Braucht es für Medienkompetenz ein eigenes Schulfach?

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Lehrerausbildung / Medien / Schulentwicklung / Unterricht

Welches Gewicht soll die Schule den Neuen Medien und der Medienbildung geben und vor allem auf wessen Kosten?

Diese Frage steht im Mittelpunkt des Schlussteils eines Artikel in der Sonntagszeitung vom 27. Mai 2012. Gabi Schwegler zitiert zwei gegensätzliche Positionen:

Christoph Mylaeus, Geschäftsleiter der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK) […] verteidigt den Grundsatzentscheid, für die Medienbildung kein eigenes Fach zu schaffen: «Wir haben so viele Bildungsanliegen. Die können wir unmöglich alle in eigenen Fächern behandeln.»

[…] Claudia Fischer, die an der Pädagogischen Hochschule FHNW ein Projekt mit Tablets in Schulen leitet, […] hält es für falsch, kein eigenes Fach für Medienbildung zu schaffen. Gerade wenn sie etwa an den zu lockeren Umgang mit Fotos und persönlichen Daten in sozialen Netzwerken denke. «Die digitale Entwicklung ist nicht aufzuhalten. Mit Bewahrpädagogik erreichen die Kinder und Jugendlichen keine Medienkompetenz.» Und: «Die Thematisierung und Nutzung in der Schule schafft Chancengleichheit, weil nicht alle Kinder aus gleich gut ausgerüsteten und medienkompetenten Familien kommen.»

Das Team von Thomas Merz-Abt, Fachbereichsleiter Medienbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich, hat in mehreren Arbeiten Argumente rund um die Frage gesammelt, ob Medienbildung in einem eigenen Fach stattfinden soll. Die meiner Meinung nach wichtigsten Argument seien im Folgenden kurz zusammengefasst:

  • Die scheinbare Leichtigkeit des Umgangs mit neuen Technologien bei Jugendlichen täuscht über viele fehlende Kompetenzen in der Anwendung von Informatikmitteln hinweg. Diese Kompetenzen werden in der Berufswelt gebraucht.
  • Jugendliche gefährden sich unbewusst sehr schnell im Internet und müssen davor geschützt werden – eine Aufgabe, die Eltern vielfach nicht übernehmen können.
  • Fächerübergreifender oder integrierter Medienbildungs- oder Informatikunterricht findet nur am Rande oder gar nicht statt, er hat keine zentrale Bedeutung.
  • Kompetenzen müssen systematisch aufgebaut werden, Lehrpersonen müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Schülerinnen und Schüler bestimmte Kompetenzen mitbringen und anwenden können.
  • Medienunterricht muss von kompetenten Lehrpersonen erteilt werden, die spezifisch dafür ausgebildet worden sind.
  • Die Erfahrungen mit integriertem Medien- und Informatikunterricht lassen darauf schließen, dass das Konzept nicht erfolgreich ist.

An diese Überlegungen schließt in der Expertise Medien und ICT, die 2008 im Auftrag der Bildungsdirektion des Kantons Zürich durchgeführt worden ist, folgendes Fazit an:

Ähnlich wie bei der Sprache wird auch bei der Medienbildung beides notwendig sein: Sprache soll in jedem Unterrichtsbereich praktiziert und die notwendigen Fähigkeiten gefördert werden. Trotzdem ist Unterrichtszeit dafür ausgewiesen, damit eine systematische Förderung der Sprachkompetenz gewährleistet werden kann. Der Vergleich mit Sprache ist noch in einem weiteren Sinne bedeutsam, denn bei der Medienbildung geht es letztlich um eine Erweiterung der Kulturtechnik Lesen und Schreiben unter den Bedingungen einer Mediengesellschaft.

Dieser Vergleich könnte einen dazu verleiten, das Fach Deutsch bzw. Muttersprache umzubauen zu einem Fach Medienbildung, in dem auch sprachliche Kompetenzen eine Rolle spielen.

Ich bin grundsätzlich anderer Meinung: Medienbildung und Informatikausbildung gehören in den Fachunterricht integriert. In der Expertise steht, diese Integration erfolge »zufällig« und es mangle ihr an »Zuverlässigkeit« im Vermitteln von Kompetenzen, im Anbieten von Reflexionsmöglichkeiten. Damit bin ich einverstanden. Diese Probleme lassen sich aber in einem integrierten Ansatz lösen, wie die folgenden Argumente, die ich vorbringen würde, zeigen:

  • Medien transportieren Inhalte, man setzt sie zu verschiedenen Zwecken ein. Man hält beispielsweise einen Vortrag, visualisiert gewisse Inhalte: An der Wandtafel, am Hellraumprojektor, mit Präsentationen. Diese Inhalte und Zweck ergeben sich aus dem Fachunterricht. PowerPoint zu üben, Facebook theoretisch zu erfassen oder an einem Pseudoprojekt ist keine nachhaltige Beschäftigung. Sinnvoll ist, mit Medien konkrete Aufgaben zu lösen und über das ideale Vorgehen nachzudenken.
  • Es genügt nicht, wenn einzelne Lehrpersonen Kompetenzen im Umgang mit neuen Medien mitbringen – alle Lehrpersonen müssen darin so geschult werden, dass sie nicht nur im persönlichen Umgang sicher sind, sondern auch in der Mediendidaktik ihres Faches.
  • Integration geht nur dann, wenn ein systematischer, nachhaltiger Aufbau in den Lehrplan eingeschrieben wird. Es müssen verbindliche Vorgaben gemacht werden – so muss z.B. im Deutschunterricht der dritten Klasse ein Text am Computer verfasst, überarbeitet und ausgedruckt werden; in der fünften Klasse muss eine computergestützte Präsentation erarbeitet werden etc.
  • Der Vergleich mit den Sprachfächern ist im Idealfall der mit der Immersion: Ein Fach wird unter ständigen Nutzung von bereits vorhandenen Kompetenzen unterrichtet – diese dabei regelmässig angewendet und fachspezifisch erweitert.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Neue Medien und Medienbildung soll und muss ein großes Gewicht haben – in jedem Fach sind nur Kompetenzen relevant, die sich im heutigen medialen Umfeld anwenden lassen. Diese Bildung geht nicht auf Kosten eines Faches, sondern erweitert Fächer um eine bestimmte Komponente – so mein Ansatz. Über andere Meinungen freue ich mich!

