Wie Jugendliche Privatsphäre verstehen

Jugendliche bauen oft im öffentlichen Raum Gemeinschaften auf: In Shoppingzentren, auf Plätzen, in der Schule. Nur so kann ihr Verständnis von Privatsphäre verstanden werden. Im Folgenden einige Gedanken zum Umgang von Jugendlichen mit Privatsphäre – die hinter das Vorurteil zurückgehen, Jugendliche würden hemmungslos schützenswerte Inhalte publik machen.

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Danah boyd versteht Privatsphäre nicht als juristisches Konzept, sondern als eine soziale Norm, die immer wieder neu ausgehandelt wird. Jugendliche kennen selten private Räume, sie teilen Zimmer oder müssen damit rechnen, dass ihre Eltern sich aus verschiedenen Gründen Zutritt zum Zimmer verschaffen. Diese grundlegende Erfahrung führt dazu, dass sie Privatsphäre als Kontrolle des Informationsflusses oder als Kontrolle der sozialen Situation verstehen. Privat sind für Jugendliche die Informationen, von denen sie bestimmen können, wer sie in welchem Kontext erhält und was damit geschieht. Jugendliche sind in Bezug auf ihre Privatsphäre mit paradoxen Verhaltensweisen der Erwachsenen konfrontiert: Einerseits beklagen sie, dass Jugendliche sich nicht um ihre eigene Privatsphäre kümmern würden und Informationen zu freizügig publizierten, andererseits verletzen sie die Privatsphäre von Jugendlichen systematisch, meist in der Absicht, sie zu schützen.

Dabei würde, so boyd, Zugänglichkeit und Öffentlichkeit verwechselt. Jugendliche haben klare Vorstellungen von Vertrauen und vom Umgang mit Informationen; ihre soziale Position sowie die Architektur von Netzwerken hindern sie aber oft daran, den Fluss von Informationen zu kontrollieren. Sie kommunizieren aber in einem für sie klaren Kontext, sie wissen, für wen Informationen oder Daten bestimmt sind und für wen nicht. Jugendliche entwickeln eine Art implizite Ethik des Informationsflusses, können sie aber oft nicht so umsetzen, wie sie das möchten, auch deshalb, weil es sich um Normen handelt, die sie nicht selbst bestimmen können. Man kann das mit einem analogen Beispiel verdeutlichen: Nur weil Eltern das Tagebuch ihrer Kinder lesen könnten, heißt das nicht, dass sie es lesen dürfen. Dasselbe gilt für soziale Netzwerke: Eltern zwingen ihre Kinder oft dazu, ihnen Zugang zu ihren Profilen zu gewähren; Lehrpersonen können den Facebook-Profilen ihrer Schülerinnen und Schüler oft Informationen finden, die klar privat sind. Wenn also Erwachsene sich Zugang zu privaten Informationen verschaffen können, dürfen sie diese Informationen nicht als öffentliche betrachten.

Die Verwechslung von Zugänglichkeit und Öffentlichkeit basiert auch auf technischen Möglichkeiten: Auch in analogen Gesprächen wäre es möglich, private Informationen öffentlich zu machen, aber es würde erstens soziale Normen verletzen und ist zweitens technisch schwierig zu bewerkstelligen. Analoge Kommunikation ist im Normalfall privat und muss mit viel Aufwand öffentlich gemacht werden. Die Struktur der sozialen Netzwerke und die Absichten der Jugendlichen führen aber nach boyd dazu, dass das analoge Muster umgekehrt wird: Sie kommunizieren im Normalfall öffentlich und verwenden ihre Anstrengungen darauf, bestimmte Informationen auszuschließen und nur privat zugänglich zu machen. Die öffentliche Form der Kommunikation meint aber nicht, dass sie alle etwas anginge, sondern vielmehr, dass sie die etwas angeht, von denen innerhalb der bestehenden sozialen Normen erwartet werden kann, dass sie die Informationen zur Kenntnis nehmen.

Für Jugendliche ist es von großer Bedeutung, sichtbar zu sein. Sie sind sich auch bewusst, dass diese Sichtbarkeit mit Nachteilen verbunden ist, und verzichten deshalb auch darauf, alles sichtbar zu machen, sondern nur bewusst gewählte Inhalte. Das lässt sich am Umgang mit Bildern gut ablesen, die Jugendliche oft auf ihren Profilen publizieren, aber nur dann, wenn sie darauf so erscheinen, dass sie mit ihrer Erscheinung einverstanden sind. In der JAMES-Studie 2012 gaben fast 40% der Jugendlichen an, dass sie es schon erlebt haben, dass ohne ihre Zustimmung Bilder veröffentlicht wurden; wiederum rund 40% davon haben das als störend empfunden. Bilder entstehen in einem Kontext, soziale Normen legen fest, wie sie zugänglich gemacht werden dürfen. Nur weil Jugendliche sich oft digital zeigen, heißt das nicht, dass auch andere sie zeigen dürften oder ihre Inhalte weiterverbreiten dürfen. Jugendliche müssen ihr Auftreten, auch digital, selber bestimmen können. Die Verletzung der Privatsphäre erfolgt in diesem Bereich aber nicht durch Peers, auch Eltern veröffentlichen oft Bilder von Jugendlichen, ohne dafür eine Erlaubnis einzuholen.

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Öffentliche Kommunikation erfordert zusätzliche Maßnahmen zum Schutz der Privatsphäre, die Jugendliche oft kunstvoll einsetzen oder gar erfinden. Es handelt sich um technische Möglichkeiten, aber auch um den Einsatz von Codes, von Täuschungen oder die Erfordernis von Vorwissen. So können beispielsweise Songtexte oft dazu dienen, eine Aussage zu machen, die nur Jugendliche, die den Song und seinen Kontext verstehen, entschlüsseln können. So ist es möglich, für alle sichtbar zu sprechen, die Bedeutung des Gesagten aber nur ausgewählten Adressatinnen und Adressaten zugänglich zu machen.

