Medienkompetenz vermitteln – ein Praxisbeispiel

Passwörter sind ein Problem des digitalen Zeitalters. Wir vergessen sie, wir wählen immer wieder dieselben oder auch unsichere. Deshalb begleitet uns die Angst, ein Konto könnte gehackt werden (oder gleich mehrere). [Was man tun kann und sollte, habe ich hier aufgeschrieben.]

Auf dieser Idee basiert die Seite, mit der man Medienkompetenz vermitteln kann. ismytwitterpasswordsecure.com gibt vor, dass man mit ihrer Hilfe überprüfen kann, wie sicher das eigene Twitter-Passwort ist. Liest man den Text durch, fällt der letzte Abschnitt auf, der das Resultat vorwegnimmt: Das Passwort ist nicht sicher genug.

In order to help everyone out a little, we’ve created an algorithm that will examine your password and tell you if it’s secure enough. Spoiler alert: it isn’t.

Warum ist es das nicht? Weil die mit Abstand erfolgreichste Hacking-Methode so genanntes »social engineering« ist: Menschen werden mit Manipulationen dazu gebracht, Passwörter und wichtige Informationen weiterzugeben, die sie nicht weitergeben sollten. Dasselbe gilt für diese Seite: Sie will einen dazu bringen, das eigene Passwort einzugeben – dazu noch zusammen mit dem Usernamen.

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Wer etwas von Internetsicherheit versteht, ist alarmiert: In diese Box darf man alles reinschreiben, nur nicht den Usernamen und das Passwort.

Und damit ist man schon einen Schritt weiter: Den Link hat man nämlich von jemandem erhalten, die oder der nicht ganz dumm und inkompetent ist. Warum würden sie einen auf eine Seite lotsen, die Usernamen und Passwort speichert. Damit erreicht man eine zusätzliche Ebene in Bezug auf Medienkompetenz: Reflexion über das eigene Verhalten und das anderer.

Und man gibt einfach mal einen Buchstaben ein bei Username, nicht den richtigen. Und dann passiert das:
Bildschirmfoto 2013-04-24 um 11.18.58Fazit: Medienkompetenz basiert aus folgenden Bestandteilen:

  1. Fertigkeiten im Umgang mit Medien entwickeln: Sichere Passwörter gewählt werden und sie nicht weitergeben.
  2. Wissen über Sicherheit im Internet erwerben und es anwenden können.
  3. Über das eigene Verhalten und das anderer nachdenken und Distanz gewinnen.

Die Seite zeigt auch, dass Verwirrung auch pädagogisch eingesetzt werden kann. Gerade weil Missbrauch oft solche Taktiken einsetzt, kann eine wirkungsvolle Schulung darauf nicht verzichten.

Missverständnisse beim Beurteilen der Medienkompetenz Jugendlicher

Wer sich mit diesen Erstgeborenen der digitalen Welt unterhält, der merkt allerdings schnell, dass es mit der Medienkompetenz nicht so weit her ist. Die technischen Fähigkeiten auch der Gymnasiasten beschränken sich oft aufs Wischen, Tippen, Hochladen. Schutz der Privatsphäre? Nie gehört. Einfach einen Account eröffnet, und da kommen die Fotos und Nachrichten dann eben rein. Die inhaltliche Kompetenz ist oft ebenfalls gering. Welche Fertigkeiten solide Recherche verlangt, hat sich kaum herumgesprochen. Und der Sinn von Datenschutz ist Schülern meistens unklar: Wer sollte da draufgucken außer den Freunden? Sie sind entsetzt, wenn sie hören: Wenn du da den Namen deines Vereins angibst und schreibst, dass du jetzt gleich zum Training gehst, kann jeder wissen, an welcher Straßenecke du in zehn Minuten bist.

Mit dieser Einschätzung ist Florentine Fritzen nicht alleine. So sinnvoll ihre daraus resultierende Forderung ist, »den bewussten Umgang mit den Medien zu fördern«, so diffus ist der Befund an sich.