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philippe-wampfler.ch

13 Comments

  1. Pingback: DIGITALISIERUNG UND SCHULE Fachkongress für Lehrerinnen und Lehrer am 4.10.2016 in Augsburg | Kimko bloggt

  2. JackTheKiffer says

    Gut und spannend geschrieben. Auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich volle Drölf Punkte geben!

  3. Pingback: Let’s Plan, Episode 3: Wie kommt der Faden ins Nadelöhr? | olivertacke.de

  4. Pingback: Medienkompetenz als Fach – erweiterte Überlegungen | Schule und Social Media

  5. Danke für diesen spannenden Post! Ich denke, man muss drei Ebenen unterscheiden: Informatik, informationstechnische Grundbildung und Medienbildung. Informatik in der Schule muss eigenes Fach sein und kann nicht integriert vermittelt werden: Wenn es um Algorithmen, Informatiksysteme und informatische Modellbildung geht, braucht man Informatiklehrer. Medienbildung – auf der anderen Seite – ist Querschnittsangelegenheit, die in allen Fächern integriert vermittelt werden muss (einfach weil man sowieso in allen Fächern Medien verwendet). „In der Mitte“ dazwischen liegt die informationstechnische Grundbildung, in die ich neben der Benutzung von Standardsoftware (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation usw.) auch die Nutzung des Webs mit allen Facetten einsortieren würde. Ich vermute: Wir werden die komplette Lehrerschaft nicht dazu bekommen, diese Aspekte fachintegriert verständig zu vermitteln, einfach weil die komplette Lehrerschaft nicht mit der rasanten Entwicklung im IT-Bereich mithalten kann (zumindest nicht in den nächsten 20 Jahren). Man kann also (wenn es um ITG geht) nicht erwarten, dass ITG in den normalen Fächern von Lehrern nebenbei mit vermittelt wird, auch wenn dies wünschenswert wäre. Insofern würde ich dafür plädieren (zumindest für den im Schulbereich realistisch geschätzten Zeitraum von ca. 20 Jahren ;-)) ein eigenes Fach Informatik zu schaffen, in dem die informationstechnische Grundbildung von ausgebildeten Lehrern des Fachs mitvermittelt wird – und die restliche Medienbildung kann überall integriert werden.

    • Letzte Woche war ich am Fachforum Medienjugendschutz und habe das Thema dort noch einmal vertieft in Angriff genommen. Was du Medienbildung nennst, halte ich für eine wichtige Kompetenz. Obwohl ich theoretisch anders argumentieren würde, wäre es strategisch wohl auch sinnvoll, für ein Fach zu plädieren: Einfach nur deshalb, weil nur dann Lehrmittel geschaffen, Lehrgänge angeboten und Ressourcen gesprochen werden, die heute fehlen.

      • … und genau aus diesem Grund entscheidet sich Politik oft nicht für die Einführung eines eigenen Fachs ITG oder Informatik, weil: kostet zu viel. Und ich dachte immer, wir wollen in die Bildung investieren…

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  6. Lisa Rosa says

    Ja. Und umso wichtiger die Lehrerbildung der neuen Lehrergenerationen. Da reicht die Vorstellung „Schulung“ nicht aus. „Schulung“ ist Lehrgang u Training. Die angehenden Lehrer müssen aber mehr können, als zu wissen, welche Häkchen man bei Fb setzt und wie man Bildrechte u Urheberrecht wahrt.
    Sie müssen das lernen, was du Kulturtechnik nennst: Den Umgang mit dem (nicht mehr neuen) aktuellen Leitmedium, das die neue Kultur (Wissensgesellschaft ) konstituiert.
    Fas bedeutet, dass Lehrer sich das Lernen im und mit einem PLN selbst aneignen und Quasi zu ihrer „Zweiten Natur“ machen müssen, bevor sie dann Schüler bei diesem neuartigen Lernen begleiten und anleiten können. Lehrerbildung ist der Schlüssel.

  7. Pingback: »Sex-Falle Facebook« – konstruktive Lösungen zu einem Problem | Schule und Social Media

  8. Anonymous says

    Ein spannender Post.
    Die Argumente von Thomas Merz-Abt sind vor allem auf die Schülerschaft ausgerichtet. Er möchte die Medienbildung speziell dafür ausgebildeten Lehrkräften übertragen. – Das heisst aber, dass sich der Rest der Lehrkräfte darum drücken kann, und viele es nicht für nötig halten, diese Kompetenzen, die man von den Schülenn verlangt, sich selber anzueignen. Ich denke es besteht ein riesiger Weiterbildungs- Nachholbedarf beim Lehrkörper. Deshalb finde ich deinen zweiten Punkt sehr wichtig.
    Nur wenn Medienkompetenz in allen Fächern geübt wird, lässt sich zudem verhindern, dass das Einzelfach Medienschulung ’schubladisiert‘ wird, und nicht in Zusammenhang mit allen anderen Fächern gebracht wird.

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