Welchen Einfluss Twitter auf das Schreiben hat

Die amerikanische Literaturzeitschrift n+1 hat diese Woche einen Essay über Twitter publiziert (»Please RT«, verantwortlich dafür sind die Herausgeber). Darin findet sich eine Kurzkritik des Schreibens auf sozialen Medien – die deshalb bedeutsam ist, weil hier schon mehrfach über die Möglichkeiten des Einsatzes von Twitter im Schreib- und Literaturunterricht nachgedacht worden ist, z.B. hier und hier.

Der Artikel beginnt mit einer Beschreibung von Twitter – eine Beschreibung, die man kaum nachvollziehen kann, wenn man Twitter nicht aktiv nutzt, weil man sich dann fragt, wie Menschen sich ausdrücken können, wenn 140 Zeichen die Limite für jede Äußerung ist. Das kann nur ein bedeutungsloses Zwitschern sein, wie der Name Twitter es ausdrückt: Aber nichts, was den literarischen und kommunikativen Möglichkeiten des menschlichen Kulturlebens würdig wäre.

Wer jedoch einen Zugang zu Twitter findet, findet es plötzlich unterhaltsam und informativ. Man liest bei Zeugen von Katastrophen mit, Expertinnen in verschiedenen Wissensgebieten und Opinion-Leaders. Der Kreativität hinter Profilen scheinen kaum Grenzen gesetzt. Wenn man aber eine gewisse Distanz einnimmt, scheinen viele Tweets nur eins zu sagen:

I need to be noticed so badly that I can’t pay attention to you except inasmuch as it calls attention to me. I know for you it’s the same.
[Übersetzung phw:] Ich brauche so dringend Aufmerksamkeit, so dass ich mich dir nur dann zuwenden kann, wenn ich dadurch mehr Aufmerksamkeit generieren kann. Ich weiß, bei dir ist das gleich.

Und das stimmt: Obwohl es bei Twitter möglich ist, den Profilen zu folgen, die man interessant findet, halten es viele User so, dass sie das Verfolgen ans verfolgt Wenden knüpfen. Hört man auf, ihnen zu folgen, so hören sie auch auf, einem zu folgen.

Der Text zitiert die Schauspielerin Lena Dunham, Star der neuen HBO Serie »Girls«. Sie sagt in einem Interview auf die Frage, ob es in Bezug auf die Möglichkeiten, sich auf Social Media zu präsentieren, einen Unterschied zwischen den Generationen gäbe:

[M]y dad finds Twitter just infinitely unrelatable. He’s like, „Why would I want to tell anybody what I had for a snack, it’s private?!“ And I’m like, „Why would you even have a snack if you didn’t tell anybody? Why bother eating?“
[Übersetzung phw:] Mein Vater findet Twitter unmöglich. Er sagt: »Warum würde ich jemandem erzählen wollen, was ich gegessen habe, das ist doch privat?!« Und ich antworte: »Warum sollte ich überhaupt etwas essen, wenn ich nicht jemandem davon erzählen könnte?«

Twitter ermöglicht es, völlig Belangloses mitzuteilen, sogar, wenn es kryptisch ist. Es lässt Menschen reden, die nichts zu sagen haben, aber etwas sagen wollen. Das tun sie automatisch und sind davon besessen. Es kann, so die Herausgeber von n+1, sehr unterhaltsam sein, auf Twitter in Rollen zu sprechen, Figuren sprechen zu lassen. Aber Twitter verleitet Menschen dazu, selbst zu solchen Figuren zu werden, die nur noch auf eine bestimmte Art und Weise über ganz bestimmte Dinge schreiben können.

Diese Schreibweise betten die Autoren nun in den Kontext eines generellen Schreibzerfalls ein: Die Demokratisierung und Kostenlosigkeit von digitaler Produktion führe dazu, dass Texte publiziert würden, die früher in der Schreibtischschublade oder auf der Harddisk geblieben wären. Die forcierte Bloggerei führe dazu, dass ein relaxter Tonfall zum Muss werde, zur einzigen Ausdrucksform.

Betrachten wir ein Beispiel:

Schon bald wird ja „50 Shades of Grey“ auf Deutsch herauskommen und Sie überlegen sich vielleicht, es zu kaufen. Ich verstehe ja, dass Sie der ganze Hype neugierig macht, aber es ist wirklich unfassbar schlecht geschrieben und ausgedacht, so was sollte man sich nicht antun. Da kann die Übersetzung noch so gut sein, es bleibt Quatsch. Obwohl zu hoffen ist, dass zumindest grobe Schnitzer wie zum Beispiel „Laboutin“ (Sie wissen schon, die Schuhe mit der roten Sohle, bei denen alle Männer – und EL James – sofort eine Erektion kriegen, wenn sie sie sehen, weil die Schuhe inzwischen dermassen direkt verlinkt sind mit dem Gedanken „uh, ah, sexy“, dass die rote Sohle funktioniert wie der rote Arsch bei Pavianen) korrigiert wurden.

Michèle Roten verkörpert das, was die Herausgeber den »blogorrheic style« nennen: Den Stil der Blogorrhoe (Mischwort aus Blog und Logorrhoe). Die Geschwätzigkeit wird verbunden mit einer Vagheit – die in Kombination in der Lage zu sein scheint, authentische, wahre Texte zu produzieren.

Dagegen sei nun Twitter das Gegenmittel. Die Beschränkung auf 140 Zeichen produziere eine »Spracherweiterung durch formale Zwänge« – so das Ziel der Oulipo-Bewegung. So entstünden auf Twitter Sprachkunstwerke, Oscar Wilde oder Franz Kafka wären großartige Twitterer gewesen. Fazit: Die Leute entfolgen, die zu viel Unwichtiges verkünden und sich an John Berryman halten:

Blended Learning

Blended Learning – deutsch: integriertes Lernen – bezeichnet eine Mischform von

  • schulischem Lernen zur selben Zeit und am selben Ort
  • selbständigen Lernaktivitäten zu einer selbst gewählten Zeit an einem selbst gewählten Ort – meist unter Einbezug einer E-Learning-Form, d.h. unterstützt durch digitale Lernmaterialien.

Die Matrix zeigt die zwei wesentlichen Dimensionen von Blended Learning: Die Art, wie Lerninhalte vermittelt werden (online oder offline), und der Lernort (beaufsichtigt in der Schule oder davon entfernt). Der schattierte Bereich und der Pol C zeigen an, was Blended Learning prototypischerweise ist.

Blended Leraning gibt es in der Schweiz bisher vor allem an Universitäten – z.B. das OLAT-Projekt der Uni Zürich und an der HSG, aber auch an der BBB, der Berufsschule in Baden, gibt es solche Kurse.

Eine Infografik von Knewton (von der auch oben stehende Matrix stammt) hält wesentliche Aspekte von Blended Learning fest, die ich kurz kommentieren und abschließend mit einem Verweis zu Social Media versehen werde.

1. Formen von Blended Learning

Die Übersicht über die Formen zeigt deutlich, wie gut möglich die integration in traditionelle Schulformen ist. Online Lernformen können auch innerhalb von Schulzimmern zum Einsatz kommen oder traditionellen Schulunterricht ergänzen, z.B. im Sinne von Inverted Classroom.

Bedeutsam scheint mir die Möglichkeit, dass Schülerinnen und Schüler individuell auf E-Learning zugreifen können, um entweder Inhalte zu vertiefen und erweitern oder sie zu repetieren. Das scheint mir eine zukunftsträchtige Möglichkeit für die Individualisierung von Unterricht.

2. Der Sinn von Blended Learning

Die Grafik geht von einem fast zerstörerischen Ansatz aus: Schulen, die hier als Fabriken bezeichnet werden, müssen niedergerissen werden, damit Menschen befreit werden und in Genuss von persönlichen Bildungsangeboten kommen – aber auch produktivere: Die günstiger bessere Resultate erzielen.

Hier zeigt sich eine große Gefahr: Wenn neue Lernformen mit der Absicht eingeführt werden, Geld einzusparen, dann ist zu befürchten, dass die Ergebnisse zu wünschen übrig lassen werden. Steht die Bildung im Vordergrund, dann könnte Blended Learning viele Aufgaben übernehmen und die Beteiligten im Tagesgeschäft entlasten – so dass für soziale Lernformen mehr Zeit bleibt.

3. Bedingungen für Blended Learning


Ich übersetze die fünf Punkte:

  1. integrierte Systeme, bei denen die Schülerinnen und Schüler über eine zentrale Plattform auf alle Lerninhalte zugreifen können
  2. hochwertiger dynamische Lerninhalte, die individuelles Lernen ermöglichen und den etablierten Standards entsprechen
  3. Auswertungen, die dabei helfen, die Lernerfahrungen den Bedürfnissen der Lernen anzupassen
  4. Automatisierung, mit der Lehrende bei repetitiven Arbeiten entlastet werden
  5. Anwendungen, um die Motivation von Lernenden zu erweitern.

Beim Punkt ii. scheint es mir wichtig, auf die Khan Academy (Wikipedia – und das deutsche Angebot) hinzuweisen – ein Angebot von hochwertigen Lernvideos, die auf Youtube angeschaut werden können.

4. Blended Learning und Social Media

Grundsätzlich hat Blended Learning nichts mit Social Media zu tun: Videos wie die von der Khan Academy sind klassische one-to-many-Inhalte. Aber beim Punkt v. oben zeigt sich, dass soziale Faktoren motivierend wirken können. Genau so, wie Schülerinnen und Schüler einander in der Schule in der Pause die Aufgaben erklären, wäre es einfach, Lernvideos mit sozialen Tools auszustatten, die genau dasselbe ermöglichen.

Social Media würde so auch in Lernphasen, die z.B. zuhause oder an einem frei wählbaren Ort stattfinden, sicherstellen, dass es zu Austauschprozessen kommt und gemeinsame Lernerfahrungen möglich sind. Dazu kommt, dass sich Schülerinnen und Schüler an verschiedenen Orten vernetzen können. Im Wired-Artikel zur Kahn Academy wird ein Junge gezeigt, der mit 10 trigonometrische Gleichungen löst. Dieser Junge könnte Gleichaltrige finden, die ähnliche Interessen haben – etwas, was ihm in seinem Quartier wohl nicht gelingt.

Profile von Schulen auf Social Media

Viele Schulen überlegen sich, ob und wie sie auf Social Media aktiv werden sollen. Diese Frage erübrigt sich in vielen Fällen: Schulprofile entstehen automatisch. Die Frage ist nur, wie und wie aktiv sie bewirtschaftet werden.

Betrachten wir dazu drei Beispiele:

1. Google Maps

Die Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon  erscheint auf Google Maps wie folgt:

Ein User hat also kommentiert, man lerne an der KZO nichts. Das Beispiel zeigt: Man kann bei solchen Profilen nicht einmal kontrollieren, was sie enthalten. Man muss beobachten, was passiert – und allenfalls reagieren (in diesem Fall: indem man darauf achtet, dass auch positive Rückmeldungen verfasst werden).

2. Facebook

Blieben wir bei der KZO – ihr Facebook-Profil sieht momentan so aus:

Im Vergleich dazu das der Kantonsschule Wettingen (disclaimer: im Moment pflege ich dieses Profil):

Die Profile entstehen automatisch: Weil Schülerinnen und Schüler, Lehrpersonen und Ehemalige angeben, wo sie arbeiten. Aber sie können bewusst gepflegt werden und so ein Bild von einer Schule abgeben – oder eben nicht. Dabei kann – und das habe ich bei dem Profil der Kantonsschule Wettingen getan – auch verhindert werden, dass Leute Beiträge auf die Pinwand posten können und so Schaden für das Schulimage entstehen kann.

3. Twitter

Das Beispiel von Lehrpersonen, von denen falsche Facebook-Profile erstellt worden sind, zeigt deutlich: Es besteht das Risiko, dass auch eine Schule ein falsches Profil erhält. Echte Profile sollten deshalb auch so daherkommen – und gepflegt werden, entsprechende Inhalte posten. Ein sehr schönes Beispiel ist das Twitter-Konto der Kantonsschule Baden, das zwar (noch) nicht sehr dialogisch kommuniziert und nur 16 Follower aufweist, aber attraktiv daherkommt (auch wenn das Hintergrundbild fehlt) und klar als offizieller Kanal in Erscheinung tritt:

4. Fazit

Die Entscheidung, ob Schule auf Social Media präsent sind oder nicht, ist bereits gefallen – auch wenn sie nicht mitreden konnten. Damit muss man sich abfinden und die Situation managen: Dort aktiv werden, wo man Chancen sieht, an allen anderen Orten beobachten (im Fachjargon sagt man: Monitoring betreiben). Damit kann man gut auch Lehrpersonen oder Schülerinnen und Schüler beauftragen.

Twitter im Literaturunterricht

Auf der Higher Education-Plattform der Guardian-Webseite berichtet Rosie Miles (@MsEmentor), wie sie Twitter im Literaturunterricht einsetzt. Sie unterrichtet an der University of Wolverhampton in England und beschreibt die Erfahrungen im Umgang mit Social Media als sehr positiv: Die Studierenden beteiligen sich rege und mit Begeisterung.

Zu den Bedingungen, in denen Virtual Learning Environments (VLE) sinnvoll eingesetzt werden können, macht sie zwei aufschlussreiche Bemerkungen:

  • Jedes Lernumfeld (auch das Klassenzimmer) ist zunächst neutral: Erst die darin stattfindende Aktivität lässt einen beurteilen, ob das Umfeld nachhaltiges Lernen ermöglicht oder nicht.
  • Wenn man VLEs einsetzt, muss man sich fragen, ob sie etwas ermöglichen, was im Klassenzimmer nicht möglich wäre.

Was hat nun Miles konkret getan?

Sie hat das Unterrichtsthema – Literatur des Fin de Siècle – spielerisch und kreativ erweitert: Alle Studierenden übernahmen in einem Twitterkonto die Persönlichkeit einer literarischen Figur, mit deren Stimme sie diskutiert haben. So konnte man sich in eine Figur versetzen, ihr Denken, ihr Sprechen nachahmen und gleichzeitig das Werk gemeinsam diskutieren – etwas, was – so Miles – einen eher peinlichen Theater-Workshop ergeben hätte, auf Twitter aber großen Spass macht.

Miles hat nicht direkt Twitter eingesetzt, sondern ein Forum, bei dem die Beiträge ebenfalls auf 140 Zeichen beschränkt waren. Sie fragt, wie man auf Twitter einen Walled Garden einrichten könne für Unterrichtszwecke – etwas, was ich für schwierig halte. Entsprechend merkt sie an, dass Twitter nicht für den Unterricht gemacht worden sei und deshalb erprobt werden müsse, ob das Tool innerhalb eines didaktischen Konzepts sinnvoll einsetzbar sei:

However, Twitter wasn’t per se designed with teaching in mind. So it’s the job of those of us who do use online learning spaces and tools and social media to work out how – if at all – it’s possible to teach with them in our different disciplines and contexts.

Das Verbot von Smartphones in Schulen

Eine Lehrperson, die auf Facebook gemobbt worden ist, forderte als Reaktion ein Verbot von Smartphones:

Intelligente Handys sollten in der Schule verboten werden. «Wer glaubt, dass Smartphones nur zum Schreiben von SMS genutzt werden, ist naiv.»

Mit anderen Worten: Das Vorhandensein von technologischen Mitteln schafft die Möglichkeit zu ethisch verwerflichen Handlungen, die an einer Schule nicht geduldet werden sollen und müssen.

Ein solches Verbot gibt es an der Theodor-Storm-Schule in Husum (Deutschland). Die Schulordnung hält fest:

Die Nutzung elektronischer Medien jeglicher Art ist grundsätzlich für Schülerinnen und Schüler auf dem gesamten Schulgelände untersagt. Damit ist auch das Anfertigen von Bild- und Tonaufnahmen nicht gestattet.
Erlaubt ist hingegen die unterrichtliche Nutzung elektronischer Medien in Abstimmung mit der unterrichtenden Lehrkraft.

In einem ausführlichen Blogpost beleuchtet nun ein Schüler der Schule die Geschichte des Verbots und präsentiert die Argumente der Schülerschaft und die der Eltern bzw. der Lehrerschaft. Etwas zugespitzt hält er fest:

In den vergangenen Diskussionen ist es oft so verlaufen, dass wir viele Argumente brachten, es wurde einfach nicht zugehört. Die Eltern und Lehrer brachten uns immer wieder mit der Mobbingkeule zum Schweigen.

Die Argumente der Schülerschaft sind zusammengefasst vier:

  1. Cybermobbing kann nicht mit Verboten bekämpft werden – wer genug kriminelle Energie für Mobbing aufbringen kann, kann auch Verbote umgehen.
  2. Elektronische Medien sind für das Kerngeschäft der Schule, das Lernen, bedeutsam.
  3. Elektronische Medien haben eine wichtige Funktion im Berufsleben, auf das die Schule vorbereitet.
  4. Die Schule kann sich nicht gesellschaftlichen Entwicklungen verschließen.

Ein Medienverbot macht das Schulgelände zu einem Ort, der in puncto Mediennutzung nicht mehr der Lebenswirklichkeit entspricht. Das hilft dem Schüler herzlich wenig. Mit dem Verlassen des Schulgeländes ist er dann drin in der großen medialen Welt und hat am Ort des Lernens – nämlich in der Schule – nur begrenzte Erfahrungen für den sinnvollen Medieneinsatz gesammelt.

Diese Aussage kann man nun durchaus anders sehen: Die Schule kann sehr wohl ein Schonraum sein. Sie entspricht in vielen Hinsichten nicht der Lebenswirklichkeit: Schülerinnen und Schüler sind gehalten, Standardsprache zu sprechen, sich in eingeteilten Klassengruppen zu organisieren, sie werden geprüft und bewertet usw.

Was heißt das in Bezug auf ein Verbot von elektronischen Medien (gemeint sind wohl Mobiltelefone, Laptops und Tablets)?

  • Ein Verbot ist eine Kapitulation. Es zeigt, dass die Verantwortlichen den Schülerinnen und Schülern einen vernünftigen Umgang mit diesen Medien nicht zutrauen.
  • Ein Verbot könnte auch anders formuliert werden – als Profilierung der Schule. Im Blogbeitrag heißt es: »Es ist ja auch nicht so, dass die TSS eine “Bastel- Mal- und Singschule” ist.« Nun könnte die Schule gerade zu so etwas werden: Zu einem Raum, in dem das persönliche Gespräch wichtig ist, die Ruhe, die Reflexion etc. – also zu einem Raum, in dem elektronische Kommunikation ein Störfaktor wäre.
  • Mobbing oder Cybermobbing kann ein Verbot sicher nicht verhindern. Schülerinnen und Schüler werden auch ohne schulische Nutzung von digitalen Medien im Internet präsent sein, sich exponieren und Missbrauch erleben. Das heißt nicht, dass man die Augen verschließen sollte – aber gerade ein Verbot befördert eine Kultur, in der Lehrpersonen die Existenz der virtuellen Welt leugnen und ignorieren können.
  • Geräte zur Nutzung elektronischer Medien sind Instrumente. Sie machen gewisse Handlungen ganz leicht – Cybermobbing braucht keinen Mut und keinen Aufwand. Aber dennoch sind sie nicht der Grund für Mobbing.

Mein Fazit (hier weitere Überlegungen zum Umgang mit Smartphones): Schulen sollen sich die Frage nach einem Verbot explizit stellen – aber niemals den Begriff Verbot verwenden, sondern positiv von der Schulkultur, die angestrebt wird. Es darf nicht so aussehen, als verkünde man eine »Ich stelle mich gegen das Internet«-Parole, wie das der bloggende Schüler formuliert – und es darf auch nicht so sein. Persönlich halte ich aber einen verantwortungsvollen Umgang mit Technologie generell für besser als eine Verweigerung und ein Verbot.

Update 25. Juni 2012:

Die FAZ berichtet über den Umgang mit Handy in Schulen und lässt Kirstin Koch, die Jugendschutzverantwortliche der Stadt Frankfurt zu Wort kommen:

Handys und Internet gehörten nun einmal zum Leben dieser Generation und ließen sich nicht verbannen. „De facto läuft es trotz Verbots doch so: Die Schüler stellen ihr Handy lautlos, stecken es in die Tasche und holen es nach Ende der Stunde auf dem Gang, auf dem Pausenhof oder in der Toilette wieder heraus.“ Sie empfiehlt, das Medium Smartphone „positiv in den Schulalltag einzubringen“, also eine sinnvolle Nutzung aufzuzeigen. Die Schüler könnten per Handy Formeln suchen oder mit der eingebauten Kamera Tafelbilder abfotografieren, sagt Koch.

Rezension: Bleckmann – Medienmündig

 Die Medienpädagogin Paula Bleckmann verspricht in ihrem Buch »Medienmündig« (Klett-Cotta, 2012) eine Anleitung dafür, »wie unsere Kinder selbstbestimmt mit dem Bildschirm umzugehen lernen«. Damit ist auch schon gesagt, was die Autorin unter Medienmündigkeit versteht – ein Begriff, das sie dem »Plastikwort« (Pörksen) Medienkompetenz entgegenhält:

[D]er »Kompetenz« [fehlen], zumindest in der öffentlichen Debatte, gleich zwei entscheidende Dinge: Erstens fehlt die Dimension der Reifung, also des Zeitlassens und Raumgeben im Verlauf der Ausbildung einer Persönlichkeit. Zweitens fehlt die Dimension der Selbstbestimtheit, der Zeitsouveränität, der Verhinderung von Abhängigkeit.

Während das Konzept der Medienmündigkeit im Buch klar gefasst ist – z.B. mit unten stehender Grafik -, werden die hier erwähnten Gefahren ständig wiederholt: Im Abschnitt über Prävention vergleicht Bleckmann Mediennutzung mit dem Rauchen. Das ist symptomatisch: Das Szenario der Sucht und die gesundheitlichen Schäden sind Leitthemen des Buches. Medienmündigkeit ist hauptsächlich Präventionsarbeit, das wichtigste Ziel für PädagogInnen und Eltern: Den Einstieg verzögern.
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Dabei argumentiert die Autorin zu wenig differenziert: Sie spricht mit Spitzer (2005; hier pdf mit Auszügen) von „Bildschirmmedien“, die für Kleinkinder sicher, für Grundschulkinder sehr wahrscheinlich und für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe wahrscheinlich schädlich seien.
Damit meint sie Fernsehen und Computer – ohne nach Inhalten und Tätigkeiten zu unterscheiden. Dabei lässt sie nicht nur die methodische Skepsis beiseite, die sie allen medienfreundlichen Studien entgegenbringt, sondern zeigt auch eine gewisse Ignoranz gegenüber den Entwicklungen der letzten 10 Jahre.
Trotz dieser Kritik lohnt sich die Lektüre – weil das Konzept der Medienmündigkeit durchdacht und überzeugend ist (siehe Auflistung der zentralen Entwicklungsziele unten). Es müsste gekoppelt werden mit einer nüchternen Sicht der medialen Möglichkeiten, die Chancen und Risiken in Beziehung setzt, anstatt Chancen auszublenden und vor Risiken bei jeder Gelegenheit zu warnen.

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Auf dem Blog von Klett-Cotta gibt es eine ausführliche Besprechung.

Social Media als Wissensmanagement für Lehrpersonen

Auf imgriff.com hat Thomas Mauch seine Vorstellungen von Wissensmangement vorgestellt (und später mit einer Übersicht über die verwendeten Tools ergänzt). Ausgehend von seinen Überlegungen möchte ich skizzieren, wie Lehrpersonen ihr persönliches Wissensmangement auf Social Media abstützen oder mit Social Media ergänzen können. Ich biete dazu auch Workshops und Schulungen an, aus denen die beiden gezeigten Slides stammen:

Die vier Schritt im Wissensmanagement können gut am Beispiel der Tageszeitung vorgeführt werden:

Die informierte Lehrperson liest am Morgen eine Tageszeitung: Dort findet sie Informationen, manchmal auch unverhofft. Diese Informationen sammelt sie, indem sie interessante Artikel rausreißt. Diese Artikel werden strukturiert: Z.B. wird ein gefalteter Artikel an der richtigen Stelle in ein Buch gelegt. Bei der Vorbereitung wird er gefunden und dann in eine Publikation umgewandelt: Ein Arbeitsblatt entsteht.

Dieser Prozess wird durch Social Media nicht verändert – er bleibt sich gleich, erhält jedoch mehr Möglichkeiten. Auf der nächsten Slide sieht man dazu nur Andeutungen:

Dabei zeigt sich, dass die Möglichkeiten zum Finden von Informationen vielfältiger werden, aber auch die zum Sammeln und Publizieren. Auch hier mache ich ein Beispiel: Ich lese Tageszeitung auf Twitter, indem ich von verschiedenen Zeitungen bestimmte Ressorts in meinem Stream haben, die mich interessieren. Dadurch, dass in meinem Twitter-Feed auch Personen drin sind, z.B. informierte Journalistinnen und Journalisten, finde ich auch eher unverhofft etwas. Die interessanten Artikel sammle ich nun einer Art Datenbank, aus der ich wiederum entweder Unterrichtsmaterialien publiziere, aber auch Blogartikel schreiben kann.

So sind die Artikel in diesem Blog eine Form von meinem Wissensmanagement: Sobald ich mich mit einem Thema oder einem Text auseinandergesetzt habe, verfasse ich einen Blogpost, mit dem ich diese Auseinandersetzung dokumentiere. Das ist zunächst für mich selber wichtig: Ich finde die Informationen, mit denen ich mich beschäftigt habe – kann aber auch andere daran teilhaben lassen.

Abschließend sei ein wichtiger Punkt erwähnt: Die Flut von Informationen erfordert, im persönlichen Wissensmanagement einen Filter einzubauen. Die Tageszeitung ist für mich von der Redaktion vorgefiltert – meinen Twitterstream muss ich selber filtern. Dafür brauche ich Übung und muss auch bereit sein, einen gewissen Aufwand zu betreiben – der sich deshalb lohnt, weil ich mehr unverhofft finde und effizienter sammeln, strukturieren und publizieren kann.

 

Facebook im Unterricht: Ein Blick auf Chancen und Risiken

Bei der Diskussion der Frage, ob Facebook im politischen Unterricht geht ein Lernblog der PH Ludwigsburg unter der Leitung von Dr. Ragnar Müller von der tabellarischen Übersicht des Abschlussberichts von EU Kids-Online aus:

Im Beitrag von Lisa (?) werden drei Chancen und drei Risiken genannt:

  1. Kommunikation: Facebook ermöglicht es, mit vielen Menschen leicht in Kontakt zu treten.
  2. Teilhabe an Entscheidungsprozessen: Facebook ermöglicht es, Meinungsbildung zu betreiben und sich an Entscheidungen zu beteiligen.
  3. Bildungsferne Schichten: Facebook ermöglicht Bildung in allen gesellschaftlichen Sphären – zumindest in Ländern ohne nennenswerte digital divide.
  4. Akklamationskultur: Facebook ermuntert, auf »gefällt mir« zu drücken, anstatt kritisch zu bleiben und Fragen zu diskutieren.
  5. Keine Offenheit: Die Frage, ob politische Bildung auf einer Plattform stattfinden soll, die systematisch intransparent bleibt, ist bedeutsam.
  6. Privatsphäre: Politische Meinungsbildung und das Recht auf Privatsphäre bedingen sich gegenseitig – auch hier ist Facebook als Instrument sehr problematisch.

Lisa kommt zu einem etwas zahmen Fazit:

Festzuhalten bleibt, dass Facebook zwar kritikwürdige Elemente umfasst, dass aber die Vorzüge, welche die Plattform für den Politikunterricht mit sich bringt, ebenfalls bedeutsam sind. Die im folgenden vorzustellende Unterrichtsstunde versucht deshalb, die Chancen zu nutzen, aber auch die Behandlung der Risiken mit aufzunehmen.

Im zweiten Teil des Posts findet sich eine konkrete Unterrichtseinheit zu Facebook, basierend aus:

Mobbing von Lehrpersonen auf Facebook

Der Tages-Anzeiger berichtet heute (iPad-Link, öffnet nicht in jedem Browser), wie Lehrpersonen im Kanton Zürich auf Facebook gemobbt werden:

  • Schülerinnen und Schüler erstellen mit Handy Youtube-Videos von den Lehrpersonen
  • Diese werden auf falschen Facebook-Profilen dieser Lehrpersonen veröffentlicht.

Die Methode ist perfid – die Lehrpersonen sind wohl selbst nicht auf Facebook, wissen also zunächst nicht, was abläuft. Mobbing gegen Lehrpersonen, früher hätte man wohl von »Streichen« gesprochen, ist nichts Neues – neu ist der massive Kontrollverlust durch die Möglichkeiten des Internets. Über jede und jeden von uns können privateste Informationen ins Internet geschrieben werden, ohne dass wir das wissen und ohne dass wir direkt darauf reagieren können.

Wie sollte man reagieren, wenn man im Internet gemobbt wird?

  1. Direkt bei der Plattform eine Löschung der Inhalte beantragen.
  2. Möglichen Tätern mitteilen, dass man eine Löschung der Inhalte innert zwei Tagen erwarte.
  3. Bei schweren Fällen Medienanwälte einschalten.

Fazit im Artikel von Thomas Stierli von der Pädagogischen Hochschule Zürich:

Auch jene, die mit Facebook und Internet nichts am Hut haben wollen, müssen sich heute damit auseinandersetzen.

Unterrichtsprojekt: Brechts Verfremdungseffekt – Youtube und »bring your own device«

Im Folgenden möchte ich ganz knapp eine Unterrichtseinheit darstellen, die ich soeben durchgeführt und abgeschlossen habe. Ich werde ganz unten diskutieren, wie sich der Einsatz Neuer Medien ausgewirkt hat – wer sich nicht für eine Deutschlektion interessiert, müsste vielleicht gleich runterscrollen.

1. Die Deutschsequenz: Brecht, Jasager/Neinsager und episches Theater

Ziel der Einheit war eine Einführung in das literarische Schaffen Bertolt Brechts mit einer 10. Klasse (Gymnasium).

Nach einem biographischen Einstieg (Gedicht: »Vom armen B.B.« (1927), pdf) hat die Klasse die Schuloper »Jasager / Neinsager« gelesen (hier als pdf abrufbar). Brecht hat dieses Stück 1930 mit einer Klasse der Karl-Marx Schule Berlin diskutiert und aufgrund der Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler Änderungen vorgenommen.

Die Absicht Brechts kann sehr gut herausgearbeitet werden, wenn die Unterschiede zwischen Ja- und Neinsager-Teil präzise herausgearbeitet werden, das unten stehende Tafelbild ist nicht ganz optimal gelungen.

Parallel wurden die Schülerinnen und Schüler theoretisch mit dem epischen Theater Brechts vertraut gemacht (Theorieblatt als pdf). Die Strassenszene wurde in mehreren Versionen vorgespielt und diskutiert.

Nach der Herausarbeitung der Gesamtaussage des Stückes (siehe unten) erhielten die Schülerinnen und Schüler den Auftrag, mit ihren eigenen Smartphones eine Version des Stückes aufzunehmen.

Die improvisierte Aufnahme sollte dazu dienen, einen automatischen Verfremdungseffekt zu erzeugen. Die Ergebnisse wurden visioniert und diskutiert – mit dem Auftrag, zu überprüfen, ob Brechts Forderungen an das epische Theater eingehalten würden.

Dabei haben die Schülerinnen und Schüler »automatisch« stärker gespielt, als es nötig gewesen wäre – durch die improvisierten Aufnahmen ist aber nie die Illusion entstanden, ein echtes Geschehen vor sich zu haben. Highlights waren, als in den Aufnahmen eine Schülerin andere aufgefordert hat, sie müssten jetzt sagen, der Knabe solle dem Brauch gemäss antworten – also gerade den Zwang auch auf der Ebene des Spielens vorgeführt hat.

Man kann abschließend sagen, dass wohl erst die Auswertung, nicht das Spielen selbst Brechts Konzeption verständlich gemacht hat.

2. Der Einsatz von Neuen Medien

Die Videoaufnahmen mit den eigenen Smartphones gemäß der Idee von »Bring Your Own Device«hat erstaunlich gut geklappt. Es gab keine technischen Probleme: Die Akkus waren geladen, Speicherplatz vorhanden, die Qualität passend (in der Klasse verfügen viele über aktuelle iPhones und Samsung Galaxy-Geräte). Die Aufnahmen wurden in rund 60 Minuten eingespielt.

Die Aufnahmen wurden dann auf Youtube hochgeladen und auf der klasseneigenen Lore.com-Plattform zur Verfügung gestellt. Damit nicht alle die Videos anschauen können, wurden sie nicht gelistet.

Dieser praktische Aspekt (wie machen wir, dass niemand das Video sieht, und es doch im Netz abrufbar ist), wurden von den Schülerinnen und Schülern, die die Videos hochgeladen haben, ohne Schwierigkeiten gelöst. Einige haben zudem ihre Videos auf dem Computer oder Smartphones verbunden und leicht geschnitten.

Fazit: Darauf vertrauen, dass Schülerinnen und Schüler solche Aufgaben lösen können und ihnen konkrete Aufträge geben, funktioniert sehr gut auf dieser Stufe – ich werde das wieder machen.