Vorstellung: Facebook für Eltern

Thomas Pfeiffer und Jöran Muuß-Merholz haben ein Buch mit dem Titel »Mein Kind ist bei Facebook – Tipps für Eltern« geschrieben.

Auf ihrer Homepage bieten sie einige Leseproben an, unter anderem auch zwei Kapitel als pdf:

Gut gefällt mir die Definition von Facebook als Balanceakt. Dabei werden einfache Richtlinien beschrieben sowie auch eine Rolle für Lehrpersonen oder Eltern definiert. Die konsequente Metaphorik ist verständlich, die Texte scheinen mir aber tendenziell etwas länger als nötig:

Es gibt keine einfache Wahrheit, nach der man genau weiß, was richtig und was falsch ist. Es lässt sich nur folgender allgemeine Grundsatz formulieren:

Du musst bei Facebook immer zwischen Offenheit und Geschlossenheit abwägen! So viel Offenheit wie nötig, damit Du Deine Ziele erreichst. So viel Geschlossenheit wie möglich, damit die unerwünschten Risiken und Nebenwirkungen möglichst unwahrscheinlich bleiben. […]

Die Höhe des Seils ist die Offenheit. Gleich alles mit allen teilen, gleich auch private und heikle Inhalte zu posten, das ist, also ob man gleich zu Beginn auf dem Drahtseil in großer Höhe einen Salto rückwärts ausprobiert. Das kann gut gehen, aber man kann auch leicht abstürzen. Also gilt: Ungeübte Facebook-Nutzer beginnen mit Geschlossenheit, mit harmlosen Inhalten und begrenztem Zugang für andere. […]

Das Auffangnetz unter dem Drahtseil gibt es bei Facebook nicht. Wenn man einen Inhalt veröffentlicht hat und daraus unerfreuliche Konsequenzen entstehen, kann man den Inhalt vielleicht noch löschen, aber die Folgen nicht mehr rückgängig machen. Als Ersatz für das Auffangnetz kann man sich eine „Gedanken-Probe“ erschaffen. Also: Man formuliere einen Inhalt und die gewünschten Einstellungen zur Privatsphäre, ohne den Inhalt aber tatsächlich abzusenden. Stattdessen zeigt man ihn sich selbst (oder Eltern, Freunden, Vertrauten) mit der Frage: Was könnte passieren, wenn ich das mit dieser Offenheit poste? […]

Der Trainer ist jemand, der schon Erfahrung auf dem Drahtseil hat und dem Neuling beratend zur Seite stehen kann. Dafür muss er nicht selbst jede Situation kennen, in die sein Schützling geraten kann. Häufig kommt es eher darauf an, die richtigen Fragen zu stellen oder einfach nur als Gesprächspartner zur Verfügung zu stehen.

Das Verbot von Smartphones in Schulen

Eine Lehrperson, die auf Facebook gemobbt worden ist, forderte als Reaktion ein Verbot von Smartphones:

Intelligente Handys sollten in der Schule verboten werden. «Wer glaubt, dass Smartphones nur zum Schreiben von SMS genutzt werden, ist naiv.»

Mit anderen Worten: Das Vorhandensein von technologischen Mitteln schafft die Möglichkeit zu ethisch verwerflichen Handlungen, die an einer Schule nicht geduldet werden sollen und müssen.

Ein solches Verbot gibt es an der Theodor-Storm-Schule in Husum (Deutschland). Die Schulordnung hält fest:

Die Nutzung elektronischer Medien jeglicher Art ist grundsätzlich für Schülerinnen und Schüler auf dem gesamten Schulgelände untersagt. Damit ist auch das Anfertigen von Bild- und Tonaufnahmen nicht gestattet.
Erlaubt ist hingegen die unterrichtliche Nutzung elektronischer Medien in Abstimmung mit der unterrichtenden Lehrkraft.

In einem ausführlichen Blogpost beleuchtet nun ein Schüler der Schule die Geschichte des Verbots und präsentiert die Argumente der Schülerschaft und die der Eltern bzw. der Lehrerschaft. Etwas zugespitzt hält er fest:

In den vergangenen Diskussionen ist es oft so verlaufen, dass wir viele Argumente brachten, es wurde einfach nicht zugehört. Die Eltern und Lehrer brachten uns immer wieder mit der Mobbingkeule zum Schweigen.