Die JIM-Studie 2012

Ende November ist die JIM-Studie 2012 veröffentlicht worden, mit der »Jugend, Information, (Multi-) Media« in Deutschland untersucht werden, also das Mediennutzungsverhalten Jugendlicher. Befragt wurde eine repräsentative Auswahl von über 1200 Jugendlichen, die Studie erscheint bereits zum 15. Mal.

Zusammenfassendes Ergebnis in Bezug auf die Mediennutzung ist eine gewisse Stabilität – man könnte auch sagen, eine Sättigung ist erreicht:

Die Nutzung der eher traditionellen Medien wie Radio und Fernsehen als auch der Gebrauch der „neuen Medien“ wie Internet und Handy erweist sich (hinsichtlich der Zuwendung) als stabil. (12f.)

Diese Mediennutzung verteilt sich wie folgt auf die Geschlechter und Medienarten:

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In Bezug auf die Nutzung des Internets sind folgende Daten relevant: Mehr als 85% der Jugendlichen haben einen eigenen Internetzugang (im Haushalt fast alle), 68% nutzen das Internet täglich, über 90% mehrmals pro Woche, knapp 90% halten die Nutzung des Internets für »wichtig« oder »sehr wichtig« – Musik zu hören ist aber wichtiger. Die Bedeutung des Internets erreicht einen Höhepunkt mit 16 und 17 Jahren und nimmt danach leicht ab.

In Bezug auf den Bildungshintergrund stufen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten sowohl Printmedien und Bücher wie auch das Internet als wichtiger ein als ihr Alterskollegen in Haupt- und Realschule.

Bei widersprüchlichen Informationen genießt das Internet das geringste Vertrauen, wie folgende Grafik zeigt. Auch hier gibts es Bildungsunterschiede, vor allem in Bezug auf den Stellenwert des Fernsehens:

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Jugendliche nutzen das Internet rund 130 Minuten pro Tag, leicht weniger als 2011, je höher der Bildungsgrad, desto weniger lang nutzen Jugendliche das Internet (Gymnasium 124 Minuten, Hauptschule 157 Minuten). Der Hauptgrund für die Nutzung ist bei allen Jugendlichen die Kommunikation:

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Unter Kommunikation verstehen Jugendliche hauptsächlich Social Media. Auch hier nimmt die Nutzung mit dem Alter zu – und dann kurz vor 20 wieder ab. Rund 80% der Jugendlichen sind täglich oder mehrmals pro Woche auf Social Media aktiv. Hier macht die Studie aber eine große Stagnation aus:

Dass sich das Internet für Jugendliche zu einem echten „Mitmach-Medium“ entwickelt hat, kann auch im Jahr 2012 nicht bestätigt werden. Eigene Inhalte werden nur von einem Fünftel regelmäßig erstellt (ohne Communities), wobei auch hier der Löwenanteil auf das Schreiben von Beiträgen in Foren und das Einstellen von Bildern und Videos entfällt. Keine der Alters- oder Bildungsgruppen tritt hier besonders in Erscheinung und auch die geschlechtsspezifische Betrachtung zeigt keine Besonderheiten. (38)

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Social Media bedeutet für Jugendliche fast ausschließlich Facebook. Dort haben Jugendliche im Durchschnitt 270 »Freunde«, deutlich mehr als 2011 (200) und 2010 (160).

Dort werden hauptsächlich Nachrichten verschickt:

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Fast die Hälfte der Jugendlichen nutzt das Internet täglich oder mehrmals pro Woche für Schule und Ausbildung.

Die JIM-Studie untersucht auch Cybermobbing – mit einer recht offenen, unklaren Frage:

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Die Schule leistet, das zeigt die Studie auch, einen wichtigen Beitrag zum Aufbau von Medienkompetenz; vor allem auch bei jüngeren Schülerinnen und Schülern:

Die Ergebnisse zeigen, dass die Aufklärung im Bereich Medienkompetenz von Jugendlichen durchaus angenommen wird und sich sowohl in ihrem Medienwissen als auch im konkreten Nutzungsverhalten niederschlagen kann. (60)

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Das Fazit der Studie weist vor allem auf die steigende Nutzung von mobilen Internetzugängen hin:

Die Ergebnisse der JIM-Studie 2012 zeigen, dass die Medienwelt der Jugendlichen – trotz großer Kontinuität zum Beispiel bei der Nutzung von Fernsehen, Radio und Büchern – auch sehr dynamisch ist. Die aktuell stark ansteigende Nutzung von mobilem Internet macht deutlich, dass auch hier Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, die dem Jugendschutz und den Bedürfnissen von Jugendlichen gerecht werden. Während bei Computern technische Vorkehrungen, Jugendschutzprogramme und Filter zumindest einen gewissen Schutz vor ungeeigneten Inhalten gewährleisten, gilt es entsprechende Möglich- keiten für Smartphones und die mobile Internetnutzung noch zu entwickeln.  (67)

 

Wie aus Medienkonsum Lernprozesse entstehen

Ich lese im Moment Net Smart von Howard Rheingold – ein Buch, in dem es darum geht, welche Kompetenzen es braucht, um in einer Informationswelt, die von sehr schnellem Informationsaustausch und sozialen Netzwerken geprägt ist, den Überblick zu behalten, die Kontrolle zu erlangen und lernen zu können. Eine Rezension folgt.

