Fünf Forderungen für Digitale Bildung

Auf Google+ fordert Martin Lindner das interessierte Publikum auf, fünf Foderungen für Digitale Bildung zu formulieren, die »gern auch unrealistisch, nur im Kern vernünftig« sein sollten. Er bezieht sich dabei auf sein Buch-Exposé »Bildung für alle«.

Ich möchte die Anregung auf nehmen und formuliere hier meine fünf Forderungen:

  1. Formelle und informelle Bildungsprozesse verschränken. 
    Die stärken von digitalen Bildungsprozessen liegen in ihrer losen Struktur und ihrer radikalen Individualität. Persönliche Lernnetzwerke sind auf eine einzelne Person zugeschnitten, sie haben keine starren Regeln, sondern funktionieren vielleicht in einer Hinsicht, in einer anderen nicht. Digitale Bildung akzeptiert das: Sie bietet in formellen Bildungsprozesse Schnittstellen für informelle Lernprozesse und setzt voraus, dass die Lernenden auch informell lernen. Damit wird das Axiom verabschiedet, dass es schulische Bildung als ein Monopol gibt, sondern schulische Bildung systematisiert und zertifiziert Lernen, das informell oder formell stattfindet.
  2. Fokus auf Reflexion und Dialog. 
    Die besten Nachhilfelehrer für Mathematik sind Computerprogramme. Sie bringen uns auch das 10-Finger-System bei, das Gitarre spielen und trainieren Vokabeln von Fremdsprachen. Viele solcher automatisierbaren Abläufe kann und soll Digitale Bildung nicht anbieten, sondern einen Dialog darüber anbieten, der Reflexion ermöglicht. Diese Reflexion ist nicht ein Schlagwort, sondern eine echte Auseinandersetzung mit Praktiken, Kompetenzen und ihrer Gewichtung. Dieser Fokus überlässt die Anwendung und das Üben digitalen Hilfsmittel und macht Lernangebote auf einer Meta-Ebene. 
  3. Nicht-Digitale Bildung als Alternative. 
    Digitale Bildung bietet Lernprozesse an, die sich nicht digitalisieren lassen. Kinder gehen jede Woche einen Tag in den Wald, sie lernen schwimmen, erleben gemeinsam die Dunkelheit, erzählen sich Geschichten, nehmen ihren Körper wahr. Strengen sich an, ruhen sich aus. Kochen, essen, löten und ziehen Kerzen . Sie bauen etwas mit ihren Händen. Sie spielen Theater. Wichtig ist hier: Es geht nicht um einen Ersatz, sondern eine Ergänzung, eine Abwechslung, eine Distanz, aus der auch Reflexion möglich ist.

    Resultat von Digitaler Bildung.
    Resultat von Digitaler Bildung.
  4. Use Your Own Device. 
    Digitale Bildung scheitert oft an der Praxis. Lange wird debattiert, welche Geräte angeschafft werden, wie Missbrauch verhindert wird, wie sie reserviert werden können etc. Dann sind sie nicht aufgeladen, lassen sich nicht anschließen, Daten gehen verloren etc. Es gibt nur ein Rezept: Jede Schülerin und jeder Schüler hat ihr und sein eigenes Gerät, mit dem sie sich bilden. Privat und in der Schule. Sie können niederschwellig Support erhalten, sind aber selber verantwortlich für das Funktionieren des Geräts und die Verfügbarkeit von Daten.
  5. Bottom Up. 
    Digitale Bildung beginnt nicht mit einem Konzept, das alle Eventualitäten abdeckt, sondern mit best practice. Lehrpersonen und Klassen werden ermuntert, zu experimentieren. Neues anzugehen und ihre Erfahrungen mitzuteilen. Ergebnisse werden nicht in statischen Lehrplänen festgeschrieben, sondern dynamisch protokolliert, überarbeitet, kommentiert und ergänzt. Digitale Bildung entsteht wie Inhalte im Web 2.0: Kollaborativ, ausgehend von einem Autorin, aber filterbar vom Rezipienten, verlinkbar, in vielen Versionen.
  6. (Ja, es sollten fünf sein, aber eine Forderung habe ich noch.)
    Hacken als Prinzip. 

