Ratgeber »Medienkompetenz« der ZHAW

An dieser Stelle eine Empfehlung: Der eben erschienene Ratgeber »Medienkompetenz« der ZHAW, der sich an Eltern, Erziehende und Lehrpersonen von bis zu 13-jährigen Kindern richtet, ist eine hervorragende und aktuelle Informationsquelle zu den wichtigsten Bereichen der Medienkompetenz.

Bildschirmfoto 2013-02-01 um 11.09.37 Auf der Homepage der ZHAW heißt es dazu:

Kinder und Jugendliche wachsen in einer reichhaltigen Medienwelt auf. Eltern und Lehrpersonen fühlen sich oft unsicher oder überfordert und fragen sich: Wie viel Medienzeit und welche Medieninhalte sind gut für die Kinder? Was tun bei Cybermobbing oder Onlinesucht?

Im vorliegenden Leitfaden „Medienkompetenz“ (PDF, 3.4 MB) beantwortet das medienpsychologische Forschungsteam häufig gestellte Fragen rund um das Thema Jugend und digitale Medien auf einer wissenschaftlichen Basis. Der Ratgeber bietet Orientierung und möchte insbesondere Eltern und Lehrpersonen ermutigen, Kinder und Jugendliche im Umgang mit digitalen Medien aktiv zu begleiten.

Die oben abgebildeten »Goldenen Regeln« stammen aus einem separaten Flyer (pdf).

Wie Jugendliche Privatsphäre verstehen

Jugendliche bauen oft im öffentlichen Raum Gemeinschaften auf: In Shoppingzentren, auf Plätzen, in der Schule. Nur so kann ihr Verständnis von Privatsphäre verstanden werden. Im Folgenden einige Gedanken zum Umgang von Jugendlichen mit Privatsphäre – die hinter das Vorurteil zurückgehen, Jugendliche würden hemmungslos schützenswerte Inhalte publik machen.

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Danah boyd versteht Privatsphäre nicht als juristisches Konzept, sondern als eine soziale Norm, die immer wieder neu ausgehandelt wird. Jugendliche kennen selten private Räume, sie teilen Zimmer oder müssen damit rechnen, dass ihre Eltern sich aus verschiedenen Gründen Zutritt zum Zimmer verschaffen. Diese grundlegende Erfahrung führt dazu, dass sie Privatsphäre als Kontrolle des Informationsflusses oder als Kontrolle der sozialen Situation verstehen. Privat sind für Jugendliche die Informationen, von denen sie bestimmen können, wer sie in welchem Kontext erhält und was damit geschieht. Jugendliche sind in Bezug auf ihre Privatsphäre mit paradoxen Verhaltensweisen der Erwachsenen konfrontiert: Einerseits beklagen sie, dass Jugendliche sich nicht um ihre eigene Privatsphäre kümmern würden und Informationen zu freizügig publizierten, andererseits verletzen sie die Privatsphäre von Jugendlichen systematisch, meist in der Absicht, sie zu schützen.

Dabei würde, so boyd, Zugänglichkeit und Öffentlichkeit verwechselt. Jugendliche haben klare Vorstellungen von Vertrauen und vom Umgang mit Informationen; ihre soziale Position sowie die Architektur von Netzwerken hindern sie aber oft daran, den Fluss von Informationen zu kontrollieren. Sie kommunizieren aber in einem für sie klaren Kontext, sie wissen, für wen Informationen oder Daten bestimmt sind und für wen nicht. Jugendliche entwickeln eine Art implizite Ethik des Informationsflusses, können sie aber oft nicht so umsetzen, wie sie das möchten, auch deshalb, weil es sich um Normen handelt, die sie nicht selbst bestimmen können. Man kann das mit einem analogen Beispiel verdeutlichen: Nur weil Eltern das Tagebuch ihrer Kinder lesen könnten, heißt das nicht, dass sie es lesen dürfen. Dasselbe gilt für soziale Netzwerke: Eltern zwingen ihre Kinder oft dazu, ihnen Zugang zu ihren Profilen zu gewähren; Lehrpersonen können den Facebook-Profilen ihrer Schülerinnen und Schüler oft Informationen finden, die klar privat sind. Wenn also Erwachsene sich Zugang zu privaten Informationen verschaffen können, dürfen sie diese Informationen nicht als öffentliche betrachten.

