Im Zusammenhang mit meinem Projekt – das auf diesem Blog dokumentiert wird – schreibe ich Texte und halte Vorträge. Dabei möchte ich immer wieder Links verwenden, die man sich merken oder notieren kann. Ein Beispiel: Die Dokumente für meinen Trollcon-Vortrag habe ich auf Google Docs gesammelt und später dann veröffentlicht.
Mit dem Gratis-Dienst bit.ly geht das ganz wunderbar. Großer Nachteil: Man macht sich von einem Anbieter abhängig (der zudem zumindest indirekt von Libyen abhängig ist).
Elegantere Lösung wäre, einen eigenen Kurzlink-Dienst zu verwenden. Das hat folgende Vorteile:
Man kann die Daten selbst verwalten.
Man erhält umfangreiche Statistiken: Wie oft wurde welcher Link angeklickt?
Man kann Links verändern: Ihnen andere URLs zuweisen oder sogar andere Seiten.
Man kann die Daten exportieren und weiterverarbeiten.
Das habe ich eben eingerichtet – hier die Anleitung:
Voraussetzung:
a) eigene kurze Domain, in meinem Fall: phwa.ch b) eine WordPress.org-Installation (d.h. WordPress selber hosten)
c) Pretty Link-Plugin mit Pro Option (kostet $37)
Das wär’s eigentlich schon. Diesen Beitrag kann man nun auch unter phwa.ch/prettylink abrufen. Für den Hinweis auf diese Möglichkeit möchte ich Clemens Schuster herzlich danken.
In den Kommentaren zu meinem Blogpost über Kinderfotos im Internet wurde die Frage gestellt, wie denn Sportvereine, Schulen etc. mit Fotos von Kindern und Jugendlichen umgehen sollen. Auf der Homepage der Schule, an der ich unterrichte, werden Anlässe immer mit Fotos dokumentiert. Diese Guideline sind Überlegungen, die auch im Gespräch mit den dafür Verantwortlichen entstanden sind.
Der amerikanische Botschafter in der Schweiz, Donald S. Beyer Jr. zu Besuch an der Kantonsschule Wettingen.
Einverständnis einholen.
Sowohl die Kinder/Jugendlichen als auch die Eltern müssen damit einverstanden sein, dass Fotos publiziert werden. Um das Einverständnis einzuholen, muss der Modus der Aufnahmen und der Veröffentlichung klar geregelt sein.
Sehr sorgfältig auswählen.
Alle Bilder, die unangenehme, zu emotionale, möglicherweise peinliche etc. Momente von Kindern oder Jugendlichen zeigen, müssen gelöscht werden – auch wenn man sie sehr lustig findet.
Löschmöglichkeit klar angeben.
Wer will, dass ein Bild von ihr oder ihm (bzw. seiner/ihrer Kinder) gelöscht wird, muss das problemlos verlangen können und über diese Möglichkeit informiert sein.
Namen und Bilder nicht verbinden.
Bildlegenden, welche die Personen auf Bildern identifizierbar machen, sollen nur in Ausnahmefällen vorgenommen werden (z.B. Preisverleihung etc.). Ansonsten ist allen Betroffenen klar, wer auf dem Bild zu sehen ist. (Namensangaben helfen Gesichtserkennungsdienste, Personen zu identifizieren.)
Temporäre Galerien anlegen.
Es reicht, Fotos von Anlässen während zwei oder drei Monaten publiziert zu lassen. Danach sollen sie gelöscht werden.
Galerien eingeschränkt zugänglich machen.
Alle professionellen Anbieter von Fotogalerien erlauben es, Einladungen zum Betrachten zu verschicken. Diese Einladungen können widerrufen werden und verhindern, dass die Bilder über Suchmaschinen etc. gefunden werden können. Meist gibt es keinen Grund, die Bilder über die Schulgemeinschaft hinaus verfügbar zu machen – interne Lösungen (Intranet) würden genügen.
Für permanente Bilder zusätzlich Einverständnis einholen.
Werden Bilder für Broschüren, eine Homepage etc. permanent verwendet, muss dazu gesondert noch einmal das Einverständnis eingeholt werden.
Generell: Zurückhaltung.
