Wie Jugendliche Privatsphäre verstehen

Jugendliche bauen oft im öffentlichen Raum Gemeinschaften auf: In Shoppingzentren, auf Plätzen, in der Schule. Nur so kann ihr Verständnis von Privatsphäre verstanden werden. Im Folgenden einige Gedanken zum Umgang von Jugendlichen mit Privatsphäre – die hinter das Vorurteil zurückgehen, Jugendliche würden hemmungslos schützenswerte Inhalte publik machen.

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Danah boyd versteht Privatsphäre nicht als juristisches Konzept, sondern als eine soziale Norm, die immer wieder neu ausgehandelt wird. Jugendliche kennen selten private Räume, sie teilen Zimmer oder müssen damit rechnen, dass ihre Eltern sich aus verschiedenen Gründen Zutritt zum Zimmer verschaffen. Diese grundlegende Erfahrung führt dazu, dass sie Privatsphäre als Kontrolle des Informationsflusses oder als Kontrolle der sozialen Situation verstehen. Privat sind für Jugendliche die Informationen, von denen sie bestimmen können, wer sie in welchem Kontext erhält und was damit geschieht. Jugendliche sind in Bezug auf ihre Privatsphäre mit paradoxen Verhaltensweisen der Erwachsenen konfrontiert: Einerseits beklagen sie, dass Jugendliche sich nicht um ihre eigene Privatsphäre kümmern würden und Informationen zu freizügig publizierten, andererseits verletzen sie die Privatsphäre von Jugendlichen systematisch, meist in der Absicht, sie zu schützen.

Dabei würde, so boyd, Zugänglichkeit und Öffentlichkeit verwechselt. Jugendliche haben klare Vorstellungen von Vertrauen und vom Umgang mit Informationen; ihre soziale Position sowie die Architektur von Netzwerken hindern sie aber oft daran, den Fluss von Informationen zu kontrollieren. Sie kommunizieren aber in einem für sie klaren Kontext, sie wissen, für wen Informationen oder Daten bestimmt sind und für wen nicht. Jugendliche entwickeln eine Art implizite Ethik des Informationsflusses, können sie aber oft nicht so umsetzen, wie sie das möchten, auch deshalb, weil es sich um Normen handelt, die sie nicht selbst bestimmen können. Man kann das mit einem analogen Beispiel verdeutlichen: Nur weil Eltern das Tagebuch ihrer Kinder lesen könnten, heißt das nicht, dass sie es lesen dürfen. Dasselbe gilt für soziale Netzwerke: Eltern zwingen ihre Kinder oft dazu, ihnen Zugang zu ihren Profilen zu gewähren; Lehrpersonen können den Facebook-Profilen ihrer Schülerinnen und Schüler oft Informationen finden, die klar privat sind. Wenn also Erwachsene sich Zugang zu privaten Informationen verschaffen können, dürfen sie diese Informationen nicht als öffentliche betrachten.

Die Verwechslung von Zugänglichkeit und Öffentlichkeit basiert auch auf technischen Möglichkeiten: Auch in analogen Gesprächen wäre es möglich, private Informationen öffentlich zu machen, aber es würde erstens soziale Normen verletzen und ist zweitens technisch schwierig zu bewerkstelligen. Analoge Kommunikation ist im Normalfall privat und muss mit viel Aufwand öffentlich gemacht werden. Die Struktur der sozialen Netzwerke und die Absichten der Jugendlichen führen aber nach boyd dazu, dass das analoge Muster umgekehrt wird: Sie kommunizieren im Normalfall öffentlich und verwenden ihre Anstrengungen darauf, bestimmte Informationen auszuschließen und nur privat zugänglich zu machen. Die öffentliche Form der Kommunikation meint aber nicht, dass sie alle etwas anginge, sondern vielmehr, dass sie die etwas angeht, von denen innerhalb der bestehenden sozialen Normen erwartet werden kann, dass sie die Informationen zur Kenntnis nehmen.

Für Jugendliche ist es von großer Bedeutung, sichtbar zu sein. Sie sind sich auch bewusst, dass diese Sichtbarkeit mit Nachteilen verbunden ist, und verzichten deshalb auch darauf, alles sichtbar zu machen, sondern nur bewusst gewählte Inhalte. Das lässt sich am Umgang mit Bildern gut ablesen, die Jugendliche oft auf ihren Profilen publizieren, aber nur dann, wenn sie darauf so erscheinen, dass sie mit ihrer Erscheinung einverstanden sind. In der JAMES-Studie 2012 gaben fast 40% der Jugendlichen an, dass sie es schon erlebt haben, dass ohne ihre Zustimmung Bilder veröffentlicht wurden; wiederum rund 40% davon haben das als störend empfunden. Bilder entstehen in einem Kontext, soziale Normen legen fest, wie sie zugänglich gemacht werden dürfen. Nur weil Jugendliche sich oft digital zeigen, heißt das nicht, dass auch andere sie zeigen dürften oder ihre Inhalte weiterverbreiten dürfen. Jugendliche müssen ihr Auftreten, auch digital, selber bestimmen können. Die Verletzung der Privatsphäre erfolgt in diesem Bereich aber nicht durch Peers, auch Eltern veröffentlichen oft Bilder von Jugendlichen, ohne dafür eine Erlaubnis einzuholen.

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Öffentliche Kommunikation erfordert zusätzliche Maßnahmen zum Schutz der Privatsphäre, die Jugendliche oft kunstvoll einsetzen oder gar erfinden. Es handelt sich um technische Möglichkeiten, aber auch um den Einsatz von Codes, von Täuschungen oder die Erfordernis von Vorwissen. So können beispielsweise Songtexte oft dazu dienen, eine Aussage zu machen, die nur Jugendliche, die den Song und seinen Kontext verstehen, entschlüsseln können. So ist es möglich, für alle sichtbar zu sprechen, die Bedeutung des Gesagten aber nur ausgewählten Adressatinnen und Adressaten zugänglich zu machen.

Wie ein Online-Stalker vorgeht

Reddit – »The Front Page of the Internet« – ist in den USA eines der bedeutesten Social Media-Angebote. Das Forum mit einer eigenwilligen Grafik ist sehr breit in seinem Angebot – und qualitativ sehr hochstehend. Die User von Reddit können eigentlich jedes Problem lösen; Präsident Obama hat sich sogar die Zeit genommen, auf Reddit Fragen der User zu beantworten.

In einem der Sub-Reddits, Unterforen, gibt es die Möglichkeit, Geständnisse abzulegen. Ein Online-Stalker legt dort detailliert dar, wie er bei seinem Stalking-Versuch vorgegangen ist. Ein Lehrstück, wie Informationen übers Internet verbreitet werden.

Der Text eignet sich gut für eine Schulstunde. Ich übersetze ihn auf Deutsch, das englische Original lässt sich hier nachlesen.

