Blogparade: Wie Martin Jonglieren gelernt hat

Vor rund einem Monat habe ich zu einer Blogparade aufgerufen. Mittlerweile sind schon ein paar Texte entstanden, die der Frage nachgehen, wie wir denn bestimmte Kompetenzen erworben haben, indem sie den Lernprozess beschreiben:

Ich würde mich sehr über weitere Beiträge freuen, einen Abschlusspost werde ich wohl erst Mitte Mai schreiben.

MAKE ME SOME ART, society6
MAKE ME SOME ART, society6

Jonglieren
Bedeutung
Unterhaltung, Entspannung

Phasen
Motivation: unbestimmt, irgendwas zwischen Langeweile und  Gelegenheit, und es gab so Sendungen das man sein Gehirn immer mal wieder mit was neuem beschäftigen solle, es sollte etwas sein das im Zimmer ohne Ausrüstung und ohne Vorbereitung geht

Idee: aus dem Buch Der Medicus, er muss da jonglieren lernen mit wenigstens 4 Bällen

Information: ungewiss, muss per Internet gewesen sein, der Tipp war langsam mit einer, dann 2 Bällen mit einer Hand zu üben

Üben, üben: ging eigentlich ganz gut, 1-2 Wochen mit einer und 2 Kugeln, dann klappten 2 mit einer Hand, nach ca 3 Wochen klappte es dann mit 3; alles allein; evtl. so was wie 15 min;  die Aufgabe war eine bestimmte Anzahl von Wiederholungen zu schaffen ohne das die Kugel runterfällt, die Anzahl dann immer etwas höher gedreht

Gelernt fürs Lernen
grundlegendes geht eher einfach
4 Bälle habe ich nie geschafft, das müsste man offenbar „richtig“ üben
letzlich sowas wie viel Anfangsmotivation, genügend Informationsmaterial um zu glauben das es machbar ist, Gelegenheit und kontinuierliche Erfolge beim üben

Digitale Meinungsbildung

Auf der Re:Publica 2013 wollte ich in einem Workshop darüber nachdenken, wie die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation mehr Menschen zugänglich gemacht werden könnten. Es geht mir nicht primär um eine Beschreibung der digitalen Kluft – die ist längst beschrieben. Vielmehr geht es um die Frage, welche konkreten Möglichkeiten sich anbieten und welche Hindernisse der Demokratisierung der Internetkommunikation im Wege stehen.

Den Workshop kann ich nicht halten, er fand keinen Platz im Re:Publica-Programm. Und ich bin fast ein wenig froh – weil ich nicht weiß, wie man dieses Thema in einer stündigen Diskussion schlau angehen kann. Fallen lassen möchte ich es nicht, sondern hier in loser Folge über die Fragen nachdenken und daraus dann vielleicht einen längeren Essay schreiben. (Zudem kann ich mich so an der Blogparade von ChiliConCharme beteiligen, in der Beiträge gesammelt werden, die von der Re:Publica abgelehnt worden sind.)

69437_1623977195739_6661013_nAm Anfang sollen Überlegungen zur Meinungsbildung im Internet stehen. Zwei US-Artikel (TechCrunch, Pew Research) lassen folgende, nicht besonders überraschenden Schlüsse zu:

  1. An Meinungsbildungsprozessen und Diskussionen auf Twitter sind 1-3% aller erwachsenen Amerikanerinnen und Amerikaner beteiligt. 
  2. Das Spektrum ist breiter als bei der Bildung der relevanten öffentlichen Meinung: Auch politisch nicht Stimm- und Wahlberechtigte beteiligen sich an den für sie relevanten Diskussionen.
  3. Generell ist der Altersdurchschnitt auf Social Media jünger als in der Bildung der öffentlichen Meinung.
  4. Meinungsbildung findet im Internet sehr selektiv statt; je nach Ereignis und Thema beteiligen sich ganz andere Menschen an Diskussionen.
  5. Nutzerinnen und Nutzer von Social Media sind tendenziell individualistisch eingestellt und deshalb in vielen Fragen tendenziell liberaler als die öffentliche Meinung.
  6. Auf Social Media verbreiten sich positive Botschaften schneller als negative, weil niemand in seinem Netzwerk konstant negative Botschaften verbreiten will.
  7. »Empörung« oder Kritik sind dabei Ausnahmen, auch sie haben auf Social Media starkes Gewicht: »Seht, wie schlecht die Welt und die anderen sind, wir sind die Guten!« dürfte dabei auch eine Art positive Botschaft sein.

Entscheidend ist dabei: Social Media sind ein Teil der Meinungsbildung; sie stehen nicht außerhalb des gesellschaftlichen Diskurses. Gleichzeitig vermögen sie aber nicht alle Meinungen und Positionen abzubilden oder richtig zu gewichten: Individualistische, technikaffine und eher jüngere Menschen schaffen ein liberales Klima.

Mehr Partizipation im Internet würde bedingen, dass alternative Haltungen Gewicht bekommen, Stimmen gehört werden, die heute in vielen Diskussionen Gegenstand von Gespött und Verachtung sind.

Eine letzte Bemerkung zum Begriff »Elite«: Er ist nicht wertend gemeint, sondern deskriptiv. Wer viel in Social Media präsent ist, hat einerseits die Zeit dazu, andererseits die technische Ausrüstung und Kompetenz dafür. Präsenz im Internet weist auf Privilegien hin.)

