Bemerkungen zur Sexting-Kampagne von Pro Juventute

Gestern hat Thinh-Lay Bosshart die Ergebnisse eines Selbstversuchs mit dem Chat-Support von Pro Juventute veröffentlicht, der heute auf Facebook zu einigen Diskussionen Anlass gegeben hat (FB-Link, Gruppe »Medienpädagogik«). Als Reaktion darauf möchte ich einige Bemerkungen zur Kampagne von Pro Juventute anfügen, die meinen Kommentar zur Sexting-Kampagne ergänzen.

  1. Die Aufklärungsarbeit von Pro Juventute ist wichtig und richtig. In Zusammenarbeit mit Expertinnen und Experten wird die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit mit der kostspieligen Kampagne auf ein medienpädagogisches Thema gelegt, das tatsächlich Aufmerksamkeit verdient.
  2. Die fachlichen Informationen, die Pro Juventute z.B. in den Merkblättern zur Verfügung stellt, sind hochwertig und empfehlenswert. Sie sind kompakt, praxisnah und korrekt.
  3. Sexting ist – wie auch Cybermobbing – keines der großen Themen von Pro Juventute. Sexting betrifft eines von 450 Gesprächen, die Pro Juventute mit Jugendlichen täglich führt.
  4. Der Vorwurf, die Kampagne würde dafür benutzt, Spendengelder einzutreiben, der beispielsweise bei der Cybermobbing-Kampagne in der NZZ erhoben wurde, mag einen wahren Kern haben, verkennt aber, wie sich Organisationen wie Pro Juventute finanzieren müssen. Marketing ist wichtig und es ist keineswegs verwerflich, das Marketing mit einer Aufklärungskampagne zu verbinden.
  5. Dennoch bleibt ein schaler Nachgeschmack, dass ein Bild der Jugend gezeichnet wird, das der Realität nicht ganz gerecht wird. Jugendliche betreiben Sexting, aber die Praxis ist nicht Alltag und betrifft nicht alle Jugendlichen. Ein Schulleiter einer Zürcher Oberstufe hat kürzlich von drei Fällen im letzten halben Jahr gesprochen, mit denen er sich beschäftigen musste. Sicher kein vernachlässigbares Problem, aber beispielsweise nicht auf eine Stufe mit familiären Problemen zu stellen.
  6. Die Präsenz in den sozialen Netzwerken könnte professioneller ausfallen. Die Beratung im Chat sollte zumindest an kompetente Fachleute weiterverweisen, wenn sie selbst keine kompetente Auskunft geben kann.
  7. Das betrifft auch den Cyber-Risiko-Check. Er ist auf Facebook beschränkt – eine Plattform, die gefährdete Jugendliche (also die jüngsten) neben WhatsApp und Instagram immer weniger nutzen.
    Dazu kommuniziert er medienpädagogisch paradox: Er verlangt Zugriff zum eigenen Facebook-Profil und möchte sogar im eigenen Namen publizieren können – will aber gleichzeitig vermitteln, dass der Zugriff zum Profil möglichst vorsichtig gehandhabt werden sollte. Die Kriterien, nach denen die Empfehlungen erfolgen, sind zudem wenig transparent und die Tipps an der Oberfläche. Echte Präventionsarbeit muss sich stärker auf Kontexte beziehen und funktioniert auf einer so allgemeinen Ebene nicht.

Fazit: Während die Kampagne sinnvoll ist, dürfte sie in der konkreten Ausgestaltung sorgfältiger sein. Lieber etwas genauere Information, dafür weniger Möglichkeiten, als allgemeine Hinweise, die im konkreten Fall wenig nützen. 

Die Konsensillusion

Soziale Netzwerke haben einen starken Einfluss auf die digitale Kommunikation gehabt. Diese Einsicht wird häufig – auch in diesem Buch ausgeblendet -, wenn davon ausgegangen wird, digitale Kommunikation sei automatisch Kommunikation in sozialen Netzwerken. »Lange Zeit war es der Normalzustand, dass man sich im Netz mit Fremden unterhielt«, hält Kathrin Passig am Anfang einer Untersuchung zum Wir-Gefühl in Social Media fest. Wenn also Gemeinschaften im digitalen Kontext entstanden, orientierten sie sich an gemeinsamen Interessen, die dazu führten, dass Kommunikation überhaupt entstehen konnte.

Diese Entwicklung ist für Jugendliche von entscheidender Bedeutung. Gerade solche mit Nischeninteressen, seien es spezielle Hobbies, Fertigkeiten oder Krankheiten, finden Anschluss an Netzgemeinschaften. Das gilt sogar für Hikikomori, also meist japanische, männliche Jugendliche, die sich sozial so stark isoliert haben, dass sie ihr eigenes Zimmer nicht mehr verlassen (vgl. z.B. Yong. S. 11ff.). Die Möglichkeiten zur Bildung von Gemeinschaften, so kann recht klar bilanziert werden, haben sich durch die Möglichkeiten der Web-Kommunikation erweitert und verfeinert.

Die Eigenschaft von sozialen Netzwerken, soziale Beziehungsstrukturen digital abbilden zu können, führt aber zu Schwierigkeiten, die aus der »Kombination aus Zusammenlegung der sozialen Kreise, kollaborativer Selbstdarstellung und wachsender Normalität der aktiven Internetnutzung« resultieren. Die Beispiele sind bekannt: Während wir im sozialen Austausch gewisse Themen aktiviert und andere zurückgestellt oder tabuisiert werden – die Kinder, die beim Nachtessen präsent sind, werden als Thema aktiviert, politische oder religiöse Fragen allenfalls ignoriert –, sind diese Themen alle nebeneinander in den Netzwerken präsent: »Die Flüsse vieler unterschiedlicher Lebenskontexte münden ins große Facebook-Meer«, schreibt Passig.

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Den Effekt dieses Phänomens kann man Konsensillusion nennen: Menschen denken generell, dass viele andere ihre Meinungen teilen, sie überschätzen den Anteil der Menschen, der so denkt, wie sie selber. Dieser Effekt tritt selbst dann ein, wenn Menschen ihn kennen, er ist innerhalb einer bestimmten Gruppe ausgeprägter als zwischen Mitgliedern der Gruppe und der Außenwelt.

Welche Auswirkungen hat das?

  1. Es besteht die Gefahr, Mitmenschen unsympathisch zu finden, weil man ihre Meinungen auf Facebook oder Twitter nachlesen kann. Die Struktur des Web 2.0 ermöglicht oder erzwingt einen Austausch über Themen, der in sozialen Situationen sonst vermieden werden könnte.
  2. Schnell entsteht der Eindruck, das Medium sei für das Problem verantwortlich und zieht sich daraus zurück. Damit ist ein Trugschluss verbunden, wie Passig meint: »Allerdings fußt die Vorstellung von der Authentizität, Verlässlichkeit und Harmonie der Offlinebeziehungen nicht unbedingt auf harten Fakten.«
  3. Menschen kommunizieren als Resultat der Konsensillusion oft auch eingeschränkt: Sie fokussieren auf positive und private Themen. Kaum jemand findet sich in einem angeregten Online-Streit, weil er oder sie Fotos vom Strandurlaub reinstellt, niemand wirkt wegen eines lustigen Musikvideos und einer schlauen Zitats unsympathisch.
  4. Soziale Netzwerke, die private Rede öffentlich oder halb-öffentlich machen, werden technologisch von anderen abgelöst, die das nicht mehr ermöglichen. Die Ablösung von Facebook, die bei urbanen Jugendlichen in Europa und in den USA bereits im vollen Gang ist, führt hin zu persönlichen Tools wie WhatsApp oder Snapchat – oder zu solchen, die nur bestimmte Inhalte zulassen, namentlich Instagram (Bilder) oder Vine (Videos). So kann entweder das Publikum klar definiert werden oder der Austausch von Inhalten verhindern, dass es zu Konsens kommen muss.