Wie ich in einer interessante Diskussion auf Facebook schon festgehalten habe, liegt das grundsätzliche Missverständnis in der Vermischung von drei Ebenen:

  1. Der Mediennutzung Jugendlicher, die sich von der Erwachsener schon immer unterschieden hat und weiterhin unterscheidet. 
  2. Dem Unterschied einer Perspektive einer analogen Medienwelt zu der einer digitalen.
  3. Vorhandensein oder Fehlen von Medienkompetenz.

Häufig wird aus den Punkten i. und ii. vorschnell auf iii. geschlossen, also kurz: Weil Jugendliche Medien wie Jugendliche nutzen und die Perspektive der analogen Medienwelt vertreten wird, kann man ableiten, dass Jugendlichen wichtige Kompetenzen fehlen. Im Text zeigt sich das bei »Schutz der Privatsphäre«, »inhaltliche Kompetenz«, »Recherche«, »Datenschutz«. Jugendliche gehen mit ihrer Privatsphäre und ihren Daten anders um als Erwachsene – das heißt nicht, dass sie nicht ein Bewusstsein für den Wert eines Schutzes hätten. Aber es ist für Jugendliche beispielsweise generell wichtig, von ihren Peers gesehen zu werden. Wenn ihnen Erwachsene nun vorhalten, damit könnten sie gesehen werden, dann ist das kein Einwand: Genau das beabsichtigen sie ja.

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Um Medienkompetenz Jugendlicher beurteilen zu können, muss klar sein, welche Ziele sie verfolgen und welche Instrumente sie nutzen wollen. Auch in prä-digitalen Zeiten haben Jugendliche Schund gelesen: Weil sie Schund lesen wollten. Problematisch ist das dann, wenn sie denken, der Schund böte hochwertige Informationen. Das meint wohl Medienkompetenz generell: Ziele und Mittel in ein Verhältnis setzen können und bewusste Entscheide fällen.

Diese Entscheide und Ziele müssen aber nicht die von Erwachsenen sein. Während Jugendliche viele Menschen kennen lernen wollen, ist ihren Erziehenden oft das Gegenteil wichtig.

Medienkompetenz fördern Erwachsene nicht, indem sie Jugendlichen vorschreiben, wie sie was tun sollen; sondern vielmehr, indem sie mit ihnen sprechen und sie anregen, darüber nachzudenken, was sie tun, warum sie es tun und wie zufrieden sie mit den Resultaten sind. Jugendmedienschutz beginnt mit Gesprächen (und endet auch oft da), das Fördern von Medienkompetenz auch. Echtes Interesse hilft mehr als strenge Vorschriften.

 

Jugendmedienschutz – meine Eindrücke vom nationalen Fachforum »Jugend und Medien« 

Gestern war ich am 2. Fachforum Jugendmedienschutz in Bern und habe im Rahmen eines Workshops einen Vortrag gehalten (Präsentation). Mit sechs Thesen zum »Jugendmedienschutz« möchte ich meine Eindrücke zusammenfassen.

Im einleitenden Referat hat Uwe Hasebrink dargelegt, was unter Jugendmedienschutz zu verstehen ist: Ein Prozess, in dem Maßnahmen entstehen, die ein Problem lösen sollen und dabei einer Bewertung unterzogen werden.

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Entscheidend ist dabei, dass viele Faktoren von Haltungen, Ideologien und Wahrnehmungen abhängen: Problem, Zielsetzung und ihre Bewertung sind alle nicht objektiv erfassbar.

(1) Daten helfen nicht weiter

Sonja Perren hat in ihrem Referat zu Cybermobbing eine Fülle an neuesten Daten präsentiert. So wissen wir z.B., dass traditionelles Mobbing in der Schweiz rund drei Mal häufiger vorkommt als Cybermobbing.

Praevalenz Mobbing

Entscheidend, so Perren, seien für Betroffene öffentliche und anonyme Attacken – daraus entstünden die als besonders gravierend wahrgenommenen Fälle. Es gäbe aber keine Maßnahmen, die mit Sicherheit gegen Cybermobbing wirkten – außer der klassischen Mobbingprävention.