    »Was einen Hacker von anderen Technikenthusiasten hervorhebt, ist die selbstbezügliche Hingabe im Umgang mit Technik. Ohne dass dies für einen Beobachter zwangsläufig sinnvoll erscheint, kann er sich aus Spaß am Hacken durchaus für die Lösung von Problemen begeistern, die aus rein praktischen Erwägungen gar keine sind. Wie das Jargon File beschreibt, genießt ein Hacker die intellektuelle Herausforderung, auf kreative Weise Grenzen zu überwinden oder zu umgehen. Neben der üblichen Nutzung von Technik geht es darum, etwas auszuprobieren und zu entwickeln. Technik zu überarbeiten und dabei auch in einer Weise zu verwenden, für die sie ursprünglich nicht vorgesehen war, entwickelte sich so zu einem wesentlichen Merkmal ihrer Kultur.« – Wikipedia

    Die Herausforderung für die Zukunft der Digitalen Bildung wird sein, ob wir alle in den Netzwerken aufgehen und die Netzwerke uns als Teilnehmerinnen und Teilnehmer brauchen, oder ob wir die Netzwerke einrichten und nutzen. Letzteres gelingt dann, wenn wir sie hacken und das Hacken als zentrale Bildungstechnik fördern und fordern. Dazu muss man sich wohl etwas mit Programmieren auseinandersetzen, aber vielleicht auch mit ganz anderen Dingen. Es gibt keine Vorgaben, wie Geräte und Netzwerke benutzt werden, sondern im Gegenteil: Gerade die Abweichung von Vorgaben wird angestrebt und gefördert.

**Zusatz, 24. Januar**

Martin Lindner hat seine fünf Forderungen auch notiert. Hier die Kurzform, die lange Fassung kann man hier nachlesen:

  1. Hilfe zur Selbsthilfe: Ressourcen für selbstorganisiertes Lernen
  2. Ein Pool für Offene Bildungs-Ressourcen (OER)
  3. Eine offene Online-Akademie für „Digital Literacy“
  4. Colearning-Räume im ganzen Land
  5. B-Inkubator:  „Seed Capital“ für hunderte kleine „Digitale Bildung“-Projekte.

Kreative Bearbeitung von Werther – »Schreiben unter Strom« 

Ich habe Stephan Porombkas »Schreiben unter Strom« schon vorgestellt. In Anlehnung an seine Vorschläge habe ich nun eine Unterrichtseinheit zu Werter konzipiert, die sich auf diesem Arbeitsblatt findet (pdf). Dazu gehört auch die Aufforderung an die Lernenden, ihr Projekt sinnvoll zu dokumentieren und eigene Bewertungskriterien in der Zusammenarbeit mit mir zu erstellen. Entsprechende Materialien dazu werde ich nachliefern.

Um das Arbeitsblatt sinnvoll weiterverwenden zu können – wie alle Texte auf dem Blog CC-BY-lizenziert – hier der Text mit Links:

Werther: Kreative Bearbeitung
Vorschläge für eine Gruppenarbeit

Parallel zur Einführung in die Epoche des Sturm und Drangs und zur Lektüre von Goethes »Die Leiden des jungen Werthers« erarbeiten Sie in Gruppen ein kreatives Projekt, in dem Sie die Lektüreerfahrung verarbeiten und ein neues Kunstwerk gestalten.

(1) Regiekonzept zu einem Stück

Sie arbeiten den Text zu einem Stück um. Im Regiekonzept handeln Sie folgende Themen ab:

  1. Auswahl und Gewichtung des Textes (welche Passagen heben Sie hervor, wiederholen Sie, welche streichen Sie?) Originalfassung oder Umschreibung (z.B. auf Dialekt etc.)?
  2. Wie gestalten Sie die Figuren? Welche wählen Sie aus (und warum)? Kostüme? Sprechweise?
  3. Gestaltung der Bühne, Requisiten etc.
  4. Dramaturgie: Wie ist das Stück aufgebaut und warum?
  5. Wirkung auf die heutigen Zuschauerinnen und Zuschauer: Was wollen Sie ihnen zeigen?
  6. Weitere Eigenschaften des Stücks: Licht, Musik …

Ein Beispiel für den Hintergrund einer Inszenierung eines Theaterschaffenden finden Sie unter: phwa.ch/wertherinszenierung

(2) Vom Briefroman zum Email/Twitter/WhatsApp-Roman

Wählen Sie einen geeigneten Ausschnitt aus dem Briefroman und stellen Sie sich vor, Werther würde per Email kommunizieren. Schreiben Sie dann den Ausschnitt neu als eine Folge von Email-Wechseln (zwischen 20 und 30 teilweise kurzen Mails).

Sie können das Medium beliebig wählen: Es ist auch möglich, verschiedene Twitter-User zu erfinden und die interagieren zu lassen, oder dasselbe auf Facebook etc. zu tun.