Ich habe ein Mädchen online während Monaten gestalkt…

…bis ich einen Schritt zu weit ging.
Zunächst fand ich das Mädchen per Zufall auf Tumblr. Ich klickte durch Posts und Quellenangaben bis ich ihr Bild sah. Ihr Bild. Gott, ist sie schön. Und sexy. Zweifelsohne eines der schönsten Mädchen, das ich je gesehen hatte.
Ich durchsuchte ihre Tumblr-Seite bis ich ihre anderen Social Media-Profile gefunden hatte. Alle waren öffentlich…
Twitter, Instagram, Facebook, Pinterest. Sie war nicht zurückhaltend mit dem, was sie veröffentlichte. Viele Nacktbilder und andere sexy Aufnahmen, aber auch viele Schnappschüsse. Das Mädchen ist atemberaumbend.
Schließlich schaute ich mir ihre Instagram-Bilder auf einer Drittseite an und bemerkte – ihre Bilder waren mit Geotags versehen. Eins. Zwei. Drei. Und so weiter. Geotags verzeichneten ihr ganzes Leben auf einer Karte. Shit, das kann ja nicht sein. Diese Tags. Die meisten waren weniger als eine Stunde von mir zuhause entfernt. Dieses Mädchen lebt nicht auf der anderen Seite der Welt, sondern in nächster Nähe! Da begann es. Ich weiß nicht, was mich ergriff, aber ich begann, tiefer zu graben. Ich musste einfach.
Während der nächsten Monate sammelte ich alle Informationen von allen Social Media Profilen des Mädchens.
Ich fand heraus, wo sie wohnte, wo sie arbeitete, wo sie zur Schule ging, was sie studierte, in welchem Schulareal, in welchem Gebäude. Ich fand auch ihren Stundenplan heraus. Ich wusste, wer ihre nächsten Freunde waren, ihre Namen und wo sie wohnten (sie hatte auch diese Bilder mit Geotags versehen). Ich wusste, wo ihre Eltern wohnten, ihre Schwester und ihr Freund. Sie machte so viele Fotos von ihrer Wohnung, dass ich einen Plan hätte zeichnen können. Ich wusste, wo sie ihre Freizeit verbrachte und welche Lokale sie frequentierte. Ich wusste, was für ein Auto sie fuhr und wo sie tankte.
Um sicher zu sein, schaute ich die Satellitenbilder von Google Maps an und benutzten Google Street View um Bäume und andere Objekte zu identifizieren, die man im Hintergrund von Bildern sah. Ich konnte nicht aufhören, es ergriff mich. All das hätte ich nicht wissen sollen und auch sonst niemand.
Mit all diesen Fragmenten konnte ich ihr ganzes Leben zusammensetzen. Es war erstaunlich und fühlte sich gut an, obwohl ich nicht weiß, warum. Aber ich tat nichts; es war einfach wie ein Spiel.
Bis ich eines Tages, auf meinem Heimweg – ich machte zuerst ein paar Einkäufe. Ich hielt an einem Rotlicht und plötzlich wurde mir klar: Hier wohnt sie. Ich bin in ihrer Nähe. Ich erkannte alles um mich herum, obwohl ich noch nie hier gewesen war. Ich erkannte Schilder, Läden, Bäume. Ich war da. Es war kein SPiel mehr. Sobald die Ampel grün wurde, entschied ich mich. Ich tat es. Ich fuhr herum, bis ich zu ihrer Strasse kam.
Dort war es. Ich fuhr weiter und da vorne war ihr Haus. Ihr Auto. Sie selber.
Alles, was ich zusammengesetzt hatte, war echt. Nicht nur Daten im Computer, Einsen und Nullen. Ich fuhr vorbei, schaute mir das Haus an. Ich erkannte die Vorhänge, sie hatte sie auf Instagram gepostet.
Was zum Teufel tat ich hier?
Ich drückte aufs Gas und fuhr heim. Ich musste weg. Das ist kein Spiel, du Idiot, das ist ein Leben von jemandem.
Ich weiß nicht, warum ich das hier aufschreibe. Es ist über ein Monat her, dass ich bei ihrem Haus vorbeifuhr, und bisher habe ich nicht einmal mehr ans Stalking gedacht. Aber ich musste das einfach loswerden. Bitte nimm das als Warnung, deine Online-Identiät zu schützen. Ihre Postings enthielten alleine nicht zu viel Information. Aber sie erwartete nicht, dass sich jemand die Mühe machte, alles zu kombinieren.

Entscheidende Punkte sind:

  • Der Wille zum Stalking entstand als Nebenprodukt, aus einer Social Media-Dynamik.
  • Problematisch ist die Verknüpfung verschiedener Accounts.
  • Geotagging ist etwas, was viele Kameras automatisch machen. Die entsprechenden Seiten zeigen Informationen an, als User merkt man das unter Umständen gar nicht.
  • Das Risiko berechnet sich nicht aus einzelnen Postings, sondern aus ihrer Kombination.
  • Der Stalker kannte zunächst keine Daten wie Adresse, Telefonnummern oder Namen.

Was Social Media mit uns macht – ein kritisches Video

Der Strassenkünstler Above (Webseite, Wikipedia) hat am Galore-Festival in Kopenhagen diese Tage aus 9000 gemalten Bildern ein Timelapse-Video mit dem Titel #socialmedia erstellt, mit dem er dein Einfluss von Social Media kritisiert.

Above schreibt zum Video:

As irony has it this video will be reblogged and seen on social media outlets the world over. Go ahead and participate in the irony and reblog the video on your facebook and twitter accounts.
People look at me like I’m from another planet when I tell them I don’t have social media like Facebook, Twitter, or Instagram. In the eyes of social media I’m severely outdated, lost and not ‘connected’. Not partaking in the aforementioned social media makes me an outsider looking in on how hyper frequent society uses its sacred social media. I can’t help but observe the people around me who appear to be consumed and addicted to trying to keep up to speed on their social media pages. You check your Facebook page while driving. Tweet a message that you ‘just took a shower’. Instagram a photo of your double soy macchiato with extra foam and so it continues ad infinitum.
I have more questions than I do answers with social media. We live in a ridiculously hyper fast pace life where information is exchanged so rapidly that it makes us feel inadequate and drains our attention span.
[Übersetzung phw:] Ironischerweise wird dieses Video auf Blogs erscheinen und via Social Media zirkulieren. Nimm an dieser Ironie teil und verteile das Video über deinen Facebook- und Twitter-Account.
Leute schauen mich an, als käme ich von einem anderen Planeten, wenn ich ihnen erzähle, dass ich Social Media nicht nutze. In ihren Augen lebe ich in einer anderen Zeit, bin verloren und nicht verbunden. Die Weigerung, Social Media zu nutzen, macht mich zum Außenseiter, der eine hyperaktive Gesellschaft dabei beobachten kann, wie sie die heiligen Social Media nutzt. Ich kann nicht übersehen, wie Menschen um mich herum von Social Media absorbiert werden und danach süchtig sind, ihre Social Media-Seiten zu aktualisieren. Du schaust eine Facebook-Seite während dem Autofahren an. Du twitterst »ich habe gerade geduscht«. Du zeigst ein Photo von deinem doppelte Soja Macchiato mit extra Schaum auf Instagram und so geht das immer weiter ohne Ende.
Ich habe mehr Fragen als Antworten zu Social Media. Wir leben in einer lächerlich schnellen Zeit, in der Informationen so rasch ausgetauscht werden, dass uns nur noch das Gefühl der Bedeutungslosigkeit bleibt und unsere Konzentrationsfähigkeit schwindet.