Die Verwechslung von Zugänglichkeit und Öffentlichkeit basiert auch auf technischen Möglichkeiten: Auch in analogen Gesprächen wäre es möglich, private Informationen öffentlich zu machen, aber es würde erstens soziale Normen verletzen und ist zweitens technisch schwierig zu bewerkstelligen. Analoge Kommunikation ist im Normalfall privat und muss mit viel Aufwand öffentlich gemacht werden. Die Struktur der sozialen Netzwerke und die Absichten der Jugendlichen führen aber nach boyd dazu, dass das analoge Muster umgekehrt wird: Sie kommunizieren im Normalfall öffentlich und verwenden ihre Anstrengungen darauf, bestimmte Informationen auszuschließen und nur privat zugänglich zu machen. Die öffentliche Form der Kommunikation meint aber nicht, dass sie alle etwas anginge, sondern vielmehr, dass sie die etwas angeht, von denen innerhalb der bestehenden sozialen Normen erwartet werden kann, dass sie die Informationen zur Kenntnis nehmen.

Für Jugendliche ist es von großer Bedeutung, sichtbar zu sein. Sie sind sich auch bewusst, dass diese Sichtbarkeit mit Nachteilen verbunden ist, und verzichten deshalb auch darauf, alles sichtbar zu machen, sondern nur bewusst gewählte Inhalte. Das lässt sich am Umgang mit Bildern gut ablesen, die Jugendliche oft auf ihren Profilen publizieren, aber nur dann, wenn sie darauf so erscheinen, dass sie mit ihrer Erscheinung einverstanden sind. In der JAMES-Studie 2012 gaben fast 40% der Jugendlichen an, dass sie es schon erlebt haben, dass ohne ihre Zustimmung Bilder veröffentlicht wurden; wiederum rund 40% davon haben das als störend empfunden. Bilder entstehen in einem Kontext, soziale Normen legen fest, wie sie zugänglich gemacht werden dürfen. Nur weil Jugendliche sich oft digital zeigen, heißt das nicht, dass auch andere sie zeigen dürften oder ihre Inhalte weiterverbreiten dürfen. Jugendliche müssen ihr Auftreten, auch digital, selber bestimmen können. Die Verletzung der Privatsphäre erfolgt in diesem Bereich aber nicht durch Peers, auch Eltern veröffentlichen oft Bilder von Jugendlichen, ohne dafür eine Erlaubnis einzuholen.

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Öffentliche Kommunikation erfordert zusätzliche Maßnahmen zum Schutz der Privatsphäre, die Jugendliche oft kunstvoll einsetzen oder gar erfinden. Es handelt sich um technische Möglichkeiten, aber auch um den Einsatz von Codes, von Täuschungen oder die Erfordernis von Vorwissen. So können beispielsweise Songtexte oft dazu dienen, eine Aussage zu machen, die nur Jugendliche, die den Song und seinen Kontext verstehen, entschlüsseln können. So ist es möglich, für alle sichtbar zu sprechen, die Bedeutung des Gesagten aber nur ausgewählten Adressatinnen und Adressaten zugänglich zu machen.

Das Problem der Pornographie

In St. Gallen werden Kioskverkäuferinnen juristisch belangt, weil Pornografie sichtbar ausliegt, wie 20Minuten berichtete. Dieses Problem mutet anachronistisch an: Liegt doch Pornografie im Internet für alle sichtbar aus.

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Wie soll man als Erziehende mit diesem Problem umgehen?

Meiner Meinung nach gibt es vier mögliche Vorgehensweisen:

  1. Das Problem wird ignoriert, man tut so, als wäre nichts. 
  2. Man versucht, die pornografischen Inhalte von Kindern und Jugendlichen so lange wie möglich fernzuhalten: Ihr Surfverhalten zu überwachen, Blocksoftware einzusetzen etc.
  3. Man begleitet den Internetgebrauch von Jugendlichen und Kindern und spricht mit ihnen über ihre Erfahrungen – ohne im Voraus festzulegen, welche Erfahrungen das sein sollen oder nicht sein dürfen.
  4. Pornografie wird mit Jugendlichen zu einem gegebenen Zeitpunkt bewusst gemeinsam konsumiert, um eine offene Atmosphäre zu schaffen und medial dargestellte Sexualität verarbeiten und reflektieren zu können.

Es ist klar, dass die erste Haltung keine pädagogische ist und die zweite meistens vergeben: Klar kann man den Zugang erschweren oder ihn mit mehr Aufwand verbinden. Aber mit jedem WLAN-fähigen Gerät können Kinder in jedem Migrosrestaurant ins Internet und dort ansehen, was sie wollen.

Sinnvoll wäre also die Begleitung oder gar der pädagogisch verantwortete Konsum. Meiner Meinung nach kann ein Bewusstsein, dass die mediale Repräsentation von Vorgängen eine Selektion und eine Verzerrung der Realität ist, an anderen Gegenständen viel besser und einfacher gezeigt werden. Die Übertragung dieser Einsicht auf die Darstellung von Sexualität, also die Einsicht, dass inszenierte Sexualität nicht ein Abbild realer Sexualität ist oder gar eine Norm, kann Jugendlichen gelingen – sie kann aber auch ohne den Konsum von Pornografie erreicht werden.