* * *

Die weiteren Teile der Workshop-Vorbereitung:

Teil 2: 16 Gründe gegen digitale Kommunikation

Teil 3: Vorurteile und das Internet

Teil 4: Das Internet wird überschätzt

Teil 5: Ein positives Leitbild für Netzpolitik

Teil 6: »Crap detect yourself« – Howard Rheingold über Netzwerke

Wie Tracker Google-Suchanfragen öffentlich machen

Gestern habe per Twitter auf das Problem hingewiesen, dass Tracker sensible Daten veröffentlichen. Ich möchte hier kurz das Problem umreißen und zeigen, wie man es in den Griff bekommen kann. Ich verdanke viele Überlegungen hilfreichen Kommentaren, für die ich mich bedanken möchte.

privacy-violations

Auf dem Bild von Private Internet Access sieht man, welche Daten verbunden werden: Timestamps (Zeitpunkte), IP-Adressen und Google-Suchanfragen. Die Tracker – konkret ist ExtremeTracking gemeint – sammeln diese Daten im Auftrag von Seitenbetreibern: Wenn ich gerne wissen möchte, wer meine Seite mit welchen welchen Suchanfragen findet, können mir Tracker dabei helfen (auch Google bietet diese Dienstleistung an).

Die Suchanfragen im Beispielbild sind alle problematisch; sie weisen auf Suizidversuche, Kinderpornografie, Übergewicht, Magersucht, Softwarepiraterie etc. Die Tracker vermitteln diese Informationen nicht nur an Betreiber von Seiten (denen man das Recht ja zusprechen könnte, zu wissen, wie die Seite gefunden wird), sondern sie veröffentlichen diese Informationen auch (und verkaufen sie). Man kann sich hier live ansehen, wie so eine Seite aussieht. Eine Liste mit Tracking-Diensten findet sich hier. Wichtig ist anzumerken: Unsere Suchanfragen werden nicht komplett veröffentlicht, sondern nur, wenn sie uns auf Seiten geführt haben, die Suchanfragen tracken.

Was heißt das konkret? Wie ich gestern in Bezug auf den Gedanken der digitalen Selbstverteidigung festgehalten habe, wissen wir oft nicht, dass Daten gespeichert werden und wir wissen auch nicht, welche Daten hinzugekauft werden. Facebook könnte z.B. zu den schon vorhandenen Daten via unsere IP-Adresse noch Google-Suchanfragen dazukaufen etc. So könnten digitale Profile erstellt werden, in den viele eigentlich verstückelte Informationen zusammengefügt werden.

Allerdings surfen wenige Menschen mit statischen IP-Adressen. Es ist unklar, wer hinter den IP-Adressen steckt. Sie werden von Internet Service Providern meist dynamisch vergeben; um herauszufinden, an wen, braucht es eine Aufforderung von einer offiziellen Stelle.

Was kann man tun?

  1. Statt Google die Suchmaschine DuckDuckGo verwenden, die Tracking verhinder – vgl. http://donttrack.us/
    Wer Google vermisst, kann die Suchanfrage mit dem !g command versehen und via DDG Google durchsuchen. [danke für den Hinweis in den Kommentaren]
  2. Die Referer kontrollieren (also Seiten nicht informieren, woher man gekommen ist), geht am einfachsten per Browser-Extension: Chrome / Firefox
  3. Eine Browsererweiterung installieren, etwas Privacyfix, Collusion, DoNotTrackMe oder Ghostery.
  4. Seine IP-Adresse mit einem VPN-Zugang verstecken, z.B. mit HideMyAss oder Tor, hier gibt es eine Übersicht mit Providern.

Weitere Tipps finden sich im Kapitel 13. von »Mich kriegt ihr nicht« oder englisch hier.

Jugendmedienschutz – meine Eindrücke vom nationalen Fachforum »Jugend und Medien« 

Gestern war ich am 2. Fachforum Jugendmedienschutz in Bern und habe im Rahmen eines Workshops einen Vortrag gehalten (Präsentation). Mit sechs Thesen zum »Jugendmedienschutz« möchte ich meine Eindrücke zusammenfassen.

Im einleitenden Referat hat Uwe Hasebrink dargelegt, was unter Jugendmedienschutz zu verstehen ist: Ein Prozess, in dem Maßnahmen entstehen, die ein Problem lösen sollen und dabei einer Bewertung unterzogen werden.

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Entscheidend ist dabei, dass viele Faktoren von Haltungen, Ideologien und Wahrnehmungen abhängen: Problem, Zielsetzung und ihre Bewertung sind alle nicht objektiv erfassbar.

(1) Daten helfen nicht weiter

Sonja Perren hat in ihrem Referat zu Cybermobbing eine Fülle an neuesten Daten präsentiert. So wissen wir z.B., dass traditionelles Mobbing in der Schweiz rund drei Mal häufiger vorkommt als Cybermobbing.

Praevalenz Mobbing

Entscheidend, so Perren, seien für Betroffene öffentliche und anonyme Attacken – daraus entstünden die als besonders gravierend wahrgenommenen Fälle. Es gäbe aber keine Maßnahmen, die mit Sicherheit gegen Cybermobbing wirkten – außer der klassischen Mobbingprävention.

Im Jugendmedienschutz werden ständig Befragungen durchgeführt und Daten erhoben. Ich bezweifle, dass die anstehenden Probleme so gelöst werden können. Qualitative Ansätze, als beispielsweise Gespräche mit Jugendlichen und ihren Begleitpersonen über ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen, scheinen mir hier viel versprechender.  Ich habe während der ganzen Tagung keine Daten oder Statistiken kennen gelernt, die mich irgendwie erstaunt hätten oder aus denen ich etwas gelernt hätte.

