Wie aus Medienkonsum Lernprozesse entstehen

Ich lese im Moment Net Smart von Howard Rheingold – ein Buch, in dem es darum geht, welche Kompetenzen es braucht, um in einer Informationswelt, die von sehr schnellem Informationsaustausch und sozialen Netzwerken geprägt ist, den Überblick zu behalten, die Kontrolle zu erlangen und lernen zu können. Eine Rezension folgt.

Howard Rheingold in Amsterdam, 2010.

Rheingold erwähnt Dan Gillmors Buch Mediactive (hier online lesbar als CC-BY-NC-SA), in dem fünf Prinzipien entwickelt werden, wie Inhalten auf Social Media begegnet werden soll. Die Prinzipien sind schöne Beispiele dafür, wie sorgfältiger Konsum von medialen Inhalten eine breite Palette von Lernprozessen auslösen kann – eine der wichtigsten Thesen Rheingolds. Er erwähnt beispielsweise im Internet engagierte Jugendliche (z.B. Bloggerinnen, Youtuber, Gamerinnen), die trotz ausgiebigem Konsum einer Reihe von Fragestellungen explorativ nachgehen und eigenständig lernen. Rheingold zitiert Mizuko Ito:

Themen autonom nachzugehen aufgrund eines persönlichen Interesses, indem man zufällige Suchprozesse durchführt und ausprobiert, führt dazu, dass Jugendliche mehr Verantwortung für ihr Lernen übernehmen.

Hier Gillmors Prinzipien – in meiner Adaption – mit einem kurzen Kommentar:

  1. Sei skeptisch.
    Bevor man Informationen teilt, sollte man sie prüfen. Ideal ist die von Rheingold vorgeschlagene »Triangulationsmethode« – eigentlich reichen aber auch die klassischen zwei unabhängigen Quellen:  Wenn Informationen von drei bzw. zwei glaubwürdigen Quellen bestätigt werden, ohne dass die aufeinander Bezug nehmen, dann ist die Information glaubwürdig.
  2. Sei nicht allem gegenüber gleich skeptisch: Lasse dein Urteil walten. 
    Wer skeptisch ist, kann schnell dazu übergehen, dass Vertrauen in alle Information, die nicht von Freunden stammt, zu verlieren. Das ist gefährlich. Wir müssen Informationen beurteilen und riskieren, dass wir uns einmal getäuscht haben. Das ist weniger schlimm, als wenn wir keine Informationen mehr zur Kenntnis nehmen.
  3. Verlasse deine Komfortzone und deine Bubble.
    Suche immer auch nach Informationen, die deinen Haltungen widersprechen und widerlegen könnten, woran du und deine wichtigsten Bezugspersonen glauben.
  4. Stelle mehr Fragen.
    Gerade wenn man nach Informationen sucht, sollte man sich fragen, wie denn gute Antworten aussehen könnten. Das verbessert die Suche, ihre Resultate. Gleichzeitig helfen Fragen aber auch, eigene Lücken offen zu legen und ermöglichen in sozialen Netzwerken, von kompetenten Auskunftspersonen direkt wertvolle Informationen zu erhalten.
  5. Lerne Medientechniken verstehen und anwenden. 
    Seit einiger Zeit ist es unter JournalistInnen Mode geworden, das Programmieren zu erlernen. Sie lernen so eine Technik, die für den Umgang mit Daten entscheidend ist. Wenn sie sie aktiv beherrschen, sind sie auch in der Lage, zu verstehen, was mit Daten gemacht wird und wie man ihre Aufbereitung beurteilen kann.

Hier ein ganz einfaches Beispiel, wie spielerisches Konsumieren von Inhalten Lernprozesse auslösen können:

Das Wikipedia-Rennen. 

  1. Nimm einen aktuell relevanten Wikipedia-Artikel, z.B. »Gazastreifen«. Das ist der Start des Rennens.
  2. Versuche, von dort entweder zum Artikel des Tages zu gelangen (heute ist es »Dinosaurier«) oder zu einem zufälligen Artikel zu gelangen.
  3. Man darf nur immer auf einen Wikipedia-Link in einem Artikel klicken, um einen Schritt weiterzukommen.
  4. Jeder Link gibt einen Zug.
  5. Wer am wenigsten Züge benötigt, gewinnt.

(Mehr Beispiele gibt es in meinem Originalpost zum Spiel.)

Lösungsvorschlag Gazastreifen – Dinosaurier:  Gazastreifen – Liste deutscher Gemeinden nach Bevölkerungsdichte geordnet – BerlinMuseum für Naturkunde (Berlin) – Dinosaurier = 4 Züge. 

 

 

 

»lurk moar« – Entwurf einer Social Media-Didaktik

Auf dem berüchtigten Forum /b/ auf 4chan.org führt radikale Anonymität dazu, dass sich aus destruktiven und kreativen Kräften im Internet immer wieder so genannte Memes ergeben – Kommunikationshandlungen, die sich sehr schnell verbreiten. Eines dieser Memes ist eine Aufforderung an einen anderen »Anon«, also ein anderes anonymes Mitglied: »lurk moar«. Der zweite Teil der Aufforderung beutet »more«, das Adverb ist in der typischen Schreibweise von 4chan gehalten. »to lurk« bzw. »lurker« bezeichnet die Haltung, in Foren nur mitzulesen, anstatt selber zu posten und beizutragen.

