Der große Prozess gegen Facebook

Max Schrems, ein österreichischer Jurist, will’s wissen: Er sammelt im Moment Geld für eine große Klage gegen Facebook, wie Richard Gutjahr auf seinem Blog ausführlich berichtet. Der Hauptgrund: Facebook speichert im Hintergrund Daten von Usern, von denen die User aber nichts wissen und die sie auch nicht herunterladen können. Zudem speichert Facebook auch Daten von Menschen, die keinen Facebook-Account haben, um sie im Netzwerk darstellen zu können und Informationen über sie zu sammeln, die später relevant sein könnten. Schrems ist auch der Überzeugung, die Deaktivierung der Gesichtserkennungsfunktion in der EU sei eine Farce, weil User in der Schweiz ständigt Fotos von Menschen, die in der EU wohnen, hochladen und diese gescannt werden.

Hier Schrems im Video-Interview:

Schrems braucht Geld: Er sammelt auf seiner Seite 100’000 Euro, um finanziell in den Kampf gegen Facebook ziehen zu können. Man kann ihn auch mit kleinen Beiträgen unterstützen, die man zurück erhält, sollte er den Prozess nicht führen müssen.

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Facebook ordnet die Freunde – aber wie?

Gestern wurde eine Möglichkeit rumgereicht, wie man eine Liste einsehen kann, die Facebook von den Kontakten eines Users anlegt. Angelo Zehr hat eine Anleitung in seinem Blog gepostet:

  1. www.facebook.com öffnen und einloggen.
  2. Öffne den Quell­text der Seite (je nach Brow­ser im Menu oder per Rechtsklick)
  3. Suche nach der Buch­sta­ben­folge Orde­red­Fri­ends­Lis­t­In­iti­al­Data. 
  4. Kurz nach die­sem Begriff folgt eine Liste von Facebook-Benutzer-IDs.
  5. Öffnet man nun eine neue Face­book­seite nach dem Mus­terhttp://www.facebook.com/xxx (wobei xxx mit der gefun­den Use­rID zu erset­zen ist) gelangt man auf das Pro­fil des ent­spre­chen­den Facebook-Freundes.
Screenshot von Angelo Zehr. Klicken zum Vergrößern.
Screenshot von Angelo Zehr. Klicken zum Vergrößern.

Es stellt sich die Frage: Nach welchen Kriterien ordnet Facebook diese Liste? Man kann beobachten, dass viele intensiv genutzte Kontakte zuoberst stehen. So weit ich das überblicken kann, wurden viele Kriterien einfach mal vorgeschlagen (Chat-Frequenz und -Intensität, Profilansichten, Likes auf den Profilen, verbrachte Zeit auf Profilen etc.), aber es gibt keine klaren Hinweise.

Auf dem Fragenportal Quora ist die Frage momentan noch offen, ich erwarte, dass dort bald eine sinnvolle Lösung auftaucht. Oder vielleicht hier in den Kommentaren…

Schulgespräche mit Expertinnen und Experten via Twitter

Der direkte Kontakt mit Wissenschaftlerinnen, Künstlern, Politikerinnen und anderen Persönlichkeiten ist für Schülerinnen und Schüler von großem Wert. Sie sind Perspektiven ausgesetzt, die nicht primär mit dem Unterrichtskontext zu tun haben und erhalten direkten Zugang zu wichtigen Themen.

Oft erlebe ich es so, dass Klassen etwas überfordert sind mit solchen Begegnungen. Sie freuen sich darauf, sie hören dann aufmerksam zu – trauen sich aber kaum, ein echte Gespräch zu eröffnen. Nach wenigen zögerlichen Fragen zeigt sich dann in der Nachbesprechung, wie interessiert sie waren und wie viel sie zu einer interessanten Diskussion hätten beitragen können, nicht nur durch Fragen, sondern durch eigene Meinungen, Erlebnisse etc.

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Die Durchführung eines solchen Gespräches via Social Media bzw. Twitter hat viele Vorteile. Ich beziehe mich auf die Beschreibung eines Kommunikationskurses der Rutger University, wo ein Live-Gespräch mit Nathan Jurgenson, einem der interessantesten Theoretiker von Social Media (vgl. seine Gedanken zu digitalem Dualismus), durchgeführt wurde. Die verantwortliche Dozentin, Mary Chayko, beschreibt wichtige Aspekte, die bei einer solche Online-Begegnung beachtet werden müssen, damit sie erfolgreich durchgeführt werden kann:

  1. Die Klasse muss mit den technischen Mitteln und ihrem Einsatz so vertraut sein, dass keine Hindernisse entstehen. Idealerweise verwendet man eine Plattform, die Schülerinnen und Schüler kennen und nutzen. 
  2. Die Begegnung muss vorbereitet werden. Neben intensiver Lektüre relevanter Texte hat Chayko alle Lernenden gebeten, eine Frage zu formulieren und ihnen dazu ein Feedback gegeben. So kommt sicher eine Konversation in Gang.
  3. Die Person, mit der man spricht, muss ein solches Gespräch führen können, unter Umständen mit wenig Moderation durch die Lehrperson.
  4. Das Gespräch muss im Unterricht nachbearbeitet und ausgewertet werden.
  5. Der Einsatz von solchen Gesprächen muss sehr dosiert erfolgen (z.B. ein Mal pro Semester), er ist sehr aufwändig.