Es ist einfach, digitale Bilder zu machen. Und es scheint, als würde heute nur noch stattfinden, was im Bild dokumentiert ist. Dennoch ist Zurückhaltung hier eine Tugend. Wenige, gute Bilder publizieren. Auch mal eine Fotowand im Schulhaus ausstellen oder auf eine Galerie auf einem Schulpanel laufen lassen, anstatt die Bilder ins Netz zu stellen.
Generell: Differenzieren.
Jüngere Kinder eher stärker schützen, ältere mehr in den Prozess einbinden. Analog auch für auffällige, normferne, scheue oder besonders offene Kinder.
Eine interaktive Übersicht über viele Tech-Firmen gibt Aufschluss darüber, wie diese Geld verdienen. Dabei wird auch dargestellt, ob die Angebote profitabel für die Betreiber sind. Die Darstellungen werden mit Quellen belegt.
Im Beispiel sieht man Youtube – bei dem nicht ganz klar ist, ob die Dienstleistung profitabel ist, weil sie zu Google gehört.
Das bin ich. Als ich sieben war, wurde ich von Bienen gestochen. Meine Augen schwollen zu. Meine Eltern machten ein Bild, das Bild klebten sie in ein Fotoalbum. Als ich es vor drei Jahren durchsah, digitalisierte ich das Bild und publizierte es auf meiner Facebook-Seite.
Heute würden viele Eltern das Bild direkt ins Internet laden – ihren Freunden zeigen, wie lustig ihre Kinder aussehen, wie süss, wie unbeholfen. Einige tun es direkt aus dem Kreißsaal und dann sehr regelmäßig, z.B. auf einem speziellen Blog – andere sehr zurückhaltend oder fast nie. Und doch gibt es auch von diesen Kindern viele Bilder im Netz: Z.B. werden sie von Krankenhäusern wie dem Triemli-Spital in Zürich ins Netz gestellt und auch während Jahren archiviert.
Wo liegt das Problem? Wer fotografiert wird, hat das Recht am eigenen Bild. Es bedeutet, vereinfacht gesagt, dass fotografierte Personen bestimmen dürfen, wie und ob ihr Bild veröffentlich wird – außer, man befindet sich an einem Anlass, wo man gerechnet werden muss, dass Bilder gemacht und publiziert werden, oder man ist eine Person, an der ein sehr starkes öffentliches Interesse besteht. Genauer habe ich das für Social Media hier dargelegt, interessant ist auch dieser Text aus dem NZZ Folio.
Kinder haben auch ein Recht am eigenen Bild. Art. 301 ZGB besagt:
Die Eltern leiten im Blick auf das Wohl des Kindes seine Pflege und Erziehung und treffen unter Vorbehalt seiner eigenen Handlungsfähigkeit die nötigen Entscheidungen.
Kinder können nicht darüber entscheiden, wo und wie ihre Bilder publiziert werden sollen – also übernehmen die Eltern diese Entscheidung. Das ist die gängige Praxis. Nun gibt es aber einen grundlegenden Konflikt, der analog auch in der Debatte um die Beschneidung von Knaben aufscheint: Die Interessen der Eltern – ein Bild zu publizieren, weil sie ihren Nachwuchs präsentieren wollen – kollidieren mit dem Recht des Kindes an seinen eigenen Bildern.
Das Ausmass der Fremdbestimmung möglichst klein und die künftige Selbstbestimmung möglichst offen zu behalten.
Gerade darum geht es auch bei der Publikation von scheinbar harmlosen Bildern: Es ist unklar, wie sich das Kind entwickelt. Vielleicht wird es durch einen Unfall behindert. Vielleicht ändert es seine sexuelle Orientierung. Vielleicht wird es eine öffentliche Figur. Der Punkt ist: Eltern können nicht wissen, welche Interessen ein Kind haben wird und welche Bilder es von sich publizieren will. Es gibt nichts, was hier zu einer Güterabwägung führen könnte: Das Interesse der Eltern, Bilder ihrer Kinder zu publizieren, ist sicher weniger stark als das Recht der Kinder.
Das Fazit ist ganz einfach: Keine Bilder von Kindern im Internet öffentlich verfügbar machen. Das fordert eine Initiative auf Facebook bereits seit längerem. Sind die Kinder Teil eines größeren öffentlichen Anlasses und als einzelne nicht identifizierbar, mag das eine Ausnahme sein. Ansonsten sehe ich aber nicht, warum man diesen Grundsatz verletzen würde. Ich freue mich aber über eine Diskussion in den Kommentaren.