Ökologie der Aufmerksamkeit

Der Essayist und Gymnasiallehrer Eduard Kaeser hat in einem dichten Essay in der NZZ skizziert, was man sich unter einer Ökologie der Aufmerksamkeit vorstellen könnte. Nicht umsonst hat ihn der Internetexperte Christoph Kappes als »intelligenteren Spitzer« bezeichnet, im »Ton besorgter Gymnasiallehrer« analysiert er Zusammenhänge äußerst lesenswert, intelligent und belesen – aber auch mit einem Hang zum Pathologisieren.

Worum geht es Kaeser? Er unterscheidet in Anlehnung an Georg Francks Konzept der »Ökonomie der Aufmerksamkeit«, in dem Aufmerksamkeit als Kapital analysiert wird, von einer »Ökologie des Aufmerksamkeit«:

Wir leben heute mit den digitalen Medien in einem neuen Ökosystem der Aufmerksamkeiten, und die wichtige Frage stellt sich, welche Arten von Aufmerksamkeit darin gedeihen und welche verkümmern – eine Frage der geistigen Ökologie also.

Diese Frage bezieht er dann direkt auf die Schule und macht folgende Beobachtungen:

  1. »Aufmerksamkeitsschwund«:
    Heute muss die Lehrperson von den Schülerinnen und Schüler Aufmerksamkeit bekommen, nicht mehr umgekehrt.
  2. »Enkulturation über digitale Medien«:
    Eine »stilistische Aufmerksamkeit« gewinnt an Bedeutung auf Kosten einer »substanziellen Aufmerksamkeit«: Medieninhalte werden nicht ihres Inhaltes wegen, sondern ihrer medialen und stilistischen Eigenheiten wegen konsumiert. Wichtig wird das Demonstrieren von Medienkompetenz als soziale Leistung – man gehört dazu; vertieftes Nachdenken und Konzentration geraten schon fast in Verruf.
  3. »ADHS als Normalzustand«:
    Konzentrationsfähigkeit werde schon bald als Krankheit betrachtet, während die neue Form der Aufmerksamkeit durch Multitasking und Multimedialität geprägt sei.
  4. »Ausbalancieren unserer Aufmerksamkeitsarten«:
    Das Fazit Käsers: Verschiedene Formen von Aufmerksamkeit müssen sich abwechseln und sich ausbalancieren.

Kaeser schlägt abschließend einen Selbsttest vor:

Man setze sich irgendwohin – möglichst an einen reizarmen, belanglosen, von Hektik freien Ort – und schenke der Umgebung während einer Viertelstunde seine volle Aufmerksamkeit: dem Boden der Dusche, einer eingefallenen Gartenmauer oder – für schon Fortgeschrittene – dem Bildschirm des ausgeschalteten Computers. Halte ich diesen Offline-Modus aus? Wer das kann, lernt, dass wahre Aufmerksamkeit damit zu tun hat, Leere und Langeweile ertragen zu können – und Warten. Warten lässt einen in einer Gegenwart ankommen, aus der man sich nicht herausschnattern kann: bei sich selber. Wahre Aufmerksamkeit ist – ernst genommen – eine Extremerfahrung. Sie kann uns – in einem zweiten Schritt – lehren, dass die Offline-Existenz gerade durch die Online-Existenz an neuer Bedeutung gewinnt.

Damit schließt Kaeser an eine Diskussion über die Frage an, ob die ständige Beschäftigung, die soziale Netzwerke ermöglichen und erfordern, positiv oder negativ zu bewerten sei – und an die Bewertung des Verhältnisses offline-online, wo die naive Sichtweise, dass das richtige Leben sich nur offline Abspiele, längst durch differenzierte Betrachtungsweisen abgelöst worden ist.

Kaeser Argumentation ist in diesem Sinne auch nicht undifferenziert, durch den Bezug auf den Code »gesund/krank« wird es aber schwierig, eine Entwicklung zu sehen: Mediale und gesellschaftliche Entwicklungen müssen zunächst beschrieben werden, bevor es darum gehen kann, sie zu bewerten. In diesem Sinne ist der Rede von »Aufmerksamkeitsarten« sehr zu begrüßen, die normative Frage, welche Formen denn nun als Krankheit gelten werden oder sollen, könnte dabei ausgeklammert werden.

Rezension: Manfred Spitzer – Digitale Demenz

Schon bevor ich das Buch gelesen habe, war ich in intensive Diskussionen darüber verwickelt: Der Bildungsjournalist Christian Füller warf mir und dem Medienpädagogen Beat Doebeli vor, »verbohrt« zu sein und »Aufklärung und Diskurs« zu »blockieren«. Entsprechend nahm ich mir vor, das Buch wohlwollend zu lesen.

Das habe ich nun getan und werde meine Rezension in zwei Teile gliedern: Zuerst in einen kritischen Teil, der sich auf die Methodik, Rhetorik und Argumentation von Spitzer bezieht, dann in einen eher zusammenfassenden, in dem ich die wesentlichen Thesen Spitzers festhalte und diskutiere. Wer sich also nicht für meine etwas ausführlich geratene Methodenkritik interessiert, soll einfach runterscrollen.

(1) Zur Methodik Spitzers – oder »digitale Demenz« googlen

Allem Wohlwollen zum Trotz hat mich das Buch verärgert. Und zwar ziemlich schnell. Spitzer inszeniert sich auf eine Art und Weise, die mir unseriös erscheint. Er tritt nicht als Experte, Psychiater und Lernforscher auf, sondern als Wissender, der den Unwissenden seine Botschaft verkündet. Schon auf der ersten Seite des Buches hält er fest, es gehe um »die Wahrheit« (7), in der Einführung stellt er sich vor, dass ihm seine Kinder später vorhalten könnte, er habe »das alles« gewusst und nichts getan (12). Das hängt mit seinem Wissenschaftsverständnis zusammen, wie gegen Schluss des Buches ersichtlich wird (288ff.): Wissenschaft ist für Spitzer nicht die Überprüfung von Thesen oder die Erfassung komplexer Zusammenhänge, sondern die Vereinfachung im Dienste der »Aufklärung« (ebd.), der gegenüber alles andere »Verharmlosung« ist – z.B. die Aussage, es gäbe keine widerspruchsfreie Theorie der Sucht, weil sie in komplexen Lebensbedingungen entstehe.

