Social Media als Ergänzung zu mündlicher Beteiligung

Letzte Woche habe ich ein Projekt vorgestellt, bei dem Twitter als eine spielerische Erweiterung des Literaturunterrichts genutzt wird. Plattformen wie Twitter können aber auch als Ergänzung zu einem Klassengespräch genutzt werden. Kernidee: Wer sich nicht beteiligen kann oder will, nutzt Social Media als Ersatz.

Auf Konferenzen mit Social Media-Bezug ist es üblich, neben oder statt Slides einen Twitter-Wall einzublenden, wie man ihn auf dem Bild sieht:

Dort können die Zuhörerinnen und Zuhörer direkt Feedback geben, untereinander kommentieren und das Referat mit Links und Kommentaren sozusagen erweitern.

Diese Idee könnte man auch auf den Unterricht anwenden: Stille Schülerinnen und Schüler können sich per Social Media an einer Diskussion beteiligen, die von der Lehrperson dann wieder ins Klassengespräch integriert werden kann. Das tut Erin Olson, eine Englischlehrerin aus den USA, die in einem Beitrag der New York Times vorgestellt worden ist.

Das Klassengespräch erhält so einen so genannten Backchannel: Eine zweite Kommunikationsebene, auf der Fragen gestellt werden können, Meinungen geäußert und Kommentare abgegeben können. Die Idee besticht aus drei Gründen:

  • Es ergeben sich Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Schülerinnen und Schülern, z.B. kann, wenn jemand einen Begriff nicht versteht, die Klasse selbst eine Erklärung abgeben.
  • Es ergibt sich eine Aktivierung sonst passiver Schülerinnen und Schüler.
  • Wenn die Möglichkeit gegeben wird, themenzentriertes abzuschweifen, verhindert das nicht-thematisches Abschweifen.

Zwei Schülerstatements aus dem Artikel sind beeindruckend:

“Everybody is heard in our class,” said Leah Postman, 17.
Janae Smith, also 17, said, “It’s made me see my peers as more intelligent, seeing their thought process and begin to understand them on a deeper level.”

Die Einwände sind vorhersehbar – und selbstverständlich auch berechtigt: Laptops oder Tablets im Schulzimmer bieten die Gefahr einer Ablenkung, einer Verzettlung, eines Mangels an Vertiefung.

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Technische Möglichkeiten

Twitter selbst ist nicht für einen Bildungskontext ausgelegt. Ich schlage zwei andere Tools für den Einsatz im Schulzimmer vor und werde das im kommenden Schuljahr auch ausprobieren:

  1. Google Moderator, wo Fragen gestellt und beantwortet werden können
  2. TodaysMeet, eine Art provisorisches Twitter, das für jede Veranstaltung installiert werden kann und automatisch gelöscht wird, aber auch die Möglichkeit zum Download der Gespräche bzw. Fragen bietet.

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Zusatz 16. Juli 2012: Jürgen Bucher unterrichtet Medienwissenschaft an der Universität Trier und ersetzt Wortmeldungen teilweise durch die Möglichkeit, per Twitter Fragen zu stellen, wie die Süddeutsche Zeitung berichtet.

Das Verbot von Smartphones in Schulen

Eine Lehrperson, die auf Facebook gemobbt worden ist, forderte als Reaktion ein Verbot von Smartphones:

Intelligente Handys sollten in der Schule verboten werden. «Wer glaubt, dass Smartphones nur zum Schreiben von SMS genutzt werden, ist naiv.»

Mit anderen Worten: Das Vorhandensein von technologischen Mitteln schafft die Möglichkeit zu ethisch verwerflichen Handlungen, die an einer Schule nicht geduldet werden sollen und müssen.