Trolle kommunizieren im Internet, indem sie ihre Absichten und ihre Identität verfremden. Ihre Absicht ist es, lulz zu erzeugen: Ein hämisches, schadefrohes Lachen über die Verwirrung oder das Leid von anderen. Sie tun das, indem sie Kommunikationsabläufe stören. Dabei brauchen sie eine Kommunikationssituation und Akteure, die eine Art geregelte Kommunikation betreiben. Im Anschluss an ihre Störversuche werden sie meist aus der Kommunikation ausgeschlossen, sie selber verbreiten die lulz möglichst breit und versuchen andere ebenfalls zum Trollen aufzufordern.
Spricht man über Trolle, so sollte man immer angeben, welche Verhaltensweise man als »trollig« bezeichnet und ihren Kontext berücksichtigen.
2. Trolle in der Schule?
Von Trollen in der Schule würde ich dann sprechen, wenn das Unterrichtsgespräch so gestört wird, dass Verunsicherung entsteht – bei der Lehrperson, bei der Klasse. Diese Verunsicherung sollte vom Troll absichtlich herbeigeführt werden, aber ohne dass diese Absicht für die anderen erkennbar ist.
Solche Störungen kennt man aus der eigenen Schulzeit – man kann sie aber auch in literarischen Werken identifizieren, in meinem Vortrag habe ich Robert Musils Törless und Juli Zehs Spieltrieb dahingehend interpretiert.
Trolliges Verhalten in der Schule kann wie folgt systematisiert werden:
Gemeint ist, dass soziale Beziehungen, die Selbstreflexion der Lehrperson oder der Unterrichtsinhalte, die Sache, Ausgangspunkt für eine Störung sind. Diese Typologie ist angelehnt an Störungen des Unterrichtsgesprächs, wie sie in einschlägigen Lehrmitteln dokumentiert sind (Bittner und Wagner, 2006).
3. Wie sind Trolle in der Schule zu bewerten?
Wenn Trolle Verunsicherung schaffen, ist das in den meisten Fällen problematisch. Es gibt in der Schule jedoch auch positive Aspekte:
Trolle zeigen unsichtbare Machstrukturen, Rollenvorgaben und Hierarchien auf, die Lernen verhindern oder behindern können.
Trolle zeigen den fundamentalen Widerspruch der Schule auf, Jugendlichen bei der Selbstfindung zu helfen (das zu werden, was sie werden wollen), aber gleichzeitig Vorgaben zu erfüllen (der Arbeitswelt, standardisierte Aufgaben zu erledigen).
Trollen zeigen, dass die Schule eigentlich keinen Widerstand mehr zulässt, weil sie als biopolitische Disziplin (Foucault) immer verstanden werden muss als etwas, was allen Beteiligten nützt.
Trolle zeigen versteckte Privilegien von Lehrpersonen auf, z.B., kein echtes Interesse haben zu dürfen (was sie bei SchülerInnen nicht verstehen).
Trolle ermöglichen echte Kreativität – sie können scheitern, sie probieren aus, sie ändern ihre Identität. Gerade im Schonraum Schule ist das für Jugendliche enorm wichtig.
Das heißt aber nicht, dass die Schule Trolle dann unterstützen muss, wenn sie Schaden anrichten und ihr Verhalten eher als Bullying oder Mobbing zu werten ist. Wo da die Grenzen liegen, ist schwierig zu bestimmen.
4. Digitales Lernen und Trolle
Sobald Unterrichtsgespräche durch Social Media ergänzt oder ersetzt werden, geraten zwei wesentliche Bedingungen für Trollverhalten – und damit für kreatives Lernen – in Gefahr: Die Neukonzeption einer Identität sowie die fehlende Permanenz von Daten. Unterrichtsgespräche leben deshalb, weil Schülerinnen und Schüler Haltungen erproben können – und Gesagtes nicht gespeichert wird. Wenn dies nun geschieht, so dürfte man befürchten, dass sich alle viel angepasster, konservativer verhalten – und nur noch Erwartungen erfüllen. Social Media in der Schüler müsste die Möglichkeit einräumen, Identitäten zu modifizieren, damit zu spielen – und die Löschung von Geschriebenem/Gesagtem als Standard einsetzen.
