Ökologie der Aufmerksamkeit

Der Essayist und Gymnasiallehrer Eduard Kaeser hat in einem dichten Essay in der NZZ skizziert, was man sich unter einer Ökologie der Aufmerksamkeit vorstellen könnte. Nicht umsonst hat ihn der Internetexperte Christoph Kappes als »intelligenteren Spitzer« bezeichnet, im »Ton besorgter Gymnasiallehrer« analysiert er Zusammenhänge äußerst lesenswert, intelligent und belesen – aber auch mit einem Hang zum Pathologisieren.

Worum geht es Kaeser? Er unterscheidet in Anlehnung an Georg Francks Konzept der »Ökonomie der Aufmerksamkeit«, in dem Aufmerksamkeit als Kapital analysiert wird, von einer »Ökologie des Aufmerksamkeit«:

Wir leben heute mit den digitalen Medien in einem neuen Ökosystem der Aufmerksamkeiten, und die wichtige Frage stellt sich, welche Arten von Aufmerksamkeit darin gedeihen und welche verkümmern – eine Frage der geistigen Ökologie also.

Diese Frage bezieht er dann direkt auf die Schule und macht folgende Beobachtungen:

  1. »Aufmerksamkeitsschwund«:
    Heute muss die Lehrperson von den Schülerinnen und Schüler Aufmerksamkeit bekommen, nicht mehr umgekehrt.
  2. »Enkulturation über digitale Medien«:
    Eine »stilistische Aufmerksamkeit« gewinnt an Bedeutung auf Kosten einer »substanziellen Aufmerksamkeit«: Medieninhalte werden nicht ihres Inhaltes wegen, sondern ihrer medialen und stilistischen Eigenheiten wegen konsumiert. Wichtig wird das Demonstrieren von Medienkompetenz als soziale Leistung – man gehört dazu; vertieftes Nachdenken und Konzentration geraten schon fast in Verruf.
  3. »ADHS als Normalzustand«:
    Konzentrationsfähigkeit werde schon bald als Krankheit betrachtet, während die neue Form der Aufmerksamkeit durch Multitasking und Multimedialität geprägt sei.
  4. »Ausbalancieren unserer Aufmerksamkeitsarten«:
    Das Fazit Käsers: Verschiedene Formen von Aufmerksamkeit müssen sich abwechseln und sich ausbalancieren.

Kaeser schlägt abschließend einen Selbsttest vor:

Man setze sich irgendwohin – möglichst an einen reizarmen, belanglosen, von Hektik freien Ort – und schenke der Umgebung während einer Viertelstunde seine volle Aufmerksamkeit: dem Boden der Dusche, einer eingefallenen Gartenmauer oder – für schon Fortgeschrittene – dem Bildschirm des ausgeschalteten Computers. Halte ich diesen Offline-Modus aus? Wer das kann, lernt, dass wahre Aufmerksamkeit damit zu tun hat, Leere und Langeweile ertragen zu können – und Warten. Warten lässt einen in einer Gegenwart ankommen, aus der man sich nicht herausschnattern kann: bei sich selber. Wahre Aufmerksamkeit ist – ernst genommen – eine Extremerfahrung. Sie kann uns – in einem zweiten Schritt – lehren, dass die Offline-Existenz gerade durch die Online-Existenz an neuer Bedeutung gewinnt.

Damit schließt Kaeser an eine Diskussion über die Frage an, ob die ständige Beschäftigung, die soziale Netzwerke ermöglichen und erfordern, positiv oder negativ zu bewerten sei – und an die Bewertung des Verhältnisses offline-online, wo die naive Sichtweise, dass das richtige Leben sich nur offline Abspiele, längst durch differenzierte Betrachtungsweisen abgelöst worden ist.

Kaeser Argumentation ist in diesem Sinne auch nicht undifferenziert, durch den Bezug auf den Code »gesund/krank« wird es aber schwierig, eine Entwicklung zu sehen: Mediale und gesellschaftliche Entwicklungen müssen zunächst beschrieben werden, bevor es darum gehen kann, sie zu bewerten. In diesem Sinne ist der Rede von »Aufmerksamkeitsarten« sehr zu begrüßen, die normative Frage, welche Formen denn nun als Krankheit gelten werden oder sollen, könnte dabei ausgeklammert werden.

