Das Google-Urteil: Recht auf Vergessen oder eine Welle der Zensur?

Letzte Woche hat der Europäische Gerichtshof EuGH ein für Google bedeutsames Urteil erlassen. Die Schlüsselpassage lautet wie folgt:

Durch die Tätigkeit einer Suchmaschine können die Grundrechte auf Achtung des Privatlebens und Schutz personenbezogener Daten somit erheblich beeinträchtigt werden, und zwar zusätzlich zur Tätigkeit der Herausgeber von Websites; als derjenige, der über die Zwecke und Mittel dieser Tätigkeit entscheidet, hat der Suchmaschinenbetreiber daher in seinem Verantwortungsbereich im Rahmen seiner Befugnisse und Möglichkeiten dafür zu sorgen, dass […] ein wirksamer und umfassender Schutz der betroffenen Personen, insbesondere ihres Rechts auf Achtung ihres Privatlebens, tatsächlich verwirklicht werden kann.

Kurz: Google muss Einträge entfernen, die den Schutz des Privatlebens von klagenden Personen verletzen – auch wenn die betreffenden Informationen im Netz weiterhin verfügbar sind. Im konkreten Fall ging es um einen Spanier, der in einer Zeitung im Zusammenhang mit einer zwangsversteigerten Immobilie genannt worden war. Die von der Zeitung verbreitete Information entsprach der Wahrheit: Nur wurde sie von Google allen verfügbar gemacht, die sonst kaum das Archiv der entsprechenden Zeitung durchforstet hätten.

Solche Informationen gab es schon immer. Amtliche Dokumente halten unliebsame Prozesse, Verwaltungsakte etc. von Menschen während ihrem ganzen Leben fest, nur fielen die vor der Google-Ära unter die so genannten »practical obscurity«: Nur wer mit hohem Aufwand und Kompetenz nach diesen Informationen sucht, findet sie. Für alle anderen sind sie verborgen. 

Das Urteil zeigt, dass Erinnerung und Vergessen gesellschaftlich relevante Themen sind, die nicht nur durch Technologie und Rechtssprechung Veränderungen erfahren können, die ungewollt und ungeplant sind.

Zeynep Tufekci verweist zu Recht auf den Genozid in Ruanda, während dessen Bewältigung die Kastenzugehörigkeit zu einem Tabu wurde: Ein kollektiver Prozess des Vergessens oder Verdrängens ersetzte die Praxis der belgischen Kolonialbehörden, die Kastenzugehörigkeit auf Ausweisen zu notieren – was letztlich den Genozid administrativ möglich machte.

Diese Überlegung zeigt, zwei wichtige Einsichten:

  1. Gesellschaften sollten sich nicht technologisch ausserstande setzen, Vergessen zu ermöglichen, weil davon ihr friedliches Zusammenleben abhängen kann.
  2. Informationen sind nicht neutral und Transparenz nicht kontextlos wertvoll.

Gleichzeitig ist das »Recht auf Vergessen« aber auch kein klares Konzept. Während es Tendenzen gibt, im Strafrecht dieses Vergessen ganz auszusetzen (zentrale Register von Straffälligen), wünschen sich viele Menschen ein Netz, in dem Sie Missliebiges auf Knopfdruck löschen können. Wer welche Information wo publiziert ist aber zunächst – und das ist eine große Errungenschaft – Gegenstand der Meinungäußerungsfreiheit und als solcher außerhalb der Zuständigkeit des Staates. Der Schweizer Datenschützer, Hanspeter Thür, äußerte sich zum Urteil wie folgt:

Mit dem EuGH-Urteil wird aus Sicht von Thür keine Zensur im Internet betrieben. Wenn Google auf Anfrage Links entferne, werde die Information im Internet nicht gelöscht. Gelöscht werde lediglich die von Google hergestellte Verknüpfung, betonte der oberste Schweizer Datenschützer. Die Suche nach einer bestimmten Information im Internet werde dadurch erschwert, aber nicht verhindert.

Diese Sicht umgeht die Frage nach den Kriterien für eine Löschung elegant, indem sie vorgibt, Google müsste alle Informationen löschen, wenn Menschen dazu einen Antrag stellen. Die Konsequenzen wären absurd: Bald würden Wikipedia-Einträge, Bücher, Zeitungsseiten nicht mehr gefunden, weil Menschen aus eingebildeten oder realen Nöten eine Löschung im Suchindex beantragt haben. Und warum sollte dieses Recht dann nur Google betreffen und nicht jede Suche im Netz, also beispielsweise auch die auf Newsportalen, in Facebook oder Wikipedia?

Und wenn es Kriterien für die Löschung gäbe: Müssten die nicht sinnvollerweise mit denen identisch sein, die zu einer Löschung der betreffenden Informationen nach Landesrecht führen? Heißt: Könnte ich eine Zeitung in der Schweiz rechtlich dazu bringen, einen Artikel über mich zu löschen – dann muss Google auch dann mitziehen, wenn der Artikel im Ausland erschienen ist.

Die juristische Umsetzung des Urteils wird den Weg weisen. Die Vorstellung, die »practical obscurity« würde zurückkehren und es wäre eine gute Sache, wenn die Menschen mit Zugang zu den nötigen Ressourcen und Suchalgorithmen alle Informationen einsehen könnten, während alle anderen eine staatlich zurechtgestutzte Suchmaske verwenden dürfen, scheint allerdings naiv. Die relevanten Probleme im Umgang mit Informationen sind sozial, nicht technisch, wie auch Per Urlaub in einem Kommentar für die Welt festhält:

Natürlich müssen wir uns vor den Gefahren der digitalen Permanenz schützen, aber nicht auf Kosten des freien Informationszuganges. Was wir brauchen, ist nicht ein Recht auf Vergessen, sondern eine Kultur der Vergebung. Dazu gehört auch ein gelassener Umgang mit der Tatsache, dass gerade die kreativsten, produktivsten und engagiertesten Menschen komplexe Leben führen, wo Privates gerne auch mal in Konflikt mit bürgerlicher Wunschvorstellung steht.

Durch eine solche menschlichere Sichtweise würde eine 15 Jahre alte Zeitungsnotiz über eine Grundstücksversteigerung ebenso zur Petitesse wie das jugendlich-leichtsinnige Selbstporträt mit Haschpfeife und Bikini auf der Facebook-Seite der Jurastudentin.

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Jugendliche sind keine Kinder

Bildschirmfoto 2014-05-14 um 10.02.57Gestern ist ein Interview bei Watson erschienen, in dem ich vor allem zu Sexting Stellung nehme. Darin sagte ich unter anderem Folgendes:

Man muss aber auch sagen, dass die grosse Mehrheit der Fälle völlig unproblematisch ist. Sexting ist also einfach eine Art, wie Sexualität ausgelebt wird. [Problematische Fälle] sind dann aber gleich sehr gravierend. Das Risiko, das Jugendliche eingehen, ist relativ hoch. Es ist aber nicht so, dass sie das nicht wüssten – genau darin liegt eben der Reiz. […]
Man ist beim Thema Internet einfach noch nicht so weit, dass man versteht, dass es Unfälle gibt. Im Strassenverkehr ist es ja auch nicht so, dass man jeden Unfall künstlich aufbläst und deswegen in Frage stellt, ob man überhaupt noch mit dem Auto fahren sollte.