Die Encyclopedia Dramatica formuliert es mit der üblichen Obszönität:

A Lurker has an account, is actively reading, downloading, and doing shit, but NEVER FUCKING POSTS.

Der Logik der Aufforderung gehorchen ist der Eintrag zur »lurk moar« zirkulär gehalten, wie der Screenshot unten zeigt. Wer nicht weiß, was »lurk moar« bedeutet, muss eben gerade das tun: Mehr mitlesen, mehr Kommunikationsabläufe beobachten um sie dann schließlich zu übernehmen oder kreativ zu erweitern bzw. zu stören.

Lurk moar. Eintrag in der Encyclopedia Dramatica.

In frühen Prä-Internet-Foren war Lurken verpönt. Es verhinderte, dass sich eine Community aufbaute, dass Leute ihre Gedanken teilten oder allenfalls einfach gute Gedanken von anderen kopieren. Heute sind Teilen, Kopieren sowie Community integrale Bestandteile von Social Media – es geschieht eher zu viel statt zu wenig.

Wer Social Media verstehen will, so mein didaktischer Vorschlag, sollte »lurken«. Geht ganz einfach:

  1. Konto erstellen.
  2. Profil kann leer gelassen werden.
  3. Aktiv mitlesen, interessanten Leuten folgen.
  4. Nicht selber posten.

Diese Zurückhaltung dient der Reflexion: Erst wenn man weiß, wie eine bestimmte Kommunikationshandlung wirkt, kann man ihren Einsatz beurteilen. Wenn einen User stören, verärgern, begeistern – dann gibt es die Möglichkeit, sich zu überlegen, das diese Störung, diesen Ärger oder diese Begeisterung ausgelöst haben. Das »Lurken« schafft eine Distanz, die pädagogisch sehr wertvoll. Learning by doing wird in einem ersten Schritt zu learning by lurking.

Wie setzt man das konkret im Unterricht ein? Eine einfache Methode sind Portfolios. Ich habe z.B. Schülerinnen und Schüler in der Medienkunde schon oft Journalistinnen und Journalisten begleiten lassen (hier ein Auftrag als pdf)- einfach lesen, was sie schreiben, und sich dazu Gedanken machen. Ähnlich könnte man auch bei profilierten Social Media-Nutzern vorgehen – auch als Lehrperson, die sich informieren möchte, wie Social Media funktionieren.

(Die so genannte 1%-Regel besagt, dass nur 1% der Benutzer von Social Media Inhalte erstellen, 9% mit Kommentaren beitragen und 90% nur Lurker sind…)

Wikimedia.

Cybermobbing

Durch die aktuelle Pro Juventute-Kampagne sowie die Club-Sendung vom 30. Oktober ist das Thema Cybermobbing momentan sehr präsent. Im Folgenden ein Grundsatzartikel zum Thema, der sich auf die wesentlichen Aspekte konzentriert. Ich biete zu diesem Thema auch Beratung an. Am Schluss gibt es Verweise auf bestehende Merkblätter, die empfehlenswert sind.

1. Was ist Cybermobbing? 

Mobbing bedeutet kontinuierliche und geplante kommunikative Aktionen durch Einzelpersonen oder Gruppen gegenüber einem Individuum. Es findet in einem bestimmten sozialen oder institutionellen Kontext statt, meist am Arbeitsplatz oder in der Schule und zeichnet sich dadurch aus, dass feindselige Handlungen langfristig und systematisch erfolgen. Betroffene von Mobbing erleben sich als unterlegen und werden in ihrer Menschenwürde angegriffen.

Cybermobbing ist Mobbing mit digitalen Mitteln: Es erfolgt also über Internetkommunikation und mobile Kommunikation.

Verwandte Begriffe sind Cyberbullying und Cyberstalking:

  • Bullying kann als Synonym zu Mobbing gesehen werden, es bedeutet tyrannisieren, einschüchtern oder schikanieren – im Gegensatz zu Mobbing durchaus auch mit physischer Gewalt.
  • Stalking meint das Verfolgen einer Person, meist durch eine andere Einzelperson. Stalking kann ein Mittel sein, das für Mobbing eingesetzt wird.

Allgemeiner kann man von Cybergewalt sprechen, um all diese Phänomene zu bezeichnen.

2. Cybermobbing konkret

Wie muss man sich Cybermobbing vorstellen?

  1. Auf einer ersten Ebene wird die Kommunikation einfach ins Internet oder auf mobile Geräte verlagert: Verbale Gewalt erfolgt per SMS, Chat-Nachricht oder Email. Oft sind die Täter dann auch anonym unterwegs oder erstellen gefälschte Profile.
  2. Auf einer zweiten Ebene werden spezifisch digitale Techniken genutzt: Gewalt wird nicht nur verbal, sondern multi-medial ausgeübt. Wie im berühmten Fall von Amanda Todd (siehe Video unten) werden Videos, Tondokumente oder Bilder verwendet, um Opfer unter Druck zu setzen, zu erpressen und zu bedrohen. Diese Daten können auch manipuliert sein – wie im Fall von »Jamileh«.
  3. Auf einer dritten Ebene werden spezifische Mechanismen von Social Media genutzt, um Effekte von Social Media oder sozialen Netzwerke gewaltsam zu nutzen. Einige Beispiele:
    (a) Private Nachrichten, Bilder oder Videos werden öffentlich gemacht und damit eine Dynamik auszulösen. (»X hat über Y Z gesagt…«)
    (b) Es wird negative Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Profil gelenkt, mit dem Ziel, dass ein ganzer Schwarm von Internet-Mobbenden mitspielt. Das kann dann – wie in diesem Beispiel – durchaus auch in der nicht-digitalen Welt Auswirkungen haben.
    (c) Verbreitet ist auch, dass man verhindert, dass eine Person im Netz ein positives Image aufbauen kann, indem z.B. Bilder immer wieder negativ kommentiert werden, Profile mit hässlichen Aussagen verunstaltet werden etc.
  4. Auf einer vierten Ebene werden dann im Internet gewonnene Informationen für Gewalttaten in der physischen Welt genutzt. So beschreibt z.B. dieser Reddit-User, wie er vom Cyberstalker zum Stalker geworden ist.