»Trending Topics« bei Twitter verstehen

In diesem Beitrag entwerfe ich eine Unterrichtseinheit für das Fach Deutsch oder Medienkunde. Im Mittelpunkt steht die Leitfrage danach, wie bestimmt werden kann, welche Themen eine Gruppe von Menschen besonders beschäftigen. Diese Frage soll am Beispiel von Twitters »trending topics« behandelt werden.

  1. Einstieg: Welche fünf Themen sind in der Schule im Moment besonders wichtig?
    • Woran erkennt man das?
    • Kann man ernste von weniger ernsten Themen unterscheiden?
    • Wen könnte es interessieren, welche Themen im Moment besonders aktuell sind?
  2. Was sind »trending topics« auf Twitter?
    • Suchen Sie die aktuellen »trending topics« und versucht zu erklären, warum diese Themen im Moment besonders aktuell sind.
    • Kann man wiederum ernste von weniger ernsten Themen unterscheiden?
    • Wie funktionieren #Hashtags auf Twitter?
    • Warum ermittelt Twitter überhaupt »trending topics«?
  3. Aktivisten beklagen sich oft, dass ihre Anliegen nicht in den »trending topics« erscheinen (z.B. die in Russland verurteilte Band »Pussy Riot« oder die Aktivitäten von Wikileaks).
    • Recherchieren Sie die Hintergründe dieser Klagen.
    • Lesen Sie diesen Artikel und versuchen Sie zu erklären, warum diese Themen nicht zu einem Trend werden.
    • Angenommen, Sie müssten Twitter dabei helfen, die wichtigen Themen zu ermitteln (z.B. die, die in der Tagesschau auftauchen). Wie würden Sie vorgehen?

Vom sozialen zum mobilen Netz

Social Media ist oft Synonym für Web 2.0, das Miriam Meckel wie folgt definiert:

Web 2.0 ermöglicht die selbst organisierte Interaktion und Kommunikation der Nutzerinnen und Nutzer durch Herstellung, Tausch und Weiterverarbeitung von nutzerbasierten Inhalten über Weblogs, Wikis und Social Networks. Über kommunikative und soziale Vernetzung verändern die Nutzer die gesellschaftliche Kommunikation – weg von den Wenigen, die für Viele produzieren, hin zu den Vielen, aus denen Eins entsteht: das virtuelle Netzwerk der sozial und global Verbundenen.

Interaktion und soziale Verbindung zeichnen die zweite Version oder die zweite Entwicklungsstufe des Internets aus – das zunächst von einer kleinen Elite mit Inhalten bespielt wurde, die dann viele abrufen konnten.

Im Moment erleben wir einen Übergang zu einer dritten Entwicklungsstufe, deren Bedeutung vor allem eine wirtschaftliche ist: Im Web 2.0 erfolgreiche Unternehmen wie Facebook und Zynga geraten in Schwierigkeiten, weil sie die Entwicklungen nicht bewältigen können. Um welche Entwicklungen geht es?

Das Web 3.0 zeichnet sich wahrscheinlich durch folgende Eigenschaften aus (vgl. diesen Artikel von TechCrunch):

  1. Es ist mobil – d.h. überall dabei.
  2. Es ist real-time – d.h. es gibt keine zeitliche Distanz zwischen den Inhalten und ihrem Konsum.
  3. Es wird an kleineren Bildschirmen bedient und wahrgenommen.
  4. Es bedient sich automatisierter Sensoren, die Interaktion teilweise ersetzen: Das Netz weiß automatisch, wo wir sind etc.

Was heißt das für die Schule? Ich sehe zwei zentrale Herausforderungen:

  • Die heutige Schule orientiert sich an räumlichen und zeitlichen Konzepten aus dem 19. Jahrhundert. Sowohl räumlich wie auch zeitlich wäre heute eine viel größere Flexibilität möglich – eine Flexibilität, die zwar denkbar scheint, aber sehr schwierig in wirkungsvolle didaktische Modelle umzugießen.
  • Schon soziale Medien überfordern uns – und zwar uns alle. Auch Digital Natives schaffen es nicht, die nötige Distanz zur Technologie einzunehmen, sie zu reflektieren etc. Mobiles Internet im Sinne von Web 3.0 wird noch präsenter sein und die virtuelle Realität mit der physischen Realität vermengen. Wir werden viele Kulturtechniken und Lernmethoden überdenken müssen, die Bedeutung entscheidender Konzepte wie »lernen«, »lesen/schreiben/rechnen«, »Leistung«, »Konzentration« wird sich massiv wandeln.