Die Argumente der Schülerschaft sind zusammengefasst vier:

  1. Cybermobbing kann nicht mit Verboten bekämpft werden – wer genug kriminelle Energie für Mobbing aufbringen kann, kann auch Verbote umgehen.
  2. Elektronische Medien sind für das Kerngeschäft der Schule, das Lernen, bedeutsam.
  3. Elektronische Medien haben eine wichtige Funktion im Berufsleben, auf das die Schule vorbereitet.
  4. Die Schule kann sich nicht gesellschaftlichen Entwicklungen verschließen.

Ein Medienverbot macht das Schulgelände zu einem Ort, der in puncto Mediennutzung nicht mehr der Lebenswirklichkeit entspricht. Das hilft dem Schüler herzlich wenig. Mit dem Verlassen des Schulgeländes ist er dann drin in der großen medialen Welt und hat am Ort des Lernens – nämlich in der Schule – nur begrenzte Erfahrungen für den sinnvollen Medieneinsatz gesammelt.

Diese Aussage kann man nun durchaus anders sehen: Die Schule kann sehr wohl ein Schonraum sein. Sie entspricht in vielen Hinsichten nicht der Lebenswirklichkeit: Schülerinnen und Schüler sind gehalten, Standardsprache zu sprechen, sich in eingeteilten Klassengruppen zu organisieren, sie werden geprüft und bewertet usw.

Was heißt das in Bezug auf ein Verbot von elektronischen Medien (gemeint sind wohl Mobiltelefone, Laptops und Tablets)?

  • Ein Verbot ist eine Kapitulation. Es zeigt, dass die Verantwortlichen den Schülerinnen und Schülern einen vernünftigen Umgang mit diesen Medien nicht zutrauen.
  • Ein Verbot könnte auch anders formuliert werden – als Profilierung der Schule. Im Blogbeitrag heißt es: »Es ist ja auch nicht so, dass die TSS eine “Bastel- Mal- und Singschule” ist.« Nun könnte die Schule gerade zu so etwas werden: Zu einem Raum, in dem das persönliche Gespräch wichtig ist, die Ruhe, die Reflexion etc. – also zu einem Raum, in dem elektronische Kommunikation ein Störfaktor wäre.
  • Mobbing oder Cybermobbing kann ein Verbot sicher nicht verhindern. Schülerinnen und Schüler werden auch ohne schulische Nutzung von digitalen Medien im Internet präsent sein, sich exponieren und Missbrauch erleben. Das heißt nicht, dass man die Augen verschließen sollte – aber gerade ein Verbot befördert eine Kultur, in der Lehrpersonen die Existenz der virtuellen Welt leugnen und ignorieren können.
  • Geräte zur Nutzung elektronischer Medien sind Instrumente. Sie machen gewisse Handlungen ganz leicht – Cybermobbing braucht keinen Mut und keinen Aufwand. Aber dennoch sind sie nicht der Grund für Mobbing.

Mein Fazit (hier weitere Überlegungen zum Umgang mit Smartphones): Schulen sollen sich die Frage nach einem Verbot explizit stellen – aber niemals den Begriff Verbot verwenden, sondern positiv von der Schulkultur, die angestrebt wird. Es darf nicht so aussehen, als verkünde man eine »Ich stelle mich gegen das Internet«-Parole, wie das der bloggende Schüler formuliert – und es darf auch nicht so sein. Persönlich halte ich aber einen verantwortungsvollen Umgang mit Technologie generell für besser als eine Verweigerung und ein Verbot.

Update 25. Juni 2012:

Die FAZ berichtet über den Umgang mit Handy in Schulen und lässt Kirstin Koch, die Jugendschutzverantwortliche der Stadt Frankfurt zu Wort kommen:

Handys und Internet gehörten nun einmal zum Leben dieser Generation und ließen sich nicht verbannen. „De facto läuft es trotz Verbots doch so: Die Schüler stellen ihr Handy lautlos, stecken es in die Tasche und holen es nach Ende der Stunde auf dem Gang, auf dem Pausenhof oder in der Toilette wieder heraus.“ Sie empfiehlt, das Medium Smartphone „positiv in den Schulalltag einzubringen“, also eine sinnvolle Nutzung aufzuzeigen. Die Schüler könnten per Handy Formeln suchen oder mit der eingebauten Kamera Tafelbilder abfotografieren, sagt Koch.

