Guter Schreibunterricht für Schüler:innen, die KI für Vibe Writing benutzen können

Heute habe ich an der SIKJM-Jahrestagung übers Schreiben mit Schüler:innen gesprochen. Vorangestellt habe ich die Bemerkung, dass ich hier im Blog zunehmend ins Leere schreibe – Resonanz erzeugen primär meine Videos, nicht meine aufwendigeren, differenzierteren Texte. Christoph Engemann hat dafür in der Keynote den Begriff Plattform-Oralität aus seinem Buch «Zukunft des Lesens» vorgestellt, der genau dieses Phänomen erfassen kann: Mündliche Rede erhält mehr Gewicht, kann durchsucht und adressiert werden – ist aber ökonomisch durch die Logik der Plattformen bestimmt. Meine Videos funktionieren nur, wenn TikTok und Instagram sie ausspielen. Mein Blog ist davon unabhängig.

Vibe Writing bezeichnet eine Schreibpraxis, bei der die schreibende Person nicht mehr formuliert, sondern eine LLM-KI dazu anleitet: Sie gibt Prompts vor, bewertet Ergebnisse, lässt sie ändern – sie hängt aber nicht selber Buchstaben an Buchstaben, Wort an Wort, Satz an Satz. Diese Praxis ist weit verbreitet.

Zunächst muss man sie nicht bewerten – es gibt Menschen, die Texte so herstellen, wahrscheinlich immer mehr. Wenn man sich auf Vibe Coding bezieht, also die Co-Kreation von Programmen mit einer KI, die den ganzen Programmiercode nach Vorgaben von Menschen schreibt, dann könnte man sich fragen, ob Menschen überhaupt noch programmieren bzw. schreiben lernen müssen. Diese Frage lasse ich offen, sie passt in einen Katalog von Unsicherheiten, bei denen ich keine sicheren Antworten kenne.

Prozess oder Produkt?

Die Schreibdidaktik weist seit Jahrzehnten darauf hin, dass schulisches Schreiben mehr Aufmerksamkeit auf Schreibprozesse und weniger auf konkrete Produkte legen sollte. Vereinfacht könnte man folgende Faustregel formulieren:

Wer ein möglichst gutes Textprodukt herstellen möchte, sollte Vibe Writing mit einer KI betreiben. Wer sein Schreiben entwickeln möchte, muss bewusste Schreibprozesse ohne KI durchlaufen.

Beim schulischen Schreiben lassen sich Produkt- und Prozessebene oft nicht so schön trennen, wie das in der Theorie sinnvoll erschiene. Warum? Erstens fehlen die Ressourcen, um Schreibprozesse intensiv begleiten zu können. 1:1-Schreibtraining kann ich als Deutschlehrer vielleicht mit maximal 5 Schüler:innen gleichzeitig betreiben – in meinen Schulzimmern befinden sich aber über 25 Lernende. Zweitens müssen viele Lehrpersonen die Arbeiten von Schüler:innen bewerten. Weil sie keinen direkten Zugriff auf die Prozessqualität haben, hängt ihre Beurteilung vom Textprodukt ab. (Das passiert in der schulischen Beurteilungspraxis generell zu oft: Aufgrund von schriftlichen Texten werden unzulässige Rückschlüsse auf kognitive Kompetenzen gezogen.)

Sobald Produkte in der Schule wichtig werden, wird es für Lernende sehr attraktiv, Vibe Writing (oder Vibe Thinking) mit einer KI zu betreiben, weil sie so in vielen Fällen schneller zu besseren Ergebnissen kommen.

Wie sieht ein Schreibprozess aus?

Sehr kompliziert. Die Abbildung zeigt das überarbeitete Modell von Hayes in einer Version von 2014. Was wir umgangssprachlich Schreibprozess nennen, umfasst drei Ebenen, von denen wiederum eine die Prozessebene ist, die auf verschiedene Ressourcen zugreift und kontrolliert wird.