Die Opposition von »Aufklärung« und »Verharmlosung« nimmt die Züge einer Verschwörungstheorie an. So zitiert Spitzer immer wieder fiktionale Kritiker seines Buches und macht sogar eine Vorhersage, dass die Regierung mit unseriösen Experten und unseriösen Quellen sein Buch angreifen wird (283f.). Grund dafür, so Spitzer selbst, sei keine Verschwörungstheorie (25), sondern der Glaube daran, eine Industrie wolle »mit digitalen Produkten sehr viel Geld verdienen« (25) – was natürlich absolut richtig ist, aber als Einsicht nicht dazu geeignet ist, sämtliche Kritiker Spitzers zu desavouieren.

Die Pflicht, Aufklärung betreiben zu müssen, kann wohl auch andere Schwächen von Spitzers Methodik erklären: Der wirre Aufbau, bei dem nie deutlich wird, welche Thesen er vertritt oder welche Fragestellungen er genau untersucht. So kann er die Auswirkungen des One Laptop per Child Projekts in Nigeria beschreiben und dann direkt übergehen zur Behauptung, Menschen würden im Internet mehr lügen als in der realen Welt (74f.). Der Mangel an Klarheit betrifft auch die Begriffsverwendung von zentralen Begriffen, Spitzer klärt nie, was er mit »Sucht« meint, was er unter »Medien« oder »digitalen Medien« versteht, skizziert sein Verständnis von »digitaler Demenz« nur ansatzweise oder macht dazu »educated guesses« – also Mutmassungen (302). Um die Relevanz des Begriffs zu zitieren, git er an, Google finde dazu 8000 Einträge (16) – eine Methode, die nicht nur unwissenschaftlich ist, sondern auch dem Geist des ganzen Buches widerspricht.

Hinzu kommen untaugliche und populistische Vergleiche – wie z.B. der, dass Lernen mit Bergsteigen gleichzusetzen sei: Es nütze deshalb nichts, die Wegweiser lesen zu können oder Experten zum Thema Bergsteigen zu befragen, man müsse einfach auf einen Berg steigen (17f.).

Und letztlich störe ich mich an einem selektiven Umgang mit Studien: Studien, die Spitzers Aussagen belegen, werden aus dem Zusammenhang gerissen, vereinfacht dargestellt, mit zusätzlichen Annahmen versehen und mit anderen Aussagen verbunden; Studien, die den Nutzen von digitalen Medien belegen – die kaum erwähnt werden – hingegen methodisch kritisiert und umgedeutet.

Das alles macht Spitzers Aussagen nicht falsch. Aber es gibt mir als Leser – und ich bin, was Neuropsychologie betrifft, ein Laie – den Anschein, als schrecke der Autor davor zurück, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit anderen Ansichten Ernst zu nehmen und die Möglichkeit zuzulassen, dass einige seiner Thesen falsch sein könnten. Ein sehr perfides Beispiel ist seine Abrechnung mit einer Kritik durch Dirk Frank, bei der er Steven Johnson despektierlich »einen amerikanischen Journalisten« nennt (283), ohne ihn namentlich zu erwähnen. (Vgl. auch Beat Doebelis Kritik an Spitzers Umgang mit Zahlen und Zitaten.)