Im Jugendmedienschutz werden ständig Befragungen durchgeführt und Daten erhoben. Ich bezweifle, dass die anstehenden Probleme so gelöst werden können. Qualitative Ansätze, als beispielsweise Gespräche mit Jugendlichen und ihren Begleitpersonen über ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen, scheinen mir hier viel versprechender.  Ich habe während der ganzen Tagung keine Daten oder Statistiken kennen gelernt, die mich irgendwie erstaunt hätten oder aus denen ich etwas gelernt hätte.

(2) Erfahrungen sammeln hilft weiter

Die Tagung begann mit Feststellungen prominenter Persönlichkeiten, sie seien selbst nicht auf Facebook aktiv. Mehrmals wurde auch gesagt, Lehrpersonen müssten nicht auf sozialen Netzwerken aktiv sein, um Jugendliche medienpädagogisch begleiten zu können. Das stimmt grundsätzlich.

Aber: Wer ohne digitale Medien aufgewachsen ist, hat von einigen Prozessen, die darin Ablaufen, zu wenig Ahnung, um ein offenes, sinnvolles Gespräch führen zu können. Sowohl die Risiken wie auch die Chancen können falsch eingeschätzt werden.

Ein Beispiel: Während der Tagung wurde Twitter als Backchannel und als Forum beworben. Ich war dabei sehr aktiv – meine Tweets sind für mich eine Zusammenfassung des Gehörten, an der ich mich auch beim Schreiben dieser Zusammenfassung orientiere; sie können hier nachgelesen werden (Tweetwally ist ein nettes Tool). Die Anzahl der Teilnehmenden, die auf Twitter während der Veranstaltung aktiv war, ist wahrscheinlich knapp zweistellig – und wir sprechen von der nationalen Elite in Bezug auf medienpädagogische Fragen. Es müssen von allen Beteiligten mehr Erfahrungen gesammelt werden. Reflexion setzt bei der Praxis an.

(3) Medienpädagogik hat sehr viele verschiedene Stakeholder

An einer Tagung spricht man mit vielen netten Leuten, erweitert und verstärkt sein Netzwerk. Auffällig war, wie viele Akteure in der Schweiz mit Medienjugendschutz zu tun haben:

  • Eltern
  • Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
  • Ausbildende von Lehrpersonen
  • Politikerinnen und Politiker
  • Medienunternehmen wie die Swisscom
  • Verwaltungen (der Bund, die Kantone)
  • Schulleitungen
  • Lehrpersonen
  • Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter
  • die Polizei
  • verschiedene Verbände und Vereine

Diese Stakeholder arbeiten teilweise zusammen, ihre Angebote ergänzen sich. Sie konkurrenzieren sich aber teilweise auch, haben komplett unterschiedliche Ziele und Interessen oder wissen schlicht nichts voneinander. Im Schlusspanel wurde die Frage diskutiert, wo der Ort für Medienbildung sei. Das ist offenbar noch nicht geklärt – Beat Zemp hat klar gemacht, der Ort sei die Schule. Hier braucht es viel Austausch, viele Netzwerke und viele Abgrenzungen. Es geht auch um Ressourcen, zeitliche, personelle, finanzielle.

(4) Orientierung fällt schwer

Was ist denn eigentlich das Ziel von Medienpädagogik? Sollen Störungen und Gefährdungen eliminiert werden, damit so weitergemacht werden kann, wie bis anhin? Soll Technik produktiv genutzt werden? Arbeiten wir an einer neuen Gesellschaftsordnung oder einer neuen Vorstellung von Bildung? Versuchen wir, Mittel einzusparen, um effizienter zu werden? Medienpädagogische Orientierungslosigkeit ist kein isoliertes Phänomen – sie betrifft viele pädagogische Fragestellungen, aber auch viele gesellschaftliche.

