Blogparade: Wie Martin Jonglieren gelernt hat

Vor rund einem Monat habe ich zu einer Blogparade aufgerufen. Mittlerweile sind schon ein paar Texte entstanden, die der Frage nachgehen, wie wir denn bestimmte Kompetenzen erworben haben, indem sie den Lernprozess beschreiben:

Ich würde mich sehr über weitere Beiträge freuen, einen Abschlusspost werde ich wohl erst Mitte Mai schreiben.

MAKE ME SOME ART, society6
MAKE ME SOME ART, society6

Jonglieren
Bedeutung
Unterhaltung, Entspannung

Phasen
Motivation: unbestimmt, irgendwas zwischen Langeweile und  Gelegenheit, und es gab so Sendungen das man sein Gehirn immer mal wieder mit was neuem beschäftigen solle, es sollte etwas sein das im Zimmer ohne Ausrüstung und ohne Vorbereitung geht

Idee: aus dem Buch Der Medicus, er muss da jonglieren lernen mit wenigstens 4 Bällen

Information: ungewiss, muss per Internet gewesen sein, der Tipp war langsam mit einer, dann 2 Bällen mit einer Hand zu üben

Üben, üben: ging eigentlich ganz gut, 1-2 Wochen mit einer und 2 Kugeln, dann klappten 2 mit einer Hand, nach ca 3 Wochen klappte es dann mit 3; alles allein; evtl. so was wie 15 min;  die Aufgabe war eine bestimmte Anzahl von Wiederholungen zu schaffen ohne das die Kugel runterfällt, die Anzahl dann immer etwas höher gedreht

Gelernt fürs Lernen
grundlegendes geht eher einfach
4 Bälle habe ich nie geschafft, das müsste man offenbar „richtig“ üben
letzlich sowas wie viel Anfangsmotivation, genügend Informationsmaterial um zu glauben das es machbar ist, Gelegenheit und kontinuierliche Erfolge beim üben

Das Internet hält nicht, was viele User versprechen

Das ist der vierte Teil von Gedanken zu meinem geplanten Re:Publica-Workshop. (Er wurde leider nicht berücksichtigt.) 

Neben Skeptikerinnen und Skeptikern gibt es im Internet viele Fanboys und -girls. Soziale Netzwerke werden von Menschen gefüllt, die ihre Gratisarbeit nicht nur als ein Vergnügen empfinden, sondern sicher sind, dass ihre Investitionen ins Internet sich auszahlen werden. So präsentieren sie die Möglichkeiten des Internets in einem besseren Licht, als sie bei realistischer Prüfung erscheinen würden. Gerade weil diese intensiven Nutzer so viel investiert haben, müssen sie daran glauben, dass sich ihre Investition auszahlen wird.

Dieser Effekt kann gut beim Social-Media-Marketing beobachtet werden: Wer diese Dienstleistung anbietet, muss Kunden sagen, Social Media sei ein geeigneter Kanal, um Kunden zu finden. Dieser Ratschlag basiert aber auf einer optimistischen Prognose und diese Prognose ist deshalb optimistisch, weil die eigene Situation damit zusammenhängt.

Diese positiven Vorurteile dem Netz gegenüber sind deshalb ein Problem, weil sie oft von den Menschen vertreten werden, welche Digital Immigrants oder nicht-technikaffine Menschen dabei beraten, im Internet aktiv zu werden. Sie produzieren so Enttäuschungen: Wer ein Twitter-Profil eröffnet und erste zögerliche Schritte unternimmt, wird lange brauchen, bis ein Nutzen erkennbar wird. Dieser Nutzen bedarf zudem einer konstanten Anpassung von Filtern und einer unablässigen Reflexion über den Einsatz von technischen Mitteln.

Wer sich theoretisch und kritisch mit Internetkommunikation auseinandergesetzt hat, ist weniger anfällig dafür, es zu überschätzen; sondern setzt Vor- und Nachteile in eine Beziehung.