Ein solches Verbot gibt es an der Theodor-Storm-Schule in Husum (Deutschland). Die Schulordnung hält fest:

Die Nutzung elektronischer Medien jeglicher Art ist grundsätzlich für Schülerinnen und Schüler auf dem gesamten Schulgelände untersagt. Damit ist auch das Anfertigen von Bild- und Tonaufnahmen nicht gestattet.
Erlaubt ist hingegen die unterrichtliche Nutzung elektronischer Medien in Abstimmung mit der unterrichtenden Lehrkraft.

In einem ausführlichen Blogpost beleuchtet nun ein Schüler der Schule die Geschichte des Verbots und präsentiert die Argumente der Schülerschaft und die der Eltern bzw. der Lehrerschaft. Etwas zugespitzt hält er fest:

In den vergangenen Diskussionen ist es oft so verlaufen, dass wir viele Argumente brachten, es wurde einfach nicht zugehört. Die Eltern und Lehrer brachten uns immer wieder mit der Mobbingkeule zum Schweigen.

Die Argumente der Schülerschaft sind zusammengefasst vier:

  1. Cybermobbing kann nicht mit Verboten bekämpft werden – wer genug kriminelle Energie für Mobbing aufbringen kann, kann auch Verbote umgehen.
  2. Elektronische Medien sind für das Kerngeschäft der Schule, das Lernen, bedeutsam.
  3. Elektronische Medien haben eine wichtige Funktion im Berufsleben, auf das die Schule vorbereitet.
  4. Die Schule kann sich nicht gesellschaftlichen Entwicklungen verschließen.

Ein Medienverbot macht das Schulgelände zu einem Ort, der in puncto Mediennutzung nicht mehr der Lebenswirklichkeit entspricht. Das hilft dem Schüler herzlich wenig. Mit dem Verlassen des Schulgeländes ist er dann drin in der großen medialen Welt und hat am Ort des Lernens – nämlich in der Schule – nur begrenzte Erfahrungen für den sinnvollen Medieneinsatz gesammelt.

Diese Aussage kann man nun durchaus anders sehen: Die Schule kann sehr wohl ein Schonraum sein. Sie entspricht in vielen Hinsichten nicht der Lebenswirklichkeit: Schülerinnen und Schüler sind gehalten, Standardsprache zu sprechen, sich in eingeteilten Klassengruppen zu organisieren, sie werden geprüft und bewertet usw.

Was heißt das in Bezug auf ein Verbot von elektronischen Medien (gemeint sind wohl Mobiltelefone, Laptops und Tablets)?

  • Ein Verbot ist eine Kapitulation. Es zeigt, dass die Verantwortlichen den Schülerinnen und Schülern einen vernünftigen Umgang mit diesen Medien nicht zutrauen.
  • Ein Verbot könnte auch anders formuliert werden – als Profilierung der Schule. Im Blogbeitrag heißt es: »Es ist ja auch nicht so, dass die TSS eine “Bastel- Mal- und Singschule” ist.« Nun könnte die Schule gerade zu so etwas werden: Zu einem Raum, in dem das persönliche Gespräch wichtig ist, die Ruhe, die Reflexion etc. – also zu einem Raum, in dem elektronische Kommunikation ein Störfaktor wäre.
  • Mobbing oder Cybermobbing kann ein Verbot sicher nicht verhindern. Schülerinnen und Schüler werden auch ohne schulische Nutzung von digitalen Medien im Internet präsent sein, sich exponieren und Missbrauch erleben. Das heißt nicht, dass man die Augen verschließen sollte – aber gerade ein Verbot befördert eine Kultur, in der Lehrpersonen die Existenz der virtuellen Welt leugnen und ignorieren können.
  • Geräte zur Nutzung elektronischer Medien sind Instrumente. Sie machen gewisse Handlungen ganz leicht – Cybermobbing braucht keinen Mut und keinen Aufwand. Aber dennoch sind sie nicht der Grund für Mobbing.