(2) Spitzers Argumente

  1. Es gibt keinen Beleg dafür, dass digitale Medien fürs Lernen förderlich sind.
    Diese Einsicht finde ich wirklich verblüffend. Trotz enormen Investitionen lässt sich nicht belegen, dass diese Investitionen das Lernen erleichtert haben. Es gibt drei mögliche Einwände gegen diese Erkenntnis, die ich allerdings für relativ schwach halte:
    (a) Es fehlen umfassende (langfristige) Studien in klar definierten Lernsituationen (z.B. an Gymnasien im deutschsprachigen Raum etc.).
    (b) Lernen mit digitalen Medien ist nicht mehr dasselbe, wie ohne. Man misst also Lernerfolge mit alten Methoden.
    (c) Die Investitionen wurden noch nicht nachhaltig und umfassend genug getätigt: Erst wenn Lehrende und Lernende mit digitalen Mitteln vertraut sind, wird sich ihr Effekt zeigen.
  2. Was wir nachschlagen können, speichern wir weniger gut ab.
    Das scheint einleuchtend zu sein – es wäre ja auch ineffizient, Inhalte abzuspeichern, die wir abrufen können. Und wozu müssen wir uns Fakten merken, die wir nachschlagen können? Diesen Einwand entkräftet Spitzer: Wir brauchen für viele Gehirnaktivitäten die Gehirnareale, die nur dann ausbildet werden, wenn wir diese Speichervorgänge auch wirklich durchführen.
  3. Um digitale Medien nutzen zu können, braucht es schon »Expertenwissen«, das mit digitalen Medien nicht aufgebaut werden kann.
    Genau das hat auch mit ii. zu tun: Wir brauchen ein Orientierungswissen, das uns dabei hilft, Quellen zu bewerten und zu wissen, wonach wir überhaupt suchen, welche Antworten für uns relevant sind. Hier schient mir Spitzer zu stark nur schwarz oder weiß zu sehen: Es gibt nicht nur den umfassenden Einsatz digitaler Medien, sondern es gibt auch die Möglichkeit eines dosierten Einsatzes (viii.) – der andere Lern- und Lehrmethoden unterstützt und ergänzt, nicht ersetzt.
  4. Digitale Medien verhindern den Aufbau einer Problemlösekompetenz.
    Die damit verbundenen neurologischen Einsichten stammen hauptsächlich aus Tierversuchen und zeigen die Verknüpfung des Hippocampus mit der Gehirnrinde. Hier ist das Buch am stärksten mit neurologischer Forschung unterfüttert – geht aber wiederum von der Annahme aus, digitale Medienhinhalte seien oberflächlich und ersetzten alle anderen Lernformen.
  5. Digitale Medien verunmöglichen eine hinreichend große Verarbeitungstiefe.
    Mit Verarbeitungstiefe meint Spitzer, dass verschiedene Aktivitäten und Perspektiven auf einen Lerninhalt dabei helfen, ihn besser zu erfassen. Digitale Technik dient oft der Abkürzung und Vereinfachung: Wo früher Texte abgeschrieben wurden, wird heute kopiert. Dadurch wird die Verarbeitungstiefe reduziert, der Lerneffekt reduziert und die Ausbildung der Gehirnstruktur verunmöglicht.
    Diese Einsicht ließe sich aber auch produktiv nutzen: Geeignete digitale Lerninhalte müssen eine hinreichende Verarbeitungstiefe gewährleisten – das ist ja nicht undenkbar.
  6. Digitale Medien vergrößern die digitale Kluft.
    Das überrascht mich nicht – zeigt aber, dass die digitale Kluft ein schwer zu lösendes Problem ist. Damit ist gemeint, dass sozial schwächere Schichten oder Regionen durch die digitale Technologie noch schwächer werden. In sozial schwächeren Haushalten werden technische Geräte oft medienpädagogisch falsch genutzt, was wiederum negative Auswirkungen auf die Lernfähigkeit von Kindern hat.
  7. Medienkompetenz kann nicht durch den Einsatz von Hardware erworben werden.
    Die Erfahrung zeigt: Wenn Geräte angeschafft werden, hat das selten keinen Effekt, meist einen negativen. Zuerst muss klar sein, wofür die Geräte sinnvoll verwendet werden können – und es muss sicher sein, dass die dafür nötigen Kompetenzen vorhanden sind. Medienkompetenz muss vor dem Anschaffen von Geräten vorhanden sein, nicht nachher.
  8. Computern verbessern schulische und kognitive Leistungen – aber nur, wenn sie dosiert eingesetzt werden.
    Spitzer unterschlägt diese Aussage etwas, obwohl man sie an mehreren Stellen in seinem Buch belegen kann (85, 229, 250). Die Untersuchungen zeigen den negativen Einfluss von unterschiedlichem Medienkonsum oder -nutzung – der aber dann positiv ist, wenn er dosiert erfolgt.
  9. Der Gebrauch von digitalen Medien beeinflusst die Entwicklung des Gehirns.
    Spitzers Argument ist immer etwas dasselbe: Es gibt keine Tätigkeiten, die das Gehirn nicht beeinflussen. Die Frage ist nun: Ist dieser Einfluss negativ, positiv oder neutral? Meiner Meinung nach gibt es für gewisse, oberflächliche Medienaktivitäten klare Belege, dass sie negative Auswirkungen haben – auch auf die Entwicklung des Gehirns. Aber für weiter reichende Aussagen fehlen Studien und Belege. Es kann durchaus sein, dass sich unsere Gehirn an neue Medien anpasst – und wir das weder schlecht noch gut finden müssen, weil es einfach die Aufgabe unseres Gehirns ist. Die Aussage Spitzers, das Gehirn sei nicht für die moderne Lebensweise entstanden (15), sondern für das Leben von Jägern und Sammlern, würde bedeuten, dass wir auch auf das Lesen, das Schreiben und eine Reihe sozialer Strukturen verzichten müssten, weil sie unser Gehirn beeinflussen. Gerade hier wird ein Kulturpessimismus deutlich, der ein ungutes Gefühl hinterlässt: Auch Notizen führen dazu, dass unser Gehirn weniger speichern muss etc.
  10. Soziale Netzwerke schaden dem Aufbau von Sozialkompetenz.
    Spitzer unterscheidet hier Erwachsene, die soziale Netzwerke als Ergänzungen zu realen Freundschaften und Beziehungen nutzen, von Kindern und Jugendlichen, die nur virtuelle Freundschaften pflegen. Dabei wird stark verallgemeinert: Auch Jugendliche führen reale Freundschaften neben virtuellen. Zudem gibt es pathologische Fälle, aber es gibt auch Jugendliche, die stark an ihrem sozialen Umfeld leiden und sich in einer virtuellen Gemeinschaft aufgehoben fühlen – zu denken ist beispielsweise an Marina Weisband, die das kürzlich in einem Zeit-Interview beschrieben hat.
  11. Der Gebrauch von digitalen Medien macht Menschen krank: Körperlich und psychisch.
    Das ist letztlich die reißerische These des Titels. Die Begriffe »Demenz«, »Sucht«, aber auch Aussagen zur Lebensdauer, Fettleibigkeit etc. sind nicht hinreichend präzise, dass sie zu einer so generellen Aussagen verdichtet werden könnten. Die Befürchtungen Spitzers sollten aber im Auge behalten werden. Aber es sind Befürchtungen, nicht Einsichten.

Zusammenfassend kann man folgende Grafik aus Spitzers Buch anschauen:

Die Grafik zeigt Spitzers Medienskepsis sehr gut – und seine Verallgemeinerungen. Digitale Medien – so meine Position – stehen einer gesunden Entwicklung nicht entgegen, weil sie keine Alternative dazu sind und sein sollen, sondern eine Ergänzung. Niemand soll auf das Begreifen der Welt verzichten, auf Sport, Musik oder Theater. Aber es ist möglich, zusätzlich am Computer zu spielen – nicht täglich und nicht stundenlang, aber dosiert, und das Smartphone als Lerninstrument zu nutzen – nicht immer und in einem sinnvollen Kontext.

Und noch ein paar Links:

  1. Videobeitrag von Spitzer (NDR, 2. August 2012).
  2. Interview mit Spitzer (seine Thesen verdichtet, Pressetext)
  3. Kritische Rezension von Christian Jakubetz (Cicero)
  4. Eine sehr wichtige Aussage macht André Spang in der taz: Spitzer versteht nicht, wie das Internet und das Lernen im Netz funktionieren.
  5. Kritik von Martin Lindner (Carta), hier sein Fazit:

Das Buch ist nicht ernst zu nehmen. Aber es hat keinen Sinn, sich über Spitzers Talkshow-Triumphzug lustig zu machen. Alle, die dazu lustig twittern, sollten sich an die eigene Nase fassen: Wir sind nämlich selber schuld.

Warum haben wir, die Web 2.0-Fraktion, diese Leerstelle gelassen, in die er sich jetzt so begeistert wirft? Warum kann ein ernsthaft besorgter Mensch sich kein Buch kaufen, in dem wir uns vernünftige Gedanken über all das machen: Werden Jugendliche, die (auch digitale) Schriftkultur nicht können, jetzt vollends abgehängt? Was machen faschistoide Ich-ballere-alles-ab-Stirb-langsam-Spiele und Überall-Porno in den Köpfen? Auch die Frage, was mit dem Selberschreiben wird, ist nicht von vornherein lächerlich.

Der Punkt ist nur: Das alles gibt es sowieso. Die Jugendlichen sind bereits im Netz und vor den Geräten, und gerade die potenziell Gefährdeten werden wir am wenigsten dran hindern können. Daran ist ganz sicher nicht die Schule schuld, oder wohlmeinende Eltern, weil sie ihre Kinder mit zum Lernen gedachten digitalen Geräten “anfixen”.

Nicht weniger Medien sind das Gegenmittel sind, sondern mehr, und anders: als Werkzeug der Selbstermächtigung, in einer Welt, die sich rasend schnell verändert. Da hilft nicht Nostalgie, kein Verbot, auch nicht medienpädagogisches Darüberreden, da hilft nur: vormachen.