»not your personal army« - Korrektur der positiven Vorurteile
»not your personal army« – Korrektur der positiven Vorurteile

Ich halte zuweilen Vorträge und erkläre, wie Twitter für mich das Zeitungslesen ersetzt hat. Aber viele Menschen sind besser beraten, die Zeitung zu lesen: Weil sie nicht wie ich schon 10’000 Stunden (ich verwende einfach mal die Zahl von Gladwell, wird irgendwie hinkommen) mit Social Media verbracht haben und das auch so bald nicht tun werden. Ganz ähnlich ist das mit Technologie im Schulzimmer: Viele Lehrpersonen unterrichten ohne schlicht besser. Es lohnt sich für sie nicht, Smartphones und Projektoren zu konfigurieren um dann nach langen Stunden dasselbe schlechter zu machen, was sie vorher schon konnten.

Das Argument, so werde die Zukunft verpasst, halte ich für wenig bedeutsam: Wir wissen nicht, was die Zukunft von sozialen Netzwerken sein wird. Wenn es ohne nicht mehr geht, wird es wohl reichen, dann einzusteigen. Wichtig ist, Aufwand und Ertrag, Chancen und Gefahren realistisch einzuschätzen: Sie weder übertreiben noch runterspielen und weder Drohungen an die Wand malen noch Versprechen abgeben, die nicht aus einer nüchternen Einschätzung resultieren.

Was sich im Internet abspielt ist – so der Titel des lesenswerten Buches von Passig und Lobo – ist weder Segen noch Fluch. Beide Haltungen resultieren aus Projektionen, Umdeutungen und der stärkeren Gewichtung eigener Interessen. Und beide verhindern, dass Menschen die wahren Möglichkeiten des Netzes nutzen können.

(Ich verdanke den Hinweis auf diese Überlegungen der Diskussion im Anschluss an meinen letzten Re:Publica-Post, insbesondere dem Input von Demian Naftali. Danke!)

Digitale Meinungsbildung

Auf der Re:Publica 2013 wollte ich in einem Workshop darüber nachdenken, wie die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation mehr Menschen zugänglich gemacht werden könnten. Es geht mir nicht primär um eine Beschreibung der digitalen Kluft – die ist längst beschrieben. Vielmehr geht es um die Frage, welche konkreten Möglichkeiten sich anbieten und welche Hindernisse der Demokratisierung der Internetkommunikation im Wege stehen.

Den Workshop kann ich nicht halten, er fand keinen Platz im Re:Publica-Programm. Und ich bin fast ein wenig froh – weil ich nicht weiß, wie man dieses Thema in einer stündigen Diskussion schlau angehen kann. Fallen lassen möchte ich es nicht, sondern hier in loser Folge über die Fragen nachdenken und daraus dann vielleicht einen längeren Essay schreiben. (Zudem kann ich mich so an der Blogparade von ChiliConCharme beteiligen, in der Beiträge gesammelt werden, die von der Re:Publica abgelehnt worden sind.)

69437_1623977195739_6661013_nAm Anfang sollen Überlegungen zur Meinungsbildung im Internet stehen. Zwei US-Artikel (TechCrunch, Pew Research) lassen folgende, nicht besonders überraschenden Schlüsse zu:

  1. An Meinungsbildungsprozessen und Diskussionen auf Twitter sind 1-3% aller erwachsenen Amerikanerinnen und Amerikaner beteiligt. 
  2. Das Spektrum ist breiter als bei der Bildung der relevanten öffentlichen Meinung: Auch politisch nicht Stimm- und Wahlberechtigte beteiligen sich an den für sie relevanten Diskussionen.
  3. Generell ist der Altersdurchschnitt auf Social Media jünger als in der Bildung der öffentlichen Meinung.
  4. Meinungsbildung findet im Internet sehr selektiv statt; je nach Ereignis und Thema beteiligen sich ganz andere Menschen an Diskussionen.
  5. Nutzerinnen und Nutzer von Social Media sind tendenziell individualistisch eingestellt und deshalb in vielen Fragen tendenziell liberaler als die öffentliche Meinung.
  6. Auf Social Media verbreiten sich positive Botschaften schneller als negative, weil niemand in seinem Netzwerk konstant negative Botschaften verbreiten will.
  7. »Empörung« oder Kritik sind dabei Ausnahmen, auch sie haben auf Social Media starkes Gewicht: »Seht, wie schlecht die Welt und die anderen sind, wir sind die Guten!« dürfte dabei auch eine Art positive Botschaft sein.