Im schulischen Schreiben meinen wir damit etwas anderes, nämlich eine didaktische Strukturierung in Arbeitsphasen. Wenn Lehrkräfte hier sinnvolle Methoden einsetzen, dann reflektieren und üben Schüler:innen beim Durchlaufen dieser Phasen wichtige Prozesselemente des Schreibens (ihre Schreibfähigkeit verbessert sich). Hier eine einfache Darstellung dieser Phasen (Grafik mit ChatGPT erstellt):

Für unser Thema können einige erste Grundeinsichten formuliert werden:

  1. Guter Schreibunterricht schafft ein Bewusstsein für den Schreibprozess.
  2. Im Schreibunterricht sollten die Phasen bewusst getrennt werden, so dass bei Schüler:innen ein Bewusstsein dafür entsteht.
  3. KI-Tools dürfen innerhalb eines Prozessschrittes eingesetzt werden, aber
  4. KI-Tools dürfen nicht benutzt werden, um Prozessschritte zu überspringen.

Vibe Writing geht mit 3. und 4. nicht mehr. Das lässt sich didaktisch gut begründen: Schüler:innen schreiben, weil sie lernen, später besser zu schreiben. Und nicht, weil sie Texte herstellen, die möglichst genau bestimmten Vorgaben entsprechen. Das kann eine Maschine besser.

Das ist eine oft harte (und für einige Lehrpersonen nicht ganz leicht umsetzbare) Einsicht: Schüler:innen sollen also Texte nicht zusammenfassen, um eine möglichst gute Zusammenfassung zu schreiben, sondern um Prozesse zu durchlaufen, die ihnen helfen, später besser lesen und schreiben zu können. Genauso wie ich nicht Tennis spiele, damit ein möglichst gutes Tennis-Spiel stattfindet (das gibt es auf YouTube), sondern damit ich Spass am Sport habe und beweglich bleibe oder werde.

Die Fachkompetenzschwelle

An dieser Stelle sei noch einmal auf die Fachkompetenzschwelle verwiesen. Im ausführlicheren Beitrag dazu habe ich auf die Darstellung von Dominic Hassler verwiesen, aus der deutlich wird: Schüler:innen verbringen in der Schule viel Zeit mit Dingen, die die KI besser kann. Wir müssen ihnen dabei helfen, den Reflex, deswegen zur KI zu greifen, zu unterdrücken.

Gute Schreibprompts und gute KI-Prompts

Der Begriff Prompt meint sinnigerweise zwei Aufforderungen: Die Schreibaufgabe, welche eine Lehrperson schreibenden Schüler:innen stellt – und die Eingabeaufforderung, mit der eine KI-Nutzerin ein LLM dazu auffordert, einen bestimmten Text zu generieren.

Gestern habe ich die Teilnehmer:innen an meinem Workshop aufgefordert, 5 Sätze zu folgendem Thema zu schreiben: «Die Stadt Zürich und ich.»

Diese Schreibaufgabe scheint zunächst KI-resistent zu sein: Was weiss eine KI schon über mein Verhältnis zur Stadt Zürich? Hier muss ich mich ausdrücken, meine Emotionen, Erlebnisse und Meinungen formulieren. Das scheint auf den ersten Blick klug. In der Diskussion im Workshop haben sich aber bei mir zwei Bedenken eingestellt:

  1. Wir reduzieren Schreibaufgaben so auf den Ausdruck von Innerlichkeit und Subjektivem. Schreiben kann aber so viel mehr sein – warum sollte man sich durch KI einschränken lassen bei der Wahl von Schreibaufgaben?
  2. Wer Modelle wie Claude intensiv mit eigenen Arbeiten füttert (ich mache das zum Beispiel), kann problemlos auch solche Texte generieren.

Hier sind wir an einem Punkt, an dem der KI-Einsatz irgendwie auch unheimlich wird: Menschen fällt es oft schwer, ihre Gedanken sprachlich auf den Punkt zu bringen. Wenn sie Maschinen dazu auffordern, das zu tun, dann wird etwas leichter, was wohl nicht leicht sein sollte. Mein Ringen mit der Sprache ist ein Ringen mit mir und den Verhältnissen und Beziehungen, in denen ich lebe. Mich verständlich zu machen ist eine zutiefst menschliche Aufgabe, die nicht leichter gemacht werden sollte – wie Babys keine Gehhilfe brauchen, wenn sie laufen lernen. Das muss für sie schwierig sein.

