Mehr Frustration würde der Schule gut tun

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In einer Auseinandersetzung mit der Rede von Sascha Lobo auf der Re:Publica 14 schreibt die Bloggerin »Das Nuf«:

Es gibt diese Situationen als Mutter, in denen ich genau weiß, was passieren wird, in denen ich genau weiß, was das Richtige ist und trotzdem tun meine Kinder nicht das was ich ihnen sage. Ich sage es freundlich, ich argumentiere, ich wiederhole, ich wiederhole, ich schimpfe, ich erkläre, ich bitte, ich bettle, ich werde wütend, ich versuche am Ende sogar zu befehlen, immer und immer wieder: aber diese widerspenstigen Kinder tun nicht was ICH möchte und richtig finde und zwar obwohl ich Recht habe.
Zehn Jahre mit Kindern haben mir gezeigt, es wird niemals irgendwas bringen immer und immer weiter auf genau dieser Schiene zu bleiben.

Diese Situation gibt es auch in der Schule. Und zwar auf mindestens zwei unterschiedlichen Ebenen, wie ich im Folgenden kurz darlegen möchte. Es wäre gut, hier die Schiene zu wechseln, aus Frustration über die wirkungslosen Versuche, auf der alten Schiene zum Erfolg zu kommen.

1. Quellenangaben, Zitate und Plagiate

Die Klagen sind ominpräsent: Schülerinnen und Schüler können nicht richtig zitieren, sie kopieren im Netz und vergessen oder vermeiden, Quellen anzugeben. Dabei wäre es doch so einfach, sagen die Klagenden, das müsste man ihnen doch nur auf der vorherigen Schulstufe einfach zeigen, dann könnten die das. Warum macht das niemand?

Und in der Zwischenzeit machen es alle. Nützt es was? Nein. Seit ich unterrichte – seit über 10 Jahren – höre ich diese Klagen unverändert. Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Entweder mögen Lehrpersonen es, sich zu beklagen, und tun das auch bei Problemen, deren Bewirtschaftung letztlich zu einer Lösung geführt hat – oder alle Methoden, Schülerinnen und Schülern das korrekte Zitieren beizubringen, sind gescheitert.

Dann müsste man fragen, was der Grund dafür ist. Sind die Methoden untauglich? Ist das Problem zu schwierig? Sind die Forderungen überzogen?

2. Interdisziplinarität und Zusammenarbeit

Hier verweise ich nicht mehr auf meine Erfahrung, weil die Geschichte der Diskussion hinter meine Geburt zurückgeht: Die Forderungen, Unterricht müsse fächerübergreifend erfolgen und Schülerinnen und Schüler lernen, zusammenzuarbeiten, begleiten die Schule seit längerer Zeit.

Völlig verhallt sind sie nicht: Das Beispiel des Projektunterrichts zeigt Bestrebungen, die solche Ansätze aufnehmen. Aber zumindest bei erfolgreichen Projekten aus der Schweiz – hier z.B. die Liste mit prämierten Arbeiten aus dem MINT-Bereich – sind meist begabte Jugendliche alleine oder mit einem Partner, einer Partnerin in einem fachlich klar abgesteckten Feld tätig.

Gruppenarbeiten kommen an jeder Schule vor. Sie sind aber meist ein harmloser und unehrlicher Versuch, Zusammenarbeit zu institutionalisieren. Geprüft werden Einzelpersonen und Fächer. Projektarbeiten sind „Nice to have“, aber nicht Kern des Unterrichts.

Dabei zeigen Berufsfelder wie z.B. das des Journalismus, dass Berufe in der Zukunft ohne Kollaboration und Interdisziplinarität nicht mehr ausgeübt werden können. Selbstverständlich gibt es heute noch die gute Geschichte, die von einer Journalistin recherchiert und in Gesprächen vertieft werden kann – waches Denken und gute Schreibe einer Einzelperson reichen dafür aus. Aber immer mehr verstecken sich Geschichten in Datenbergen, die erst abgetragen, visualisiert und interpretiert werden müssen. Dafür braucht es Kenntnisse in Informatik, Statistik, Grafik, Webdesign und alle anderen Fertigkeiten, die Journalistinnen und Journalisten brauchen. Einzelpersonen können solche Projekte kaum stemmen.