Entscheidend ist dabei: Social Media sind ein Teil der Meinungsbildung; sie stehen nicht außerhalb des gesellschaftlichen Diskurses. Gleichzeitig vermögen sie aber nicht alle Meinungen und Positionen abzubilden oder richtig zu gewichten: Individualistische, technikaffine und eher jüngere Menschen schaffen ein liberales Klima.

Mehr Partizipation im Internet würde bedingen, dass alternative Haltungen Gewicht bekommen, Stimmen gehört werden, die heute in vielen Diskussionen Gegenstand von Gespött und Verachtung sind.

Eine letzte Bemerkung zum Begriff »Elite«: Er ist nicht wertend gemeint, sondern deskriptiv. Wer viel in Social Media präsent ist, hat einerseits die Zeit dazu, andererseits die technische Ausrüstung und Kompetenz dafür. Präsenz im Internet weist auf Privilegien hin.)

* * *

Die weiteren Teile der Workshop-Vorbereitung:

Teil 2: 16 Gründe gegen digitale Kommunikation

Teil 3: Vorurteile und das Internet

Teil 4: Das Internet wird überschätzt

Teil 5: Ein positives Leitbild für Netzpolitik

Teil 6: »Crap detect yourself« – Howard Rheingold über Netzwerke

Blogparade: Wie Penelope Tabellenkalkulation gelernt hat

Im Rahmen einer Blogparade habe ich vor 10 Tagen dazu eingeladen, Texte darüber zu schreiben, wie man sich eine spezifische Kompetenz angeeignet hat. Sinn davon ist, dass die Texte so besser sichtbar werden, die Bloggerinnen und Blogger sich so vernetzen und letztlich eine Sammlung von Texten entsteht, die ich dann in einem Schlusspost zusammenfasse und kommentiere. Der Titel der Blogposts wäre »Wie ich etwas gelernt habe«, wobei »etwas« dann ersetzt würde durch die Kompetenz. Eine mögliche Struktur der Beiträge wäre:

  1. Beschreibung der Kompetenz (was bedeutet es, das zu können?)
  2. Phasen des Lernprozesses
  3. Wie habe ich gelernt?
  4. Was lässt sich daraus übers Lernen ableiten?

Es ist Usus, einen Zeitraum vorzugeben: Ich schlage also mal vor, die Texte bis Ende April zu schreiben und würde mich freuen, wenn sie hier mit Kommentar verlinkt würden oder ich eine Mail mit einem Link erhielte.

* * *

Hier der Beitrag von Penelope, sie hat ihn auf Englisch geschrieben:

I was 23 and had been devoting myself to fine arts, dance, literature and languages since the age of 16. I hated maths, science, geography and anything I was expected to learn without being told why. At 16, it had been my opinion that life was hard enough without the need to solve abstract problems that did not serve to make me any happier.

Needless to say, after 7 years away from numbers and logic, my grasp of anything more complicated than basic arithmetic was poor.

Having arrived in London as a tourist, determined to get a job and stay there, I managed to be hired by an agency as an office “temp” (temporary worker) even though I couldn’t even type. At the first company I was sent to, one of my duties involved updating a spreadsheet in Lotus 1-2-3, the precursor of Excel.

When I first realized that the numbers I could see in the cells of the spreadsheet were the result of hidden formulas, my tiny brain was suddenly set on fire! I was both horrified and intrigued. I thought that such trickery was an outrage! – but also utterly fascinating. I knew I had to figure out how this craziness worked! After several weeks of struggling to understand some of the formulas, I managed to get myself on a Beginners’ Course in Lotus 1-2-3. (In the meantime, the company I was sent to as a “temp” had hired me as a permanent employee.)

At the Beginners’ Course, I was even more shocked to discover that I really knew nothing about how the world worked. I didn’t even know that to work out a Profit, you had to subtract the Purchase Price from the Sales Price. How could I know such a thing? I had never worked in a shop, and had never given this matter any thought at all. But this was actually less important to me than learning the magic of those formulas, which caused correctly computed numbers to appear.

