Hafenkran-Exkursion, Smartphones und »Was ist Kunst?« 

Und schon wieder darf ich ein schönes Schulprojekt vorstellen: Die Klasse, welche ich als Klassenlehrer betreue, absolviert einen Doppelabschluss: Schweizer Matur und International Baccalaureate. Dieses zweite Diplom enthält ein Fach namens Theory of Knowledge. TOK verbindet die Fächer, indem es eine einfache Frage stellt: Wie kommen wir zu dem Wissen, das uns die Fächer präsentieren?

In diesem Rahmen hat die verantwortliche Lehrperson mit der Klasse die Frage nach der Kunst gestellt: Wie wissen wir, dass etwas Kunst ist? Zusammen mit einem Kunstlehrer sahen wir uns heute den Hafenkran in Zürich an. Eine Gruppe Künstlerinnen und Künstler hat veranlasst, dass an der Limmat im historischen Kern von Zürich ein rostiger Hafenkran aufgestellt ist (geplant sind neun Monate). Nach einer kunsthistorischen Einbettung und einem Beschrieb des Projekts hatte die Klasse die Aufgabe, zu Aussagen wie der folgenden Stellung zu nehmen:

Kunst ist, was zur Kunst erklärt wird. Von wem auch immer. Eine andere Definition ist heute nicht mehr möglich. Die Frage nach der Qualität stellt sich erst anschliessend. Was zur Kunst erklärt wird, kann Quatsch sein oder ein unschätzbarer Wert. Wer entscheidet? Jeder für sich selbst. Oder die Gesellschaft im Verlauf von Jahrzehnten. Was aber, wenn einige Leute für alle andern entscheiden müssen? Dann beginnt der Streit. Beispielhaft ist die öffentliche Kunst in der Demokratie. Kunstwerke haben ihre eigene Zeit. Sie können erlöschen oder erst nach Jahren zu leuchten beginnen. Über Tinguelys Heureka wurde 1964 getobt wie heute über den Hafenkran, mit den gleichen Worten: «Schrotthaufen». Statt vor dem Kunsthaus hat man die Maschine schliesslich am äussersten Stadtrand aufgestellt. Heute ist sie Zürichs populärstes Kunstwerk. Den Alfred Escher vor dem Bahnhof und den Zwingli hinter der Wasserkirche kennen nur die Tauben.

Gleichzeitig waren sie gehalten, den Hafenkran aus verschiedenen Perspektiven fotografisch festzuhalten und dazu einen Satz zu notieren. Das habe ich auch gemacht – unten folgen meine Ergebnisse.

Aber zunächst noch die Beobachtung zu den mobilen Geräten. Die waren mit dabei – aber störten nie. Sie wurden nicht einmal zum Thema. Wir machten das lustige Panoramabild, auf dem Personen mehrfach zu sehen sind. Die Smartphones dienten vielen als Kameras. Sie wurden benutzt, um die Kollegin zu informieren, die den Zug verpasst hatte. Kurz: Es waren Arbeitsgeräte. Keine Ablenkungsmaschinen, keine Vereinsamungsverführungen.


Aus meinem Satz sind mehrere geworden:

Meine persönliche Definition von Kunst: »Kunst ist, was uns etwas wahrnehmen lässt, was wir vorher nicht erkannt haben.«

Und die argumentativ beste: »Sobald sich bei einer Handlung oder einem Gegenstand die Frage stellt, ob sie bzw. er Kunst sei, handelt es sich um Kunst. Die Frage kann somit nicht sinnvoll verneint werden, weil auch die Verneinung eine implizite Bejahung ist.«

Alle meine Bilder habe ich mit dem iPhone gemacht.