Mein Fazit (hier weitere Überlegungen zum Umgang mit Smartphones): Schulen sollen sich die Frage nach einem Verbot explizit stellen – aber niemals den Begriff Verbot verwenden, sondern positiv von der Schulkultur, die angestrebt wird. Es darf nicht so aussehen, als verkünde man eine »Ich stelle mich gegen das Internet«-Parole, wie das der bloggende Schüler formuliert – und es darf auch nicht so sein. Persönlich halte ich aber einen verantwortungsvollen Umgang mit Technologie generell für besser als eine Verweigerung und ein Verbot.

Update 25. Juni 2012:

Die FAZ berichtet über den Umgang mit Handy in Schulen und lässt Kirstin Koch, die Jugendschutzverantwortliche der Stadt Frankfurt zu Wort kommen:

Handys und Internet gehörten nun einmal zum Leben dieser Generation und ließen sich nicht verbannen. „De facto läuft es trotz Verbots doch so: Die Schüler stellen ihr Handy lautlos, stecken es in die Tasche und holen es nach Ende der Stunde auf dem Gang, auf dem Pausenhof oder in der Toilette wieder heraus.“ Sie empfiehlt, das Medium Smartphone „positiv in den Schulalltag einzubringen“, also eine sinnvolle Nutzung aufzuzeigen. Die Schüler könnten per Handy Formeln suchen oder mit der eingebauten Kamera Tafelbilder abfotografieren, sagt Koch.

Rezension: Bleckmann – Medienmündig

 Die Medienpädagogin Paula Bleckmann verspricht in ihrem Buch »Medienmündig« (Klett-Cotta, 2012) eine Anleitung dafür, »wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umzugehen lernen«. Damit ist auch schon gesagt, was die Autorin unter Medienmündigkeit versteht – ein Begriff, das sie dem »Plastikwort« (Pörksen) Medienkompetenz entgegenhält:

[D]er »Kompetenz« [fehlen], zumindest in der öffentlichen Debatte, gleich zwei entscheidende Dinge: Erstens fehlt die Dimension der Reifung, also des Zeitlassens und Raumgeben im Verlauf der Ausbildung einer Persönlichkeit. Zweitens fehlt die Dimension der Selbstbestimtheit, der Zeitsouveränität, der Verhinderung von Abhängigkeit.

Während das Konzept der Medienmündigkeit im Buch klar gefasst ist – z.B. mit unten stehender Grafik -, werden die hier erwähnten Gefahren ständig wiederholt: Im Abschnitt über Prävention vergleicht Bleckmann Mediennutzung mit dem Rauchen. Das ist symptomatisch: Das Szenario der Sucht und die gesundheitlichen Schäden sind Leitthemen des Buches. Medienmündigkeit ist hauptsächlich Präventionsarbeit, das wichtigste Ziel für PädagogInnen und Eltern: Den Einstieg verzögern.
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Dabei argumentiert die Autorin zu wenig differenziert: Sie spricht mit Spitzer (2005; hier pdf mit Auszügen) von „Bildschirmmedien“, die für Kleinkinder sicher, für Grundschulkinder sehr wahrscheinlich und für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe wahrscheinlich schädlich seien.
Damit meint sie Fernsehen und Computer – ohne nach Inhalten und Tätigkeiten zu unterscheiden. Dabei lässt sie nicht nur die methodische Skepsis beiseite, die sie allen medienfreundlichen Studien entgegenbringt, sondern zeigt auch eine gewisse Ignoranz gegenüber den Entwicklungen der letzten 10 Jahre.
Trotz dieser Kritik lohnt sich die Lektüre – weil das Konzept der Medienmündigkeit durchdacht und überzeugend ist (siehe Auflistung der zentralen Entwicklungsziele unten). Es müsste gekoppelt werden mit einer nüchternen Sicht der medialen Möglichkeiten, die Chancen und Risiken in Beziehung setzt, anstatt Chancen auszublenden und vor Risiken bei jeder Gelegenheit zu warnen.