Howard Rheingold in Amsterdam, 2010.

Rheingold erwähnt Dan Gillmors Buch Mediactive (hier online lesbar als CC-BY-NC-SA), in dem fünf Prinzipien entwickelt werden, wie Inhalten auf Social Media begegnet werden soll. Die Prinzipien sind schöne Beispiele dafür, wie sorgfältiger Konsum von medialen Inhalten eine breite Palette von Lernprozessen auslösen kann – eine der wichtigsten Thesen Rheingolds. Er erwähnt beispielsweise im Internet engagierte Jugendliche (z.B. Bloggerinnen, Youtuber, Gamerinnen), die trotz ausgiebigem Konsum einer Reihe von Fragestellungen explorativ nachgehen und eigenständig lernen. Rheingold zitiert Mizuko Ito:

Themen autonom nachzugehen aufgrund eines persönlichen Interesses, indem man zufällige Suchprozesse durchführt und ausprobiert, führt dazu, dass Jugendliche mehr Verantwortung für ihr Lernen übernehmen.

Hier Gillmors Prinzipien – in meiner Adaption – mit einem kurzen Kommentar:

  1. Sei skeptisch.
    Bevor man Informationen teilt, sollte man sie prüfen. Ideal ist die von Rheingold vorgeschlagene »Triangulationsmethode« – eigentlich reichen aber auch die klassischen zwei unabhängigen Quellen:  Wenn Informationen von drei bzw. zwei glaubwürdigen Quellen bestätigt werden, ohne dass die aufeinander Bezug nehmen, dann ist die Information glaubwürdig.
  2. Sei nicht allem gegenüber gleich skeptisch: Lasse dein Urteil walten. 
    Wer skeptisch ist, kann schnell dazu übergehen, dass Vertrauen in alle Information, die nicht von Freunden stammt, zu verlieren. Das ist gefährlich. Wir müssen Informationen beurteilen und riskieren, dass wir uns einmal getäuscht haben. Das ist weniger schlimm, als wenn wir keine Informationen mehr zur Kenntnis nehmen.
  3. Verlasse deine Komfortzone und deine Bubble.
    Suche immer auch nach Informationen, die deinen Haltungen widersprechen und widerlegen könnten, woran du und deine wichtigsten Bezugspersonen glauben.
  4. Stelle mehr Fragen.
    Gerade wenn man nach Informationen sucht, sollte man sich fragen, wie denn gute Antworten aussehen könnten. Das verbessert die Suche, ihre Resultate. Gleichzeitig helfen Fragen aber auch, eigene Lücken offen zu legen und ermöglichen in sozialen Netzwerken, von kompetenten Auskunftspersonen direkt wertvolle Informationen zu erhalten.
  5. Lerne Medientechniken verstehen und anwenden. 
    Seit einiger Zeit ist es unter JournalistInnen Mode geworden, das Programmieren zu erlernen. Sie lernen so eine Technik, die für den Umgang mit Daten entscheidend ist. Wenn sie sie aktiv beherrschen, sind sie auch in der Lage, zu verstehen, was mit Daten gemacht wird und wie man ihre Aufbereitung beurteilen kann.

Hier ein ganz einfaches Beispiel, wie spielerisches Konsumieren von Inhalten Lernprozesse auslösen können:

Das Wikipedia-Rennen. 

  1. Nimm einen aktuell relevanten Wikipedia-Artikel, z.B. »Gazastreifen«. Das ist der Start des Rennens.
  2. Versuche, von dort entweder zum Artikel des Tages zu gelangen (heute ist es »Dinosaurier«) oder zu einem zufälligen Artikel zu gelangen.
  3. Man darf nur immer auf einen Wikipedia-Link in einem Artikel klicken, um einen Schritt weiterzukommen.
  4. Jeder Link gibt einen Zug.
  5. Wer am wenigsten Züge benötigt, gewinnt.

(Mehr Beispiele gibt es in meinem Originalpost zum Spiel.)

Lösungsvorschlag Gazastreifen – Dinosaurier:  Gazastreifen – Liste deutscher Gemeinden nach Bevölkerungsdichte geordnet – BerlinMuseum für Naturkunde (Berlin) – Dinosaurier = 4 Züge. 

 

 

 

Rezepte gegen die Überforderung durch Smartphones im Unterricht

***(Ich biete Schulen, Lehrpersonen und Eltern Coachings und Schulungen zum Thema Smartphones im Unterricht an. Meine Kontaktangaben finden sich hier.)***

An der Kantonsschule Wohlen hat ein Lehrer ein teures Smartphone einer Schülerin unters Wasser gehalten, wie zuerst die Schülerzeitung NAKT berichtete (S.22). In der Aargauer Zeitung wird der Fall heute auch besprochen – zusammen mit einer Umfrage an den Kantonsschulen im Kanton Aargau, wie man mit Handy im Unterricht umgehe. Da ich die Arbeitsgruppe »Mobile Kommunikationsgeräte« an der Kantonsschule Wettingen leite, möchte ich kurz Stellung nehmen zum Vorfall.

Zunächst gilt es eine Überforderung einzugestehen: Mit den Smartphones ist das Internet im Unterricht präsent. Es geht nicht einfach um eine Ablenkungsquelle, auch wenn viele Lehrpersonen das so darstellen. Seit es Schule gibt, schreiben die Lernenden Briefchen, lesen Bücher, füllen Kreuzworträtsel aus. Ablenkung ist etwas, womit Schule umgehen kann. Die Überforderung entsteht, weil Schülerinnen und Schüler jederzeit Informationen abrufen können und mit anderen Menschen in Verbindung treten können. Dieser Überforderung muss man sich stellen.