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Smartphones in Schweizer Gymnasien

Gestern habe ich einen Weiterbildungstag zu Smartphones an Schweizer Gymnasien durchgeführt (Programm und Materialien hier). Ausgangspunkt war einerseits eine massive Verunsicherung bei Lehrpersonen, andererseits das große Potential, das in den Kompetenzen der Jugendlichen steckt, mit mobilen Geräten umzugehen. Einbezogen wurden auch Jugendliche, die sich – wie nicht anders zu erwarten war – als kompetente, reflektierte Nutzerinnen und Nutzer ihrer mobilen Geräte präsentierten und nachvollziehbar aufzeigten, wie sie über Nutzen und Nachteile mobiler Kommunikation denken.

Im Folgenden einige ausgewählte Thesen und Einsichten aus dem Austausch im Kurs:

(1)
Die Herausforderungen durch das Smartphone betreffen eine traditionelle Schulkultur, welche Erfahrungen von Lehrpersonen und ihre Ausbildung durchzieht. Diese Herausforderungen (auf dem Tafelbild sind sie aufgelistet) sind deshalb nicht Bedrohungen, sondern Einladungen, über die Kultur nachzudenken und sie möglicherweise zu verändern.

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(2)
Es gibt einen Standard an Schweizer Gymnasien: Die Regelungen sind generell liberal, es gibt – mit Ausnahme von Langzeitgymnasien – kaum Verbote. Zentral ist die pädagogische Hoheit der Lehrpersonen, was dazu führt, dass Lehrpersonen  sehr heterogen mit mobilen Geräten umgehen, abhängig von ihren Fächern und Vorlieben.

(3)
Unangenehm sind standardisierte Situationen wie Prüfungen, bei denen Smartphones etablierte Abläufe (Wiederverwenden von Fragen, parallele Durchführung von Prüfungen) massiv erschweren.

(4)
Diese Standards stehen aber generell im Widerspruch zu einer konstruktivistischer Vorstellung von Lernen, die als Paradigma wohl am weitesten verbreitet ist und durch den Einbezug von Smartphones umgesetzt werden kann (siehe Unterlagen).

(5)
Erwünscht sind klare Vorgaben, wann der Einbezug von Smartphones sinnvoll ist und wann nicht. Die Erkenntnisse (v.a. in Bezug auf Recherche und Fotografieren von Tafelbildern) können dem Tafelbild entnommen werden:

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Rezepte gegen die Überforderung durch Smartphones im Unterricht

***(Ich biete Schulen, Lehrpersonen und Eltern Coachings und Schulungen zum Thema Smartphones im Unterricht an. Meine Kontaktangaben finden sich hier.)***

An der Kantonsschule Wohlen hat ein Lehrer ein teures Smartphone einer Schülerin unters Wasser gehalten, wie zuerst die Schülerzeitung NAKT berichtete (S.22). In der Aargauer Zeitung wird der Fall heute auch besprochen – zusammen mit einer Umfrage an den Kantonsschulen im Kanton Aargau, wie man mit Handy im Unterricht umgehe. Da ich die Arbeitsgruppe »Mobile Kommunikationsgeräte« an der Kantonsschule Wettingen leite, möchte ich kurz Stellung nehmen zum Vorfall.

Zunächst gilt es eine Überforderung einzugestehen: Mit den Smartphones ist das Internet im Unterricht präsent. Es geht nicht einfach um eine Ablenkungsquelle, auch wenn viele Lehrpersonen das so darstellen. Seit es Schule gibt, schreiben die Lernenden Briefchen, lesen Bücher, füllen Kreuzworträtsel aus. Ablenkung ist etwas, womit Schule umgehen kann. Die Überforderung entsteht, weil Schülerinnen und Schüler jederzeit Informationen abrufen können und mit anderen Menschen in Verbindung treten können. Dieser Überforderung muss man sich stellen.

Was sind nun Rezepte? Das einfachste Rezept wäre, sich darauf einzustellen und diese Tatsache produktiv zu nutzen. Es zu begrüssen, dass Informationen abgerufen werden können und Schülerinnen und Schüler dazu einzuladen, das auch zu tun. (Und natürlich reagieren, wenn Smartphones den Unterricht stören oder einzelne Schülerinnen und Schüler ablenken.)

