Schulbibliotheken 2.0

Schulbibliotheken oder –mediotheken könnten für die Neuorganisation der Arbeit an einer Schule eine zentrale Schnittstelle sein: Sowohl für Lehrpersonen wie auch für Schülerinnen und Schüler gab es vor wenigen Jahren wenige Arbeitsschritte, in denen die Materialen einer gut geführten Bibliothek nicht hilfreich waren. Mit digitalen Hilfsmitteln werden zentrale Angebote ersetzbar: Nachschlage- und Referenzwerke werden komplett digital abgefragt, Medien auch digital genutzt und entliehen.

Welche Aufgaben könnte und sollte das geschulte Personal in Bibliotheken während und nach dem digitalen Wandel übernehmen? Wofür sollten die Ressourcen, die heute in die Anschaffung von Büchern und Medien fließen, künftig investiert werden?

Vancouver Library.
Vancouver Library.

Der Social Media-Berater Christoph Deeg schlägt vor, dass sich der Schwerpunkt von Mediotheken vom Bestand- zum Serviceangebot verlagern sollte. Kunden könnten Beratungen und Coaching im Umgang mit digitalen Medienangeboten erhalten: Wie können Sie Bücher im Internet entleihen? Wie lassen sich verschiedene EBook-Formate ineinander umwandeln? Wo lassen sich legal Medienangebote kostenlos beziehen? Wie kann das Digitalisieren von analogem Material erleichtert werden? Zudem würde auch ein sinnvolles kostenpflichtiges Angebot an einer Schule bezogen: Viele Fachpublikationen lassen sich digital abonnieren und über interne Netzwerke verteilen. Oft braucht es aber bei Lehrenden wie Lernenden viele Hinweise, bevor an einer Schule bekannt wird, dass auf Medienarchive, Nachschlagewerke und wissenschaftliche Zeitschriften online zugegriffen werden kann.

Beim Umstellen auf neue Formen von Arbeitsorganisation müssten also die Ressourcen der Bibliothek – das heißt die Arbeitszeit des dort arbeitenden Fachpersonals, aber auch die finanziellen Mittel – zur Unterstützung eingesetzt werden. Beim digitalen Wandel wird sich deutlich zeigen, dass Beratung und Begleitung wichtiger sein wird als das Anschaffen von neuen Geräten. Bevor also die Mediotheken im großen Stil Ebook-Reader anschaffen und neue Medienformate selber lagern, könnte es sinnvoll sein, von der Orientierung an einer Mediensammlung auf das Angebot von Beratung bei der Nutzung Neuer Medien umzustellen.

Schulkultur und Social Media

Eine Schulkultur, also die Gesamtheit von Umgangsformen, Erwartungen, Traditionen und Symbolik einer Schule und ihrer Gemeinschaft, ist eigentlich eine Schulkommunikationskultur. Als solche ist sie Veränderungen der Kommunikationspraxis direkt ausgesetzt und davon betroffen. Gerade auch deshalb, weil fast jeder Prozess, der Schule ausmacht, in Social Media abbildbar ist.

Beuth Schule Berlin. everythingandme, society6.
Beuth Schule Berlin. Clemens Behr, society6.

Welche Einflüsse kann Social Media auf die wesentlichen Bestandteile von Schulkultur haben? Zunächst ist die Antwort ganz einfach: Ohne Kommunikation gibt es keine Schulkultur. Sie etabliert Normen und Werte in Bezug auf die Interaktion der Lehrenden und Lernenden an einer Schule und legt fest, welche Erwartungen berechtigt und welche unberechtigt sind. Social Media verändert Kommunikation und damit auch diese Normen, Werte und Erwartungen. Diese Veränderung ist nicht eindimensional zu beschreiben. Einige Verbindlichkeiten werden abgebaut: Ist es unabhängig von Ort und Zeit möglich zu kommunizieren, so wird die Möglichkeit genutzt. Sie ersetzt dann geplante, frühzeitige Informationsprozesse. Andererseits ist damit auch die Erwartung verbunden, dass die Möglichkeiten genutzt werden. Die Einführung von Email kann aus einiger Distanz als erster Schritt in diese Richtung betrachtet werden: An einigen Schulen ist es heute üblich, dass sich kranke Schülerinnen und Schüler vom Unterricht bei all ihren Lehrpersonen per Email abmelden. In der Konsequenz führt das aber auch dazu, dass vor Unterrichtsbeginn Emails gelesen werden müssen – auf beiden Seiten entsteht eine höhere Verbindlichkeit.