(5) Medienpädagogik ist Schulentwicklung und ein Führungsproblem

In meinem Referat habe ich davon gesprochen, wie man an einer Schule den Gebrauch mobiler Kommunikationsmittel reglementieren könnte. Dabei wurde in der Diskussion klar, dass jedes Reglement von den Lehrpersonen akzeptiert und gelebt werden muss. Lehrpersonen leben aber ihr Leben sehr individuell und sie mögen es nicht, zu etwas gezwungen zu werden (mit anderen Worten: sie sind Menschen). Also braucht es eine gemeinsame Entwicklung von Zielen, Vorstellungen und eine Führung, die diesen Prozess begleitet – weil die Zeile von Reglementen ja vielfältig sind: Sie sollen Möglichkeiten schaffen, aber Probleme auch beseitigen.

(6) Die Zeit technischer Neuerungen ist vorbei

Natürlich kann man das Mantra aufsagen, die Technik werde sich ständig weiterentwickeln und wir wüssten nicht, was in fünf Jahren passiere. Das wusste man natürlich noch nie. Aber Medienjugendschutz und -pädagogik täten gut daran, anzunehmen, dass wir einigermaßen wissen, wie digitale Medien funktionieren. Das Internet wird es weiterhin geben, wir werden noch mobiler kommunizieren. Der ökonomische und soziale Rahmen ist abschätzbar, die Herausforderungen sind benennbar. Abwarten gilt als Parole nicht. Eher: Nachdenken. Ausprobieren. Miteinander reden. Mehr nachdenken.

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Ratgeber »Medienkompetenz« der ZHAW

An dieser Stelle eine Empfehlung: Der eben erschienene Ratgeber »Medienkompetenz« der ZHAW, der sich an Eltern, Erziehende und Lehrpersonen von bis zu 13-jährigen Kindern richtet, ist eine hervorragende und aktuelle Informationsquelle zu den wichtigsten Bereichen der Medienkompetenz.

Bildschirmfoto 2013-02-01 um 11.09.37 Auf der Homepage der ZHAW heißt es dazu:

Kinder und Jugendliche wachsen in einer reichhaltigen Medienwelt auf. Eltern und Lehrpersonen fühlen sich oft unsicher oder überfordert und fragen sich: Wie viel Medienzeit und welche Medieninhalte sind gut für die Kinder? Was tun bei Cybermobbing oder Onlinesucht?

Im vorliegenden Leitfaden „Medienkompetenz“ (PDF, 3.4 MB) beantwortet das medienpsychologische Forschungsteam häufig gestellte Fragen rund um das Thema Jugend und digitale Medien auf einer wissenschaftlichen Basis. Der Ratgeber bietet Orientierung und möchte insbesondere Eltern und Lehrpersonen ermutigen, Kinder und Jugendliche im Umgang mit digitalen Medien aktiv zu begleiten.

Die oben abgebildeten »Goldenen Regeln« stammen aus einem separaten Flyer (pdf).

Kompetenzen für eine digitale Welt

Philipp Zurmöhle, society6.
Philipp Zurmöhle, society6.

Blickt man in die Zukunft, so wirkt Medienkompetenz oft wie ein Schlagwort, mit dem viele Ansprüche gemeint sind, die sich nicht genau benennen lassen. In der Diskussion des Begriffs Kompetenz vermischen sich zudem die Anforderungen einer wirtschaftlich determinierten Berufswelt und gesellschaftliche Vorstellungen von individueller Entwicklung, wie Anja Wagner in ihrer Dissertation mit dem Titel »ÜberFlow« festhält (S. 108):

Die Kompetenzdebatte fokussiert auf die Person als zentrale Instanz der Kompetenzentwicklung. Seitens gesellschaftspolitischer Instanzen wird über den individualisierten Kompetenzbegriff großer Druck auf die Menschen ausgeübt, damit diese problemorientiert auf flexible äußere Anforderungen reagieren können und die nationalen Gesellschaften innovativ weiterentwickeln. Will man dagegen weniger die funktionale Anbindung an von außen gesetzte Normen oder Ziele (wie staatliche Entwicklung, Innovationen, persönliche Bildung o.ä.) in den Vordergrund rücken und eher die Sicht des Einzelnen einnehmen, so kommt der individuellen Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit eine größere Bedeutung zu. Die persönliche Kompetenz zur Gestaltung von Situationen ist eine andere als fach- oder methodenspezifische Kompetenzen, um in bestimmten Situationen im Interesse der Wissensökonomie zu agieren.