Fear of Missing Out

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Online life provides plenty of room for individual experimentation, but it can be hard to escape from new group demands. It is common for friends to expect that their friends will stay available—a technology-enabled social contract demands continual peer presence. And the tethered self becomes accustomed to its support.

Das Leben online ermöglicht genügend individuelle Erfahrungen, aber es kann schwierig werden, sich Anforderungen von Gruppen zu entziehen. Es ist für Freundinnen selbstverständlich, von ihrem Freundinnen zu erwarten, dass sie verfügbar bleiben – ein Gesellschaftsvertrag, der ständige Präsenz der Peers verlangt. Und das angebundene Ich (tethered self) gewöhnt sich daran.

Diese Gewöhnung, die Sherry Turkle in ihrem Buch »Alone Together« beschreibt, führt zu einem Phänomen, das als Fear of Missing Out (FOMO) bezeichnet wird – deutsch: die Angst, etwas zu verpassen.

Eine umfassende Untersuchung von JWT Intelligence definiert FOMO als:

Fear Of Missing Out (FOMO) is the uneasy and sometimes all-consuming feeling that you’re missing out—that your peers are doing, in the know about or in possession of more or something better than you. FOMO may be a social angst that’s always existed, but it’s going into overdrive thanks to real-time digital updates and to our constant companion, the smartphone.

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Die Frage, ob FOMO eine Begleiterscheinung der gesellschaftlichen Organisation der Menschen sei, oder ob es durch die Nutzung von Social Media verstärkt werde, hat eine Gruppe Englischer Psychologinnen und Psychologen (Przybylski et al., 2013, Paywall – ich kann Paper bei Interesse per Mail verschicken) intensiver untersucht.

In einem ersten Schritt haben die Forscherinnen und Forscher Merkmale von FOMO bestimmt, aus denen sich ein Test ableiten lässt. Ich bette ihn als Google Form hier ein:

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Ihre umfassende Studie entwickelt ein Modell, wie FOMO entsteht und wie diese Angst mit dem Gebrauch von Social Media in Zusammenhang steht.

Sie gehen von drei grundlegenden psychologischen Bedürfnissen aus:

  1. Kompetenz: In der Welt effektiv handeln zu können.
  2. Autonomie: sich als Urheberin oder Urheber zu fühlen und Initiative übernehmen zu können
  3. Eingebundenheit: sich anderen nahe oder mit ihnen verbunden zu fühlen.

Die Frage ist nun, ob die Unterschiede in diesen Bedürfnissen direkt zur Benutzung von Social Media führe (wer sich wenig autonom oder eingebunden fühlt, benutzt Social Media) oder über FOMO indirekt (wer die Bedürfnisse schlecht befriedigen kann, entwickelt FOMO und benutzt deswegen Social Media).

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Die Studie zeigt nun folgende Resultate:

  1. Junge Menschen sind stärker von FOMO betroffen als ältere.
  2. Junge Männer sind stärker betroffen als junge Frauen.
  3. Wer mit den Bedürfnissen (Kompetenz, Autonomie, Eingebundenheit) weniger zufrieden ist, verspürt mehr FOMO.
  4. Wer unter leidet unter schlechter Stimmung, verspürt FOMO intensiver.
  5. Wer mit dem eigenen Leben weniger zufrieden ist, leidet stärker unter FOMO.
  6. Wer unter FOMO leidet, benutzt Social Media intensiver – unabhängig von 3., 4. und 5.

Das heißt, unterschiedliche psychologische Voraussetzungen führen zu FOMO und FOMO wiederum zur stärkeren Verwendung von Social Media.

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Quelle

Welche Auswirkungen hat FOMO? Auch hier wurde eine repräsentative, umfassende Untersuchung durchgeführt:

  1. Wer unter FOMO leidet benutzt Facebook intensiver und insbesondere direkt nach dem Aufwachen und vor dem Einschlafen.
  2. Wer unter FOMO leidet, erfährt häufiger negative Gefühle bei der Benutzung von Facebook.
  3. Wer unter FOMO leidet, lässt sich beim Lernen durch Social Media leichter ablenken.
  4. Wer unter FOMO leidet, lässt sich auch im Straßenverkehr (z.B. beim Autofahren) leichter ablenken durch Social Media.

Wie JWT festhält, gibt es einen Teufelskreis, der sich empirisch belegen lässt: FOMO führt zu intensiverer Nutzung von Social Media und intensivere Nutzung führt wiederum zu mehr FOMO.

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Das folgende Zitat weist darauf hin, dass zuerst über FOMO gesprochen werden muss, bevor die Frage gestellt werden kann, welche Auswege es gibt. Eine Beschränkung in der Nutzung von Social Media wäre – das zeigen die Untersuchungen – eine Symptombekämpfung. Die Basis von FOMO sind psychologische Faktoren, die unabhängig von Social Media vorliegen, dadurch aber verstärkt werden. Bildschirmfoto 2013-09-12 um 09.58.27

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Auch der digitale Mensch ist ein Mensch

Zeynep Tufecki ist eine Forscherin, deren Arbeiten verdeutlichen, welche Funktion Social Media für das Leben der Menschen heute haben. Ihren Aufsatz  »We Were Always Human« habe ich heute mit großem Interesse gelesen und möchte die wichtigsten Argumentationslinien hier nachzeichnen.

Tufecki geht von einer dualistischen Definition des Menschen aus: Er verbindet eine körperliche Präsenz mit einer symbolischen. In der Stimme sind sie verbunden, in der Schrift – so zeigt ein Verweis auf eine berühmte Platon-Stelle – nicht. Die Schrift lässt sich vom Körper trennen und erzeugt so eine körperlose Symbolik:

Jede Rede aber, wenn sie nur einmal geschrieben, treibt sich allerorts umher, gleicherweise bei denen, die sie verstehen, wie auch bei denen, für die sie nicht passt, und sie selber weiß nicht, zu wem sie reden soll, zu wem nicht. (Platon,  Phaidros 275D)

Technologie, so führt Tufecki ihre Argumentation weiter, ändere an der Dualität des Menschen nichts: Weder die Bibliothek von Alexandria noch die Erfindung der Schreibmaschine, des Telegrafen oder des Internets. Aber Menschen würden daran arbeiten, die Sphäre des Symbolischen zu erweitern und zu externalisieren.

Das kann in der frühen Phase des Internets beobachtet werden, in der vornehmlich wohlhabende, aufgeschlossene, junge, weiße Männer digitale Kommunikation verwendet haben, um damit multiple und fragmentarische Persönlichkeiten zu entwerfen, die sich oft rein symbolisch manifestierten und keine körperlichen Konsequenzen hatten.

Heute, in Zeiten von Social Media, nähere sich die digitale Bevölkerung der realen an – und sei damit viel stärker an Körper gebunden, der letztlich alle Rollen, die Menschen online einnehmen könnten, verbinde. Dadurch wird deutlich, dass frühe theoretische Arbeiten zum Internet einen Digitalen Dualismus vertreten haben, der nicht haltbar ist: Der symbolische Bereich des Menschen kann nicht als »Cyberspace« oder »virtuelle Welt« von der körperlichen, realen Welt gelöst werden, weil sonst auch alle Bücher, Höhlenmalereien oder Telefongespräche eine »virtuelle Welt« bilden würden.

Samuel Schimek: Facebook This. Social Media Photobooth.
Samuel Schimek: Facebook This. Social Media Photobooth.