Das Beispiel zeigt, dass neue Kommunikationsformen die Entwicklung neuer Normen und Werte erfordern. Das Bestehen auf einer bewährten Kommunikationskultur durch den Ausschluss Neuer Medien ist eine höchstens mittelfristig sinnvolle Strategie, die sich immer stärker von der medialen Wirklichkeit der Familien und der Jugendlichen entfernt und damit aufwändiger zu vermitteln sein wird. Entscheidend ist aber, dass eine kommunikative Kultur mit Social Media erarbeitet wird. Der Ethnologe Daniel Miller hat am Beispiel von Facebook gezeigt, wie das soziale Netzwerk in verschiedenen Kulturen ganz andere Formen annimmt. Es gibt, so seine Hauptthese, nicht ein Facebook, sondern in jeder Kultur ein ganz anderes. Analog gibt es nicht einfach Social Media mit festgelegten kommunikativen Verhaltensweisen, sondern kulturelle Prägungen von Social Media. Jede Schule kann und soll Social Media entsprechend vorhandener Werte und Normen formen.

Auszug aus der Präsentation der Helene-Lange-Schule.
Auszug aus der Präsentation der Helene-Lange-Schule.

Die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden war 2007 Trägerin des Deutschen Schulpreises der Robert Bosch Stiftung. In einer Dokumentation zur Schulkultur  sind folgende Stichworte festgehalten:

  • Beziehungen zwischen Menschen
  • Das bin ich – das sind wir. Einander kennen heißt einander akzeptieren.
  • Wertschätzung der Leistung jedes Einzelnen.
  • Klassenraum als »Zuhause«, die Klasse gibt Halt.
  • Rituale geben Orientierung.
  • Verantwortung übernehmen: Selbständig das Lernen organisieren.; Schüler helfen Schülern; wir leben in einer Welt.
  • Das Lehrerteam: Unterricht und Organisation, Evaluation, Schulentwicklung, Fortbildung, Aufgaben und Ämter.
  • Schule dem Leben außen öffnen.
  • Schule ganzheitlich leben: Fächerübergreifende Projekte.

An diesen Beispielen sieht man, dass gerade die individuelle und die soziale Komponente von Social Media geeignet sind, Schulkultur in einem positiven Sinne zu ermöglichen. Fast alle der hier zitierten Schlagwörter können direkt auf den Umgang von Jugendlichen mit Social Media bezogen werden: Auch dort gibt es ein Zuhause in einer Community, erhält jede und jeder Einzelne für Leistungen Aufmerksamkeit, findet Organisation durch Selbstorganisation statt, werden Verbindungen zwischen Themen und eine Öffnung nach außen leicht gemacht.

Twitter-Aktivitäten während der Tatort Sendung.
Twitter-Aktivitäten während der Tatort Sendung (Januar 2010).

Das heißt wiederum nicht, dass es ohne das Web 2.0 keine Schulkultur mehr geben kann. Aber die Befürchtung, sein Einsatz gefährde den Zusammenhalt und bewährte Konzepte, ist nur dann berechtigt, wenn neue Kommunikationsmittel nicht in die Kulturarbeit an einer Schule integriert werden. Wer länger Teil einer auf Social Media aktiven Gemeinschaft war, kann bestätigen, dass sich dort Menschen kennen lernen, die sich akzeptieren und wertschätzen und so gemeinsam auch Rituale pflegen. Jeden Sonntag Abend verbinden sich im deutschsprachigen Raum Tausende Menschen auf Twitter, um sich über den laufenden Tatort-Film auszutauschen. Sie finden dort eine Gemeinschaft, die ähnliche Interessen teilt, werden gehört und hören zu. Solche virtuellen Rituale sind auch einer Schulgemeinschaft zugänglich. Sie ermöglichen dann eine Verbindung auch im privaten Bereich, schaffen einen virtuellen Klassenraum, der auch dann ein Zuhause ist, wenn sich die Schülerinnen und Schüler nicht darin befinden.

Kontrollverlust und Filtersouveränität

Wie jede technische Innovation wurden auch die Möglichkeiten sozialer Vernetzung im Internet von Anfang an als Gefahr wahrgenommen. Fast zehn Jahre bevor Facebook erstmals im Netz auftauchte, lief in den Kinos ein Thriller mit Sandra Bullock in der Hauptrolle. The Net  (Irwin Winkler, 1995) zeigt eine Computerspezialistin, die ihre Beziehungen und geschäftlichen Kontakte praktisch komplett übers Internet abwickelt. Dies führt im Lauf des Films dazu, dass sie die Kontrolle über ihren Besitz, ihr Leben, ihre Beziehungen und ihre Identität verliert: Ihre Kreditkarten sind ungültig, ihre Sozialversicherungsnummer einer vorbestraften Frau zugeteilt, ihr Haus wird verkauft. Das Internet wird von der effizienten Technologie zur lebensbedrohlichen Waffe, die sich gegen die Benutzerin selbst wendet.