(2) Erfahrungen sammeln hilft weiter

Die Tagung begann mit Feststellungen prominenter Persönlichkeiten, sie seien selbst nicht auf Facebook aktiv. Mehrmals wurde auch gesagt, Lehrpersonen müssten nicht auf sozialen Netzwerken aktiv sein, um Jugendliche medienpädagogisch begleiten zu können. Das stimmt grundsätzlich.

Aber: Wer ohne digitale Medien aufgewachsen ist, hat von einigen Prozessen, die darin Ablaufen, zu wenig Ahnung, um ein offenes, sinnvolles Gespräch führen zu können. Sowohl die Risiken wie auch die Chancen können falsch eingeschätzt werden.

Ein Beispiel: Während der Tagung wurde Twitter als Backchannel und als Forum beworben. Ich war dabei sehr aktiv – meine Tweets sind für mich eine Zusammenfassung des Gehörten, an der ich mich auch beim Schreiben dieser Zusammenfassung orientiere; sie können hier nachgelesen werden (Tweetwally ist ein nettes Tool). Die Anzahl der Teilnehmenden, die auf Twitter während der Veranstaltung aktiv war, ist wahrscheinlich knapp zweistellig – und wir sprechen von der nationalen Elite in Bezug auf medienpädagogische Fragen. Es müssen von allen Beteiligten mehr Erfahrungen gesammelt werden. Reflexion setzt bei der Praxis an.

(3) Medienpädagogik hat sehr viele verschiedene Stakeholder

An einer Tagung spricht man mit vielen netten Leuten, erweitert und verstärkt sein Netzwerk. Auffällig war, wie viele Akteure in der Schweiz mit Medienjugendschutz zu tun haben:

  • Eltern
  • Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
  • Ausbildende von Lehrpersonen
  • Politikerinnen und Politiker
  • Medienunternehmen wie die Swisscom
  • Verwaltungen (der Bund, die Kantone)
  • Schulleitungen
  • Lehrpersonen
  • Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter
  • die Polizei
  • verschiedene Verbände und Vereine

Diese Stakeholder arbeiten teilweise zusammen, ihre Angebote ergänzen sich. Sie konkurrenzieren sich aber teilweise auch, haben komplett unterschiedliche Ziele und Interessen oder wissen schlicht nichts voneinander. Im Schlusspanel wurde die Frage diskutiert, wo der Ort für Medienbildung sei. Das ist offenbar noch nicht geklärt – Beat Zemp hat klar gemacht, der Ort sei die Schule. Hier braucht es viel Austausch, viele Netzwerke und viele Abgrenzungen. Es geht auch um Ressourcen, zeitliche, personelle, finanzielle.

(4) Orientierung fällt schwer

Was ist denn eigentlich das Ziel von Medienpädagogik? Sollen Störungen und Gefährdungen eliminiert werden, damit so weitergemacht werden kann, wie bis anhin? Soll Technik produktiv genutzt werden? Arbeiten wir an einer neuen Gesellschaftsordnung oder einer neuen Vorstellung von Bildung? Versuchen wir, Mittel einzusparen, um effizienter zu werden? Medienpädagogische Orientierungslosigkeit ist kein isoliertes Phänomen – sie betrifft viele pädagogische Fragestellungen, aber auch viele gesellschaftliche.

(5) Medienpädagogik ist Schulentwicklung und ein Führungsproblem

In meinem Referat habe ich davon gesprochen, wie man an einer Schule den Gebrauch mobiler Kommunikationsmittel reglementieren könnte. Dabei wurde in der Diskussion klar, dass jedes Reglement von den Lehrpersonen akzeptiert und gelebt werden muss. Lehrpersonen leben aber ihr Leben sehr individuell und sie mögen es nicht, zu etwas gezwungen zu werden (mit anderen Worten: sie sind Menschen). Also braucht es eine gemeinsame Entwicklung von Zielen, Vorstellungen und eine Führung, die diesen Prozess begleitet – weil die Zeile von Reglementen ja vielfältig sind: Sie sollen Möglichkeiten schaffen, aber Probleme auch beseitigen.

(6) Die Zeit technischer Neuerungen ist vorbei

Natürlich kann man das Mantra aufsagen, die Technik werde sich ständig weiterentwickeln und wir wüssten nicht, was in fünf Jahren passiere. Das wusste man natürlich noch nie. Aber Medienjugendschutz und -pädagogik täten gut daran, anzunehmen, dass wir einigermaßen wissen, wie digitale Medien funktionieren. Das Internet wird es weiterhin geben, wir werden noch mobiler kommunizieren. Der ökonomische und soziale Rahmen ist abschätzbar, die Herausforderungen sind benennbar. Abwarten gilt als Parole nicht. Eher: Nachdenken. Ausprobieren. Miteinander reden. Mehr nachdenken.

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Wie ich Textverarbeitung gelernt habe

Auf Google Plus hat Martin Lindner die Frage gestellt, ob man nicht genauer verstehen müsste, wie »Lernen« funktioniert – unabhängig von Schlagwörtern, Annahmen und traditionellen Methoden. Er denkt, ein erster Schritt könnte folgende Vorgehensweise sein:

so wie man sich selbst fragen kann: was habe ich im letzten jahr gelernt? ist ein „ruck“ klar identifizierbar, oder war es eher „immersiv“? wenn ruck: wie genau habe ich das gelernt, also mit welchen kettenreaktionen? wieviel tätigkeit war dabei, wieviel feedback, wieviel fokussierte anstrengung, wieviel nicht-fokussiertes sich-beschäftigen-mit, wieviel impulse von außen …

Lisa Rosa weist diesem Vorgehen in einem Kommentar einen konkreten, aber subjektiven Nutzen zu:

individuelles rückblickendes reflexives lernportfolio am meisten für den sinn macht, der es für sich selbst macht. eine persönliche bilanz- u perspektivenkonferenz mit sich selbst sozusagen

In der Hoffnung, daraus allgemeine Erkenntnisse ableiten zu können, möchte ich kurz darstellen, wie ich meiner Erinnerung Textverarbeitung gelernt habe.