Ebenfalls frei sind Sie darin, ob Sie die Originalgeschichte in einem neuen Medium erzählen wollen oder ob sie die Handlung gleichzeitig modernisieren wollen und Werther zu einem tragisch Verliebten im 21. Jahrhundert wird.

Diese Idee ist nicht neu. Sie können sich hier inspieren lassen: phwa.ch/wertheremail               

(3) Eine eigene Idee

Der Text inspiriert Sie vielleicht zu etwas ganz anderem. Dann sollen Sie das tun. Wichtig ist, dass Sie das Projekt vorgängig skizzieren können, es hauptsächlich um eine Arbeit mit dem Text geht und Ihr Projekt mit dem Fach Deutsch zu tun hat (aktive und passive Verwendung der deutschen Sprache).

Einige Idee haben ich von Stephan Porombka: Schreiben unter Strom. Duden Verlag, 2012. 

Bildschirmfoto 2013-01-07 um 11.56.19

 

Verhalten in Chats

Dabei ist der Begriff »Gespräch« durchaus zutreffend: Auch wenn die Chats ins Handy getippt werden und so scheinbar schriftlich erfolgen, haben sie wichtige Merkmale mündlicher Kommunikation: Sie sind flüchtig, erfolgen synchron, dialogisch und sind unvollständig und fehlerhaft.  Jugendliche verwenden die syntaktisch scheinbar fehlerhafte Wendung »mit jemandem schreiben«. Diese Formulierung passt die dialogische Formulierung »mit jemandem reden« für den digitalen Kontext an und ersetzt damit die transitive – und damit monologische Formulierung »jemandem schrieben«.

Die Gespräche erfolgen jedoch – anders als analoge Gespräche – simultan. Die technischen Gegebenheiten bringen zudem die Möglichkeit einer viel stärkeren Selektivität mit sich.

Sherry Turkle beschreibt diese Bedrohung wichtiger sozialer Fähigkeiten in ihrem Buch »Alone Together«. Die Computerwissenschaftlerin beschreibt die paradoxe Situation, dass Social Media und konstant in Verbindung mit anderen Menschen treten lassen, diese Verbindungen aber nicht haltbar und belastbar sind, sondern uns nur konstant beschäftigen und uns einsamer werden lassen. Sie schreibt zusammenfassend:

Online, we easily find “company” but are exhausted by the pressures of performance. We enjoy continual connection but rarely have each other’s full attention. We can have instant audiences but flatten out what we say to each other in new reductive genres of abbreviation. […] We have many new encounters but may come to experience them as tentative, to be put “on hold” if better ones come along. Indeed, new encounters need not be better to get our attention. We are wired to respond positively to their simply being new. […] We like being able to reach each other almost instantaneously but have to hide our phones to force ourselves to take a quiet moment.
[Übersetzung phw:] Online finden wir leicht »Gesellschaft«, aber der Druck, etwas leisten zu müssen, erschöpft uns. Wir genießen kontinuierliche Verbindungen aber haben selten die ganze Aufmerksamkeit unseres Gegenübers. Wir haben sofort Publikum, aber dampfen das, was wir einander sagen, mit neuen Mitteln der Abkürzung ein. […] Wir machen viele Bekanntschaften, aber sie sind provisorisch, wir können jederzeit ignoriert werden, wenn sich interessantere Gesprächspartner anbieten. Neue Bekanntschaften müssen nicht einmal interessanter sein, wir haben gelernt, alles Neue positiv zu bewerten. […] Wir mögen es, einander ständig und sofort erreichen zu können, aber müssen unsere Telefone verstecken, um uns einen ruhigen Moment zu verschaffen.

Diese pessimistische Perspektive auf die neuen Möglichkeiten, Gespräche zu führen, ergänzt Turkle durch ein Bild der Familie, die beim Essen nicht mehr vor dem Fernseher sitzt, sondern deren Mitglieder alle konstant mit Abwesenden in Verbindung stehen und so nicht in der Lage sind, mit den wichtigsten Menschen in ihrer Umgebung ein gehaltvolles Gespräch zu führen.