Pädagogisch ist es wichtig, dass man mit Jugendlichen spricht, ihnen Fragen stellt, sie auch lobt. Es ist in einer solchen Atmosphäre sowohl zuhause wie auch in der Schule möglich zu fragen, ob sie schon pornografische Inhalte konsumiert haben und was sie dabei erlebt haben.

Das wäre meiner Meinung nach ein sinnvoller Zugang.

Kinder auf Social Media

Dieser Post hat zwei Teile: Zuerst möchte ich eine Diskussion nachzeichnen, die sich auf Twitter in den letzten Wochen abgespielt hat. Dann allgemein diskutieren, ob und wie Kinder auf Social Media präsent sein sollen.

Barbara und Mike Schwede sind in der Schweizer Social Media Szene bekannte Figuren. Ihre Expertise wird geschätzt, sie verdienen nicht nur ihr Geld mit Social Media sondern schulen auch andere Leute in der Benutzung neuer Tools. Zwei der drei Kinder von Barbara und Mike haben ein Twitter-Profil:

Die Schwedes haben – das eine erste Beobachtung – offenbar kein Problem damit, dass ihre Kinder mit Name (Vor- und Nachname lassen sich erschließen) und Fotos im Netz präsent sind (vgl. meinen Artikel dazu), sie stellen auch selbst Kinderfotos ins Netz.

Aufgrund der gesteigerten Aktivitäten der beiden Accounts gab es auf Twitter nachfragen, ich selber habe per Mail auch einige Fragen gestellt. Aus den Replys der Eltern versuche ich, ihre Haltung zu rekonstruieren:

  1. Die Eltern managen die Konten teilweise.
  2. Die Aktivitäten dienen dem Aufbau der Kompetenz.
  3. Hauptmotive der Kinder sind aber »Spass« und »ausprobieren« (vgl. auch hier).
  4. Die Eltern begleiten die Aktivität durch Monitoring, Gespräche und Instruktion.
  5. Sie überwachen sie aber nicht: »Überwachen fördert Misstrauen, Unselbständigkeit[] macht [s]chwach und gefährdet Kinder.«
  6. Es gelten »klare Regeln«:
    a) »keine DMs an Unbekannte, alle empfangen DMs von Unbekannten Eltern zeigen«
    b) »Following und Follower werden von Eltern regelmässig überprüft«
    c) »Twittern im Wohnzimmer«
    d) Keine privaten Informationen publizieren.

* * *

Wenn man über so genannt »neue Medien« nachdenkt, halte ich es für sinnvoll, sich die Praktiken im Umgang mit etablierten medialen Formen vor Augen zu halten. Alle, die das lesen, haben wohl in ihrer Kindheit gelernt, mit Telefon und Briefpost umzugehen. Die meisten Eltern haben dabei Medienkompetenz ähnlich herbeigeführt, wie das die Schwedes tun: Wenn Kinder Lust haben, Briefe zu schrieben oder zu telefonieren, dürfen sie damit beginnen. Sie werden von den Eltern dabei begleitet, sie zeigen ihnen, wie man eine Nummer einstellt, sich am Telefon meldet, eine Adresse schreibt, Briefmarken aufklebt etc. Schnell können auch gewisse Freiheiten gewährt werden: Kinder können mit der Oma telefonieren, ohne dass die Eltern zuhören; sie dürfen ihren Brieffreundinnen und Brieffreunden auch etwas schreiben, was die Eltern nicht durchlesen.

Es gibt aber zwei Gründe, die dafür sprechen, dass Internetkommunikation leicht anders gehandhabt wird:

  1. Die Öffentlichkeit.
  2. Die Permanenz.

In einem aufschlussreichen Vortrag hat danah boyd vom »unsichtbaren Publikum« gesprochen. Man weiß nicht, wer liest, was Kinder auf ihren Twitter-Konten schreiben. Im Normalfall lesen das wenige, die nicht besonders stark daran interessiert sind. Es könnte aber plötzlich an einem Tweet, einem Bild, einem Konto ein so großes Interesse aufkommen, das niemand das vorhersehen könnte – und zwar, aufgrund der Permanenz, auch zu einem unerwarteten Zeitpunkt. Mike Schwede selbst ist Experte darin, auch gelöschte Tweets wieder aufzufinden.