Vom sozialen zum mobilen Netz

Social Media ist oft Synonym für Web 2.0, das Miriam Meckel wie folgt definiert:

Web 2.0 ermöglicht die selbst organisierte Interaktion und Kommunikation der Nutzerinnen und Nutzer durch Herstellung, Tausch und Weiterverarbeitung von nutzerbasierten Inhalten über Weblogs, Wikis und Social Networks. Über kommunikative und soziale Vernetzung verändern die Nutzer die gesellschaftliche Kommunikation – weg von den Wenigen, die für Viele produzieren, hin zu den Vielen, aus denen Eins entsteht: das virtuelle Netzwerk der sozial und global Verbundenen.

Interaktion und soziale Verbindung zeichnen die zweite Version oder die zweite Entwicklungsstufe des Internets aus – das zunächst von einer kleinen Elite mit Inhalten bespielt wurde, die dann viele abrufen konnten.

Im Moment erleben wir einen Übergang zu einer dritten Entwicklungsstufe, deren Bedeutung vor allem eine wirtschaftliche ist: Im Web 2.0 erfolgreiche Unternehmen wie Facebook und Zynga geraten in Schwierigkeiten, weil sie die Entwicklungen nicht bewältigen können. Um welche Entwicklungen geht es?

Das Web 3.0 zeichnet sich wahrscheinlich durch folgende Eigenschaften aus (vgl. diesen Artikel von TechCrunch):

  1. Es ist mobil – d.h. überall dabei.
  2. Es ist real-time – d.h. es gibt keine zeitliche Distanz zwischen den Inhalten und ihrem Konsum.
  3. Es wird an kleineren Bildschirmen bedient und wahrgenommen.
  4. Es bedient sich automatisierter Sensoren, die Interaktion teilweise ersetzen: Das Netz weiß automatisch, wo wir sind etc.

Was heißt das für die Schule? Ich sehe zwei zentrale Herausforderungen:

  • Die heutige Schule orientiert sich an räumlichen und zeitlichen Konzepten aus dem 19. Jahrhundert. Sowohl räumlich wie auch zeitlich wäre heute eine viel größere Flexibilität möglich – eine Flexibilität, die zwar denkbar scheint, aber sehr schwierig in wirkungsvolle didaktische Modelle umzugießen.
  • Schon soziale Medien überfordern uns – und zwar uns alle. Auch Digital Natives schaffen es nicht, die nötige Distanz zur Technologie einzunehmen, sie zu reflektieren etc. Mobiles Internet im Sinne von Web 3.0 wird noch präsenter sein und die virtuelle Realität mit der physischen Realität vermengen. Wir werden viele Kulturtechniken und Lernmethoden überdenken müssen, die Bedeutung entscheidender Konzepte wie »lernen«, »lesen/schreiben/rechnen«, »Leistung«, »Konzentration« wird sich massiv wandeln.

Machen Social Media unkritisch?

Auf Slate hat Jacob Silverman heute einen interessanten Artikel über Literaturkritik in Zeiten von Social Media publiziert. Sein Fazit: In den Zeiten, wo viele AutorInnen Twitter und Tumblr verwenden, um mit ihren Leserinnen und Lesern in Kontakt zu treten und ein öffentliches Bild zu pflegen, gibt es kaum noch kritische Rezensionen, sondern nur noch wohlwollende:

[I]f you spend time in the literary Twitter- or blogospheres, you’ll be positively besieged by amiability, by a relentless enthusiasm that might have you believing that all new books are wonderful and that every writer is every other writer’s biggest fan. It’s not only shallow, it’s untrue, and it’s having a chilling effect on literary culture, creating an environment where writers are vaunted for their personal biographies or their online followings rather than for their work on the page.
[Übersetzung phw:] Wenn man Zeit auf Twitter oder Blogs verbringt, wird man überwältigt sein von der Freundlichkeit und von einem unablässigen Enthusiasmus, der einem den Eindruck verleiht, alle neuen Bücher seien wunderbar und Autoren sei die größten Fans von anderen Autoren. Das ist nicht nur oberflächlich, sondern falsch, und es hat einen negativen Effekt auf den Literaturbetrieb, weil es eine Umgebung schafft, in der Schriftstellerinnen und Schriftsteller aufgrund ihrer Biografien oder Online-Präsenz beurteilt werden und nicht für ihre Arbeit am Text.

Silverman gibt weitere Gründe an, die seine Beobachtung erklären könnten:

  • Die »Zentrifugalkräfte« auf Social Media sind positive: Wer selber wahrgenommen werden will, muss andere loben, ihre Nachrichten verbreiten und »like« drücken. Kritische Menschen werden ignoriert und verlieren fast automatisch an Einfluss und Aufmerksamkeit.
  • Der Medienwandel führt dazu, dass Literaturkritik online und im Print in eine Konkurrenzsituation treten – offenbar sind positive Rezensionen bei Leserinnen und Lesern beliebter und werden deshalb vorgezogen.
  • Empfehlungen können leichter monetarisiert werden: Amazon zahlt Blogs, die auf ein Buch verlinken, eine Prämie. Wer also ein Buch empfiehlt, erhält dafür eher Geld als für einen heftigen Verriss.
  • Herausgeber stehen kritischen Beurteilungen ablehnend gegenüber, weil sie Resultat einer persönlichen Abneigung sein könnten.

Diese Tendenz, so Silverman, müsse aufhören. Sie schade der Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche und verhindere eine ernsthafte, tiefgründige intellektuelle Auseinandersetzung. Sein Fazit:

[A]ffirmation is the habitual gesture of the Internet. We like, favorite, and heart all day; it is a show of support and agreement, as well as a small plea for attention: Look at me, I liked this too. Follow back? […] The problem with Liking is that it’s a critical dead-end, a conversation nonstarter. It’s opinion without evidence—or, really, posture without opinion. [A] feeling is expressed without saying much at all.
[Übersetzung phw:] Bestätigung ist auf dem Internet Gewohnheit. Wir »liken«, favorisieren und verteilen Herze – den ganzen Tag, es ist ein Zeichen von Unterstützung und Einverständnis, zudem auch eine Bitte um Aufmerksamkeit: Schau mich an, ich mag das auch. Folgst du mir? […] Das Problem mit dem »Liken« ist, dass es eine kritische Sackgasse ist, die ein Gespräch verhindert. Es ist eine Meinung ohne Beleg, oder aber: Eine Pose ohne Meinung. Der Ausdruck eines Gefühls, ohne viel zu sagen.

Dieses Beispiel zeigt sehr schön, dass es auf Social Media kaum eine Trennung von Inhalt und Profil gibt. Was wir sagen macht aus, wer wird sind und wie wir wahrgenommen werden möchten. Social Media kann nicht die einzige Form von Konversation werden, gerade weil Kritik wichtig und nötig ist.