Was Turkle beschreibt, ist eine Gefährdung, der Jugendliche stärker noch als Erwachsene ausgesetzt sind. Im Aufbau eines eigenen sozialen Netzes sind sie darauf angewiesen, viele neuen Bekanntschaften zu machen. Soziale Netzwerke helfen ihnen dabei, es fällt ihnen leicht, gemeinsame Interessen zu entdecken und Gesprächsthemen zu finden. Gleichzeitig bedarf es aber einer konstanten Präsentation der eigenen Persönlichkeit: Das eigene Stilbewusstsein, die Medienkompetenz, der Sinn für Humor, der soziale Status sowie das Aussehen können ständig überprüft und upgedated werden. Jugendliche nehmen ihre Mitmenschen häufig auch über ihre Erscheinung auf sozialen Netzwerken wahr – obwohl ihnen klar ist, dass es sich nicht um ein Abbild einer realen Person handelt.

Nüchtern gesehen steigt dadurch die Komplexität der sozialen Interaktionen: Jugendliche werden von ihren Peers heute nicht nur aufgrund ihrer körperlichen Erscheinung, ihrer Kleidung, ihrer Rhetorik, ihres Wissens und ihrer Kompetenzen eingeschätzt und beurteilt, sondern auch aufgrund ihres Auftritts und Verhaltens im Cyberspace.

Chats haben dabei aber selten den Charakter eine Selbstzwecks. Soziale Verbindungen wurden schon immer medial hergestellt: Ob Kontakte mit Briefen, per Telefon oder im Internet geknüpft oder gepflegt werden, ist qualitativ nicht von Belang. Bedeutsam ist die Beschleunigung der medialen Sphäre: Der Austausch erfolgt permanent, begleitet jede andere Aktivität und kennt unter Umständen keine Pause. Beziehungen können so sehr eng werden – Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner erwarten ständig Antworten, Reaktionen, Lesebestätigungen. Mit leistungsfähigen Smartphones gibt es kaum geschützte Räume mehr, in der Menschen mit sich alleine sind oder die Gesellschaft real Anwesender die einzige Form des Miteinanders ist.

Gerade weil Chats das Medium sind, in dem Jugendliche und auch Kinder konstant aktiv sind, ist es wichtig, dass die Schule das Thema aufgreift. Eine empfehlenswerte Möglichkeiten bieten dabei die Lehrmodule »Chatten ohne Risiko«:

Dort sind ausführliche Beispiele enthalten, wie Gefahrensituation in Chats mit Unbekannten entstehen, die geeignet sind, Unterrichtsgespräche darüber in Gang zu bringen:

Gleichzeitig vermeidet das Lehrmittel einen Alarmismus: Es informiert sachlich und unaufgeregt.

Sexting: Inhalte von Social Media direkt auf Pornoseiten

Die Diskussionen um Reddit bzw. den User violentacrez, ein soziales Netzwerk, wo in Unterforen in den USA legale, sexualisierte Bilder von Jugendlichen und Unwissenden verbreitet werden, führen zur Erkenntnis, dass Inhalte, die sich Jugendliche untereinander zusenden, von Pornoseiten verwendet werden. Das berichtet der Guardian.

Der Artikel zitiert die Internet Watch Foundation IWF:

88% of self-made sexual or suggestive images and videos posted by young people, often on social networking sites, are taken from their original online location and uploaded on to other websites.
[Übersetzung phw:] 88% aller selbstgemachten sexuellen oder anzüglichen Bilder und Video, die junge Menschen verbreiten, oft auf Social Media Seiten, werden auf andere Seiten hochgeladen.

Sobald Bilder ins Internet geladen werden, können sich nicht mehr kontrolliert werden. Bei sexualisierten Darstellungen ist dies besonders fatal – weil einerseits ein großes Interesse daran besteht, das mit industriellen Einnahmemöglichkeiten gekoppelt ist, andererseits die Bilder besonders intim sind.

Die IWF berichtet von jungen Menschen, deren Bilder von gestohlenen Handys oder Dritten ins Internet hochgeladen wurden. Die Folgen waren verheerend: Von der Gefährdung einer beruflichen Karriere bis hin zu psychischen Problemen und Suizidalität.

Rechtliche Möglichkeiten gibt es nur, wenn klar nachgewiesen werden kann, dass es sich bei den Bildern um in einem Land verbotene Kinderpornographie handelt.

David Wright vom UK Safer Internet Center sagt:

Much of the advice for children and young people is, quite rightly, to not ’sext‘. However, this research, coupled with our experience, demonstrates that it is still not uncommon.
[Übersetzung phw:] Der einfachste Rat für Kinder und junge Menschen ist: Kein Sexting. Unsere Untersuchungen und Erfahrungen zeigen aber, dass es immer noch verbreitet ist.

Sexting ist ein klarer Fall für die pädagogische Verantwortung in der Vermittlung von Medienkompetenz, die sich nicht darin erschöpft, die Funktionsweise von Tools kennen zu lernen.