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Auf dem Blog von Klett-Cotta gibt es eine ausführliche Besprechung.

Mobbing von Lehrpersonen auf Facebook

Der Tages-Anzeiger berichtet heute (iPad-Link, öffnet nicht in jedem Browser), wie Lehrpersonen im Kanton Zürich auf Facebook gemobbt werden:

  • Schülerinnen und Schüler erstellen mit Handy Youtube-Videos von den Lehrpersonen
  • Diese werden auf falschen Facebook-Profilen dieser Lehrpersonen veröffentlicht.

Die Methode ist perfid – die Lehrpersonen sind wohl selbst nicht auf Facebook, wissen also zunächst nicht, was abläuft. Mobbing gegen Lehrpersonen, früher hätte man wohl von »Streichen« gesprochen, ist nichts Neues – neu ist der massive Kontrollverlust durch die Möglichkeiten des Internets. Über jede und jeden von uns können privateste Informationen ins Internet geschrieben werden, ohne dass wir das wissen und ohne dass wir direkt darauf reagieren können.

Wie sollte man reagieren, wenn man im Internet gemobbt wird?

  1. Direkt bei der Plattform eine Löschung der Inhalte beantragen.
  2. Möglichen Tätern mitteilen, dass man eine Löschung der Inhalte innert zwei Tagen erwarte.
  3. Bei schweren Fällen Medienanwälte einschalten.

Fazit im Artikel von Thomas Stierli von der Pädagogischen Hochschule Zürich:

Auch jene, die mit Facebook und Internet nichts am Hut haben wollen, müssen sich heute damit auseinandersetzen.

Regeln für den Umgang mit Smartphones

Pause. In vielen Schulzimmern dasselbe Bild: Lehrpersonen wie Schülerinnen und Schüler holen ihre Smartphones hervor, checken neue Benachrichtigungen, tippen Mitteilungen, Statusupdates, Kommentare. Die Blicke versinken in den Geräten, die Nachbarin und die Freunde werden nicht mehr wahrgenommen, es gibt keine Räume mehr für Gespräche, für Streit, fürs Weiterdenken des Unterrichtsinhalt. Alle kapseln sich ab, in ihre eigene Welt, die doch eigentlich keine ist, sondern nur aus Daten besteht. 

Eine solche Beschreibung der Realität hört man in vielen Lehrerzimmern. Ist die Kritik gerechtfertigt? Brauchen Schulen eine Art Code of Conduct im Umgang mit Technologie? Oder sollen sie sogar Schulregeln erlassen, die Smartphones ganz oder teilweise verbieten?

Die New York Times berichtete kürzlich über eine Waldorfschule in Kalifornien, die auf Technologie verzichtet. Keine Computer in den Schulräumen, dafür viel physische Aktivität, Basteln, Tanzen, Kreativität. Drei Viertel der Eltern der Schülerinnen und Schüler diese Privatschule arbeiten in einem Beruf, der direkt mit moderner Technologie zu tun hat – und wollen ihre Kinder vor den schädlichen Einflüssen der Technologie schützen (vgl. dazu auch die Aussagen von Expertinnen und Experten in dieser Studie des PewResearch Centers).

Waldorf-Schulen (oder in der Schweiz: Rudolf Steiner-Schulen) gibt es schon 100 Jahre neben staatlichen Schulen. Sie sind Räume, wo Alternativen erprobt werden können – wo aber auch extreme Haltungen zum Ausdruck kommen, z.B. auch im Umgang mit moderner Medizin. Die Frage wäre: Ist diese Haltung die richtige?