Nathan Jurgenson zog eine statistische Bilanz, wie oft er gefragt wurde und wie viele Antworten er gab:

http://twitter.com/#!/nathanjurgenson/status/258350385834643456

Chayko bewertet das Ergebnis als positiv – trotz des großen Aufwands. Das schönste Ergebnis war, dass sich ein face-to-face Backchannel ergeben hat. Das muss kurz erklärt werden: Oft wird Social Media als Backchannel bezeichnet: Bei Konferenzen, Sitzungen oder im Unterricht ergibt sich heute oft eine zweite Gesprächsschicht auf Social Media, wo andere Fragen gestellt und andere Themen diskutiert werden. Diese Backchannels können durch »Twitterwalls« sichtbar gemacht werden. Im Falle der Klasse von Chayko war der Backchannel aber im Unterricht: Die Studierenden haben gelacht und miteinander geredet, während sie mit Jurgenson diskutiert haben:

But my favorite outcome was the way the face-to-face “backchannel,” and the class as a community, began, during this event, to coalesce.

Zum Schluss noch ein technischer Hinweis: Mit Google+ ist es auch möglich, mehrdimensionale Begegnungen durchzuführen. Wie der Screenshot von Roland Gesthuizen zeigt, kombiniert es Videotelefonie mit Chats und gemeinsamer Bearbeitung von Dokumenten. Das kann für Gruppenarbeiten sinnvoll sein, würde bei Begegnungen aber auch ermöglichen, dass der Gast einen Vortrag halten könnte in einer Klasse und dann per Chat oder per Video befragt werden könnte.

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Die JIM-Studie 2012

Ende November ist die JIM-Studie 2012 veröffentlicht worden, mit der »Jugend, Information, (Multi-) Media« in Deutschland untersucht werden, also das Mediennutzungsverhalten Jugendlicher. Befragt wurde eine repräsentative Auswahl von über 1200 Jugendlichen, die Studie erscheint bereits zum 15. Mal.

Zusammenfassendes Ergebnis in Bezug auf die Mediennutzung ist eine gewisse Stabilität – man könnte auch sagen, eine Sättigung ist erreicht:

Die Nutzung der eher traditionellen Medien wie Radio und Fernsehen als auch der Gebrauch der „neuen Medien“ wie Internet und Handy erweist sich (hinsichtlich der Zuwendung) als stabil. (12f.)

Diese Mediennutzung verteilt sich wie folgt auf die Geschlechter und Medienarten:

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In Bezug auf die Nutzung des Internets sind folgende Daten relevant: Mehr als 85% der Jugendlichen haben einen eigenen Internetzugang (im Haushalt fast alle), 68% nutzen das Internet täglich, über 90% mehrmals pro Woche, knapp 90% halten die Nutzung des Internets für »wichtig« oder »sehr wichtig« – Musik zu hören ist aber wichtiger. Die Bedeutung des Internets erreicht einen Höhepunkt mit 16 und 17 Jahren und nimmt danach leicht ab.

In Bezug auf den Bildungshintergrund stufen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten sowohl Printmedien und Bücher wie auch das Internet als wichtiger ein als ihr Alterskollegen in Haupt- und Realschule.

Bei widersprüchlichen Informationen genießt das Internet das geringste Vertrauen, wie folgende Grafik zeigt. Auch hier gibts es Bildungsunterschiede, vor allem in Bezug auf den Stellenwert des Fernsehens:

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Jugendliche nutzen das Internet rund 130 Minuten pro Tag, leicht weniger als 2011, je höher der Bildungsgrad, desto weniger lang nutzen Jugendliche das Internet (Gymnasium 124 Minuten, Hauptschule 157 Minuten). Der Hauptgrund für die Nutzung ist bei allen Jugendlichen die Kommunikation:

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Unter Kommunikation verstehen Jugendliche hauptsächlich Social Media. Auch hier nimmt die Nutzung mit dem Alter zu – und dann kurz vor 20 wieder ab. Rund 80% der Jugendlichen sind täglich oder mehrmals pro Woche auf Social Media aktiv. Hier macht die Studie aber eine große Stagnation aus:

Dass sich das Internet für Jugendliche zu einem echten „Mitmach-Medium“ entwickelt hat, kann auch im Jahr 2012 nicht bestätigt werden. Eigene Inhalte werden nur von einem Fünftel regelmäßig erstellt (ohne Communities), wobei auch hier der Löwenanteil auf das Schreiben von Beiträgen in Foren und das Einstellen von Bildern und Videos entfällt. Keine der Alters- oder Bildungsgruppen tritt hier besonders in Erscheinung und auch die geschlechtsspezifische Betrachtung zeigt keine Besonderheiten. (38)

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Social Media bedeutet für Jugendliche fast ausschließlich Facebook. Dort haben Jugendliche im Durchschnitt 270 »Freunde«, deutlich mehr als 2011 (200) und 2010 (160).

Dort werden hauptsächlich Nachrichten verschickt:

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Fast die Hälfte der Jugendlichen nutzt das Internet täglich oder mehrmals pro Woche für Schule und Ausbildung.

Die JIM-Studie untersucht auch Cybermobbing – mit einer recht offenen, unklaren Frage:

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Die Schule leistet, das zeigt die Studie auch, einen wichtigen Beitrag zum Aufbau von Medienkompetenz; vor allem auch bei jüngeren Schülerinnen und Schülern:

Die Ergebnisse zeigen, dass die Aufklärung im Bereich Medienkompetenz von Jugendlichen durchaus angenommen wird und sich sowohl in ihrem Medienwissen als auch im konkreten Nutzungsverhalten niederschlagen kann. (60)

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Das Fazit der Studie weist vor allem auf die steigende Nutzung von mobilen Internetzugängen hin:

Die Ergebnisse der JIM-Studie 2012 zeigen, dass die Medienwelt der Jugendlichen – trotz großer Kontinuität zum Beispiel bei der Nutzung von Fernsehen, Radio und Büchern – auch sehr dynamisch ist. Die aktuell stark ansteigende Nutzung von mobilem Internet macht deutlich, dass auch hier Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, die dem Jugendschutz und den Bedürfnissen von Jugendlichen gerecht werden. Während bei Computern technische Vorkehrungen, Jugendschutzprogramme und Filter zumindest einen gewissen Schutz vor ungeeigneten Inhalten gewährleisten, gilt es entsprechende Möglich- keiten für Smartphones und die mobile Internetnutzung noch zu entwickeln.  (67)

 

Rezension: Stephan Porombka – Schreiben unter Strom

Viele der Bücher, die Social Media thematisieren, wählen einen kritischen oder pädagogischen Zugang, in dem es hauptsächlich um die Bedeutung des Medienwandels gibt. Stephan Porombkas Schreiben unter Strom zeigt die Möglichkeiten auf, die entstehen, wenn man kreatives, literarisches Schreiben mit der Kraft digitaler Kommunikation ausstattet:

Wer unter Strom schreibt, schließt automatisch alle Möglichkeiten ein und bringt sie ins Spiel, um sie immer wieder mit etwas anderem zu kombinieren und dadurch neue Impulse zu bekommen und sie gleichzeitig an andere weiterzugeben. (153f.)

Das Buch ist auf zwei Arten bemerkenswert: Es ist bis auf eine kurze Einleitung fast nur eine kurze Darstellung konkreter Schreibaufgaben und Projektarbeiten, in der die spezifische Charakteristik des Schreibens in sozialen Netzwerken aber klar präsentiert wird. Und es ist so klug und gleichzeitig stilistisch eingängig geschrieben, dass man sich nicht wundert, dass der Spiegel Porombka zu den besten Professoren Deutschlands zählt.

In der Einleitung hält Porombka fest, dass es angesichts einer Entwicklung, in der Konzentration durch Ablenkung ersetzt wird, nur die Verweigerung oder die Zweckentfremdung gibt: »Die User sollten mit den Geräten etwas tun, wofür diese auf den ersten Blick gar nicht vorgesehen sind« (10). Es ist klar, welche Variante für kreative Schreibprozesse interessanter ist:

Mit dem Experimentieren beginnen! Hands on! Auch auf die Gefahr hin, dass man alles Bekannte über den Haufen werfen muss und dabei in Zustände gerät, in denen die alten Orientierungsmuster für Kunst uns Leben abhandenkommen, ohne durch neue ersetzt zu werden. Auch das kann man lernen, wenn man unter Strom schreibt: dass sich das Auflösen der bekannten Zusammenhänge für produktive Schübe nutzen lässt. (13)

Die konkreten Aufgaben sind dann in Grundlagen – Nächste Schritte und Radikalisierungen gegliedert. Dort werden konkrete literarische Verfahren beschrieben, die unter Zuhilfenahme von bestimmten Tools literarische Texte hervorbringen können. Ihre Darstellung basiert auf einer Beschreibung von Goethes Werkstatt. Porombka interpretiert Goethes Bestrebungen, »in […] Räumen Menschen, Gegenstände, Reflexionen, Kommunikationen und Schreihandlungen so [zu organisieren], dass sie sich gegenseitig intensivieren«, als die Schreibwerkstatt, die heute Computer heißt:

Der Computer ist die Maschine, in der wir unsere Aktivitäten immer dichter vernetzen. Dieses fein gesponnene Netz ist unsere Werkstatt. Unser Atelier. Unser Labor, in dem wir mit Materialien experimentieren. Es ist der Ort, an dem wir die Welt für uns herstellen. Und mit der Welt gleichzeitig uns selbst. (19)

In den folgenden Abschnitten werden grundlegende Verfahren wie Remix und algorithmische Kunstproduktion beschrieben, aber immer auch die nötigen Netzwerke wie Twitter oder Hypertexte für Laien anschaulich erklärt. Die einzelnen Schreibaufgaben möchte ich hier nicht detailliert aufzählen – wer sich dafür interessiert, sollte das Buch unbedingt anschaffen: Es eignet sich hervorragend für Schreibkurse und für den Einsatz auf dem Gymnasium, weil es immer auch Links zu analogen Formen der Literaturproduktion schafft (z.B. könnte es gut als Begleitprojekt zu einer Werther- oder Kafka-Lektüre genutzt werden, da gibt es jeweils passende Kapitel).

Die Radikalisierung des Schreibens unter Strom führt den Autor dazu, vier Eigenschaften festzuhalten, mit denen solche kreativen Prozesse beschrieben werden können (121):

  1. Das Schreiben unter Strom ist ein kommunikatives Schreiben. Der Autor ist immer Sender und Empfänger zugleich. 
  2. Das Schreiben unter Strom ist nicht auf ein abgeschlossenes Werk angelegt.
  3. Das Schreiben unter Strom findet im jetzt statt. D.h. es »wird dauernd gefragt, was als Nächstes passiert.«
  4. »Schreiben unter Strom heißt, die Frage nach dem Unterschied zwischen Wirklichkeit und Fiktion zurückzustellen.«

Diese Liste zeigt, dass Porombka nicht Experimente beschreibt, welche Hobbyschriftstellerinnen und -schriftsteller für Fingerübungen brauchen können, sondern sich Gedanken macht, was literarisch »als Nächstes passiert«. Er beschreibt ausführlich, wie lineares Erzählen erschwert wird und Erwartungen an Produkte und Prozesse in der Literaturproduktion unterlaufen werden. Virtuelle und reale Welt »verschalten« sich (150), Materialien werden »kombiniert, bearbeitet, varriiert, weiterentwickelt und wieder eingespeist« – »eine[] belende[] Form von Produktivität« (150).