Weiter braucht es klare Regeln, die zudem umsetzbar sind. In der Arbeitsgruppe haben wir zwei Verwendungsweisen unterschieden: Eine private und eine schulische.

Schulen können zwei sinnvolle Restriktionen verfügen: Entweder den privaten Gebrauch an der Schule gänzlich zu verbieten – und damit wohl auch das Mitbringen und Mitführen von entsprechenden Geräten (was zunehmend schwierig wird, weil wir bald auch mit unserem Taschenrechner oder unserer Uhr ins Internet können); oder aber in gewissen Räumen (z.B. Unterrichtsräumen, analog zum Essen) die Benutzung von mobilen Kommunikationsgeräten zu verbieten.

Der entscheidende Punkt ist die Umsetzung: Ist die Schule gewillt, entsprechende Ressourcen für die Durchsetzung dieser Regelungen bereit zu stellen? Kann sie sinnvolle Massnahmen oder Strafen festlegen, die einer Lernkultur nicht abträglich sind?

Ich würde eher für ein »Learner Profile« plädieren, das sich so lesen könnte:

Lehrpersonen, Angestellte und Schülerinnen und Schüler verwenden private und schuleigene technische Lernunterstützung. Sie vermeiden Ablenkungen vom Unterricht und vom Lernen unter allen Umständen. Da mobile Geräte die Konzentration und den sozialen Zusammenhalt stören können, wird die Nutzung an der Schule auf das Notwendige beschränkt.

Damit wird auch klar, dass entsprechende Lösungen immer Lehrpersonen mitbetreffen sollen und müssen.

Für den schulischen Gebrauch – der ja dann gerade wieder die nötigen Kompetenzen zum Umgang mit mobilen Kommunikationsmitteln vermitteln soll – gilt Folgendes:

Die Vermittlung von Kompetenzen muss immer mit einer Reflexion verbunden sein. Ist das nun das richtige Mittel für diese Aufgabe? Daraus sollte ein Bewusstsein entstehen, das dann auch den Privatgebrauch mit einschließt.

Wie Jugendliche WhatsApp nutzen

WhatsApp ist eine App, die man auf jedem Smartphone installieren kann. Sie nutzt eine bestehende Internetverbindung um Nachrichten, Bilder oder Videos zu verschicken – tut also das, was auch mittels SMS oder MMS möglich wäre.

Durchgesetzt hat sich WhatsApp aus zwei Gründen:

  • es war immer kostenfrei, auf WhatsApp Nachrichten zu verschicken
  • die App gibt es für jede gebräuchliche Plattform, sie verbindet insbesondere Nutzerinnen und Nutzer von Android mit denen von iOS.

Seit einigen Monaten bietet WhatsApp auch eine Gruppenchatfunktion, die sich vor allem bei Jugendlichen großer Beliebtheit erfreut. Damit können bis zu 30 Kontakte einer Gruppe hinzugefügt werden, alle können dann die Chatnachrichten von allen anderen lesen.

WhatsApp verbindet damit die Möglichkeiten eines (Video-)Chats mit den Stärken mobiler Kommunikation – und das meist kostenlos. Hinzu kommt der Aspekt, dass es sich zwar um ein soziales Medium handelt, bei dem Privatsphäre aber kein problematischer Aspekt zu sein scheint: Die Chats sind auf die Teilnehmenden beschränkt, es gibt nicht wie bei Facebook oder anderen sozialen Netzwerken potentielle Mitlesende.

Jugendliche organisieren sich z.B. in Klassenverbänden, aber auch in Cliquen, Sportvereinen etc. oft mit WhatsApp-Gruppen. So verschicken sie wichtige Infos, tauschen aber auch Bilder aus und klatschen. In Pausen kann es in Klassenzimmern oft vorkommen, dass Gespräche nicht mehr direkt, sondern per WhatsApp geführt werden: Was nicht alle Beteiligten als Verlust empfinden. Gerade die Möglichkeit, Bilder einzubeziehen wird als bereicherndes Element empfunden. (Vgl. meinen Vorschlag für einen sinnvollen Umgang mit Smartphones an Schulen.)