Das Interview ist neben positiven auch auf kritische Reaktionen gestoßen, vor allem durch den Medienjugendschutzexperten Günter Steppich und den Bildungsjournalisten Christian Füller.

Meiner Meinung nach gibt es drei Hauptkritikpunkte:

  1. Sexting ist ein Phänomen, das nicht entdramatisiert werden darf, weil der Schaden enorm ist, wenn erotische und sexualisierte Bilder von Jugendlichen verbreitet werden und sie dadurch bloßgestellt und misshandelt werden. 
  2. Die Analogie zum Straßenverkehr impliziert, dass im Netz Bemühungen vorhanden sein müssten, um die sexuelle Integrität von Kindern und Jugendlichen zu schützen. Das ist aber nicht der Fall.
  3. Macht jemand solche Aussagen wie ich, dann stelle ich Pro Juventute bzw. Laurent Sedano in ein schlechtes Licht, weil sie scheinbar ein Problem dramatisieren, für dessen Lösung sie sich stark engagieren.

Dazu möchte ich kurz Stellung nehmen, wiederum der Reihe nach:

  1. Aus meiner Sicht müssen zwei Formen von Sexting unterschieden werden:
    a) Eine medialisierte Form der sexuellen Aktivität von Jugendlichen, die Personen, denen sie vertrauen, freizügige Bilder von sich schicken – im Wissen darum, dass ein Vertrauensbruch gravierende Folgen haben kann. Das Vertrauensparadox besagt, dass das Risiko den Wert des Vertrauensbeweises sicherstellt.
    b) Die unbefugte Aufnahme und Verbreitung von intimen Aufnahmen von Jugendlichen/Kindern durch ihre Peers, mit dem Ziel, sich über sie lustig zu machen und sie bloßzustellen.
    Kein vernünftiger Mensch würde bestreiten, dass b) ein massives Problem ist und Lösungen gefunden werden, um solche Fälle zu verhindern. Sie sind dramatisch und es wäre fahrlässig, sie zu verharmlosen. Nun ist aber meine Sicht gerade die, dass eine Lösung für b) auch beinhaltet, dass Jugendliche ernst genommen werden und ihre medialen Praktiken in einem offenen Dialog mit pädagogischen Begleitpersonen diskutiert werden – ohne dass sie dafür verurteilt werden.
    Wird nun a) als Vorstufe oder Basis für b) angeschaut, dann wird das Ausleben jugendlicher Sexualität kriminalisiert und stigmatisiert. Dagegen wehre ich mich.
  2. In der Diskussion bei Christian Füller wurde in diesem Punkt eines klar: Niemand wehrt sich dagegen, dass das Netz für Kinder sicherer gemacht wird. Die Frage ist nur, wie das geschehen kann und was ein angemessener Preis dafür ist. Die Straßenverkehrsanalogie halte ich für weiterhin zutreffend: Da werden Maßnahmen getroffen, gleichwohl darf auf gewissen deutschen Autobahnen weiterhin ohne Tempolimit gefahren werden, weil angenommen wird, dort würden sich keine Kinder aufhalten. Es brauchte sichere Chatrooms für Kinder, Webseiten, die frei von Pornografie sind, Kontrollmöglichkeiten für Eltern. Aber das Netz als solches muss auch ein Platz für Erwachsene sein können.
    Hinzu kommt, dass in solchen Diskussionen oft so getan wird, als wären Jugendliche Kinder. Kinder haben heute ohne Begleitung im Netz nichts verloren. Sie sind verletzlich und müssen geschützt werden. Das gilt für Jugendliche nicht im gleichen Maße, weil es zu ihren Entwicklungsaufgaben gehört, neue Erfahrungen zu machen. Das tun sie auch im Netz.
  3. In der Präventionsarbeit und auch andernorts halte ich wenig von der Vorstellung, das gute Absichten einen vor Kritik schützen sollten. Jugendliche und Kinder leiden unter verschiedenen Problemen: Familienkonflikten, Gewalt, Gruppendynamiken, Armut, Krankheit, Schicksalsschläge, Abhängigkeiten in der Familie etc. Dazu kommen auch durch Medien erzeugte Probleme. Wird der Fokus auf einen Problembereich zu stark, verschwinden andere. Werden Jugendliche als ohnmächtig, statt als handlungsfähig dargestellt, verändert das den Umgang mit ihnen und ihre soziale Rolle. Darauf, so finde ich, darf und soll man hinweisen. Auch die Tatsache, dass die Pro Juventute auf Geld angewiesen ist, muss man nicht verschweigen, wenn man über die Organisation spricht. Dass mit diesem Geld viel gute Arbeit geleistet wird und insbesondere das Informationsmaterial der Pro Juventute von hoher Qualität ist, habe ich nie bestritten.

Ich bin bestrebt, genau hinzusehen und zu differenzieren. Werden Gefahren genau beschrieben und damit verbundene Phänomene, die harmlos sind, positiver dargestellt, als das in der öffentlichen Wahrnehmung der Fall ist, dann ist das in meiner Sicht richtig und wichtig. Dramatisierung dient kaum den von einem Problem Betroffenen.

Mehr Frustration würde der Schule gut tun

In einer Auseinandersetzung mit der Rede von Sascha Lobo auf der Re:Publica 14 schreibt die Bloggerin »Das Nuf«:

Es gibt diese Situationen als Mutter, in denen ich genau weiß, was passieren wird, in denen ich genau weiß, was das Richtige ist und trotzdem tun meine Kinder nicht das was ich ihnen sage. Ich sage es freundlich, ich argumentiere, ich wiederhole, ich wiederhole, ich schimpfe, ich erkläre, ich bitte, ich bettle, ich werde wütend, ich versuche am Ende sogar zu befehlen, immer und immer wieder: aber diese widerspenstigen Kinder tun nicht was ICH möchte und richtig finde und zwar obwohl ich Recht habe.
Zehn Jahre mit Kindern haben mir gezeigt, es wird niemals irgendwas bringen immer und immer weiter auf genau dieser Schiene zu bleiben.

Diese Situation gibt es auch in der Schule. Und zwar auf mindestens zwei unterschiedlichen Ebenen, wie ich im Folgenden kurz darlegen möchte. Es wäre gut, hier die Schiene zu wechseln, aus Frustration über die wirkungslosen Versuche, auf der alten Schiene zum Erfolg zu kommen.

1. Quellenangaben, Zitate und Plagiate

Die Klagen sind ominpräsent: Schülerinnen und Schüler können nicht richtig zitieren, sie kopieren im Netz und vergessen oder vermeiden, Quellen anzugeben. Dabei wäre es doch so einfach, sagen die Klagenden, das müsste man ihnen doch nur auf der vorherigen Schulstufe einfach zeigen, dann könnten die das. Warum macht das niemand?