Beschäftigt sein – Erlösung oder Horror

Heute ist auf der Freitag-Seite ein Essay von Robreto Simanowski pulbiziert worden, der eine schöne Spannung zu einem Kommentar von Tim Kreider auf dem Meinungsblog der New York Times aufspannt. In beiden Texten geht es darum, dass viele Menschen heute ständig »busy« sind, also beschäftigt. Das hängt auch mit Social Media zusammen – sie beschäftigen uns, sie involvieren uns in unzählige Aktivitäten, geben uns etwas zu tun.

Die Spannung zwischen den Texten zeigen schon die beiden Titel:

Ist man nun »schön busy« oder ist das busy-Sein eine »trap«, eine Falle?

Kreider argumentiert wie folgt: Wir hüllen uns in unser Beschäftigtsein. Es beginnt schon im Kindesalter und wurde zu einer Art Mode – eine Mode, die verhindert, dass wir ein erfülltes Leben führen, weil es uns davon abhält, Beziehungen zu führen, intensiv zu erleben und zu denken. Der busy-Modus konsumiert unser Hirn, konsumiert uns.

The present hysteria is not a necessary or inevitable condition of life; it’s something we’ve chosen, if only by our acquiescence to it. […] Busyness serves as a kind of existential reassurance, a hedge against emptiness; obviously your life cannot possibly be silly or trivial or meaningless if you are so busy, completely booked, in demand every hour of the day.

Idleness is not just a vacation, an indulgence or a vice; it is as indispensable to the brain as vitamin D is to the body, and deprived of it we suffer a mental affliction as disfiguring as rickets. The space and quiet that idleness provides is a necessary condition for standing back from life and seeing it whole, for making unexpected connections and waiting for the wild summer lightning strikes of inspiration — it is, paradoxically, necessary to getting any work done.

Die Beschäftigung deckt eine existenzielle Leere zu und hindert uns daran zu denken, dass wir vielleicht unwichtig und unbedeutend sind. Sie hindert uns aber generell am Denken, weil sie jede Art von Distanznahme verhindert.

Anders sieht das Simanowski. Er geht von einem berühmten Bonmot Pascals aus:

Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.

Dieser Mensch setzt sich angstvoll mit seiner Sterblichkeit auseinander, weil er sich nicht zerstreuen kann. Simanowski skizziert dann eine Geschichte des medialen Wandels als Abfolge von intensiveren Zerstreuungen, vom Buch über den Fernseher bis hin zu Social Media. Heute, wo es weder ein religiöses Sinnangebot gibt, mit dem wir uns trösten können, noch eine Zukunftsaussicht, die uns eine Orientierung ermöglichen würde, bleibt uns nur der Trost der Technik:

Gehen wir von Folgendem aus: Die Kommunikation der sozialen Netzwerke ist mehr oder weniger das, was die Sprachwissenschaft phatisch nennt und der Volksmund Small Talk. Eine Art Placebo-Gespräch, das nichts anderes zum Ziel hat als sich selbst und den unmittelbaren Augenblick. Genauer: Ziel ist die Vermeidung des Augenblicks, der, wie Pascals Zimmer, das Ich mit sich allein ließe. Deswegen die permanente Kommunikation als Grundgesetz unser Kultur. Das mag man gelegentlich als Bürde beklagen, aber wenn das Leben Momente der Untätigkeit aufdrängt (im Bus, im Wartesaal, am Taxistand), spürt man dunkel wieder die Todesangst und greift rasch zum Smartphone. Die neuen Medien garantieren, dass man nie mit sich allein ist, und werben sogar, wie Apple für den iPad-Kalender, lässig mit Sprüchen, die einst Grund zum Aufschrei waren: „Immer schön busy“. […]
Die Moderne kann ihr Projekt – das scheitern würde mit der Rückkehr der Religion – nur retten durch die Flucht ins Technische: Sie übersetzt die Bedeutung von „Verbindung“ im Lateinischen religio als „Link“ und kürt zum heilbringenden Medium nicht die Kanzel, sondern das Online-Netzwerk. Dort ereignen sich die Begegnungen unserer Zeit im Takt der Updates. Dort feiert sich, in Anbetung unentwegter Gegenwart, die ewige Wiederkunft des Gleichen.

Moral und Social Media – eine Geschichte aus den USA

Karen Klein ist 68-jährig und arbeitet als Aufsichtsperson in einem Bus, der Schülerinnen und Schüler in eine Middle School bringt (5.-8. Schuljahr). Während mehrere Schüler Frau Klein belästigt haben, haben sie davon ein Video gemacht und es auf Facebook geladen.

Als Reaktion wurde dieses Video mit den Namen der beteiligten Schüler sowie der Buslinie und dem Schulort auf Youtube geladen (Link oben), wo es bis heute fast vier Millionen Menschen angesehen haben.

Zudem wurde auf Indiegogo ein Spendenaufruf installiert, mit dem man über Spenden der Frau Ferien ermöglichen wollte. Dafür hoffte man $ 5000 zu sammeln. Bis heute wurden aber schon über $ 450’000 gesammelt – genug, damit die Frau sich pensionieren lassen kann.

Die Geschichte zeigt die Kraft von Social Media und von einer globalen Verbreitung von Inhalten: Aus einem klassischen Mobbing-Fall, verbunden mit gemeinem Cyberbullying, der nur die Frau selbst und die Schüler im Bus betrifft, wurde ein Medienspektakel, an dem beliebig viele Menschen teilnehmen können. Sie können sich an verbaler und psychischer Gewalt belustigen – aber auch moralisch darauf reagieren. Social Media befähigt Menschen nicht nur, Inhalte zu konsumieren, sondern auch selber einzugreifen, zu handeln. Das ist das Schöne an der Geschichte. Social Media führt zu einer Lösung.

Allerdings, und das muss auch gesagt sein: Wir haben keine Möglichkeit den Wahrheitsgehalt auch nur eines Bestandteils zu prüfen. Auf der Sammelseite werden viele Links angegeben – ohne dass die uns aber definitiv darüber Aufschluss geben können, ob es sich hier um die Wahrheit handelt.

Trolle in sozialen Netzwerken und in der Schule

Im Folgenden möchte ich das Thema »Trolle« in vier Schritten diskutieren: Zunächst kurz festhalten, was Trolle sind; danach über Trolle und Unterrichtssituationen sprechen und diese Diskussion dann spezifischer auf den Einsatz von Social Media im Unterricht zuspitzen; abschließend eine andere Perspektive auf Trolle als Künstler aufzeigen.

(1) Was sind Trolle

In einer Untersuchung von Online-Charakteren entwickelt Jonathan Bishop eine ethnographische Typologie von Verhaltensweisen in sozialen Netzwerken. Einer der Typen ist der Troll. Er ist dadurch charakterisiert, dass er chaotisch handelt und mit seinen Beiträgen vornehmlich versucht, Reaktionen zu provozieren. So hält der Wikipedia-Artikel fest:

Der Begriff Troll wird in der Netzkultur für eine Person verwendet, die mit ihren Beiträgen in Diskussionen oder Foren unter Umständen stark provoziert. Mutmaßliches Ziel des Trolls ist das Stören der ursprünglich an einem Sachthema orientierten Kommunikation und das Erlangen von Aufmerksamkeit.