Konkret heißt das: Wenn Kinder auf Social Media aktiv sind, dann können Eltern nicht wirksam sicherstellen, mit wem sie in Kontakt treten, von welchen Menschen ihre Statements, Bilder, Video etc. gelesen werden und in welchem Kontext sie auftauchen. Das ist der konkrete Unterschied zu Telefongesprächen oder Briefen: Im schlimmsten Fall wird man von einer Unbekannten angerufen oder der eigene Brief wird von jemand Unbekanntem gelesen. Auf Twitter kann jede Aussage, jedes Bild in einen anderen Kontext verschoben werden und von einem Massenpublikum belacht, bestaunt, bewundert werden.

Noch eine weitere Bemerkung zur Medienkompetenz: Nutzung ist immer an Reflexion und Wissen über Medien gekoppelt – anders kann keine Kompetenz entstehen. Ob 8- bzw. 9-Jährige genug über Twitter wissen können und ihre eigene Nutzung reflektieren können, darf zumindest bezweifelt werden. Die Nutzung alleine führt nicht zu Kompetenz, es muss auch möglich sein, schrittweise die Verantwortung für sein Medienhandeln zu übernehmen. Generell bezweifle ich aus Lehrersicht, dass Nutzung um der Nutzung willen zu Kompetenz führt. Sinnvoll ist Mediennutzung dann, wenn sie mit einer konkreten Absicht (nicht »Spass« oder »ausprobieren«) gekoppelt ist: Also z.B. der Kommunikation mit den Großeltern.

Daher meine Empfehlungen an Eltern:

  1. Kein generelles Social Media-Verbot, wenn Kinder den Wunsch danach äußern.
  2. Kinder werden nicht notwendigerweise kompetenter in Mediennutzung, wenn sie früher damit beginnen.
  3. Nicht zulassen, wobei man sich als Eltern nicht wohl fühlt.
  4. Kinder dazu anhalten, zunächst einfach mal zuzusehen und dann bei den Eltern mitzumachen.
  5. Keine Bilder, auf denen Kinder zu erkennen sind, keine Namen, keine Orte. Die seltsame Nachbarin oder der Mann im Mantel von der Bushaltestelle sind beide auch auf Twitter.
  6. Social Media zunächst gezielt und innerhalb eines kleinen Bekanntenkreises einsetzen (möglichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit): Z.B. Onkel, Tanten, Großeltern.
  7. Den Kindern dabei helfen, verantwortungsvoll und reflektiert zu handeln.

Personal Learning Networks

In seinem Buch Net Smart beschreibt Howard Rheingold, wie er angefangen hat, sich über Social Media in der Bildung Gedanken zu machen:

[Übersetzung phw:] Als ich verstand, wer was über Social Media in der Erziehung wusste, schränkte ich meinen Fokus auf die ein, die am meisten wussten. Ich widmete meine Aufmerksamkeit denen, denen auch die Expertinnen und Experten Aufmerksamkeit schenkten. Ich fügte weitere Personen hinzu, entfernte andere; ich hörte zu, folgte und begann dann zu kommentieren und Gespräche zu führen. Wenn ich etwas fand, von dem ich dachte, es könnte auch die Menschen interessieren, von denen ich lernte, teilte ich es auf meinen Blogs und auf Twitter. Ich verbreitete auch Informationen, die ich von anderen erhielt. Ich stellte Fragen, bat um Hilfe, und begann denen zu antworten und Hilfe anzubieten, die weniger zu wissen schienen als ich.

Rheingold beschreibt, wie er unbewusst ein PLN, also ein Personal Learning Network aufbaute. Er empfiehlt eine einfache didaktische Übung, um die Möglichkeiten von PLNs im Unterricht zu demonstrieren: In Partnerarbeit sollten Fragen zu einem Unterrichtsthema gestellt werden. Wenn eine der Partnerinnen die Frage beantworten kann, stellt man weitere Fragen. Finden beide keine Antwort, schreibt man die Frage auf. Im Anschluss an diese Arbeitsphase treffen sich alle Lernenden und stellen sich die Fragen, auf die sie selbst noch keine Antworten gefunden haben. Meistens findet sich jemand, der oder die eine Antwort kennt.

PLN wenden diese Mechanismen nun in Netzwerken von Expertinnen und Experten an. Dabei lernen die Teilnehmenden für sich und miteinander. Sie suchen gemeinsam nach weiteren Lernenden, Lehrenden, Lernmaterialien, Methoden und Informationen.

Im Idealfall erfüllen PLNs zwei wichtige didaktische Forderungen: Erstens individualisieren sie Lernprozesse vollständig, zweitens ermöglichen sie eine permanente Reflexion der Lernprozesse, die zu einer kontinuierlichen Verbesserung der Lernmethoden und der PLNs führen.

Voraussetzung sind aber die digitalen Kompetenzen, die Rheingold in seinem Buch ausfühflich beschreibt, vordringlich die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit konzentrieren zu können und sich von den vielen Inputs und Beziehungen nicht ablenken zu lassen.