Und in der Zwischenzeit machen es alle. Nützt es was? Nein. Seit ich unterrichte – seit über 10 Jahren – höre ich diese Klagen unverändert. Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Entweder mögen Lehrpersonen es, sich zu beklagen, und tun das auch bei Problemen, deren Bewirtschaftung letztlich zu einer Lösung geführt hat – oder alle Methoden, Schülerinnen und Schülern das korrekte Zitieren beizubringen, sind gescheitert.

Dann müsste man fragen, was der Grund dafür ist. Sind die Methoden untauglich? Ist das Problem zu schwierig? Sind die Forderungen überzogen?

2. Interdisziplinarität und Zusammenarbeit

Hier verweise ich nicht mehr auf meine Erfahrung, weil die Geschichte der Diskussion hinter meine Geburt zurückgeht: Die Forderungen, Unterricht müsse fächerübergreifend erfolgen und Schülerinnen und Schüler lernen, zusammenzuarbeiten, begleiten die Schule seit längerer Zeit.

Völlig verhallt sind sie nicht: Das Beispiel des Projektunterrichts zeigt Bestrebungen, die solche Ansätze aufnehmen. Aber zumindest bei erfolgreichen Projekten aus der Schweiz – hier z.B. die Liste mit prämierten Arbeiten aus dem MINT-Bereich – sind meist begabte Jugendliche alleine oder mit einem Partner, einer Partnerin in einem fachlich klar abgesteckten Feld tätig.

Gruppenarbeiten kommen an jeder Schule vor. Sie sind aber meist ein harmloser und unehrlicher Versuch, Zusammenarbeit zu institutionalisieren. Geprüft werden Einzelpersonen und Fächer. Projektarbeiten sind „Nice to have“, aber nicht Kern des Unterrichts.

Dabei zeigen Berufsfelder wie z.B. das des Journalismus, dass Berufe in der Zukunft ohne Kollaboration und Interdisziplinarität nicht mehr ausgeübt werden können. Selbstverständlich gibt es heute noch die gute Geschichte, die von einer Journalistin recherchiert und in Gesprächen vertieft werden kann – waches Denken und gute Schreibe einer Einzelperson reichen dafür aus. Aber immer mehr verstecken sich Geschichten in Datenbergen, die erst abgetragen, visualisiert und interpretiert werden müssen. Dafür braucht es Kenntnisse in Informatik, Statistik, Grafik, Webdesign und alle anderen Fertigkeiten, die Journalistinnen und Journalisten brauchen. Einzelpersonen können solche Projekte kaum stemmen.

Im Mittelpunkt stehen begabte Jugendliche. Nicht Teams.
Im Mittelpunkt stehen begabte Jugendliche. Nicht Teams.

* * *

Die Beschleunigung der digitalen Welt ist enorm. Sie macht oft hilflos und ohnmächtig. Die Berufswelt wird sich wandeln und die Schule muss sich wandeln. Nicht hektisch, nicht unreflektiert – aber sie kann Trägheit nicht mehr länger als eine Tugend verkaufen. Die Frage, ob Lehrpersonen die Ziele, die sich setzen und welche die Gesellschaft ihnen vorgibt, erreichen können, muss direkt gestellt werden und Antworten finden. Werden Diskussionen über Jahrzehnte geführt, mag das ein Zeichen für ihre Bedeutung sein, es weist aber auch auf die Unfähigkeit hin, echte Lösungen zu finden.

Anbieten kann ich keine. Mithelfen, neue Ansätze zu erwägen, werde ich gerne.

Kompetenzen für eine digitale Welt

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An einer Weiterbildungsveranstaltung für Schulleitungsmitglieder an Gymnasien plane ich einen Input, der in der Konzeption der Veranstaltung wie folgt umrissen wurde:

Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Kompetenzen Jugendliche im Gymnasium des beginnenden 21. Jahrhunderts erwerben können und sollen, um ihre Aufgabe in der Berufswelt sowie als mündiger Mitglieder der Gesellschaft wahrnehmen zu können.

In einem Input wird die Bedeutung der Digitalisierung für die Didaktik und das Lernen in Thesen nachgezeichnet. Zentral ist dabei auf Wunsch auch die Frage nach der Konzentration und der vertieften Auseinandersetzung mit Inhalten.

Im Folgenden bündle ich Vorüberlegungen und freue mich über Feedback und Kritik.

* * *

1. Das Gymnasium und die Kompetenzen

Der Auftrag der schweizerischen Gymnasien steht im Maturanerkennungsreglement von 1995. Dort steht:

  1. Ziel der Maturitätsschulen ist es, Schülerinnen und Schülern im Hinblick auf ein lebenslanges Lernen grundlegende Kenntnisse zu vermitteln sowie ihre geistige Offenheit und die Fähigkeit zum selbständigen Urteilen zu fördern.
  2. Die Schülerinnen und Schüler gelangen zu jener persönlichen Reife, die Voraussetzung für ein Hochschulstudium ist und die sie auf anspruchsvolle Aufgaben in der Gesellschaft vorbereitet.
  3. Maturandinnen und Maturanden sind fähig, sich den Zugang zu neuem Wissen zu erschliessen, ihre Neugier, ihre Vorstellungskraft und ihre Kommunikationsfähigkeit zu entfalten sowie allein und in Gruppen zu arbeiten. Sie sind nicht nur gewohnt, logisch zu denken und zu abstrahieren, sondern haben auch Übung im intuitiven, analogen und vernetzten Denken.

Diese Ziele und Vorgaben wurden beispielsweise im Kanton Aargau als kompetenzorientierte Modelle formuliert. Unter der Leitung von Peter Bonati wurden sechs Kompetenzbereiche identifiziert, an denen sich der gymnasiale Unterricht orientieren soll:

Quelle, S. 29
Bonati, Was Gymnasiastinnen und Gymnasiasten lernen sollen, S. 29

Der Kompetenzbegriff, den ich im Folgenden übernehme, ist für Bonati dem Begriff der Lernziele deshalb vorzuziehen, weil er »personalisierte Lernziele« meint (ebd., S. 30).

