Auch der digitale Mensch ist ein Mensch

Zeynep Tufecki ist eine Forscherin, deren Arbeiten verdeutlichen, welche Funktion Social Media für das Leben der Menschen heute haben. Ihren Aufsatz  »We Were Always Human« habe ich heute mit großem Interesse gelesen und möchte die wichtigsten Argumentationslinien hier nachzeichnen.

Tufecki geht von einer dualistischen Definition des Menschen aus: Er verbindet eine körperliche Präsenz mit einer symbolischen. In der Stimme sind sie verbunden, in der Schrift – so zeigt ein Verweis auf eine berühmte Platon-Stelle – nicht. Die Schrift lässt sich vom Körper trennen und erzeugt so eine körperlose Symbolik:

Jede Rede aber, wenn sie nur einmal geschrieben, treibt sich allerorts umher, gleicherweise bei denen, die sie verstehen, wie auch bei denen, für die sie nicht passt, und sie selber weiß nicht, zu wem sie reden soll, zu wem nicht. (Platon,  Phaidros 275D)

Technologie, so führt Tufecki ihre Argumentation weiter, ändere an der Dualität des Menschen nichts: Weder die Bibliothek von Alexandria noch die Erfindung der Schreibmaschine, des Telegrafen oder des Internets. Aber Menschen würden daran arbeiten, die Sphäre des Symbolischen zu erweitern und zu externalisieren.

Das kann in der frühen Phase des Internets beobachtet werden, in der vornehmlich wohlhabende, aufgeschlossene, junge, weiße Männer digitale Kommunikation verwendet haben, um damit multiple und fragmentarische Persönlichkeiten zu entwerfen, die sich oft rein symbolisch manifestierten und keine körperlichen Konsequenzen hatten.

Heute, in Zeiten von Social Media, nähere sich die digitale Bevölkerung der realen an – und sei damit viel stärker an Körper gebunden, der letztlich alle Rollen, die Menschen online einnehmen könnten, verbinde. Dadurch wird deutlich, dass frühe theoretische Arbeiten zum Internet einen Digitalen Dualismus vertreten haben, der nicht haltbar ist: Der symbolische Bereich des Menschen kann nicht als »Cyberspace« oder »virtuelle Welt« von der körperlichen, realen Welt gelöst werden, weil sonst auch alle Bücher, Höhlenmalereien oder Telefongespräche eine »virtuelle Welt« bilden würden.

Samuel Schimek: Facebook This. Social Media Photobooth.
Samuel Schimek: Facebook This. Social Media Photobooth.

Tufecki hat die Nutzung von Facebook früh intensiv untersucht. Wie Daniel Miller spricht sie davon, es gäbe nicht ein Facebook, sondern für jede Kultur eines. Sie macht nun in ihrem Aufsatz mehrere aufschlussreiche Feststellungen:

  1. Unabhängig von ihren Einstellungen passen sich Menschen – z.B. in Bezug auf Privatsphäre – an die in ihrer Community herrschenden Normen in einem sozialen Netzwerk an.
  2. Deshalb agieren viele dort mit ihrem realen Namen, obwohl sie Bedenken in Bezug auf ihre Privatsphäre haben.
  3. Auf Facebook sind viele Nutzerinnen und Nutzer »Grassroot Surveillance« ausgesetzt, also einer niederschwelligen Überwachung durch ihre Mitmenschen, die es ihnen erschwert, verschiedene Rollen anzunehmen, ohne – im Fall von Jugendlichen – von ihren Eltern, ihren Lehrpersonen oder ihren Freunden dabei indirekt beobachtet zu werden.
  4. Dadurch werden sich neue Normen und Umgangsformen ergeben, die aber noch nicht genügend entwickelt sind, so dass gerade Facebook zur Zeit von Tufeckis Untersuchung zu vielen Konflikten unter Jugendlichen geführt hat.

Tufeckis Untersuchungen konnten aufzeigen, dass es ein Spektrum in Bezug auf die Aufgeschlossenheit gegenüber digitaler Kommunikation gibt. Sie verwendet die Begriffe »cyberasozial« und »cyberhypersozial« für Menschen, die nicht willens oder fähig sind, digitale Beziehungen zu pflegen respektive in hohem Masse willens und fähig dazu sind.

Dieser Charakterzug ist unabhängig von technischer Kompetenz einerseits, von der Intensität und Quantität von offline Beziehungen andererseits: Das Vorurteil, nur sozial nicht eingebundene Menschen würden digitale Beziehungen pflegen, lässt sich durch Tufeckis Untersuchungen widerlegen.