Die PLN-Kultur baut sich, so Rheingold, aus acht Prozessen auf. Sie sind am einfachsten zu verstehen, wenn man sich vorstellt, man wollte ein PLN zu einem völlig neuen Gebiet aufbauen: Sagen wir, im Internet mit Gebrauchtwagen handeln.

  1. In interessante Medien und Netzwerken offen stöbern.
  2. Gezielt nach Informationen und Expertinnen und Experten suchen.
  3. Ihnen auf ihren Kanälen folgen und sich überlegen, ob sich das lohnt.
  4. Sein eigenes Netzwerk immer wieder neu abstimmen und verbessern (man muss den Menschen, die einem folgen, selbst nicht folgen).
  5. Wichtige Informationen und Inhalte verbreiten: Mit inhaltlichem, sozialen oder auch Unterhaltungswert.
  6. Mit anderen Menschen in Beziehung treten: Nicht zu forsche Forderung stellen, sondern Aufmerksamkeit zeigen.
  7. Fragen stellen, besonders dann, wenn die Antworten auch für andere im eigenen PLN nützlich sein können.
  8. Auf Fragen antworten – auch hier nicht auf Gegenseitigkeit rechnen, sondern mit gutem Beispiel vorangehen.

So baut man soziales Kaptial auf, das auf Netzwerken beruht, in denen Vertrauen herrscht. Dieses soziale Kaptial befähigt einen, Lernprozesse außerhalb etablierter Institutionen durchzuführen. Während also PLNs einen wichtigen Stellenwert in der Schule einnehmen sollten (weil sie Lernen aus eigenem Interesse mit der Möglichkeit der Individualisierung verbinden), könnten sie dazu führen, dass sich Lernen vom Rahmen der Schule löst.

Bild aus Rheingold: Net Smart.

Wie aus Medienkonsum Lernprozesse entstehen

Ich lese im Moment Net Smart von Howard Rheingold – ein Buch, in dem es darum geht, welche Kompetenzen es braucht, um in einer Informationswelt, die von sehr schnellem Informationsaustausch und sozialen Netzwerken geprägt ist, den Überblick zu behalten, die Kontrolle zu erlangen und lernen zu können. Eine Rezension folgt.

Howard Rheingold in Amsterdam, 2010.

Rheingold erwähnt Dan Gillmors Buch Mediactive (hier online lesbar als CC-BY-NC-SA), in dem fünf Prinzipien entwickelt werden, wie Inhalten auf Social Media begegnet werden soll. Die Prinzipien sind schöne Beispiele dafür, wie sorgfältiger Konsum von medialen Inhalten eine breite Palette von Lernprozessen auslösen kann – eine der wichtigsten Thesen Rheingolds. Er erwähnt beispielsweise im Internet engagierte Jugendliche (z.B. Bloggerinnen, Youtuber, Gamerinnen), die trotz ausgiebigem Konsum einer Reihe von Fragestellungen explorativ nachgehen und eigenständig lernen. Rheingold zitiert Mizuko Ito:

Themen autonom nachzugehen aufgrund eines persönlichen Interesses, indem man zufällige Suchprozesse durchführt und ausprobiert, führt dazu, dass Jugendliche mehr Verantwortung für ihr Lernen übernehmen.

Hier Gillmors Prinzipien – in meiner Adaption – mit einem kurzen Kommentar:

  1. Sei skeptisch.
    Bevor man Informationen teilt, sollte man sie prüfen. Ideal ist die von Rheingold vorgeschlagene »Triangulationsmethode« – eigentlich reichen aber auch die klassischen zwei unabhängigen Quellen:  Wenn Informationen von drei bzw. zwei glaubwürdigen Quellen bestätigt werden, ohne dass die aufeinander Bezug nehmen, dann ist die Information glaubwürdig.
  2. Sei nicht allem gegenüber gleich skeptisch: Lasse dein Urteil walten. 
    Wer skeptisch ist, kann schnell dazu übergehen, dass Vertrauen in alle Information, die nicht von Freunden stammt, zu verlieren. Das ist gefährlich. Wir müssen Informationen beurteilen und riskieren, dass wir uns einmal getäuscht haben. Das ist weniger schlimm, als wenn wir keine Informationen mehr zur Kenntnis nehmen.
  3. Verlasse deine Komfortzone und deine Bubble.
    Suche immer auch nach Informationen, die deinen Haltungen widersprechen und widerlegen könnten, woran du und deine wichtigsten Bezugspersonen glauben.
  4. Stelle mehr Fragen.
    Gerade wenn man nach Informationen sucht, sollte man sich fragen, wie denn gute Antworten aussehen könnten. Das verbessert die Suche, ihre Resultate. Gleichzeitig helfen Fragen aber auch, eigene Lücken offen zu legen und ermöglichen in sozialen Netzwerken, von kompetenten Auskunftspersonen direkt wertvolle Informationen zu erhalten.
  5. Lerne Medientechniken verstehen und anwenden. 
    Seit einiger Zeit ist es unter JournalistInnen Mode geworden, das Programmieren zu erlernen. Sie lernen so eine Technik, die für den Umgang mit Daten entscheidend ist. Wenn sie sie aktiv beherrschen, sind sie auch in der Lage, zu verstehen, was mit Daten gemacht wird und wie man ihre Aufbereitung beurteilen kann.