3. Eigenschaften von Cybermobbing

Cybermobbing hat Eigenschaften, die es durchaus von Mobbing unterscheiden – obwohl die zugrundeliegenden Strukturen oft dieselben sind (siehe unten):

  • Digitale Kommunikation ist enorm effizient: Nachrichten können sehr schnell und ohne Aufwand verschickt werden, Gruppen organisiert und mobilisiert und Informationen beschafft. Das führt dazu, dass Täter viel mehr Möglichkeiten haben.
  • Digitale Kommunikation kann mit versteckten oder falschen Identitäten erfolgen: Oft wissen Betroffene von Cybergewalt nicht, wer hinter Attacken stecken. Auch wenn sie Vermutungen haben, können sie nur mit großer digitaler Kompetenz echte Beweise sicher stellen, oft bleibt es bei diesen Vermutungen.
  • Cybermobbing ist ort- und zeitunabhängig. Ich wurde in meiner Jugend auf dem Weg zum Handballtraining regelmäßig zum Opfer physischer und verbaler Gewalt. Diese Gewalt war auf einen Ort und eine Zeit beschränkt – Cybermobbing kann uns jederzeit auf dem Mobiltelefon und an jedem Ort erreichen. Das führt zu einem diffusen Gefühl von Bedrohung; im Club formuliert das eine Betroffene von Cyber-Stalking so: Sie fühle sich im vierten Stock, als würde ihre Stalkering jederzeit zum Fenster reinschauen.
  • Internetkommunikation ist direkter und oft unfreundlicher: Die Schwellen, jemanden zu belästigen, zu bedrohen, verbal Gewalt auszuüben sind viel kleiner.
  • Social Media hat die Absicht, »Schwärme« zu erzeugen: Intelligente Schwärme. Aber, so hat es Sascha Lobo formuliert, Schwarmlobbying und Schwarmmobbing liegen dicht beieinander«. Es ist für Schwarmmitglieder oft nicht einmal zu erkennen, ob sie nun Mittäter bei Cybermobbing werden, weil sie einfach den Regeln der Schwarmorganisation folgen.
  • Die digitale Welt wird immer enger mit unserem beruflichen, schulischen und sozialen Leben verzahnt. Damit wird auch Cybermobbing direkt eingebunden: Es wirkt sich sehr schnell auf unser soziales und berufliches Wohlbefinden aus, es findet selten in einem isolierten virtuellen Bereich statt, der ausblendbar wäre.

4. Gibt es Cybermobbing ohne Mobbing? 

Diese Frage untersuchen Prof. Sonja Perren vom Jacobscenter der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit Prof. Françoise Alsaker von der Universität Bern in noch laufenden Projekten. Im Zwischenergebnis einer Studie von 2011 hält Perren fest:

[T]raditionelle Gewalt [kommt] unter Jugendlichen (physische, verbale, soziale Gewalt) im Vergleich zu Cybergewalt deutlich häufiger vor. Unter Jugendlichen, die in Gewalttaten involviert sind, können Täter, Opfer und solche[,] die beides sind, unterschieden werden. Die Studie zeigt, dass die Jugendlichen[,] die mit Cybergewalt zu tun haben (als Opfer und/oder Täter), oft auch in traditionelle Gewalt verwickelt sind (meist in der gleichen Rolle wie bei Cybergewalt).

In der NZZ lässt sich Perren noch pointierter zitieren:

Der Kreis der Betroffenen ist sehr klein. […]
Das Problem beim Cybermobbing ist daher nicht im Cyber zu suchen, sondern beim Mobbing.

Genaue Zahlen zu Cybermobbing sind für die Schweiz nicht verfügbar, die besten Daten sind veraltet, sie stammen aus der JAMES-Studie von 2010. Wie die Daten zeigen, wird nicht erhoben, ob Cybermobbing (»fertig machen« ist eventuell keine geeignete Beschreibung) tatsächlich von Mobbing getrennt existiert.

JAMES-Studie 2010, ZHAW.

5. Was sollen Betroffene tun? 

Die Antwort auf diese Frage lässt sich aus Leitlinien für Mobbing direkt ableiten. Ganz wichtig ist bei Cybermobbing: Durch Zurückschlagen auf dem Netz kann das Problem nicht gelöst werden, wie dieser lesenswerte Artikel zeigt.