Versucht man, die Aufgabe des Gymnasiums auf einen Nenner zu bringen, dann geht es darum, dass Lernende darauf vorbereitet werden, sich in Wissensprozessen sozial zu verhalten. Also etwa zu arbeiten, gesellschaftliche Systeme zu pflegen, Kritik zu üben, Politik zu betreiben…

2. Die Folgen der Digitalisierung

Die Wissensarbeit des Journalismus wurde durch die Digitalisierung sehr schnell und direkt betroffen – weshalb an seinem Beispiel einige Folgen klar aufgezeigt werden können (vgl. dazu den ersten Teil von »online first«):

  1. Aufweichung der Gate-Keeper-Rolle
    Redaktionen von Massenmedien sind weiterhin für die Auswahl der Inhalte, die ein breites Publikum wahrnehmen kann, verantwortlich. Aber ihre Selektionskraft hat nachgelassen: Digitale Kanäle können andere Akzente setzen und Themen aufkommen lassen, welche die etablierten Medien dann übernehmen.
  2. Verlust der Informationsmonopols
    Findet ein Ereignis statt, dann können Interessierte heute aus einer Palette von Kanälen auswählen. Augenzeugen berichten auf Twitter, Zeitungen und Fernsehstationen aus verschiedenen Länder online. Es ergibt sich also auch eine
  3. Internationalisierung
    zumal viele Netzwerke länderübergreifend gebildet werden.
  4. Auflösung von Kontexten
    Informationen sind nicht mehr in ganze Zeitschriften oder Sendungen eingebettet, sondern werden selektiv verbreitet: Teils als Zitate oder als einzelne Artikel. Jeder User im Web 2.0 hat einen eigenen Kontext.
  5. Kürzere Aufmerksamkeitsspannen
    Untersuchungen zeigen, dass journalistische Texte zunehmend kürzer werden und von längeren oft nur die ersten Abschnitte gelesen werden.
  6. Experimente
    Aufgrund der veränderten wirtschaftlichen Situation – Werbetreibende zahlen im Vergleich mit gedruckten Medien online deutlich weniger für Werbung – sind Journalistinnen und Journalisten heute gefordert, neue Formen wie »Listicles« zu erproben, die digital Erfolg haben und auch neue Formen von Werbung (so genannte »native ads«) ermöglichen.

Diese sechs Einsichten können leicht auf die Schule übertragen werden. Auch hier geht ein Monopol verloren. Inhalte und Umgebungen für Lernprozesse finden sich heute im Netz. Einheiten in hoch stehendem Frontalunterricht (Bsp. Kahn Academy) sind ebenso verfügbar wie ganze Kurse, bei denen die Teilnehmenden auf Materialien von Fachleuten zurückgreifen können, aber auch selbst produktiv werden (Bsp. MOOCs). Wie im Journalismus ist der Kontext der Schule nicht mehr zwingend: Wer Algebra lernen möchte, muss nicht gleichzeitig einen Deutschkurs besuchen, Literatur lesen, Fremdsprachen erwerben und Sport treiben. Auch der Einfluss auf die Aufmerksamkeitsspannen sind beobachtbar: Die Hirne von Schülerinnen und Schüler passend sich an digitale Kontexte an, sie verarbeiten auch schulische Informationen ähnlich wie die im Netz. Das betrifft alle schulischen Aktivitäten, vom Speichern von Informationen über den Leseprozess bis zur sozialen Interaktion.

Digitalisierung hat aber auch gesellschaftliche Auswirkungen, die sich besonders in der Arbeitswelt zeigten. Der Beruf der Journalistin oder des Journalisten ist dafür ein gutes Beispiel: Zu allen Fähigkeiten, die im Beruf schon immer wichtig waren – Wissen strukturieren und vermitteln können, gute Geschichten aufspüren, Menschen zum Sprechen bringen, Debatten führen -, treten nach Auffassung vieler Expertinnen und Experten heute die Kompetenzen, mit Daten und Programmen umgehen zu können. »Datenjournalismus«, wie diese Bewegung heißt, erfordert als Journalistinnen und Journalisten, die zusätzlich Kompetenzen in Statistik und Informatik mitbringen und mit Fachleuten in diesen Bereichen so zusammenarbeiten können, dass sie eine gemeinsame Sprache finden. Projekte, bei denen große Datenmengen so verarbeitet werden, dass sich ein breites Publikum in interaktiven Darstellungen einen Überblick verschaffen können, erfordern eine neue Form von Teamarbeit, weil letztlich im Produkt nicht mehr erkannt werden kann, von wem welcher Teil stammt.

Die drei oben genannten Ziele der gymnasialen Ausbildung – lebenslanges Lernen, gesellschaftliche Verantwortung, Zugang zu neuem Wissen – haben sich durch die Digitalisierung verändert. Das heißt nicht, dass über Jahrhunderte erprobte Lern- und Lehrmethoden komplett obsolet würden, wie das ein naiver Fortschrittsglaube bei jeder Innovation so lange behauptet, bis das Gegenteil belegt ist. Vielmehr bedeutet es, dass neue Möglichkeiten zu bewährten hinzutreten: Und zwar sowohl im Umgang mit Inhalten wie auch in der sozialen Interaktion.

Bezieht man diese Einsicht auf die Kompetenzen, so meint Digitalisierung gerade nicht eine Aufwertung der IKT-Kompetenzen. Sie ersetzen Reflexion, sprachlichen Ausdruck, Sozialverhalten und die Fähigkeit, sich motivieren zu können, keinesfalls – werden aber ähnlich basal. Am Gymnasium gibt es seit Jahren die Tendenz, Informatik als ein Fach zu isolieren, in dem meist Anwendungsübungen durchgeführt werden. Diese Tendenz ist heute ähnlich gefährlich wie die absurde Vorstellung, Reflexionskompetenz oder Sozialverhalten als Fach vermitteln zu wollen. Diese überfachlichen Kompetenzen hebe ich bewusst heraus, weil die für die Digitalisierung nötige Medienkompetenz genau darauf basiert: Sie lässt sich nicht auf die Nutzung und Produktion von Medien reduzieren, sondern muss auch ihre Einflüsse auf die Gesellschaft und Individuen reflektieren.

3. Vom Mensch zur Maschine

Zu den unsichtbaren Folgen der Digitalisierung gehört unsere zunehmende Abhängigkeit von Algorithmen: Ohne Programme fährt heute kein Auto mehr, Kühe werden von Algorithmen gemolken und Informationen gefiltert. Programme fällen zunehmend Entscheidungen für uns: Sei es, was wir zu sehen bekommen, wenn wir bei Google nach bestimmten Begriffen oder Bildern suchen, oder sei es, wie ein Auto optimal einparkiert wird.

Menschen werden sich zunehmend mit Programmen messen und ihre Fähigkeiten maschinell erweitern und verbessern. So sehr vielen an »natürlichen Menschen« gelegen ist: Der soziale Druck, mit dem Technologie zu neuen Normen führt, führt zum sozialen Ausschluss all derer, die sich ihm entgegenstellen. Wer heute ohne E-Mail-Adresse oder Handy leben will, muss gravierende private und berufliche Konsequenzen auf sich nehmen. Und so gibt es keine Postboten mehr, die ihre Pakete nicht mit GPS und schlauen Maschinen verteilen, die ihren Arbeitsalltag vermessen und optimieren und ihnen jede Routenentscheidung abnehmen.

Ihr Beruf ist – wie viele andere auch – durch die Digitalisierung gefährdet. Maschinen werden Menschen viele Aufgaben abnehmen: Meist unangenehme, aber oft auch solche, mit denen heute für viele Menschen ein Einkommen erzielt werden kann.