Rezension: Bleckmann – Medienmündig

 Die Medienpädagogin Paula Bleckmann verspricht in ihrem Buch »Medienmündig« (Klett-Cotta, 2012) eine Anleitung dafür, »wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umzugehen lernen«. Damit ist auch schon gesagt, was die Autorin unter Medienmündigkeit versteht – ein Begriff, das sie dem »Plastikwort« (Pörksen) Medienkompetenz entgegenhält:

[D]er »Kompetenz« [fehlen], zumindest in der öffentlichen Debatte, gleich zwei entscheidende Dinge: Erstens fehlt die Dimension der Reifung, also des Zeitlassens und Raumgeben im Verlauf der Ausbildung einer Persönlichkeit. Zweitens fehlt die Dimension der Selbstbestimtheit, der Zeitsouveränität, der Verhinderung von Abhängigkeit.

Während das Konzept der Medienmündigkeit im Buch klar gefasst ist – z.B. mit unten stehender Grafik -, werden die hier erwähnten Gefahren ständig wiederholt: Im Abschnitt über Prävention vergleicht Bleckmann Mediennutzung mit dem Rauchen. Das ist symptomatisch: Das Szenario der Sucht und die gesundheitlichen Schäden sind Leitthemen des Buches. Medienmündigkeit ist hauptsächlich Präventionsarbeit, das wichtigste Ziel für PädagogInnen und Eltern: Den Einstieg verzögern.
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Dabei argumentiert die Autorin zu wenig differenziert: Sie spricht mit Spitzer (2005; hier pdf mit Auszügen) von „Bildschirmmedien“, die für Kleinkinder sicher, für Grundschulkinder sehr wahrscheinlich und für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe wahrscheinlich schädlich seien.
Damit meint sie Fernsehen und Computer – ohne nach Inhalten und Tätigkeiten zu unterscheiden. Dabei lässt sie nicht nur die methodische Skepsis beiseite, die sie allen medienfreundlichen Studien entgegenbringt, sondern zeigt auch eine gewisse Ignoranz gegenüber den Entwicklungen der letzten 10 Jahre.
Trotz dieser Kritik lohnt sich die Lektüre – weil das Konzept der Medienmündigkeit durchdacht und überzeugend ist (siehe Auflistung der zentralen Entwicklungsziele unten). Es müsste gekoppelt werden mit einer nüchternen Sicht der medialen Möglichkeiten, die Chancen und Risiken in Beziehung setzt, anstatt Chancen auszublenden und vor Risiken bei jeder Gelegenheit zu warnen.

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Auf dem Blog von Klett-Cotta gibt es eine ausführliche Besprechung.

Facebook und die Missbrauchsgefahr

Bei der Berliner TAZ schreib Christian Gehrke in den letzten Wochen zwei Mal über die Missbrauchsgefahr, die entstehen kann, wenn sich Lehrpersonen und Schülerinnen und Schüler auf Facebook begegnen – eine Position, die auch Christian Füller vertritt. (Vgl. auch diesen Artikel dazu.)

Im Artikel vom 17. Mai formulieren Gehrke und die von ihm zitierten ExpertInnen diese Gefahr wie folgt:

Die nötige Grenze zwischen Lehrer und Schüler droht aus ihrer Sicht zu verwischen. Zu oft seien diese Verbindungen in jüngster Vergangenheit eskaliert, woraufhin Lehrer suspendiert wurden. […]
„Sieht eine Lehrerin auffällige Fotos oder Beleidigungen ihrer Schüler, steht sie vor schwierigen Entscheidungen. Ist das privat oder nicht? Soll sie einschreiten oder nicht?“, fragt sich Heinz-Peter Meidinger, Bundesvorsitzender des Deutschen Philologenverbandes. Ein Pädagoge sei zur Objektivität verpflichtet. Wenn er nur mit einigen Schülern „befreundet“ sei, sei er nicht mehr unabhängig, meint Meidinger. […]
Facebook fördert Täter immens – behauptet die Psychotherapeutin Julia von Weiler. Sie kämpft seit Jahren in dem Verein „Innocence in danger“ aktiv gegen Kinderpornografie und sexuellen Missbrauch im Netz. „Das ist eine große Möglichkeit, um die Verbindungen mit potenziellen Opfern zu verstärken und intim werden zu lassen, durchgängig und unausweichlich, 24 Stunden am Tag“, erklärt von Weiler. „Wenn wir über Facebook kommunizieren, sehen wir den Gesprächspartner nicht und interpretieren in seine Antworten etwas hinein. Das kann gefährlich werden, weil wir den Computer abschalten können, aber nicht unseren Kopf“, sagt die Psychotherapeutin.