(1) Textverarbeitung als Kompetenz

Volker Ladenthin schreibt in einer lesenswerten Kritik des Kompetenzbegriffs (pdf, S. 22):

Man kann zwar analysieren, welche Kompetenzen eine komplexe Handlung beinhaltet, aber man kann aus psychischen – bedeutungsneutralen – Kompetenzen keine komplexe Handlung aufbauen. Kompetenzen beschreiben psychische Grundvermögen, benennen ‚nicht-mehr-teilbare‘ Denkoperationen und zwar in zu Teilhandlungen zerlegten Arbeitsschritten, aber aus ihnen lässt sich nicht Bedeutung konstruieren. Selbst wer alle Operationen im Einzelnen beherrscht, muss sie nicht zur Synthese bringen können.

Zunächst Textverarbeitung als ein Grundvermögen, es ist aber wiederum eine komplexe Handlung, die aus mehreren Kompetenzen besteht. Meine Liste wird wohl nicht vollständig sein:

  1. Auf einer Tastatur hinreichend schnell und präzise tippen können. 
  2. Texte digital verarbeiten können, d.h. sie speichern, überarbeiten, Elemente löschen, kopieren, einfügen etc.
  3. Texte digital layouten können.
  4. Die Bedürfnisse der Lesenden kennen und berücksichtigen.
  5. Die Form des Textes an seinen Inhalt anpassen.
  6. Kenntnisse über die Wirkung von Typographie haben und anwenden können.
  7. Texte und Bilder kombinieren können.
  8. Gepflogenheiten und Standards im Umgang mit Texten kennen.
  9. Hilfsmittel kennen und anwenden, um komplexe Texte erarbeiten zu können: Serienbriefe, Inhaltsverzeichnisse, automatische Literaturverzeichnisse, Verweise, Felder etc.
  10. Texte kollaborativ bearbeiten können und Änderungen nachverfolgen.

(2) Schulzeit

Als ich in die Schule kam, gab es in meinem Dorf die ersten persönlichen Computer; bei mir zuhause ungefähr in der dritten Klasse. Ich habe das Schreiben komplett analog gelernt, dann aber längere Aufsätze und Arbeiten ungefähr ab der sechsten Klasse auch am Computer geschrieben. Textverarbeitung war für mich ein Mittel, den Computer benutzen zu dürfen: Meine Eltern hatten den einzigen Fernseher in ihrem Schlafzimmer stehen und ich durfte ungefähr ein Mal pro Woche eine halbe Stunde an den Bildschirm. Das Schreiben am Computer war also etwas Neues und deshalb Lustvolles – weshalb ich es intensiver getan habe.

Word 4 unter DOS
Word 4 unter DOS; mein erstes Textverarbeitungsprogramm (mit orangem Bildschirm)

Schnell nahm ich Herausforderungen in Angriff, habe längere Texte geschrieben und auch an Wettbewerben mitgemacht. Ich habe so gelernt, mit zwei Fingern recht schnell zu tippen. Viele Abstürze haben mich gelehrt, Texte sorgfältig zu speichern; zu dieser Zeit konnten Disketten leicht kaputt gehen und waren auch sehr teuer.

Bald kam Windows auf und damit kannte Word schnell den Funktionsumfang, den es auch heute kennt. In der Schule belegte ich einen Kurs um Tastaturschreiben zu lernen, ich lernte es aber nicht, weil ich mit zwei Fingern schneller tippen konnte, als erforderlich war. Dennoch erledigte ich Schularbeiten gerne am Computer, weil ich so – oft im Geheimen – auch Zeit fand, um Spiele zu spielen oder an Computereinstellungen rumzubasteln. Weil die Programme immer mehr Funktionen hatte, experimentierte ich mit mir unbekannten Möglichkeiten.

Gleichzeitig entwickelte ich mit und nach 16 auch Künstlerfantasien. Die Lektüre von Texten von Andersch und Frisch führte mich dazu, mit der Schreibmaschine zu schreiben, was ich dann auch tat. Dort traten plötzlich starke Restriktionen auf: Ein Layout war vorgegeben, nur wenig konnte beeinflusst werden. Das Schreiben schien mir reiner, das Tippen musste präziser sein.

Im Austauschjahr in den USA verlor ich mein Gefühl für Orthografie. Ich machte – plötzlich – viele Fehler, obwohl ich viel schrieb. Deshalb zwang ich mich dazu, die automatische Rechtschreibkorrektur zu verwenden; Stunden verbrachte ich damit, Texte durchzugehen.

(3) Ferienjob

Während den Ferien arbeitete ich immer wieder wochenweise bei ABB Turbosystems. Dort war ich der Informatikabteilung zugewiesen und musste Verzeichnisse, Berichte etc. erstellen. Ich erhielt strikte Vorgaben in Bezug auf Layout und Formatierung, Textverarbeitung war streng standardisiert. An diesen Vorgaben rieb ich mich zuerst, weil mir andere besser gefiel und ich persönlich auch viele Abkürzungen genommen hatte. Sie halfen mir aber dabei zu verstehen, wie Formatvorlagen funktionieren – weil ich keine andere Wahl hatte. Ich erhielt einen Blick auf minimale Textverarbeitung: So wenig wie möglich manuell verändern, so viel wie möglich automatisieren.