 

Wie ein Online-Stalker vorgeht

Reddit – »The Front Page of the Internet« – ist in den USA eines der bedeutesten Social Media-Angebote. Das Forum mit einer eigenwilligen Grafik ist sehr breit in seinem Angebot – und qualitativ sehr hochstehend. Die User von Reddit können eigentlich jedes Problem lösen; Präsident Obama hat sich sogar die Zeit genommen, auf Reddit Fragen der User zu beantworten.

In einem der Sub-Reddits, Unterforen, gibt es die Möglichkeit, Geständnisse abzulegen. Ein Online-Stalker legt dort detailliert dar, wie er bei seinem Stalking-Versuch vorgegangen ist. Ein Lehrstück, wie Informationen übers Internet verbreitet werden.

Der Text eignet sich gut für eine Schulstunde. Ich übersetze ihn auf Deutsch, das englische Original lässt sich hier nachlesen.

Ich habe ein Mädchen online während Monaten gestalkt…

…bis ich einen Schritt zu weit ging.
Zunächst fand ich das Mädchen per Zufall auf Tumblr. Ich klickte durch Posts und Quellenangaben bis ich ihr Bild sah. Ihr Bild. Gott, ist sie schön. Und sexy. Zweifelsohne eines der schönsten Mädchen, das ich je gesehen hatte.
Ich durchsuchte ihre Tumblr-Seite bis ich ihre anderen Social Media-Profile gefunden hatte. Alle waren öffentlich…
Twitter, Instagram, Facebook, Pinterest. Sie war nicht zurückhaltend mit dem, was sie veröffentlichte. Viele Nacktbilder und andere sexy Aufnahmen, aber auch viele Schnappschüsse. Das Mädchen ist atemberaumbend.
Schließlich schaute ich mir ihre Instagram-Bilder auf einer Drittseite an und bemerkte – ihre Bilder waren mit Geotags versehen. Eins. Zwei. Drei. Und so weiter. Geotags verzeichneten ihr ganzes Leben auf einer Karte. Shit, das kann ja nicht sein. Diese Tags. Die meisten waren weniger als eine Stunde von mir zuhause entfernt. Dieses Mädchen lebt nicht auf der anderen Seite der Welt, sondern in nächster Nähe! Da begann es. Ich weiß nicht, was mich ergriff, aber ich begann, tiefer zu graben. Ich musste einfach.
Während der nächsten Monate sammelte ich alle Informationen von allen Social Media Profilen des Mädchens.
Ich fand heraus, wo sie wohnte, wo sie arbeitete, wo sie zur Schule ging, was sie studierte, in welchem Schulareal, in welchem Gebäude. Ich fand auch ihren Stundenplan heraus. Ich wusste, wer ihre nächsten Freunde waren, ihre Namen und wo sie wohnten (sie hatte auch diese Bilder mit Geotags versehen). Ich wusste, wo ihre Eltern wohnten, ihre Schwester und ihr Freund. Sie machte so viele Fotos von ihrer Wohnung, dass ich einen Plan hätte zeichnen können. Ich wusste, wo sie ihre Freizeit verbrachte und welche Lokale sie frequentierte. Ich wusste, was für ein Auto sie fuhr und wo sie tankte.
Um sicher zu sein, schaute ich die Satellitenbilder von Google Maps an und benutzten Google Street View um Bäume und andere Objekte zu identifizieren, die man im Hintergrund von Bildern sah. Ich konnte nicht aufhören, es ergriff mich. All das hätte ich nicht wissen sollen und auch sonst niemand.
Mit all diesen Fragmenten konnte ich ihr ganzes Leben zusammensetzen. Es war erstaunlich und fühlte sich gut an, obwohl ich nicht weiß, warum. Aber ich tat nichts; es war einfach wie ein Spiel.
Bis ich eines Tages, auf meinem Heimweg – ich machte zuerst ein paar Einkäufe. Ich hielt an einem Rotlicht und plötzlich wurde mir klar: Hier wohnt sie. Ich bin in ihrer Nähe. Ich erkannte alles um mich herum, obwohl ich noch nie hier gewesen war. Ich erkannte Schilder, Läden, Bäume. Ich war da. Es war kein SPiel mehr. Sobald die Ampel grün wurde, entschied ich mich. Ich tat es. Ich fuhr herum, bis ich zu ihrer Strasse kam.
Dort war es. Ich fuhr weiter und da vorne war ihr Haus. Ihr Auto. Sie selber.
Alles, was ich zusammengesetzt hatte, war echt. Nicht nur Daten im Computer, Einsen und Nullen. Ich fuhr vorbei, schaute mir das Haus an. Ich erkannte die Vorhänge, sie hatte sie auf Instagram gepostet.
Was zum Teufel tat ich hier?
Ich drückte aufs Gas und fuhr heim. Ich musste weg. Das ist kein Spiel, du Idiot, das ist ein Leben von jemandem.
Ich weiß nicht, warum ich das hier aufschreibe. Es ist über ein Monat her, dass ich bei ihrem Haus vorbeifuhr, und bisher habe ich nicht einmal mehr ans Stalking gedacht. Aber ich musste das einfach loswerden. Bitte nimm das als Warnung, deine Online-Identiät zu schützen. Ihre Postings enthielten alleine nicht zu viel Information. Aber sie erwartete nicht, dass sich jemand die Mühe machte, alles zu kombinieren.