Diese düsteren Hollywood-Vision beschreiben keine Realität – aber sie zeigen, wie stark die Ängste sind, die mit der Gestaltung einer Online-Identität und der Pflege eines digitalen Beziehungsnetzes zusammenhängen. Wenn es sich letztlich nur um Daten handelt, die abbilden, wer ein Mensch ist und mit wem er in Kontakt steht, dann scheint es naheliegend, dass diese Daten missbraucht werden.

492741_6984057_lz

Michael Seemann, ein deutscher Kulturwissenschaftler, der in seinen Arbeiten die gesellschaftlichen Veränderungen durch digitale Technologie nachzeichnet, fasst diese Zusammenhänge wie folgt zusammen:

Die These vom Kontrollverlust besagt, dass wir zunehmend die Kontrolle über Daten und Inhalte im Internet verlieren. Betroffen ist jede Form der Informationskontrolle: Staatsgeheimnisse, Datenschutz, Urheberrecht, Public Relations, sowie die Komplexitätsreduktion durch Institutionen.

Die Vorstellung von »informationeller Selbstbestimmung«, die viele Menschen haben und die auch rechtlich dokumentiert ist, ist angesichts der Möglichkeiten der Datensammlung, der Datenspeicherung und insbesondere der Datenverknüpfung nicht mehr länger haltbar. »Ein Kontrollverlust entsteht, wenn die Komplexität der Interaktion von Informationen die Vorstellungsfähigkeiten eines Subjektes übersteigt«, schreibt Seemann (pdf, S. 74). Er gibt dafür zwei Gründe an: Erstens bilden mobile und stationäre Aufzeichnungsgeräte die Welt heute digital ab; es gibt keine Handlung, die nicht zu einem Datensatz führen könnte. Zweitens ist es im Internet praktisch kostenlos möglich, Informationen weiterzugeben. Die Konstruktion des Internets ist dem Schutz von Daten entgegengesetzt, weil sie die Zirkulation von Daten erfordert.

Regierungen versuchen dem Kontrollverlust durch immer restriktivere Gesetzgebung in Bezug auf Internetkommunikation beizukommen. Nach dem Vorbild von China gibt es mittlerweile eine Reihe von Ländern, die Inhalte im Internet blocken und den freien Austausch von Informationen behindern. Die Organisation Reporters Without Borders zählt neben China elf weitere Ländern zu den »Feinden des Internets«, 14 weitere Ländern stehen unter Beobachtung, darunter auch Frankreich, Australien und die Türkei (Reporters Without Borders, S. 2) Bezeichnend ist, dass es in diesen Ländern für Expertinnen und Experten immer noch möglich ist, die Sperren zu umgehen und Informationen zu verbreiten, die Bemühungen zur Kontrolle also auch scheitern, wenn sie von Regierungen mit enormen Aufwand unternommen werden. Das heißt nicht, dass die Zensurbestrebungen nicht verheerende Folgen für die Grundrechte der Menschen in diesen Ländern hätten; aber es zeigt, dass der Kontrollverlust in der Internetkommunikation eine Tatsache ist, die nicht rückgängig zu machen ist.

Bildschirmfoto 2012-12-18 um 11.16.30

Diese Einsicht führt Seemann dazu, den Kontrollverlust zu akzeptieren und mit einem ethischen Konzept der Filtersouveränität zu koppeln:

Die Freiheit des Anderen, zu lesen oder nicht zu lesen, was er will, ist die Freiheit des Senders, zu sein, wie er will. «Filtersouveränität», so habe ich diese neue Informationsethik genannt, ist eine radikale Umkehr in unserem Verhältnis zu Daten.

Praktisch bedeutet das, dass Informationen so mitgeteilt werden sollen, dass andere in der Lage sind, Filter einzusetzen. Zu denken sind Beispielsweise an Werbefilter: Moderne Browser ermöglichen die Installation von Zusatzprogrammen, die Werbung im Internet komplett ausblenden (z.B. AdBlock). Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Instragram zwingen User immer stärker dazu, sich auch Werbung anzusehen, indem sie direkt in die Funktionalität der Werkzeuge eingebunden wird. Wer die Dienste nutzen will, muss sich Werbung ansehen. Filtersouveränität wird verhindert.

Würde man Seemanns Überlegungen auf die Schule beziehen, so müsste man Schülerinnen und Schülern basierend auf der Einsicht, dass Lehrpersonen nicht kontrollieren können, was mit ihren Inhalten und Inputs passiert, die Freiheit gewähren, aus dem Informationsausgebot auszuwählen.