Social Media und die Suche nach Wahrheit

Noch einmal ein kurzer Post – es sind ja noch Ferien. Ich möchte eigentlich nur auf den exzellenten Nieman Report zum Thema »Truth in the Age of Social Media« hinweisen. Der Report ist als englisches pdf frei verfügbar und kann hier runtergeladen werden.

Das Nieman Lab ist ein Fachbereich für Journalismus an der Harvard University. Das Thema wird deshalb aus einer rein journalistischen Perspektive beleuchtet, was einige Aspekte sehr fachspezifisch macht für schulische Zwecke. Dennoch gibt es sehr brauchbare Artikel (z.B. Santiago Lyons Ausführungen darüber, wie man heute die Echtheit von Photographien untersuchen kann oder Mark Littles Beschreibung, wie Journalisten abklären, ob ein Bild oder ein Video echt sein könnte oder nicht).

Interessant scheinen mir auch die einleitenden Bemerkungen von Craig Silverman, der zwei gegenläufige Tendenzen beobachtet:

  1. Es war noch nie so einfach, Fakten zu überprüfen wie heute. Wenn Menschen öffentlich lügen oder Fakten verdrehen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass man ihnen auf die Spur kommt – auch bei Details.
  2. Lügen und Falschinformationen konnten noch nie so schnell und überzeugend verbreitet werden. Weil unsere Haltungen bestimmen, wie wir neue Informationen wahrnehmen, tendieren wir oft dazu, den Darstellungen glauben zu schenken, die unseren Vorstellung am nächsten kommen – und nicht denen, die am meisten Wahrheit enthalten.

Machen Social Media unkritisch?

Auf Slate hat Jacob Silverman heute einen interessanten Artikel über Literaturkritik in Zeiten von Social Media publiziert. Sein Fazit: In den Zeiten, wo viele AutorInnen Twitter und Tumblr verwenden, um mit ihren Leserinnen und Lesern in Kontakt zu treten und ein öffentliches Bild zu pflegen, gibt es kaum noch kritische Rezensionen, sondern nur noch wohlwollende:

[I]f you spend time in the literary Twitter- or blogospheres, you’ll be positively besieged by amiability, by a relentless enthusiasm that might have you believing that all new books are wonderful and that every writer is every other writer’s biggest fan. It’s not only shallow, it’s untrue, and it’s having a chilling effect on literary culture, creating an environment where writers are vaunted for their personal biographies or their online followings rather than for their work on the page.
[Übersetzung phw:] Wenn man Zeit auf Twitter oder Blogs verbringt, wird man überwältigt sein von der Freundlichkeit und von einem unablässigen Enthusiasmus, der einem den Eindruck verleiht, alle neuen Bücher seien wunderbar und Autoren sei die größten Fans von anderen Autoren. Das ist nicht nur oberflächlich, sondern falsch, und es hat einen negativen Effekt auf den Literaturbetrieb, weil es eine Umgebung schafft, in der Schriftstellerinnen und Schriftsteller aufgrund ihrer Biografien oder Online-Präsenz beurteilt werden und nicht für ihre Arbeit am Text.

Silverman gibt weitere Gründe an, die seine Beobachtung erklären könnten:

  • Die »Zentrifugalkräfte« auf Social Media sind positive: Wer selber wahrgenommen werden will, muss andere loben, ihre Nachrichten verbreiten und »like« drücken. Kritische Menschen werden ignoriert und verlieren fast automatisch an Einfluss und Aufmerksamkeit.
  • Der Medienwandel führt dazu, dass Literaturkritik online und im Print in eine Konkurrenzsituation treten – offenbar sind positive Rezensionen bei Leserinnen und Lesern beliebter und werden deshalb vorgezogen.
  • Empfehlungen können leichter monetarisiert werden: Amazon zahlt Blogs, die auf ein Buch verlinken, eine Prämie. Wer also ein Buch empfiehlt, erhält dafür eher Geld als für einen heftigen Verriss.
  • Herausgeber stehen kritischen Beurteilungen ablehnend gegenüber, weil sie Resultat einer persönlichen Abneigung sein könnten.