Was sind nun Rezepte? Das einfachste Rezept wäre, sich darauf einzustellen und diese Tatsache produktiv zu nutzen. Es zu begrüssen, dass Informationen abgerufen werden können und Schülerinnen und Schüler dazu einzuladen, das auch zu tun. (Und natürlich reagieren, wenn Smartphones den Unterricht stören oder einzelne Schülerinnen und Schüler ablenken.)

Weiter braucht es klare Regeln, die zudem umsetzbar sind. In der Arbeitsgruppe haben wir zwei Verwendungsweisen unterschieden: Eine private und eine schulische.

Schulen können zwei sinnvolle Restriktionen verfügen: Entweder den privaten Gebrauch an der Schule gänzlich zu verbieten – und damit wohl auch das Mitbringen und Mitführen von entsprechenden Geräten (was zunehmend schwierig wird, weil wir bald auch mit unserem Taschenrechner oder unserer Uhr ins Internet können); oder aber in gewissen Räumen (z.B. Unterrichtsräumen, analog zum Essen) die Benutzung von mobilen Kommunikationsgeräten zu verbieten.

Der entscheidende Punkt ist die Umsetzung: Ist die Schule gewillt, entsprechende Ressourcen für die Durchsetzung dieser Regelungen bereit zu stellen? Kann sie sinnvolle Massnahmen oder Strafen festlegen, die einer Lernkultur nicht abträglich sind?

Ich würde eher für ein »Learner Profile« plädieren, das sich so lesen könnte:

Lehrpersonen, Angestellte und Schülerinnen und Schüler verwenden private und schuleigene technische Lernunterstützung. Sie vermeiden Ablenkungen vom Unterricht und vom Lernen unter allen Umständen. Da mobile Geräte die Konzentration und den sozialen Zusammenhalt stören können, wird die Nutzung an der Schule auf das Notwendige beschränkt.

Damit wird auch klar, dass entsprechende Lösungen immer Lehrpersonen mitbetreffen sollen und müssen.

Für den schulischen Gebrauch – der ja dann gerade wieder die nötigen Kompetenzen zum Umgang mit mobilen Kommunikationsmitteln vermitteln soll – gilt Folgendes:

Die Vermittlung von Kompetenzen muss immer mit einer Reflexion verbunden sein. Ist das nun das richtige Mittel für diese Aufgabe? Daraus sollte ein Bewusstsein entstehen, das dann auch den Privatgebrauch mit einschließt.

Verhalten in Chats

Dabei ist der Begriff »Gespräch« durchaus zutreffend: Auch wenn die Chats ins Handy getippt werden und so scheinbar schriftlich erfolgen, haben sie wichtige Merkmale mündlicher Kommunikation: Sie sind flüchtig, erfolgen synchron, dialogisch und sind unvollständig und fehlerhaft.  Jugendliche verwenden die syntaktisch scheinbar fehlerhafte Wendung »mit jemandem schreiben«. Diese Formulierung passt die dialogische Formulierung »mit jemandem reden« für den digitalen Kontext an und ersetzt damit die transitive – und damit monologische Formulierung »jemandem schrieben«.

Die Gespräche erfolgen jedoch – anders als analoge Gespräche – simultan. Die technischen Gegebenheiten bringen zudem die Möglichkeit einer viel stärkeren Selektivität mit sich.

Sherry Turkle beschreibt diese Bedrohung wichtiger sozialer Fähigkeiten in ihrem Buch »Alone Together«. Die Computerwissenschaftlerin beschreibt die paradoxe Situation, dass Social Media und konstant in Verbindung mit anderen Menschen treten lassen, diese Verbindungen aber nicht haltbar und belastbar sind, sondern uns nur konstant beschäftigen und uns einsamer werden lassen. Sie schreibt zusammenfassend:

Online, we easily find “company” but are exhausted by the pressures of performance. We enjoy continual connection but rarely have each other’s full attention. We can have instant audiences but flatten out what we say to each other in new reductive genres of abbreviation. […] We have many new encounters but may come to experience them as tentative, to be put “on hold” if better ones come along. Indeed, new encounters need not be better to get our attention. We are wired to respond positively to their simply being new. […] We like being able to reach each other almost instantaneously but have to hide our phones to force ourselves to take a quiet moment.
[Übersetzung phw:] Online finden wir leicht »Gesellschaft«, aber der Druck, etwas leisten zu müssen, erschöpft uns. Wir genießen kontinuierliche Verbindungen aber haben selten die ganze Aufmerksamkeit unseres Gegenübers. Wir haben sofort Publikum, aber dampfen das, was wir einander sagen, mit neuen Mitteln der Abkürzung ein. […] Wir machen viele Bekanntschaften, aber sie sind provisorisch, wir können jederzeit ignoriert werden, wenn sich interessantere Gesprächspartner anbieten. Neue Bekanntschaften müssen nicht einmal interessanter sein, wir haben gelernt, alles Neue positiv zu bewerten. […] Wir mögen es, einander ständig und sofort erreichen zu können, aber müssen unsere Telefone verstecken, um uns einen ruhigen Moment zu verschaffen.

Diese pessimistische Perspektive auf die neuen Möglichkeiten, Gespräche zu führen, ergänzt Turkle durch ein Bild der Familie, die beim Essen nicht mehr vor dem Fernseher sitzt, sondern deren Mitglieder alle konstant mit Abwesenden in Verbindung stehen und so nicht in der Lage sind, mit den wichtigsten Menschen in ihrer Umgebung ein gehaltvolles Gespräch zu führen.