Filter allgemein verstanden ermöglichen die Suche nach erwünschten und das Ausblenden von unerwünschten Inhalten. Sie sind deshalb wichtig, weil die Speicherkapazitäten digitaler Medien heute die menschliche Fähigkeit, Daten zu verarbeiten, bei weitem übersteigern. Das zeigt das Potential dieser Entwicklung: Von Lehrerseite her kann jede Redundanz vermieden werden. Lehrvorträge müssten einmal gehalten werden und wären dann immer abrufbar, auffindbar. Dadurch könnten viel mehr interessante Referate zu verschiedenen Themen entstehen, eine Beschränkung auf ausgewählte Themen um Schülerinnen und Schüler nicht zu überfordern, wäre nicht nötig – da sie ja ihre eigenen Filter einsetzen und mit denen Überforderung verhindern. Die Fähigkeit, Filter einzusetzen, stellt eine wesentliche Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien dar.

Schulgespräche mit Expertinnen und Experten via Twitter

Der direkte Kontakt mit Wissenschaftlerinnen, Künstlern, Politikerinnen und anderen Persönlichkeiten ist für Schülerinnen und Schüler von großem Wert. Sie sind Perspektiven ausgesetzt, die nicht primär mit dem Unterrichtskontext zu tun haben und erhalten direkten Zugang zu wichtigen Themen.

Oft erlebe ich es so, dass Klassen etwas überfordert sind mit solchen Begegnungen. Sie freuen sich darauf, sie hören dann aufmerksam zu – trauen sich aber kaum, ein echte Gespräch zu eröffnen. Nach wenigen zögerlichen Fragen zeigt sich dann in der Nachbesprechung, wie interessiert sie waren und wie viel sie zu einer interessanten Diskussion hätten beitragen können, nicht nur durch Fragen, sondern durch eigene Meinungen, Erlebnisse etc.

Laptop_Classroom1

Die Durchführung eines solchen Gespräches via Social Media bzw. Twitter hat viele Vorteile. Ich beziehe mich auf die Beschreibung eines Kommunikationskurses der Rutger University, wo ein Live-Gespräch mit Nathan Jurgenson, einem der interessantesten Theoretiker von Social Media (vgl. seine Gedanken zu digitalem Dualismus), durchgeführt wurde. Die verantwortliche Dozentin, Mary Chayko, beschreibt wichtige Aspekte, die bei einer solche Online-Begegnung beachtet werden müssen, damit sie erfolgreich durchgeführt werden kann:

  1. Die Klasse muss mit den technischen Mitteln und ihrem Einsatz so vertraut sein, dass keine Hindernisse entstehen. Idealerweise verwendet man eine Plattform, die Schülerinnen und Schüler kennen und nutzen. 
  2. Die Begegnung muss vorbereitet werden. Neben intensiver Lektüre relevanter Texte hat Chayko alle Lernenden gebeten, eine Frage zu formulieren und ihnen dazu ein Feedback gegeben. So kommt sicher eine Konversation in Gang.
  3. Die Person, mit der man spricht, muss ein solches Gespräch führen können, unter Umständen mit wenig Moderation durch die Lehrperson.
  4. Das Gespräch muss im Unterricht nachbearbeitet und ausgewertet werden.
  5. Der Einsatz von solchen Gesprächen muss sehr dosiert erfolgen (z.B. ein Mal pro Semester), er ist sehr aufwändig.

Nathan Jurgenson zog eine statistische Bilanz, wie oft er gefragt wurde und wie viele Antworten er gab:

http://twitter.com/#!/nathanjurgenson/status/258350385834643456

Chayko bewertet das Ergebnis als positiv – trotz des großen Aufwands. Das schönste Ergebnis war, dass sich ein face-to-face Backchannel ergeben hat. Das muss kurz erklärt werden: Oft wird Social Media als Backchannel bezeichnet: Bei Konferenzen, Sitzungen oder im Unterricht ergibt sich heute oft eine zweite Gesprächsschicht auf Social Media, wo andere Fragen gestellt und andere Themen diskutiert werden. Diese Backchannels können durch »Twitterwalls« sichtbar gemacht werden. Im Falle der Klasse von Chayko war der Backchannel aber im Unterricht: Die Studierenden haben gelacht und miteinander geredet, während sie mit Jurgenson diskutiert haben:

But my favorite outcome was the way the face-to-face “backchannel,” and the class as a community, began, during this event, to coalesce.

Zum Schluss noch ein technischer Hinweis: Mit Google+ ist es auch möglich, mehrdimensionale Begegnungen durchzuführen. Wie der Screenshot von Roland Gesthuizen zeigt, kombiniert es Videotelefonie mit Chats und gemeinsamer Bearbeitung von Dokumenten. Das kann für Gruppenarbeiten sinnvoll sein, würde bei Begegnungen aber auch ermöglichen, dass der Gast einen Vortrag halten könnte in einer Klasse und dann per Chat oder per Video befragt werden könnte.