Welche Jobs werden durch die Digitalisierung wie stark gefährdet? - Quelle
Welche Jobs werden durch die Digitalisierung wie stark gefährdet? – Quelle

Digitalisierung von Arbeit bedeutet aber nicht nur, dass Abläufe automatisiert werden. Plattformen wie Amazons »Mechanical Turk« erlauben es, auf menschliche Intelligenz wie eine Ressource zuzugreifen: Kreative Arbeiten mit Texten und Bildern werden an ein Heer von Menschen vergeben, die zuhause am Computer sitzen und für ein paar Cents Aufgaben erledigen, für die noch vor wenigen Jahren Menschen angestellt wurden. Auch wenn man solche Verfahren nicht völlig pessimistisch beurteilt, so zeigen sie, dass Zusammenarbeit unter Menschen immer stärker auch unter Einbezug von digitalen Werkzeugen möglich ist und erleichtert wird.

Greifen Algorithmen in den Arbeitsprozess ein, so ist das mit einer zunehmenden Standardisierung verbunden, die sich auch in der Bildung bemerkbar macht. In seinem Buch Gadget macht Jaron Lanier eine feinsinnige Anmerkung zum Turing-Test, der besagt, dass Computer dann denken können, wenn Menschen in Chats nicht mehr unterscheiden können, ob sie es mit menschlichen oder algorithmischen Partnern zu tun haben. Der Test, so Lanier, messe zwei Dinge gleichzeitig: Das Verhalten der Chatpartner – aber auch die Anforderung, welche die Versuchsperson an menschliches Verhalten stellt. Diese Anforderungen würden zunehmend sinken, befürchtet Lanier. Wenn z.B. schulische Leistungen nur noch in Bezug auf standardisierte Tests, also Algorithmen, gemessen werden, dann wird menschliches Verhalten bald so beurteilt, wie man die Leistung von Computern einschätzt.

4. Kompetenzen für eine digitalisierte Welt

Aus dieser exemplarischen Veranschaulichung der Konsequenzen der Digitalisierung für die Schule und die Gesellschaft ergibt sich die Forderung, dass junge Menschen lernen müssen, sich in einer Welt zu orientieren, in denen Informationen vermittelt und Arbeit digital durchgeführt werden. Sie müssen Werkzeuge, Maschinen und Programme einsetzen können, aber diesen Einsatz auch reflektieren.

In diesem Zusammenhang spricht man von »digital literacy«, auf Deutsch nur ungenügend mit »Informationskompetenz« übersetzt. Definiert werden kann diese Kompetenz wie folgt:

Die Fähigkeit, digitale Informationen aus verschiedenen Quellen und in verschiedenen Formaten zu verstehen und zu nutzen. Gemeint ist nicht ein einfacher Lesevorgang, vielmehr ist gemeint, die Informationen beim Lesen auf ihren Gehalt und ihre Bedeutung zu prüfen. Dabei wird das Bewusstsein entwickelt, digitale Werkzeuge zielorientiert und reflektiert einzusetzen, neue Medien schaffen zu können, sie aber auch zu evaluieren, analysieren und in ihre Bestandteile zu zerlegen.

Ergänzt werden müsste noch eine soziale Fähigkeit: Beziehungen digital aufzubauen und zu pflegen und sich so ein persönliches Lernnetzwerk anzulegen, das lebenslanges Lernen ermöglicht.

Diese Sammlung an digitalen Kompetenzen kann leicht zerlegt werden:

  1. Visuelle Kommunikation.
  2. Wahre und relevante von falscher und irrelevanter Information trennen.
  3. Die Quellen von Informationen ermitteln können, auch wenn das digital erschwert wird.
  4. Filter einrichten und pflegen.
  5. Jedem Stück Information mit der richtigen Menge an Aufmerksamkeit begegnen und sich nicht ablenken lassen.
  6. Repetitive Arbeitsschritte mithilfe von Programmen abkürzen.
  7. Verstehen, wie Algorithmen und Suchmaschinen funktionieren und wo ihre Schwächen liegen.
  8. Über die eigene Filter-Bubble nachdenken.
  9. Über Einfluss in sozialen Netzwerken nachdenken.
  10. Reflektieren, dass digitale Kommunikation Menschen ausgrenzen kann.

Diese unvollständige Sammlung hat jeweils einen aktiven und einen passiven Teil: Genau so wichtig wie die Rezeption von digitalen Inhalten ist ihre Produktion.

5. Fazit

Nehmen die Schweizer Gymnasien ihren Auftrag ernst, kommen sie gar nicht darum herum, digitale Medien in den Unterricht einzubeziehen. Mündige Mitglieder der Gesellschaft, die in einer Wissens- und Informationsgesellschaft verantwortlich handeln können und sich selbst motivieren, kommen im 21. Jahrhundert ohne digitale Kompetenzen nicht mehr aus. Dabei geht es um viel mehr, als ICT projektweise einzubeziehen und lustige Filmli zu drehen oder ein Dokument kollaborativ zu bearbeiten: Auf dem Spiel steht letztlich das Verständnis für das Funktionieren der Wissensverbreitung und der Gestaltung von Arbeitsplätzen.

 

 

Programme lassen Menschen arbeiten – Amazons »Mechanical Turk«

Seit längerem beschäftigt mich die Herausforderung, die programmierte Maschinen für Menschen und ihre soziale Organisation bedeuten. Symbol der Beziehung zwischen Mensch und Maschine ist das Schachspiel, bei dem schon im 18. Jahrhundert Maschinen gebaut wurden, die mit menschlicher Hilfe Schach spielen können. Genauere Ausführungen dazu finden sich hier.

War die Debatte lange auf die Frage der Intelligenz und des Bewusstseins fokussiert, so scheint es heute – auch aufgrund eines veränderten Verständnisses von Bewusstsein – naheliegend, dass Maschinen intelligent und bewusst handeln könnten. Eine selbstverständliche Abgrenzung von Mensch und Maschine ist kaum haltbar. Interessanter ist deshalb die Frage, ob Maschinen Aufgaben für Menschen erledigen oder ob dieses Machtverhältnis kippen könnte. Menschen, die im Auftrag von Maschinen arbeiten, scheinen eine der düstersten Visionen für die Zukunft zu sein.

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Und doch gibt es diese Maschinen schon. Die »Crowdsourcing«-Plattform »Mechanical Turk« von Amazon bezieht sich nicht zufällig auf den »Schachtürken«, die anthropomorphe Maschine, in der sich ein Mensch versteckt hat, der sie bedienen musste, damit sie Schach spielen konnte. Amazon bezeichnet die Plattform als »artifical artificial intelligence«, also künstliche künstliche Intelligenz. Die deutschsprachige Beschreibung von Amazon ist vielsagend:

Amazon Mechanical Turk ist ein Marktplatz für Arbeiten, für die menschliche Intelligenz benötigt wird. Der Webservice Mechanical Turk bietet Unternehmen die Möglichkeit, programmatisch auf diesen Marktplatz und eine vielseitige On-Demand-Mitarbeiterschaft zuzugreifen. Entwickler können diesen Service nutzen, um bei der Erarbeitung ihrer Anwendungen direkt auf die Ressource „menschliche Intelligenz“ zuzugreifen.