Die Aussagen lassen sich zu vier Argumenten verdichten:

  1. Soziale Netzwerke erschweren es Lehrpersonen, innerhalb der professionellen Grenzen ihres Berufs zu agieren.
  2. Soziale Netzwerke schaffen Ungleichheiten zwischen Beteiligten und Unbeteiligten.
  3. Soziale Netzwerke werden bei Missbrauchsfällen häufig genutzt.
  4. Potentielle Täter werden durch soziale Netzwerke in Versuchung geführt.

Besonders das letzte Problem spricht auch eine von Gehrke später interviewte Expertin, die Psychologin Ethel Quayle an:

Und es geht zum Beispiel darum, welche Form und Inhalte digitaler Bilder nicht länger der professionellen Beziehung zwischen Lehrer und Schüler angemessen sind. Daraus ergibt sich dann beispielsweise häufig die Frage, wann der Erwachsene die Grenze überschreitet und eine romantische oder explizit sexuelle Beziehungen zu SchülerInnen beginnt. […]

In der Onlinekommunikation haben strategisch agierende Täter noch größere Vorteile gegenüber Jugendlichen, die eben nicht strategisch, sondern authentisch auf der Suche sind. Daraus ergeben sich mehr Möglichkeiten für Grenzüberschreitungen. Die Grenzüberschreitungen selbst sind denen in der Offlinewelt sehr ähnlich, und die meisten von uns erkennen, wo die Risiken liegen. Nämlich da, wo ein Lehrer zum Freund wird und beginnt, persönliche oder sexuelle Inhalte zu teilen. Hier lauert die Gefahr – dass LehrerInnen ihre Überlegenheit als einflussreiche Erwachsene über einen minderjährigen Schüler ausnutzen können.

Quayle spricht auch ein Argument an, das man generell für die Gegenposition vorbringen könnte. Gehrke hat im ersten Artikel einen Chemielehrer mit den Worten zitiert:

Idioten unter Lehrern, die mit ihren Schülern etwas anfangen wollen, würde es auch ohne Facebook geben. Die suchen auch so ihre Möglichkeiten.

Man könnte zum Schluss kommen, dass Facebook und die »reale Welt« nicht gesondert, sondern identisch seien: Missbrauch ist juristisch festgelegt und findet unter gewissen Bedingungen statt, die sich nicht dadurch verändern, wie kommuniziert wird.

Welche Sicht ist die richtige? Für sichere Aussagen fehlen meiner Meinung nach empirische Untersuchungen. Mutmassungen helfen nicht weiter. In meinen Empfehlungen habe ich festgehalten, dass ich Facebook und Twitter dann sinnvoll und unproblematisch finde, wenn die Kommunikation zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen/Schülern öffentlich einsehbar ist. Also: Eltern, Mitschülerinnen und Mitschüler und andere Lehrpersonen können mitlesen. Dies würde ich auch Schulen als Richtlinie empfehlen, andere, »private« Freundschaften zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen/Schülern würde ich nicht empfehlen. Eine scharfe Abgrenzung scheint mir schwierig: Lehrpersonen können Schülerinnen und Schüler auch privat kennen, bevor sie ein professionelles Verhältnis aufgenommen haben; gerade die vertrauensvolle Beratung in Krisensituation kann es erforderlich machen, dass schnell und nicht-öffentlich kommuniziert werden kann – etwas, was ja auch per Telefon oder SMS möglich ist.

Ganz grundsätzlich muss man über Facebook an Schulen reden und besprechen, wie man damit umgeht. Die Gefahr, dass pädophil veranlagte Lehrpersonen sich Opfer unter ihren Schülerinnen und Schülern suchen, kann man nicht durch Reglemente oder Verbote bannen. Lehrpersonen haben das Recht, privat soziale Medien zu nutzen – und Schülerinnen und Schüler ebenfalls. Wer meint, diese Profile ließen sich unsichtbar machen, kennt sich nicht aus. Wir hinterlassen Spuren im Netz und bieten Kontaktmöglichkeiten – das ist gerade die Idee von Kommunikation. Dass diese Kontaktmöglichkeiten missbraucht werden können, ist eine Tatsache – ihr kann man nur mit einem offenen Klima und zielgerichteter Prävention begegnen. Auch die Einrichtung von speziellen Lehrerprofilen auf Facebook ist keine Lösung für dieses Problem – weil auch sie die Möglichkeit bieten, privat Nachrichten und andere Medieninhalte auszutauschen.