Entscheidende Punkte sind:

  • Der Wille zum Stalking entstand als Nebenprodukt, aus einer Social Media-Dynamik.
  • Problematisch ist die Verknüpfung verschiedener Accounts.
  • Geotagging ist etwas, was viele Kameras automatisch machen. Die entsprechenden Seiten zeigen Informationen an, als User merkt man das unter Umständen gar nicht.
  • Das Risiko berechnet sich nicht aus einzelnen Postings, sondern aus ihrer Kombination.
  • Der Stalker kannte zunächst keine Daten wie Adresse, Telefonnummern oder Namen.

Geführter Zugriff / Guided Access auf iOS

Mit dem Update auf iOS 6 führte Apple eine neue Funktion ein, die sich »Geführter Zugriff« (engl.: »Guided Access«) nennt. Nach einer kurzen Einführung, wozu »Geführter Zugriff« dient, notiere ich eine kurze Anleitung, wie man damit umgeht.

Die Idee ist, dass Eltern oder Lehrpersonen Kinder Apps nutzen lassen, aber nicht wollen, dass andere Apps, der Browser oder Systemeinstellungen aufgerufen werden können. Wenn »Geführter Zugriff« eingeschaltet ist, lassen sich sich gezielt Eingabeoptionen von iPads oder iPhones deaktivieren, und zwar folgende:

  1. Hardware-Buttons (Lautstärke, Home-Button, Ein-/Ausschaltknopf).
  2. Einzelne Bereiche des Touchscreens können deaktiviert werden.
  3. Bewegungssensoren, mit denen Apps gesteuert werden.

Damit können – z.B. auch in Ausstellungen – die Geräte sehr funktionsorientiert eingesetzt werden, ohne dass Nutzer vorgenommene Einstellungen verändern können.

Anleitung

1. Schritt: »Geführter Zugriff« einschalten: Einstellungen > Bedienungshilfen > »Lernen«: Geführter Zugriff

Dort kann auch ein Code festgelegt werden, mit dem der Modus sich ausschalten lässt.

2. Schritt: App starten.

3. Schritt: Drei Mal schnell den Home-Button drücken. Ein Menu öffnet sich, in dem sich weitere Optionen festlegen lassen, siehe Bild (dort ist das englische Menu eingebildet, sichtbar sind die Möglichkeiten, einzelne Bereiche für Touch-Zugriff zu deaktivieren):

Anschaulich erklärt wird alles auch in diesem Video:

Vorstellung: MOOC

Die Abkürzung MOOC steht für Massively Open Online Courses, also Unterrichtseinheiten, die sehr vielen Studierenden offen stehen. Gemeint sind Tausende von Lernenden, die gleichzeitig Vorlesungen hören können, sich darüber austauschen und teilweise sogar interaktiv einbezogen werden können.

MOOCs gehören zu dem, was man Blended Learning nennt, das wohl bekannteste Beispiel ist die darauf spezialisierte Khan Academy.

In einem Interview mit The Atlantic macht der Verantwortliche für Online-Learning an der Stanford University, John Mitchell, einige aufschlussreiche Bemerkungen, die ich hier knapp festhalten möchte:

  1. Das Herstellen von Videos ist heute vom Aufwand und vom technischen Know-How her kaum mehr von der Produktion von Texten zu unterscheiden.
  2. Online Learning führt dazu, dass die Arbeitszeit von sehr kompetenten Lehrenden effektiver eingesetzt werden kann.
  3. Online Leraning führt zu einer Demokratisierung der Bildung: Auch Studierende an anderen Unis können die Top-Professoren von Stanford in Videovorlesungen erleben.
  4. Studierende können die Zeit ihres Studiums flexibler nutzen – z.B. berufsbegleitend oder von zuhause aus studieren.
  5. Gleichzeitig bieten MOOC für die Zeit an der Uni mehr individuelle Betreuungsmöglichkeiten, weil die Lehre zu einem großen Teil online stattfindet.