Was Turkle beschreibt, ist eine Gefährdung, der Jugendliche stärker noch als Erwachsene ausgesetzt sind. Im Aufbau eines eigenen sozialen Netzes sind sie darauf angewiesen, viele neuen Bekanntschaften zu machen. Soziale Netzwerke helfen ihnen dabei, es fällt ihnen leicht, gemeinsame Interessen zu entdecken und Gesprächsthemen zu finden. Gleichzeitig bedarf es aber einer konstanten Präsentation der eigenen Persönlichkeit: Das eigene Stilbewusstsein, die Medienkompetenz, der Sinn für Humor, der soziale Status sowie das Aussehen können ständig überprüft und upgedated werden. Jugendliche nehmen ihre Mitmenschen häufig auch über ihre Erscheinung auf sozialen Netzwerken wahr – obwohl ihnen klar ist, dass es sich nicht um ein Abbild einer realen Person handelt.

Nüchtern gesehen steigt dadurch die Komplexität der sozialen Interaktionen: Jugendliche werden von ihren Peers heute nicht nur aufgrund ihrer körperlichen Erscheinung, ihrer Kleidung, ihrer Rhetorik, ihres Wissens und ihrer Kompetenzen eingeschätzt und beurteilt, sondern auch aufgrund ihres Auftritts und Verhaltens im Cyberspace.

Chats haben dabei aber selten den Charakter eine Selbstzwecks. Soziale Verbindungen wurden schon immer medial hergestellt: Ob Kontakte mit Briefen, per Telefon oder im Internet geknüpft oder gepflegt werden, ist qualitativ nicht von Belang. Bedeutsam ist die Beschleunigung der medialen Sphäre: Der Austausch erfolgt permanent, begleitet jede andere Aktivität und kennt unter Umständen keine Pause. Beziehungen können so sehr eng werden – Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner erwarten ständig Antworten, Reaktionen, Lesebestätigungen. Mit leistungsfähigen Smartphones gibt es kaum geschützte Räume mehr, in der Menschen mit sich alleine sind oder die Gesellschaft real Anwesender die einzige Form des Miteinanders ist.

Gerade weil Chats das Medium sind, in dem Jugendliche und auch Kinder konstant aktiv sind, ist es wichtig, dass die Schule das Thema aufgreift. Eine empfehlenswerte Möglichkeiten bieten dabei die Lehrmodule »Chatten ohne Risiko«:

Dort sind ausführliche Beispiele enthalten, wie Gefahrensituation in Chats mit Unbekannten entstehen, die geeignet sind, Unterrichtsgespräche darüber in Gang zu bringen:

Gleichzeitig vermeidet das Lehrmittel einen Alarmismus: Es informiert sachlich und unaufgeregt.

JAMES-Studie 2012

Die ZHAW hat 2010 eine große Studie zum Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen veröffentlicht, die so genannte JAMES-Studie (Jugend, Aktivitäten, Medien – Schweiz). Befragt wurden über 1000 Jugendliche zwischen 12 und 19.

Dieses Jahr wurde ein zweiter Durchgang durchgeführt. Die Studie wird im Januar 2013 publiziert, eine Präsentation mit ersten Untersuchungsergebnissen ist auf der JAMES-Seite aber schon verfügbar (pdf). Es handelt sich um Zwischenergebnisse, die am 24. Oktober publiziert wurden.

Die Ergebnisse untersuchen das Freizeitverhalten der Jugendlichen – mit Medien und ohne. Der Fokus bei der Ergebnissen liegt darauf, dass sich die Nutzung der Handys verändert hat – die wesentlichen Aspekte können der folgenden Grafik entnommen werden:

Handynutzung im Vergleich 2010-2012. JAMES Studie, ZHAW.

 

Cybermobbing

Durch die aktuelle Pro Juventute-Kampagne sowie die Club-Sendung vom 30. Oktober ist das Thema Cybermobbing momentan sehr präsent. Im Folgenden ein Grundsatzartikel zum Thema, der sich auf die wesentlichen Aspekte konzentriert. Ich biete zu diesem Thema auch Beratung an. Am Schluss gibt es Verweise auf bestehende Merkblätter, die empfehlenswert sind.

1. Was ist Cybermobbing? 

Mobbing bedeutet kontinuierliche und geplante kommunikative Aktionen durch Einzelpersonen oder Gruppen gegenüber einem Individuum. Es findet in einem bestimmten sozialen oder institutionellen Kontext statt, meist am Arbeitsplatz oder in der Schule und zeichnet sich dadurch aus, dass feindselige Handlungen langfristig und systematisch erfolgen. Betroffene von Mobbing erleben sich als unterlegen und werden in ihrer Menschenwürde angegriffen.

Cybermobbing ist Mobbing mit digitalen Mitteln: Es erfolgt also über Internetkommunikation und mobile Kommunikation.

Verwandte Begriffe sind Cyberbullying und Cyberstalking:

  • Bullying kann als Synonym zu Mobbing gesehen werden, es bedeutet tyrannisieren, einschüchtern oder schikanieren – im Gegensatz zu Mobbing durchaus auch mit physischer Gewalt.
  • Stalking meint das Verfolgen einer Person, meist durch eine andere Einzelperson. Stalking kann ein Mittel sein, das für Mobbing eingesetzt wird.

Allgemeiner kann man von Cybergewalt sprechen, um all diese Phänomene zu bezeichnen.

2. Cybermobbing konkret

Wie muss man sich Cybermobbing vorstellen?

