blockchain erfasst, so wird jedem Fahrzeug eine Datei zugeordnet, in der alle Reparaturen verschlüsselt hinterlegt sind. Kaufe ich das Fahrzeug, kann ich lückenlos überprüfen, wann wer welche Arbeiten daran vorgenommen hat, möglicherweise auch, wie teuer sie waren. Nehme ich als Besitzer des Wagens weitere Reparaturen vor, muss ich sie ebenfalls in diese Datei eintragen. Technisch ist es kaum möglich, die Dateien zu manipulieren. Die Blockchain ist also eine dezentrale Datenbank, in der bestimmte Vorgänge mit hoher Sicherheit dokumentiert werden können (allerdings auch nicht viel anders, als das durch amtliche Stempel möglich ist). Neben dem Gebrauchtwarenmarkt sind weitere Anwendungsbeispiele denkbar: Währungen mit Zahlungsvorgängen oder Temperaturen bei Lebensmitteln oder Medikamenten, bei denen eine geschlossene Kühlkette von Bedeutung ist. Blockchain-Netzwerke verfolgen zwei Ziele: Zusammenarbeit ohne Vertrauensverhältnis zu ermöglichen, indem Datenbankeinträge vollständig, transparent und dezentral gespeichert werden. Kaufe ich einen Blockchain-Gebrauchtwagen, muss ich dem Verfahren vertrauen –  nicht aber der Person, die mir etwas verkaufen will. Niemand kann Daten, die erfasst sind, verändern; ihre Korrektheit wird nicht von einer Institution garantiert, sondern von einem Programm und seinen Daten. Daran zeigt sich, dass die ideologischen Ziele solcher Netzwerke darin bestehen, gesellschaftliche und technologische Funktionen unabhängig von Staaten und anderen großen Organisationen anzubieten.
    An der Blockchain lässt sich aber auch ein zweiter Aspekt zeigen, den Castells dieser Ebene von Machtverhältnissen zuordnet: Die Kontrolle über Schnittstellen oder Schalter zwischen den Netzwerken:

    Schalter, die die Netzwerke untereinander verbinden – etwa Finanzströme, die die Kontrolle über Medien-Imperien übernehmen, die wiederum politische Prozesse beeinflussen – sind die bevorzugten Instrumente der Macht. Damit sind diejenigen, die die Schalter betätigen, auch diejenigen, die die Macht innehaben. Weil es eine Vielzahl von Netzwerken gibt, werden die Codes und Schalter, die zwischen den Netzwerken vermitteln, zu den grundlegenden Quellen, durch die Gesellschaften geformt, geleitet und fehlgeleitet werden. (Castells 2017, S. 596)

    Soll die Blockchain als Netzwerk funktionieren, muss sie an andere Netzwerke anschlussfähig sein: So müssten etwa die Einträge im Gebrauchtwagenregister juristische Relevanz haben oder die Politik müsste Einkommen und Guthaben in Kryptowährungen steuerlich erfassen können.

Fassen wir zusammen, so zeigt sich Macht im Netz in vier Aspekten: In der Festlegung von Zugängen und Ausschlüssen – bei Normen und Standards – bei redaktionellen Entscheiden über die Sichtbarkeit von Inhalten – bei der Festlegung der relevanten Ziele und der Schnittstellen zu anderen Netzwerken.

Betrachtet man etwa das Netzwerk der Politik, so sieht man, dass es direkt mit digitalen Kommunikationsnetzwerken verbunden ist. Während der Zeit des Arabischen Frühlings wurde diese Verbindung oft als eine emanzipatorische gedacht: Menschen, die in Diktaturen leben und politisch benachteiligt werden, können sich im Netz zusammenschließen und ihre Widerstandsarbeit koordinieren. Das Netz erscheint als eine demokratiefördernde Technologie. Mittlerweile haben Einflussnahmen auf Wahlen und Abstimmungen diesen Eindruck gestört: Viele Menschen denken, das Netz erschwere demokratische Prozesse und ermögliche flächendeckende Manipulation. In dieser Wende wird deutlich, was Castells als das Verhältnis von Macht und Gegenmacht bezeichnet: Jedes Machtverhältnis in Netzwerken schafft auch Räume für Widerstand und alternative Formen von Machtverteilung.

 

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KI in der Schule: Als Ersatz für Lehrkräfte, als Assistenz oder zur Evaluation?

Wir sind noch nicht so weit, dass sich Roboter echt Sorgen machen können um Schüler. (Beat Zemp)

Am »Tech Lunch« der Privatschule »Juventus« hat der Präsident des LCH, Beat Zemp, zusammen mit Roland Siegwart von der ETH und Petra Ehmann von Google darüber nachgedacht, ob Systeme mit künstlicher Intelligenz Lehrpersonen bald ersetzen könnten.

Ein Blick des Lehrers ist heute immer noch mehr wert als 1000 Klicks. (Beat Zemp)

Die beiden Zitate von Beat Zemp (das erste stammt aus einem Blick-Artikel) irritieren: Weil sie deutlich davon ausgehen, dass es entweder unvermeidlich oder wünschbar wäre, dass Lehrerinnen und Lehrer dereinst durch Maschinen ersetzt werden – nur sei die Technik heute noch nicht so weit.