Im Mittelpunkt stehen begabte Jugendliche. Nicht Teams.

Im Mittelpunkt stehen begabte Jugendliche. Nicht Teams.

* * *

Die Beschleunigung der digitalen Welt ist enorm. Sie macht oft hilflos und ohnmächtig. Die Berufswelt wird sich wandeln und die Schule muss sich wandeln. Nicht hektisch, nicht unreflektiert – aber sie kann Trägheit nicht mehr länger als eine Tugend verkaufen. Die Frage, ob Lehrpersonen die Ziele, die sich setzen und welche die Gesellschaft ihnen vorgibt, erreichen können, muss direkt gestellt werden und Antworten finden. Werden Diskussionen über Jahrzehnte geführt, mag das ein Zeichen für ihre Bedeutung sein, es weist aber auch auf die Unfähigkeit hin, echte Lösungen zu finden.

Anbieten kann ich keine. Mithelfen, neue Ansätze zu erwägen, werde ich gerne.

The Author

philippe-wampfler.ch

1 Kommentar

  1. Analoge Modelle

    Die Beschreibung der Frustration werden wohl viele kennen: Allein, meist sind die anderen schuld. Man selber würde ja.
    Dies ist vor allem mein Eindruck (und dieser greift auf deutlich weniger Erfahrung zurück), wenn es darum geht, interdisziplinär zu arbeiten. Aus meiner Sicht hat dies zwei Gründe:
    1. Zum einen ist eine Zusammenarbeit für viele zunächst einmal Mehrarbeit – die natürlich abschreckt.
    2. Zum anderen konnte ich miterleben, dass eine institutionalisierte „Interdisziplinäre Woche“, die beschlossen wurde, so dass sich keiner „wegducken“ konnte, auch zu Pseudoarbeit seitens der ablehnenden Kollegen und so zu noch mehr Ressentiments führte.
    Das Problem liegt meines Erachtens in der fehlenden Offenheit der Kollegen einerseits und dem Fehlen einer implementierten Struktur andererseits. Vor allem Letzteres bedeutet eine Mehrarbeit, die sich erst später lohnt und die gerechtfertigt werden muss.
    An meiner jetzigen Schule hat man in diesem Rahmen einen „Pool-Unterricht“ etabliert, bei dem jeden Donnerstag die Klassen außerhalb des „normalen“ Unterrichts fächerübergreifende Themen behandeln können. Dass der Mehrwert dabei auch vom jeweiligen Unterricht abhängt, ist klar.
    Das Thema der richtigen Quellenarbeit ist eines, dessen Problematik auch aus dem Gegensatz zwischen Theorie und Praxis bzw. Anwendung liegt. Denn Zitierweise und Quellenverzeichnisse ernst zu nehmen, bedeutet ja auch, selbst so zu handeln. Gerade was die inflationäre Verteilung von „irgendwo im Netz gefundenen“ Arbeitsblättern angeht, zeigt sich jedoch der Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit(Und da nehme ich mich nicht aus).
    Ich glaube, dass so wichtige Dinge wie das Zitieren nur mit ständiger Wiederholung und nicht als ausgelagerte Doppelstunde behandelt werden müssen. Und dies bedeutet auch, dass die Lehrpersonen selbst danach handeln, da sie sonst als so wichtiges Modell wegfallen.

    Damit ist zwar das Anfangszitat der Mutter nicht „widerlegt“. Aber es ist klar, dass ich zumindest glaubwürdiger bin, wenn ich das Nichtrauchen nicht mit einer Kippe im Mund predige.

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