Noch eine weitere Bemerkung: Wer eine Schreibaufgabe gibt, müsste eigentlich am Text interessiert sein. Wenn ich einen Brief schreibe, dann fordere ich den Adressaten auf, mir bestimmte Dinge mitzuteilen. Das wäre ein quasi natürlicher Schreibprompt. Nur: Lehrpersonen sind oft nur an wenigen Texten aus einer Klasse interessiert. Wie müsste eine Aufgabe lauten, bei der mich alle Antworten in einer Klasse interessieren? Und wäre das dann nicht wieder eine subjektorientierte? Viele offene Fragen.

Dafür habe ich aber zu Prompts ebenfalls einige Grundeinsichten formuliert:

  1. Schreibprompts können Anregungen für jede Stufe des Schreibprozesses enthalten. (Auch mehrteilige Prompts für jede Schreibphase sind oft sinnvoll.)
  2. Schreibprompts sind Teil von pädagogischer Beziehungsarbeit.
  3. Gute Schreibprompts dürfen nicht 1:1 als KI-Prompts verwendet werden.
  4. Gute KI-Prompts sind auf die Prozessstufe bezogen: «Bitte gib mir Feedback zu meinem Text. Wichtig ist mir besonders, ob verständlich wird…»
  5. KI-Prompts sind keine Zaubersprüche («Boomer-Prompts»). Es ist sinnvoll, eine bewusste Interaktion mit einer KI zu pflegen, die Ergebnisse genau zu lesen, Änderungswünsche zu formulieren etc. Die Interaktion löst Probleme besser als ein riesiger Prompt zu Beginn, der alle Fallen voraussieht.

Vertrauen in die eigene Schreibstimme finden

Erwachsene überschätzen in vielen Bereichen das Selbstvertrauen von Jugendlichen. Besonders beim Schreiben ist der ChatGPT-Reflex auch Ausdruck von Unsicherheit – Schüler:innen vertrauen nicht darauf, dass sie die richtigen Formulierungen finden, dass sie korrekt und fokussiert schreiben können. Deshalb greifen sie schnell zu KIs – so erhalten sie die Sicherheit, einen sinnvollen, klaren, korrekten Text zu haben, mit dem sie die schulischen Anforderungen erfüllen.

Daran sieht man: Diese Anforderungen sind ein Teil des Problems – auch wenn sie teilweise von Schüler:innen nur imaginiert werden. Wenn Texte benotet werden, wenn es Kriterien gibt, denen sie genügen müssen, wenn «schlechte» Texte zu Kritik und Abwertung führen, wenn Fehler negative Konsequenzen haben, dann ist die Schule oder die Lehrperson direkt dafür verantwortlich, dass Schüler:innen KI benutzen. Sie schaffen so starke Anreize, denen wenige Menschen widerstehen können. Es ist dann ein paradoxes Signal, an die Moral von Schüler:innen oder an ihre Einsicht zu appellieren, wenn sie gleichzeitig anhand ihrer produzierten Texte beurteilt werden.

Was hilft, sind dialogische Prozesse, Gespräche über Texte. Darin tritt die Lehrperson als interessiertes Gegenüber, als Leserin oder Leser auf. Sie interessiert sich für das, was Schüler:innen schreiben. Der Schreibprozess bekommt so eine Richtung, er ist in eine Beziehung eingebettet, was Schüler:innen selber tun, spielt eine Rolle. Texte sind echte Antworten auf echte Fragen. Das Gegenüber kann, gerade bei älteren Schüler:innen, auch jemand anderes sein.

Soweit das Ideal – in der schulischen Realität hat es oft keinen Platz und wird durch schlechtere Schreibformen ersetzt. Dennoch auch hier einige Grundeinsichten:

  1. Schreiben in Heften und von Hand gibt mehr Vertrauen ins eigene Können. (KI-Überarbeitung ist nicht verboten, aber erfolgt in einem zweiten Schritt.)
  2. Schreiben kann eine Person, wenn sie etwas zu sagen hat.
  3. Wer in einem guten Prozess schreibt, kann problemlos transparent machen, wofür KI eingesetzt worden ist. Wer etwas verheimlicht oder verheimlichen möchte, arbeitet in einem schlechten Prozess.
  4. KI kann das, was jemand sagen kann, glätten und verflachen. Das merkt man aber erst, wenn man den eigenen Text mit einem KI-Text vergleicht.
  5. Menschen können besser schreiben als eine KI, aber erst, wenn sie sehr gut schreiben können (Fachkompetenzschwelle).

Offene Fragen

Ich schreibe viel und gerne. Diesen Text habe ich mir von Claude entwerfen lassen und nichts davon übernommen – der KI-Text drückte nicht das aus, was ich schreiben wollte. Es fiel mir leichter, alles selber zu schreiben. Das hat mir noch einmal zu Klarheit verholfen, in künftigen Vorträgen oder Workshops werde ich schneller auf passende Formulierungen zurückgreifen können.

Mein Schreiben ist aber kein guter Ausgangspunkt, um über das zukünftige Schreiben von Schüler:innen nachzudenken. Nur wenige werden jemals so schreiben wie ich, vielleicht niemand. Deshalb formuliere ich zum Schluss einige Fragen, auf die ich keine Antworten kenne:

  1. Werden junge Menschen später längere Texte schreiben müssen?
  2. Wird Schreiben ein wichtiger Weg bleiben, um vertiefte und differenzierte Gedanken formulieren zu können?
  3. Was hilft Lernenden dabei, beim Vibe Writing Texte kritisch zu prüfen und sie differenziert zu verbessern?

Verständnis oder Härte in der Schule?

Immer wieder stoße ich in der pädagogischen Arbeit auf eine Frage, welche an den Kern dessen geht, was in der Schule praktiziert wird. Ich mache sie an einem Beispiel fest: Eine Schülerin bittet mich am Tag vor der Prüfung darum, diese auf einen Termin nach den Ferien verschieben zu können. Sie sei privat und in der Schule stark unter Druck und könne nicht so auf die Prüfung lernen, dass sie die nötige Sicherheit habe.

Ich stehe vor einem Dilemma: Entweder zeige ich Verständnis und gehe auf den Wunsch der Schülerin ein, was für mich naheliegend ist, da ich mir wenig Lerneffekt von einer Prüfung verspreche, die unter großem Druck und ohne entsprechende Vorbereitung abgelegt wird – oder ich bestehe auf dem frühzeitig kommunizierten Termin und zeige Härte.

The cure for everything is salt water. Sweat, tears, the sea. - Isak Dinesen
The cure for everything is salt water. Sweat, tears, the sea. – Isak Dinesen

Am Gymnasium, so ein immer wieder gehörter Vorwurf, sei es Schülerinnen und Schülern möglich, mit immer neuen Ausreden Pflichten zu vernachlässigen, was in der Arbeitswelt und auch an Hochschulen so nicht möglich sei. Gewöhnten sie sich daran, dass auf ihre Anliegen Rücksicht genommen werde, würden sie weich und entwickelten die nötigen Kompetenzen im Umgang mit Terminen und Druck nicht.

Auf der anderen Seite steht für mich die Frage, wie sinnvoll eine Welt ist, die Menschen Bedingungen setzt, die qualitativ hochwertige Arbeit verhindern. Soll die Schule diese Bedingungen simulieren, weil sie in der Arbeitswelt große Verbreitung finden?

Meine Haltung ist das Gespräch darüber: Aufzeigen, wie viel Spielraum ich wirklich habe; diskutieren, ob es sich lohnt, eine Anstrengung aufzuschieben oder durchzustehen; darüber sprechen, dass zu hohe Ansprüche an die eigene Arbeit lähmend wirken können, weil Perfektionismus ineffizient ist.

Befriedigend ist das aber nicht immer: Verhandeln ist anstrengend und führt nicht immer zu zufriedenstellenden Resultaten.

Wie gehen andere Lehrpersonen mit diesem Konflikt um?

Zur Struktur von (Lern-)Netzwerken

Social Media ermöglichen uns die Teilnahme an vielfältigen Netzwerken. Das eigentlich Neuartige, so meine These, ist nicht der digitale Aspekt, sondern die Tatsache, dass sich die Eigenschaften eines Netzwerkes fast beliebig bestimmen lassen. Die daran anschließende Frage wäre, wie ein Netzwerk denn zu beschreiben wäre.

Ich bin sicher, es gibt zu dieser Frage eine umfassende Theorie – die folgenden Gedanken können nicht mehr sein als der Versuch eines Dilettanten, gewisse Merkmale festzuhalten; die ich dann auf schulischen Unterricht anwenden werde.

(1) Kontingenz

[Niklas Luhmann] stand in der Post, und vor ihm am Schalter erklärte der Schalterbeamte einer Frau mit hartem östlichen Akzent wieder und wieder das Ausfüllen eines Formulars. Luhmann hatte das längst verstanden und bot der Frau an, ihr zu helfen. Sie gingen zu einem kleinen Tisch, wo er sich setzte, um das Formular auszufüllen. Er wollte das Formular nehmen, doch die Frau riss es an sich und rannte aus der Post.

Diese Episode erzählt Detlef Horster bei der Beantwortung der Frage »Warum moralisch sein?« (2009). Er zeigt damit die doppelte Kontingenz in menschlichen Interaktionen auf: Weder weiß ich, was mein Gegenüber als Nächstes tun wird, noch weiß mein Gegenüber, was ich tun werde.

Netzwerke können mehr oder weniger Kontingenz zulassen, indem sie die Meldungen von Menschen mit Filtern versehen. Videos in Vine sind nie länger als 6 Sekunden, Bilder in Instagram stets quadratisch, Tweets nie länger als 140 Zeichen etc. Stärkere Reduktion von Kontingenz erfolgt mit einer Moderation (wie z.B. bei Kommentaren in Blogs). Chatroulette ist ein Beispiel für ein Netzwerk mit sehr hoher Kontingenz: Ich bekomme einen Partner oder eine Partnerin oder eine Gruppe von Menschen im Video-Chat zugeteilt, die spontant mit mir interagieren.

Kontingenz ist mehr als die Art der Beziehungen, sie hängt auch von den kommunikativen Handlungen ab. Was kann ich von anderen erwarten?

Kontingenz im Unterricht.
Kontingenz im Unterricht.

(2)  Bekanntheit der Teilnehmenden am Netzwerk

Während auf einer Bestattung meist ausschließlich Menschen anwesend sind, welche die oder den Tote(n) persönlich gekannt haben, gibt es für ein Popkonzert keine ähnliche Voraussetzung. Die »Ties«, also die Verbindungen zwischen den Menschen, können enorm schwach sein. Netzwerke können auf starken Verbindungen basieren und schwache konsequent ausschließen oder sogar unbekannte Menschen miteinander verbinden. Das hat natürlich auch mit Kontingenz zu tun.

(3) Anbindung an Raum und Zeit

Eine Wohnung zu haben ist mit der Teilnahme an einem sozialen Netzwerk verbunden: Die Wohnung bzw. die Klingel und die Haustür sind ein Profil, mit dem Menschen interagieren können: Allerdings nur, wenn sie sich an einem bestimmten Ort befinden (allenfalls zu einer bestimmten Zeit dort sind). Netzwerke können örtliche und zeitliche Zusammenhänge stärker oder weniger stark in ihre Struktur einbeziehen. Ein Chat funktioniert komplett ortsunabhängig, aber meist synchron; während Foursquare-Checkins zeitunabhängige Kommunikation ermöglichen, die aber an einen Ort gebunden ist.

(4) Medium und Format der Kommunikation

Früher waren Telefongespräche und Telegramme sehr teuer. Das führte zu einer künstlichen Knappheit der Zeit, die bestimmte Kommunikationsstile herausgebildet hat. Ähnlich zeichnen sich auch heute soziale Netzwerke durch die darin vertretenen Medien und Informationsformate aus. Einerseits explizit (ich kann bestimmte Dateien auf Facebook posten, andere nicht), andererseits implizit: Online werden viele Texte nur zwei Bildschirmlängen lang gelesen, Video werden nur einige Minuten lang angeschaut etc.

(5) Öffentlichkeit 

Wenn die Beschilderung meines Briefkastens ein Profil auf einem sozialen Netzwerk ist, so ist sie per default öffentlich. Die Briefträgerin wie auch die Einbrecherin haben im Normalfall Zugang. Anders ist es mit meinem Telefonanschluss: Ich nehme an, dass niemand meine Gespräche abhört.

(6) Permanenz bzw. Archiv

Daran kann man anknüpfen: Schilder an einem Briefkasten werden meist in Metall gestanzt und in der Absicht montiert, dass sie Jahre überdauern. Telefongespräche vergehen sofort, sie werden kaum aufgezeichnet. Gewisse Netzwerke archivieren die gesamte Kommunikation, andere keine.

* * *

Traditioneller Schulunterricht ist in vielen der Eigenschaften von (1)-(6) determiniert: Die Kontingenz ist gering. Gearbeitet wird in Klassen, deren Mitglieder sich und ihre Lehrpersonen kennen und ihnen zeitlich und räumlich begegnen. Benutzt wird ein Standardrepertoire an Medien und Kommunikationsformaten, das halb-öffentlich inszeniert wird: Zwar wären Besuche durch Referendarinnen, Mitglieder der Schulleitung oder Eltern denkbar, sie sind aber eher die Ausnahme. Schriftliche Materialien werden ab und zu archiviert, mündliche Aussagen kaum.

Social Media in der Schule bedeutet nun, dass diese Eigenschaften veränderbar werden. Didaktisch-pädagogisch sind nicht alle von ihnen optimal für lernen und lehren. Z.B. kann es lehrreich sein, sich hoher Kontingenz auszusetzen oder es kann förderlich sein, unabhängig von Raum und Zeit lernen zu können.

 

 

Warum die Schule Trolle braucht – mein Vortrag auf der Trollcon

Am letzten Sonntag habe ich auf der ersten Trollcon in Mannheim meine Thesen präsentiert, weshalb es in der Schule schon immer Trolle gab – und es Trolle weiterhin geben sollte. Ich möchte hier nun die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfassen – den ganzen Vortrag (mit Slides) kann man hier nachlesen und ganz unten gibt es auch ein Video. (Update: Mittlerweile habe ich den Vortrag auch als Essay publiziert.)
Meine allgemeinen Eindrücke zur Konferenz habe ich bereits auf der Heimfahrt festgehalten, die Dokumentationsseite enthält viele Links auf andere Artikel. Die Bilder stammen von cheatha (Flickr, CC BY 2.0).


1. Was sind Trolle?

Trolle kommunizieren im Internet, indem sie ihre Absichten und ihre Identität verfremden. Ihre Absicht ist es, lulz zu erzeugen: Ein hämisches, schadefrohes Lachen über die Verwirrung oder das Leid von anderen. Sie tun das, indem sie Kommunikationsabläufe stören. Dabei brauchen sie eine Kommunikationssituation und Akteure, die eine Art geregelte Kommunikation betreiben. Im Anschluss an ihre Störversuche werden sie meist aus der Kommunikation ausgeschlossen, sie selber verbreiten die lulz möglichst breit und versuchen andere ebenfalls zum Trollen aufzufordern.

Spricht man über Trolle, so sollte man immer angeben, welche Verhaltensweise man als »trollig« bezeichnet und ihren Kontext berücksichtigen.

2. Trolle in der Schule?

Von Trollen in der Schule würde ich dann sprechen, wenn das Unterrichtsgespräch so gestört wird, dass Verunsicherung entsteht – bei der Lehrperson, bei der Klasse. Diese Verunsicherung sollte vom Troll absichtlich herbeigeführt werden, aber ohne dass diese Absicht für die anderen erkennbar ist.

Solche Störungen kennt man aus der eigenen Schulzeit – man kann sie aber auch in literarischen Werken identifizieren, in meinem Vortrag habe ich Robert Musils Törless und Juli Zehs Spieltrieb dahingehend interpretiert.

Trolliges Verhalten in der Schule kann wie folgt systematisiert werden:

Gemeint ist, dass soziale Beziehungen, die Selbstreflexion der Lehrperson oder der Unterrichtsinhalte, die Sache, Ausgangspunkt für eine Störung sind. Diese Typologie ist angelehnt an Störungen des Unterrichtsgesprächs, wie sie in einschlägigen Lehrmitteln dokumentiert sind (Bittner und Wagner, 2006).

3. Wie sind Trolle in der Schule zu bewerten?

Wenn Trolle Verunsicherung schaffen, ist das in den meisten Fällen problematisch. Es gibt in der Schule jedoch auch positive Aspekte:

  1. Trolle zeigen unsichtbare Machstrukturen, Rollenvorgaben und Hierarchien auf, die Lernen verhindern oder behindern können.
  2. Trolle zeigen den fundamentalen Widerspruch der Schule auf, Jugendlichen bei der Selbstfindung zu helfen (das zu werden, was sie werden wollen), aber gleichzeitig Vorgaben zu erfüllen (der Arbeitswelt, standardisierte Aufgaben zu erledigen).
  3. Trollen zeigen, dass die Schule eigentlich keinen Widerstand mehr zulässt, weil sie als biopolitische Disziplin (Foucault) immer verstanden werden muss als etwas, was allen Beteiligten nützt.
  4. Trolle zeigen versteckte Privilegien von Lehrpersonen auf, z.B., kein echtes Interesse haben zu dürfen (was sie bei SchülerInnen nicht verstehen).
  5. Trolle ermöglichen echte Kreativität – sie können scheitern, sie probieren aus, sie ändern ihre Identität. Gerade im Schonraum Schule ist das für Jugendliche enorm wichtig.

Das heißt aber nicht, dass die Schule Trolle dann unterstützen muss, wenn sie Schaden anrichten und ihr Verhalten eher als Bullying oder Mobbing zu werten ist. Wo da die Grenzen liegen, ist schwierig zu bestimmen.

4. Digitales Lernen und Trolle

Sobald Unterrichtsgespräche durch Social Media ergänzt oder ersetzt werden, geraten zwei wesentliche Bedingungen für Trollverhalten – und damit für kreatives Lernen – in Gefahr: Die Neukonzeption einer Identität sowie die fehlende Permanenz von Daten. Unterrichtsgespräche leben deshalb, weil Schülerinnen und Schüler Haltungen erproben können – und Gesagtes nicht gespeichert wird. Wenn dies nun geschieht, so dürfte man befürchten, dass sich alle viel angepasster, konservativer verhalten – und nur noch Erwartungen erfüllen. Social Media in der Schüler müsste die Möglichkeit einräumen, Identitäten zu modifizieren, damit zu spielen – und die Löschung von Geschriebenem/Gesagtem als Standard einsetzen.

5. Lehrerinnen und Lehrer als Trolle

Postel’s Law lautet:

Be conservative in what you do; be liberal in what you accept from others.

Es bezeichnet ein Ratschlag an Ingenieure, ist aber auch eine gute Beschreibung des Verhaltens vieler Lehrpersonen: Sie verwenden bewährte Methoden und Inhalte. Damit funktionieren sie genau umgekehrt wie Trolle, wie die folgende Matrix zeigt:

Moderne Didaktik fordert Lehrpersonen, die ihr eigenes Lernen parallel zu dem der Schülerinnen und Schüler ausstellen und reflektieren. Sollen sie nun auch trollen? Man stellt sich so eine Alternative zum Postel-Lehrer-Ingenieur vor: Der Lehrer-Troll. Er variiert Methoden und Inhalte, versucht Irritation zu schaffen, Sicherheiten zu erschüttern – und so Lernprozesse auszulösen. Das ist soweit nur einmal ein Gedanke, ein Ideal, ein Fluchtpunkt. Was eine Troll-Didaktik bedeuten würde, das gälte es genauer auszuarbeiten.

Fazit

Trolle sagen immer etwas aus über die Institutionen oder Kontexte, in denen sie funktionieren. Sie können nie isoliert analysiert werden, sondern immer in Bezug auf die Bedingungen, die ihr Trollen möglich machen.

(Quellen für den Vortrag können dem Manuskript bzw. dem Google-Docs Ordner entnommen werden. Die Aufzeichnung wird eingefügt, sobald sie verfügbar ist.)