»Locker bleiben!«, gibt Prombka als Devise mit (153). Diese Lockerheit führt dazu, dass man sich auf die Zufälligkeit und Flüchtigkeit einlässt, die das Internet auszeichnen, sich davon anstecken lässt und sich bewusst wird, dass man bald wieder was anderes tun wird. Dann steht man vielleicht auch auf und schreibt ohne Computer weiter.

 

Sicherheit und WhatsApp – ein Update

Ich habe Ende September kurz dargestellt, dass und wie es möglich ist, WhatsApp so zu hacken, dass man Zugriff auf die Daten anderer User erhält und in ihrem Namen Nachrichten verschicken und empfangen kann. Die neue Version von WhatsApp hat diese Lücke beseitigt.

Wie Heise heute berichtet, ist es aber mit einem recht einfachen Skript immer noch möglich, sich diesen Zugriff zu verschaffen:

Für die Account-Übernahme benötigten wir lediglich die Handynummer des Nutzers und die Seriennummer (IMEI) seines Smartphones – das sind beides Informationen, an die man leicht herankommt. Das eingesetzte Skript hat uns ein Leser zur Verfügung gestellt. Es generiert aus der IMEI das zur Anmeldung am WhatsApp-Server nötige Passwort.

Heise hat WhatsApp angeboten, bei der Lösung des Problems behilflich zu sein, aber bisher keine Antwort erhalten. Es ist also davon auszugehen, dass Kommunikation über WhatsApp nicht sicher ist, wie der Screenshot von Heise illustriert:

Screenshot, Quelle: Heise.

 

Anleitung: Daten aus Social Media archivieren

Setzt man Social Media als Tool für Wissensmanagement ein – z.B. um wichtige Links kommentiert abzulegen, eigene Gedanken zu dokumentieren, Gelesenes zusammenzufassen und in Verbindung zu setzen etc. -, kommt man nicht umhin darüber nachzudenken, wie man seine Daten archivieren kann. Damit kann man einerseits sicher stellen, dass sie unabhängig von der Existenz der einzelnen Plattformen erhalten bleiben, andererseits sie mit anderen Mitteln bearbeiten und durchsuchen.

Im Folgenden eine kurze Anleitung, wie Daten der wichtigsten Plattformen gesichert werden können.

Facebook: Im Menu der Kontoeinstellungen gibt es die Option, ein Archiv der eigenen Daten herunterzuladen (Bild wird beim Klicken größer):

Die Standardoption beinhaltet eigentlich die wichtigsten Daten – wer aber komplett sehen möchte, was Facebook abspeichert (inklusive IP-Adressen etc.), kann auch ein erweitertes Archiv herunterladen:

Google: Google bietet für alle Dienste einen zentralen Download-Manger, der Google Takeout heißt: google.com/takeout. Dort ist es möglich, die Bilder aus Picasa, Videos von Youtube sowie alle Daten aus Google Drive runterzuladen, auch die Informationen aus Google+ sind abrufbar. Google bietet die Möglichkeit, alle Daten in einem Archiv oder sie einzeln ausgewählt zu speichern.

In Google Drive bzw. Google Docs ist es leicht möglich, nur einzelne Ordner zu speichern (um sie z.B. als Backup auf einer externen Harddisk oder auf einem anderen Cloud-Service wie Amazon oder Dropbox abzulegen). Man muss dazu Files markieren und kann dann mit der Option »herunterladen« im Menu »Mehr« auch auswählen, in welchem Format die Files runtergeladen werden sollen. Das ist praktisch, weil man so Googles etwas seltsames Format umgehen kann und ein gebräuchlicheres wie den Microsoft-Standard wählen kann:

Twitter:  Verantwortliche bei Twitter haben versprochen, bis Ende 2012 eine offizielle Möglichkeit anzubieten. Eine inoffizielle Möglichkeit bietet Tweetbackup an, dort können alle wesentlichen Daten runtergeladen werden.

Blogs: Praktisch alle Blogplattformen bieten die Möglichkeit an, die Daten zu exportieren. So entsteht ein brauchbares Archiv, bei WordPress im .xml-Format, das man auch bei anderen Plattformen wieder einspeisen könnte.

Instagram: Alle Instagram-Bilder können mit Instaport runtergeladen werden, in Zukunft ist es möglich, sie auch nach Flickr oder Facebook zu exportieren. (Das ist auch die offiziell empfohlene Vorgehensweise.)

Pinterest: Eine offizielle Möglichkeit gibt es nicht. Pin4Ever bietet eine Archivfunktion an, die jedoch bei mehrmaliger Benutzung kostenpflichtig wird.

Mit dem Dienst »If This Then That« (IFTTT.com) ist es einfach möglich, konstante Backups von Daten zu erstellen. Leider sind einige soziale Netzwerke bei IFTTT nicht mehr präsent, weil sie keine unlimitierten Zugriffe externer Apps erlauben (z.B. Twitter). Hier ein Rezept zum Speichern von Pinterest in der Dropbox.

* * *

 Eine allgemeine Bemerkung: Ich empfehle, alle wichtigen Daten dreifach zu sichern und zwar unabhängig voneinander. D.h. die Backups müssen unabhängig von Orten, Geräten und Anbietern sein. Ich verwende folgende Lösung:

  1. Backup auf externer Harddisk zuhause.
  2. Backup auf externer Harddisk am Arbeitsplatz.
  3. Backup auf Google Drive.
  4. Backup auf Dropbox.
  5. Bei wichtigen Projekten: Backup auf Memory-Sticks.