Be conservative in what you do; be liberal in what you accept from others.
Es bezeichnet ein Ratschlag an Ingenieure, ist aber auch eine gute Beschreibung des Verhaltens vieler Lehrpersonen: Sie verwenden bewährte Methoden und Inhalte. Damit funktionieren sie genau umgekehrt wie Trolle, wie die folgende Matrix zeigt:
Moderne Didaktik fordert Lehrpersonen, die ihr eigenes Lernen parallel zu dem der Schülerinnen und Schüler ausstellen und reflektieren. Sollen sie nun auch trollen? Man stellt sich so eine Alternative zum Postel-Lehrer-Ingenieur vor: Der Lehrer-Troll. Er variiert Methoden und Inhalte, versucht Irritation zu schaffen, Sicherheiten zu erschüttern – und so Lernprozesse auszulösen. Das ist soweit nur einmal ein Gedanke, ein Ideal, ein Fluchtpunkt. Was eine Troll-Didaktik bedeuten würde, das gälte es genauer auszuarbeiten.
Fazit
Trolle sagen immer etwas aus über die Institutionen oder Kontexte, in denen sie funktionieren. Sie können nie isoliert analysiert werden, sondern immer in Bezug auf die Bedingungen, die ihr Trollen möglich machen.
Der Artikel ist lesenswert. Zur Anschauung seien hier FB-Gespräche zitiert, wie sie unter Jugendlichen in der Schweiz auf Social Media üblich sind:
Fiona: Mega puff. shaads, was meinsch, chan ich das em marco so säge? (Es folgte, was Fiona an Marco zu schreiben plante) befor ich afange will ich, dass duh weish das ich dich über alles lieb! aber weish, ich finds mega sheisse, das duh mir nöd vertraush. ich lieb de francesco nöd. es entüsht mich mega das duh mich behandlish wie es spielzüg . . . ich lahn mir das eifach nöd gfalle amo! weish s gaht mer ums prinzip. das duh s gfühl hesh duh chash sege mit wem ich hänge und mit wem ichs gued ha dörf . . . mit mir chash das nöd mache. Jamileh: guet gmacht, shnug 🙂 Fiona: shaads, danke das duh da bish ich finds nöd selbstverstendlich!
Während des Chats meldete sich Dario: hey ^.^ – mich vermisst? Jamileh: äääh, nai, ^^ beleidigt? 😛 Dario: sehr Jamileh: kai grund, känn di ja nöd ;–D Dario: das cha sich ändere. wie laufts with fründe? Jamileh: guet ;–D Dario: und mit mier? Jamileh: schiss 😛
Zwei Tage später
Dario: lebsh no? mich vermisst? Jamileh: sicher ;–D du mich? 😛 Dario: nöd mal gshribe hesh -.- Jamileh: will ich xait ha duh sötts mir & mer loost was d’frau seit Dario: nur wenn mal mit mier abmachsh Jamileh: das laht sich veribaare Dario: muesch 🙂 Kino? >>>3 Jamileh: ich maach nöd eifach mit dir ume, wennd weg dem is kino wilsh chashs der abshmike ;-D Dario: nai wett dich kennelerne. Jamileh: im kino? Dario: denn gömmer halt go shoppe xD Jamileh: hahaha Dario: ich bruche schueh mann Jamileh: frau Dario: biiiiiiitte chumm Jamileh: muen luege
20 Minuten später Dario: shads? wo bish?
Die Diskussionen um Reddit bzw. den User violentacrez, ein soziales Netzwerk, wo in Unterforen in den USA legale, sexualisierte Bilder von Jugendlichen und Unwissenden verbreitet werden, führen zur Erkenntnis, dass Inhalte, die sich Jugendliche untereinander zusenden, von Pornoseiten verwendet werden. Das berichtet der Guardian.
88% of self-made sexual or suggestive images and videos posted by young people, often on social networking sites, are taken from their original online location and uploaded on to other websites.
[Übersetzung phw:] 88% aller selbstgemachten sexuellen oder anzüglichen Bilder und Video, die junge Menschen verbreiten, oft auf Social Media Seiten, werden auf andere Seiten hochgeladen.