Diese Tendenz, so Silverman, müsse aufhören. Sie schade der Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche und verhindere eine ernsthafte, tiefgründige intellektuelle Auseinandersetzung. Sein Fazit:

[A]ffirmation is the habitual gesture of the Internet. We like, favorite, and heart all day; it is a show of support and agreement, as well as a small plea for attention: Look at me, I liked this too. Follow back? […] The problem with Liking is that it’s a critical dead-end, a conversation nonstarter. It’s opinion without evidence—or, really, posture without opinion. [A] feeling is expressed without saying much at all.
[Übersetzung phw:] Bestätigung ist auf dem Internet Gewohnheit. Wir »liken«, favorisieren und verteilen Herze – den ganzen Tag, es ist ein Zeichen von Unterstützung und Einverständnis, zudem auch eine Bitte um Aufmerksamkeit: Schau mich an, ich mag das auch. Folgst du mir? […] Das Problem mit dem »Liken« ist, dass es eine kritische Sackgasse ist, die ein Gespräch verhindert. Es ist eine Meinung ohne Beleg, oder aber: Eine Pose ohne Meinung. Der Ausdruck eines Gefühls, ohne viel zu sagen.

Dieses Beispiel zeigt sehr schön, dass es auf Social Media kaum eine Trennung von Inhalt und Profil gibt. Was wir sagen macht aus, wer wird sind und wie wir wahrgenommen werden möchten. Social Media kann nicht die einzige Form von Konversation werden, gerade weil Kritik wichtig und nötig ist.

Zwei Perspektiven auf den Shitstorm

Der folgende Beitrag versteht sich als Ausgangspunkt für die Gestaltung einer Unterrichtseinheit zum Thema »Shitstorm«. Das Thema würde ich in der Medienkunde ansiedeln, es eignet sich sehr gut, um Funktionsweisen von Social Media und von viralen Inhalten zu verstehen. Geeignet ist es für Schülerinnen und Schüler ab der siebten Klasse.

Die einzelnen Teile könnten nach dem einführenden Video selbständig in Gruppen erarbeitet werden und z.B. auf einem Blog dokumentiert und zusammengeführt werden. Idealerweise informieren Schülerinnen und Schüler einander über die Ergebnisse ihrer Untersuchungen.

Einführung: Ein Video


Der Begriff »Shitstorm«

Der Begriff war 2010 als Anglizismus des Jahres nominiert und hat Eingang in Wikipedia und in den Duden gefunden. Dort steht als Definition:

Sturm der Entrüstung in einem Kommunikationsmedium des Internets, der zum Teil mit beleidigenden Äußerungen einhergeht.

Die Frage, ob der Begriff tatsächlich eine Entlehnung aus dem Englischen ist oder im Deutschen eine neue Bedeutung erhalten habe, wird kontrovers diskutiert – auf jeden Fall handelt es sich um eine Form von Kritik, wie Susanne Flach festhält:

Kri­tik und Shits­torm mögen gemein­sam auf einem Pro­test­kon­ti­nuum lie­gen; die Aus­prä­gun­gen, Aus­füh­rungs­or­gane und Über­mitt­lungs­ka­näle sind aber unter­schied­lich. Das wird auch daran lie­gen, dass mit stei­gen­den Nut­zer­zah­len der sonst stamm­tisch­li­che (hier: eben nicht aus tra­di­tio­nel­len Medien abge­feu­er­ter) Pro­test in den öffent­li­chen Raum getra­gen wird. Shits­torm fügt dem Kon­ti­nuum also einen Hal­te­be­reich hinzu – und gibt dem bis­her unge­hör­ten, aber neu­er­dings voka­li­sier­ba­ren Unmut einen Namen.

Unterrichtsidee 1:
a) Die Geschichte des Begriffs selbständig recherchieren lassen.
b) Anglizismus und Scheinanglizismus begrifflich präzisieren lassen (als Forschungsaufgabe), mit Beispielen. 
c) Wortfeld »Kritik« konstruieren lassen. 
d) »Anglizismus des Jahres« rekapitulieren – welche Begriffe gewinnen und weshalb? 
e) Welche Begriffe finden Aufnahme in den Duden/Wikipedia? Nach welchen Kriterien? 

Perspektive 1: Shitstorm aus der Sicht des Opfers

Opfer eines Shitstorms ist meist eine Person des öffentlichen Lebens oder ein Unternehmen. Ein Beispiel:

Dirk Nowitzki, der deutsche Basketballsuperstar, hat einen Werbeclip für die ING-DiBa-Bank gedreht.