  1. Auf einer ersten Ebene wird die Kommunikation einfach ins Internet oder auf mobile Geräte verlagert: Verbale Gewalt erfolgt per SMS, Chat-Nachricht oder Email. Oft sind die Täter dann auch anonym unterwegs oder erstellen gefälschte Profile.
  2. Auf einer zweiten Ebene werden spezifisch digitale Techniken genutzt: Gewalt wird nicht nur verbal, sondern multi-medial ausgeübt. Wie im berühmten Fall von Amanda Todd (siehe Video unten) werden Videos, Tondokumente oder Bilder verwendet, um Opfer unter Druck zu setzen, zu erpressen und zu bedrohen. Diese Daten können auch manipuliert sein – wie im Fall von »Jamileh«.
  3. Auf einer dritten Ebene werden spezifische Mechanismen von Social Media genutzt, um Effekte von Social Media oder sozialen Netzwerke gewaltsam zu nutzen. Einige Beispiele:
    (a) Private Nachrichten, Bilder oder Videos werden öffentlich gemacht und damit eine Dynamik auszulösen. (»X hat über Y Z gesagt…«)
    (b) Es wird negative Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Profil gelenkt, mit dem Ziel, dass ein ganzer Schwarm von Internet-Mobbenden mitspielt. Das kann dann – wie in diesem Beispiel – durchaus auch in der nicht-digitalen Welt Auswirkungen haben.
    (c) Verbreitet ist auch, dass man verhindert, dass eine Person im Netz ein positives Image aufbauen kann, indem z.B. Bilder immer wieder negativ kommentiert werden, Profile mit hässlichen Aussagen verunstaltet werden etc.
  4. Auf einer vierten Ebene werden dann im Internet gewonnene Informationen für Gewalttaten in der physischen Welt genutzt. So beschreibt z.B. dieser Reddit-User, wie er vom Cyberstalker zum Stalker geworden ist.


3. Eigenschaften von Cybermobbing

Cybermobbing hat Eigenschaften, die es durchaus von Mobbing unterscheiden – obwohl die zugrundeliegenden Strukturen oft dieselben sind (siehe unten):

  • Digitale Kommunikation ist enorm effizient: Nachrichten können sehr schnell und ohne Aufwand verschickt werden, Gruppen organisiert und mobilisiert und Informationen beschafft. Das führt dazu, dass Täter viel mehr Möglichkeiten haben.
  • Digitale Kommunikation kann mit versteckten oder falschen Identitäten erfolgen: Oft wissen Betroffene von Cybergewalt nicht, wer hinter Attacken stecken. Auch wenn sie Vermutungen haben, können sie nur mit großer digitaler Kompetenz echte Beweise sicher stellen, oft bleibt es bei diesen Vermutungen.
  • Cybermobbing ist ort- und zeitunabhängig. Ich wurde in meiner Jugend auf dem Weg zum Handballtraining regelmäßig zum Opfer physischer und verbaler Gewalt. Diese Gewalt war auf einen Ort und eine Zeit beschränkt – Cybermobbing kann uns jederzeit auf dem Mobiltelefon und an jedem Ort erreichen. Das führt zu einem diffusen Gefühl von Bedrohung; im Club formuliert das eine Betroffene von Cyber-Stalking so: Sie fühle sich im vierten Stock, als würde ihre Stalkering jederzeit zum Fenster reinschauen.
  • Internetkommunikation ist direkter und oft unfreundlicher: Die Schwellen, jemanden zu belästigen, zu bedrohen, verbal Gewalt auszuüben sind viel kleiner.
  • Social Media hat die Absicht, »Schwärme« zu erzeugen: Intelligente Schwärme. Aber, so hat es Sascha Lobo formuliert, Schwarmlobbying und Schwarmmobbing liegen dicht beieinander«. Es ist für Schwarmmitglieder oft nicht einmal zu erkennen, ob sie nun Mittäter bei Cybermobbing werden, weil sie einfach den Regeln der Schwarmorganisation folgen.
  • Die digitale Welt wird immer enger mit unserem beruflichen, schulischen und sozialen Leben verzahnt. Damit wird auch Cybermobbing direkt eingebunden: Es wirkt sich sehr schnell auf unser soziales und berufliches Wohlbefinden aus, es findet selten in einem isolierten virtuellen Bereich statt, der ausblendbar wäre.

4. Gibt es Cybermobbing ohne Mobbing? 

Diese Frage untersuchen Prof. Sonja Perren vom Jacobscenter der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit Prof. Françoise Alsaker von der Universität Bern in noch laufenden Projekten. Im Zwischenergebnis einer Studie von 2011 hält Perren fest:

[T]raditionelle Gewalt [kommt] unter Jugendlichen (physische, verbale, soziale Gewalt) im Vergleich zu Cybergewalt deutlich häufiger vor. Unter Jugendlichen, die in Gewalttaten involviert sind, können Täter, Opfer und solche[,] die beides sind, unterschieden werden. Die Studie zeigt, dass die Jugendlichen[,] die mit Cybergewalt zu tun haben (als Opfer und/oder Täter), oft auch in traditionelle Gewalt verwickelt sind (meist in der gleichen Rolle wie bei Cybergewalt).

In der NZZ lässt sich Perren noch pointierter zitieren:

Der Kreis der Betroffenen ist sehr klein. […]
Das Problem beim Cybermobbing ist daher nicht im Cyber zu suchen, sondern beim Mobbing.

Genaue Zahlen zu Cybermobbing sind für die Schweiz nicht verfügbar, die besten Daten sind veraltet, sie stammen aus der JAMES-Studie von 2010. Wie die Daten zeigen, wird nicht erhoben, ob Cybermobbing (»fertig machen« ist eventuell keine geeignete Beschreibung) tatsächlich von Mobbing getrennt existiert.

JAMES-Studie 2010, ZHAW.