Hier ein ganz einfaches Beispiel, wie spielerisches Konsumieren von Inhalten Lernprozesse auslösen können:

Das Wikipedia-Rennen. 

  1. Nimm einen aktuell relevanten Wikipedia-Artikel, z.B. »Gazastreifen«. Das ist der Start des Rennens.
  2. Versuche, von dort entweder zum Artikel des Tages zu gelangen (heute ist es »Dinosaurier«) oder zu einem zufälligen Artikel zu gelangen.
  3. Man darf nur immer auf einen Wikipedia-Link in einem Artikel klicken, um einen Schritt weiterzukommen.
  4. Jeder Link gibt einen Zug.
  5. Wer am wenigsten Züge benötigt, gewinnt.

(Mehr Beispiele gibt es in meinem Originalpost zum Spiel.)

Lösungsvorschlag Gazastreifen – Dinosaurier:  Gazastreifen – Liste deutscher Gemeinden nach Bevölkerungsdichte geordnet – BerlinMuseum für Naturkunde (Berlin) – Dinosaurier = 4 Züge. 

 

 

 

Rezepte gegen die Überforderung durch Smartphones im Unterricht

***(Ich biete Schulen, Lehrpersonen und Eltern Coachings und Schulungen zum Thema Smartphones im Unterricht an. Meine Kontaktangaben finden sich hier.)***

An der Kantonsschule Wohlen hat ein Lehrer ein teures Smartphone einer Schülerin unters Wasser gehalten, wie zuerst die Schülerzeitung NAKT berichtete (S.22). In der Aargauer Zeitung wird der Fall heute auch besprochen – zusammen mit einer Umfrage an den Kantonsschulen im Kanton Aargau, wie man mit Handy im Unterricht umgehe. Da ich die Arbeitsgruppe »Mobile Kommunikationsgeräte« an der Kantonsschule Wettingen leite, möchte ich kurz Stellung nehmen zum Vorfall.

Zunächst gilt es eine Überforderung einzugestehen: Mit den Smartphones ist das Internet im Unterricht präsent. Es geht nicht einfach um eine Ablenkungsquelle, auch wenn viele Lehrpersonen das so darstellen. Seit es Schule gibt, schreiben die Lernenden Briefchen, lesen Bücher, füllen Kreuzworträtsel aus. Ablenkung ist etwas, womit Schule umgehen kann. Die Überforderung entsteht, weil Schülerinnen und Schüler jederzeit Informationen abrufen können und mit anderen Menschen in Verbindung treten können. Dieser Überforderung muss man sich stellen.

Was sind nun Rezepte? Das einfachste Rezept wäre, sich darauf einzustellen und diese Tatsache produktiv zu nutzen. Es zu begrüssen, dass Informationen abgerufen werden können und Schülerinnen und Schüler dazu einzuladen, das auch zu tun. (Und natürlich reagieren, wenn Smartphones den Unterricht stören oder einzelne Schülerinnen und Schüler ablenken.)

Weiter braucht es klare Regeln, die zudem umsetzbar sind. In der Arbeitsgruppe haben wir zwei Verwendungsweisen unterschieden: Eine private und eine schulische.

Schulen können zwei sinnvolle Restriktionen verfügen: Entweder den privaten Gebrauch an der Schule gänzlich zu verbieten – und damit wohl auch das Mitbringen und Mitführen von entsprechenden Geräten (was zunehmend schwierig wird, weil wir bald auch mit unserem Taschenrechner oder unserer Uhr ins Internet können); oder aber in gewissen Räumen (z.B. Unterrichtsräumen, analog zum Essen) die Benutzung von mobilen Kommunikationsgeräten zu verbieten.

Der entscheidende Punkt ist die Umsetzung: Ist die Schule gewillt, entsprechende Ressourcen für die Durchsetzung dieser Regelungen bereit zu stellen? Kann sie sinnvolle Massnahmen oder Strafen festlegen, die einer Lernkultur nicht abträglich sind?