In einem einflussreichen Essay bezeichnet Judith Donath das Trollen als ein »Spiel mit der Identität, das ohne die Einwilligung der meisten Spieler gespielt wird« und zitiert einen Forumseintrag, in dem ein Troll mit einem Fischer verglichen wird:

Trollen ist, wenn man eine Fischerrute ins Wasser hält und sie langsam hin- und herbewegt, um den Fischen den Köder vor die Nase zu halten. Trollen im Netzt funktioniert gleich – der Troll wirft einen Köder aus und wartet darauf, dass jemand zubeisst, um die anschließende Auseinandersetzung zu genießen. [Übersetzung phw]

Trolle werden gemeinhin als schädlich wahrgenommen, aus mehreren Gründen:

  • Trolle stören Diskussionen nachhaltig.
  • Trolle geben schlechte Ratschläge.
  • Trolle verdrehen Fakten oder fälschen sie.
  • Trolle verhindern den Aufbau von Vertrauen.
  • Trolle erhöhen die Schwelle, die Fragende und Unwissende überschreiten müssen, um an Diskussionen teilnehmen zu können.
  • Die Präsenz von Trollen birgt die Gefahr, dass jeder User als Troll wahrgenommen werden könnte.

Die gemeinhin vorgeschlagene Reaktion auf Trolle ist das Ignorieren: »Don’t feed a troll« ist eine klassische Regel in Foren – um in Donaths Bild zu bleiben: Nicht anbeissen, wenn man den Köder eines Trolls vor sich schwimmen sieht. Darüber hinaus ist es in vielen online Konversationsräumen möglich, Trolle auszublenden, so dass ihre Einwürfe nicht mehr sichtbar sind.

(2) Trolle im Unterricht

Wenn wir uns Unterricht vereinfacht als ein lehrergesteuertes Unterrichtsgespräch mit einer Klasse vorstellen, dann gibt es auch hier eine Reihe von Möglichkeiten, wie Trolle eine sachbezogene Diskussion stören können. Trolle wären bestimmte Schülerinnen und Schüler, die mit Wortmeldungen, Zwischenbemerkungen oder ihrem Verhalten »Köder« auswerfen.

Das ist kein neues Phänomen, insofern gibt es auch jede Menge didaktische Lösungen dafür, die hier nicht repetiert werden sollen und müssen. Generell liegt aber im Unterricht deswegen kein Trolling vor, weil die Identitäten klar sind. Allen Beteiligten ist klar, wer potentielle Trolle sind und wer nicht – deshalb ist die Bedrohung, die von Störefrieden ausgehen, viel kleiner. Niemand muss befürchten, als Troll wahrgenommen zu werden, wenn er oder sie sich nicht entsprechend verhalten hat; auch das Vertrauen kann nicht nachhaltig gestört werden, wenn einige Schülerinnen oder Schüler versuchen, den Unterrichtsverlauf zu beeinflussen und eine sachliche Diskussion zu verunmöglichen.

(3) Trolle beim schulischen Einsatz von Social Media

Daran anschließend kann man schnell zum Schluss kommen, das Problem könnte am einfachsten gelöst werden, wenn es keinen Freiraum für Identitäten gibt. Man müsste also, wenn Social Media-Tools für schulische Zwecke eingesetzt werden, darauf bestehen, dass Klarnamen verwendet werden, die eine Zuordnung zu einer »realen« Identität ermöglichen und so die Situation im Klassenraum in virtuelle Räume übertragen – zumindest in Bezug auf das Identitätsmanagement.

Damit ist aber auch eine gewisse Gefahr verbunden, wie ein Essay der Electronic Frontier Foundation zur Diskussion um die Klarnamenpflicht bei Google Plus zeigt:

Just as using „real“ names can have real consequences, mandating the use of „real“ names can too, excluding from the conversation anyone who fears retribution for sharing their views. While one added value of requiring real names might be increased „civility“ of the conversation, it is most certainly to the detriment of diversity.
[Übersetzung phw:] Genau wie »reale« Namen auch wirkliche Konsequenzen nach sich ziehen, kann der Zwang, »reale« Namen angeben zu müssen, Menschen ausschließen, die Angst haben, ihre Meinungen zu äußern. Während man als Nutzen eines Klarnamenszwangs den verbesserten Umgang angeben könnte, verhindert er sicherlich Diversität.

Auf den schulischen Kontext bezogen heißt das, dass abenteuerliche Meinungen, Kritik, Originalität eingeschränkt werden, wenn man gezwungen ist, seinen richtigen Namen anzugeben – während die Kontrolle der Lehrperson und der Umgangston generell besser ist.

(4) Der künstlerische Troll

In einem Essay von Astrid Herbold in der Zeit werden Trolle aus einer wohlwollenden Perspektive betrachtet:

Diese Schnelllebigkeit bewirke, dass beliebte Einträge immer wieder gepostet und variiert werden, stellte eine Untersuchung des Massachusetts Institut of Technology kürzlich fest. Das und die Anonymität förderten „das Experimentieren mit Ideen“ – weil das Scheitern für den Einzelnen folgenlos bleibt. Zündet eine schräge Pointe nicht, versucht man es eben mit der nächsten.

Stefan Krappitz [geht es eher] eher um die grundsätzliche Haltung. „Trolle wollen Spielregeln brechen und Erwartungen unterwandern. Deshalb kann man das Trollen durchaus als ein Mittel des künstlerischen Ausdrucks verstehen.“ […] Sein Definitionsvorschlag für kreatives Trollen: „Ein guter Troll belustigt nicht nur sich selbst, sondern viele Menschen.“

 Diese positiven Eigenschaften, das Experimentieren mit Ideen, das lustvolle und belustigende Kommentieren, keine Angst vor dem Scheitern zu haben – das alles sind Elemente, die gutes Lernen begleiten. Und doch sind es gleichzeitig auch die chaotischen, destruktiven Kräfte, die in Cybermobbing münden können, wenn sich nämlich diese Energie gegen andere Menschen richtet.

Das Fazit wäre also Folgendes: In der Schule sollte es den Freiraum geben, sich von der eigenen Identität lösen zu können und das als etwas Lustvolles und Befreiendes zu erleben – aber innerhalb eines klar definierten Rahmens und Kontextes. Im generellen Einsatz von Social Media führt nichts an einer Klarnamenpflicht vorbei. Oder um es mit Postel’s Law zu sagen, das auf den Computerwissenschaftler Jon Postel zurückgeht: »Be conservative in what you do; be liberal in what you accept from others.« (Das Gesetz wird in diesem ausgezeichneten Troll-Artikel von Mattathias Schwartz im Magazin der New York Times zitiert.)