ACCELN hangout  activity Screen Shot 2012-10-29 at 10.07.55 PM

Artikel im HEP-Magazin: »Social Media lösen ein, was moderner Unterricht fordert«

Fürs Magazin des HEP-Verlags habe ich einen Artikel geschrieben, in dem ich gezeigt habe, dass der Einsatz von Social Media im Unterricht sinnvoll ist. Das Magazin (2/2012) kann hier als pdf runtergeladen werden. Der Artikel zuerst als Bild (wird größer, wenn man draufklickt), unten auch als kopierbarer Text.

Die Möglichkeiten digitale und soziale Medien für Lernprozesse lassen sich an konkreten Unterrichtsbeispielen am besten verstehen. Vier Beispiele sollen zeigen, wie Social Media Unterricht verbessern und vereinfachen können. 

  • Hausaufgaben  können auf einer Online-Plattform festgehalten werden, wo Abwesende nachschlagen, Probleme könnten direkt diskutiert und ausgeräumt werden – mit oder ohne Beteiligung einer Lehrperson. 
  • Es ist möglich, ganze Unterrichtsteile ins Internet zu verlagern: Lehrvorträge könnten, gerade in naturwissenschaftlichen Fächern, als Lernvideos zuhause bearbeitet werden – damit in den Lektionen Zeit für Diskussionen, selbständiges Forschen und Experimentieren bleibt. 
  • Für geisteswissenschaftliche Fächer besteht die Möglichkeit, unterrichtsbegleitende oder thematische Blogs einzurichten, auf denen entweder die ganze Klasse oder einzelne Lernende Zusammenhänge fortlaufend formulieren, während sie von anderen Klassenmitgliedern per Kommentar Feedback erhalten. 
  • Viele Schülerinnen und Schüler beteiligen sich nicht am mündlichen Unterricht. Ihnen könnte man erlauben, per Smartphone Kommentare abzugeben oder Fragen zu stellen, die parallel auf einer Leinwand eingeblendet werden. 

Zu diesen Beispielen einige Bemerkungen: Social Media werden meist mit Facebook in Verbindung gebracht, und damit mit dem Abbilden von Freizeitaktivitäten und der Verletzung der Privatsphäre. Diese Bedenken sind für den Einsatz im Unterricht gegenstandslos: Benutzt werden schulspezifische Plattformen, in denen die Lernenden und die Lehrpersonen geschützt und unter sich sind (z.B. lore.com). Zudem werden Social Media längst für professionelle Kommunikation mit gehaltvollen Inhalten eingesetzt, zum Beispiel im journalistischen, politischen oder wissenschaftlichen Bereich. 

Social Media lösen das ein, was eine moderne Vorstellung von Unterricht einfordert: Die Lernenden sind aktiv, tauschen Wissen direkt aus und bringen ihre privaten Interessen in schulische Lernprozesse ein. Dennoch sollen sie wirkungsvolle Lehrmethoden nicht ersetzen, sondern ergänzend dabei helfen, Kommunikationsprozesse zu vereinfachen. Aus diesen Gründen ist es sinnvoll, wenn Social Media auch in der Schule zur Lernunterstützung genutzt werden. 

 

Rezepte gegen die Überforderung durch Smartphones im Unterricht

***(Ich biete Schulen, Lehrpersonen und Eltern Coachings und Schulungen zum Thema Smartphones im Unterricht an. Meine Kontaktangaben finden sich hier.)***

An der Kantonsschule Wohlen hat ein Lehrer ein teures Smartphone einer Schülerin unters Wasser gehalten, wie zuerst die Schülerzeitung NAKT berichtete (S.22). In der Aargauer Zeitung wird der Fall heute auch besprochen – zusammen mit einer Umfrage an den Kantonsschulen im Kanton Aargau, wie man mit Handy im Unterricht umgehe. Da ich die Arbeitsgruppe »Mobile Kommunikationsgeräte« an der Kantonsschule Wettingen leite, möchte ich kurz Stellung nehmen zum Vorfall.

Zunächst gilt es eine Überforderung einzugestehen: Mit den Smartphones ist das Internet im Unterricht präsent. Es geht nicht einfach um eine Ablenkungsquelle, auch wenn viele Lehrpersonen das so darstellen. Seit es Schule gibt, schreiben die Lernenden Briefchen, lesen Bücher, füllen Kreuzworträtsel aus. Ablenkung ist etwas, womit Schule umgehen kann. Die Überforderung entsteht, weil Schülerinnen und Schüler jederzeit Informationen abrufen können und mit anderen Menschen in Verbindung treten können. Dieser Überforderung muss man sich stellen.