Mitchell erwähnt auch eine Gefahr, dass die Forschungsgemeinschaft an einer Uni, die Lehre und Forschung verbindet, auseinanderfallen könnte – was auch zu wirtschaftlichen Problemen führen könnte, weil viele bedeutende Forscherinnen und Forscher sich mit Drittmitteln finanzieren, die sie vor allem dank ihrer Forschung erhalten.

Bild Flickr, giulia.forsythe, CC BY-NC-SA 2.0

Wie man Social Media im Unterricht nutzen kann

Onlinecolleges.net hat eine schöne Infografik publiziert, die konkret zeigt, welcher Nutzen bestehende soziale Netzwerke für Lehrpersonen und das Unterrichten haben können. Die Einsatzmöglichkeiten sind nach vier Katergorien geordnet, die hilfreich sind:

  • sich vernetzen
  • benachrichtigen
  • Inhalte kuratieren
  • lehren

Die in der Grafik oben stehenden Statistiken beziehen sich auf den Kontext amerikanischer Colleges, sie sind für den deutschsprachigen Raum so nicht gültig.

Creative Commons im Unterricht

Die unten stehende Infografik von Martin Mißfeldt hat mich zu einer Skizze einer Unterrichtseinheit über Creative Commons-Lizenzierung angeregt. Idealerweise würde sie im Rechtsunterricht stattfinden, aber auch der Kunst- oder Literaturunterricht bietet die Möglichkeit einer Einbettung. So thematisiert Torsten Larbig in einer Unterrichtseinheit zu Kafkas »Das Urteil« (CC-BY-NC-SA) im Rahmen eines »medienpädagogischen Intermezzos« die Frage, wie Quellen anzugeben sind und mit Material, das im Internet scheinbar »frei« verfügbar ist, umgegangen werden soll:

Ich nutze die Ausgabe solcher freien Materilalien, die im Internetz legal kostenfrei verfügbar sind, um über freie Materialien mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen und ihnen das Lizenzmodell der CreativeCommons-Bewegung zu erläutern.

Dabei gehe ich dann auch auf die Frage ein, dass in den meisten Fällen von Schülerinnen und Schüler sowie von Lehrerinnen und Lehrer Material von z.B. Wikipedia fälschlicher Weise ohne Lizenzangabe verwendet wird. Ich erkläre, wie man sich über die Exportforunktion auf Wikipedia schnell die korrekte Lizenzangabe mit dem dazu gehörenden Text erstellen lassen kann, sodass zukünftig korrekte und vollständige Literaturangaben bei nicht nur in kleinen Teilen zitierten Texten möglich sind – und dann von mir auch (notenrelevant) erwartet werden.

Der Plan der Unterrichtseinheit sieht einen zweiteiligen Einstieg vor, bei dem z.B. in Gruppenarbeit drei unterschiedliche Fragestellungen (1-3) erarbeitet werden, die Erkenntnisse dann in einer abschließenden Sequenz (4) zusammengeführt werden.

(1) Was sind Commons/Gemeingüter?

Diese Fragestellung soll anhand von Auszügen aus dem ausgezeichneten Gemeingüter-Report der Boell Stiftung (als pdf kostenlos verfügbar) bearbeitet werden, z.B. das Liegestuhl-Beispiel von Heinrich Popitz oder die einfachen Übersichtsgrafiken mit Erläuterung:

Die Aufgabe wäre dann, dass man die Idee der Gemeingüter und sowie den Zusammenhang von Ressourcen, Communities und Regeln erklärt und an Beispielen veranschaulicht.

(2) Urheberrecht

Am Beispiel der Fotographie kann gut erläutert werden, aus welchen Komponenten das Urheberrecht besteht. Sinnvoll ist z.B. das Übersichtsdokument des Schweizer Rechtsanwalts Ueli Grüter, in dem die rechtliche Situation in der Schweiz erklärt und einige Beispiele diskutiert werden.

Angewendet kann diese Ausgangslage dann auf eine weitere Infografik von Martin Mißfeldt, in der das Vorgehen bei der Verwendung von Bildern diskutiert wird. Hier nur ein Auszug (CC-BY-SA):

(3) Creative Commons als System

Anhand der CC-Infografik von Mißfeldt (CC-BY-SA) und den Erläuterungen auf seinem Blog, der auch auf den erklärenden Text von Creative Commons verweist und die Symbole sauber erklärt, soll erklärt werden, welche Möglichkeiten Creative Commons bieten.