Ihr Fazit:

The size of our capacity and ability for affection and bonding remains grounded in our humanness. And that perhaps is the most impor- tant conclusion. “Faster, higher, and stronger” through technology may be tempting, but we are, as we have always been, human and our limits transcend technology. We are, as we always were, human, all too human.

 

Der erste Facebook-Werbespot

Letzte Woche hat Facebook vermeldet, eine Milliarde aktive Nutzer zu haben – und feiert diesen Erfolg mit einem Werbefilm, den Starregisseur Alejandro González Iñárritu gedreht hat (21 Grams, Babel).

 

Der Werbespot versucht, in die Tiefe zu gehen. Er benutzt dafür das Symbol des Stuhls – ein problematisches Symbol: Clint Eastwood hat es politisch aufgeladen, als er am Nominationskongress der Republikaner in Florida eine Rede an einen leeren Stuhl gehalten hat, wobei er so tat, als sässe Präsident Obama drauf. Der Stuhl steht also für einen demokratischen Präsidenten und gleichzeitig auch für einen gealterten Schauspieler und Regisseur, dessen politisches Engagement Auslöser für viel Spott und Häme gewesen ist.

Die Tiefe des FB-Clips ist denn auch arg gekünstelt und gesucht. Von den Stühlen geht es dann sehr schnell über zu einer Nation (FB wird oft als Nation bezeichnet, v.a. um seine Grösse erfassen zu können), die seltsam apolitisch erscheint: Nichts sagende Fahnen mit applaudierenden Menschen vor einem Regierungsgebäude, in dem nichts passiert (was für ein Bild für Facebook). Und dann kommt noch das Universum ins Spiel und man wundert sich: Habe ich nun gerade einen wunderbaren Werbespot gesehen oder einen komplett doofen? Auch hier wieder: Keine schlechte Beschreibung für das, was Menschen auf Facebook machen.

Die Tatsache, dass wir den Film auf Youtube ansehen, zeigt auch die Grenzen von FB: Wie Daniel Miller in seiner Studie überzeugend gezeigt hat, wird FB zwar von unterschiedlichen Kulturen als jeweils ganz anderes soziales Instrument eingesetzt – aber nie als Universalinstrument (benutzen alle Kulturen Stühle? – eher nicht…). FB ist nicht das ganze Internet (hier hat sich Miller getäuscht) und wird es wohl auch nicht werden.

Youtube hat dann natürlich seine eigenen Gesetze – sofort reagieren andere Filmemacher humoristisch auf die Vorlage und verhunzen sie. Sie bietet sich an dafür, könnte man sagen.

Rezension Daniel Miller: Das wilde Netzwerk.

Beim Hören der differenzierten Kontext Reportage »Fördern soziale Medien Einsamkeit?« von DRS 2 (David Zehnder) bin ich auf Daniel Millers Buch »Das wilde Netzwerk. Ein ethnologischer Blick auf Facebook« gestossen, das dieses Jahr im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Im Folgenden eine Rezension, in der ich besonders auf Millers Thesen zu Facebook eingehe.

Als Ethnologe schreibt der Londoner Miller grundsätzlich aus einer unaufgeregten Haltung. Er beschreibt Gesellschaften und ihre Beziehungsstrukturen. Für ihn ist Facebook Teil einer Kultur und muss als solcher untersucht werden – im Kontext des Lebens der Menschen, die Facebook nutzen. Diese Kontext findet Miller auf der karibischen Insel Trinidad. Im ersten Teil seines Buches erzählt er sieben Geschichten von Menschen, die auf Trinidad Facebook nutzen. Diese Geschichten sind narrativ konstruiert, wie Miller selber einräumt, es sind nicht Dokumentationen oder Aufzeichnungen, sondern Verdichtungen von Verhaltensweisen. Die Geschichten zeigen zunächst, dass eine Trennung von virtueller und realer Welt kaum haltbar ist: Die virtuelle Welt von Facebook ist ein Teil des realen Lebens von Menschen. Das lässt sich besonders gut verstehen, weil Miller bewusst eine uns fremde Kultur präsentiert.