Vermehrt wird WhatsApp auch benutzt, um bei Prüfungen zu betrügen. Wenn Klassengruppen existieren, reicht es, dass jemand eine gute Lösung fotographiert und sofort auch verschickt – und alle erhalten sie innert Sekunden auf ihrem Smartphone.

* * *

WhatsApp ist momentan gerade im Gespräch, weil die Software enorm unsicher ist. Gerade weil damit täglich eine Millarde Nachrichten verschickt werden, kein zu vernachlässigendes Problem. Wie man hier nachlesen kann, betreffen die Sicherheitsprobleme alle Ebenen der Software: Hacker können sich über WhatsApp leicht Zugriff zu allen gespeicherten Telefonnummern in einem Gerät verschaffen, sie können alle Nachrichten abhören oder sich als eine bei WhatsApp registrierte Person ausgeben.

Mit Smartphones bei Prüfungen betrügen

Heute ist in der NZZ ein Artikel mit dem Titel »Schöner spicken mit dem Smartphone« erschienen. Matthias Böhni diskutiert Möglichkeiten, wie Schülerinnen und Schüler mit dem Smartphone bei Prüfungen betrügen können, befragt diese Schülerinnen und Schüler und zitiert abschließend auch mich:

Und was meint ein Lehrer zu diesem Treiben? Philippe Wampfler ist Mathematik- und Deutschlehrer an der Kantonsschule Wettingen. «Wie oft Schüler mit dem Smartphone spicken, hängt stark von der Prüfungsart, der Lehrperson, der Infrastruktur wie dem WLAN-Netz und der Klasse ab», so Wampfler. «Wenn klassisches Spicken oft vorkommt, würde ich bei Smartphones von wenig sprechen – es ist riskanter und teilweise aufwendiger.» Der 34-Jährige bestätigt zudem, dass es unter den Lehrern viele digitale Analphabeten gebe, die das sogar noch zelebrierten. «Sie haben keine Ahnung, was technisch möglich ist. Eine Katastrophe, dass sie sich das im Jahr 2012 immer noch leisten können. Oft ist nur schon das Bedienen eines Beamers ein unüberwindbares Hindernis», so Wampfler […]. «Von den 20- bis 40-jährigen Lehrern wissen etwa die Hälfte, was die Schüler mit Smartphones anstellen. Je älter, umso weniger haben die Lehrer eine Ahnung.» Von Verboten hält er nicht viel. «Man sollte die Prüfungen so formulieren, dass das Smartphone nicht viel nützen kann, also keine reinen Wissensfragen stellen.»

Hier ein paar ausführlichere Kommentare von mir:

  1. Es ist nicht möglich, Prüfungen zu schreiben, bei denen der Einsatz eines Smartphones unter keinen Umständen einen Vorteil verschaffen könnte. Und oft ist es auch wichtig, Wissensfragen zu stellen.
  2. Es sollte immer möglich sein, dass Lehrpersonen vor Prüfungen Smartphones einziehen oder abschalten lassen.
  3. Auch der geschickte Einsatz von Smartphones demonstriert eine Kompetenz – wer unentdeckt betrügen kann, hat gewissermassen auch etwas gelernt. Selbstverständlich ist das keine Entschuldigung und auch keine Rechtfertigung, aber es hilft vielleicht zu einer gewissen Gelassenheit (auch mit Grafiktaschenrechnern oder anderen Geräten kann man betrügen).
  4. Gute Prüfungen stellen meiner Meinung nach neue Fragen und finden in einem möglichst realistischen Lernumfeld statt: Man darf Hilfsmittel benutzen. Schulen, die mit iPads ausgerüstet sind, sollten die auch bei Prüfungen einsetzen – genau so wie Duden bei Deutschprüfungen eingesetzt werden kann, weil niemand einen Text schreibt, ohne den Duden zu konsultieren. (Das einzige Problem ist, dass nicht alle Schülerinnen und Schüler gleichermassen mit Smartphones ausgerüstet sind.)
  5. Das Profil der Lehrperson hat sich verändert: Das traditionelle Bild erforderte keine speziellen technischen Kenntnisse, sondern Fach- und Sozialkompetenz. Heute erweitert sich – wie in vielen Berufen – der Anforderungskatalog: Es ist kaum möglich, die perfekte Lehrperson zu finden – weil die halt neben vielen Sachkenntnissen psychologische und kommunikative Fähigkeiten mitbringen soll, motiviert sein muss in einem aufreibenden Job und gleichzeitig auch noch die neuesten technologischen Entwicklungen überblicken und beherrschen soll. Dennoch sollte darauf in Ausbildung und Weiterbildung mehr Gewicht gelegt werden.
  6. Ein generelles Verbot von Smartphones halte ich für problematisch, wie ich hier ausgeführt habe.