Damit ist der Zeitfaktor noch nicht berücksichtigt: Diese Methoden stellen nur sicher, dass der Zugriff auf die Daten gewährleistet ist, nicht aber, dass sie auch in 20, 50 oder 100 Jahren noch verwendbar sind.

Ich freue mich über weitere Tipps oder Fragen in den Kommentaren!

Sollen Lehrpersonen anonym bloggen?

Im deutschsprachigen Raum gibt es immer mehr Blogs von Lehrpersonen über ihren Unterrichtsalltag. Ihre Motivation schätzt Berthold Metz, der Betreiber des Portals lehrerfreund.de, wie folgt ein:

Lehrer stoßen in ihrem Alltag selten auf offene Ohren für ihre täglichen menschlichen Erlebnisse. Daher dient vielen besonders der anonyme Kanal im Web zur Verarbeitung. Dort gibt es mehr Freiheiten.

In einem Zeit-Artikel unterscheidet Hadija Haruna Blogs von Lehrpersonen danach, ob die Verfasserin oder der Verfasser anonym auftritt oder nicht:

Während viele anonyme Blogger vor allem ihren Frust ablassen, lustige bis heftige Anekdoten erzählen oder sich mehr Verständnis für ihr Dasein wünschen, schreiben andere mit Klarnamen und nutzen ihr Blog als modernes Archiv, erörtern Schulverordnungen oder geben didaktische Tipps. Sie machen ihrem Wissen Luft – auch um damit nicht allein zu sein.

Sierra Seifert, Society6.

Die Frage, wie sinnvoll es ist, anonym zu agieren, hat nun Lehrerfreund.de in einem ausführlicheren Post diskutiert. Ich möchte hier die wichtigsten Argumente verdichten. Für die Anonymität spricht:

  • Die Privatsphäre von Schülerinnen und Schüler, über die sonst kaum etwas berichtet werden könnte.
  • Das Risiko, von Vorgesetzten oder Behörden sanktioniert zu werden für kritische Bemerkungen.
  • Die Möglichkeit, offen über Gefühle, Unsicherheit und unprofessionelles Verhalten sprechen zu können.
  • Die Beziehung zwischen SchülerInnen und Lehrperson wird durch das Blog nicht tangiert.
  • Die Möglichkeit, spontan auch Unfertiges anbieten zu können, ohne dafür verantwortlich gemacht werden zu können.

Der Lehrerfreund-Beitrag suggeriert, nicht-anonyme Blogs seien oft sehr akademisch und ernst, weil sie auf die humorvolle Schilderung von Alltagserlebnissen verzichten müssen. Aber auch sie haben Vorzüge:

  • Nur bekannte Personen können glaubwürdig und konstruktiv Meinungen äußern und diskutieren.
  • Der Lehrberuf hat lange genug vor verschlossenen Türen stattgefunden: Offenheit ermöglicht, dass auch das Umfeld der Schülerinnen und Schüler am Unterrichtsgeschehen teilhat.
  • Vernetzung mit anderen Lehrpersonen in einem Persönlichen Lernnetzwerk finden mit Vorteil mit Klarnamen statt.
  • Um klare pädagogische und bildungspolitische Diskussionen führen zu können, muss der Kontext der Schule und des Unterrichts bekannt sein.
  • Anonymität befördert den Eindruck, Lehrpersonen könnten ihre Meinung nicht frei äußern.

Eine Empfehlung möchte ich nicht abgeben. Die Entscheidung hängt davon ab, weshalb eine Lehrperson bloggt: Geht es um die Dokumentation von Erlebnissen und das Loswerden von Gefühlen, empfiehlt sich ein anonymes Format. Steht der Austausch mit anderen Lehrenden im Vordergrund, müssen Methoden und Inhalte dokumentiert werden, was mit Klarnamen besser klappt.

(Übersichten über Blogs von Lehrpersonen bietet Lehrerfreund.de auch an: Hier, hier und hier.)

Kinder auf Social Media

Dieser Post hat zwei Teile: Zuerst möchte ich eine Diskussion nachzeichnen, die sich auf Twitter in den letzten Wochen abgespielt hat. Dann allgemein diskutieren, ob und wie Kinder auf Social Media präsent sein sollen.

Barbara und Mike Schwede sind in der Schweizer Social Media Szene bekannte Figuren. Ihre Expertise wird geschätzt, sie verdienen nicht nur ihr Geld mit Social Media sondern schulen auch andere Leute in der Benutzung neuer Tools. Zwei der drei Kinder von Barbara und Mike haben ein Twitter-Profil:

Die Schwedes haben – das eine erste Beobachtung – offenbar kein Problem damit, dass ihre Kinder mit Name (Vor- und Nachname lassen sich erschließen) und Fotos im Netz präsent sind (vgl. meinen Artikel dazu), sie stellen auch selbst Kinderfotos ins Netz.

Aufgrund der gesteigerten Aktivitäten der beiden Accounts gab es auf Twitter nachfragen, ich selber habe per Mail auch einige Fragen gestellt. Aus den Replys der Eltern versuche ich, ihre Haltung zu rekonstruieren:

  1. Die Eltern managen die Konten teilweise.
  2. Die Aktivitäten dienen dem Aufbau der Kompetenz.
  3. Hauptmotive der Kinder sind aber »Spass« und »ausprobieren« (vgl. auch hier).
  4. Die Eltern begleiten die Aktivität durch Monitoring, Gespräche und Instruktion.
  5. Sie überwachen sie aber nicht: »Überwachen fördert Misstrauen, Unselbständigkeit[] macht [s]chwach und gefährdet Kinder.«
  6. Es gelten »klare Regeln«:
    a) »keine DMs an Unbekannte, alle empfangen DMs von Unbekannten Eltern zeigen«
    b) »Following und Follower werden von Eltern regelmässig überprüft«
    c) »Twittern im Wohnzimmer«
    d) Keine privaten Informationen publizieren.