Zudem war ich beauftragt, Serienbriefe an 300 Adressen zu verschicken und 200-seitige Berichte zu formatieren. Ich lernte so ganz neue Formate kennen.

(4) Studium

Meine Kompetenzen erweiterten sich im Studium zunächst graduell – mit einer Ausnahme: Beschränkungen machten mich kreativ. Vorgaben in Bezug auf Seitenlänge, Schriftgröße etc. ließen mich in Bezug auf Abschnittsabstände, Seitenränder etc. kreativ werden; ich verstand die verschiedenen Möglichkeiten, wie eine Seite eine Darstellung erhielt und wie sie sich gegenseitig beeinflussten. Gleichzeitig wurde der Computer zum Hauptschreibgerät, ich schrieb immer weniger von Hand und lernte so schließlich auch das Zehnfingersystem (wahrscheinlich während des zweiten Studienjahres).

In der Generativen Grammatik erstellte ich viele Baumdiagramme und lernte so neue Funktionen der Programme kennen, mit denen Texte zu Grafiken erweitert werden können.

Baumdiagramm.
Baumdiagramm.

(5) Post-Studienphase: LaTeX

An mein Studium schloss die Didaktik-Ausbildung an und ein Dissertationsprojekt. In der Mathedidaktik wurde ich gezwungen, LaTeX zu verwenden (fürs Mathematikstudium brauchte ich keinen Computer). Da ich gerne programmierte, arbeitetet ich begeistert damit und steckte viel Zeit rein, so dass ich auch mein ganzes Dissertationsprojekt mit LaTeX konzipierte. Zum Glück hatte ich Bekannte und Freunde, die damit große Erfahrungen gesammelt haben – sie halfen mir bei Problemen und gaben mir Tipps.

LaTeX zeigte mir, wie wenig ich ästhetisch von Textverarbeitung verstand. Von Typographie über Seitengestaltung – das Programm erzielte bessere Resultate als ich. Layout ist eine Angelegenheit für Profis, die damit Werkzeuge erstellen. Diese Einsicht führte zu einem stärkeren Minimalismus: Zunächst einfach mit Nur-Text arbeiten, Layout als sekundäres Problem betrachten und möglichst automatisiert lösen.

Zudem erweiterte LaTeX noch einmal die Möglichkeiten: Alles war plötzlich möglich: Verknüpfung von Dokumenten mit Literaturdatenbanken, Einfügen von präzisen Diagrammen etc.

(6) Bloggen und Social Media

Je mehr ich bloggte, desto schneller schrieb ich. Das Layout übernahm die Blog-Software. Fehler korrigierte ich beim Durchlesen, oft melden auch Leserinnen und Leser Fehler zurück. Texte sind lange provisorisch: Sie werden immer wieder überarbeitet, Versionen können nachvollzogen werden. Kommentare und Anmerkungen können eingebaut und berücksichtigt werden. Viele Texte entstehen kollaborativ und unter öffentlicher Beobachtung.

Mein erstes Blog, 2006.

(7) Wie habe ich gelernt? 

Es war selten ein »Ruck« ausmachbar; mit zwei Ausnahmen: Sowohl vom Arbeitgeber wie auch von den Fachdidaktikern wurde ich gezwungen, bestimmte Methoden zu verwenden und Standards einzuhalten. Dieser Zwang hat einen großen Lerneffekt auf mich gehabt: Ich konnte nicht anders, ich musste lernen.

Der größte Teil des Lernens ist eigentlich beiläufig erfolgt: Ich habe Texte geschrieben und dabei immer mal wieder was dazu gelernt. Oft haben mich Probleme auf mangelnde Kompetenzen aufmerksam gemacht: Beispielsweise war es ärgerlich, dass sich oft Verschiebungen in Dokumenten ergeben haben, wenn ich eine Zeile gelöscht oder eingefügt habe; also habe ich gelernt, Seitenumbrüche zu verwenden. Ich weiß nicht, wie viele Stunden ich mit Textverarbeitung zugebracht habe, aber ich würde sagen, dass ich seit ich 16 war rund zwei Stunden täglich am Computer Texte schreibe, also rund 20 Jahre à 365 Tage à 2 Stunden: Rund 15’000 Stunden; also deutlich mehr als Gladwells 10’000-Stunden-Regel besagt (nicht dass ich besonders erfolgreich wäre mit Textverarbeitung!).

Erfolgsfaktoren nach Gladwell, Outliers.
Erfolgsfaktoren nach Gladwell, Outliers.

Impulse von außen gab es wenige: Ich hatte Freunde, die sich für Layout interessierten und mir ihre Vorgehensweisen zeigten. In der Schule und im Studium hatte ich kaum Lehrerinnen und Lehrer, die etwas von Textverarbeitung verstanden und mich angeleitet hätten. Dasselbe gilt fürs Bloggen – generell lerne ich recht autodidaktisch und bewerte Inputs ständig; sobald sie mir nicht hilfreich erscheinen, blende ich sie aus.

D.h. dass ich wohl recht viel reflektiere; nicht konkret darüber, was ich gelernt habe, sondern darüber, was mir weiterhelfen könnte. Ich bin wohl auch einigermaßen eitel, mein Auftreten spielt mir – je nach Kontext – eine große Rolle. So betrachte ich meine Layout-Versuche immer wieder kritisch (wie z.B. hier) und feile auch daran.

(8) Kann man daraus etwas übers Lernen an sich ableiten? 