Er bestätigt mit seinen qualitativen Untersuchungen seine Prämisse, dass

Facebook [sich] stets in regionalen und partikularen Verwendungsweisen realisiert und nirgendwo in einer idealtypischen »Reinform« vorkommt. Die Menschen in der Türkei haben es mit einem ganz anderen Netzwerk zu tun als die in Indonesien. (137)

Zudem gewinnt er aber auch weit reichendere Erkenntnisse, die er in einem analytischen Teil verallgemeinert. Hier seine Thesen mit kurzen Kommentaren:

  1. Facebook erleichtert das Führen von Beziehungen (138)
    Facebook ist einerseits effizient, andererseits befreit es die Menschen von sozialen Konventionen, die mit ihnen nicht besonders gut klar kommen. Wer Hemmungen hat, Menschen anzusprechen oder sich nicht sicher ist, ob ein direkter Kontakt angebracht ist, kann Facebook als »Puffer« (139) nutzen. Die Gefahr, dass virtuelle Beziehungen oberflächlich werden, hält Miller für klein: Bedeutungslose Beziehungen werden nicht gepflegt, auch wenn entsprechende Menschen in sozialen Netzwerken als Kontakte verzeichnet sind.
    Am Beispiel einer Studie von Ilana Gershon (»Breakup 2.0«) zeigt Miller, dass die Tatsache, dass Beziehungen öffentlich geführt werden (und auch beendet werden können), Unsicherheiten schaffen kann und ungewohnte Reaktionen auslösen kann – ein leichter Einwand gegen die These.
  2. Facebook hilft den Einsamen (144)
    Facebook kann Benachteiligungen von Menschen beheben – nicht nur von sozial weniger akzeptierten, sondern auch von Behinderten, von alten Menschen oder Müttern (Vätern?), die Familienarbeit leisten und so weniger Möglichkeiten haben, ihr soziales Netzwerk zu pflegen.
  3. Facebook ist eine Art Meta-Freund (146)
    Wenn ein Freund jemand ist, an den man sich in schwierigen Situationen wenden kann, so vermittelt Facebook solche Freundschaften: Zu jeder Zeit und in jeder Situation ermöglicht mir das Netzwerk, mit jemandem in Kontakt zu treten. Es ist absolut zuverlässig – birgt aber die Gefahr, dass mich die Aktivität anderer in einer schwierigen Situation deprimieren kann. Es ist auch eine sehr seltsame Form von Freundschaft, die nicht auf alle meine Inputs reagiert und völlig virtuell ist, eben: ein Meta-Freund.
  4. Facebook verändert unsere Beziehung zur Privatsphäre (149)
    Eines der Portraits im Buch präsentiert Ajani, eine Frau, die ihr »intensives Privatleben unbedingt für sich behalten möchte« (151). Gleichzeitig nutzt sie aber Facebook regelmässig, sie ist auch sonst im Web 2.0 aktiv: Spielerisch experimentiert sie mit Identitäten, was ihr gerade dabei hilft, ihr Privatleben für sich zu behalten. Damit zeigt Miller, dass die Bedrohung der Privatsphäre, die Facebook immer attestiert wird, auch nur eine Seite der Medaille ist. Korrekter ist es, davon zu sprechen, dass sich die Vorstellungen von Öffentlichkeit und Privatheit verschieben.
  5. Facebook verändert unsere Selbstdarstellung und unser Selbstverständnis (155)
    Miller zeigt, dass die Vorstellung eines »wahren Ichs« und »weniger wahren« Online-Versionen hinfällig ist. Es ist kulturell sehr unterschiedlich ausgeprägt, was das »wahre Ich« ist – soziale Medien können darauf einen Einfluss ausüben, und zwar nicht nur einen negativen. Wichtig ist, dass Facebook »sichtbar« macht, man wird selber zum Gegenstand – ein wichtiger Faktor in Beziehungen und in der Ausbildung einer Identität. »Es wäre […] denkbar, dass es für viele Menschen eine Notwendigkeit ist, sich selbst und ihr Verhalten von einer höheren Instanz absegnen oder verdammen zu lassen. Sie wünschen sich eine übergeordnete moralische Beurteilung ihres Tuns und Lassen – und nutzen Facebook […]« (161).
  6. Mit Facebook enden zwei Jahrhunderte der Fluch aus Gemeinschaften (161)