* * *

Wenn man über so genannt »neue Medien« nachdenkt, halte ich es für sinnvoll, sich die Praktiken im Umgang mit etablierten medialen Formen vor Augen zu halten. Alle, die das lesen, haben wohl in ihrer Kindheit gelernt, mit Telefon und Briefpost umzugehen. Die meisten Eltern haben dabei Medienkompetenz ähnlich herbeigeführt, wie das die Schwedes tun: Wenn Kinder Lust haben, Briefe zu schrieben oder zu telefonieren, dürfen sie damit beginnen. Sie werden von den Eltern dabei begleitet, sie zeigen ihnen, wie man eine Nummer einstellt, sich am Telefon meldet, eine Adresse schreibt, Briefmarken aufklebt etc. Schnell können auch gewisse Freiheiten gewährt werden: Kinder können mit der Oma telefonieren, ohne dass die Eltern zuhören; sie dürfen ihren Brieffreundinnen und Brieffreunden auch etwas schreiben, was die Eltern nicht durchlesen.

Es gibt aber zwei Gründe, die dafür sprechen, dass Internetkommunikation leicht anders gehandhabt wird:

  1. Die Öffentlichkeit.
  2. Die Permanenz.

In einem aufschlussreichen Vortrag hat danah boyd vom »unsichtbaren Publikum« gesprochen. Man weiß nicht, wer liest, was Kinder auf ihren Twitter-Konten schreiben. Im Normalfall lesen das wenige, die nicht besonders stark daran interessiert sind. Es könnte aber plötzlich an einem Tweet, einem Bild, einem Konto ein so großes Interesse aufkommen, das niemand das vorhersehen könnte – und zwar, aufgrund der Permanenz, auch zu einem unerwarteten Zeitpunkt. Mike Schwede selbst ist Experte darin, auch gelöschte Tweets wieder aufzufinden.

Konkret heißt das: Wenn Kinder auf Social Media aktiv sind, dann können Eltern nicht wirksam sicherstellen, mit wem sie in Kontakt treten, von welchen Menschen ihre Statements, Bilder, Video etc. gelesen werden und in welchem Kontext sie auftauchen. Das ist der konkrete Unterschied zu Telefongesprächen oder Briefen: Im schlimmsten Fall wird man von einer Unbekannten angerufen oder der eigene Brief wird von jemand Unbekanntem gelesen. Auf Twitter kann jede Aussage, jedes Bild in einen anderen Kontext verschoben werden und von einem Massenpublikum belacht, bestaunt, bewundert werden.

Noch eine weitere Bemerkung zur Medienkompetenz: Nutzung ist immer an Reflexion und Wissen über Medien gekoppelt – anders kann keine Kompetenz entstehen. Ob 8- bzw. 9-Jährige genug über Twitter wissen können und ihre eigene Nutzung reflektieren können, darf zumindest bezweifelt werden. Die Nutzung alleine führt nicht zu Kompetenz, es muss auch möglich sein, schrittweise die Verantwortung für sein Medienhandeln zu übernehmen. Generell bezweifle ich aus Lehrersicht, dass Nutzung um der Nutzung willen zu Kompetenz führt. Sinnvoll ist Mediennutzung dann, wenn sie mit einer konkreten Absicht (nicht »Spass« oder »ausprobieren«) gekoppelt ist: Also z.B. der Kommunikation mit den Großeltern.

Daher meine Empfehlungen an Eltern:

  1. Kein generelles Social Media-Verbot, wenn Kinder den Wunsch danach äußern.
  2. Kinder werden nicht notwendigerweise kompetenter in Mediennutzung, wenn sie früher damit beginnen.
  3. Nicht zulassen, wobei man sich als Eltern nicht wohl fühlt.
  4. Kinder dazu anhalten, zunächst einfach mal zuzusehen und dann bei den Eltern mitzumachen.
  5. Keine Bilder, auf denen Kinder zu erkennen sind, keine Namen, keine Orte. Die seltsame Nachbarin oder der Mann im Mantel von der Bushaltestelle sind beide auch auf Twitter.
  6. Social Media zunächst gezielt und innerhalb eines kleinen Bekanntenkreises einsetzen (möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit): Z.B. Onkel, Tanten, Großeltern.
  7. Den Kindern dabei helfen, verantwortungsvoll und reflektiert zu handeln.

Interviews zu Social Media an der Schule und im Leben von Jugendlichen

Ich werde immer wieder für Interviews zum Themenspektrum dieser Seite angefragt, auf die ich meist sehr gerne eingehe, weil mir im Gespräch oft Positionen klarer werden (wie z.B. im Gespräch mit Dominic Wirth mein Verständnis von Medienkompetenz)  und andere Perspektiven eröffnet werden.

Hier ein Interview, das ich gerade per Email mit einem Schüler führe, der an seiner Maturarbeit schreibt. Ähnliche Interviews habe ich schon auf Google Docs publiziert, nämlich hier für eine Vertiefungsarbeit, hier für eine zweite Vertiefungsarbeit und hier für eine Projektwoche. Die Interviews stehen auch unter einer CC BY 3.0-Lizenz, d.h. sie dürfen verwendet werden, wenn die Quelle angegeben wird.

Wie sind die Netzwerke im Leben der Jugendlichen präsent?