Der Fotograf der NZZ, Christoph Ruckstuhl, hat noch weitere Bilder gemacht, eines davon verwende ich hier. Alle Rechte liegen bei ihm bzw. bei der NZZ.

 

Zusatz 21. August 2012: Auch der Blog der Swisscom, Hallo Zukunft, verwendet ein Zitat von mir.

Regeln für den Umgang mit Smartphones

Pause. In vielen Schulzimmern dasselbe Bild: Lehrpersonen wie Schülerinnen und Schüler holen ihre Smartphones hervor, checken neue Benachrichtigungen, tippen Mitteilungen, Statusupdates, Kommentare. Die Blicke versinken in den Geräten, die Nachbarin und die Freunde werden nicht mehr wahrgenommen, es gibt keine Räume mehr für Gespräche, für Streit, fürs Weiterdenken des Unterrichtsinhalt. Alle kapseln sich ab, in ihre eigene Welt, die doch eigentlich keine ist, sondern nur aus Daten besteht. 

Eine solche Beschreibung der Realität hört man in vielen Lehrerzimmern. Ist die Kritik gerechtfertigt? Brauchen Schulen eine Art Code of Conduct im Umgang mit Technologie? Oder sollen sie sogar Schulregeln erlassen, die Smartphones ganz oder teilweise verbieten?

Die New York Times berichtete kürzlich über eine Waldorfschule in Kalifornien, die auf Technologie verzichtet. Keine Computer in den Schulräumen, dafür viel physische Aktivität, Basteln, Tanzen, Kreativität. Drei Viertel der Eltern der Schülerinnen und Schüler diese Privatschule arbeiten in einem Beruf, der direkt mit moderner Technologie zu tun hat – und wollen ihre Kinder vor den schädlichen Einflüssen der Technologie schützen (vgl. dazu auch die Aussagen von Expertinnen und Experten in dieser Studie des PewResearch Centers).

Waldorf-Schulen (oder in der Schweiz: Rudolf Steiner-Schulen) gibt es schon 100 Jahre neben staatlichen Schulen. Sie sind Räume, wo Alternativen erprobt werden können – wo aber auch extreme Haltungen zum Ausdruck kommen, z.B. auch im Umgang mit moderner Medizin. Die Frage wäre: Ist diese Haltung die richtige?

Für die Schule der Zukunft gäbe es demnach zwei Leitvorstellungen:

  • Der digitalisierte »Schulraum«, der kein Raum mehr zu sein braucht, weil sich immer wieder lose Gemeinschaften bilden, die miteinander lernen, verbunden durch Netzwerke, in denen alles Lernen kooperativ ist, Wissen und Gemeinschaften flüssig, privates Lernen mit schulischem verschmilzt, eine Einheit bildet.
  • Der Schulraum als Schonraum, wo die Gefahren des Berufslebens, also der Stress, die Technik, der soziale Druck ferngehalten werden und eine ruhige Entwicklung möglich ist, Reflexionsprozesse, Bildung von sozialen Gefügen, die Selbstfindung.