Für die Schule der Zukunft gäbe es demnach zwei Leitvorstellungen:

  • Der digitalisierte »Schulraum«, der kein Raum mehr zu sein braucht, weil sich immer wieder lose Gemeinschaften bilden, die miteinander lernen, verbunden durch Netzwerke, in denen alles Lernen kooperativ ist, Wissen und Gemeinschaften flüssig, privates Lernen mit schulischem verschmilzt, eine Einheit bildet.
  • Der Schulraum als Schonraum, wo die Gefahren des Berufslebens, also der Stress, die Technik, der soziale Druck ferngehalten werden und eine ruhige Entwicklung möglich ist, Reflexionsprozesse, Bildung von sozialen Gefügen, die Selbstfindung.

Bei der Frage um die Rolle der Smartphones entscheidet sich, auf welche Schule der Zukunft eine Schule heute hinsteuert. Wer Smartphones als Medien des Lernens, als eine Erweiterung des Unterrichts und eine Möglichkeit, soziale Bindungen zu pflegen versteht, wird liberaler damit umgehen. Dann dürfen auch während des Unterrichts Smartphones benutzt werden – die Gefahr, dass sie eine Quelle für Ablenkung bieten, muss reflektiert werden. Im Artikel der New York Times sagt eine Lehrerin stolz, sie habe die Aufmerksamkeit der SchülerInnen, wenn sie Bruchrechnen mit einem selbst gebackenen Kuchen erkläre. Auch in der digitalisierten Schule kann Mathematik mit Backwaren erklärt werden, muss der Fokus auf etwas ausserhalb der digitalen Welt gelegt werden. Aber nicht nur.

Flickr, Whowired, CC-NC-BY

Alternativ trennt man die Welt der Schule von der technisierten Welt um sie herum ab. Auch so können Lernprozesse stattfinden. Ideal wäre meines Erachtens dann aber nicht ein starres Regelwerk, sondern eine Art Learner Profile – die ideale Schülerin, der ideale Schüler geht so mit seinem Gerät um. Regeln schaffen einen Graben zwischen denen, die sie etablieren und durchsetzen und denen, die sie befolgen müssen. Wäre man konsequent, so dürften auch Lehrpersonen keine Computer und Handys mehr verwenden, müssten ihren Unterricht wie vor 40 Jahren vorbereiten, mit Büchern, Tafelbildern und Ähnlichem.

Diese Entscheidung kommt auf alle Schulen zu.

Zum Schluss seien Gerald Raunig und Felix Stalder zitiert, zwei Professoren der Zürcher Hochschule der Künste, die in einem Aufsatz in der Zeit deutlich machen, dass die Vorstellung, Social Media und Gadgets seien Teil einer Scheinwelt, nicht mehr zeitgemäss ist – dass sich ganz andere Fragen stellen:

[A]uch das Problem der Abspaltung des Realen vom Medialen [stellt sich] nicht mehr in derselben Weise. Im kognitiven Kapitalismus geht es weniger denn je um eine Trennung zwischen »virtueller« Medialität und »realer« Sozialität. Mit den Social Media und den neuesten Gadgets der Bewusstseinsindustrie hat diese maschinische Sozialität längst ein Stadium erreicht, das Mensch-Maschine-Verhältnisse nicht mehr als Beziehung der Unterordnung beschreibbar macht. Real ist gerade das Anhängen an den Maschinen, das Begehren nach ihnen, schließlich auch die Abhängigkeit von ihnen. Nur vor dem Hintergrund dieses heute unhintergehbar gewordenen wechselseitigen Verhältnisses zwischen Mensch und Maschine lassen sich Wege finden, nicht vollständig dienstbar zu werden. Da gibt es keine Realität hinter dem »Schein« der Gadgets, kein »zweites Leben in der analogen und leibhaftigen Wirklichkeit«, genauso wie es keine Flucht gibt in das second life der virtuellen Netze.

