Kommentare als journalistisches Produkt

I feel that freedom of expression is given to people who stand up for what they say and not hiding behind anonymity. We need to evolve a platform to meet the needs of the grown-up Internet. – Adriana Huffington

Gawker Media is flying in the face of conventional media wisdom. While other outlets are doing away with anonymity, we’ve built anonymous accounts into our new comment system. We’ll accept some disorder if that’s the price of freedom in one’s personal life, in politics and the press. – Nick Denton

In der amerikanischen Debatte um die Möglichkeit, anonym Kommentare zu verfassen, werden wichtige Fragen verhandelt: Dürfen auch Menschen ihre Meinung sagen, die nicht mit ihrem Namen auftreten wollen oder können? Soll eine Kommentarplattform die ausschließen, die unter Umständen ungerechtfertigterweise Repressionen ausgesetzt sind, wenn sie ihre Meinung vertreten? Die Antwort scheint mir recht klar zu sein.

Doch der Fokus der Debatte scheint mir einen wichtigen Aspekt zu ignorieren: Das Prinzip von Social Media ist die Gratisarbeit. Die Dienstleistung von sozialen Netzwerken ist das Bereitstellen von Werkzeugen, die Usern erlauben, ihre eigenen Inhalte zu präsentieren und die Inhalte anderer zu konsumieren.

Kommentare sind wichtige Inhalte. Auf vielen amerikanischen Plattformen lese ich die witzigen, schlauen Kommentare mit viel Gewinn. Die standardisierte Berichterstattung profitiert von originellen, tiefschürfenden Meinungen, die damit verbunden werden können. Eine Faustregel besagt, dass eine Lehrerin und ein Lehrer intelligenter sein sollten als der Durchschnitt einer Klasse. Und eine Journalistin oder ein Journalist sollte intelligenter sein als der Durchschnitt der Lesenden. Und wenn das so ist, gibt es immer noch viel Platz für clevere Rückmeldungen, Erweiterungen, Hinweise in den Kommentaren.

Ja – das Moderieren von Kommentaren erfordert Zeit und kostet Geld. Diese Kosten müssen aber in eine Perspektive gesetzt werden: Kommentare sind ein journalistisches Produkt. Ich besuche eine News-Seite, um Kommentare zu lesen; damit verdient sie Geld und erhält Aufmerksamkeit.

Meine Anregung:

  1. Warum nicht halb so viel Arbeit in Kommentare stecken wie in Artikel?
  2. Warum nicht der Leserin und dem Leser die Möglichkeit geben, Kommentare zu filtern? Z.B. ganz einfach die von Menschen oben zu sehen, deren Meinung man schätzt.
  3. Warum nicht Leserinnen und Leser für die Moderation einsetzen?

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Lernt löten!

Heute ist in der WoZ ein Gesprächsbericht erschienen, den Kaspar Surber über eine Unterhaltung mit mir geschrieben hat.

Den ganzen Text gibt’s hier.

Jugendliche nutzen das Internet nicht anders, weil sie als «Digital Natives», als Eingeborene der digitalen Welt, aufwachsen. Sondern weil sie aufgrund ihres Alters ein eigenes Beziehungsnetz knüpfen müssten: «Die sozialen Medien funktionieren dabei wie ein Shoppingcenter als halb öffentlicher Raum: So wie Jugendliche dort ihre Zeit verbringen, wollen sie auch auf Facebook sehen und gesehen werden.» Andere wiederum, die nicht den gängigen Normen entsprechen, finden im Internet Gleichgesinnte zum Austausch.

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«Jugendliche sind weniger naiv, als wir denken» – Interview auf tagesanzeiger.ch

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Verändert sich das Lernen der Schüler durch die neuen Medien?
Sie bieten in erster Linie Alternativen. Ich habe gerade viele Schüler, welche sich für naturwissenschaftliche Fächer Tutorials auf Youtube anschauen. Dort sehen sie, dass es verschiedene Arten gibt, ein Phänomen zu erklären. Dass es verschiedene Lern- und Lehrtypen gibt und sie sich entscheiden können, was ihnen ganz persönlich besser liegt.
Das muss den meisten Schülern gefallen. Was sind Ihre Erfahrungen diesbezüglich?
Das Spektrum ist breit. Auf der einen Seite gibt es Schüler, die sich nicht besonders für neue Medien interessieren. Andere sind damit aufgewachsen, für sie ist das selbstverständlich. Das Schulische beschränkt sich für sie auf Prüfungen und Noten, das Lernen als solches können sie aber auch ohne Schule erledigen. Das wären die beiden Extrempositionen. Insgesamt beobachte ich eine gewisse Sättigung. Die Schüler mögen es auch, wenn sie einfach ein Arbeitsblatt bekommen und es mit einem Bleistift ausfüllen können.

In Interview mit Michèle Binswanger für tagesanzeiger.ch durfte ich über die Gefahr des Internets, die Nutzung digitaler Technologie durch Jugendliche und die Möglichkeiten für die Schule sprechen. Das ganze Interview findet sich hier.

Blogeinträge statt Aufsätze schreiben

Am 19. Juni haben einige meiner Schülerinnen und Schüler auf einem SRG-Podiumsgespräch über Medienkonsum im Zeitalter von Internet und Gratiszeitungen mit etablierten Persönlichkeiten diskutiert (Radiobericht hier). Im Vorfeld wurde ich vom Regionaljournal Aargau Solothurn interviewt.

Bildschirmfoto 2013-06-18 um 22.57.04Eine lange Version des Interviews findet sich hier, für die geschnittene unten klicken.

Informelles Lernen – »Professor iPad«

Heute – 2. Juni 2013 – ist in der »Schweiz am Sonntag« ein Artikel von mir erschienen, in dem ich auf das potential von informellem Lernen hinweise. Mein Fazit:

Neue Medien fordern uns heraus und verändern uns. Wir sind ständig abgelenkt, wir werden gestresst und erleben Überforderung. Aber wir können Kinder und Jugendliche nicht davor bewahren, sondern müssen sie anleiten, mit diesen Problemen einen individuellen Umgang zu finden. Nicht alle werden zwei Jahre auf eigene Faust durch die Welt wandern, aber alle werden sich überlegen müssen, ob sie auf ihren Lebensweg ihr Smartphone mitnehmen. Eltern und Lehrpersonen können dabei helfen, dass die digitale Umwelt für Jugendliche eine Lernumwelt wird oder bleibt und nicht durch die Vorurteile der Erwachsenen zu einer Gefahr hochstilisiert wird, die es zu vermeiden gilt.

Hier gibt es Artikel als Text zu lesen, der Klick auf den gelayouteten Artikel führt zu einem größeren Bild.

Sonntag, 2. Juni 2013 - Ausriss gute Qualität

Social Media in der Schule – Chancen und Gefahren

Bildschirmfoto 2013-05-30 um 20.05.17Heute wurde ich im Regionaljournal Zürich/Schaffhausen von SRF 1 zu meinem Buch und zu Social Media in der Schule befragt. Der ganze Beitrag findet sich hier oder auf Soundcloud. Auf der Homepage heißt es:

Unter den Social Media hat Facebook bei Schülerinnen und Schülern wohl den höchsten Stellenwert. Für den Gymnasiallehrer Philippe Wampfler, der Deutsch und Philosophie unterrichtet, bietet diese Plattform eine gute Gelegenheit, um sich sprachlich klar auszudrücken. Oder auch, um zum Beispiel die Arbeit der Schule einer breiteren Öffentlichkeit näherzubringen.

 

Ist der Einsatz von AdBlockern verwerflich?

TA

Mit einfachen Browser-Erweiterungen lassen sich Seiten (wie oben Tages-Anzeiger Online) so darstellen, als enthielten sie keine Werbung. Die Werbung wird versteckt.

Heute haben einige deutsche Nachrichtenportale mit prominent platzierten Bannern dazu aufgerufen, auf ihren Seiten die AdBlocker auszuschalten. Als Beispiel sei die Begründung von Golem.de zitiert:

Daher haben wir eine große Bitte: Schalte deinen Adblocker auf Golem.de aus! Einen entsprechenden Hinweis sehen Nutzer von Adblockern in dieser Woche auf Golem.de, Spiegel Online, FAZ.net, RP-Online.de, Sueddeutsche.de und Zeit.de. Denn das Problem betrifft nicht uns allein, es ist für uns aber besonders groß. Nicht weil wir die Seite mit Werbung vollstopfen, sondern obwohl wir das nicht tun.

Wir sind jedem Einzelnen von euch dankbar, der seinen Adblocker auf Golem.de deaktiviert. Das kommt auch allen anderen Nutzern zugute, die bereits auf einen Adblocker verzichten und es damit überhaupt möglich machen, dass Golem.de existiert. Denn wenn viele ihren Adblocker auf Golem.de deaktivieren, wird die erste und direkteste Auswirkung darin bestehen, dass die Nutzer, die keinen Adblocker verwenden, weniger Werbung zu sehen bekommen. Und das wird sich auch dann nicht ändern, wenn es uns gelingt, im zweiten Schritt die Werbeeinnahmen zu steigern.

Die Hinweise der Portale werden von den AdBlockern mittlerweile auch schon wieder versteckt: Sie waren nur für kurze Zeit sichtbar, werden jetzt behandelt wie Werbung.

Die Frage, ob ich als Internetbenutzer Werbung wegfiltern darf oder nicht, verdient ein etwas genauere Diskussion. Die Argumentation der Anbieter wäre folgende: Wer Inhalte konsumiert, ist daran interessiert, das diese finanziert werden können. Werbung ist eine Methode der Finanzierung, die sich bewährt hat. Fällt sie als Einnahmequelle weg, dann gibt es entweder weniger gehaltvolle Inhalte oder es müssen andere Einnahmequellen erschlossen werden, die dann z.B. die Konsumierenden direkt betreffen könnten. Mit der Benutzung von AdBlockern schneidet man sich letztlich ins eigene Fleisch, weil man die Finanzierung der interessanten Inhalte gefährdet.

Aus einer anderen Perspektive besteht Werbung aus Inhalten, die ohne Anbindung an andere Inhalte nicht wahrgenommen würden. Werbung kann auf dem Markt der Aufmerksamkeit alleine selten bestehen (natürlich gibt es Ausnahmen) und wird den Konsumierenden deshalb in allen erdenklichen Formen aufgezwungen. Warum sollte ich mich gegen diesen Zwang nicht wehren dürfen? Wer eine Modezeitschrift aufschlägt, überblättert beim Lesen eines interessanten Artikels die ersten fünf bis zehn Seiten, die nur Werbung enthalten. Die Aufforderung, einen AdBlocker auszuschalten, ist, als würde man Menschen vorschreiben, wie sie eine Zeitschrift zu lesen hätten.

Ein interessantes Detail sind die technischen Möglichkeiten: Während es aufgrund der digitalen Kommunikation möglich ist, Anzeigen als solche zu erkennen und wegzufiltern – Stichwort Filtersouveränität -, ist es den Webseiten und Werbetreibenden wiederum möglich zu erkennen, welche Werbungen weggefiltert werden. In einem nächsten Schritt kann Werbung auch so gefiltert werden, dass das für Anbietende gar nicht mehr erkennbar ist. (Was natürlich nur dann relevant ist, wenn sich Portale unabhängig davon bezahlen lassen, ob mit den Anzeigen Interaktion stattfindet oder nicht.)

Die Anbieter der einschlägigen AdBlock-Software selbst argumentieren, sie seien Teil der Lösung, nicht der Problems – das Problem nämlich sei nicht die Werbung, sondern die Form der Werbung:

Wir sind uns vollkommen bewusst, dass Qualitätsjournalismus durch Werbung finanziert wird. Daher haben wir bereits im Jahr 2011 die Acceptable-Ads-Initiative ins Leben gerufen, um einen Kompromiss zwischen Internetnutzern und Verlagen zu finden. Werbung, die unaufdringlich gestaltet ist und von der Adblock Plus Community als „akzeptabel“ zertifiziert wurde, wird in den Standardeinstellungen des Werbeblockers nicht blockiert. Der Demokratiegedanke kommt bei unserer Community zum Tragen: Die Richtlinien für akzeptable Werbung legt diese selbst fest. Diese entscheidet, welche Anzeigen unaufdringlich und informativ sind und den Nutzern von Adblock Plus beim Surfen eingeblendet werden. Zertifizierte Werbung erreicht eine größere Reichweite und durchschnittlich 15 bis 20 Prozent mehr Klicks als die übliche, effekthaschende Online-Werbung in dieser Zielgruppe. Das Problem ist die Aufdringlichkeit der Online-Werbung, die am Wunsch der Nutzer vorbeigeht.

Bleibt man nüchtern, so gibt es für die Verlage keine Möglichkeit sicher zu stellen, dass erwünschte Inhalte mit unerwünschten zusammen konsumiert werden, weil digitale Werkzeuge die Trennung solcher Kopplungen erlauben.

Das größere Problem ist generell die Finanzierung von Inhalten im Internet. Und wenn man ehrlich ist, gibt es dafür keine Lösungen. Weder Paywalls noch die Forderung nach innovativen Strategien noch eine Internetsteuer, wie sie Jaron Lanier vorschlägt. Das ist ein echtes Problem, weil Menschen Geld brauchen, um Leben zu können, und es nicht mehr durch das Erstellen von Inhalten verdienen können. Aber auch das Abschalten von AdBlockern hilft nicht, das Problem zu lösen.

 

 

Zur Struktur von (Lern-)Netzwerken

Social Media ermöglichen uns die Teilnahme an vielfältigen Netzwerken. Das eigentlich Neuartige, so meine These, ist nicht der digitale Aspekt, sondern die Tatsache, dass sich die Eigenschaften eines Netzwerkes fast beliebig bestimmen lassen. Die daran anschließende Frage wäre, wie ein Netzwerk denn zu beschreiben wäre.

Ich bin sicher, es gibt zu dieser Frage eine umfassende Theorie – die folgenden Gedanken können nicht mehr sein als der Versuch eines Dilettanten, gewisse Merkmale festzuhalten; die ich dann auf schulischen Unterricht anwenden werde.

(1) Kontingenz

[Niklas Luhmann] stand in der Post, und vor ihm am Schalter erklärte der Schalterbeamte einer Frau mit hartem östlichen Akzent wieder und wieder das Ausfüllen eines Formulars. Luhmann hatte das längst verstanden und bot der Frau an, ihr zu helfen. Sie gingen zu einem kleinen Tisch, wo er sich setzte, um das Formular auszufüllen. Er wollte das Formular nehmen, doch die Frau riss es an sich und rannte aus der Post.

Diese Episode erzählt Detlef Horster bei der Beantwortung der Frage »Warum moralisch sein?« (2009). Er zeigt damit die doppelte Kontingenz in menschlichen Interaktionen auf: Weder weiß ich, was mein Gegenüber als Nächstes tun wird, noch weiß mein Gegenüber, was ich tun werde.

Netzwerke können mehr oder weniger Kontingenz zulassen, indem sie die Meldungen von Menschen mit Filtern versehen. Videos in Vine sind nie länger als 6 Sekunden, Bilder in Instagram stets quadratisch, Tweets nie länger als 140 Zeichen etc. Stärkere Reduktion von Kontingenz erfolgt mit einer Moderation (wie z.B. bei Kommentaren in Blogs). Chatroulette ist ein Beispiel für ein Netzwerk mit sehr hoher Kontingenz: Ich bekomme einen Partner oder eine Partnerin oder eine Gruppe von Menschen im Video-Chat zugeteilt, die spontant mit mir interagieren.

Kontingenz ist mehr als die Art der Beziehungen, sie hängt auch von den kommunikativen Handlungen ab. Was kann ich von anderen erwarten?

Kontingenz im Unterricht.
Kontingenz im Unterricht.

(2)  Bekanntheit der Teilnehmenden am Netzwerk

Während auf einer Bestattung meist ausschließlich Menschen anwesend sind, welche die oder den Tote(n) persönlich gekannt haben, gibt es für ein Popkonzert keine ähnliche Voraussetzung. Die »Ties«, also die Verbindungen zwischen den Menschen, können enorm schwach sein. Netzwerke können auf starken Verbindungen basieren und schwache konsequent ausschließen oder sogar unbekannte Menschen miteinander verbinden. Das hat natürlich auch mit Kontingenz zu tun.

(3) Anbindung an Raum und Zeit

Eine Wohnung zu haben ist mit der Teilnahme an einem sozialen Netzwerk verbunden: Die Wohnung bzw. die Klingel und die Haustür sind ein Profil, mit dem Menschen interagieren können: Allerdings nur, wenn sie sich an einem bestimmten Ort befinden (allenfalls zu einer bestimmten Zeit dort sind). Netzwerke können örtliche und zeitliche Zusammenhänge stärker oder weniger stark in ihre Struktur einbeziehen. Ein Chat funktioniert komplett ortsunabhängig, aber meist synchron; während Foursquare-Checkins zeitunabhängige Kommunikation ermöglichen, die aber an einen Ort gebunden ist.

(4) Medium und Format der Kommunikation

Früher waren Telefongespräche und Telegramme sehr teuer. Das führte zu einer künstlichen Knappheit der Zeit, die bestimmte Kommunikationsstile herausgebildet hat. Ähnlich zeichnen sich auch heute soziale Netzwerke durch die darin vertretenen Medien und Informationsformate aus. Einerseits explizit (ich kann bestimmte Dateien auf Facebook posten, andere nicht), andererseits implizit: Online werden viele Texte nur zwei Bildschirmlängen lang gelesen, Video werden nur einige Minuten lang angeschaut etc.

(5) Öffentlichkeit 

Wenn die Beschilderung meines Briefkastens ein Profil auf einem sozialen Netzwerk ist, so ist sie per default öffentlich. Die Briefträgerin wie auch die Einbrecherin haben im Normalfall Zugang. Anders ist es mit meinem Telefonanschluss: Ich nehme an, dass niemand meine Gespräche abhört.

(6) Permanenz bzw. Archiv

Daran kann man anknüpfen: Schilder an einem Briefkasten werden meist in Metall gestanzt und in der Absicht montiert, dass sie Jahre überdauern. Telefongespräche vergehen sofort, sie werden kaum aufgezeichnet. Gewisse Netzwerke archivieren die gesamte Kommunikation, andere keine.

* * *

Traditioneller Schulunterricht ist in vielen der Eigenschaften von (1)-(6) determiniert: Die Kontingenz ist gering. Gearbeitet wird in Klassen, deren Mitglieder sich und ihre Lehrpersonen kennen und ihnen zeitlich und räumlich begegnen. Benutzt wird ein Standardrepertoire an Medien und Kommunikationsformaten, das halb-öffentlich inszeniert wird: Zwar wären Besuche durch Referendarinnen, Mitglieder der Schulleitung oder Eltern denkbar, sie sind aber eher die Ausnahme. Schriftliche Materialien werden ab und zu archiviert, mündliche Aussagen kaum.

Social Media in der Schule bedeutet nun, dass diese Eigenschaften veränderbar werden. Didaktisch-pädagogisch sind nicht alle von ihnen optimal für lernen und lehren. Z.B. kann es lehrreich sein, sich hoher Kontingenz auszusetzen oder es kann förderlich sein, unabhängig von Raum und Zeit lernen zu können.

 

 

Missverständnisse beim Beurteilen der Medienkompetenz Jugendlicher

Wer sich mit diesen Erstgeborenen der digitalen Welt unterhält, der merkt allerdings schnell, dass es mit der Medienkompetenz nicht so weit her ist. Die technischen Fähigkeiten auch der Gymnasiasten beschränken sich oft aufs Wischen, Tippen, Hochladen. Schutz der Privatsphäre? Nie gehört. Einfach einen Account eröffnet, und da kommen die Fotos und Nachrichten dann eben rein. Die inhaltliche Kompetenz ist oft ebenfalls gering. Welche Fertigkeiten solide Recherche verlangt, hat sich kaum herumgesprochen. Und der Sinn von Datenschutz ist Schülern meistens unklar: Wer sollte da draufgucken außer den Freunden? Sie sind entsetzt, wenn sie hören: Wenn du da den Namen deines Vereins angibst und schreibst, dass du jetzt gleich zum Training gehst, kann jeder wissen, an welcher Straßenecke du in zehn Minuten bist.

Mit dieser Einschätzung ist Florentine Fritzen nicht alleine. So sinnvoll ihre daraus resultierende Forderung ist, »den bewussten Umgang mit den Medien zu fördern«, so diffus ist der Befund an sich.

Wie ich in einer interessante Diskussion auf Facebook schon festgehalten habe, liegt das grundsätzliche Missverständnis in der Vermischung von drei Ebenen:

  1. Der Mediennutzung Jugendlicher, die sich von der Erwachsener schon immer unterschieden hat und weiterhin unterscheidet. 
  2. Dem Unterschied einer Perspektive einer analogen Medienwelt zu der einer digitalen.
  3. Vorhandensein oder Fehlen von Medienkompetenz.

Häufig wird aus den Punkten i. und ii. vorschnell auf iii. geschlossen, also kurz: Weil Jugendliche Medien wie Jugendliche nutzen und die Perspektive der analogen Medienwelt vertreten wird, kann man ableiten, dass Jugendlichen wichtige Kompetenzen fehlen. Im Text zeigt sich das bei »Schutz der Privatsphäre«, »inhaltliche Kompetenz«, »Recherche«, »Datenschutz«. Jugendliche gehen mit ihrer Privatsphäre und ihren Daten anders um als Erwachsene – das heißt nicht, dass sie nicht ein Bewusstsein für den Wert eines Schutzes hätten. Aber es ist für Jugendliche beispielsweise generell wichtig, von ihren Peers gesehen zu werden. Wenn ihnen Erwachsene nun vorhalten, damit könnten sie gesehen werden, dann ist das kein Einwand: Genau das beabsichtigen sie ja.

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Um Medienkompetenz Jugendlicher beurteilen zu können, muss klar sein, welche Ziele sie verfolgen und welche Instrumente sie nutzen wollen. Auch in prä-digitalen Zeiten haben Jugendliche Schund gelesen: Weil sie Schund lesen wollten. Problematisch ist das dann, wenn sie denken, der Schund böte hochwertige Informationen. Das meint wohl Medienkompetenz generell: Ziele und Mittel in ein Verhältnis setzen können und bewusste Entscheide fällen.

Diese Entscheide und Ziele müssen aber nicht die von Erwachsenen sein. Während Jugendliche viele Menschen kennen lernen wollen, ist ihren Erziehenden oft das Gegenteil wichtig.

Medienkompetenz fördern Erwachsene nicht, indem sie Jugendlichen vorschreiben, wie sie was tun sollen; sondern vielmehr, indem sie mit ihnen sprechen und sie anregen, darüber nachzudenken, was sie tun, warum sie es tun und wie zufrieden sie mit den Resultaten sind. Jugendmedienschutz beginnt mit Gesprächen (und endet auch oft da), das Fördern von Medienkompetenz auch. Echtes Interesse hilft mehr als strenge Vorschriften.