Hier die wichtigsten Punkte, adaptiert (nicht alle Punkte sind in jedem Fall anwendbar):

  1. Andere Menschen informieren – auch wenn man selber nicht betroffen ist: Eltern, Freunde, Lehrpersonen, Kolleginnen und Kollegen. Cybermobbing nie für sich behalten. Scham ist sehr verständlich, sollte aber nicht dazu führen, dass man das Problem anderen verschweigt.
  2. Hilfe holen bei Telefon 147 oder bei 147.ch.
  3. Darauf bestehen, dass Mobbing aufhört. Es unter keinen Umständen akzeptieren oder Betroffene selbst (oder ihr Verhalten im Internet) dafür verantwortlich machen.
  4. Vorfälle protokollieren, eine Art Mobbing-Tagebuch anlegen. Die Dokumentation kann verwendet werden, um eine Lösung zu finden – aber auch, um Vorfälle verarbeiten zu können.
  5. Sich von Expertinnen und Experten beraten lassen.
  6. Einträge löschen lassen und löschen, Täter sperren lassen und sperren; Profile melden.
  7. Anzeige erstatten bei der Polizei. Die Vorfälle auch Betreibern von Sozialen Netzwerken etc. melden, die dann auch Massnahmen unternehmen.
  8. Cybermobbing in der Schule und am Arbeitsplatz zum Thema machen und Fachpersonen (Schulsozialarbeit, PsychologInnen etc.) beiziehen.
  9. Präventionsarbeit an Schulen und Arbeitsplätzen leisten. Es gibt keine einfachen Rezepte für Mobbing-Prävention: Wichtig ist ein gutes Klima und Kommunikation.

6. Ressourcen

  1. Bericht des Bundesrates zu Cyberbullying mit rechtlicher Einschätzung.
  2. Merkblatt der Volksschulbildung Luzern.
  3. Broschüre »Datenschutz und Cybermobbing« der Stiftung Schweizer Jugendkarte.
  4. Präventionsmaterial für Schulen und Lehrpersonen der Fachhochschule Nordwestschweiz.
  5. Tipps von 147.ch.

Social Media als Kontrollverlust für die Schule

Unter dem Titel »Kontrollverlust für die Schule« ist in einem c’t Sonderheft »Soziale Netze« ein interessanter Artikel von Jöran Muuß-Meerholz erschienen. Das Heft ist zumindest in Deutschland am Kiosk erhältlich, der Artikel kann hier als pdf gelesen werden.

Die wichtigsten Aussagen des Textes trage ich hier zusammen – eine Lektüre lohnt sich auf jeden Fall.

  1. »reale« und »virtuelle« Welt sind verzahnt – auch in der Schule. Der Schonraum Schule muss sich damit auseinandersetzen, dass private oder halb-öffentliche Schulangelegenheiten durch die Digitalisierung enorme Verbreitung finden können.
  2. Für Lehrpersonen wird die Abgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben immer schwieriger. Damit geht auch das Privileg verloren, die Unterrichtsvor- und -nachbereitung ungestört erledigen zu können: In der digitalen Welt erfolgt sie im Austausch mit anderen, im Dialog.
  3. Öffentlichkeitsarbeit wandelt sich: Die Schule kann ihre Wahrnehmung nicht mehr komplett kontrollieren, wird abhängig von den Inhalten, die in den privaten Netzwerken von SchülerInnen, Eltern und Lehrpersonen zirkulieren. Klassenfahrten werden nicht mit sauber redigierten Texten kommentiert, sondern in Echtzeit auf Twitter und Facebook, mit Bildern, Videos und Tonaufnahmen.
  4. Verbote sind vergebliche Versuche, alte Strukturen zu erhalten. Technologische Weiterentwicklungen werden immer neue Möglichkeiten bieten, sie zu umgehen.
  5. Social Media ist nicht ein isolierter oder isolierbarer Bereich der schulischen Arbeit oder Schulführung, sondern durchdringt alle Bereiche.
  6. Internet ist nicht mehr freiwillig, sondern eine automatische Begleiterscheinung aller schulischen Aktivitäten.

Muuß-Meerholz formuliert grundlegende Prinzipien für die medienbezogene Schulentwicklung (S. 36; klicken für größeres Bild):

In einem Beitrag für das Handbuch »Öffentlichkeitsarbeit macht Schule« hat Muuß-Meerholz einen wichtigen Artikel über die Auswirkungen von Social Media auf die Öffentlichkeitsarbeit von Schulen verfasst (hier das pdf, »Der Artikel ist urheberrechtlich geschützt. Er darf heruntergeladen und für eigene Zwecke genutzt, aber nicht weiter vervielfältigt werden). Dort formuliert er 11 Handlungsvorschläge, die ebenfalls kurz zusammengefasst werden sollen (meine Nummerierung entspricht nicht dem Original):

  1. Schulen müssen ein Bewusstsein für Social Media schaffen, indem sie die dafür relevanten Bereiche und die Verantwortlichen miteinander zusammenarbeiten lassen (Öffentlichkeitsarbeit, Schulentwicklung, Medienkompetenz etc.)
  2. Zuhören oder Monitoring ist wichtig: Fürs erste reicht es, nachzulesen, wie die Schule in Social Media erscheint.
  3. Für erste Schritte reichen Experimente oder das Übernehmen bewährter Verfahrensweisen anderer Institutionen.
  4. Wichtig ist dabei ein dickes Fell sowie das klare Kennzeichnen von Kommunikationskanäle: Niemand soll den Eindruck erwecken, für die Schule zu sprechen, wenn das nicht offiziell der Fall ist.

