Das Internet hält nicht, was viele User versprechen

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Das ist der vierte Teil von Gedanken zu meinem geplanten Re:Publica-Workshop. (Er wurde leider nicht berücksichtigt.) 

Neben Skeptikerinnen und Skeptikern gibt es im Internet viele Fanboys und -girls. Soziale Netzwerke werden von Menschen gefüllt, die ihre Gratisarbeit nicht nur als ein Vergnügen empfinden, sondern sicher sind, dass ihre Investitionen ins Internet sich auszahlen werden. So präsentieren sie die Möglichkeiten des Internets in einem besseren Licht, als sie bei realistischer Prüfung erscheinen würden. Gerade weil diese intensiven Nutzer so viel investiert haben, müssen sie daran glauben, dass sich ihre Investition auszahlen wird.

Dieser Effekt kann gut beim Social-Media-Marketing beobachtet werden: Wer diese Dienstleistung anbietet, muss Kunden sagen, Social Media sei ein geeigneter Kanal, um Kunden zu finden. Dieser Ratschlag basiert aber auf einer optimistischen Prognose und diese Prognose ist deshalb optimistisch, weil die eigene Situation damit zusammenhängt.

Diese positiven Vorurteile dem Netz gegenüber sind deshalb ein Problem, weil sie oft von den Menschen vertreten werden, welche Digital Immigrants oder nicht-technikaffine Menschen dabei beraten, im Internet aktiv zu werden. Sie produzieren so Enttäuschungen: Wer ein Twitter-Profil eröffnet und erste zögerliche Schritte unternimmt, wird lange brauchen, bis ein Nutzen erkennbar wird. Dieser Nutzen bedarf zudem einer konstanten Anpassung von Filtern und einer unablässigen Reflexion über den Einsatz von technischen Mitteln.

Wer sich theoretisch und kritisch mit Internetkommunikation auseinandergesetzt hat, ist weniger anfällig dafür, es zu überschätzen; sondern setzt Vor- und Nachteile in eine Beziehung.

»not your personal army« - Korrektur der positiven Vorurteile

»not your personal army« – Korrektur der positiven Vorurteile

Ich halte zuweilen Vorträge und erkläre, wie Twitter für mich das Zeitungslesen ersetzt hat. Aber viele Menschen sind besser beraten, die Zeitung zu lesen: Weil sie nicht wie ich schon 10’000 Stunden (ich verwende einfach mal die Zahl von Gladwell, wird irgendwie hinkommen) mit Social Media verbracht haben und das auch so bald nicht tun werden. Ganz ähnlich ist das mit Technologie im Schulzimmer: Viele Lehrpersonen unterrichten ohne schlicht besser. Es lohnt sich für sie nicht, Smartphones und Projektoren zu konfigurieren um dann nach langen Stunden dasselbe schlechter zu machen, was sie vorher schon konnten.

Das Argument, so werde die Zukunft verpasst, halte ich für wenig bedeutsam: Wir wissen nicht, was die Zukunft von sozialen Netzwerken sein wird. Wenn es ohne nicht mehr geht, wird es wohl reichen, dann einzusteigen. Wichtig ist, Aufwand und Ertrag, Chancen und Gefahren realistisch einzuschätzen: Sie weder übertreiben noch runterspielen und weder Drohungen an die Wand malen noch Versprechen abgeben, die nicht aus einer nüchternen Einschätzung resultieren.

Was sich im Internet abspielt ist – so der Titel des lesenswerten Buches von Passig und Lobo – ist weder Segen noch Fluch. Beide Haltungen resultieren aus Projektionen, Umdeutungen und der stärkeren Gewichtung eigener Interessen. Und beide verhindern, dass Menschen die wahren Möglichkeiten des Netzes nutzen können.

(Ich verdanke den Hinweis auf diese Überlegungen der Diskussion im Anschluss an meinen letzten Re:Publica-Post, insbesondere dem Input von Demian Naftali. Danke!)