Dieses Video hat auf der Facebook-Seite der Bank für einen Sturm der Entrüstung gesorgt: Der Fleischkonsum von Nowitzki sowie die idealisierte Darstellung einer Metzgerei wurden harsch kritisiert, Kunden drohten mit der Auflösung ihres Kontos. Ein Shitstorm entwickelte sich, wie man hier nachlesen kann.

Die Frage ist nun, wie man aus der Sicht des Unternehmens oder aus der Sicht von Nowitzki auf dieses Problem reagieren kann. Expertinnen und Experten diskutieren eine Reihe von Strategien, einig scheint man sich darin zu sein, dass Zensur sehr problematisch ist: Löscht man kritische Kommentare, verstärkt sich der Shitstorm. Die Bank hat in diesem Beispiel die Welle der Kritik ausgesessen und – so scheint es – ihr Image dadurch verbessert.

Daniel Graf und Barbara Schwede haben bei Feinheit eine Shitstorm-Skala entwickelt, mit der man beurteilen kann, wann Kritik ein beängstigendes Ausmass annimmt:

Unterrichtsidee 2:
a) Beispiele für Shitstorms suchen und sie der Klasse vorstellen. 
b) Beispiele mit der Skala beurteilen.
c) Reaktionsweisen von Community Managern skizzieren und vergleichen. 

Perspektive 2: Shitstorm aus der Sicht der Kritisierenden

Daniel Graf hat sich auch die Frage gestellt, wie man denn einen Shitstorm starten kann. Aus dieser Sicht ist ein Shitstorm ein günstiges Mittel, um Aufmerksamkeit für ein Anliegen zu erhalten: Z.B. für eine NGO, die darauf aufmerksam machen will, dass Produkte unter Verletzung von Menschenrechten oder mit grossen Schäden für die Umwelt hergestellt werden. Graf hält folgende Tipps fest:

Unterrichtsidee 3:
a) Rechercheauftrag: Wie verbreiten sich Videos oder Bilder schnell in sozialen Netzwerken? 
b) Diskussion: Sind Shitstorms ein legitimes Mittel für Kritik?
c) Praxis: Einen eigenen Shitstorm starten! [Die Warnung sei erwähnt: Lehrperson bewilligt Mittel und Inhalte…]

Update 20. August 2012: Im kleinen Rahmen habe ich eine Unterrichtseinheit dazu begonnen, das Arbeitsblatt kann man hier runterladen.

Blended Learning

Blended Learning – deutsch: integriertes Lernen – bezeichnet eine Mischform von

  • schulischem Lernen zur selben Zeit und am selben Ort
  • selbständigen Lernaktivitäten zu einer selbst gewählten Zeit an einem selbst gewählten Ort – meist unter Einbezug einer E-Learning-Form, d.h. unterstützt durch digitale Lernmaterialien.

Die Matrix zeigt die zwei wesentlichen Dimensionen von Blended Learning: Die Art, wie Lerninhalte vermittelt werden (online oder offline), und der Lernort (beaufsichtigt in der Schule oder davon entfernt). Der schattierte Bereich und der Pol C zeigen an, was Blended Learning prototypischerweise ist.

Blended Leraning gibt es in der Schweiz bisher vor allem an Universitäten – z.B. das OLAT-Projekt der Uni Zürich und an der HSG, aber auch an der BBB, der Berufsschule in Baden, gibt es solche Kurse.

Eine Infografik von Knewton (von der auch oben stehende Matrix stammt) hält wesentliche Aspekte von Blended Learning fest, die ich kurz kommentieren und abschließend mit einem Verweis zu Social Media versehen werde.

1. Formen von Blended Learning

Die Übersicht über die Formen zeigt deutlich, wie gut möglich die integration in traditionelle Schulformen ist. Online Lernformen können auch innerhalb von Schulzimmern zum Einsatz kommen oder traditionellen Schulunterricht ergänzen, z.B. im Sinne von Inverted Classroom.

Bedeutsam scheint mir die Möglichkeit, dass Schülerinnen und Schüler individuell auf E-Learning zugreifen können, um entweder Inhalte zu vertiefen und erweitern oder sie zu repetieren. Das scheint mir eine zukunftsträchtige Möglichkeit für die Individualisierung von Unterricht.