Tufecki hat die Nutzung von Facebook früh intensiv untersucht. Wie Daniel Miller spricht sie davon, es gäbe nicht ein Facebook, sondern für jede Kultur eines. Sie macht nun in ihrem Aufsatz mehrere aufschlussreiche Feststellungen:

  1. Unabhängig von ihren Einstellungen passen sich Menschen – z.B. in Bezug auf Privatsphäre – an die in ihrer Community herrschenden Normen in einem sozialen Netzwerk an.
  2. Deshalb agieren viele dort mit ihrem realen Namen, obwohl sie Bedenken in Bezug auf ihre Privatsphäre haben.
  3. Auf Facebook sind viele Nutzerinnen und Nutzer »Grassroot Surveillance« ausgesetzt, also einer niederschwelligen Überwachung durch ihre Mitmenschen, die es ihnen erschwert, verschiedene Rollen anzunehmen, ohne – im Fall von Jugendlichen – von ihren Eltern, ihren Lehrpersonen oder ihren Freunden dabei indirekt beobachtet zu werden.
  4. Dadurch werden sich neue Normen und Umgangsformen ergeben, die aber noch nicht genügend entwickelt sind, so dass gerade Facebook zur Zeit von Tufeckis Untersuchung zu vielen Konflikten unter Jugendlichen geführt hat.

Tufeckis Untersuchungen konnten aufzeigen, dass es ein Spektrum in Bezug auf die Aufgeschlossenheit gegenüber digitaler Kommunikation gibt. Sie verwendet die Begriffe »cyberasozial« und »cyberhypersozial« für Menschen, die nicht willens oder fähig sind, digitale Beziehungen zu pflegen respektive in hohem Masse willens und fähig dazu sind.

Dieser Charakterzug ist unabhängig von technischer Kompetenz einerseits, von der Intensität und Quantität von offline Beziehungen andererseits: Das Vorurteil, nur sozial nicht eingebundene Menschen würden digitale Beziehungen pflegen, lässt sich durch Tufeckis Untersuchungen widerlegen.

Ihr Fazit:

The size of our capacity and ability for affection and bonding remains grounded in our humanness. And that perhaps is the most impor- tant conclusion. “Faster, higher, and stronger” through technology may be tempting, but we are, as we have always been, human and our limits transcend technology. We are, as we always were, human, all too human.

 

Phubbing

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Eine Familie schaut fern. Während zwei Kinder fast am Hauptbildschirm kleben, sind die Teenager und Erwachsenen mit weiteren Bildschirmen beschäftigt. Eine Interaktion mit den Anwesenden scheint für sie undenkbar.

Ein Beispiel für ein Phänomen, das im Englischen einen Begriff erhalten hat: »phubbing«. Es ist zusammengesetzt aus den Wörtern »phone« und »to snub« (dt. jemanden abweisen). 305081_193050477495168_966817620_n

Gemeint ist also, dass eine Person ignoriert, übersehen, nicht gewürdigt, nicht angesehen wird, weil eine andere sich mit ihrem Gerät beschäftigt. Das Vorhandensein eines Wortes macht das Phänomen dabei deutlicher greifbar. Auf Deutsch muss jemand aufgefordert werden, das Telefon wegzulegen – meist eine etwas heikle Angelegenheit, weil es ja durchaus sein könnte, dass die Person nicht gerade Vögel auf Schweinearchitektur schießt, sondern dazu beiträgt, die Welt zu retten. »Stop phubbing« ist eine viel klarere Formel, die auch das Problematische am Verhalten zeigt: Die Erwartungen eines Gegenübers zu ignorieren.

Google Glass führt zu einer besseren Welt

Bildschirmfoto 2013-06-27 um 20.23.15Das ist Google Glass. Eine Brille mit einem Computer drin, ein Smartphone, das sich an den Kopf schnallen lässt. Und so fühlt es sich an:

Die problematischen Implikationen werden schnell klar: Während wir heute noch bemerken, wenn jemand das Handy zückt um unser Bild aufzunehmen, wissen wir das bei Menschen mit einem Brillensmartphone nicht mehr. »People who wear Google Glass in public are assholes«, befand Adrien Chen im März, den Begriff »Glasshole« für eine Person, die keine Rücksicht auf andere nimmt, gibts schon seit dem Januar dieses Jahres.

Google Glass führt also zu einer Welt, in der alles, was passiert, von jemandem aufgenommen werden kann und in einem völlig anderen Kontext weiterverwendet kann. Wir wissen nie, wann wir abgehört, gefilmt, fotografiert werden.

Aber, könnte man hier einwenden: Das wissen wir heute schon nicht. Amerikanische Städte werden zunehmend flächendeckend mit Mikrofonen ausgestattet, um präventiv Verbrechen verhindern zu können. Mehr und mehr Kameras überwachen öffentliche Verkehrsmittel, Strassen, Plätze, Geschäfte.

Überwachung, so würde ich axiomatisch festhalten, ist immer dann ein Problem, wenn sie nicht allen möglich ist. Unsere Sinne ermöglichen auch Überwachung: Aber alle nicht-behinderten Menschen haben Zugang zu denselben Möglichkeiten.

Google Glass gibt uns Möglichkeiten zurück. Natürlich: Zunächst privilegierten Männern, später dann denen, die es sich leisten können. Wenn wir alle die gleichen Möglichkeiten hätten, Kameras zu nutzen, so meine These, würden sie viel von ihrem Schrecken verlieren.

(Den Einwand, die Betreiber von CCTV-Kameras würden verantwortlich oder im Sinne des Rechts handeln, während bei Menschen mit Glass das nicht der Fall ist, halte ich für schwach.)

Banksy: One Nation under CCTV.
Banksy: One Nation under CCTV.

Das Internet als Neuland

Das Internet ist für uns alle Neuland.

Diesen Satz hat Angela Merkel gestern auf der Pressekonferenz mit Barack Obama gesagt. Die Reaktionen lassen sich in zwei Lager einordnen: Viele netzaffine Menschen (»digital natives«) leben in diesem Neuland und finden, es sei alles andere als Neuland. Merkel wird passend zur kolonialen Metaphorik als eine Bedrohung wahrgenommen, die das Neuland besiedeln und unterwerfen wolle, ihm die Regeln und Lebensweise des alten Landes aufzwingen wolle, während es doch schon neue Regeln und neue Lebensweisen gibt, die Merkel aufgrund ihrer Arroganz einfach nicht kenne.

Auf der anderen Seite wird gerade diese Haltung als überheblich angesehen, weil sie annimmt, es gäbe einige Erleuchtete, die niemanden in ihr Land lassen wollen, die sich nicht an die herrschenden Bräuche anpassen und sie als die ihren akzeptieren. Die Netzgemeinde schotte sich von der Aussenwelt aus und sei an einer echten Auseinandersetzung nicht interessiert.

Ich persönlich finde, Angela Merkel hat schlicht Recht: Das Internet ist Neuland. Die digitalen Kompetenzen sind allenfalls bei einem Bruchteil der Bevölkerung angelangt und gerade die spöttische, optimistische Haltung der Netzgemeinde ist ein wesentlicher Grund dafür, dass andere den Zugang nicht finden und kein genaues Verständnis der digitalen Vorgänge erlangen, wie ich hier dargelegt habe.

Wenn Rene befürchtet, das Kernproblem sei ein juristisches, dass nämlich Merkel und ihre politischen Verbündeten das Internet stärker regulieren wollten, obwohl es schon heute zahllose, unsinnige Gesetze geben, welche die Funktionsweise der digitalen Sphäre beschränkten, dann weist er auf einen wichtigen Punkt hin. Allerdings ist das Internet tatsächlich juristisches Neuland – es wird heute mit den Gesetzen reglementiert, die für ganz andere Kontexte geschaffen wurden. Das Urheberrecht kann die Möglichkeit verlustfreier und immaterieller Kopien nicht adäquat beschreiben, in anderen Rechtsbereichen lässt sich nicht abschätzen, welche Informationen im Netz öffentlich und welche privat sind, weil es eine Reihe von Mischformen gibt (z.B öffentlich einsehbare Tweets, von denen ihre Urheberinnen und Urheber aber zurecht annehmen, dass sie nur an einen beschränkten Personenkreis gerichtet seien).