Den Austausch in den Zwischenräumen neuer Medien und Maschinen zu verhindern und zu kriminalisieren ist weder erfolgversprechend noch eine adäquate Antwort auf die gegenwärtigen Herausforderungen. Verstellt wird dadurch lediglich der Blick auf die eigentlichen Fragen: Wenn es stimmt, dass Wissen in der Kooperation entsteht, was sind die heutigen Bedingungen der Kooperation? […] Wie können wir die existenzielle Absicherung von Wissens- und Kulturarbeit auf weitere Kreise ausdehnen? Wie können wir eine horizontale Kommunikation forcieren, in der nicht mehr ein Urheber am Anfang steht, sondern in der Mitte und durch die Mitte Serien der Autorschaft, Verdichtungen, Wendungen und neue Kombinationen entstehen? Wie können wir einen transversalen Intellekt erfinden, in dem die Zahl und die Vielfalt der »Geistigen« und ihrer Austauschprozesse immer weiter vervielfältigt werden?

Social Media und das jugendliche Gehirn

Der große amerikanische Autor David Foster Wallace sprach 2005 zu den Absolventinnen und Absolventen des Kenyon Colleges. Er sagte unter anderem (Video gibts hier, Übersetzung im unteren Teil):

It is extremely difficult to stay alert and attentive, instead of getting hypnotized by the constant monologue inside your own head (may be happening right now). Twenty years after my own graduation, I have come gradually to understand that the liberal arts cliché about teaching you how to think is actually shorthand for a much deeper, more serious idea: learning how to think really means learning how to exercise some control over how and what you think. It means being conscious and aware enough to choose what you pay attention to and to choose how you construct meaning from experience. Because if you cannot exercise this kind of choice in adult life, you will be totally hosed. Think of the old cliché about “the mind being an excellent servant but a terrible master.”
[Übersetzung phw: ] Es ist enorm schwierig, wach und aufmerksam zu bleiben, während in unserem Kopf ein ständiger Monolog uns zu hypnotisieren versucht (wie das jetzt vielleicht gerade passiert). Zwanzig Jahre nach meinem eigenen Abschluss habe ich langsam verstanden, dass das Klischee der Geisteswissenschaft, dass sie vermitteln, wie man denkt, für eine viel größere und ernsthaftere Vorstellung steht: Zu lernen, wie man denkt, bedeutet eigentlich zu lernen, wie man kontrollieren kann, wie und was man denkt. Es bedeutet, bewusst und aufmerksam genug zu sein, um wählen zu können, worauf man sich konzentrieren will und wie man aus Erfahrungen bedeutsame Erkenntnisse gewinnt. Wer als Erwachsener eine solche Wahl nicht treffen kann, wird völlig im Regen stehen. Man denke an das alte Klischee, dass der Geist ein ausgezeichneter Sklave, aber ein schlechter Herr sei.

Wallace führt weiter aus, dass sich Selbstmörder nicht selten in den Kopf schössen, wohl um das Denken auszuschalten – was er selbst später auch getan hat.

Hier soll es aber nicht um Wallace gehen, sondern um die Frage, wie man sich heute konzentrieren kann. In unseren Köpfen ist ständig mehr, als wir verarbeiten können. Eine naheliegende These ist es, dass die schnelle, mehrschichtige Kommunikationskultur der Social Media die Gefahr, abgelenkt zu sein, verstärken.

Diese These soll anhand einer Infographik zunächst vorgestellt und dann geprüft werden. Die Infographik stammt von AssistedLivingToday, sie trägt den reisserischen Titel »Social Media is Ruining our Minds«. Ich kommentiere im Folgenden Auszüge daraus:


(1) Schlechteres Konzentrationsvermögen

Die Grafik behauptet, man habe sich vor 10 Jahren 12 Minuten auf etwas konzentrieren können, heute noch 5 Sekunden. Diese Behauptung ist zunächst einmal falsch, die Quelle der Grafik, ein Zeitungsartikel, spricht von einer Reduktion von 12 Minuten auf 5 Minuten, nicht Sekunden.