The Author

philippe-wampfler.ch

7 Comments

  1. Pingback: Digitale Kompetenzen für alle | Schule und Social Media

  2. teovia says

    jo, zeitungen lassen sich durch 140 zeichen ohne weiteres ersetzen. bei den großen online-zeitungen reicht lektüre der überschrift ja auch………..

  3. Ein Lehrer der das Medium „Internet“ nicht aktiv nutzt, kann dies natürlich auch nicht sinnvoll in den Unterricht integrieren, das ist sicher richtig. Aber deswegen diesen Lehrpersonen zu raten, dass sie sich nicht damit auseinandersetzen sollen, finde ich etwas gewagt. Wenn Du A nicht kennst, kannst Du es nicht einsetzen, darum sollst Du Dich auch nicht mit A befassen?.

    Es gibt viel Euphorie im Zusammenhang mit dem Netz (und ich zähle mich durchaus auch zu den Fanboys mit den grossen Erwartungen) und es stimmt, dass nicht alle Erwartungen bereits eingetroffen sind und es stimmt auch, dass neben den grossartigen Dingen auch schädliches, für einige nutzloses, ja tragisches angerichtet werden kann.

    Aber die Bilanz ist doch, mindestens aus aufklärerischer Sicht, positiv. In Bücher kann man auch Inhalte schreiben, die die Menschen dazu inspirieren, das Zusammenleben zu verbessern, oder solche, die sie gegeneinander aufzuhetzen versuchen. Trotzdem war der Buchdruck als Ganzes gesehen ein Segen für den grössten Teil der Menschheit. Der Buchdruck hat zu mehr Freiheit auf der Welt geführt.

    Ziemlich sicher, verhält es sich mit dem Internet auch so. Auch das Netz ist als erstes ein Mittel zur Emanzipation. Auf jeden Fall aber, ist der Einfluss, den das Netz auf alle Lebensbereiche hat, kaum wegzudiskutieren und wir können, ohne Propheten sein zu müssen, mit gutem Gewissen davon ausgehen, dass dieser Einfluss noch zunimmt.

    Darum ist eigentlich jedem Menschen, der sich als aktiv in unserer Gesellschaft einbringen will, und dazu gehören Lehrpersonen per Definition, wärmstens empfohlen, sich sehr intensiv mit dieser Schlüsseltechnologie zu beschäftigen, nur schon, damit man fähig bleibt, sinnvoll Kritik zu üben.

    Ob das Internet hält, was viel User versprechen ist dabei nicht so wichtig, wichtig ist die Tatsache, dass es sehr viele User gibt, und sich dies kaum bald ändern wird.

  4. Pingback: Digitale Meinungsbildung | Schule und Social Media

  5. Hm, wie soll man lernen, seine eigenen Filter anzupassen, wenn man sich nicht ins Netz begibt? Richtig! Erst mal kostet es Zeit, bevor die benefits eintrudeln. Aber soll das heißen, es ist optional, ob wir die neuen Kommunikationsmedien nutzen oder nicht? Und erst Recht die Lehrer: klar wird manches (nicht alles übrigens!) unter ungewohnten bedingungen erst mal wenig wie geschmiert laufen, als unter Routinebedingungen. Manches wird aber besser -denn es war ja nicht alles gut davor. Und das Hauptproblem: Wenn ich das alles nur unter dem Blickwinkel der Optimierung des Alten verstehe, dann verstehe ich es nicht. Denn genauso verständnislos gegenüber den epochewandelnden Kräften des neuen Leitmediums lautete die Klage schon bei früheren Epochewechseln: „Schreiben ist schlecht, denn es verschlechtert das Gedächtnis des Auswendigwissens und es dauert so lange. Sprechen geht viel schneller!“ „Druckerzeugnisse .. ach, was gegen die alles einzuwenden war, haben wir doch schon hundertmal hergebetet. … Und der Unterricht. Klar, der „Stoff“ ist schneller und bequemer mit den alten Medien „ausgeliefert“. aber der Witz ist doch, dass unter den Bedingungen des Internet Wissen und Lernen eben nicht mehr „Stoff reinziehen“ ist, sondern etwas Neues!

    Es geht nicht um ob oder ob nicht, nicht um pro und con. Es geht nur noch um das Wie.

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