Die Fähigkeit, im Internet vorliegende Angebote nutzen zu können, auf die beispielsweise das »Internet Literacy Handbook« der UNESCO eingeschränkt ist, und die damit verbundene Reflexion erweitert Wagner mit drei zentralen Voraussetzungen, die Individuen befähigen »eine individuelle Netz-Kompetenz aufzubauen, die es ermöglicht, neben den herrschenden Netzwerkstrukturen alternative Netzwerke mit gestalten zu können« (S. 109f.):

  1. Selbstregulation, Selbstorganisation, Selbstreflexion und Selbstreflexion ermöglichen informelles Lernen im Kontext des Web 2.0; sie führen zu »Neugierde und Kreativität, Initiative und Autonomie, Lernfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Frustrationstoleranz, Improvisationsgeschick und Risikobereitschaft«.
  2. Eine Internetkompetenz, die sich aus einer Medienalphabetisierung oder Medien-literacy, »medienspezifischen Analyse-, Evaluations- und Contententwicklungs-Skills« und der Fähigkeit, Informationen kontextualisieren zu können, zusammensetzt.
  3. Die unter 1. und 2. genannten Fähigkeiten kommen in heterogenen sozialen Zusammenhängen zum Einsatz, entscheidend ist also die Kompetenz, in flexiblen Umgebungen problembezogen kommunizieren zu können, ohne die eigene Autonomie preiszugeben.

Medienkompetenz muss in Bildungsprozessen mit der Förderung sozialer und ethischer Kompetenzen gekoppelt werden. Nur so kann dem einerseits gesellschaftlichen, andererseits wirtschaftlichen Druck widerstanden werden, der durch die Neuen Medien gerade auf Jugendliche ausgeübt wird.

Kinder auf Social Media

Dieser Post hat zwei Teile: Zuerst möchte ich eine Diskussion nachzeichnen, die sich auf Twitter in den letzten Wochen abgespielt hat. Dann allgemein diskutieren, ob und wie Kinder auf Social Media präsent sein sollen.

Barbara und Mike Schwede sind in der Schweizer Social Media Szene bekannte Figuren. Ihre Expertise wird geschätzt, sie verdienen nicht nur ihr Geld mit Social Media sondern schulen auch andere Leute in der Benutzung neuer Tools. Zwei der drei Kinder von Barbara und Mike haben ein Twitter-Profil:

Die Schwedes haben – das eine erste Beobachtung – offenbar kein Problem damit, dass ihre Kinder mit Name (Vor- und Nachname lassen sich erschließen) und Fotos im Netz präsent sind (vgl. meinen Artikel dazu), sie stellen auch selbst Kinderfotos ins Netz.

Aufgrund der gesteigerten Aktivitäten der beiden Accounts gab es auf Twitter nachfragen, ich selber habe per Mail auch einige Fragen gestellt. Aus den Replys der Eltern versuche ich, ihre Haltung zu rekonstruieren:

  1. Die Eltern managen die Konten teilweise.
  2. Die Aktivitäten dienen dem Aufbau der Kompetenz.
  3. Hauptmotive der Kinder sind aber »Spass« und »ausprobieren« (vgl. auch hier).
  4. Die Eltern begleiten die Aktivität durch Monitoring, Gespräche und Instruktion.
  5. Sie überwachen sie aber nicht: »Überwachen fördert Misstrauen, Unselbständigkeit[] macht [s]chwach und gefährdet Kinder.«
  6. Es gelten »klare Regeln«:
    a) »keine DMs an Unbekannte, alle empfangen DMs von Unbekannten Eltern zeigen«
    b) »Following und Follower werden von Eltern regelmässig überprüft«
    c) »Twittern im Wohnzimmer«
    d) Keine privaten Informationen publizieren.