As a result of learning the power of spreadsheets, I later became a computer programmer (aka software developer). If I hadn’t had that experience, I would perhaps have gone through life without ever finding out how fascinating the field of numbers and logic is.

I still love to read, draw and dance, but numbers, logic and science in general is where I find a never-ending source of interesting problems that need solving.

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Comment: This is not really „how“ in terms of the steps I took, but „how“ the subject grabbed me and enabled me to learn difficult concepts (to me they were difficult) because I was so fascinated.

Blogparade: »Wie ich etwas gelernt habe«

Letzte Woche habe ich darüber geschrieben, wie ich Textverarbeitung gelernt habe. Die Idee dahinter ist, dass man darüber nachdenkt, wie man sich Kompetenzen konkret angeeignet hat, aus welchen Teilen sie bestehen und was man daraus über Lernprozesses ableiten kann.

Ich möchte daraus eine Blogparade machen: Das heißt andere Menschen bitten, auch Texte zu diesem Thema zu schreiben. Sinn davon ist, dass die Texte so besser sichtbar werden, die Bloggerinnen und Blogger sich so vernetzen und letztlich eine Sammlung von Texten entsteht, die ich dann in einem Schlusspost zusammenfasse und kommentiere. Der Titel der Blogposts wäre »Wie ich etwas gelernt habe«, wobei »etwas« dann ersetzt würde durch die Kompetenz. Eine mögliche Struktur der Beiträge wäre:

  1. Beschreibung der Kompetenz (was bedeutet es, das zu können?)
  2. Phasen des Lernprozesses
  3. Wie habe ich gelernt?
  4. Was lässt sich daraus übers Lernen ableiten?

Es ist Usus, einen Zeitraum vorzugeben: Ich schlage also mal vor, die Texte bis Ende April zu schreiben und würde mich freuen, wenn sie hier mit Kommentar verlinkt würden oder ich eine Mail mit einem Link erhielte.

gelernt_blogparade

Unten noch ein Beispiel von mir, weil ich darum gebeten wurde.

* * *

Wie ich gelernt habe, Texte zu schreiben. 

(1) Bestandteile der Kompetenz

Es gibt viel Literatur zum Thema, aus welchen Bereichen die Kompetenz besteht, Texte verfassen zu können. Ich möchte hier nicht zu weit ausholen, sondern vier Aspekte betonen:

  1. Sich vorstellen können, was Texte beim Leser oder bei der Leserin auslösen. 
  2. Die formale Gestaltung der geplanten Wirkung anpassen können.
  3. Die einzelnen Bestandteile des Textes (Wörter, Sätze, Abschnitte) formal und inhaltlich so gestalten, dass eine Orientierung im Text gewährleistet ist und die Rezeption des Textes erfolgreich erfolgen kann.
  4. Beim Verfassen des Textes die eigenen Gedanken ordnen und den Text auch für sich selbst schreiben.

Diese Bestandteile können nicht in dem Sinne gelernt werden, dass sie beherrscht werden und bei jedem neuen Text umfassend abgerufen werden können, sondern es findet lediglich eine Annäherung statt.

(2) Schulzeit

Ich habe immer viel gelesen und gern geschrieben. Das Schreiben fand im Deutschunterricht weit gehend frei von Vorgaben statt: Aufsätze erforderten hauptsächlich Kreativität. Oft wurden Texte von Schülerinnen und Schülern in der Klasse vorgelesen, dabei handelte es sich immer um stilistisch oder inhaltlich ausgefallene, an denen ich mich Orientierte. So entwickelte ich schnell einen eigenwillig, komplizierten Stil. Ich nahm Wörter aus meiner Lektüre und brachte sie in meinen Texten unter. Ich wollte hauptsächlich mit meiner Wortgewandtheit und meinen Kenntnissen beeindrucken.

Parallel dazu musste ich im Latein-, Griechisch- und Französischunterricht viel übersetzen. Mit der Zeit wurden wir dazu angehalten, stilistisch ansprechende Übersetzungen zu schreiben, also solche, die nicht primär genau waren, sondern sinngemäß. Texte zu schreiben, ohne den Inhalt erfinden zu müssen, zeigte mir klarer auf, was stilistisch möglich ist, welche Bandbreiten es gibt und wie Elemente eines Textes zusammenhängen.