Das dürfte schwierig sein. Mein Verdacht wäre:

  1. Es hilft, etwas Konkretes zu tun, immer wieder, oft beiläufig; so werden Lernprozesse angestoßen. 
  2. Zwang und Freiheit sind als dialektische Momente hilfreich: Ich konnte Textverarbeitung phasenweise sehr spielerisch lernen, wurde aber auch zu ganz konkreten Vorgehensweisen gezwungen.
  3. Halb-Öffentlichkeit kann auch helfen. Viel Lernen in der Schule findet völlig privat statt. Es handelt sich oft um eine fast private Form der Kommunikation zwischen Lernenden und Lehrenden. Die Wahrnehmung durch einen größeren Personenkreis kann motivierend wirken.

Effizient Arbeiten im Zeitalter digitaler Kommunikation

Jack Cookson, Society6
Jack Cookson, Society6

Ich werde ab und zu darauf angesprochen, dass ich recht produktiv sei. Deshalb hier einige Maximen, die mir effizientes Arbeiten mit digitalen Hilfsmitteln erleichtern:

  1. Nicht fernsehen, keine Zeitschriften oder Zeitungen lesen.
    Ich gestalte meine eigenen Filter und konsumiere so Texte und Videos ganz gezielt. Vorgegebene Zusammenstellungen verführen zum Browsen und zum Verweilen bei Texten oder Sendungen, die man sich gar nicht ansehen will.
  2. Texte nicht ganz lesen.
    Für gewisse Texte nehme ich mir nur wenig Zeit. Gemessen habe ich das nicht, ich schätze aber, es handelt sich um 90 Sekunden. In diesen 90 Sekunden weiß ich, was ich mit dem Text machen will – z.B. speichern, verschicken, ignorieren. Das tue ich dann.
  3. Dinge sofort oder so spät wie möglich erledigen.
    Wir erhalten immer wieder Aufforderungen, etwas zu tun. Beispielsweise zahle ich meine Handyrechnung online. Das tue ich entweder gleich beim Rechnungseingang oder bei der letzten Mahnung. Dasselbe gilt für das Schreiben von Texten, das Erledigen von Pendenzen etc.: Sofort erledigen oder liegen lassen. Meistens erhält man Reminder, dass etwas zu tun ist.
  4. Suchen statt archivieren.
    Man kann viel Zeit damit verbringen, Medien kompliziert zu archivieren. Mit einem sinnvollen Betriebssystem mit Suchfunktion und Google ist das eigentlich sinnlos: Ich speichere nur sehr grob und suche grundsätzlich nach allen Dokumenten, statt sie aus einem Archiv zu fischen.
  5. Wissensmanagement.
    Wissen wird gefunden, bearbeitet und weitergegeben. Diese Schritte befolge ich konsequent. Fast alles, was mir wichtig ist, halte ich irgendwo fest. So speichere ich es länger und finde es schneller weider.
  6. Zeiträume freihalten.
    Ich verplane meine Arbeitszeit kaum. Sobald ich arbeite, erledige eine Pendenz nach der anderen; aber ich habe immer freie Zeiträume, in denen ich spontan etwas erledigen kann. Das hilft mir dabei, gewisse Aufgaben sofort erledigen zu können.
  7. Wiederverwerten.
    So lange man nicht vorgibt, alles neu erfunden zu haben, kann man viele Texte, Dokumente und Verweise mehrfach verwenden. Davor sollte man nicht zurückschrecken.
  8. Von der Arbeit anderer profitieren.
    Das klingt perfider, als es ist. Social Media erlaubt uns, die Inhalte vieler anderer Menschen nutzen zu können. Warum sollten wir das nicht tun (wenn wir dabei transparent sind)?  Das kann auch bedeuten, Feedback einzuholen oder andere um gute Ideen zu bitten.
  9. Gewohnheiten und Routinen entwickeln.
    Das kann man theoretisch so beschreiben, ist aber sehr abstrakt. Letztlich hilft es, immer wieder ähnliche Arbeitsschritte durchzuführen, die man dann wie Bausteine verwenden kann. Blogposts schreibe ich oft nach demselben Muster: Ich halte Ideen als Notizen fest, schreibe den Text dann in einem Durchlauf und überarbeite ihn nach der Publikation (oft auch mehrmals). Diese Routine hilft mir dabei, das sehr schnell erledigen zu können.
  10. Mobil arbeiten.
    Wir verbringen viel Zeit mit Warten und Reisen. Diese Zeit kann auch Arbeitszeit sein. Ich arbeite auf dem Arbeitsweg und genieße die Freizeit zuhause.
  11. Keine Zeit mit Technik verlieren. 
    Wer immer wieder neue Programme installiert, neue Geräte aufsetzt etc. verliert enorm viel Arbeit. Ich nutze Technik langfristig: Gleiche Betriebssysteme, gleiche Geräte. Alles muss funktionieren – sobald sich Abstürze häufen oder etwas nicht so reagiert, wie ich es erwarte, behebe ich das Problem. Sonst nutze ich immer dieselben Werkzeuge.
  12. Infotention.
    Howard Rheingold nenn die Fähigkeit, Informationen das richtige Maß an Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, Infotention. Diese Kompetenz ist entscheidend und muss immer wieder trainiert werden. Am einfachsten geht das mit der Frage: »Warum lese/schaue/höre ich, was ich gerade lese/schaue/höre? Hat das mit meinem direkten Arbeitsziel zu tun?«
  13. Perfektionismus vermeiden.
    Es ist eine Binsenwahrheit: Die letzten 5 oder 2 Prozent einer Arbeit brauchen gleich viel Zeit wie die ersten 95 oder 98. Also einfach 95% anstreben und die restlichen 5% abschenken. Das gilt nicht für alle Arbeiten, aber bei vielen hilft es nicht, das Layout zu optimieren, jedes stilistische Problem zu beheben oder den letzten Tippfehler zu suchen.