* * *

Wenn man über so genannt »neue Medien« nachdenkt, halte ich es für sinnvoll, sich die Praktiken im Umgang mit etablierten medialen Formen vor Augen zu halten. Alle, die das lesen, haben wohl in ihrer Kindheit gelernt, mit Telefon und Briefpost umzugehen. Die meisten Eltern haben dabei Medienkompetenz ähnlich herbeigeführt, wie das die Schwedes tun: Wenn Kinder Lust haben, Briefe zu schrieben oder zu telefonieren, dürfen sie damit beginnen. Sie werden von den Eltern dabei begleitet, sie zeigen ihnen, wie man eine Nummer einstellt, sich am Telefon meldet, eine Adresse schreibt, Briefmarken aufklebt etc. Schnell können auch gewisse Freiheiten gewährt werden: Kinder können mit der Oma telefonieren, ohne dass die Eltern zuhören; sie dürfen ihren Brieffreundinnen und Brieffreunden auch etwas schreiben, was die Eltern nicht durchlesen.

Es gibt aber zwei Gründe, die dafür sprechen, dass Internetkommunikation leicht anders gehandhabt wird:

  1. Die Öffentlichkeit.
  2. Die Permanenz.

In einem aufschlussreichen Vortrag hat danah boyd vom »unsichtbaren Publikum« gesprochen. Man weiß nicht, wer liest, was Kinder auf ihren Twitter-Konten schreiben. Im Normalfall lesen das wenige, die nicht besonders stark daran interessiert sind. Es könnte aber plötzlich an einem Tweet, einem Bild, einem Konto ein so großes Interesse aufkommen, das niemand das vorhersehen könnte – und zwar, aufgrund der Permanenz, auch zu einem unerwarteten Zeitpunkt. Mike Schwede selbst ist Experte darin, auch gelöschte Tweets wieder aufzufinden.

Konkret heißt das: Wenn Kinder auf Social Media aktiv sind, dann können Eltern nicht wirksam sicherstellen, mit wem sie in Kontakt treten, von welchen Menschen ihre Statements, Bilder, Video etc. gelesen werden und in welchem Kontext sie auftauchen. Das ist der konkrete Unterschied zu Telefongesprächen oder Briefen: Im schlimmsten Fall wird man von einer Unbekannten angerufen oder der eigene Brief wird von jemand Unbekanntem gelesen. Auf Twitter kann jede Aussage, jedes Bild in einen anderen Kontext verschoben werden und von einem Massenpublikum belacht, bestaunt, bewundert werden.

Noch eine weitere Bemerkung zur Medienkompetenz: Nutzung ist immer an Reflexion und Wissen über Medien gekoppelt – anders kann keine Kompetenz entstehen. Ob 8- bzw. 9-Jährige genug über Twitter wissen können und ihre eigene Nutzung reflektieren können, darf zumindest bezweifelt werden. Die Nutzung alleine führt nicht zu Kompetenz, es muss auch möglich sein, schrittweise die Verantwortung für sein Medienhandeln zu übernehmen. Generell bezweifle ich aus Lehrersicht, dass Nutzung um der Nutzung willen zu Kompetenz führt. Sinnvoll ist Mediennutzung dann, wenn sie mit einer konkreten Absicht (nicht »Spass« oder »ausprobieren«) gekoppelt ist: Also z.B. der Kommunikation mit den Großeltern.

Daher meine Empfehlungen an Eltern:

  1. Kein generelles Social Media-Verbot, wenn Kinder den Wunsch danach äußern.
  2. Kinder werden nicht notwendigerweise kompetenter in Mediennutzung, wenn sie früher damit beginnen.
  3. Nicht zulassen, wobei man sich als Eltern nicht wohl fühlt.
  4. Kinder dazu anhalten, zunächst einfach mal zuzusehen und dann bei den Eltern mitzumachen.
  5. Keine Bilder, auf denen Kinder zu erkennen sind, keine Namen, keine Orte. Die seltsame Nachbarin oder der Mann im Mantel von der Bushaltestelle sind beide auch auf Twitter.
  6. Social Media zunächst gezielt und innerhalb eines kleinen Bekanntenkreises einsetzen (möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit): Z.B. Onkel, Tanten, Großeltern.
  7. Den Kindern dabei helfen, verantwortungsvoll und reflektiert zu handeln.