Wir verstehen vieles von dem, was das Internet wirklich verändert hat und verändern wird, zu wenig. Zu tun, als hätten wir alles im Griff, schadet mehr, als es hilft. Und diese Einsicht führt nicht zu einem generellen Pessimismus oder zur Konzentration auf Gefahren, sondern schafft klare Sicht.

»All Eyes on the S4« – die Swisscom-Kampagne interpretiert

Bildschirmfoto 2013-05-29 um 08.58.18Dieser junge Mann hat es geschafft: Er hat 60 Minuten lang ein Telefon angestarrt. Zurück geblickt hat das Telefon nicht: Auf der anderen Seite sind nämlich wir, die Zuschauer, die bisher 1.5 Millionen mal auf das Video geklickt haben.

Das Video sagt uns einiges darüber, wie wir mit Technologie umgehen und wie Samsung und die Swisscom wollen, dass wir mit Technologie umgehen. Zuerst die Geschlechterrollen: Ein attraktiver, modisch gekleideter Mann wird von einer Gruppe junger, attraktiver Frauen dabei beobachtet, wie er mit einem Handy spielt. Er erreicht sein Ziel (60 Minuten seines Lebens damit zu verbringen, regungslos einen Bildschirm anzuschauen) und großer Jubel bricht aus, Ballone steigen auf. Darauf soll sich unser Begehren richten: Durch Technik wehrlos werden, alles über uns ergehen zu lassen, und zu hoffen, dass wir dafür entschädigt werden. Nur: Entschädigt wird nur der – eigens dafür ausgewählte? – junge Mann im Video. Wir nicht.

Wir richten unsere Konzentration und unsere Augen, die uns zu Menschen machen, auf ein Gerät, und versuchen zu einem Gerät zu werden. Doch das Gerät ist uns voraus: Wir verstehen nicht mehr, wie es funktioniert, sondern das Samsung S4 versteht, wie wir funktionieren, weil es unsere Augenbewegungen verfolgt und so Daten darüber sammelt, was wir lesen und womit wir beschäftigt sind.

Eine schöne Kampagne. Virales Marketing, klare Ausrichtung auf Zielgruppe, Inszenierung nicht nur im Internet, sondern auch an Bahnhöfen, gute Laune, viel Spass. Aber auch ein gutes Beispiel für die Wahrheit des bekannten Diktums von Andrew Lewis:

Wenn Sie für einen Dienst nichts bezahlen, sind Sie offenbar nicht Kundin oder Kunde, sondern die Ware, die verkauft wird.

Der junge Mann sollte sich längst umdrehen und seine Mitmenschen ansehen. Aber er kann nicht. Und er will nicht.

Freundschaft in Zeiten von Social Media

Der folgende Essay sprengt den Rahmen eines Blogposts. Wer ihn ausdrucken möchte, kann das mit einer gut lesbaren pdf-Version tun. Wie immer bin ich an weiter führenden Inputs und Kritik sehr interessiert. 

Ich habe den Text zwei Überarbeitungen und Erweiterungen unterzogen (Version 1, Version 2). Neu sind die Abschnitte zu Jane Austen, zur parasozialen Interaktion und zur Körperlichkeit hinzugekommen, andere wurden erweitert. Ich danke für die vielen Rückmeldungen, besonders Sarah Genner, Peter Gassner, Jan Zuppinger, Britta Holden, Romana Ganzoni, Martin Lindner, Michèle Meyer, Dominik Achermann und Marianne Schäfer.) 

Ich suche Zeichen, aber wofür? Was ist das Objekt meiner Lektüre? Ist es jenes: werde ich geliebt (nicht mehr geliebt, noch immer geliebt)? Ist es meine Zukunft, die ich zu lesen versuche? […] Ist es letztlich nicht eher so, dass ich von jener Frage abhängig bliebe, auf die ich vom Gesicht des Anderen unermüdlich die Antwort fordere: was bin ich wert? – Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, Die Unsicherheit der Zeichen

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Eine der ersten Lektionen, die wir beim Nachdenken über Social Media lernen, besteht in der Erkenntnis, dass Facebook-Freunde keine echten Freunde sind. Wirklich überraschen wird uns diese Einsicht  nicht; sie stellt aber für viele Menschen den Abschluss ihrer Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Social Media, Beziehungen und Freundschaften dar. In den folgenden Abschnitten möchte ich dieses Verhältnis von verschiedenen Seiten her diskutieren und einige Thesen dazu präsentieren, welche das Vorurteil hinterfragen, das besagt, digital gepflegte Beziehungen seien oberflächlicher oder weniger real als andere.

Ein guter Freund ist das Beste auf der Welt. Aber 500 Freunde? Unter der Herrschaft von Facebook wächst die Zahl der Freunde wie Entengrütze im Gartenteich. Es gibt aber noch jemanden, der sich dem Netzwerk entzieht: den Mof – den Menschen ohne Freunde. In einer Zeit, in der es mehr Blogger als Bäcker gibt, ist der Mof wie ein blasser, mickriger Erpel, der sich vor lauter Entengrütze nicht ins Wasser traut und das Schwimmen verlernt. Mofs werden verlacht. Aber was ist das zwanghafte Horten von Freunden anderes als ein neues Messie-Syndrom? Wer irgendwann im Meer seiner Freunde zu ertrinken droht, der brauchte wie Schneider Böck das rettende Federvieh. Nur hat sich unser Erpel namens Mof längst in die Blumenrabatte zurückgezogen, schnabuliert ekstatisch Schnecken und wird darüber fett und flugunfähig. – Heike Kunert, Die Zeit 23, 2013

Ob wir in den sozialen Netzwerken tatsächlich nicht nur das Schwimmen im Ententeich verlernen, sondern auch noch gleich flugunfähig werden, ist zumindest auf den ersten Blick nicht klar. Menschen trinken immer noch Rotwein zusammen, erzählen sich Geheimnisse und bringen sich gegenseitig Suppe, wenn jemand krank ist.

Freundschaft – Versuch einer Definition

Ich glaube, Freundschaft kann sich bloß praktisch erzeugen, praktisch Dauer gewinnen. Neigung, ja sogar Liebe hilft alles nichts zur Freundschaft, die wahre, die tätige, produktive besteht darin, daß wir gleichen Schritt im Leben halten, daß er meine Zwecke billigt, ich die seinigen, und daß wir so unverrückt zusammen fortgehen. – Goethe, Maximen und Reflexionen, Vierte Abteilung

Goethes pragmatische Ansicht kann als Ausgangspunkt für eine Präzisierung der Beziehung dienen, die hier als Freundschaft bezeichnet wird: Gemeint ist eine Beziehung, die eine Geschichte hat und sich über gemeinsame Erfahrungen definiert. Dabei werden Spielregeln in Bezug auf gegenseitige Erwartungen festgelegt, die normalerweise eingehalten werden. Die Spielregeln ergeben sich dabei im Spiel selber – Bedingung für eine Freundschaft ist also der Austausch und das Vertrauen darauf, dass der oder die andere die eigenen Erwartungen respektiert.

Erfahrungen und Austausch sind Bedingung für eine Freundschaft. Sie sind auf verschiedenen Ebenen anzusiedeln und ergeben sich durch sprachliche Vermittlungs- und Deutungsverfahren.