Was sind nun Rezepte? Das einfachste Rezept wäre, sich darauf einzustellen und diese Tatsache produktiv zu nutzen. Es zu begrüssen, dass Informationen abgerufen werden können und Schülerinnen und Schüler dazu einzuladen, das auch zu tun. (Und natürlich reagieren, wenn Smartphones den Unterricht stören oder einzelne Schülerinnen und Schüler ablenken.)

Weiter braucht es klare Regeln, die zudem umsetzbar sind. In der Arbeitsgruppe haben wir zwei Verwendungsweisen unterschieden: Eine private und eine schulische.

Schulen können zwei sinnvolle Restriktionen verfügen: Entweder den privaten Gebrauch an der Schule gänzlich zu verbieten – und damit wohl auch das Mitbringen und Mitführen von entsprechenden Geräten (was zunehmend schwierig wird, weil wir bald auch mit unserem Taschenrechner oder unserer Uhr ins Internet können); oder aber in gewissen Räumen (z.B. Unterrichtsräumen, analog zum Essen) die Benutzung von mobilen Kommunikationsgeräten zu verbieten.

Der entscheidende Punkt ist die Umsetzung: Ist die Schule gewillt, entsprechende Ressourcen für die Durchsetzung dieser Regelungen bereit zu stellen? Kann sie sinnvolle Massnahmen oder Strafen festlegen, die einer Lernkultur nicht abträglich sind?

Ich würde eher für ein »Learner Profile« plädieren, das sich so lesen könnte:

Lehrpersonen, Angestellte und Schülerinnen und Schüler verwenden private und schuleigene technische Lernunterstützung. Sie vermeiden Ablenkungen vom Unterricht und vom Lernen unter allen Umständen. Da mobile Geräte die Konzentration und den sozialen Zusammenhalt stören können, wird die Nutzung an der Schule auf das Notwendige beschränkt.

Damit wird auch klar, dass entsprechende Lösungen immer Lehrpersonen mitbetreffen sollen und müssen.

Für den schulischen Gebrauch – der ja dann gerade wieder die nötigen Kompetenzen zum Umgang mit mobilen Kommunikationsmitteln vermitteln soll – gilt Folgendes:

Die Vermittlung von Kompetenzen muss immer mit einer Reflexion verbunden sein. Ist das nun das richtige Mittel für diese Aufgabe? Daraus sollte ein Bewusstsein entstehen, das dann auch den Privatgebrauch mit einschließt.

Social Media als Kontrollverlust für die Schule

Unter dem Titel »Kontrollverlust für die Schule« ist in einem c’t Sonderheft »Soziale Netze« ein interessanter Artikel von Jöran Muuß-Meerholz erschienen. Das Heft ist zumindest in Deutschland am Kiosk erhältlich, der Artikel kann hier als pdf gelesen werden.

Die wichtigsten Aussagen des Textes trage ich hier zusammen – eine Lektüre lohnt sich auf jeden Fall.

  1. »reale« und »virtuelle« Welt sind verzahnt – auch in der Schule. Der Schonraum Schule muss sich damit auseinandersetzen, dass private oder halb-öffentliche Schulangelegenheiten durch die Digitalisierung enorme Verbreitung finden können.
  2. Für Lehrpersonen wird die Abgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben immer schwieriger. Damit geht auch das Privileg verloren, die Unterrichtsvor- und -nachbereitung ungestört erledigen zu können: In der digitalen Welt erfolgt sie im Austausch mit anderen, im Dialog.
  3. Öffentlichkeitsarbeit wandelt sich: Die Schule kann ihre Wahrnehmung nicht mehr komplett kontrollieren, wird abhängig von den Inhalten, die in den privaten Netzwerken von SchülerInnen, Eltern und Lehrpersonen zirkulieren. Klassenfahrten werden nicht mit sauber redigierten Texten kommentiert, sondern in Echtzeit auf Twitter und Facebook, mit Bildern, Videos und Tonaufnahmen.
  4. Verbote sind vergebliche Versuche, alte Strukturen zu erhalten. Technologische Weiterentwicklungen werden immer neue Möglichkeiten bieten, sie zu umgehen.
  5. Social Media ist nicht ein isolierter oder isolierbarer Bereich der schulischen Arbeit oder Schulführung, sondern durchdringt alle Bereiche.
  6. Internet ist nicht mehr freiwillig, sondern eine automatische Begleiterscheinung aller schulischen Aktivitäten.