5. Was sollen Betroffene tun? 

Die Antwort auf diese Frage lässt sich aus Leitlinien für Mobbing direkt ableiten. Ganz wichtig ist bei Cybermobbing: Durch Zurückschlagen auf dem Netz kann das Problem nicht gelöst werden, wie dieser lesenswerte Artikel zeigt.

Hier die wichtigsten Punkte, adaptiert (nicht alle Punkte sind in jedem Fall anwendbar):

  1. Andere Menschen informieren – auch wenn man selber nicht betroffen ist: Eltern, Freunde, Lehrpersonen, Kolleginnen und Kollegen. Cybermobbing nie für sich behalten. Scham ist sehr verständlich, sollte aber nicht dazu führen, dass man das Problem anderen verschweigt.
  2. Hilfe holen bei Telefon 147 oder bei 147.ch.
  3. Darauf bestehen, dass Mobbing aufhört. Es unter keinen Umständen akzeptieren oder Betroffene selbst (oder ihr Verhalten im Internet) dafür verantwortlich machen.
  4. Vorfälle protokollieren, eine Art Mobbing-Tagebuch anlegen. Die Dokumentation kann verwendet werden, um eine Lösung zu finden – aber auch, um Vorfälle verarbeiten zu können.
  5. Sich von Expertinnen und Experten beraten lassen.
  6. Einträge löschen lassen und löschen, Täter sperren lassen und sperren; Profile melden.
  7. Anzeige erstatten bei der Polizei. Die Vorfälle auch Betreibern von Sozialen Netzwerken etc. melden, die dann auch Massnahmen unternehmen.
  8. Cybermobbing in der Schule und am Arbeitsplatz zum Thema machen und Fachpersonen (Schulsozialarbeit, PsychologInnen etc.) beiziehen.
  9. Präventionsarbeit an Schulen und Arbeitsplätzen leisten. Es gibt keine einfachen Rezepte für Mobbing-Prävention: Wichtig ist ein gutes Klima und Kommunikation.

6. Ressourcen

  1. Bericht des Bundesrates zu Cyberbullying mit rechtlicher Einschätzung.
  2. Merkblatt der Volksschulbildung Luzern.
  3. Broschüre »Datenschutz und Cybermobbing« der Stiftung Schweizer Jugendkarte.
  4. Präventionsmaterial für Schulen und Lehrpersonen der Fachhochschule Nordwestschweiz.
  5. Tipps von 147.ch.

Guideline: Fotos von Kindern/Jugendlichen veröffentlichen

In den Kommentaren zu meinem Blogpost über Kinderfotos im Internet wurde die Frage gestellt, wie denn Sportvereine, Schulen etc. mit Fotos von Kindern und Jugendlichen umgehen sollen. Auf der Homepage der Schule, an der ich unterrichte, werden Anlässe immer mit Fotos dokumentiert. Diese Guideline sind Überlegungen, die auch im Gespräch mit den dafür Verantwortlichen entstanden sind.

Der amerikanische Botschafter in der Schweiz, Donald S. Beyer Jr. zu Besuch an der Kantonsschule Wettingen.
  1. Einverständnis einholen.
    Sowohl die Kinder/Jugendlichen als auch die Eltern müssen damit einverstanden sein, dass Fotos publiziert werden. Um das Einverständnis einzuholen, muss der Modus der Aufnahmen und der Veröffentlichung klar geregelt sein.
  2. Recht am Bild reflektieren.
    An der Schule muss Verantwortlichen bewusst sein, was Recht am eigenen Bild bedeutet. Gute Lektüre dazu: Educa Guide Schulen am Netz. Rechte und Pflichten, S. 18f. (pdf)
  3. Sehr sorgfältig auswählen. 
    Alle Bilder, die unangenehme, zu emotionale, möglicherweise peinliche etc. Momente von Kindern oder Jugendlichen zeigen, müssen gelöscht werden – auch wenn man sie sehr lustig findet.
  4. Löschmöglichkeit klar angeben. 
    Wer will, dass ein Bild von ihr oder ihm (bzw. seiner/ihrer Kinder) gelöscht wird, muss das problemlos verlangen können und über diese Möglichkeit informiert sein.
  5. Namen und Bilder nicht verbinden. 
    Bildlegenden, welche die Personen auf Bildern identifizierbar machen, sollen nur in Ausnahmefällen vorgenommen werden (z.B. Preisverleihung etc.). Ansonsten ist allen Betroffenen klar, wer auf dem Bild zu sehen ist. (Namensangaben helfen Gesichtserkennungsdienste, Personen zu identifizieren.)
  6. Temporäre Galerien anlegen. 
    Es reicht, Fotos von Anlässen während zwei oder drei Monaten publiziert zu lassen. Danach sollen sie gelöscht werden.
  7. Galerien eingeschränkt zugänglich machen. 
    Alle professionellen Anbieter von Fotogalerien erlauben es, Einladungen zum Betrachten zu verschicken. Diese Einladungen können widerrufen werden und verhindern, dass die Bilder über Suchmaschinen etc. gefunden werden können. Meist gibt es keinen Grund, die Bilder über die Schulgemeinschaft hinaus verfügbar zu machen – interne Lösungen (Intranet) würden genügen.
  8. Für permanente Bilder zusätzlich Einverständnis einholen. 
    Werden Bilder für Broschüren, eine Homepage etc. permanent verwendet, muss dazu gesondert noch einmal das Einverständnis eingeholt werden.
  9. Generell: Zurückhaltung. 
    Es ist einfach, digitale Bilder zu machen. Und es scheint, als würde heute nur noch stattfinden, was im Bild dokumentiert ist. Dennoch ist Zurückhaltung hier eine Tugend. Wenige, gute Bilder publizieren. Auch mal eine Fotowand im Schulhaus ausstellen oder auf eine Galerie auf einem Schulpanel laufen lassen, anstatt die Bilder ins Netz zu stellen.
  10. Generell: Differenzieren. 
    Jüngere Kinder eher stärker schützen, ältere mehr in den Prozess einbinden. Analog auch für auffällige, normferne, scheue oder besonders offene Kinder.