2. Der Sinn von Blended Learning

Die Grafik geht von einem fast zerstörerischen Ansatz aus: Schulen, die hier als Fabriken bezeichnet werden, müssen niedergerissen werden, damit Menschen befreit werden und in Genuss von persönlichen Bildungsangeboten kommen – aber auch produktivere: Die günstiger bessere Resultate erzielen.

Hier zeigt sich eine große Gefahr: Wenn neue Lernformen mit der Absicht eingeführt werden, Geld einzusparen, dann ist zu befürchten, dass die Ergebnisse zu wünschen übrig lassen werden. Steht die Bildung im Vordergrund, dann könnte Blended Learning viele Aufgaben übernehmen und die Beteiligten im Tagesgeschäft entlasten – so dass für soziale Lernformen mehr Zeit bleibt.

3. Bedingungen für Blended Learning


Ich übersetze die fünf Punkte:

  1. integrierte Systeme, bei denen die Schülerinnen und Schüler über eine zentrale Plattform auf alle Lerninhalte zugreifen können
  2. hochwertiger dynamische Lerninhalte, die individuelles Lernen ermöglichen und den etablierten Standards entsprechen
  3. Auswertungen, die dabei helfen, die Lernerfahrungen den Bedürfnissen der Lernen anzupassen
  4. Automatisierung, mit der Lehrende bei repetitiven Arbeiten entlastet werden
  5. Anwendungen, um die Motivation von Lernenden zu erweitern.

Beim Punkt ii. scheint es mir wichtig, auf die Khan Academy (Wikipedia – und das deutsche Angebot) hinzuweisen – ein Angebot von hochwertigen Lernvideos, die auf Youtube angeschaut werden können.

4. Blended Learning und Social Media

Grundsätzlich hat Blended Learning nichts mit Social Media zu tun: Videos wie die von der Khan Academy sind klassische one-to-many-Inhalte. Aber beim Punkt v. oben zeigt sich, dass soziale Faktoren motivierend wirken können. Genau so, wie Schülerinnen und Schüler einander in der Schule in der Pause die Aufgaben erklären, wäre es einfach, Lernvideos mit sozialen Tools auszustatten, die genau dasselbe ermöglichen.

Social Media würde so auch in Lernphasen, die z.B. zuhause oder an einem frei wählbaren Ort stattfinden, sicherstellen, dass es zu Austauschprozessen kommt und gemeinsame Lernerfahrungen möglich sind. Dazu kommt, dass sich Schülerinnen und Schüler an verschiedenen Orten vernetzen können. Im Wired-Artikel zur Kahn Academy wird ein Junge gezeigt, der mit 10 trigonometrische Gleichungen löst. Dieser Junge könnte Gleichaltrige finden, die ähnliche Interessen haben – etwas, was ihm in seinem Quartier wohl nicht gelingt.

App-Empfehlungen

Gestern ist in der Sonntagszeitung der folgende Artikel von Gabi Schwegler erschienen, in dem schulesocialmedia.com erwähnt wird – weil ich einige Empfehlungen bei den Apps 13-16 Jahre abgegeben habe (zum Vergrößern klicken):

Sonntagszeitung, 3. Juni 2012, S. 75.

Die vollständige Liste meiner Empfehlungen mit Links:

  • Flashcards-Deluxe
    Eine Flashcard-App, mit der man eigene Lerninhalte eingeben und mit anderen teilen kann.
  • Vernier Video Physics
    Eine Physik-App (leider nur auf Englisch, aber das sollte kein Problem sein), mit der man Bewegungen auf Videos markieren und dann analysieren kann. Ist sehr beeindruckend.
  • Nota
    Eine Musik-App, mit der man die Notenschreibweise lernen kann.
  • Karajan
    Eine umfassende App für Gehörbildung, fragt Intervalle, Tonleitern, Rhythmen ab.
  • Busuu
    Die Apps von busuu zum Lernen von Fremdsprachen gibts für Englisch und Französisch.
  • Baumbestimmung
    Eine Biologie-App, mit der man Bäume bestimmen kann.
  • Story Wheel
    Noch einmal Fremdsprachen: Diese App erlaubt im Englischunterricht, Geschichten zu Bildern zu erfinden und mit dem Gerät auch gleich aufzunehmen. Mir gefällt die interaktive Mischung.