Im Austauschjahr schrieb ich zum ersten Mal für eine Schülerzeitung. Begrenzte Zeit und begrenzter Raum waren neue Erfahrungen; zudem gab es klare Vorstellungen, wie ein guter Text einer Schülerzeitung auszusehen hatte (er sollte positiv sein, viele Namen und Aussagen enthalten und von Ereignissen an der Schule handeln). Die Schlussredaktion genoss ich enorm: Der zeitliche Druck wirkte anregend, wir schrieben viel und kritisierten heftig. Und danach hielten wir Ausdrucke in den Händen, welche die fertige Zeitung zeigten – auf die wir dann wiederum Feedback (auch von Unbekannten) erhielten. Es zeigte deutlich, wie Texte ankamen und wirkten.

Kurz vor der Matur hatte ich eine Freundin, mit der ich oft zusammenarbeitete. Sie pflegte, von ihrem Vater vermittelt, einen minimalistischen Stil: Knappe Sätze von hoher Klarheit. Sie las einige meiner Texte und kritisierte ihre stilistische Schwülstigkeit. Es fiel mir schwer einzusehen, dass sie Recht hatte – und ich begann zu vereinfachen. Und dazuzulernen.

(3) Studium

Immer mehr schrieb ich auch persönliche Texte. Die Verbreitung von Email zu Beginn meines Studiums führte dazu, dass ich Beziehungen über lange Texte aufzubauen begann. Ich spielte vermehrt mit Ausdrücken, versuchte eine persönliche Sprache zu finden; schrieb gleichzeitig aber auch über Alltägliches und immer mehr auch über meine Gedanken, auch Intimes kam zur Sprache. Ich lernte schon früh, Internetkommunikation als Mittel zu betrachten, Dinge zur Sprache zu bringen, über die ich mich in Gesprächen weder äußern konnte noch wollte.

Dazu musste ich längere Sachtexte schreiben. Dabei lernte ich zunächst kaum etwas dazu: Ich erhielt kaum Rückmeldungen auf Proseminar- und Seminararbeiten, allenfalls wurden ein paar Kommafehler korrigiert oder inhaltliche Kommentare abgegeben. Hilfreich war das Feedback meines Vaters, der als Volksschullehrer darauf pochte, dass ich nicht zu akademisch schrieb. Die Lektüre von Fachaufsätzen brachte mich immer wieder in Versuchung, ein Fachregister zu verwenden, hinter dem sich unklare Aussagen verstecken ließen.

Die Master- bzw. Lizarbeit stellte mich zum ersten Mal vor die Aufgabe, einen sehr langen Text zu schreiben. Schon während des Studiums hatte ich mir angewöhnt, sofort zu schreiben. Ich verarbeitete meine Lektüre sofort in Texte, die ich dann im Dokument platzierte und immer wieder verschob; während viele Kommilitoninnen und Kommilitonen die Arbeit an einem Stück schrieben, nachdem sie alle wichtigen Texte gelesen hatten. Schreiben wurde für mich schnell zum Mittel, eigene Erkenntnisse zu finden und Lektüre mit Reflexion zu koppeln.

(4) Bloggen und Social Media

Bis ich Social Media nutzte (mit Bloggen begann ich 2006) schrieb ich – mit Ausnahme von Schülerzeitungen – Texte, die meist genau eine Person lasen. Es waren Texte für mich, mit denen ich mich qualifizierte, die aber kein Publikum hatten. Das änderte sich. Zunächst war mein Blog sehr persönlich, es lasen einige Eingeweihte mit. Ich verstehe nicht ganz, wie und wann sie das Publikum erweiterte; eine Mischung von Facebook- und Twitter sowie Google-Suchen führte dazu, dass ich irgendwann einen Kreis von Leserinnen und Lesern hatte. Nicht viele, aber immerhin einige. Heute sind es wohl zwischen 100 und 200, die meine Texte auf dem Blog lesen; je nach Thema können es mehr sein. Die Wirkung der Öffentlichkeit verstehe ich aber nicht ganz: Ich erhalte mehr Feedback und merke sofort, wenn Texte nicht so wirken, wie ich es beabsichtigt habe. Ich kann stärker experimentieren – mal provozieren, mal verknappen, mal ausprobieren. Ich argumentiere parallel zu meinen Texten auch in Foren, auf Twitter, in Kommentaren – und erlebe den Unterschied zwischen den Texten, die ich auf meinen Kanälen veröffentliche, und denen, die auf fremden Kanälen erscheinen. Daraus ergibt sich die Bedeutung des Kontexts.