Die Diskussion resultierte denn auch im Fazit, dass automatisierte Systeme bestimmte Aufgaben an Schulen werden übernehmen können, also eine Art Assistenz-Funktion einnehmen werden:

Lehrpersonen wird es immer geben, aber sie werden sich auf andere Aufgaben konzentrieren als etwa das Korrigieren. (Petra Ehmann)

Für Professor Roland Siegwart, Leiter Autonomous Systems Lab an der ETH Zürich, kann die Videoüberwachung im Schulzimmer sinnvoll sein, wenn die Datenanalysen helfen, die Kinder effizienter zu begleiten. (Blick)

Auch ohne kritischen Kommentar macht die Diskussion deutlich, dass sich die Rolle der Lehrerin und des Lehrers verändern wird, wenn das die Zukunft der Schule ist. Die technische und psychologische Begleitung automatisierter Systeme wird viel Energie beanspruchen – so dass sich die Frage, ob ein solcher Unterricht »effizienter« ist, eindringlich stellt.

Menschliche Lehrende reagieren auf die Persönlichkeit und die schulische Leistung des Kindes. Sie auf die Aufgabe zu reduzieren, sich Sorgen zu machen um Kinder, entspricht einer Techniklogik, die all die Prozesse abspaltet und automatisiert, die Menschen nicht effizient genug abarbeiten (also etwa das Korrigieren) – und die Aufgaben Menschen überlässt, bei denen sie Maschinen outperformen. Setzt sich diese Sicht durch, dann stehen Lehrerinnen und Lehrer in Zukunft in Konkurrenz mit Systemen, die künstliche Intelligenz einsetzen – und können sich Nischen suchen, in denen sie bessere Leistungen als das System bringen können.

Setzt sich diese Vision durch, werden Kinder bald in vielen Schulzimmern von Systemen gecoached, die auf AI-Speakern wie Alexa von Google funktionieren und auf ihre Stimmen »reagieren« können.

Gravierender dürfte aber eine andere Tendenz sein, die Christoph Kucklick in seinem Buch »Die granulare Gesellschaft« beleuchtet. In diesem Kapitel diskutiert er den Einfluss von umfassenden Rating- und Scoring-Verfahren:

Die Reputation Einzelner wird gewaltig steigen, aber Berufszweige als Ganze dürften eher an Ansehen verlieren. Die öffentlich gemachte Fehlbarkeit von Anwälten, Ärzten, Richtern, Handwerkern und Lehrern dürfte ihre Aura lädieren und ihren Expertenstatus relativieren. So wie Schachgroßmeister nicht mehr ganz so glorios dastehen, seitdem Taschencomputer sie schlagen, werden auch Fachleute Probleme haben, eine Aura der Unfehlbarkeit zu kultivieren. Mehr Ärzte als bisher werden als zweit- oder drittklassig entlarvt und ihr Abstand zu den Besten ihres Faches wird der Öffentlichkeit schmerzhaft bewusst.

Wie schmerzhaft, zeigt sich an der Diskussion um schlechte Lehrer, die in den Schulen bislang standhaft verweigert wird, weil die Institutionen noch nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Dabei ist der Abstand zwischen guten und schlechten Lehrern gewaltig und kann den Lebensweg der Kinder entscheidend beeinflussen, vor allem der bildungsfernen. Aber im Schulsystem wird weiter vorgetäuscht, alle Lehrer wären gleich gut – oder wie ein Kultusminister ironisch formulierte: »Ausgehend von den Beurteilungen sind 90 Prozent aller Lehrer überdurchschnittlich.« Diese Illusion der fachlichen Hochleistung wird in der Rating-Gesellschaft zerbröseln.

Das grundsätzliche Problem ist die Akzeptanz der Messbarkeit: Sobald es einen Konsens darüber gibt, wie Lerneffekte gemessen werden können, passieren zwei Dinge:

  1. Die Arbeit von Lehrperson wird durchleuchtet und sie werden aufgrund dieser Messungen bewertet.
  2. Menschen und KI liefern sich einen Wettkampf beim »teaching to the test«: Unterricht wird darauf reduziert, messbare Ergebnisse zu erzeugen.

Der zweite Effekt lässt sich in den USA seit Längerem beobachten: An Schulen, bei der Polizei, bei Gerichten etc. wird mit Messungen so starker Druck erzeugt, dass die Angestellten komplett unsinnige Dinge tun, um Messwerte erreichen zu können und die daran geknüpften Leistungen zu erhalten. So werden etwa Gefängnisstrafen erhöht, Bussen geschrieben oder Prüfungen für Schülerinnen und Schüler geschrieben, nur um einer großen Maschine den Eindruck zu ergeben, eine wirkliche Leistung sei erbracht worden.

Fazit: Wir dürfen im Bildungssystem nicht der Vorstellung erliegen, die relevanten Prozesse seien messbar. Das ist auch der Grund, weshalb ich grundsätzlich gegen jede Form von Noten bin – Schulen sollten lediglich sinnvolles Feedback auf Leistungen geben, aber keine Scores. Jede Art von Leistungsmessung erzeugt Fehlanreize und massive Ungenauigkeiten. Lernen und Leistung lassen sich nicht messen (oder nur mit einem Aufwand, den keine Schule leisten kann).

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