Wie ich in meinem Post zum Einsatz von iPads/Tablets in der Schule schon angemerkt habe, findet sich bei Schule-Apps.de eine sehr gute, umfassende Übersicht über leistungsfähige Bildungsapps.

Zwei Bemerkungen zum Einsatz von Apps:

  1. Wenn man im Bildungsbereich so vorgeht, dass man zunächst Geräte anschafft, z.B. iPads, und dann mal schaut, welche Apps es dafür gibt, dann wird eine nachhaltige Nutzung kaum möglich sein. Man muss dann Geräte anschaffen, wenn man weiß, was man damit machen will. Also: Zuerst die Apps, dann die Geräte.
  2. Die hier genannten Apps beziehen sich alle auf Apple-Geräte. Mein Fokus auf Social Media ist viel breiter: Ich denke, sinnvolle Bildungsprodukte sollten plattformunabhängig funktionieren. Mit gefällt z.B. die Unterrichtsplattform lore.com, das Tool How Big Really? von BBC bei dem Größenvergleiche angestellt werden können (historische oder zeitgeschichtliche) oder die Webseite von Duden, die den gelben Band Duden 1 komplett obsolet macht. Diese Tools sind nicht in eine App verpackt, sondern funktionieren auf jedem Gerät. Das ist meiner Meinung nach die Bildungszukunft.

Braucht es für Medienkompetenz ein eigenes Schulfach?

Welches Gewicht soll die Schule den Neuen Medien und der Medienbildung geben und vor allem auf wessen Kosten?

Diese Frage steht im Mittelpunkt des Schlussteils eines Artikel in der Sonntagszeitung vom 27. Mai 2012. Gabi Schwegler zitiert zwei gegensätzliche Positionen:

Christoph Mylaeus, Geschäftsleiter der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK) […] verteidigt den Grundsatzentscheid, für die Medienbildung kein eigenes Fach zu schaffen: «Wir haben so viele Bildungsanliegen. Die können wir unmöglich alle in eigenen Fächern behandeln.»

[…] Claudia Fischer, die an der Pädagogischen Hochschule FHNW ein Projekt mit Tablets in Schulen leitet, […] hält es für falsch, kein eigenes Fach für Medienbildung zu schaffen. Gerade wenn sie etwa an den zu lockeren Umgang mit Fotos und persönlichen Daten in sozialen Netzwerken denke. «Die digitale Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Mit Bewahrpädagogik erreichen die Kinder und Jugendlichen keine Medienkompetenz.» Und: «Die Thematisierung und Nutzung in der Schule schafft Chancengleichheit, weil nicht alle Kinder aus gleich gut ausgerüsteten und medienkompetenten Familien kommen.»

Das Team von Thomas Merz-Abt, Fachbereichsleiter Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich, hat in mehreren Arbeiten Argumente rund um die Frage gesammelt, ob Medienbildung in einem eigenen Fach stattfinden soll. Die meiner Meinung nach wichtigsten Argument seien im Folgenden kurz zusammengefasst:

  • Die scheinbare Leichtigkeit des Umgangs mit neuen Technologien bei Jugendlichen täuscht über viele fehlende Kompetenzen in der Anwendung von Informatikmitteln hinweg. Diese Kompetenzen werden in der Berufswelt gebraucht.
  • Jugendliche gefährden sich unbewusst sehr schnell im Internet und müssen davor geschützt werden – eine Aufgabe, die Eltern vielfach nicht übernehmen können.
  • Fächerübergreifender oder integrierter Medienbildungs- oder Informatikunterricht findet nur am Rande oder gar nicht statt, er hat keine zentrale Bedeutung.
  • Kompetenzen müssen systematisch aufgebaut werden, Lehrpersonen müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Schülerinnen und Schüler bestimmte Kompetenzen mitbringen und anwenden können.
  • Medienunterricht muss von kompetenten Lehrpersonen erteilt werden, die spezifisch dafür ausgebildet worden sind.
  • Die Erfahrungen mit integriertem Medien- und Informatikunterricht lassen darauf schließen, dass das Konzept nicht erfolgreich ist.