Entscheidend ist dabei auch die Bedeutung von Wiederholungen und Ritualen, durch die sich auch Anteilnahme manifestieren kann: Immer wieder gemeinsam dasselbe tun, sich ähnliche Geschichten anhören, die Erlebnisse im Beruf und in der Familie austauschen, loswerden, abhören; gemeinsame Interessen pflegen, Hobbies aufbauen, sprachliche Marotten entwickeln etc.

Und doch ist Freundschaft nicht vorhersehbar, obwohl sich die freundschaftliche Beziehung oft anfühlt, als wäre darin vieles vorbestimmt: Mit wem ich in eine freundschaftliche Beziehung trete, ist in hohem Maße zufällig, genauer: kontingent. Wir treffen viele Menschen, die wir noch nicht kennen, lernen einige davon kennen und mit wenigen schließen wir Freundschaft.

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Die Funktion von Social Media in Freundschaften

With instant messaging, ‘Whassup?’ is all you need to say. Texting is for ‘Where are you, where am I, let’s do this, let’s do that.’ Among friends, however, texting can be just as random as IM. Among close friends, you can text to just say ‘Whassup?’ – Reynold, 16, zitiert in: Sherry Turkle, Alone Together (2012)

Zunächst sind Social Media einfach eine weitere Form von menschlicher Kommunikation. Menschen reden miteinander oft über belanglose Dinge, weil sie so zeigen können, dass sie soziale Wesen sind. Ob sie das nun auf dem wöchentlichen Gemüsemarkt, in der Umkleide des Fitnessstudios oder auf Twitter tun, scheint nicht relevant zu sein und verändert die Struktur ihrer Beziehungen nicht. Viele Beziehungen benötigen Small Talk um gegenseitige Erwartungen zu erfüllen (z.B. um am Schluss eines Gesprächs nicht den Eindruck zu erwecken, jemand würde zurückgewiesen). Small Talk hilft auch dabei, sich kennen und vertrauen zu lernen. Social Media sind voll mit Small Talk.

Social Media bedeuten für unsere Kommunikation darüber hinaus größere Effizienz und höhere Geschwindigkeit. So verändern sie den Aufbau und die Pflege von Freundschaften, wie die im Folgenden diskutierten Aspekte ausführlich zeigen. Mobiler Zugriff auf Netzwerke macht es Freundinnen und Freunden möglich, sich unabhängig von Ort und Zeit besprechen zu können, ohne dass es dafür einen bestimmten Anlass oder einen größeren Energieaufwand bräuchte. Kommt hinzu, dass der soziale Aspekt ja auch beinhaltet, dass Mitteilungen öffentlich gemacht werden können, d.h. ein ganzes Netzwerk oder eine ganze Gruppe erreichen können. Wer ständig mit all seinen Bekannten kommunizieren kann, braucht Selektionskriterien und -techniken. Und hier liegt wohl eine der wesentlichen Veränderungen.


Push oder pull?

Whitney Erin Boesel beschreibt in einem lesenswerten Essay ein Phänomen, das sie »Devolution« der Freundschaft nennt. Devolution bezeichnet für sie zunächst die Übergabe von Arbeitsschritten an die Empfänger einer Dienstleistung: Vom Einchecken am Flughafen über die Wundpflege bis zum Kassiervorgang im Supermarkt werden immer mehr Arbeitsschritte verschoben. Dasselbe passiere bei Freundschaften. Ein wesentlicher Aspekt freundschaftlicher Kommunikation besteht darin, einander zu erzählen, was man ohne den Freund/die Freundin erlebt hat: Lärmige Nachbarn, Streit mit anderem Freund, Beförderung bei der Arbeit, Städtetrip nach Paris, neues Hobby: Schrebergarten, tolles Rezept ausprobiert. Solche Inhalte kommunizieren nun aber viele Menschen auf sozialen Netzwerken: Die lärmigen Nachbarn erhalten einen Witz auf Twitter, der Streit mit dem Freund wird in einer kryptischen Facebook-Nachricht angedeutet, die Beförderung überall freudig verkündet und mit Likes bedacht, der Städtetrip nach Paris, der Schrebergarten und die Kochkünste fotografiert und gepostet.

War es vor Social Media die Entscheidung der Produzierenden von Information, welche Inhalte sie wem wie mitteilen wollten (»push«), so verlagert sie sich zunehmend zu den Konsumierenden (»pull«): Wo soll ich bei meinen Freunden mitlesen? Diese Entscheidung wird auch deshalb schwieriger, weil wir auch viele Dinge automatisch kommunizieren: Unser Spotify-Account teilt anderen mit, welche Musik wir hören, unser Online-Game-Account verkündet High-Scores und unsere Kindle-App versendet die liebsten Zitate – alles ohne bewusste Entscheidung.

Dadurch verändern sich Erwartungen: Als guter Freund lese ich bei meinen Freundinnen und Freunden aufmerksam mit und weiß vieles schon, wenn ich ihnen begegne; sie hingegen langweilen mich nicht durch eine Repetition dessen, was sie mir schon per Social Media mitgeteilt haben könnten. Ist aber nun die Weigerung, bestimmte Netzwerke zu benutzen, dasselbe wie Freundinnen und Freunden nicht zuhören? Haben Mitteilungen, die an ein größeres Publikum gerichtet sind, denselben Stellenwert wie persönliche? Und warum nicht?


FOBM & FOMO

Durch die schiere Menge an Inhalten in sozialen Netzwerken entstehen zwei Ängste: Die »Fear of being missed« (FOBM) entsteht, wenn ich in meinen Netzwerken zu wenig interessante Inhalte einstellen kann und mich meine Freundinnen und Freunde nicht mehr genügend wahrnehmen, weil ich gerade keine Radieschen geerntet, keinen Coq-Au-Vin gekocht und keinen Essay publiziert habe. Die »Fear of missing out« (FOMO) hingegen ist das umgekehrte Problem: Ich kann die Produkte meiner Freundinnen und Freunde nicht mehr ausreichend rezipieren und verliere auf einem oder mehreren Netzwerken den Anschluss.

We come to experience the column of unopened messages in our inboxes as a burden. Then, we project our feelings and worry that our messages are a burden to others. – Sherry Turkle, Alone Together

Die so sauber bezeichneten Ängste sind nichts Neues. Wir möchten uns alle gerne als attraktive Personen präsentieren und befürchten, die Beziehung zu wichtigen Freundinnen und Freunden zu gefährden, wenn wir nicht aufmerksam genug sind. Aber die sozialen Netzwerke schaffen durch ihre Effizienz mehr Möglichkeiten: Für Präsenz, aber auch für Konsum. Das wöchentliche Telefongespräch, der jährliche Ausflug und das Geschenk zum Geburtstag reicht nicht mehr: In real-time müssen Time-Lines gecheckt, Kommentare hinterlassen, Likes gedrückt und Inhalte weiterverbreitet werden. Freundschaften werden atemloser. Zur Angst, etwas zu verpassen und vermisst zu werden, kommt die Angst, zu langsam und zu wenig kompetent zu sein.


Die Dunbar-Zahl und Weak Ties

Grundsätzlich entsteht hier lediglich eine Sichtbarmachung und Quantifizierung eines Problems, das bei unseren Beziehungen schon immer besteht. Wir können nicht allen Menschen, die wir kennen, zum Geburtstag eine Karte oder ein Geschenk schicken, wir können uns nicht bei allen daran erinnern, ob sie ihren Kaffee schwarz oder mit Milch oder als Tee mögen, und wir vergessen manchmal nicht nur die Namen, Gesichter oder Geschichten von Menschen, sondern sie selbst. Das  nehmen wir aber selten so deutlich wahr, weil wir meistens von den Menschen, die wir nicht beschenken, auch nicht zur Geburtstagsfeier eingeladen werden.