Sobald Bilder ins Internet geladen werden, können sich nicht mehr kontrolliert werden. Bei sexualisierten Darstellungen ist dies besonders fatal – weil einerseits ein großes Interesse daran besteht, das mit industriellen Einnahmemöglichkeiten gekoppelt ist, andererseits die Bilder besonders intim sind.
Die IWF berichtet von jungen Menschen, deren Bilder von gestohlenen Handys oder Dritten ins Internet hochgeladen wurden. Die Folgen waren verheerend: Von der Gefährdung einer beruflichen Karriere bis hin zu psychischen Problemen und Suizidalität.
Rechtliche Möglichkeiten gibt es nur, wenn klar nachgewiesen werden kann, dass es sich bei den Bildern um in einem Land verbotene Kinderpornographie handelt.
David Wright vom UK Safer Internet Center sagt:
Much of the advice for children and young people is, quite rightly, to not ’sext‘. However, this research, coupled with our experience, demonstrates that it is still not uncommon.
[Übersetzung phw:] Der einfachste Rat für Kinder und junge Menschen ist: Kein Sexting. Unsere Untersuchungen und Erfahrungen zeigen aber, dass es immer noch verbreitet ist.
Sexting ist ein klarer Fall für die pädagogische Verantwortung in der Vermittlung von Medienkompetenz, die sich nicht darin erschöpft, die Funktionsweise von Tools kennen zu lernen.
Pro Juventute will mit einer neuen Kampagne zu Cybermobbing Jugendliche und ihr Umfeld für das Thema sensibilisieren, wie die Organisation in einer Medienmitteilung schreibt. Die Kampagne erfolgt multimedial: Neben einem Clip (ganz unten) gibt es Plakate und eine Facebook-App (Klick aufs Bild).
Folgende Gründe für die Kampagne werden genannt:
Das Beratungsangebot 147.ch wird vermehrt wegen Cybermobbing in Anspruch genommen.
Die JAMES-Studie von 2010 zeige, dass »jeder fünfte Teenager schon erlebt habe, dass ihn jemand im Internet fertig machen« wolle.
Cyber-Mobbing ist nicht ortsgebunden.
Die Täter könnten anonym agieren.
Cyber-Mobbing ist der Hälfte der Jugendlichen als Begriff nicht bekannt, rund zwei Drittel wissen nicht, wo Hilfe suchen.
»Cyber-Mobbing kann von Schlafschwierigkeiten über Depressionen bis zum Jugendsuizid führen.«
Stephan Oetiker, Direktor von Pro Juventute, weist auf eine Überforderung von Lehrpersonen, Jugendlichen und Eltern hin:
Unsere Kampagne zeigt auf, dass: Cyber-Mobbing ein ernstes Problem ist. Wir wollen Jugendliche, Eltern und Lehrer sensibilisieren und Hilfsangebote wie die Notrufnummer 147 aufzeigen. Die Fachleute von Pro Juventute sind in ihrer täglichen Arbeit damit konfrontiert, dass sowohl Jugendliche wie Eltern und Lehrerpersonen überfordert sind mit dem Thema und sich dringend Unterstützung wünschen.
Die Anlage der Kampagne finde ich sinnvoll: Systematischer Aufbau Medienkompetenz ist der Schlüssel im Umgang mit solchen Phänomene – ich berate Eltern und Schulen auch in solchen Fragen.
Die Kampagne selbst ist mir aber zu weit von der Online-Realität weg. Wir sehen ein männliches Model, dominierend ist das Blut, das fließt. Das wirkt drastisch: Es zeigt aber nicht psychische Bedrängnis, in die junge Menschen geraten, der Mix aus sozialen Anforderungen und Überforderungen, die Social Media mit sich bringen können.
Mir scheint es auch wichtig, dass man das Phänomen genauer fasst. »Fertig machen« im Internet ist nicht Cyber-Mobbing. Anonymität ist nicht der Grundmodus von sozialen Netzwerken. Und Medienkompetenz ist mehr als rechtliche Information und Reflexion.
In der NZZ kritisiert Ronny Nicolussi die Kampagne als Methode um an Spendengelder zu gelangen. Die angegeben Zahlen zur Häufigkeit von Cybermobbing seien stark übertrieben, zudem sei Cybermobbing fast immer ein Folgephänomen von bestehendem Mobbing – das Problem liege beim Mobbing, nicht bei der Internetkommunikation.