Regeln für den Umgang mit Smartphones

Pause. In vielen Schulzimmern dasselbe Bild: Lehrpersonen wie Schülerinnen und Schüler holen ihre Smartphones hervor, checken neue Benachrichtigungen, tippen Mitteilungen, Statusupdates, Kommentare. Die Blicke versinken in den Geräten, die Nachbarin und die Freunde werden nicht mehr wahrgenommen, es gibt keine Räume mehr für Gespräche, für Streit, fürs Weiterdenken des Unterrichtsinhalt. Alle kapseln sich ab, in ihre eigene Welt, die doch eigentlich keine ist, sondern nur aus Daten besteht. 

Eine solche Beschreibung der Realität hört man in vielen Lehrerzimmern. Ist die Kritik gerechtfertigt? Brauchen Schulen eine Art Code of Conduct im Umgang mit Technologie? Oder sollen sie sogar Schulregeln erlassen, die Smartphones ganz oder teilweise verbieten?

Die New York Times berichtete kürzlich über eine Waldorfschule in Kalifornien, die auf Technologie verzichtet. Keine Computer in den Schulräumen, dafür viel physische Aktivität, Basteln, Tanzen, Kreativität. Drei Viertel der Eltern der Schülerinnen und Schüler diese Privatschule arbeiten in einem Beruf, der direkt mit moderner Technologie zu tun hat – und wollen ihre Kinder vor den schädlichen Einflüssen der Technologie schützen (vgl. dazu auch die Aussagen von Expertinnen und Experten in dieser Studie des PewResearch Centers).

Waldorf-Schulen (oder in der Schweiz: Rudolf Steiner-Schulen) gibt es schon 100 Jahre neben staatlichen Schulen. Sie sind Räume, wo Alternativen erprobt werden können – wo aber auch extreme Haltungen zum Ausdruck kommen, z.B. auch im Umgang mit moderner Medizin. Die Frage wäre: Ist diese Haltung die richtige?

Für die Schule der Zukunft gäbe es demnach zwei Leitvorstellungen:

  • Der digitalisierte »Schulraum«, der kein Raum mehr zu sein braucht, weil sich immer wieder lose Gemeinschaften bilden, die miteinander lernen, verbunden durch Netzwerke, in denen alles Lernen kooperativ ist, Wissen und Gemeinschaften flüssig, privates Lernen mit schulischem verschmilzt, eine Einheit bildet.
  • Der Schulraum als Schonraum, wo die Gefahren des Berufslebens, also der Stress, die Technik, der soziale Druck ferngehalten werden und eine ruhige Entwicklung möglich ist, Reflexionsprozesse, Bildung von sozialen Gefügen, die Selbstfindung.

Bei der Frage um die Rolle der Smartphones entscheidet sich, auf welche Schule der Zukunft eine Schule heute hinsteuert. Wer Smartphones als Medien des Lernens, als eine Erweiterung des Unterrichts und eine Möglichkeit, soziale Bindungen zu pflegen versteht, wird liberaler damit umgehen. Dann dürfen auch während des Unterrichts Smartphones benutzt werden – die Gefahr, dass sie eine Quelle für Ablenkung bieten, muss reflektiert werden. Im Artikel der New York Times sagt eine Lehrerin stolz, sie habe die Aufmerksamkeit der SchülerInnen, wenn sie Bruchrechnen mit einem selbst gebackenen Kuchen erkläre. Auch in der digitalisierten Schule kann Mathematik mit Backwaren erklärt werden, muss der Fokus auf etwas ausserhalb der digitalen Welt gelegt werden. Aber nicht nur.

Flickr, Whowired, CC-NC-BY

Alternativ trennt man die Welt der Schule von der technisierten Welt um sie herum ab. Auch so können Lernprozesse stattfinden. Ideal wäre meines Erachtens dann aber nicht ein starres Regelwerk, sondern eine Art Learner Profile – die ideale Schülerin, der ideale Schüler geht so mit seinem Gerät um. Regeln schaffen einen Graben zwischen denen, die sie etablieren und durchsetzen und denen, die sie befolgen müssen. Wäre man konsequent, so dürften auch Lehrpersonen keine Computer und Handys mehr verwenden, müssten ihren Unterricht wie vor 40 Jahren vorbereiten, mit Büchern, Tafelbildern und Ähnlichem.