Auf Social Media sind wir aber auf jedem Geburtstag dabei. Unsere Netzwerke sind größer als die Zahl der Beziehungen, die wir pflegen können. Robin Dunbar nimmt an, wir könnten kognitiv maximal 150 Beziehungen pflegen. Es wird einige Anpassungen erfordern bis wir verstehen, dass wir in sozialen Netzwerken viele  so genannte »Weak Ties«, schwache Verbindungen, pflegen. Diese haben eine wichtige Funktion. Wenn unsere Wohnung überschwemmt wird und wir für einige Wochen bei jemandem unterkommen müssen, sind das immer Menschen, zu denen uns »Strong Ties« verbinden. Wollen wir aber einen Restaurant-Tipp für unsere nächste Städtereise erhalten, ein Smartphone verkaufen oder fachsimpeln, helfen uns »Weak Ties« weiter. Menschen mit vielen Strong Ties fühlen sich in der Tendenz glücklicher, die mit vielen Weak Ties sind erfolgreicher.

Gute Netzwerke, so behauptet Howard Rheingold, umfassen starke und schwache Verbindungen. Viele Social-Media-Beziehungen sind schwach – d.h. aber nicht, dass sie wertlos sind oder nicht in zu starken werden können. Wer regelmäßig Restaurant-Tipps austauscht, geht vielleicht einmal zusammen essen und wer oft über Motorräder fachsimpelt, trifft sich bald einmal auf einer Messe. Zentral ist, dass wir von den Weak Ties Neues erfahren und uns auf die Strong Ties verlassen können.


Parasoziale Interaktion

Die Medienpsychologie beschreibt mit dem Begriff der parasozialen Interaktion die Möglichkeit, mit einer Person eine Beziehung aufzubauen, die nur medial vermittelt existiert. Genauer:

Parasoziale Interaktion beschreibt etwas, das auf den ersten Blick wie eine soziale Interaktion aussieht: zwei Personen handeln in wechselseitigem Bezug aufeinander. Parasozial ist sie deshalb, weil dieses Handeln einseitig stattfindet. Auf der einen Seite steht eine reale Person, die das Gefühl hat, mit einer zweiten, fiktiven Person – z.B. einem Charakter in einer Fernsehserie oder dem Medienbild einer »celebrity« – sozial zu interagieren. Sie verfolgt das Leben der fiktiven Person, fiebert mit, lernt ihn oder sie kennen, kurz, die reale baut über die Zeit eine emotionale Bindung zur fiktiven Person auf. Die Bindung bleibt allerdings notgedrungen einseitig; der Fernsehbildschirm wirkt als Einwegspiegel im sozialen Handeln. – Till Westermayer, Carta

Parasoziale Interaktion ist als Phänomen nicht mit dem Aufkommen sozialer Netzwerke verbunden: Auch Gebete können als parasoziale Interaktion verstanden werden.

Neuartig sind Vermischungsprozesse, die passieren: Social Media verbinden bekannte und unbekannte Personen ein- oder mehrdirektional. So können auch unter Bekannten parasoziale Interaktionen stattfinden (weil z.B. jemand nicht reagiert) – und parasoziale Interaktionen mit Celebrities oder gar fiktionalen Figuren können auf Facebook oder Twitter Antworten auslösen. In Neuen Medien, so Westermayer, entsteht »ein Kontinuum von Beziehungen und Interaktionsformen, die von enger sozialer Beziehung/Interaktion über lose soziale Beziehungen bis hin zu gelegentlichen Interaktionen und echter parasozialer Interaktion/Beziehung reichen.«

Das erklärt nun, wenn es so stimmt, zwei Dinge: Den harten Realitätscheck, wenn das Medium gewechselt wird – die leichte, schwellenlose Gruppenzugehörigkeit im Netz läuft bei der Begegnung im realen Raum Gefahr, zu zerschellen; begleitet von dem Gefühl, aus dem Netz sozialer Beziehungen zu fallen.

Und, zweitens, im Umkehrschluss: Ist es nur auf Twitter so, oder sind nicht – und das geht über strong and weak ties hinaus – soziale Beziehungen auch außerhalb sozialer Medien weniger fest und klar definiert, als es vielleicht gemeinhin den Anschein haben mag? Wer sind unsere parasozialen Interaktionspartner im realen Raum – und wer, glauben wir, steht zu uns in einer sozialen Beziehung, sieht das aber nicht so?

Soziale Netzwerke zeigen die Asymmetrie sozialer Interaktion und Freundschaft auf: Wer schon einmal Soziogramme von Schulklassen erstellt hat, weiß, dass längst nicht alle, die wir als Freunde wahrnehmen, uns auch als Freunde einschätzen.

Und dieser Gedankengang zeigt auch auf, dass Freundschaft auf ein Medium beschränkt sein kann. Gewisse Aspekte, die für eine Identität wichtig sein können, sind unter Umständen an ihre mediale Repräsentation gebunden: Der Twitter-Kanal einer Person, ihre Instagram-Bilder oder ihre Snapchats lösen möglicherweise eine große Faszination und Sympathie aus, zu der es keine Entsprechung außerhalb dieser Medien gibt. Und umgekehrt: Die Stimmlage einer Person, ihre Gesten, ihr Blick lassen sich nicht auf Facebook abbilden.

Will McAvoy ist der Protagonist der Fernsehserie »Newsroom«.
Will McAvoy ist der Protagonist der Fernsehserie »Newsroom«.


Kontrollverlust – Filter, Selektion und Archiv

Ein problematischerer Aspekt ist aber die Uneinheitlichkeit der Netzwerke: Als User von Social Media ist nicht ersichtlich, was andere User sehen. Mein Nachrichtenstrom wird durch eine Reihe von Filtern geformt – zeitliche, algorithmische sowie persönlich eingestellte. Ich kann einige meiner Kontakte stumm schalten, von anderen nur wenige Beiträge lesen. Algorithmen berechnen zudem, was für mich wichtig sein könnte und blenden Unwichtiges automatisch aus.

Wer Informationen verbreitet, kann nicht wissen, ob und wie sie ankommen – weil die Empfangenden weit gehende Filtersouveränität genießen. Und die Empfangenden müssen selbst bestimmte und automatisierte Selektionsmechanismen einsetzen, die ihnen gewisse Inhalte ausblenden – ohne zu wissen, wie wichtig sie für den Aufbau und die Pflege einer Beziehung sind. Eines der stärksten Argumente von Sherry Turkle besagt, dass tragfähige Beziehungen auch Kritik und Langweile aushalten müssenKurz: Der Freund kennt den Informationsstand der Freundin nicht – und umgekehrt.

Andererseits haben sie Zugriff auf ein Archiv vergangener Äußerungen. Freundschaft ergibt sich auch durch gemeinsame Erinnerungen, die wiederholt und gefestigt werden. Die Möglichkeit, jederzeit nach Fotos oder Meldungen im Archiv zu suchen, verändert die Bildung von gemeinsamen Erinnerungen und schafft neue Bedingungen für Freundschaften. Beziehungen ergeben sich aus Erlebnissen in Momenten, die sich verändern, wenn sie in Archive abgefüllt werden und sich unverändert jederzeit abrufen lassen.