Seine historische Analyse zeigte die ursprünglich enge Koppelung des Rechts auf Meinungsäußerung mit dem Recht, angehört zu werden. Meinungsfreiheit entkoppelt von diesem Recht führt zur Frage, was denn Meinungen noch bedeuten, wenn jede und jeder eine haben kann und die meisten nicht beachtet werden.
Das ist in Christoph Kappes‚ Analyse das »Gift der Moderne«. In seinem brillanten Rant (oder ist das ein Essay? ein Gedicht? ein Fragment?) schreibt er:
Die Aufmerksamen merken auf bis zur Unmerklichkeit. Auf Twitter heute lesen und sich heute empören, sich morgen über die Empörer empören, dann Schweigen, gelangweilt sein, Witzchen machen. Und alles wieder von vorn, bis Kommunikation zum Würfelspiel wird, weil man sich aussuchen kann, auf welchen Input man antwortet und dann selbst zur Black Box wird und mit den Schenkeln zuckt.
* * *
In Bezug auf soziale Netzwerke haben sich in den letzten Tagen zwei Diskussionen zum Thema Meinungsfreiheit geöffnet, die einen etwas anderen Fokus haben. Grundsätzlich geht es um die Frage, ob die Betreiber solcher Netzwerke, insbesondere Twitter und Reddit, freie Meinungsäußerung beschränken sollen. Ein beliebtes Missverständnis ist, das Recht auf freie Meinungsäußerung als positives Recht zu verstehen: Es gibt kein Recht darauf, seine Meinung äußern zu dürfen. Vielmehr gibt es ein (negatives) Recht darauf, vom Staat daran nicht gehindert zu werden. Konkret heißt das: Wenn Twitter oder Reddit gewisse Meinungen nicht tolerieren will, dann haben diese Firmen das Recht dazu. Genau so, wie eine Zeitung bestimmen kann, ob sie eine Kolumne oder einen Leserbrief abdrucken will.
Flickr cutiemoo. CC BY-ND 2.0
Konkret geht es um einen Twitteraccount, den Twitter in Deutschland gesperrt hat – aus anderen Ländern ist er weiterhin verfügbar. Der Pirat Stefan Urbach hat daraufhin gefordert, Twitter müsse konsequent gegen Nazis vorgehen. Sein Argument grenzt jedoch an willkür – entsprechend kontrovers wurde es diskutiert.
Menschenverachtung ist keine Meinung, sondern eine geäußerte Einstellung. Nach meinem moralischem Kompass muss man die zugrunde liegende Ideologie bekämpfen. So lange wir das nicht geschafft haben, dürfen wir den Menschenverachtern niemals ein Podium bieten. Das hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, sondern mit einer aufgeklärten Geisteshaltung.
Im Falle von Reddit geht es um Foren, in denen geschmacklose, menschenverachtende Bilder gepostet werden – deren Publikation in den USA aber legal ist. Dazu hat sich der CEO von Reddit, Yishan Wong, wie folgt geäußert:
We stand for free speech. This means we are not going to ban distasteful subreddits. We will not ban legal content even if we find it odious or if we personally condemn it. Not because that’s the law in the United States – because as many people have pointed out, privately-owned forums are under no obligation to uphold it – but because we believe in that ideal independently.
John Scalzi analysiert die Praxis von Reddit pragmatisch: Die User solcher Foren sind häufige Besucher auf der Seite. Entsprechend viele (Werbe-)einnahmen generieren sie. Die Politik von Reddit, alle Meinungen zuzulassen, ist nicht eine Haltung, sondern eine Strategie um möglichst viel Geld zu verdienen.
Wir können nicht erwarten, dass Unternehmen sich anderen Standards verpflichen als juristischen und ökonomischen. Es würde aber Medienunternehmen – wie das Twitter und Reddit sind – gut anstehen, transparente Regeln im Umgang mit Meinungsäußerungen zu haben und dieser verständlich zu kommunizieren.
Die erste Trollcon ist Geschichte. Ob es noch eine Trollcon braucht oder ob das Thema »Trolle« erschöpft ist, wird sich zeigen. Meinen Beitrag zur Trollcon werde ich genauer präsentieren, wenn Bilder bzw. ein Mitschnitt verfügbar ist – vorerst einige Bemerkungen zum Thema und zur Veranstaltung.