Diese Entscheidung kommt auf alle Schulen zu.

Zum Schluss seien Gerald Raunig und Felix Stalder zitiert, zwei Professoren der Zürcher Hochschule der Künste, die in einem Aufsatz in der Zeit deutlich machen, dass die Vorstellung, Social Media und Gadgets seien Teil einer Scheinwelt, nicht mehr zeitgemäss ist – dass sich ganz andere Fragen stellen:

[A]uch das Problem der Abspaltung des Realen vom Medialen [stellt sich] nicht mehr in derselben Weise. Im kognitiven Kapitalismus geht es weniger denn je um eine Trennung zwischen »virtueller« Medialität und »realer« Sozialität. Mit den Social Media und den neuesten Gadgets der Bewusstseinsindustrie hat diese maschinische Sozialität längst ein Stadium erreicht, das Mensch-Maschine-Verhältnisse nicht mehr als Beziehung der Unterordnung beschreibbar macht. Real ist gerade das Anhängen an den Maschinen, das Begehren nach ihnen, schließlich auch die Abhängigkeit von ihnen. Nur vor dem Hintergrund dieses heute unhintergehbar gewordenen wechselseitigen Verhältnisses zwischen Mensch und Maschine lassen sich Wege finden, nicht vollständig dienstbar zu werden. Da gibt es keine Realität hinter dem »Schein« der Gadgets, kein »zweites Leben in der analogen und leibhaftigen Wirklichkeit«, genauso wie es keine Flucht gibt in das second life der virtuellen Netze.

Den Austausch in den Zwischenräumen neuer Medien und Maschinen zu verhindern und zu kriminalisieren ist weder erfolgversprechend noch eine adäquate Antwort auf die gegenwärtigen Herausforderungen. Verstellt wird dadurch lediglich der Blick auf die eigentlichen Fragen: Wenn es stimmt, dass Wissen in der Kooperation entsteht, was sind die heutigen Bedingungen der Kooperation? […] Wie können wir die existenzielle Absicherung von Wissens- und Kulturarbeit auf weitere Kreise ausdehnen? Wie können wir eine horizontale Kommunikation forcieren, in der nicht mehr ein Urheber am Anfang steht, sondern in der Mitte und durch die Mitte Serien der Autorschaft, Verdichtungen, Wendungen und neue Kombinationen entstehen? Wie können wir einen transversalen Intellekt erfinden, in dem die Zahl und die Vielfalt der »Geistigen« und ihrer Austauschprozesse immer weiter vervielfältigt werden?

Darf sich die Schule in die Social Media-Aktivitäten ihrer Schülerinnen und Schüler einmischen?

Ein Blogpost von Matt Levinson auf Mindshift geht der Frage nach, wie Eltern und die Schule mit Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen auf sozialen Netzwerken umgehen sollen.

Die Frage ist zunächst, ob es sich dabei um eine Aufgabe der Eltern handelt, um die sich die Schule so lange nicht kümmern muss, wie sie nicht Unterrichtsgegenstand ist. Tatsächlich lassen sich aus verschiedenen Gründen die Online-Aktivitäten an der Schule von privaten nicht mehr trennen:

  • Mit mobilen Geräten sind Schülerinnen und Schüler auch an der Schule mit privaten und zuhause mit schulischen Online-Aktivitäten beschäftigt.
  • Die sozialen Strukturen der Schule werden auch im Netz abgebildet – sowohl in einem privaten wie auch in einem schulischen Kontext.
  • An der Schule wie auch zuhause werden Email-Adressen verwendet, die dann den Zugang zu sozialen Netzwerken ermöglichen. Levinson schreibt, das wichtigste Ziel sei ein offenes Gespräch darüber, was es bedeute, ein Konto- und/oder eine Email-Adresse zu haben:

    [T]he most important goal is to maintain open communication, explaining to kids the responsibility that comes along with having an email account, and the need to ask an adult for help if the child feels uncomfortable with the nature of any online exchange.

Dieses Zitat zeigt, dass die Herausforderungen der digitalen Kommunikation nur in Zusammenarbeit zwischen Eltern und Schule zu meistern sind. Sowohl Schulen wie auch Eltern müssen offen kommunizieren und Regeln festlegen, die transparent sind. Diese Offenheit und Transparenz von Seiten der Schulen ermöglicht Eltern, ihre Erziehungsvorgaben daran anzuschließen und sich zu informieren.