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Menschliche Intelligenz wird zur »Ressource«, über die Programme verfügen können. Typische Aufgaben sind Bildbearbeitungen und -beschriftungen, Bereinigungen von größeren Datenmengen, Übersetzungen aber auch kreative Aufgaben. Diese werden enorm günstig erledigt: In den USA werden die »Turks«, also die Arbeiterinnen und Arbeiter, welche diese Plattform nutzen, für so genannte HITs (»human intelligence tasks«) für Aufgaben, die 10 Minuten Aufwand benötigen, teilweise mit 1 oder 2 Cents entschädigt – erhalten also pro Stunde nicht einmal einen Dollar. Ein Dollar pro Stunde ist ein guter Richtwert, der sehr gut bezahlte Arbeiten von weniger gut bezahlten trennt.

Jason Huff hat »Turks« beauftragt, ihre Erfahrungen zu beschreiben. In seinem lesenswerten Essay kommt er zu folgenden Schlüssen: Wer auf der Plattform aktiv ist, verdient damit nicht genug, um die monatlichen Internetkosten zu bestreiten. Es handelt sich um pragmatische Personen, die lieber beschäftigt als gelangweilt sind. Gerade in wirtschaftlichen Krisen oder in Fällen, in denen es schwierig ist, das Haus zu verlassen, ist das Einkommen des »Mechanical Turk« oft sehr wichtig, auch wenn es gering ist. Gleichzeitig gibt es aber auch Menschen, welche die Plattform als Beschäftigungstherapie ansehen.

Waren in einer ersten Untersuchungsphase 2009 vor allem Amerikanerinnen und Amerikaner auf der Plattform aktiv, waren es vier Jahre später zunehmend Menschen aus Indien, die Turking nicht als Nebeneinnahme, sondern als Haupteinnahme ansahen. Neben der Amazon-Plattform gibt es eine Reihe weiterer – z.B. Textbroker in Deutschland. Die Plattformen schaffen in der Regel sehr schlechte Bedingungen für die Arbeitenden: Ihnen kann meist grundlos die Auszahlung verweigert werden, es gibt viel Konkurrenz und kaum Bemühungen, ihren Lohn anzuheben oder zu sichern.

Beängstigend ist das vor allem dann, wenn man hinzunimmt, wie viele Arbeitsschritte in naher Zukunft automatisiert werden können. »Menschliche Intelligenz« mittels Crowdsourcing zur Ressource zu machen, löst eine ganze Reihe weiterer Arbeitsplätze auf und überträgt generell die schlechteren Arbeitsbedingungen in soziale Gefüge mit besseren.

Smartphone-süchtige Mütter

»Mütter hängen am häufigsten am Smartphone«, titelt der Mamablog heute. Die Autorin, Jeanette Kuster, bezieht sich dabei auf eine Studie von Flurry, die in den Boulevard-Medien intensiv rezipiert wurde. Darin wurde als Smartphone-süchtig definiert, wer täglich 60 Mal eine App aufruft (der Durchschnitt, so die Studienautoren, seien 10 App-Aufrufe täglich).

In einer Infografik von Statista, die den Aspekt der Erziehung fokussiert, wird nun deutlich, dass Mütter und mit der Erziehung von Kindern Beauftragte auffallend häufig zur Kategorie der Süchtigen gezählt werden können.
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Damit ist die Bühne für pädagogische Reflexionen über die Vorbildwirkung von Eltern und besonders Mütter gewährleistet. Medienpädagogische Vorurteile, die nahe legen, Mediennutzung schade Menschen und die Nutzung von Handys sei generell eine Ablenkung von sozialen und wertvollen Aktivitäten, werden durch solche Zusammenhänge schnell abgerufen und aktiviert.

Eine genauere Analyse würde aufzeigen, dass der alleinige Fokus auf Zahlen in diesem Kontext höchst problematisch ist. Aus folgenden Gründen:

  1. Sucht ist seit dem Aufkommen des Begriffs im 19. Jahrhundert ein Kampfbegriff, mit dem bestimmte soziale Gruppen und Verhaltensweisen abgewertet werden.
  2. Sucht quantitativ festzulegen, ist zwar für sozialwissenschaftliche Untersuchungen eine methodische Vereinfachung, führt aber zu sinnlosen Resultaten. Sucht kann auch bei stoffunabhängigen Süchten relativ klar beschrieben werden, ohne dass solche Reduktionen nötig sind.
  3. Das Leben von Müttern oder anderen Erziehungspersonen ist heute komplexer, als es solche Untersuchungen nahe legen. Viele Mütter arbeiten neben ihren Betreuungsaufgaben, sie sind für die oft anspruchsvolle Koordination der Familienorganisation zuständig, pflegen ihr soziales Netzwerk und das der Kinder. Die Mutter, die den Schlafrhythmus des Babys für den Kinderarzt festhalten muss, zehn Fotos der Kinder für den Papa macht, der auf Arbeit ist, ein paar Nachrichten verschickt, Emails für die Arbeit liest, über den Mittag die Zeitung online liest, dazwischen Termine in den digitalen Familienkalender einträgt und das Kind während einer Zugfahrt ein Spiel spielen lässt, damit es die anderen Passagiere nicht stört, kommt schnell auf 60 App-Aufrufe während eines Tages – gerade weil sie während der Care-Arbeit nicht vor dem Computer sitzt.
  4. Zeit zu haben ist ein Luxus. Digitale Kommunikation ist oft effizienter und für die Menschen ein Muss, die es sich eben nicht leisten können, mit Freundinnen Kaffe zu trinken.

Damit ist nicht gesagt, dass es keine problematische Mediennutzung gäbe. Natürlich gibt es die und selbstverständlich leiden Kinder von Eltern, die ihre Mediennutzung nicht im Griff haben, darunter. Aber aufgrund von fragwürdigen Zahlen und noch fragwürdigeren Interpretationen dieser Zahlen Rückschlüsse auf Verhaltensweisen ganzer Gruppen zu ziehen, ist deswegen nicht gerechtfertigt.

Wir müssen Menschen zusehen, zuhören und nachfragen – nicht die Welt, wie sie früher war, als ein buntes Paradies zeichnen, das durch die Smartphones leider zerstört wurde. Sehnsucht nach vergangenen Zeiten kennen wir alle. Sie kehren aber nicht zurück, wenn wir weniger Bildschirmmedien verwenden.

Daran ändert auch »Look Up« nichts – ein Video, das wir wohl alle auf dem Smartphone schauen (vgl. diesen Kommentar):

Herausforderungen auf Facebook

Das Prinzip ist einfach: Auf Facebook fordern sich vor allem junge Menschen gegenseitig heraus, ins kalte Wasser zu springen – in Brunnen, Bäche, Seen, Badis. Tun das die Herausgeforderten, dürfen sie weitere Nominationen aussprechen, tun sie es nicht, schulden sie den Herausfordernden etwas – Bier, meistens, es kann aber auch etwas anderes sein. Ursprung der Idee ist wahrscheinlich eine Sammlung für ein krebskrankes Kind in England.

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Der Trend ist mittlerweile so vorüber, dass ihn sogar die etablierten Medien und Politikerinnen und Politiker mitmachen, wie man hier sieht. Das ich nach meiner Meinung gefragt worden bin, hier eine kurze Analyse:

  1. Das Phänomen zeigt, wie Social Media funktionieren: Durch Beziehungen, mit visuellen Inhalten und mit positiven, unterhaltsamen Geschichten, die nicht zu lang sind. Anderen zuschauen, wie sie in einen See springen und wen sie damit in Verlegenheit bringen: Solche Inhalte sind für Facebook ideal.
  2. Das Mem, das verwendet wird, also die Idee, die mediale Verbreitung findet, ist uralt: Auch die klassischen Duelle benutzen die Öffentlichkeit und den Ruf der anderen Person, um sie zu etwas zu zwingen, was sie unter Umständen nicht tun wollte. Viele Wetten unter Jugendlichen funktionieren so, dass es darum geht, das eigene Image vor den Augen eines Publikums zu verteidigen.
  3. Damit sind selbstverständlich auch negative Effekte verbunden: Mobbing benutzt dieselbe soziale Konstellation. Viele schauen wenigen zu, die etwas tun müssen, was sie nicht tun wollen. Fordert man jemanden heraus, der nicht einfach locker in einen Fluss springen will oder kann, so kann das sehr unangenehme Konsequenzen haben. Aber auch diese Art des halb-öffentlichen Übergriffs ist ein Social Media inhärentes Phänomen.

Herausforderungen sind nichts Neues, sind werden medial einfach neu verpackt. Durch die Tatsache, dass alle eine Kamera mit sich führen und wir auch in der Distanz Zeugin oder Zeuge des Sprungs ins Wasser werden können, macht alles viel einfacher.

Aber wie jeder Social-Media-Trend hat auch der eine Halbwertszeit, vor allem, weil es sich letztlich um ein Schneeballsystem handelt: Fordern alle Menschen drei andere heraus, sind sehr schnell alle einmal ins Wasser gesprungen.

 

Nicht ganz so schlimm: Empörung und Sozialkontrolle im Netz

Wenn technophobe Darstellung des »Internets« schwerer abzuliefern sind, dann gibt es eine kleine Chance, dass wir darüber sinnvoll diskutieren können, welche Probleme Technologie lösen kann und welche Probleme sie überhaupt lösen sollte.

Dieses Zitat von Evgeny Morozov (S. 358) macht deutlich, dass nicht allein die optimistische Sprechweise über digitale Kommunikation – die ja im Zuge der NSA-Skandale fast flächendeckend verschwunden ist -, sondern auch die sich wiederholenden Befürchtungen die Aufmerksamkeit von den Fragen abziehen, die für die Zukunft und die Gesellschaft entscheidend sind.

Zwei gute Beispiele sind diese Woche erschienen: Anne Roth beschreibt im FAZ-Blog ihre Widerstände gegen die Sozialkontrolle im Netz, Thymian Bussemer bei Carta wie die »Freiheit« im Netz in »Bedrängung, Gruppenzwang und Drangsalierung« umschlagen könnten. Die folgende Lektüre der beiden Texte geht der Frage, inwiefern damit Mechanismen beschrieben sind, die durch die Digitalisierung der Kommunikation bedingt sind. Sozialkontrolle, Gruppendruck und Mobbing existieren zweifelsohne – aber hat das Netz diese destruktiven sozialen Prozesse beeinflusst oder verändert?

Roth beschreibt das Problem wie folgt:

Mit dem Versprechen einer besseren Welt kam die Erkenntnis, dass mit der Demokratisierung der Öffentlichkeit Meinungen ungebremst aufeinanderprallen, die vorher selten so sichtbar waren. […]
In der digitalen Kommunikation ist viel schwerer, Emotionen sichtbar zu machen. Ein Effekt ist, dass häufig nur negative Reaktionen sichtbar werden, weil Zustimmung selten verbal – oder in diesem Fall schriftlich – ausgedrückt wird.

So werde, das Roths Fazit, die Idee der Meinungsfreiheit im Netz »ad absurdum« geführt, indem die Sozialkontrolle des Dorfes Einzug halte: »alles wird gesehen, alles wird kommentiert«. 

Auch wenn der XKCD-Verweis auf das negative Recht der Meinungsfreiheit dem Staat gegenüber eine begriffliche Schärfung im juristische Sinne erlauben würde, ist Roths Absicht eine andere: Sie will in ihrem Beitrag darauf hinweisen, dass Meinungsbildung bei jungen Menschen abseits des Mainstreams einen Schonraum braucht. Subkulturen brauchen Freiräume, in denen sie experimentieren, Haltungen einnehmen und verwerfen können.

XKCD, »Free Speech«

Dass diese Freiräume im Web nicht existieren, halte ich für eine Perspektive, die sich historisch ergeben hat: War das Web einst ein Ort für Subkulturen, weil es für ein Stammtisch- oder Mainstream-Publikum wenig bereit hielt, hat sich das in den letzten Jahren geändert. Verloren gegangen ist nicht die Möglichkeit der Freiräume im Netz, sondern ihre Selbstverständlichkeit.

Kommentare und Kritik werden sichtbar. Schon immer wurde das streitende Paar nach dem Verlassen des Restaurants von allen Anwesenden ausgiebig besprochen, radikale Feministinnen sahen sich schon immer Kritik ausgesetzt – nur hatten sie nicht die Möglichkeit, sich die Kommentare auch anzuhören. Was aber den Unterschied zum Dorf ausmacht, ist die Möglichkeit der Filter: Der Nachbar oder die Verkäuferin im Dorfladen konnten nicht einfach geblockt, gesperrt oder ignoriert werden – im Netz ist das möglich. Es ist ein gewisser Aufwand damit verbunden, die Kommunikationsmöglichkeiten schaffen neue Belastungen und Pflichten. Aber sie verhindern nicht, dass Freiräume geschaffen werden können, in welche Kommentare und Kritik nicht ständig einbrechen.

Ist Roths Argument eingegrenzt und nachvollziehbar, so steigert sich Bussemer in einen Rundumschlag, der trotz seinen Bezügen auf zwei Neuerscheinungen – Detel/Pörksen: Der entfesselte Skandal und Klausnitzer: Das Ende des Zufalls – wahnhaft erscheint: »Die Öffentlichkeit ist seit einigen Jahren in einem rauschhaften Zustand«, heißt es da beispielsweise. Empörungswellen würden Politikern das Leben schwer machen und es Medien verunmöglichen, Nachrichten zu strukturieren, während die Teilnehmenden an diesen Empörungswellen so viele Daten im Netz hinterließen, dass ihre Existenz gefährdet sei. Das führe aber keineswegs zu Verhaltensänderungen.