Muuß-Meerholz formuliert grundlegende Prinzipien für die medienbezogene Schulentwicklung (S. 36; klicken für größeres Bild):

In einem Beitrag für das Handbuch »Öffentlichkeitsarbeit macht Schule« hat Muuß-Meerholz einen wichtigen Artikel über die Auswirkungen von Social Media auf die Öffentlichkeitsarbeit von Schulen verfasst (hier das pdf, »Der Artikel ist urheberrechtlich geschützt. Er darf heruntergeladen und für eigene Zwecke genutzt, aber nicht weiter vervielfältigt werden). Dort formuliert er 11 Handlungsvorschläge, die ebenfalls kurz zusammengefasst werden sollen (meine Nummerierung entspricht nicht dem Original):

  1. Schulen müssen ein Bewusstsein für Social Media schaffen, indem sie die dafür relevanten Bereiche und die Verantwortlichen miteinander zusammenarbeiten lassen (Öffentlichkeitsarbeit, Schulentwicklung, Medienkompetenz etc.)
  2. Zuhören oder Monitoring ist wichtig: Fürs erste reicht es, nachzulesen, wie die Schule in Social Media erscheint.
  3. Für erste Schritte reichen Experimente oder das Übernehmen bewährter Verfahrensweisen anderer Institutionen.
  4. Wichtig ist dabei ein dickes Fell sowie das klare Kennzeichnen von Kommunikationskanäle: Niemand soll den Eindruck erwecken, für die Schule zu sprechen, wenn das nicht offiziell der Fall ist.

Vorstellung: MOOC

Die Abkürzung MOOC steht für Massively Open Online Courses, also Unterrichtseinheiten, die sehr vielen Studierenden offen stehen. Gemeint sind Tausende von Lernenden, die gleichzeitig Vorlesungen hören können, sich darüber austauschen und teilweise sogar interaktiv einbezogen werden können.

MOOCs gehören zu dem, was man Blended Learning nennt, das wohl bekannteste Beispiel ist die darauf spezialisierte Khan Academy.

In einem Interview mit The Atlantic macht der Verantwortliche für Online-Learning an der Stanford University, John Mitchell, einige aufschlussreiche Bemerkungen, die ich hier knapp festhalten möchte:

  1. Das Herstellen von Videos ist heute vom Aufwand und vom technischen Know-How her kaum mehr von der Produktion von Texten zu unterscheiden.
  2. Online Learning führt dazu, dass die Arbeitszeit von sehr kompetenten Lehrenden effektiver eingesetzt werden kann.
  3. Online Leraning führt zu einer Demokratisierung der Bildung: Auch Studierende an anderen Unis können die Top-Professoren von Stanford in Videovorlesungen erleben.
  4. Studierende können die Zeit ihres Studiums flexibler nutzen – z.B. berufsbegleitend oder von zuhause aus studieren.
  5. Gleichzeitig bieten MOOC für die Zeit an der Uni mehr individuelle Betreuungsmöglichkeiten, weil die Lehre zu einem großen Teil online stattfindet.

Mitchell erwähnt auch eine Gefahr, dass die Forschungsgemeinschaft an einer Uni, die Lehre und Forschung verbindet, auseinanderfallen könnte – was auch zu wirtschaftlichen Problemen führen könnte, weil viele bedeutende Forscherinnen und Forscher sich mit Drittmitteln finanzieren, die sie vor allem dank ihrer Forschung erhalten.

Bild Flickr, giulia.forsythe, CC BY-NC-SA 2.0

Vom sozialen zum mobilen Netz

Social Media ist oft Synonym für Web 2.0, das Miriam Meckel wie folgt definiert:

Web 2.0 ermöglicht die selbst organisierte Interaktion und Kommunikation der Nutzerinnen und Nutzer durch Herstellung, Tausch und Weiterverarbeitung von nutzerbasierten Inhalten über Weblogs, Wikis und Social Networks. Über kommunikative und soziale Vernetzung verändern die Nutzer die gesellschaftliche Kommunikation – weg von den Wenigen, die für Viele produzieren, hin zu den Vielen, aus denen Eins entsteht: das virtuelle Netzwerk der sozial und global Verbundenen.

Interaktion und soziale Verbindung zeichnen die zweite Version oder die zweite Entwicklungsstufe des Internets aus – das zunächst von einer kleinen Elite mit Inhalten bespielt wurde, die dann viele abrufen konnten.

Im Moment erleben wir einen Übergang zu einer dritten Entwicklungsstufe, deren Bedeutung vor allem eine wirtschaftliche ist: Im Web 2.0 erfolgreiche Unternehmen wie Facebook und Zynga geraten in Schwierigkeiten, weil sie die Entwicklungen nicht bewältigen können. Um welche Entwicklungen geht es?

Das Web 3.0 zeichnet sich wahrscheinlich durch folgende Eigenschaften aus (vgl. diesen Artikel von TechCrunch):

  1. Es ist mobil – d.h. überall dabei.
  2. Es ist real-time – d.h. es gibt keine zeitliche Distanz zwischen den Inhalten und ihrem Konsum.
  3. Es wird an kleineren Bildschirmen bedient und wahrgenommen.
  4. Es bedient sich automatisierter Sensoren, die Interaktion teilweise ersetzen: Das Netz weiß automatisch, wo wir sind etc.