Zur Entwicklung vom Kind zum oder zur Erwachsenen gehört, dass Jugendliche ihre eignen Netzwerke aufbauen, die ihnen eine von ihren Eltern unabhängige Orientierung ermöglichen. Dazu gehört das Finden einer eigenen Sprache, das Pflegen von Beziehungen, auch das Experimentieren. Dafür eignen sich soziale Netzwerke sehr gut: Ohne großen Aufwand lassen sich neue Leute kennen lernen, Diskussionen führen und auch Medien tauschen. Jugendliche können sich orientieren, sie lernen, was angesagt ist, sie können eigene Interessen finden und sich darüber mit Gleichgesinnten unterhalten. 

Das soziale Leben von Jugendlichen wird heute durch eine digitale Schicht begleitet und somit auch erweitert: Nachdem man sich getroffen hat, kann man über Bilder, Videos und Gespräche digital weiter in Verbindung bleiben; man kann Inhalte mit Gruppen teilen und so auch Entscheidungen finden. Dabei geht es nicht nur um Unterhaltung und Ablenkung: Die Netzwerke erfüllen eine wichtige soziale Funktion, begleiten aber auch Lernprozesse. So sind Schulklassen heute via Facebook oder WhatsApp verbunden, tauschen Materialien aus und stellen sich gegenseitig Fragen. 

Will man ihre Wirkung beurteilen, so muss man immer anerkennen, dass Chancen und Risiken miteinander gekoppelt sind. Wird Kommunikation vereinfacht, dann kann werden auch kommunikative Übergriffe vereinfacht. 

Für mich ergibt sich daraus die Forderung, dass Jugendliche auch geschult werden müssen, um mit den Netzwerken korrekt umzugehen. Sie müssen über Gefahren informiert werden, aber gleichzeitig sollten sie auch nicht Angst bekommen, sondern dürfen durchaus experimentieren und Freude am Kommunizieren haben. 

Die Nutzung von sozialen Netzwerken hat im Leben der Jugendlichen natürlich vieles verändert. Es tun sich komplett neue Möglichkeiten auf, miteinander in Kontakt zu treten. Meine Frage ist nun: Wie nutzen Jugendliche diese neuen Kommunikationsmöglichkeiten (wie z.B. WhatsApp oder den Facebook-Chat)? Sehen Jugendliche die digitale Kommunikation als Ergänzung oder als vollständigen Ersatz zum Gespräch von Angesicht zu Angesicht?

Jugendliche tun heute wenig lieber, als sich zu treffen und miteinander zu »hangen«. Dieser umgangssprachliche Ausdruck ist nicht so negativ, wie er klingen könnte: Gerade im lockeren sozialen Umgang ohne spezifische Tätigkeit ergeben sich oft neue Ideen und Identitäten können sich formen. Deshalb denke ich nicht, dass Chats und soziale Netzwerke die direkte Kommunikation grundsätzlich ersetzen. Allerdings tun sie das in speziellen Situation durchaus. Ich mache zwei Beispiele: Es ist sehr leicht, jemanden online kennen zu lernen. Gerade junge Frauen verbringen viel Zeit damit, sich Profile und darauf befindende Fotos anzusehen. So lernen sie andere Jugendliche kennen. Es ist mit großem Risiko verbunden, jemanden direkt anzusprechen: Man könnte die andere Person überraschen, abgewiesen werden, sich aufgrund der Nervosität ungünstig verhalten. Online ist das viel leichter und kontrollierter möglich, oft reich ein unverfänglicher Kommentar, um mit jemandem ins Gespräch zu kommen. Diese Kontakte finden aber häufig so statt, dass durchaus beabsichtigt ist, die andere Person auch wirklich kennen zu lernen und sie zu treffen.

Zum zweiten Beispiel: Jugendliche, die nicht der Norm entsprechen, haben es im sozialen Leben schwerer: Sie finden z.B. keine Partnerin oder keinen Partner, sind unsicher, werden gehänselt oder gemobbt. Für sie bieten soziale Netzwerke die Möglichkeit, sich trotzdem mit anderen Menschen auszutauschen und zwar in Räumen, in denen ihr Aussehen oder ihr Verhalten, für die sie ausgestossen werden, keine Rolle mehr spielen. Die prominenten Frauen an der Spitze der deutschen Piratenpartei, Julia Schramm und Marina Weisband haben in Interviews immer wieder davon erzählt, wie wichtig für sie in ihrer Jugend ihr soziales Umfeld im Internet war. Soziale Netzwerke können also, knapp gesagt, einsamen Jugendlichen dabei helfen, soziale Kontakte aufrecht zu erhalten.

Wie Sie sagen können Jugendliche online ohne grossen Aufwand neue Leute kennen lernen, was auch sicher stimmt. Die Frage meinerseits lautet jedoch: Wird das wirklich gemacht? Lernen Jugendliche andere Jugendliche online kennen? Wie verbreitet ist das? – Haben sich nun zwei Jugendliche online kennengelernt stellt sich dann auch die Frage wie es weiter geht. Wird die Kommunikation und der Kontakt dann ins reale, analoge Leben übertragen oder bleibt ein Grossteil des Kontaktes im Web?