Positivgesellschaft

Das allgemeine Verdikt der Positivgesellschaft heisst ‘Gefällt mir’. Es ist bezeichnend, dass Facebook sich konsequent weigerte, einen Dislike-Button einzuführen. Die Positivgesellschaft meidet jede Spielart der Negativität, denn diese bringt die Kommunikation ins Stocken. […] Auf ‘Like’ folgt schneller Anschlusskommunikation als auf ‘Dislike’. Die Negativität der Ablehnung lässt sich vor allem ökonomisch nicht verwerten. – Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft

Die Reaktionen, mit denen Archiveinträgen begegnet werden können, sind recht uniform. Der oben zitierte Byung-Chul Han leitet das Erfordernis, positiv sein zu müssen, weil sich in sozialen Netzwerken positive Botschaften darstellen und verbreiten lassen, aus dem Bedürfnis nach Transparenz ab. Negative Gefühle und der Umgang mit Schmerz und Leiden erhalten in der transparenten Gesellschaft keinen Raum; generell verunmöglicht Transparenz Bereiche, in denen Menschen nicht den Blicken von anderen ausgesetzt sind. Beziehungen werden gewissermassen totalitär, sie vereinnahmen Menschen und zwingen sie zur Positivität, ohne Ungedachtem, Undenkbarem, Unbewusste, und Undarstellbarem Raum zu geben. Dadurch entfällt aber die Basis von Vertrauen, weil Kontrolle allgegenwärtig ist und Geheimnisse verunmöglicht.

Freundschaft wird zu einem Teil der eigenen Leistung; meine Freunde und mein Netzwerk dienen der Ausstellung des eigenen Wertes, der nun scheinbar transparent berechnet und dargestellt werden kann, wie das Systeme wie Klout vorgeben.


Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung

Der Mensch ist sich nicht einmal selbst transparent – wie sollte er dieser Forderung andern gegenüber genügen sollen? Freundschaften haben auch die Funktion, Selbst- und Fremdwahrnehmung zu vermitteln. Die Regeln des sozialen Miteinanders verhindern oft, dass wir ehrliche Rückmeldungen über unsere Wirkung auf andere mit unserem subjektiven Erleben koppeln können.

Charles Cooley

Social Media scheinen diese Vermittlung obsolet zu machen, weil sie vorgeben, dass Teilnehmende ihre Auftritte kontrollieren können und so wahrgenommen werden, wie sie wahrgenommen werden wollen. Viele Menschen formulieren als Ideal einer romantischen Beziehung, sich so zeigen zu können, wie sie wirklich sind. Dabei machen sie aber gleichzeitig deutlich, dass sie sich in verschiedenen Beziehungen verschieden präsentieren. Freundschaft wird wesentlich dadurch bestimmt, wie sich Menschen Freundinnen und Freunden gegenüber präsentieren und wie sie von ihnen wahrgenommen werden. Werden Social Media zum Medium der Freundschaft, so zeigt man sich mit dem Profil gleichzeitig auch einer Öffentlichkeit. Diese Profile sind aber oft bewusst gestaltet und entsprechen einer Identität, die mehr angenommen werden als vorgegeben sind. Social Media zeigen, dass wir nie so sind, wie wir wirklich sind, weil wir nur sind, wenn wir von anderen wahrgenommen werden und uns eine Identität zugeschrieben wird, die sich an unserem eigenen Verständnis reiben kann.

In einem Brief an Herder formuliert Goethe ein Ideal der Freundschaft, das der Konzeption sozialer Netzwerke radikal entgegen steht:

Wenn wir immer vorsichtig genug wären und uns mit Freunden nur von Einer Seite verbänden, von der sie wirklich mit uns harmonieren, und ihr übriges Wesen weiter nicht in Anspruch nähmen, so würden die Freundschaften weit dauerhafter und ununterbrochner sein. Gewöhnlich aber ist es ein Jugendfehler, den wir selbst im Alter nicht ablegen, daß wir verlangen, der Freund solle gleichsam ein anderes Ich sein, solle mit uns nur ein Ganzes ausmachen, worüber wir uns denn eine Zeit lang täuschen, das aber nicht lange dauern kann. – Goethe, Brief an Herder Dezember 1798

Je stärker unsere Selbstdarstellung auf Social Media erfolgt, desto weniger ist es möglich, Freundschaften auf einzelne Aspekte zu beschränken und den Anspruch auf eine totale Verbindung zurückzuweisen.

Das persönliche Gespräch erlaubt uns deutlicher, Erwartungen zu korrigieren, statt ihnen immer wieder entsprechen zu müssen – Korrekturen an der eigenen Darstellung und der fremden Wahrnehmung vorzunehmen. Und doch braucht es die anderen: »A person is a person through other people«, der Inhalt des Begriffs ubuntu in Südafrika, gilt on- wie offline.


Social Media als Brief oder Telefon

Kürzlich wurde ich gefragt, wie das denn sei, wenn man jemanden wirklich kennen lerne, den oder die man bisher nur über Social Media kannte. Ich war verwirrt. Einerseits kenne ich ja diese Menschen bereits »wirklich«, weil wir Gespräche geführt und gemeinsame Erfahrungen gemacht haben. Andererseits treffen wir ja oft Menschen, von denen wir schon etwas wissen.

In solchen Momenten bin ich versucht, Social Media mit Briefen oder Telefongesprächen zu vergleichen – heute würde niemand den Wert einer Brieffreundschaft oder die Bedeutung von Telefongesprächen in Zweifel ziehen. Und doch haben auch diese Medien Beziehungen beeinflusst und verändert – nicht notwendigerweise negativ, aber auch nicht notwendigerweise positiv, wie ein Abschnitt aus Walter Benjamins Berliner Kindheit von Neunzehnhundert zeigt:

Wenn ich dann, meiner Sinne kaum mehr mächtig, nach langem Tasten durch den finstern Schlauch, anlangte, um den Aufruhr abzustellen, die beiden Hörer, welche das Gewicht von Hanteln hatten, abriß und den Kopf dazwischen preßte, war ich gnadenlos der Stimme ausgeliefert, die da sprach. Nichts war, was die unheimliche Gewalt, mit der sie auf mich eindrang, milderte. Ohnmächtig litt ich, wie sie die Besinnung auf Zeit und Pflicht und Vorsatz mir entwand, die eigene Überlegung nichtig machte, und wie das Medium der Stimme, die von drüben seiner sich bemächtigt, folgt, ergab ich mich dem ersten besten Vorschlag, der durch das Telephon an mich erging. – Walter Benjamin, Berliner Kindheit um Neunzehnhundert

Roland Barthes hat in Bezug auf Freud festgehalten, das Telefon sei der Versuch, »die Trennung zu leugnen«:

Und dann ist der Andre dabei immer im Aufbruch begriffen; er entfernt sich auf doppelte Weise: durch sein Schweigen und durch seine Stimme: an wem ist es, zu sprechen? Wir schweigen gemeinsam: Stauung zweier Leeren. Ich werde dich verlassen, sagt jeden Augenblick die Stimme des Telephons. – Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe, Fading

Klarer könnte der Bezug zu sozialen Netzwerken nicht hergestellt werden: Auch hier der ständige Aufbruch oder Abbruch, die Nähe, die für Distanz steht. Die Stimme der Social Media sagt nicht »ich werde dich verlassen«, sondern »ich habe dich schon verlassen«. Und doch spricht sie mit uns.

Beziehungen brauchen Medien der Freundschaft und sie verändern sich durch Veränderungen dieser Medien. Intimität, Vertrauen, Erfahrung, Erinnerung und Liebe finden so neue Formen und Ausdrucksweisen – und mit ihnen ändert sich die Sprache, mit der sie ausgedrückt werden. Und mit der Sprache ändern sich die Menschen, aber nicht vollständig. Menschen leben in Freundschaften, berühren andere Menschen, sehen sie und werden gesehen – unabhängig davon, ob sie telefonieren oder chatten. Aber sie verschränken Nähe und Distanz, Annäherung und Entfernung, Bekanntheit und Entfremdung.