Der »Hackerspace« RaumZeitLabor in Mannheim bestimmte das Setting der Veranstaltung. Auch wenn ich durchaus mit Netzthemen vertraut bin – die anwesende Szene hat mich doch überrascht: Diese Piraten/Hacker/Nerds in den Kaputzenpullis, die an dunklen Laptops farbige Programmzeilen eintippen, kastenweise Mate trinken und nebenbei Smartphones lasergravieren oder mit 3D-Druckern spielen – die gibt es. Für mich als Mann war die Atmosphäre nett, locker lustig – alles war unkompliziert, das Essen gut. Ganz herzlichen Dank für alles – auch wenn jetzt noch Kritischeres kommt – das meine ich ernst!
Die Leute, die in diesem RaumZeitLabor ihre Zeit verbringen, hatten die Trollcon konzipiert. Damit hängt eine gewisse Faszination für Trolle zusammen: Trollen, so hatte ich den Eindruck, wird primär als Quelle der Unterhaltung betrachtet. Einige schienen etwas überrascht davon, dass das Thema von Referentinnen und Referenten diskutiert wurde, die fundierte Thesen präsentierten. Entsprechend war die Kritik auf Twitter – der Verantsaltung wurde ein undifferenziertes, verhamlosendes Troll-Verständnis vorgeworfen.
Ich halte die Aufweichung und Ausfaserung des Trollbegriffs für einen trolligen Trollangriff.
— Marcel-A. Casasola Merkle zeitweise@chaos.social (@zeitweise) October 21, 2012
Es zeigten sich zwei große Fragen in der Diskussion:
a) Können Trolle überhaupt positive Effekte hervorrufen oder positiv interpretiert werden?
b) Verfolgen Trolle ein Ziel, haben sie eine Utopie? Wünschen sie sich eine Welt, in der alle trollen oder eine, in der trollen nicht mehr möglich ist?
Die Fragen sind schwer zu beantworten und hängen – das war zu erwarten – von der Definition der Figur Troll ab. Wer einfach Provokationen oder das Stören von Kommunikation als Troll-Verhalten (um-)interpretiert, trägt kaum zu einer ergiebigen Diskussion bei. Ich werde meine eigenen Überlegungen hier nicht einfließen lassen, sondern im Beitrag zu meinem Vortrag festhalten.
Enorm erstaunt hat mich, wie sehr Julia Seeliger die Anwesenden provozieren konnte. Ihr Vortrag zu »Trollfeminismus« enthielt Vorschläge, wie der feministische Diskurs durch Troll-Methoden Probleme angehen könnte, an denen er immer wieder scheitert. Einige feministische Bemerkungen zum Thema Gender im Hackerspace RaumZeitLabor führten zu heftigen Reaktionen. Mir war, als hätte sie einige der Anwesenden brutal getrollt – obwohl ich gar nicht verstand, was an ihren Bemerkungen überhaupt solche Effekte ausgelöst hat. Grundsätzliche feministische Überlegungen scheinen immer wieder eine Erklärung elementarer Zusammenhänge zu erfordern. Wer feministische Thesen vertritt und entsprechend Kritik äußert, muss damit rechnen, an- und abwesend belacht und verhöhnt zu werden.
Seeliger auf der Trollcon.
Damit wage ich es doch, die Frage nach den positiven Effekten zu beantworten. Trolle zwingen ihre Gegenüber in kommunikative Situationen, in denen sie nicht sicher sind, wie sie sich verhalten werden. Sie in ihren Reaktionen Vorstellungen und Regeln explizit machen, die vorher weder bewusst noch diskursiv zugänglich gemacht waren. Der Hackerspace RaumZeitLabor, so meine Interpretation, verstand sich vor der Tollcon als genderlosen oder post-gender Raum: Das Geschlecht der Anwesenden, so die implizite Vorstellung, spielt keine Rolle. Ob Frau, Mann oder Pony: Am Laptop klimpern, bastlen und Mate trinken dürfen und können alle. Dann kam eine feministische Journalistin und zeigte mit ihrer Kritik, dass Geschlecht nur so lange keine Rolle spielt, wie man nicht genau darüber nachdenkt und spricht.
Mein Fazit der Trollcon: Ein Abwesender, ein Soziologe, ein Lehrer, eine Philosophin und ein Pädagoge können einen Hackerspace nicht trollen. Eine Feministin schon.