Dass die Abarbeitung an der »Empörung im Netz« eine perfide Strategie ist, um bestimmte Arten der Kritik zu delegitimieren, habe ich an dieser Stelle bereits notiert. Dass bösartige Briefpost und Pakete, die Politikerinnen und Politiker erhalten, keine Folge der Digitalisierung sein dürften, ergibt sich fast von selbst. Befindet sich die Öffentlichkeit tatsächlich in einem Rausch? Nur weil ich auf Twitter oder in den Kommentarspalten der digitalen Zeitungen täglich Empörungswellen mitverfolgen kann, die gezielt geschürt werden, oft aus ganz kommerziellen Interessen, scheint mir die Öffentlichkeit selbst recht ruhig zu bleiben. Das mag an meiner eingeschränkten Perspektive liegen – aber mir scheint es nahe liegend, dass der Small Talk und der Stammtisch der Menschen sich digitalisiert hat. Ob wir zuhören, mitmachen und uns dazusetzen wollen, müssen wir entscheiden. Nur weil wir es können, heißt das nicht, dass alle Menschen es tun.

Evgeny Morozovs Kritik am Internetdiskurs

In seinem Buch To save everything, click here untersucht Evgeny Morozov das Internet als Idee. Um zu markieren, dass er nicht ein technisches Netzwerk meint, sondern ein gedankliches Konstrukt, markiert er Internet fast durchgängig mit Anführungszeichen. Zu Beginn von Kapitel 2 stellt der Autor fest, heute könne man mit »Internet« »just about anything« bezeichnen – der Begriff ist beliebig geworden. Getrieben von dieser Einsicht, untersucht Morozov zwei Phänomene. Das erste nennt er »Internet-centrism«: Die Vorstellung, dass eine Art Revolution erfolge, deren Auswirkung auf alle Bereiche des Lebens nur verstanden werden könne, wenn das »Internet« im Mittelpunkt der Analyse stehe. Diese Vorstellung bezeichnet Morozov mehrfach als religiöse, weil sie von Selbstverständlichkeiten und Sachzwängen ausgehe, die nur akzeptiert, wer an die Idee »Internet« glaube.

Quelle FAZ - Interview mit Morozov
Quelle FAZ – Interview mit Morozov

Mit dem Glaube des »Internet-centrism« hängt für Morozov ein zweites Phänomen zusammen, der »Solutionism«. »Solutionism interprets issues as puzzles to which there is a solution, rather than problems to which there may be a response«, lautet ein Zitat von Gilles Paquet, das Morozovs Definition gut summiert: Die Ideologie des Silicon Valley führt dazu, dass Software und Algorithmen Scheinprobleme lösen. Die Werkzeuge, welche zur Verfügung stehen, werden übermäßig eingesetzt, so dass letztlich die Fähigkeit verloren geht, echte Probleme oder Tugenden zu erkennen und darauf zu reagieren. Stattdessen werden Einsatzmöglichkeiten für die Werkzeuge gesucht, bei denen sie aber oft mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen: Einerseits, weil sie von wirklichen Problemen ablenken, andererseits weil sie funktionierende Mechanismen so verändern, dass neue Probleme entstehen.

Morozov bietet dafür eine Reihe von Beispielen an: Transparente Daten, softwaregestützte Politik, digitale Bildung oder präventive Polizeiarbeit. Im Hintergrund droht aber immer die politische Diktatur, der – so Morozovs Grundüberzeugung – eine so vage Idee wie »Freiheit im Internet« nichts entgegenhalten kann, schlimmer noch: Die sie eigentlich fördert, statt dagegen anzukämpfen.

Der interessante Aspekt von Morozovs Buch ist neben der Analyse von praktischen Beispielen sein Fazit. Er schlägt vor, in der Debatte ums »Internet« zwei Gruppen von Intellektuellen zu unterschieden: Solche, die sich wesentliche Resultate von der Beschäftigung mit »dem Internet« versprechen, und »Post-Internet«-Denker, die davon ausgehen, dass das Phänomen zwar soziologisch oder historisch beschrieben werden kann, ganz analog zu »Wissenschaft«, aber nicht dabei behilflich ist, die Welt zu beschreiben und verstehen. Morozov gehört selbstverständlich zur zweiten Gruppen. Er schlägt folgende Maßnahmen für den Umgang mit Technologie vor (S. 354ff.):

  1. Keine Diskussionen über die Auswirkungen des Internets und von Social Media mehr führen, weil unklare Fragestellungen damit verbunden werden, auf die kaum hilfreiche Antworten gefunden werden können.
  2. Besser ist es, technikbezogene, enge und empirische Analysen durchzuführen, welche beispielsweise die Funktionsweise spezifischer Algorithmen betreffen.
  3. Technologie generell eher als Konsequenz von Veränderungen in der Welt betrachten denn als Ursache solcher Veränderungen.
  4. Einsehen, dass in den letzten hundert Jahren jede Generation den Eindruck hatte, eine tiefschürfende technologische Umwälzung zu erleben. Das befreit von der Illusion, digitale Kommunikation bewirke einen echten Wandel.

Sein Fazit:

Technology is not the enemy; our enemy is the romantic and revolutionary problem solver who resides within. (S. 358)

* * *
Mir gefällt Morozovs Buch. Es ist energisch geschrieben und verbindet eine Reihe wichtiger Gedanken. Der entscheidende für mich: Ahistorische Beschreibungen führen leicht in die Irre. Internetkritik ähnlich zu betreiben wie Wissenschaftsphilosophie ist ein Zugang, von dem ich überzeugt bin. Morozov macht sich aber vieles zu einfach: Da er gerade das Problemfeld nicht eingrenzt, sondern »Internet« lediglich als einen Spielstein in einem Diskursspiel betrachtet, kann er einen Gegner konstruieren, der überall verwundbar ist. Er hält seine eigenen Vorgaben gerade nicht ein: Er führt weder eine enge Untersuchung noch eine empirische durch, er will – wie er es im Postscript fordert (S. 355ff.) –auf naive Technologiekritik verzichten, liefert aber ihren Vertreterinnen und Vertretern Munition.

Instagram: Social Media in der Primarschule

Im heutigen Workshop, den ich im Rahmen des CAS PICTS an der PH Zürich unterrichte, wurde die Kritik laut, bei Schülerinnen und Schülern, die kaum lesen und schreiben könnten, sei der pädagogische Einsatz von Social Media illusorisch.
Zusammen mit der Studiengangleiterin Rahel Tschopp entstanden schnell Beispiele, wie visuelle Netzwerke wie Instagram in der Schule schon früh genutzt werden können:

  • Zahlen und Buchstaben: Auf dem Schulweg oder zuhause Zahlen oder Buchstaben fotografieren, als Form oder auch als natürliche Menge. Eine Woche die 4, dann die 5 etc.
  • Haustiere: Haustiere fotografieren, ihre Ernährung zeigen, ihr Zuhause etc.
  • Bilder vom Schulweg: Kleines Rätsel: Stammt dieses Bild von meinem Schulweg oder nicht?
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Zahl 4. Oder 3? Oder Buchstabe E… 

Sofort ist der Alltag der Schülerinnen und Schüler im Schulzimmer und wird zum Lernobjekt. Sie können ein gemeinsames Instagram-Profil mit vorgegebenem Passwort und die Smartphones ihrer Eltern, Geschwister etc. nutzen. Medienkompetenz wird zuhause und in der Schule ein Thema. Schreiben ist unnötig, Personen keine abgebildet, Gefahren kaum vorhanden.