Was heißt das für die Schule? Ich sehe zwei zentrale Herausforderungen:

  • Die heutige Schule orientiert sich an räumlichen und zeitlichen Konzepten aus dem 19. Jahrhundert. Sowohl räumlich wie auch zeitlich wäre heute eine viel größere Flexibilität möglich – eine Flexibilität, die zwar denkbar scheint, aber sehr schwierig in wirkungsvolle didaktische Modelle umzugießen.
  • Schon soziale Medien überfordern uns – und zwar uns alle. Auch Digital Natives schaffen es nicht, die nötige Distanz zur Technologie einzunehmen, sie zu reflektieren etc. Mobiles Internet im Sinne von Web 3.0 wird noch präsenter sein und die virtuelle Realität mit der physischen Realität vermengen. Wir werden viele Kulturtechniken und Lernmethoden überdenken müssen, die Bedeutung entscheidender Konzepte wie »lernen«, »lesen/schreiben/rechnen«, »Leistung«, »Konzentration« wird sich massiv wandeln.

Social Media Guidelines für Schulen

Im Folgenden umreiße ich, welche Inhalte solche Guidelines umfassen sollen oder könnten. Ich habe bereits skizziert, wie Guidelines nur für Lehrpersonen aussehen könnten, diesen Post möchte ich gewissermassen ausbauen, indem ich eine Liste verfasse, sie kurz kommentiere und danach noch ein Beispiel erwähne:

  1. Die Adressaten
    Sinnvoll sind umfassende Guidelines dann, wenn Sie sich an alle Akteure wenden: Also an die Schulleitung selbst, die Administration, die Lehrpersonen sowie die Schülerinnen und die Schüler. Eventuell ist es aber auch sinnvoll, jeweils getrennte Leitfäden zu verfassen.
  2. Der Sinn von Guidelines
    Am Anfang sollte stehen, warum diese Guidelines nötig sind. Es sollte deutlich werden, dass die Schule bestimmte kommunikative Ziele verfolgt und Social Media ein Teil davon ist – eine Guideline darf nicht wie ein Regelwerk daherkommen, mit dem Kontrolle und Überwachung assoziiert werden.
  3. Offizielle Kanäle der Schule
    Es sollte allen Mitarbeitenden und auch den Schülerinnen und Schülern klar sein, welche Kanäle die Schule offiziell pflegt (wo findet man das richtige Facebook-Profil etc.) Sinnvoll kann auch sein, wenn Lehrpersonen und auch Schülerinnen und Schüler eingeladen werden, sich an den offiziellen Kanälen zu beteiligen.
  4. Privater und berufliches Auftreten auf Social Media
    Alle unter i. Erwähnten repräsentieren auch die Schule, wenn sie mit ihrem Namen auf Social Media aktiv sind. Das sollte eine Guideline deutlich machen.
  5. Funktionsweise von Social Media, Auswirkungen
    Guidelines sollten darauf hinweisen, dass sich Botschaften auf Social Media sehr schnell verbreiten können und dass ihre Verbreitung kaum mehr gestoppt werden kann. Kontrolle gibt es nur, bevor etwas gepostet ist – nachher nicht mehr.
  6. Verhalten
    Das ist ein selbstverständlicher Punkt – der dennoch erwähnt werden muss: Auf Social Media verhält man sich anständig, höflich und offen. Die Kommunikationsschwellen liegen sehr tief, die Emotionalität ist teilweise hoch – dennoch hält man sich an die Gepflogenheiten der persönlichen Umgangs. Zudem beantwortet man Fragen und nimmt Feedback auf.
  7. Themen
    Guidelines können Themen ausschließen: Gewisse religiöse und politische Themen könnten einer Schule zu heikel sein, ebenso sind Internas selbstverständlich auf Social Media tabu. Das gilt auch für Schülerinnen und Schüler: Nur weil es Social Media gibt, ersetzen sie nicht alle etablierten Kommunikationskanäle und Feedback-Möglichkeiten.
  8. Privatsphäre und Gefahren
    Eigentlich genügt ein Hinweis darauf, dass Privatsphäreneinstellungen wichtig sind und Social Media nicht ohne Gefahren ist, über die man sich informieren sollte. Es ist nicht möglich, Gefahren abschließend aufzulisten.

Gute Social Media Guidelines sind knapp und  machen mindestens im gleichen Maße Lust auf Social Media, wie sie problematische Bereiche aufzeigen.

Sehr gelungen ist meines Erachtens der Leitfaden des Kantons Aargau:

(Ich habe mich beim Verfassen der Punkte an dieser Liste orientiert.)