    Urbanisierung, Industrialisierung und Globalisierung haben zu einer Auflösung von Gemeinschaften geführt. Facebook steht diesem Trend entgegen. Auch wenn Kritiker einwenden, Facebook führe dazu, dass Menschen weniger Zeit miteinander verbringen, gibt es dafür keine Belege, gerade Millers Studie widerspricht diesem Befund. Wer viele soziale Kontakte hat, schätzt die indirekte Form der Kommunikation auf Facebook, wer einsam ist, kann durch FB zu Begegnungen kommen.
  7. Facebook erinnert uns an die Kehrseiten der Gemeinschaft (166)
    Gemeinschaften sind nichts Positives: Sie erlauben Ausschlüsse, Strafen, Streitigkeiten, körperliche Gewalt, Rache etc. Das wird auf FB sichtbar – etwas, was wir oft zu vergessen scheinen. Diese Sichtbarmachung ist nichts Negatives, kann sogar positive Effekte haben, wie Miller festhält.
  8. Auch Facebook kennt Normen (169)
    Facebook ist kein Raum, in dem soziale oder moralische Normen ausser Kraft gesetzt sind – vielmehr gibt es dieselben Normen in einer anderen, eigenen Form.
  9. Facebook ist keine politische Wunderwaffe (171)
    Auch dieser Punkt ist eher trivial: Politisch kann Facebook unter bestimmten Bedingungen etwas bewegen, aber auch etwas behindern.
  10. Facebook verändert unser Verhältnis zur Zeit (176)
    Facebook setzt uns, gerade durch die Timeline-Darstellung, in eine Beziehung mit unserer Vergangenheit und der Vergangenheit unserer Gemeinschaft. Zudem beschleunigt es Kommunikationsprozesse und macht Kommunikation unabhängig von der Tageszeit. Es beeinflusst aber auch die kulturellen Ausprägungen der Zeit (z.B. in Rituale), weil diese Rituale sich auch auf Facebook abspielen, wo eine Art Sozialkontrolle stattfindet, die das Ausbrechen aus konventionellen Zeitvorstellungen hemmt.
  11. Facebook verändert unsere Beziehung zum Raum (180)
    Gerade die Auswirkungen von Migrationsprozesse werden mithilfe von Facebook gedämpft, indem die Bedeutung räumlicher Distanzen geringer wird.
  12. Facebook verändert das Verhältnis von Arbeit und Freizeit (181)
    Facebook findet zu einem großen Teil am Arbeitsplatz statt – betrifft aber das traditionellerweise der Freizeit angehörende Sozialleben. Umgekehrt – und dieser Effekt mag größer sein – dringt mit Facebook und dem mobilen Web die Arbeit auch in den abgegrenzten Raum des Privatlebens ein.
  13. Facebook ist mehr als eine kommerzielle Webseite (184)
    Facebook ist zwar ein kommerzielles Produkt – was aber die Menschen damit machen, nicht. Menschen lehnen rein kommerzielle Beeinflussung ab, sie verfolgen eigene Zwecke mit der Technologie – nicht ohne aber auch sich auch unbewusst für wirtschaftliche Zwecke einspannen zu lassen.
  14. Facebook ist ein Teil einer neuartigen Medienvielfalt (189)
    Miller nennt die Medienvielfalt Polymedia: »In einem polymedialen Umfeld erhält jene Technologie den Vorzug vor einer anderen, die den Absichten des Nutzers entgegenkommt, gang gleich, ob es ihnen darum geht, Gefühle zu zeigen, oder darum, zu verbergen, jemandem in die Augen zu schauen oder seine Stimme zu hören, Streitigkeiten auszutragen oder ihnen lieber aus dem Weg zu gehen, ein Privatgespräch zu führen oder ein großes Publikum zu erreichen« (190).
  15. Facebook ist ist das Internet von morgen (192)
    Facebook zeigt Tendenzen, die das Internet bewegen: Es wird sozialer, es wird lokaler, es erschwert Anonymität, es betont Gemeinschaften, es weitet soziale Beziehungen aus und macht sie sichtbarer. Diese Tendenzen kann man an Facebook ablesen – und sie werden bleiben, auch wenn Facebook verschwindet, so Millers Behauptung.

Miller betrachtet im Schlusswort Facebook als ein konservatives Netzwerk, weil es uns dabei hilft, Beziehungen zu den Menschen zu führen, die uns nahe stehen. Diese These zeigt er an einer dichten ethnologischen Untersuchung, in die er im zweiten Teil des Buches viele theoretische Betrachtungen einfließen lässt, die von seiner enormen Fachkenntnis und Belesenheit zeugen. Eine lohnenswerte Lektüre, weil keine voreiligen Schlüsse gezogen und die Neutralität des Blickes möglichst lange aufrecht gehalten werden.