Der Körper des Freundes – die Stimme der Freundin

Durch das Telefon dringt die Stimme der Freundin. Gelöst von ihrem Blick, ihrem Gesicht, ihrem Geruch, und ihren Bewegungen. Die Social Media isolieren anderes: Den schriftlichen Ausdruck. Bilder, (Selbst-)portraits. Etwas Kunst. Davon ist aber nichts unvermittelt: Die Gedanken sind in Worte gefasst, die den Erfordernissen des Netzwerkes genügen, die Bilder zeigen selektive Ausschnitte von Körpern, die Kunst passt sich den Bedingungen an, die ihre Verbreitung ermöglichen. Vor die Freundschaft tritt in sozialen Netzwerken die Selbstzensur: Die Erwartungen der anderen sind präsent.

Selfie.
Selfie.

So scheint es konstant Überfluss und Mangel zu geben: Viele Gedanken, aber keine Blicke, keine Mimik, keine Denkbewegung. Keinen Körper, aber viele Bilder von Körpern.

Wer bin ich im realen Blick, im Augenblick (!) des Du? Kann ich den anderen riechen? Hat er/sie einen nervösen Tick, widerspenstiges Haar, Charme? Sinnlichkeiten und ihre Bedeutung. Eros. – Romana Ganzoni, Facebook-Kommentar

Social Media liefern Fragmente und Abbilder. Die Berührung, der Blick, die Stimme – sie fehlen alle. Die Begegnung der Social-Media-Freunde ist eine Verbindung der Fragmente, eine Ent-täuschung: Es gibt zwar gemeinsame Erinnerungen, eine Menge an Interaktionen, eine Vertrautheit, vielleicht auch Vertrauen. Aber Vertrauen bringen wir Personen entgegen, nicht einzelnen Nachrichten. Erst die Begegnung zeigt, ob wir der anderen Person wirklich vertrauen, erst die Augen, der Händedruck, der Kuss des anderen schaffen eine Person, der wir die Bilder, die Texte und Videos zuordnen können.

Max Küng beschreibt eine Freundschaft, wie sie sich knapp vor dem Aufkommen sozialer Netzwerke virtuell anbahnte. Der Höhepunkt seines Textes ist eine Begegnung in Berlin, bei der wir den Übergang, die Verbindung und die Ent-täuschung beobachten können:

So ging es zwei Jahre. Briefe. Pakete. SMS. Dann hatte der Mann in Berlin zu tun. Er nahm ein Hotelzimmer am Alexanderplatz, mit Blick auf den Fernsehturm. Er schickte ihr eine SMS, nur mit der Zimmernummer: »2310«. Eine halbe Stunde später klopfte es an der Tür. Er öffnete. Da stand sie. Was sollten sie tun? Sie schwiegen, hielten sich an den Händen, mehr nicht. Er roch ihr Parfum. Er hörte ihren Atem. Sie waren wie gelähmt. Irgendwann sagte er: »Bitte geh wieder. Wir fangen noch mal an.« Sie ging aus dem Zimmer. Er schloss die Tür. Sie wartete einen Moment, vielleicht eine Minute. Eine Minute ist eine lange Zeit, manchmal. Dann klopfte sie, es klang genau wie zuvor. Er öffnete die Tür. »Komm herein«, sagte er. Sie betrat das Zimmer, dann küssten sie sich. – Max Küng, Zilla & Max


Die Jane-Austen-Freundschaft

Freundschaft ist im wesentlichen eine positive Feedback-Schlaufe: Wir nehmen andere Menschen wahr (ihre Stimme, ihre Texte, ihr Gesicht, ihre Augen etc.) und sie nehmen uns wahr – und es entsteht so etwas wie Sympathie. Mehr ist hier nicht gemeint: »Wahre« Freundschaft ist seit Jahrhunderten ein Ideal, das nicht einmal kohärent formuliert werden kann, sondern sich in Bildern und Metaphern erschöpft.

Auf den Kanälen der sozialen Netzwerken bezieht sich diese Feedback-Schlaufe auf formal oft eigentümliche Gebilde: Profilbilder, kurze Sätze, gefilterte Bilder, kurze Videos, Zitate, Links. Intimität entsteht schriftlich. Der Verweis auf »Formen aus dem bürgerlichen Zeitalter« ist nahe liegend. Sympathie entsteht sehr vermittelt und ist oft mit starker Distanz verbunden. Das gilt so auch für Intimität und Freundschaft, wie Helena Fitzgerald in Bezug auf die Briefkultur in den Romanen von Jane Austen festgehalten hat.

There’s a Jane Austen-ish quality to online social life. The written word gains unmatched power and inarguable primacy. Personal relationships now, to a much greater degree than, say, 30 years ago, hinge on our ability to write […]. This change makes us not disconnected so much as it makes us archaic. Austen’s characters easily expressed extreme emotion in long letters and then in person sat twitchily near one another, paralyzed with manners.

Though our letters are not delivered by hand or horse-drawn carriage, our relationships once again live and die in the texts by which we barter with each other. The internet age unavoidably resembles the 19th century novel’s idea of human intimacy as so many of us pour our passionate confessions into emails, messages or chat boxes. Our physical reactions when together are often cover-ups for what we could so candidly admit in writing. – Helena Fitzgerald, Intimacy as Text

 

Persönliche und unpersönliche Beziehungen

Niklas Luhmann hat in Liebe als Passion den Gedanken formuliert, dass unsere Gesellschaft im Gegensatz zu früheren mehr Möglichkeiten zu unpersönlichen und zu intensiveren persönlichen Beziehungen biete. Diese Überlegung passt gut zu Social Media. Intime Beziehungen können mit multimedialer Kommunikation in hoher Kadenz gleichermaßen unterhalten werden wie eine große Zahl sehr loser Beziehungen.

Das Paradox der Intimität auf Social Media zeigt gar die Vermischung dieser Möglichkeiten an: Auf einigen Profilen – z.B. von jungen Frauen – finden sich Aussagen zu intimsten Belangen (Krankheiten, Drogenkonsum, Sexualität, Liebesbeziehungen etc.) die unter dem Schutz eines Profils einer breiten Öffentlichkeit mitgeteilt werden, den nächsten Menschen aber vorenthalten werden. So eröffnen Social Media therapeutische Räume für den Umgang mit belastenden Gedanken und Erfahrungen.

Dass Social Media Möglichkeiten für Freundschaft schaffen, dabei aber auch ihre Bedingungen verändern – auch das sind Einsichten, zu denen man schnell gelangt. Was konkret passiert, kann nicht per Analyse erschlossen werden, sondern braucht das Gespräch unter Freunden: Reden. Zuhören. Nachdenken. Weiterreden. Und weiter zuhören.

Ratgeber »Medienkompetenz« der ZHAW

An dieser Stelle eine Empfehlung: Der eben erschienene Ratgeber »Medienkompetenz« der ZHAW, der sich an Eltern, Erziehende und Lehrpersonen von bis zu 13-jährigen Kindern richtet, ist eine hervorragende und aktuelle Informationsquelle zu den wichtigsten Bereichen der Medienkompetenz.

Bildschirmfoto 2013-02-01 um 11.09.37 Auf der Homepage der ZHAW heißt es dazu:

Kinder und Jugendliche wachsen in einer reichhaltigen Medienwelt auf. Eltern und Lehrpersonen fühlen sich oft unsicher oder überfordert und fragen sich: Wie viel Medienzeit und welche Medieninhalte sind gut für die Kinder? Was tun bei Cybermobbing oder Onlinesucht?

Im vorliegenden Leitfaden „Medienkompetenz“ (PDF, 3.4 MB) beantwortet das medienpsychologische Forschungsteam häufig gestellte Fragen rund um das Thema Jugend und digitale Medien auf einer wissenschaftlichen Basis. Der Ratgeber bietet Orientierung und möchte insbesondere Eltern und Lehrpersonen ermutigen, Kinder und Jugendliche im Umgang mit digitalen Medien aktiv zu begleiten.

Die oben abgebildeten »Goldenen Regeln« stammen aus einem separaten Flyer (pdf).