Entscheidend ist die Kürze, die vor allem von Twitter vorgegeben wird. Ich verzichte darauf, Abkürzungen zu verwenden und teile meine Tweets selten auf. So muss ich mich oft in 140 Zeichen ausdrücken. Viele Tweets lösche ich, formuliere neu, lösche Unnötiges. Mein Schreiben profitiert davon, zumindest denke ich das. Tweets wirken sofort, die Reaktionen zeigen Unklarheiten unmissverständlich auf. Zudem schreibt man viele davon, ich habe schon über 20’000 veröffentlicht, also ein Buch geschrieben.

Diese Menge ist ein anderer Faktor. Ich schreibe momentan pro Woche rund fünf Blogposts, insgesamt mehr als 300 Texte pro Jahr. Oft schreibe ich sehr schnell; ich nehme mir vor, einen Blogpost in 20 Minuten zu schreiben – erlaube mir dann aber, ihn zu ergänzen und zu überarbeiten. Texte werden so immer mehr zu etwas Provisorischem. Aus Blogposts entstehen Aufsätze, Aufsätze erscheinen zuerst als Blogposts.

(5) Wie habe ich gelernt? 

Texte zu schreiben ist eine offensichtliche Kompetenz. In meinem Beruf als Lehrer, in der Schule und im Germanistik-Studium ist sie ständig explizit präsent. Texte werden besprochen und bewertet. Zunächst habe ich sicher dadurch gelernt, dass ich vielen Profis genau zugeschaut habe: Ich habe viele gute Texte gelesen und sie auf mich wirken lassen. Dabei habe ich auch allgemein über Texte nachgedacht und sie analysiert. Dabei wird klar, dass Begriffe definiert werden müssen, dass Abschnitte zu verbinden sind, dass Repetitionen oft wichtig sein können; Texte einen Rhythmus haben, nicht immer integral gelesen werden und es deshalb besonders exponierte Stellen gibt etc.

Ich habe viel imitiert. Nicht nur literarische Vorlagen, auch Journalistinnen und Journalisten, Sachtexte, sogar mündliche Äußerungen. Oft mit primitiven Tricks: Wörter und Sätze einfach übernehmen. Vergleichsideen klauen. Aufbaustrategien nachahmen.

Entscheidend ist weiter, sich Kritik auszusetzen. Leute zu finden, die eine andere Perspektive auf einen Text haben (z.B. mein Vater) und sie um ehrliches Feedback bitten. Ich war oft verärgert, ich fühlte mich unverstanden und war überzeugt von meinen Formulierungen. Aber ich habe eigentlich immer etwas geändert an meinen Texten. Heute freue ich mich über Rückmeldungen und beherzige sie immer. Auch das musste ich lernen – aber es war einfach: Überarbeitete Texte kamen besser an.

Und zuletzt: Einfach viel schreiben. Schreiben war für mich der Weg, Gelesenes und Gedachtes festzuhalten. Daraus habe ich eine Gewohnheit gemacht. Was Kleist über die Allmähliche Verfertigung von Gedanken beim Reden schreibt, gilt für mich fürs Schreiben:

 Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist.

(6) Kann man daraus etwas übers Lernen an sich ableiten? 

Meine Erkenntnisse aus dem Textverarbeitungspost haben sich nicht wesentlich verändert, ich formuliere sie aber etwas anders und füge einen Punkt hinzu:

  1. Es hilft, eine Tätigkeit in verschiedenen Kontexten und unter verschiedenen Perspektiven auszuführen. 
  2. Phasen von großer Freiheit und solche von großer Einschränkungen ergänzen einander und entfalten eine besondere Wirkung.
  3. Echte Kritik am eigenen Verhalten löst Lernprozesse aus.