Medienkompetenz

Diese Woche habe ich ein Interview für die Masterarbeit von Dominic Wirth (MAZ) geführt. Er untersucht Haltungen in Bezug auf die Verantwortung für die Vermittlung von Medienkompetenz. Seine Einstiegsfrage – mit der er dann verschiedene qualitative Interviews vergleicht – galt der Definition von Medienkompetenz. Ich möchte die hier kurz schriftlich vornehmen und dann etwas zur Bedeutung sagen.

(1) Definition von Medienkompetenz

Die Stadt Zürich gibt ein Dossier Medienkompetenz heraus (pdf) und fasst Medienkompetenz dort so:

Was brauchen Kinder und Jugendliche heute und morgen an Wissen und Fertigkeiten, um in einer von Medien geprägten Gesellschaft selbstbestimmt und kreativ, sachgerecht und sozial verantwortlich zu handeln?

Zudem werden Tulodziecki und Herzig (2002) zitiert:

Kinder und Jugendliche sollen Kenntnisse und Einsichten, Fähigkeiten und Fertigkeiten erwerben, die ihnen ein sachgerechtes und selbstbestimmtes, kreatives und sozial verantwortliches Handeln in einer von Medien stark beeinflussten Welt ermöglichen.

Gemein ist beiden Definitionen, dass Wissen und Fähigkeiten (Fertigkeiten darf als Synonym verwendet werden) als Grundlage für das Handeln angesehen werden – daraus ergibt sich ein klassisches Schema:

Diese Darstellung impliziert, man könne Medienkompetenz aufteilen in drei Bereiche. Korrekt wäre, die Übergangsbereiche durchgehend einzuzeichnen: Reflexion gibt es nur mit Wissen und bei der Nutzung etc.

Medienreflexion ist in meinen Augen zentral. Damit ist die grundlegende Einsicht gemeint, dass Medien etwas abbilden oder darstellen und dieser Prozess Selektionsprozesse, Perspektivenwahl und Verzerrungen enthält. Medien zeigen uns die Welt nicht, wie sie ist, sondern sie zeigen uns ausgewählte und verzerrte Aspekte der Welt. Diese Einsicht ist entscheidend. Sie kann darüber hinausgehend aktiv und passiv genutzt werden: In der Rezeption oder in der Herstellung von medialen Inhalten (das wäre dann der Handlungsaspekt). Aber Wissen und Fähigkeiten sind immer schon verschmolzen, es gibt nicht Wissen ohne Fähigkeiten oder Fähigkeiten ohne Wissen.

(2) Die Bedeutung von Medienkompetenz

Das oben zitierte Dossier hebt die Bedeutung von Medienkompetenz hervor:

Die Entwicklung der Medien und der Informationstechnologien trifft die Schule damit im Kern. Sie verändert die Grundbedingungen für Lehren und Lernen, für  Wissen und Forschen. Die Fülle von medialen Hilfsmitteln und Angeboten ermöglicht vollkommen neue didaktische Konzeptionen.

Diese Ansicht teile ich nur bedingt: Medienkompetenz war nie unwichtig. Ob Informationen per Twitter oder am Stammtisch ausgetauscht werden, um einen populären Vergleich zu verwenden – es handelt sich bei beidem um Medien, die nicht unvergleichbaren Gesetzen folgen. Das einzige, was sich verändert hat, ist die Menge an parallel existierenden, verschiedenen Medienangeboten und ihre Haltbarkeit. Wir wissen nicht, welche Medien wir in 20 Jahren konsumieren werden – können jedoch annehmen, dass es viele verschiedene sein werden.

In der Konsequenz heißt das, dass Medienwissen und Mediennutzung in der Schule nie zu stark an bestimmte Werkzeuge gebunden werden dürfen. Wer heute versteht, wie Twitter funktioniert, versteht später davon möglicherweise nichts mehr. Auch das ist ein Grund, weshalb ich Medienreflexion für entscheidend halte.