Foto kenstein Flickr, CC BY-NC-ND

Vorstellung: Elternet

Auf der übersichtlich gestalteten Seite Elternet.ch bietet ein Verein in der Schweiz Informationen zur Medienerziehung speziell für Eltern an. Der Verein schreibt über seine Absichten:

Ziel des Vereins ist es, Eltern bei der Erziehungsarbeit im Bereich der digitalen Kommunikations- und Informationstechnologien zu unterstützen. elternet.ch versteht sich als Ergänzung zur Medienbidung in Schule und Ausbildung.

In einem Nachschlagewerk finden sich gut geschriebene Texte zu den verschiedenen Entwicklungsstufen von Kindern und Jugendlichen und zu einzelnen Sachthemen – ausgezeichnete Einstiegstexte für Eltern, die sich mit bestimmten Themen vertraut machen wollen. Zudem gibt es ein Glossar, in dem zentrale Begriffe definiert werden.

Auf der Seite Medien-Coaching.ch bietet derselbe Verein Unterstützung für Eltern in der Medienerziehung an (ebenfalls in der Schweiz). Der Verein wird dabei von Gesundheitsförderung Schweiz und einer Reihe von Kantonen gefördert. Im Zentrum stehen dabei neun Module, die laut 20Minuten seit dieser April 2012 angeboten werden:

  1. Internet, Handy & Co – was Eltern wissen sollen
  2. Neue Medien im Kindergartenschulalter
  3. Neue Medien im Primarschulalter
  4. Neue Medien im Sekundarschulalter
  5. Im Netz der Informationen
  6. Wir sind online. Wo seid ihr?
  7. Schutz, Sicherheit & Recht
  8. Cybermobbing, Porno & Gewalt – Schattenseiten der neuen Medien
  9. Games

Vorstellung: MinorMonitor. Kinder auf Facebook überwachen.

Mit verschiedenen Tools können die online- und offline-Aktivitäten von Kindern am Computer überwacht werden (das Apple Betriebssystem OS X ermöglicht es Eltern sogar, festzulegen, welche Wörter im Wörterbuch ausgeblendet werden sollen). Diese Überwachungskultur gedeiht insbesondere in den USA, wo insbesondere religiöse Kreise daran interessiert sind, gewisse Inhalte von ihren Kindern fernzuhalten – sie aber dennoch in der Nutzung von Neuen Medien schulen möchten.

Meine Empfehlung wäre, solche Tools immer transparent einzusetzen: Kinder also zu informieren, dass ihre Aktivitäten überwacht werden, dass die Eltern sehen können, welche Seiten sie besucht haben, welche Suchanfragen sie verwendet haben, was sie auf Facebook geschrieben haben. Transparent sollte ebenfalls sein, was die Eltern von Kindern erwarten, wenn sie auf Facebook oder im Netz aktiv sind.

MinorMonitor erfordert, dass man sich mit dem Facebook-Account des Kindes einloggen kann, das man überwachen möchte. Das Tool ist gratis und erfordert keine Installation von Software, man muss sich aber registrieren, um es nutzen zu können.

Man sieht an den folgenden Beispielen, dass das Tool nur in Bezug auf die Verwendung der englischen Sprache einen Sinne ergibt. Es durchleuchtet nach bestimmten Kriterien sämtliche Bilder, Kommentare und Freunde (dort achtet das Tool z.B. auf das angegebene Alter). [Die Bilder werden größer, wenn man draufklickt.]


MinorMonitor hat zur Werbung für den Dienst eine hübsche Infografik erstellt, die wiederum die Situation in den USA wiedergibt. Die Grafik zeigt insbesondere, dass sehr junge Kinder schon auf FB aktiv sind und dass Eltern verschiedene Methoden verwenden, um ihre Konten zu überwachen (z.B. werden sie ihre FB-Freunde).

 

 

Elternabende zu Social Media

Im Interview mit Pressetext hält Tobias Albers-Heinemann, Medienberater und Betreiber des Bogs »Medienpädagogik-Praxis« sein Credo in Bezug auf Social Media fest:

Medienpädagogik heißt in Zeiten von Social Media vor allem, Eltern für die Begleitung ihres Kindes fit zu machen.

Deshalb böten sich Elternabende an, in denen es hauptsächlich darum ginge, bei Eltern das Interesse an Medienpädagogik und Social Media zu wecken – das sei für eine wirkungsvolle Begleitung entscheidender als entsprechende Kompetenzen.