Guideline: Fotos von Kindern/Jugendlichen veröffentlichen

In den Kommentaren zu meinem Blogpost über Kinderfotos im Internet wurde die Frage gestellt, wie denn Sportvereine, Schulen etc. mit Fotos von Kindern und Jugendlichen umgehen sollen. Auf der Homepage der Schule, an der ich unterrichte, werden Anlässe immer mit Fotos dokumentiert. Diese Guideline sind Überlegungen, die auch im Gespräch mit den dafür Verantwortlichen entstanden sind.

Der amerikanische Botschafter in der Schweiz, Donald S. Beyer Jr. zu Besuch an der Kantonsschule Wettingen.
  1. Einverständnis einholen.
    Sowohl die Kinder/Jugendlichen als auch die Eltern müssen damit einverstanden sein, dass Fotos publiziert werden. Um das Einverständnis einzuholen, muss der Modus der Aufnahmen und der Veröffentlichung klar geregelt sein.
  2. Recht am Bild reflektieren.
    An der Schule muss Verantwortlichen bewusst sein, was Recht am eigenen Bild bedeutet. Gute Lektüre dazu: Educa Guide Schulen am Netz. Rechte und Pflichten, S. 18f. (pdf)
  3. Sehr sorgfältig auswählen. 
    Alle Bilder, die unangenehme, zu emotionale, möglicherweise peinliche etc. Momente von Kindern oder Jugendlichen zeigen, müssen gelöscht werden – auch wenn man sie sehr lustig findet.
  4. Löschmöglichkeit klar angeben. 
    Wer will, dass ein Bild von ihr oder ihm (bzw. seiner/ihrer Kinder) gelöscht wird, muss das problemlos verlangen können und über diese Möglichkeit informiert sein.
  5. Namen und Bilder nicht verbinden. 
    Bildlegenden, welche die Personen auf Bildern identifizierbar machen, sollen nur in Ausnahmefällen vorgenommen werden (z.B. Preisverleihung etc.). Ansonsten ist allen Betroffenen klar, wer auf dem Bild zu sehen ist. (Namensangaben helfen Gesichtserkennungsdienste, Personen zu identifizieren.)
  6. Temporäre Galerien anlegen. 
    Es reicht, Fotos von Anlässen während zwei oder drei Monaten publiziert zu lassen. Danach sollen sie gelöscht werden.
  7. Galerien eingeschränkt zugänglich machen. 
    Alle professionellen Anbieter von Fotogalerien erlauben es, Einladungen zum Betrachten zu verschicken. Diese Einladungen können widerrufen werden und verhindern, dass die Bilder über Suchmaschinen etc. gefunden werden können. Meist gibt es keinen Grund, die Bilder über die Schulgemeinschaft hinaus verfügbar zu machen – interne Lösungen (Intranet) würden genügen.
  8. Für permanente Bilder zusätzlich Einverständnis einholen. 
    Werden Bilder für Broschüren, eine Homepage etc. permanent verwendet, muss dazu gesondert noch einmal das Einverständnis eingeholt werden.
  9. Generell: Zurückhaltung. 
    Es ist einfach, digitale Bilder zu machen. Und es scheint, als würde heute nur noch stattfinden, was im Bild dokumentiert ist. Dennoch ist Zurückhaltung hier eine Tugend. Wenige, gute Bilder publizieren. Auch mal eine Fotowand im Schulhaus ausstellen oder auf eine Galerie auf einem Schulpanel laufen lassen, anstatt die Bilder ins Netz zu stellen.
  10. Generell: Differenzieren. 
    Jüngere Kinder eher stärker schützen, ältere mehr in den Prozess einbinden. Analog auch für auffällige, normferne, scheue oder besonders offene Kinder.

Cyber-Mobbing: Die Pro Juventute-Kampagne

Pro Juventute will mit einer neuen Kampagne zu Cybermobbing Jugendliche und ihr Umfeld für das Thema sensibilisieren, wie die Organisation in einer Medienmitteilung schreibt. Die Kampagne erfolgt multimedial: Neben einem Clip (ganz unten) gibt es Plakate und eine Facebook-App (Klick aufs Bild).

Folgende Gründe für die Kampagne werden genannt:

  • Das Beratungsangebot 147.ch wird vermehrt wegen Cybermobbing in Anspruch genommen.
  • Die JAMES-Studie von 2010 zeige, dass »jeder fünfte Teenager schon erlebt habe, dass ihn jemand im Internet fertig machen« wolle.
  • Cyber-Mobbing ist nicht ortsgebunden.
  • Die Täter könnten anonym agieren.
  • Cyber-Mobbing ist der Hälfte der Jugendlichen als Begriff nicht bekannt, rund zwei Drittel wissen nicht, wo Hilfe suchen.
  • »Cyber-Mobbing kann von Schlafschwierigkeiten über Depressionen bis zum Jugendsuizid führen.«

Stephan Oetiker, Direktor von Pro Juventute, weist auf eine Überforderung von Lehrpersonen, Jugendlichen und Eltern hin:

Unsere Kampagne zeigt auf, dass: Cyber-Mobbing ein ernstes Problem ist. Wir wollen Jugendliche, Eltern und Lehrer sensibilisieren und Hilfsangebote wie die Notrufnummer 147 aufzeigen. Die Fachleute von Pro Juventute sind in ihrer täglichen Arbeit damit konfrontiert, dass sowohl Jugendliche wie Eltern und Lehrerpersonen überfordert sind mit dem Thema und sich dringend Unterstützung wünschen.