Bei der Frage um die Rolle der Smartphones entscheidet sich, auf welche Schule der Zukunft eine Schule heute hinsteuert. Wer Smartphones als Medien des Lernens, als eine Erweiterung des Unterrichts und eine Möglichkeit, soziale Bindungen zu pflegen versteht, wird liberaler damit umgehen. Dann dürfen auch während des Unterrichts Smartphones benutzt werden – die Gefahr, dass sie eine Quelle für Ablenkung bieten, muss reflektiert werden. Im Artikel der New York Times sagt eine Lehrerin stolz, sie habe die Aufmerksamkeit der SchülerInnen, wenn sie Bruchrechnen mit einem selbst gebackenen Kuchen erkläre. Auch in der digitalisierten Schule kann Mathematik mit Backwaren erklärt werden, muss der Fokus auf etwas ausserhalb der digitalen Welt gelegt werden. Aber nicht nur.

Flickr, Whowired, CC-NC-BY

Alternativ trennt man die Welt der Schule von der technisierten Welt um sie herum ab. Auch so können Lernprozesse stattfinden. Ideal wäre meines Erachtens dann aber nicht ein starres Regelwerk, sondern eine Art Learner Profile – die ideale Schülerin, der ideale Schüler geht so mit seinem Gerät um. Regeln schaffen einen Graben zwischen denen, die sie etablieren und durchsetzen und denen, die sie befolgen müssen. Wäre man konsequent, so dürften auch Lehrpersonen keine Computer und Handys mehr verwenden, müssten ihren Unterricht wie vor 40 Jahren vorbereiten, mit Büchern, Tafelbildern und Ähnlichem.

Diese Entscheidung kommt auf alle Schulen zu.

Zum Schluss seien Gerald Raunig und Felix Stalder zitiert, zwei Professoren der Zürcher Hochschule der Künste, die in einem Aufsatz in der Zeit deutlich machen, dass die Vorstellung, Social Media und Gadgets seien Teil einer Scheinwelt, nicht mehr zeitgemäss ist – dass sich ganz andere Fragen stellen:

[A]uch das Problem der Abspaltung des Realen vom Medialen [stellt sich] nicht mehr in derselben Weise. Im kognitiven Kapitalismus geht es weniger denn je um eine Trennung zwischen »virtueller« Medialität und »realer« Sozialität. Mit den Social Media und den neuesten Gadgets der Bewusstseinsindustrie hat diese maschinische Sozialität längst ein Stadium erreicht, das Mensch-Maschine-Verhältnisse nicht mehr als Beziehung der Unterordnung beschreibbar macht. Real ist gerade das Anhängen an den Maschinen, das Begehren nach ihnen, schließlich auch die Abhängigkeit von ihnen. Nur vor dem Hintergrund dieses heute unhintergehbar gewordenen wechselseitigen Verhältnisses zwischen Mensch und Maschine lassen sich Wege finden, nicht vollständig dienstbar zu werden. Da gibt es keine Realität hinter dem »Schein« der Gadgets, kein »zweites Leben in der analogen und leibhaftigen Wirklichkeit«, genauso wie es keine Flucht gibt in das second life der virtuellen Netze.

Den Austausch in den Zwischenräumen neuer Medien und Maschinen zu verhindern und zu kriminalisieren ist weder erfolgversprechend noch eine adäquate Antwort auf die gegenwärtigen Herausforderungen. Verstellt wird dadurch lediglich der Blick auf die eigentlichen Fragen: Wenn es stimmt, dass Wissen in der Kooperation entsteht, was sind die heutigen Bedingungen der Kooperation? […] Wie können wir die existenzielle Absicherung von Wissens- und Kulturarbeit auf weitere Kreise ausdehnen? Wie können wir eine horizontale Kommunikation forcieren, in der nicht mehr ein Urheber am Anfang steht, sondern in der Mitte und durch die Mitte Serien der Autorschaft, Verdichtungen, Wendungen und neue Kombinationen entstehen? Wie können wir einen transversalen Intellekt erfinden, in dem die Zahl und die Vielfalt der »Geistigen« und ihrer Austauschprozesse immer weiter vervielfältigt werden?