Ich habe das oben schon erwähnt. Ich würde zwei Abläufe beschreiben: Das Kennen Lernen kann leicht in Bezug auf Online-Tätigkeiten erfolgen. Wer z.B. an Fotographien interessiert ist, wird sich viele Bilder auf Flickr anschauen um sich mit Techniken, Motiven etc. vertraut zu machen. Dort hinterlässt man Kommentare, stellt Fragen – und kommt so mit Leuten in Kontakt, die man vorher nicht gekannt hat. Dabei geht es wohl zunächst vor allem ums Interesse an einer Sache, einem Thema. Verbreiteter ist aber wohl, dass man auf Facebook oder WhatsApp bemerkt, mit wem andere Freunde auch noch in Kontakt stehen. Wenn einem jemand gefällt oder interessiert, dann wird man in Gespräche eingebunden, hinterlässt einen Kommentar oder schreibt eine Nachricht. Die Netzwerke sind immer so gebaut, dass parallel zur sichtbaren Kommunikation auch noch private Chats möglich sind. Auf Facebook lässt sich so sehr unverfänglich nachfragen, wie es jemandem geht – dieses Interesse kann dann schnell zu Gesprächen führen. Hier wird wohl viel sehr unverbindlich geschrieben – und wenn der Funke springt (wie in jeder Art der Beziehungspflege), dann ist es möglich, den Kontakt zu vertiefen – durchaus auch mit realen Treffen. Ich würde sagen, unverbindliche Kontakte bleiben oft im Netz, verbindliche vertiefen sich in der Realität. 

Wie sieht es aus mit der Anzahl von Freunden die Jugendliche haben? Wenn Ich mit jemanden über meine Arbeit spreche kommt (von der anderen Person) häufig die Einschätzung „Jugendliche haben heute von der Anzahl her mehr Freunde, jedoch ist der Kontakt heute oberflächlicher als dies früher der Fall war. Früher (ohne die sozialen Netzwerke) hatte man ein paar wenige, dafür sehr enge Freunde.“ Was halten Sie von dieser Aussage?

Glaubt man Robin Dunbar – als Einführung eignet sich dieser NZZ-Artikel: http://www.nzz.ch/aktuell/startseite/die-mechanismen-virtueller-beziehungsnetze-1.585038 – dann pflegen Menschen Beziehungen in relativ einheitlichen Mustern: Wir haben wenige (<5) Menschen, mit denen wir Mahlzeiten fast täglich teilen, pflegen zwischen 10 und 20 enge Freundschaften oder Beziehungen und »kennen« 150 Menschen so, dass wir mit ihnen im Bus ein Gespräch beginnen würden. Wenn nun auf Facebook die Zahl der Kontakte (das ist der bessere Begriff als »Freunde«) wächst, dann ist das eine täuschende Zahl: Erstens kommuniziert niemand mit 500 oder 1000 oder gar 5000 anderen Menschen regelmäßig. Wir haben halt alle dort auch noch unsere Kindergarten-Gspöndli aufgelistet, aber solche hatte man früher auch – nur konnte man sie nirgends sehen. Zweitens werden ja die meisten Aktivitäten meiner Facebook-Freunde ausgeblendet – ich sehe nicht einmal mehr, was sie posten. Sie sind eigentlich für mich unsichtbar – und ich meistens auch für sie. 

Die Frage, ob Kontakte heute oberflächlicher sein können als früher, finde ich schwierig zu beantworten. Wie kann man das messen? Möglicherweise ist das so – aber diese Einbusse an Beziehungsintensität hat auch einen Nutzen: Man hat dafür mehr Kontakte. Kritikerinnen und Kritiker von Social Media, z.B. Sherry Turkle oder Bert te Wildt bemängeln, dass unsere »Freunde« in sozialen Netzwerken uns keinen Tee kochen, wenn wir krank sind. Ich bin nicht sicher, ob sie Recht haben. Früher hätten viele unserer Kontakte gar nicht gewusst, dass wir krank sind – und uns entsprechend auch keinen Tee gekocht. Die Kontakte auf Social Media sind nicht immer persönlich – aber auch nicht immer unpersönlich. Von meinen Twitter-Kontakten würden durchaus einige Tee für mich kochen – die meisten aber natürlich nicht. Würde unser ganzes Beziehungsnetz ins Internet verlagert, dann könnte es sein, dass wir einsam werden, ohne es zu bemerken. Aber diese Tendenz halte ich für stark übertrieben – wir sind alle immer noch in Beziehungsnetze eingebunden, ergänzen sie aber durch eine virtuelle Dimension, die oft nicht mehr ist als eine Art umfangreiches Adressbuch.

Seit den Anfängen der sozialen Netzwerken hat sich das Leben der Jugendlichen also verändert. Wie wird sich dies Ihrer Meinung nach in der Zukunft entwickeln? Werden soziale Netzwerke noch stärker ins Kommunikationsverhalten der Jugend integriert sein, oder ist der aktuelle Stand bereits die letzte Stufe der Entwicklung?

Ich denke, wir werden das erleben, was bei der Einführung von allen neuen Medien abgelaufen ist: Eine erste Phase des Alarmismus wird durch eine Phase der Gewöhnung abgelöst, an deren Ende die nötigen Kompetenzen so verbreitet sind, dass sich Jugendliche selbstverständlich auf sozialen Netzwerken bewegen und sie als einfache Kommunikationswerkzeuge verwenden – so wie man in meiner Jugend ganz selbstverständlich zum Telefon gegriffen hat, um jemanden anzurufen. Niemand fand Telefone aufregend, gefährlich oder neuartig. So wird das auch mit sozialen Netzwerken sein. 

Die Zukunft kann man nicht vorhersehen. Man sagt, es erfolge eine viel stärkere mobile Nutzung, eine Integration des Internets in tägliche Abläufe, ohne dass dafür eigens große Geräte wie Computer benutzt werden müssen. Man könnte sagen: Wir werden nicht mehr »ins Internet gehen«, sondern immer »im Internet sein«. Unser Leben wird durch das Internet erweitert werden, nicht ersetzt. 

(Weitere Fragen und Antworten folgen unter Umständen.)

IN A CONSTANT CONVERSATION. Chaun Soh, Society 6.