Pro Juventute setzt vor allem auf Prävention und Aufbau von Medienkompetenz. Die Organisation bietet so genannte »Medienprofis-Workshops« an.

* * *

Die Anlage der Kampagne finde ich sinnvoll: Systematischer Aufbau Medienkompetenz ist der Schlüssel im Umgang mit solchen Phänomene – ich berate Eltern und Schulen auch in solchen Fragen.

Die Kampagne selbst ist mir aber zu weit von der Online-Realität weg. Wir sehen ein männliches Model, dominierend ist das Blut, das fließt. Das wirkt drastisch: Es zeigt aber nicht psychische Bedrängnis, in die junge Menschen geraten, der Mix aus sozialen Anforderungen und Überforderungen, die Social Media mit sich bringen können.

Mir scheint es auch wichtig, dass man das Phänomen genauer fasst. »Fertig machen« im Internet ist nicht Cyber-Mobbing. Anonymität ist nicht der Grundmodus von sozialen Netzwerken. Und Medienkompetenz ist mehr als rechtliche Information und Reflexion.

In der NZZ kritisiert Ronny Nicolussi die Kampagne als Methode um an Spendengelder zu gelangen. Die angegeben Zahlen zur Häufigkeit von Cybermobbing seien stark übertrieben, zudem sei Cybermobbing fast immer ein Folgephänomen von bestehendem Mobbing – das Problem liege beim Mobbing, nicht bei der Internetkommunikation.

Migration mit Facebook verstehen: Eine interaktive Karte

Auf facebookstories.com hat Mia Newman eine interaktive Karte publiziert, mit denen Beziehungen zwischen einzelnen Ländern veranschaulicht werden können. Dabei werden ungewöhnliche Beziehungen kurz thematisiert, wie man auf folgendem Ausschnitt sehen kann:

Newman hat in Internationalen Beziehungen doktoriert und Beziehungen zwischen Nationen untersucht. Der Einbezug von Facebook hat drei Aspekte hervorgehoben, von welchen die Nähe der Beziehungen auf FB abhängt

  •  Migration
  • wirtschaftliche Beziehungen
  • ehemalige Kolonien zu den Nationen, die sie einst beherrscht haben.

Die interaktive Karte eignet sich gut, um Schülerinnen und Schülern kleine Forschungsaufträge zu gebe, z.B. wenn ein Land oder ein Kontinent zum Unterrichtsthema wird.

Was der Klout-Score misst

In Bezug auf die Messung des IQ, des Intelligenzquotienten, gibt es eine einschlägige Formulierung: »Intelligenz ist, was Intelligenztests messen« (etwas genauer hier nachlesbar). In Bezug auf soziale Netzwerke ist Einfluss das, was der Klout-Score misst. Damit sind zwei Dinge gesagt:

  • Was der Klout-Score misst, lässt sich nicht unabhängig vom Klout-Mechanismus formulieren.
  • Einfluss in sozialen Netzwerken ist keine klar definierte und ergo auch keine messbare Größe.

Bevor ich mich frage, wozu der Einfluss überhaupt gemessen werden soll, halte ich kurz fest, was Klout ist und wie es funktioniert.

Im Mittelpunkt steht der Score. Er weist jedem Nutzer einen Wert zwischen 1 und 100 zu. Dieser Wert wird mit einer geheimen Formel berechnet, die über 400 verschiedene »Signale« (bzw. Variablen) einbezieht. Dazu gehören die Anzahl der Facebook-Freunde ebenso wie die Häufigkeit, mit der ein Tweet von anderen Usern weiterverbreitet wird. Klout verwendet eine Art dynamischen Berechnungsprozess, bei dem berücksichtigt wird, mit wie vielen verschiedenen Leuten man in Kontakt steht, wie intensiv man mit ihnen kommuniziert und wie themenspezifisch diese Kommunikation ist. Es ist praktisch unmöglich, den Klout-Score mit einfachen Methoden zu beeinflussen oder zu erhöhen.

Klout klassifiziert die User in Typen:

Dabei werden eigentlich nur positive Attribute verwendet. Ich bin z.B. ein »Broadcaster«, d.h. ich beteilige mich an vielen Diskussionen und verbreite oft Inhalte zu verschiedenen Themen, ohne sie selber erstellt zu haben. Die drei User ganz rechts bearbeiten Themen fokussierter als ich.

Klout formuliert selbst einige Prinzipien, die für den Klout-Score bedeutsam sind:

  1. Einfluss bedeutet, dass sich andere Menschen mit den verbreiteten Inhalten auseinandersetzen. Die Zahl der Verbindungen ist sekundär.
  2. Je mehr Netzwerke man mit Klout verknüpft, desto größer ist der eigene Klout-Score.
  3. Klout haben alle Menschen – auch die, die sich nie bei Klout angemeldet haben. Jede Interaktion verbessert den Klout-Score, egal mit wem.
  4. Klout bezieht sich nicht auf eine feste Zeit, sondern auf ein Zeitfenster von 90 Tagen, in dem kürzlich erfolgte Interaktionen stärker gewichtet werden.
  5. Die Klout-Berechnungen verändern sich ständig, so wurde kürzlich der Klout-Score bei vielen Usern um rund 10 erhöht.

Klout bezieht auch den »Real-World-Influence« mit ein – damit ist gemeint, wie einflussreich man auf Wikipedia erscheint. Das führt neu dazu, dass Barack Obama den höchsten Klout-Score hat (99) und Justin Bieber einen tieferen (92).