Auf Englisch gibts auch noch dieses hervorragende Video:


Zur Vertiefung wäre die Überlegung sinnvoll, ob NC und ND überhaupt verwendet werden soll, bedenkenswerte Gedanken in der informativen Broschüre von Paul Klimpel nachgelesen werden.

(4) Zusammenführung, Anwendung und Ausblick

Dieser Teil, bei dem die Erkenntnisse und das Wissen der Gruppenarbeiten ausgewertet und angewendet werden soll, könnte mit einem Quiz beginnen:

  1. Darf ich ein Bild, das ich mit der Google-Suche gefunden habe, auf Facebook veröffentlichen?
  2. Darf ich einen Ausschnitt aus einem Text zitieren?
    a) Wenn er 20 Wörter lang ist?
    b) Wenn er 20 Seiten lang ist?
  3. Dürfen Lehrpersonen aus Lehrmitteln Kapitel kopieren und mit ihren Schülerinnen und Schülern bearbeiten?
  4. Was würde es bedeuten, wenn Lady Gaga ein Album mit Creative Commons Lizenz veröffentlichen würde?
  5. Wenn eine Schülerin oder ein Schüler mit dem Smartphone ein Foto macht – hat sie oder er dann das Urheberrecht daran?
  6. Ist es illegal, einen Film oder ein Ebook gratis aus dem Internet runterzuladen?

Dann könnten Fragen diskutiert werden, welche die heutige rechtliche Praxis betreffen, den Umgang mit Urheberrechten in der Schule, die Publikation von Bildern und Texten im Internet und die Bedeutung von Quellenangaben – diese Fragestellungen entwickle ich hier nicht genauer, die dürften sich aus dem Unterrichtskontext ergeben.

(5) Ausweitung: Rollenspiel

Darüber hinausgehend wäre es möglich, in einem Rollenspiel ein ideales Urheberrecht zu entwickeln. Die Schülerinnen und Schüler vertreten jeweils eine Gruppe von Interessierten, z.B.:

  • erfolgreiche Urheberinnen und Urheber, die von ihren Einnahmen leben
  • Urheberinnen und Urheber, die wenig oder keine Einnahmen erzielen
  • Konsumentinnen und Konsumenten von Inhalten
  • Internetnutzer, die häufig Inhalte runterladen (legal oder illegal)
  • Politikerinnen und Politiker, die versuchen, eine möglichst hohe Lebensqualität und Rechtssicherheit herzustellen

In sinnvollen Gruppen könnten dann grundsätzliche Regelungen festgelegt und verabschiedet werden – oder Differenzen beobachtet werden, die sich nicht lösen lassen.

»Trending Topics« bei Twitter verstehen

In diesem Beitrag entwerfe ich eine Unterrichtseinheit für das Fach Deutsch oder Medienkunde. Im Mittelpunkt steht die Leitfrage danach, wie bestimmt werden kann, welche Themen eine Gruppe von Menschen besonders beschäftigen. Diese Frage soll am Beispiel von Twitters »trending topics« behandelt werden.

  1. Einstieg: Welche fünf Themen sind in der Schule im Moment besonders wichtig?
    • Woran erkennt man das?
    • Kann man ernste von weniger ernsten Themen unterscheiden?
    • Wen könnte es interessieren, welche Themen im Moment besonders aktuell sind?
  2. Was sind »trending topics« auf Twitter?
    • Suchen Sie die aktuellen »trending topics« und versucht zu erklären, warum diese Themen im Moment besonders aktuell sind.
    • Kann man wiederum ernste von weniger ernsten Themen unterscheiden?
    • Wie funktionieren #Hashtags auf Twitter?
    • Warum ermittelt Twitter überhaupt »trending topics«?
  3. Aktivisten beklagen sich oft, dass ihre Anliegen nicht in den »trending topics« erscheinen (z.B. die in Russland verurteilte Band »Pussy Riot« oder die Aktivitäten von Wikileaks).
    • Recherchieren Sie die Hintergründe dieser Klagen.
    • Lesen Sie diesen Artikel und versuchen Sie zu erklären, warum diese Themen nicht zu einem Trend werden.
    • Angenommen, Sie müssten Twitter dabei helfen, die wichtigen Themen zu ermitteln (z.B. die, die in der Tagesschau auftauchen). Wie würden Sie vorgehen?