Ich würde eher für ein »Learner Profile« plädieren, das sich so lesen könnte:

Lehrpersonen, Angestellte und Schülerinnen und Schüler verwenden private und schuleigene technische Lernunterstützung. Sie vermeiden Ablenkungen vom Unterricht und vom Lernen unter allen Umständen. Da mobile Geräte die Konzentration und den sozialen Zusammenhalt stören können, wird die Nutzung an der Schule auf das Notwendige beschränkt.

Damit wird auch klar, dass entsprechende Lösungen immer Lehrpersonen mitbetreffen sollen und müssen.

Für den schulischen Gebrauch – der ja dann gerade wieder die nötigen Kompetenzen zum Umgang mit mobilen Kommunikationsmitteln vermitteln soll – gilt Folgendes:

Die Vermittlung von Kompetenzen muss immer mit einer Reflexion verbunden sein. Ist das nun das richtige Mittel für diese Aufgabe? Daraus sollte ein Bewusstsein entstehen, das dann auch den Privatgebrauch mit einschließt.

Portrait: Eine 14-Jährige auf Facebook

Im Tages-Anzeiger ist heute ein Auszug auf Ursula Eichenbergers Buch Vom Federhalter zu Facebook – vier Schweizer Kindheiten 1912–2012 (NZZ libroabgedrucktDer Auszug zeigt, wie die 14-jährige »Jamileh« (Pseudonym) Facebook nutzt. Eichenberger erzählt geschickt eine Geschichte einer Beziehung zu einer Facebook-Bekanntschaft, Dario. Sie endet damit, dass diese ein Bild so bearbeitet, dass Jamileh darauf oben-ohne zu sehen ist – gerade auch im Zusammenhang mit Pornoseiten, die Inhalte aus Facebook übernehmen hochproblematisch.

Der Artikel ist lesenswert. Zur Anschauung seien hier FB-Gespräche zitiert, wie sie unter Jugendlichen in der Schweiz auf Social Media üblich sind:

Fiona: Mega puff. shaads, was meinsch, chan ich das em marco so säge? (Es folgte, was Fiona an Marco zu schreiben plante) befor ich afange will ich, dass duh weish das ich dich über alles lieb! aber weish, ich finds mega sheisse, das duh mir nöd vertraush. ich lieb de francesco nöd. es entüsht mich mega das duh mich behandlish wie es spielzüg . . . ich lahn mir das eifach nöd gfalle amo! weish s gaht mer ums prinzip. das duh s gfühl hesh duh chash sege mit wem ich hänge und mit wem ichs gued ha dörf . . . mit mir chash das nöd mache.
Jamileh: guet gmacht, shnug 🙂
Fiona: shaads, danke das duh da bish ich finds nöd selbstverstendlich!
Während des Chats meldete sich Dario: hey ^.^ – mich vermisst?
Jamileh: äääh, nai, ^^ beleidigt? 😛
Dario: sehr
Jamileh: kai grund, känn di ja nöd ;–D
Dario: das cha sich ändere. wie laufts with fründe?
Jamileh: guet ;–D
Dario: und mit mier?
Jamileh: schiss 😛

Zwei Tage später

Dario: lebsh no? mich vermisst?
Jamileh: sicher ;–D du mich? 😛
Dario: nöd mal gshribe hesh -.-
Jamileh: will ich xait ha duh sötts mir & mer loost was d’frau seit
Dario: nur wenn mal mit mier abmachsh
Jamileh: das laht sich veribaare
Dario: muesch 🙂 Kino? >>>3
Jamileh: ich maach nöd eifach mit dir ume, wennd weg dem is kino wilsh chashs der abshmike ;-D
Dario: nai wett dich kennelerne.
Jamileh: im kino?
Dario: denn gömmer halt go shoppe xD
Jamileh: hahaha
Dario: ich bruche schueh mann
Jamileh: frau
Dario: biiiiiiitte chumm
Jamileh: muen luege
20 Minuten später Dario: shads? wo bish?

 

Sexting: Inhalte von Social Media direkt auf Pornoseiten

Die Diskussionen um Reddit bzw. den User violentacrez, ein soziales Netzwerk, wo in Unterforen in den USA legale, sexualisierte Bilder von Jugendlichen und Unwissenden verbreitet werden, führen zur Erkenntnis, dass Inhalte, die sich Jugendliche untereinander zusenden, von Pornoseiten verwendet werden. Das berichtet der Guardian.

Der Artikel zitiert die Internet Watch Foundation IWF:

88% of self-made sexual or suggestive images and videos posted by young people, often on social networking sites, are taken from their original online location and uploaded on to other websites.
[Übersetzung phw:] 88% aller selbstgemachten sexuellen oder anzüglichen Bilder und Video, die junge Menschen verbreiten, oft auf Social Media Seiten, werden auf andere Seiten hochgeladen.