Es gibt dennoch einige generelle Hinweise, wie man den eigenen Klout-Score verbessern kann:

  • Seinen Status auf Twitter oder Facebook recht häufig aktualisieren, damit Menschen darauf reagieren können.
  • Sich auf ein Thema konzentrieren.
  • So positiv wie möglich bleiben.
  • Sich mit Leuten verbinden, die einen hohen Klout-Score haben, damit man sein Netzwerk erweitern kann.
Bild: Garry McLeod, Quelle: Wired.com.

Ein Wired-Artikel, von dem auch die oben stehende Abbildung stammt, hält fest, was die Bedeutung des Klout-Scores in den USA ist: Bei Vorstellungsgesprächen bei Berufen mit Marketing- oder Öffentlichkeitsarbeitsbezug ist der Klout-Score ein Thema und kann dazu führen, dass jemand eingestellt wird oder nicht. Zudem erhalten Menschen mit höheren Klout-Scores Vergünstigungen oder Geschenke (teilweise, ohne dass ihnen das bewusst ist: sie erhalten bessere Hotelzimmer, bessere Mietwagen und müssen am Flughafen weniger lang warten).

Der Autor des Artikels, Seth Stevenson, formuliert vier Kritikpunkte am Klout-System:

  1. Psychologie. Menschen reagieren emotional stark auf Bewertungen – vor allem, wenn sie so klar sind wie eine Zahl zwischen 1-100. Problematisch ist, dass diese Bewertung zudem höchst intransparent ist und unklar ist, was man genau tun müsste, um sie zu verbessern (weil das sonst alle täten).
  2. Bildung einer Elite. Menschen mit hohem Klout-Score werden besser behandelt, ohne das verdient zu haben.
  3. Zwang. Der Einfluss von Klout führt dazu, dass man mitmachen muss – weil in der Arbeitswelt eine Zahl wichtig werden kann, von deren Existenz viele Leute gar nichts wissen.
  4. Filterblasen. Um den Klout-Score hoch zu halten, muss man Informationen verbreiten, die andere Leute mögen und auf die sie reagieren. Das sind aber immer wieder dieselben – abweichende Meinungen und Inhalte werden bestraft.

So untersucht Stevenson Profile mit tiefen Klout-Scores und stellt fest, dass dort viel Interessantes und Authentisches verbreitet wird:

The un-Kloutiest’s thoughts, jokes, and bubbles of honest emotion felt rawer, more authentic, and blissfully oblivious to the herd. Like unloved TV shows, these people had low Nielsen ratings—no brand would ever bother to advertise on their channels. And yet, these were the people I paid the most attention to. They were unique and genuine. That may not matter to marketers, and it may not win them much Klout. But it makes them a lot more interesting.

* * *

Meine Beurteilung: Klout ist ein professionelles System. Es funktioniert und es misst, was es zu messen vorgibt – nicht den Einfluss an sich, sondern den Einfluss aus der Perspektive von Klout.

Wer professionell mit Social Media arbeitet, kommt um Klout nicht herum. Nicht als soziales Netzwerk, sondern als Bewertung der eigenen Arbeit und als Orientierung für Verbesserungen. Mehr Bedeutung darf der Klout-Score aber nicht bekommen. Menschen werden heute an vielen Orten von Algorithmen beurteilt und auf dieser Grundlage unterschiedlich behandelt – beim Mobilfunkanbieter, bei der Bank, in der Migros. Wir müssen darauf achten, dass die Funktionsweise dieser Algorithmen transparent ist. Mehr ist wohl nicht zu erreichen.

Hier noch drei Links zu diesem Thema:

  1. Frank Krings notiert drei Tücken, die Klout bereit hält.
  2. In Florida müssen Studierende an der Uni lernen, wie man einen hohen Klout-Score erhält, damit sie auch einen Job finden.
  3. Mat Honan, den ich hier schon erwähnt habe, versucht bei Gizmodo, einen Klout-Score zu manipulieren.

(Dieser Post wurde um 12.05 überarbeitet, danke für die Hinweise an Tania.)

Social Media Guidelines für Schulen

Im Folgenden umreiße ich, welche Inhalte solche Guidelines umfassen sollen oder könnten. Ich habe bereits skizziert, wie Guidelines nur für Lehrpersonen aussehen könnten, diesen Post möchte ich gewissermassen ausbauen, indem ich eine Liste verfasse, sie kurz kommentiere und danach noch ein Beispiel erwähne:

  1. Die Adressaten
    Sinnvoll sind umfassende Guidelines dann, wenn Sie sich an alle Akteure wenden: Also an die Schulleitung selbst, die Administration, die Lehrpersonen sowie die Schülerinnen und die Schüler. Eventuell ist es aber auch sinnvoll, jeweils getrennte Leitfäden zu verfassen.
  2. Der Sinn von Guidelines
    Am Anfang sollte stehen, warum diese Guidelines nötig sind. Es sollte deutlich werden, dass die Schule bestimmte kommunikative Ziele verfolgt und Social Media ein Teil davon ist – eine Guideline darf nicht wie ein Regelwerk daherkommen, mit dem Kontrolle und Überwachung assoziiert werden.
  3. Offizielle Kanäle der Schule
    Es sollte allen Mitarbeitenden und auch den Schülerinnen und Schülern klar sein, welche Kanäle die Schule offiziell pflegt (wo findet man das richtige Facebook-Profil etc.) Sinnvoll kann auch sein, wenn Lehrpersonen und auch Schülerinnen und Schüler eingeladen werden, sich an den offiziellen Kanälen zu beteiligen.
  4. Privater und berufliches Auftreten auf Social Media
    Alle unter i. Erwähnten repräsentieren auch die Schule, wenn sie mit ihrem Namen auf Social Media aktiv sind. Das sollte eine Guideline deutlich machen.
  5. Funktionsweise von Social Media, Auswirkungen
    Guidelines sollten darauf hinweisen, dass sich Botschaften auf Social Media sehr schnell verbreiten können und dass ihre Verbreitung kaum mehr gestoppt werden kann. Kontrolle gibt es nur, bevor etwas gepostet ist – nachher nicht mehr.
  6. Verhalten
    Das ist ein selbstverständlicher Punkt – der dennoch erwähnt werden muss: Auf Social Media verhält man sich anständig, höflich und offen. Die Kommunikationsschwellen liegen sehr tief, die Emotionalität ist teilweise hoch – dennoch hält man sich an die Gepflogenheiten der persönlichen Umgangs. Zudem beantwortet man Fragen und nimmt Feedback auf.
  7. Themen
    Guidelines können Themen ausschließen: Gewisse religiöse und politische Themen könnten einer Schule zu heikel sein, ebenso sind Internas selbstverständlich auf Social Media tabu. Das gilt auch für Schülerinnen und Schüler: Nur weil es Social Media gibt, ersetzen sie nicht alle etablierten Kommunikationskanäle und Feedback-Möglichkeiten.
  8. Privatsphäre und Gefahren
    Eigentlich genügt ein Hinweis darauf, dass Privatsphäreneinstellungen wichtig sind und Social Media nicht ohne Gefahren ist, über die man sich informieren sollte. Es ist nicht möglich, Gefahren abschließend aufzulisten.

Gute Social Media Guidelines sind knapp und  machen mindestens im gleichen Maße Lust auf Social Media, wie sie problematische Bereiche aufzeigen.

Sehr gelungen ist meines Erachtens der Leitfaden des Kantons Aargau:

(Ich habe mich beim Verfassen der Punkte an dieser Liste orientiert.)

Social Media als Ergänzung zu mündlicher Beteiligung

Letzte Woche habe ich ein Projekt vorgestellt, bei dem Twitter als eine spielerische Erweiterung des Literaturunterrichts genutzt wird. Plattformen wie Twitter können aber auch als Ergänzung zu einem Klassengespräch genutzt werden. Kernidee: Wer sich nicht beteiligen kann oder will, nutzt Social Media als Ersatz.

Auf Konferenzen mit Social Media-Bezug ist es üblich, neben oder statt Slides einen Twitter-Wall einzublenden, wie man ihn auf dem Bild sieht:

Dort können die Zuhörerinnen und Zuhörer direkt Feedback geben, untereinander kommentieren und das Referat mit Links und Kommentaren sozusagen erweitern.

Diese Idee könnte man auch auf den Unterricht anwenden: Stille Schülerinnen und Schüler können sich per Social Media an einer Diskussion beteiligen, die von der Lehrperson dann wieder ins Klassengespräch integriert werden kann. Das tut Erin Olson, eine Englischlehrerin aus den USA, die in einem Beitrag der New York Times vorgestellt worden ist.

Das Klassengespräch erhält so einen so genannten Backchannel: Eine zweite Kommunikationsebene, auf der Fragen gestellt werden können, Meinungen geäußert und Kommentare abgegeben können. Die Idee besticht aus drei Gründen:

  • Es ergeben sich Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Schülerinnen und Schülern, z.B. kann, wenn jemand einen Begriff nicht versteht, die Klasse selbst eine Erklärung abgeben.
  • Es ergibt sich eine Aktivierung sonst passiver Schülerinnen und Schüler.
  • Wenn die Möglichkeit gegeben wird, themenzentriertes abzuschweifen, verhindert das nicht-thematisches Abschweifen.

Zwei Schülerstatements aus dem Artikel sind beeindruckend:

“Everybody is heard in our class,” said Leah Postman, 17.
Janae Smith, also 17, said, “It’s made me see my peers as more intelligent, seeing their thought process and begin to understand them on a deeper level.”

Die Einwände sind vorhersehbar – und selbstverständlich auch berechtigt: Laptops oder Tablets im Schulzimmer bieten die Gefahr einer Ablenkung, einer Verzettlung, eines Mangels an Vertiefung.

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Technische Möglichkeiten

Twitter selbst ist nicht für einen Bildungskontext ausgelegt. Ich schlage zwei andere Tools für den Einsatz im Schulzimmer vor und werde das im kommenden Schuljahr auch ausprobieren:

  1. Google Moderator, wo Fragen gestellt und beantwortet werden können
  2. TodaysMeet, eine Art provisorisches Twitter, das für jede Veranstaltung installiert werden kann und automatisch gelöscht wird, aber auch die Möglichkeit zum Download der Gespräche bzw. Fragen bietet.

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Zusatz 16. Juli 2012: Jürgen Bucher unterrichtet Medienwissenschaft an der Universität Trier und ersetzt Wortmeldungen teilweise durch die Möglichkeit, per Twitter Fragen zu stellen, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet.