»Crap detect yourself« – Howard Rheingold über »digital literacy« 

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Update: Den Vortrag von Rheingold gibt es nun auch als Screencast zum Nachschauen

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Man solle, so das Schlusswort von Howard Rheingold bei seinem gestrigen Vortrag in Luzern, nicht mit der Technologie mithalten, sondern mit der »literacy«, also den Kompetenzen. Der Begriff literacy lässt sich nicht genau übersetzen, Rheingold versteht darunter eine Fähigkeit sowie ihre soziale Einbettung und Kontextualisierung. Wie wir heute Technologie nutzen hat immer auch soziale Auswirkungen: Unsere Suchbegriffe bei Google; die Links, die von unseren Texten ausgehen; unsere Likes bei Facebook und unsere Tweets beeinflussen die Interneterfahrung vieler anderer Menschen – manchmal direkt, manchmal indirekt. Wichtig deshalb: »Crap detection«. Was in unserem Informationsfluss ist wahr und relevant und was falsch, halbwahr oder unwichtig? Diese Prüfung gilt nicht nur für fremde Inhalte, sondern im Sinne einer Netzwerkverantwortung, auch für eigene.

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Das »Power Law of Participation«, das Rheingold gezeigt hat, macht deutlich, wie viele Tätigkeiten es gibt, mit denen man sich in Netzwerken beteiligt – schon allein das Lesen von Beiträgen ist eine Form von Partizipation.

Wie hier schon einmal ausgeführt, ist dabei eine der wichtigsten literacies die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit zu steuern: Rheingold spricht von »Infotention«. Gestern hat er einen zentralen Aspekt betont: Wir müssen lernen zu beobachten, worauf wir uns konzentrieren und wie wir unsere Werkzeuge einsetzen. Seine konkreten Tipps:

  1. Sich in die Rolle anderer versetzen (z.B. indem man als Lehrerin oder Lehrer einmal die Klasse filmt und ihr zeigt, wie es von vorne aussieht, wenn viele Lernende vor Bildschirmen sitzen).
  2. Zu beschreiben, wie man seinen Browser, seinen Desktop, sein Mobiltelefon organisiert und wie man damit interagiert.

Rheingolds These: Nur fünf Prozent der Menschen beherrschen Multitasking in dem Sinne, dass sie mehrere Tätigkeiten so ausüben können, dass diese qualitativ nicht darunter leiden. Er vermutet, diese hätten Multitasking gelernt. Nur: Wie genau?

Rheingolds Aufmerksamkeit für einmal bei seinen Hunden. Er ist eine Stunde pro Tag offline.

Rheingolds Aufmerksamkeit für einmal bei seinen Hunden. Er ist eine Stunde pro Tag offline.

Im Vortrag hat Rheingold auch ausführlich über Netzwerke gesprochen – seine Konzeption eines Persönlichen Lernnetzwerks habe ich hier zusammengefasst. Seine wichtigsten Aussagen:

  1. »If nobody in your network annoys you, you are in a echo chamber«: Man muss ehrliche und intelligente Menschen in seinem Netzwerk haben, die andere Meinungen vertreten, um von ihnen lernen zu können.
  2. Nicht nur konsumieren, kreieren. Nur so sind die Bedingungen gegeben, dass bessere Werkzeuge entstehen können.
  3. Wenn man Menschen motivieren will, bei einem Projekt mitzuhelfen, soll man sie wählen lassen, was sie tun wollen.
  4. Menschen lernen einander zu vertrauen, wenn sie über Unwichtiges reden können und small talk betreiben.
  5. »Weak ties« helfen uns dabei, einen Job oder Partner zu finden; bei »strong ties« können wir schlafen, wenn unser Haus niederbrennt. Wir brauchen in Netzwerken beides.
  6. Die Position in Netzwerken ist ausschlaggebend, nicht die Zahl der Verbindungen. Die Position ergibt sich daraus, wie viele Menschen über das eigene Profil mit anderen in Verbindung treten.
  7. Netzwerke müssen diversifiziert sein, also Expertinnen und Laien enthalten. Wichtig sind zudem Menschen, die Lücken überbrücken.
  8. »pay it forward« – Menschen helfen einem, wenn man ihnen schon geholfen hat.
Die Zukunft digitaler Medien hängt von uns ab. Net Smart, S. 8.

Die Zukunft digitaler Medien hängt von uns ab.
Net Smart, S. 8.

Mit bestem Dank an die Hochschule Luzern, die zum Anlass mit Howard Rheingold eingeladen hatte. 

Das war der sechste Teil von Gedanken zu meinem geplanten Re:Publica-Workshop. (Er wurde leider nicht berücksichtigt.) 

The Author

philippe-wampfler.ch

10 Comments

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  5. Hallo Philippe, danke für die Zusammenfassung! Interessant fand ich insbesondere seinen Punkt V und die Einteilung in „weak ties“ und „strong ties“. Die Bedeutung der „weak ties“ wird vermutlich – besonders von älteren Mitmenschen – eher unterschätzt, weil sie ein Gegensatz zu „Freunden“ darstellen bzw. gedanklich oft mit der (unglücklichen) Übersetzung „Freunde“ gleichgesetzt werden. Persönlich bin ich skeptisch, dass „strong ties“ allein auf Basis von Social Media entstehen können. Diese bedürfen m. E. einen Kontakt im Gespräch von Angesicht zu Angesicht.

    Grüße

    Tobias

    • Danke für den Kommentar und das Feedback. Ich bin sehr einverstanden: Für strong ties ist der direkte Kontakt sicher wichtig – aber soziale Netzwerke können natürlich solche Kontakte problemlos ermöglichen und insofern zu strong ties führen.

  6. Pingback: Digitale Kompetenzen für alle | Schule und Social Media

  7. Pingback: Digitale Meinungsbildung | Schule und Social Media

  8. Danke für die Zusammenfassung des Vortrags von Rheingold!
    Mit „Literacy“ ist ja (in der Buchkultur, wo der Begriff entstand) „Alphabetisierung“ gemeint, also die Bildung an Grundfähigkeiten (sinnentnehmend Lesen, Schreiben), die Voraussetzung für den Zugang zur herrschenden Kultur war und ist. Insofern ist Literacy heute (eine Art „Literacy II“) folgerichtig das Bündel an „Netzkompetenzen und Netzwerkkompetenzen“, das Rheingold, Whiley et al. benennen.

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