Sobald Bilder ins Internet geladen werden, können sich nicht mehr kontrolliert werden. Bei sexualisierten Darstellungen ist dies besonders fatal – weil einerseits ein großes Interesse daran besteht, das mit industriellen Einnahmemöglichkeiten gekoppelt ist, andererseits die Bilder besonders intim sind.

Die IWF berichtet von jungen Menschen, deren Bilder von gestohlenen Handys oder Dritten ins Internet hochgeladen wurden. Die Folgen waren verheerend: Von der Gefährdung einer beruflichen Karriere bis hin zu psychischen Problemen und Suizidalität.

Rechtliche Möglichkeiten gibt es nur, wenn klar nachgewiesen werden kann, dass es sich bei den Bildern um in einem Land verbotene Kinderpornographie handelt.

David Wright vom UK Safer Internet Center sagt:

Much of the advice for children and young people is, quite rightly, to not ’sext‘. However, this research, coupled with our experience, demonstrates that it is still not uncommon.
[Übersetzung phw:] Der einfachste Rat für Kinder und junge Menschen ist: Kein Sexting. Unsere Untersuchungen und Erfahrungen zeigen aber, dass es immer noch verbreitet ist.

Sexting ist ein klarer Fall für die pädagogische Verantwortung in der Vermittlung von Medienkompetenz, die sich nicht darin erschöpft, die Funktionsweise von Tools kennen zu lernen.

 

Cyber-Mobbing: Die Pro Juventute-Kampagne

Pro Juventute will mit einer neuen Kampagne zu Cybermobbing Jugendliche und ihr Umfeld für das Thema sensibilisieren, wie die Organisation in einer Medienmitteilung schreibt. Die Kampagne erfolgt multimedial: Neben einem Clip (ganz unten) gibt es Plakate und eine Facebook-App (Klick aufs Bild).

Folgende Gründe für die Kampagne werden genannt:

  • Das Beratungsangebot 147.ch wird vermehrt wegen Cybermobbing in Anspruch genommen.
  • Die JAMES-Studie von 2010 zeige, dass »jeder fünfte Teenager schon erlebt habe, dass ihn jemand im Internet fertig machen« wolle.
  • Cyber-Mobbing ist nicht ortsgebunden.
  • Die Täter könnten anonym agieren.
  • Cyber-Mobbing ist der Hälfte der Jugendlichen als Begriff nicht bekannt, rund zwei Drittel wissen nicht, wo Hilfe suchen.
  • »Cyber-Mobbing kann von Schlafschwierigkeiten über Depressionen bis zum Jugendsuizid führen.«

Stephan Oetiker, Direktor von Pro Juventute, weist auf eine Überforderung von Lehrpersonen, Jugendlichen und Eltern hin:

Unsere Kampagne zeigt auf, dass: Cyber-Mobbing ein ernstes Problem ist. Wir wollen Jugendliche, Eltern und Lehrer sensibilisieren und Hilfsangebote wie die Notrufnummer 147 aufzeigen. Die Fachleute von Pro Juventute sind in ihrer täglichen Arbeit damit konfrontiert, dass sowohl Jugendliche wie Eltern und Lehrerpersonen überfordert sind mit dem Thema und sich dringend Unterstützung wünschen.

Pro Juventute setzt vor allem auf Prävention und Aufbau von Medienkompetenz. Die Organisation bietet so genannte »Medienprofis-Workshops« an.

* * *

Die Anlage der Kampagne finde ich sinnvoll: Systematischer Aufbau Medienkompetenz ist der Schlüssel im Umgang mit solchen Phänomene – ich berate Eltern und Schulen auch in solchen Fragen.

Die Kampagne selbst ist mir aber zu weit von der Online-Realität weg. Wir sehen ein männliches Model, dominierend ist das Blut, das fließt. Das wirkt drastisch: Es zeigt aber nicht psychische Bedrängnis, in die junge Menschen geraten, der Mix aus sozialen Anforderungen und Überforderungen, die Social Media mit sich bringen können.

Mir scheint es auch wichtig, dass man das Phänomen genauer fasst. »Fertig machen« im Internet ist nicht Cyber-Mobbing. Anonymität ist nicht der Grundmodus von sozialen Netzwerken. Und Medienkompetenz ist mehr als rechtliche Information und Reflexion.

In der NZZ kritisiert Ronny Nicolussi die Kampagne als Methode um an Spendengelder zu gelangen. Die angegeben Zahlen zur Häufigkeit von Cybermobbing seien stark übertrieben, zudem sei Cybermobbing fast immer ein Folgephänomen von bestehendem Mobbing – das Problem liege beim Mobbing, nicht bei der Internetkommunikation.