Portrait: Eine 14-Jährige auf Facebook

Im Tages-Anzeiger ist heute ein Auszug auf Ursula Eichenbergers Buch Vom Federhalter zu Facebook – vier Schweizer Kindheiten 1912–2012 (NZZ libroabgedrucktDer Auszug zeigt, wie die 14-jährige »Jamileh« (Pseudonym) Facebook nutzt. Eichenberger erzählt geschickt eine Geschichte einer Beziehung zu einer Facebook-Bekanntschaft, Dario. Sie endet damit, dass diese ein Bild so bearbeitet, dass Jamileh darauf oben-ohne zu sehen ist – gerade auch im Zusammenhang mit Pornoseiten, die Inhalte aus Facebook übernehmen hochproblematisch.

Der Artikel ist lesenswert. Zur Anschauung seien hier FB-Gespräche zitiert, wie sie unter Jugendlichen in der Schweiz auf Social Media üblich sind:

Fiona: Mega puff. shaads, was meinsch, chan ich das em marco so säge? (Es folgte, was Fiona an Marco zu schreiben plante) befor ich afange will ich, dass duh weish das ich dich über alles lieb! aber weish, ich finds mega sheisse, das duh mir nöd vertraush. ich lieb de francesco nöd. es entüsht mich mega das duh mich behandlish wie es spielzüg . . . ich lahn mir das eifach nöd gfalle amo! weish s gaht mer ums prinzip. das duh s gfühl hesh duh chash sege mit wem ich hänge und mit wem ichs gued ha dörf . . . mit mir chash das nöd mache.
Jamileh: guet gmacht, shnug 🙂
Fiona: shaads, danke das duh da bish ich finds nöd selbstverstendlich!
Während des Chats meldete sich Dario: hey ^.^ – mich vermisst?
Jamileh: äääh, nai, ^^ beleidigt? 😛
Dario: sehr
Jamileh: kai grund, känn di ja nöd ;–D
Dario: das cha sich ändere. wie laufts with fründe?
Jamileh: guet ;–D
Dario: und mit mier?
Jamileh: schiss 😛

Zwei Tage später

Dario: lebsh no? mich vermisst?
Jamileh: sicher ;–D du mich? 😛
Dario: nöd mal gshribe hesh -.-
Jamileh: will ich xait ha duh sötts mir & mer loost was d’frau seit
Dario: nur wenn mal mit mier abmachsh
Jamileh: das laht sich veribaare
Dario: muesch 🙂 Kino? >>>3
Jamileh: ich maach nöd eifach mit dir ume, wennd weg dem is kino wilsh chashs der abshmike ;-D
Dario: nai wett dich kennelerne.
Jamileh: im kino?
Dario: denn gömmer halt go shoppe xD
Jamileh: hahaha
Dario: ich bruche schueh mann
Jamileh: frau
Dario: biiiiiiitte chumm
Jamileh: muen luege
20 Minuten später Dario: shads? wo bish?

 

Sexting: Inhalte von Social Media direkt auf Pornoseiten

Die Diskussionen um Reddit bzw. den User violentacrez, ein soziales Netzwerk, wo in Unterforen in den USA legale, sexualisierte Bilder von Jugendlichen und Unwissenden verbreitet werden, führen zur Erkenntnis, dass Inhalte, die sich Jugendliche untereinander zusenden, von Pornoseiten verwendet werden. Das berichtet der Guardian.

Der Artikel zitiert die Internet Watch Foundation IWF:

88% of self-made sexual or suggestive images and videos posted by young people, often on social networking sites, are taken from their original online location and uploaded on to other websites.
[Übersetzung phw:] 88% aller selbstgemachten sexuellen oder anzüglichen Bilder und Video, die junge Menschen verbreiten, oft auf Social Media Seiten, werden auf andere Seiten hochgeladen.

Sobald Bilder ins Internet geladen werden, können sich nicht mehr kontrolliert werden. Bei sexualisierten Darstellungen ist dies besonders fatal – weil einerseits ein großes Interesse daran besteht, das mit industriellen Einnahmemöglichkeiten gekoppelt ist, andererseits die Bilder besonders intim sind.

Die IWF berichtet von jungen Menschen, deren Bilder von gestohlenen Handys oder Dritten ins Internet hochgeladen wurden. Die Folgen waren verheerend: Von der Gefährdung einer beruflichen Karriere bis hin zu psychischen Problemen und Suizidalität.

Rechtliche Möglichkeiten gibt es nur, wenn klar nachgewiesen werden kann, dass es sich bei den Bildern um in einem Land verbotene Kinderpornographie handelt.

David Wright vom UK Safer Internet Center sagt:

Much of the advice for children and young people is, quite rightly, to not ’sext‘. However, this research, coupled with our experience, demonstrates that it is still not uncommon.
[Übersetzung phw:] Der einfachste Rat für Kinder und junge Menschen ist: Kein Sexting. Unsere Untersuchungen und Erfahrungen zeigen aber, dass es immer noch verbreitet ist.

Sexting ist ein klarer Fall für die pädagogische Verantwortung in der Vermittlung von Medienkompetenz, die sich nicht darin erschöpft, die Funktionsweise von Tools kennen zu lernen.