Nun freue ich mich über weitere Tipps in den Kommentaren.

Papierloses Lernen

Papierlos

Mein Studium wäre ohne Papier kaum denkbar, da der ‹Faust› oder der ‹Mann ohne Eigenschaften› auf dem Bildschirm nicht das Gleiche sind wie zwischen Buchdeckeln.

Dieses Zitat findet sich unten am oben abgebildeten Artikel über Krystina Schaub – ein Klick vergrößert ihn so, dass er lesbar wird, hier die Online-Version. Schaub benutzt für ihr geisteswissenschaftliches Publikum nur ein Tablet. Sie nutzt es produktiv, rezeptiv und zur Kommunikation – und kann so, wie auch die Illustration zeigt, gänzlich auf Papier verzichten. (Studien belegen, dass man heute auf Tablets gleich gut Texte lesen kann wie auf Papier.)

Wie eine Umfrage von Per Bergamin zeigt, nutzen Studierende heute Tablets vor allem für rezeptive Tätigkeiten: Sie lesen Texte und betrachten Videos oder Präsentationen darauf, hingegen schreiben oder arbeiten sie wenig damit. Das mag damit zu tun haben, dass Tastaturen eine schnellere Texteingabe ermöglichen oder Papiernotizen weniger Ablenkungsgefahr bieten.

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Die Lernrealität vieler Lernenden umfasst heute so eine Reihe von Medienwechseln: Vom Buch zum Smartphone zum Computer zum Tablet, vom Online-Portal zur Facebook-Seite zum eBook zum Youtube-Video. Jeder dieser Medienwechsel ist mit Verlusten verbunden, wie Bergamin ausführt:

Die Sprünge zwischen dem Lehrbuch auf Papier und den Notizen aus dem Unterricht und dem Diskussionsforum im Web bringen Lernverluste. Bis man jeweils von einem auf den anderen Datenträger umgestiegen ist, hat man viel vergessen.

Die Vision, papierlos zu arbeiten, würde auch für die Schule solche Verluste vermeiden. Es müsste dann energischer nach sauberen Lösungen gesucht werden, die sowohl für Lernende als auch für Lehrende die Organisation und Verteilung von Daten erleichtern. Ein Beispiel aus meinem Unterrichtsalltag: Ich lese viele Bücher auf meinem Kindle (in der App oder auf dem Gerät). Dort markiere ich Stellen und halte Notizen fest. Diese Arbeit muss ich dann wieder auf ein Arbeitsblatt übertragen oder auf eine Präsentation, mit der ich die Schülerinnen und Schüler arbeiten lasse. Gleichzeitig notiere ich aber die Links, mit denen sie diese Dateien wieder aus der Cloud abrufen können. Sie lesen die Texte aber in einem Buch; stelten verweise ich sie auf Online-Ausgaben längerer Bücher.

Das Problem, so scheint mir, ist nicht das Papier. Ich werfe Papiere immer fort und benütze sie allenfalls kurzfristig. Ich archiviere Daten nur digital. Und doch besteht das Problem der Verzettelung. Krystina Schaub nutzt Evernote zur Organisation von Notizen, Bildern, Links und anderen Dokumenten; Evernote ist eine Art komplettes Archiv. Ich speichere alle meine Daten auf meinem Google-Drive-Profil und kann sie so einfach verteilen, verlinken und von jedem Endgerät aus bearbeiten.

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Evernote auf OS X.

Letztlich reicht aber eine individuelle Lösung für guten Unterricht nicht. Die Lösungen der Lernenden müssen mindestens an die Lösungen der Schule und der Lehrpersonen anschließbar sein. Natürlich können sie jedes Handout schnell mit dem Tablet oder Smartphone scannen und so ablegen. Aber oft werden schuleigene Intranet gebraucht, die nicht offen sind, oft werden Dokumente über zu viele verschiedene Kanäle zugänglich gemacht etc.

Kommuniziere so, dass andere deine Daten ohne Aufwand in ihren Archiven ablegen können, könnte die Maxime für die Zukunft lauten. Klar müsste dabei aber sein, ob Papier oder Daten das primäre, komplette Archiv darstellen. Sinnvoll wäre ein kompletter Datensatz, der auszugsweise ausgedruckt wird.

(Disclaimer: Ich kenne Krystina Schaub persönlich.) 

Das Problem der Pornographie

In St. Gallen werden Kioskverkäuferinnen juristisch belangt, weil Pornografie sichtbar ausliegt, wie 20Minuten berichtete. Dieses Problem mutet anachronistisch an: Liegt doch Pornografie im Internet für alle sichtbar aus.

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Wie soll man als Erziehende mit diesem Problem umgehen?

Meiner Meinung nach gibt es vier mögliche Vorgehensweisen:

  1. Das Problem wird ignoriert, man tut so, als wäre nichts. 
  2. Man versucht, die pornografischen Inhalte von Kindern und Jugendlichen so lange wie möglich fernzuhalten: Ihr Surfverhalten zu überwachen, Blocksoftware einzusetzen etc.
  3. Man begleitet den Internetgebrauch von Jugendlichen und Kindern und spricht mit ihnen über ihre Erfahrungen – ohne im Voraus festzulegen, welche Erfahrungen das sein sollen oder nicht sein dürfen.
  4. Pornografie wird mit Jugendlichen zu einem gegebenen Zeitpunkt bewusst gemeinsam konsumiert, um eine offene Atmosphäre zu schaffen und medial dargestellte Sexualität verarbeiten und reflektieren zu können.