An diese Überlegungen schließt in der Expertise Medien und ICT, die 2008 im Auftrag der Bildungsdirektion des Kantons Zürich durchgeführt worden ist, folgendes Fazit an:

Ähnlich wie bei der Sprache wird auch bei der Medienbildung beides notwendig sein: Sprache soll in jedem Unterrichtsbereich praktiziert und die notwendigen Fähigkeiten gefördert werden. Trotzdem ist Unterrichtszeit dafür ausgewiesen, damit eine systematische Förderung der Sprachkompetenz gewährleistet werden kann. Der Vergleich mit Sprache ist noch in einem weiteren Sinne bedeutsam, denn bei der Medienbildung geht es letztlich um eine Erweiterung der Kulturtechnik Lesen und Schreiben unter den Bedingungen einer Mediengesellschaft.

Dieser Vergleich könnte einen dazu verleiten, das Fach Deutsch bzw. Muttersprache umzubauen zu einem Fach Medienbildung, in dem auch sprachliche Kompetenzen eine Rolle spielen.

Ich bin grundsätzlich anderer Meinung: Medienbildung und Informatikausbildung gehören in den Fachunterricht integriert. In der Expertise steht, diese Integration erfolge »zufällig« und es mangle ihr an »Zuverlässigkeit« im Vermitteln von Kompetenzen, im Anbieten von Reflexionsmöglichkeiten. Damit bin ich einverstanden. Diese Probleme lassen sich aber in einem integrierten Ansatz lösen, wie die folgenden Argumente, die ich vorbringen würde, zeigen:

  • Medien transportieren Inhalte, man setzt sie zu verschiedenen Zwecken ein. Man hält beispielsweise einen Vortrag, visualisiert gewisse Inhalte: An der Wandtafel, am Hellraumprojektor, mit Präsentationen. Diese Inhalte und Zweck ergeben sich aus dem Fachunterricht. PowerPoint zu üben, Facebook theoretisch zu erfassen oder an einem Pseudoprojekt ist keine nachhaltige Beschäftigung. Sinnvoll ist, mit Medien konkrete Aufgaben zu lösen und über das ideale Vorgehen nachzudenken.
  • Es genügt nicht, wenn einzelne Lehrpersonen Kompetenzen im Umgang mit neuen Medien mitbringen – alle Lehrpersonen müssen darin so geschult werden, dass sie nicht nur im persönlichen Umgang sicher sind, sondern auch in der Mediendidaktik ihres Faches.
  • Integration geht nur dann, wenn ein systematischer, nachhaltiger Aufbau in den Lehrplan eingeschrieben wird. Es müssen verbindliche Vorgaben gemacht werden – so muss z.B. im Deutschunterricht der dritten Klasse ein Text am Computer verfasst, überarbeitet und ausgedruckt werden; in der fünften Klasse muss eine computergestützte Präsentation erarbeitet werden etc.
  • Der Vergleich mit den Sprachfächern ist im Idealfall der mit der Immersion: Ein Fach wird unter ständigen Nutzung von bereits vorhandenen Kompetenzen unterrichtet – diese dabei regelmässig angewendet und fachspezifisch erweitert.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Neue Medien und Medienbildung soll und muss ein großes Gewicht haben – in jedem Fach sind nur Kompetenzen relevant, die sich im heutigen medialen Umfeld anwenden lassen. Diese Bildung geht nicht auf Kosten eines Faches, sondern erweitert Fächer um eine bestimmte Komponente – so mein Ansatz. Über andere Meinungen freue ich mich!

Vorstellung: MentorMob

MentorMob ist eine Art Lernoberfläche für das Internet. Es erlaubt Lernenden und Lehrenden, Webseiten zu einem Lernumfeld zusammenzustellen. Was heißt das?

  1. Webseiten werden zu Themen gebündelt, in so genannten Playlists.
  2. Aus Webseiten werden interessante Inhalte ausgewählt, Ablenkungen werden abgedunkelt, so dass sie nicht sichtbar sind.
  3. Die kombinierten Webseiten können arrangiert werden zu Lernschritten, zudem können sie kommentiert werden.

Das sieht so aus:

Screenshot MentorMob, 26. April 2012

Die Idee zeigt grundsätzlich auf, wie Lernen mit dem Internet strukturiert und organisiert werden kann. Letztlich wird wie für Journalistinnen und Journalisten auch für Lehrpersonen entscheidend sein, das Internet zu kuratieren: Also Inhalte neu zu arrangieren, auszuwählen, zu präsentieren.

Das Tool scheint mir aber noch nicht nötige Leichtigkeit in der Benutzung zu haben, die nötig ist, um Lust auf diese Tätigkeit zu wecken.