Sehr wichtig scheint mir eine transparente Information der Eltern, wenn Social Media in der Schule eingesetzt werden. Was sollte ihnen vermittelt werden?

  1. Was macht man in der Schule genau?
  2. Wie schützt die Schule die Privatsphäre von Schülerinnen und Schülern?
  3. Wie verhindert die Schule Cybermobbing in Schulprojekten?
  4. Welche Informationen über ihre Kinder sind nach oder während Schulprojekten öffentlich einsehbar?
  5. Welche Infrastruktur brauchen Kinder, um Lernaktivitäten auch zuhause optimal nachgehen zu können?
  6. Welche Lernziele verfolgen Projekte mit neuen Medien?

Wichtig ist auch ein Punkt, den Albers-Heinemann hervorhebt – der als Motto für den Umgang mit Social Medie im schulischen Kontext gelten könnte:

Nutzung heißt aber noch nicht kluger Umgang. Die Frage lautet deshalb, wie weit sich die Schule erlauben darf, nicht auf diesen Zug aufzuspringen und nötige Kompetenzen zu vermitteln.

 

Facebook und junge Frauen: Eine Studie und eine App

Der Psychologe und Arzt Leonard Sax hat ein Buch über krisenauslösende Momente im Leben junger Frauen geschrieben: Girls on Edge. Er behauptet, Facebook mache junge Frauen unglücklich. Konkreter: Je mehr Zeit eine junge Frau auf Facebook verbringe und je mehr FB-Freunde sie habe, desto eher würde sie depressiv.

Er argumentiert wie folgt: Erstens würde auf Facebook ein Vergleich der Lebensqualität vorgenommen. Je mehr andere Menschen man sehe, die scheinbar glücklich sind, desto unglücklicher fühle man sich selbst, weil das eigene Leben im Vergleich mit den auf Facebook präsentierten Leben nicht standhalten könne. Zweitens würde man auf Facebook gezwungen, eine hohe Zahl an halb-intensiven Freundschaften zu pflegen, was einen der Fähigkeit beraube, wenige, ganz enge Freundschaften zu unterhalten, die man aber in diesem Alter brauche.

Sax empfiehlt Eltern, die Zeit zu limitieren, in denen Mädchen auf Facebook aktiv sein dürfen. In den Zeiten des mobilen Internets eine schwer umzusetzende Forderung.

Eine ganz andere Gefährdung junger Frauen (und auch von jungen Männer, darf man anfügen) wurde durch die App Girls Around Me aufgezeigt. Die App ermöglicht den Benutzern, zu sehen, wo in der Umgebung sich Frauen aufhalten oder aufgehalten haben – und zeigt Bilder, Statusupdates und weitere Informationen dieser Frauen an.

Bildquelle: cultofmac.com
Bildquelle: cultofmac.com

Man könnte nun meinen, die App zeige Prostituierte an oder Frauen, die sich bei dieser App registriert haben – das ist aber falsch. Die App hat systematisch Facebook und Foursquare gescannt und Daten verwendet, die Frauen (meist ohne ihr Wissen) auf diesen Diensten öffentlich sichtbar machen. Noch einmal: Die hier abgebildeten Frauen wussten nichts davon, dass sie in dieser App auftauchen.

Mittlerweile wurde die App aus dem App-Store gelöscht, wie auch die NZZ berichtet. Dennoch ist das ein eindrückliches Beispiel, wie die öffentlich verfügbaren Informationen verwendet werden können. Der Fokus auf jungen Frauen ist dabei nicht nötig – die Gefährdung ignoriert Geschlechtergrenzen.

Update, 5. April 2012: Auf dem feministischen Blog der Mädchenmannschaft wird eine andere Perspektive eingenommen, die gut nachvollziehbar ist. »Wenn Sie für einen Dienst nichts bezahlen, sind Sie offenbar nicht Kundin oder Kunde, sondern die Ware, die verkauft wird«, zitiert das Blog Andrew Lewis. Gerade das Verkaufen von Frauen und das Stalken von Frauen sei das Problem. Dagegen müsse angegangen werden:

Was wir in der Debatte brauchen, ist die klare Ansage, dass Stalking nicht ok ist, auch wenn das Opfer es einem „leicht“ macht. Was wir nicht mehr brauchen, sind Ratschläge an Frauen, sich öffentlich unsichtbar zu machen.