Tatsächlich zeigt eine Umfrage des PewResearchCenters (pdf, Feburar 2012), dass führende Experten und Analysten davon ausgehen, dass die Aufmerksamkeitsspanne sinken wird und es für Menschen schwierig wird, komplexe Probleme mit dauerhafter Konzentration zu bearbeiten. Zudem ist offensichtlich, dass die Ablenkungen durch Social Media für soziale Zusammenleben eine Herausforderung darstellen (vgl. diesen Kommentar aus Forbes). Gleichzeitig sind gewisse Konzentrationsleistungen auch nicht mehr nötig, weil Computer als Hilfsmittel viele Aufgaben für uns erledigen (z.B. das Addieren von langen Zahlenreihen, Rechtschreibprüfung, das Auswendiglernen von langen Listen etc.)


(2) Verändert sich das Hirn? 

Der nächste Teil der Grafik scheint zu zeigen, dass sich unser Hirn negativ verändert. Das ist eine Aussage, die vor allem in England von Susan Greenfield regelmässig wiederholt wird (z.B. hier im Guardian). Die Baronin ist zwar Neurowissenschaftlerin, kann ihre Behauptungen aber nicht wissenschaftlich belegen.

Die Aussage, dass der Umgang mit Technologie einen Einfluss auf die Entwicklung unsere Hirns hat, ist sicherlich nicht falsch – muss aber genauer und seriöser untersucht werden. Heute kann man dazu kaum genaue Aussagen machen. Martin Robbins schreibt im Guardian etwas bösartig:

In short – as far as I can understand it – Greenfield’s hypothesis is that an unquantified level of exposure to an unspecified subset of modern technologies may be affecting an indeterminate number of people’s brains in an undefined way, with a number of results.
[Übersetzung phw:] Kurz gesagt: So weit ich es verstehe, behauptet Greenfield, dass eine unbestimmte Art von Umgang mit einem unbestimmten Teil moderner Technologie eine unbestimmte Anzahl menschlicher Hirne auf eine unbestimmte Art beeinflussen kann, so dass unbestimmte Effekte eintreten.


(3) Und die Hormone

Hierzu muss nicht viel gesagt werden: Dass Menschen Hormonlevel habe, die sich bei Aktivitäten (auch auf Social Media) verändern, ist selbstverständlich. Auf Twitter und auf FB finden stressige und soziale Interaktionen statt – unerwartet wäre, dass Menschen sich hormonell dadurch nicht beeinflussen lassen.

(4) Fazit

So verlockend sich die Grafik präsentiert, so manipulativ ist sie: Unser Hirn verändert sich vielleicht, wenn wir Social Media benutzen. Genaueres wissen wir darüber nicht – uns bleibt die Erkenntnis, dass wir einen bewussten Umgang mit Social Media wählen müssen und uns nicht treiben lassen dürfen. Aber das wussten wir wohl schon.

Digitale Einsamkeit – die verlorene Fähigkeit, Gespräche zu führen

Gespräch. Quelle: Flickr Blue Square Thing, CC BY-NC-SA

Deshalb sage ich: Schaut auf, schaut euch an – und beginnt ein Gespräch!

Mit diesem Aufruf endet ein Artikel der amerikanischen Soziologin und Psychologin Sherry Turkle, der am Wochenende in der New York Times erschienen ist. Turkle schildert, wie in der Arbeitswelt und in der Welt der Jugendlichen die Fähigkeit verloren gegangen ist, ein Gespräch zu führen. Wir hätten an ihrer Stelle eine neue Fähigkeit gelernt, »gemeinsam alleine« zu sein. (Alone Together heißt auch Sherry Turkles neuestes Buch.)

Turkle beschreibt einen 16-Jährigen, der sich wünscht, zu lernen, wie man ein Gespräch führt. Die Möglichkeit, digital Kontakte zu pflegen, führe zu einer Isolation. Die digitale Kommunikation sei bequemer, so Turkle. Sie ermögliche:

  • Nicht zu enge und nicht zu lose Beziehungen zu pflegen.
  • Uns so zu präsentieren, wie wir wahrgenommen werden wollen.
  • Zu ändern, was wir ändern wollen, zu löschen, was wir löschen wollen.
  • Gespräche in kleine Bestandteile zu strukturieren, denen wir uns dann zuwenden wollen, wenn wir das möchten.