Es ist klar, dass die erste Haltung keine pädagogische ist und die zweite meistens vergeben: Klar kann man den Zugang erschweren oder ihn mit mehr Aufwand verbinden. Aber mit jedem WLAN-fähigen Gerät können Kinder in jedem Migrosrestaurant ins Internet und dort ansehen, was sie wollen.

Sinnvoll wäre also die Begleitung oder gar der pädagogisch verantwortete Konsum. Meiner Meinung nach kann ein Bewusstsein, dass die mediale Repräsentation von Vorgängen eine Selektion und eine Verzerrung der Realität ist, an anderen Gegenständen viel besser und einfacher gezeigt werden. Die Übertragung dieser Einsicht auf die Darstellung von Sexualität, also die Einsicht, dass inszenierte Sexualität nicht ein Abbild realer Sexualität ist oder gar eine Norm, kann Jugendlichen gelingen – sie kann aber auch ohne den Konsum von Pornografie erreicht werden.

Pädagogisch ist es wichtig, dass man mit Jugendlichen spricht, ihnen Fragen stellt, sie auch lobt. Es ist in einer solchen Atmosphäre sowohl zuhause wie auch in der Schule möglich zu fragen, ob sie schon pornografische Inhalte konsumiert haben und was sie dabei erlebt haben.

Das wäre meiner Meinung nach ein sinnvoller Zugang.

Schulgespräche mit Expertinnen und Experten via Twitter

Der direkte Kontakt mit Wissenschaftlerinnen, Künstlern, Politikerinnen und anderen Persönlichkeiten ist für Schülerinnen und Schüler von großem Wert. Sie sind Perspektiven ausgesetzt, die nicht primär mit dem Unterrichtskontext zu tun haben und erhalten direkten Zugang zu wichtigen Themen.

Oft erlebe ich es so, dass Klassen etwas überfordert sind mit solchen Begegnungen. Sie freuen sich darauf, sie hören dann aufmerksam zu – trauen sich aber kaum, ein echte Gespräch zu eröffnen. Nach wenigen zögerlichen Fragen zeigt sich dann in der Nachbesprechung, wie interessiert sie waren und wie viel sie zu einer interessanten Diskussion hätten beitragen können, nicht nur durch Fragen, sondern durch eigene Meinungen, Erlebnisse etc.

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Die Durchführung eines solchen Gespräches via Social Media bzw. Twitter hat viele Vorteile. Ich beziehe mich auf die Beschreibung eines Kommunikationskurses der Rutger University, wo ein Live-Gespräch mit Nathan Jurgenson, einem der interessantesten Theoretiker von Social Media (vgl. seine Gedanken zu digitalem Dualismus), durchgeführt wurde. Die verantwortliche Dozentin, Mary Chayko, beschreibt wichtige Aspekte, die bei einer solche Online-Begegnung beachtet werden müssen, damit sie erfolgreich durchgeführt werden kann:

  1. Die Klasse muss mit den technischen Mitteln und ihrem Einsatz so vertraut sein, dass keine Hindernisse entstehen. Idealerweise verwendet man eine Plattform, die Schülerinnen und Schüler kennen und nutzen. 
  2. Die Begegnung muss vorbereitet werden. Neben intensiver Lektüre relevanter Texte hat Chayko alle Lernenden gebeten, eine Frage zu formulieren und ihnen dazu ein Feedback gegeben. So kommt sicher eine Konversation in Gang.
  3. Die Person, mit der man spricht, muss ein solches Gespräch führen können, unter Umständen mit wenig Moderation durch die Lehrperson.
  4. Das Gespräch muss im Unterricht nachbearbeitet und ausgewertet werden.
  5. Der Einsatz von solchen Gesprächen muss sehr dosiert erfolgen (z.B. ein Mal pro Semester), er ist sehr aufwändig.

Nathan Jurgenson zog eine statistische Bilanz, wie oft er gefragt wurde und wie viele Antworten er gab:

http://twitter.com/#!/nathanjurgenson/status/258350385834643456

Chayko bewertet das Ergebnis als positiv – trotz des großen Aufwands. Das schönste Ergebnis war, dass sich ein face-to-face Backchannel ergeben hat. Das muss kurz erklärt werden: Oft wird Social Media als Backchannel bezeichnet: Bei Konferenzen, Sitzungen oder im Unterricht ergibt sich heute oft eine zweite Gesprächsschicht auf Social Media, wo andere Fragen gestellt und andere Themen diskutiert werden. Diese Backchannels können durch »Twitterwalls« sichtbar gemacht werden. Im Falle der Klasse von Chayko war der Backchannel aber im Unterricht: Die Studierenden haben gelacht und miteinander geredet, während sie mit Jurgenson diskutiert haben:

But my favorite outcome was the way the face-to-face “backchannel,” and the class as a community, began, during this event, to coalesce.

Zum Schluss noch ein technischer Hinweis: Mit Google+ ist es auch möglich, mehrdimensionale Begegnungen durchzuführen. Wie der Screenshot von Roland Gesthuizen zeigt, kombiniert es Videotelefonie mit Chats und gemeinsamer Bearbeitung von Dokumenten. Das kann für Gruppenarbeiten sinnvoll sein, würde bei Begegnungen aber auch ermöglichen, dass der Gast einen Vortrag halten könnte in einer Klasse und dann per Chat oder per Video befragt werden könnte.

ACCELN hangout  activity Screen Shot 2012-10-29 at 10.07.55 PM