Zwischenmenschliche Beziehungen seien hingegen unordentlich und anspruchsvoll. Technologie wird nach Turkle benutzt, um diese Beziehungen zu bändigen. Dabei entstünde eine Verschiebung hin von Gesprächen zu Verbindungen:

But connecting in sips doesn’t work as well when it comes to understanding and knowing one another. In conversation we tend to one another. (The word itself is kinetic; it’s derived from words that mean to move, together.) We can attend to tone and nuance. In conversation, we are called upon to see things from another’s point of view.
[Übersetzung phw: Sich bei bedarf zu verbinden funktioniert dann nicht, wenn es darum geht, einander zu verstehen und zu kennen. In Gesprächen wenden wir uns einander zu. Wir hören auf den Tonfall und auf Nuancen. In Gesprächen wird von uns verlangt, einen anderen Standpunkt einzunehmen.]

Turkle beschreibt die Konsequenzen dieser Verschiebung als eine Art Zirkel: Weil Technologie uns dabei hilft, anstrengenden Gesprächen aus dem Weg zu gehen, haben wir auch keine Gesprächspartner mehr und wenden uns noch stärker der Technologie zu. Früher sei der Impuls für Gespräche folgender gewesen: »Ich habe ein Gefühl, ich rufe jemanden an.« Heute sei er: »Ich möchte ein Gefühl, ich schreibe eine Nachricht.«

Zum Schluss der Hinweis auf ein Interview mit Turkle in der Zeit. Dort sagt sie unter anderem:

ZEIT: Sie haben Ihr Buch als einen Brief an Ihre Tochter formuliert, die für ein Jahr ins Ausland gegangen ist. Früher waren Eltern und Kinder in dieser Situation zum ersten Mal wirklich voneinander getrennt – ab und zu ein Brief oder ein kurzes, teures Telefonat. Heute ist jeder zu jeder Zeit anwesend, es gibt keine Entschuldigung mehr dafür, nicht erreichbar zu sein.

Turkle: Ja, und es gilt die Regel »Ich texte, also bin ich«. Es gibt einen großartigen Spruch in der Psychologie: Wenn du deine Kinder nicht lehrst, allein zu sein, dann lernen sie nur, einsam zu sein. Wir versagen, wenn wir sie nicht auf ein Alleinsein vorbereiten, das erfrischend und regenerierend wirkt. Wir trainieren sie für eine lebenslängliche Einsamkeit.

ZEIT: Und gleichzeitig senden sie Tausende von Nachrichten…

Turkle: Ja, das ist ein Paradox, das uns mehr und mehr Probleme bereitet.

ZEIT: Und wie lautet Ihr Rezept dagegen?

Turkle: Eigentlich bin ich vorsichtig optimistisch, dass ein Wandel einsetzt. Der Grund ist, dass die Menschen, mit denen ich rede, einfach nicht glücklich sind.

ZEIT: Aber als Psychotherapeutin wissen Sie auch, dass Unzufriedenheit nicht notwendigerweise zu einer Änderung des Verhaltens führt.

Turkle: Was hilft, ist die Identifizierung unserer Schwachstellen. Deshalb spreche ich auch nicht von Sucht. Es geht nicht darum, einen »kalten Entzug« zu machen« und die Geräte wegzuwerfen. Die Gefahr geht ja von einem unausgewogenen Verhältnis aus – wer das einsieht, kann daran arbeiten, ihnen weniger schutzlos ausgeliefert zu sein.

Sherry Turkle. Quelle: Flickr jeanbaptisteparis, CC BY-SA.