Social-Media-Sucht

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Psychologie

In Diskussionen über die Nutzung Neuer Medien ist der pathologisierende Vorwurf omnipräsent, jemand sei Facebook-abhängig oder Twitter-süchtig. In meinem Buch habe ich darüber Folgendes geschrieben:

Wenn Jugendliche oder auch Erwachsene oft mit ihren mobilen Geräten kommunizieren, lässt sich daraus keine Aussage über eine mögliche Abhängigkeit gewinnen. Kommunikation ist ein zentrales menschliches Bedürfnis. Sucht beginnt dort, wo eigene Bedürfnisse überdeckt, ersetzt, vernachlässigt oder ignoriert werden. Social Media bieten diese Möglichkeit, wie viele andere grundsätzlich unproblematische Tätigkeiten auch, z. B. essen oder arbeiten. (S. 89)

Dieses Kriterium (Bedürfnisse ersetzen oder vernachlässigen) ist recht vage – daher möchte ich kurz präzisieren, was in der Forschungsliteratur als entscheidende Symptome für Medienabhängigkeit angeführt werden. Ich fasse zusammen und werde daher nicht einzelne Studien zitieren – einen guten Überblick über die aktuelle Diskussion bietet die Bachelorarbeit von Regula Baumann und Robin Staufer.

  1. Sowohl zeitlich als auch gedanklich setzt sich eine Person immer stärker mit der Nutzung von Social Media auseinander und verliert dadurch Verhaltensmöglichkeiten. Sie erlebt das als Kontrollverlust; oft nutzt sie Social Media gegen ihren Willen.
  2. Dieser eingeschränkte Handlungsspielraum wirkt sich negativ auf die schulische oder berufliche Leistung einer Person aus.
  3. Aus 1. und 2. resultieren häufige Konflikte mit wichtigen Bezugspersonen,
  4. die in einen sozialen Rückzug münden, damit genügend Zeit vorhanden ist, sich den medialen Aktivitäten zu widmen.
  5. Damit sind häufig Lügen verbunden: Abhängige geben vor, weniger Zeit mit Social Media zu verbringen, als das tatsächlich der Fall ist.
  6. Die Nutzung als immer weniger befriedigend empfunden, weil Toleranz aufgebaut wird. Resultat: Was zu Beginn der problematischen Nutzung zu Euphorie geführt hat, kann nur noch durch hohen emotionalen und zeitlichen Aufwand erreicht werden.
  7. Eingeschränkte Nutzungsmöglichkeiten führen zu Entzugserscheinungen.
  8. Versuche, die Nutzung einzuschränken, scheitern.
  9. Die Sucht hat körperliche Konsequenzen wie Schlafmangel, Über- oder Untergewicht etc.

Für die Prävalenzrate in Bezug auf Social-Media-Abhängigkeit gibt es sehr unterschiedliche Zahlen. Die PINTA-Studie, mit der 2011 in Deutschland die Prävalenz von Internetabhängigkeit untersucht worden ist, ermittelte eine Gesamtrate von 1.5%. Bei Jugendlichen liegen sie etwas höher, besonders zwischen 14 und 16 Jahren: Je nach Methode werden sie dort auf insgesamt zwischen 4.0 und 6.3% geschätzt, junge Frauen sind dabei deutlich gefährdeter als Männer (zwischen 4.9 und 8.6%, wiederum methodenabhängig). Die Autoren der Studie schreiben dazu:

Bei Betrachtung der Altersgruppen und der Verteilung innerhalb der Geschlechter ist auffällig, dass in den jungen Altersgruppen die Prävalenzraten der Mädchen die der Jungen übersteigt. Verglichen mit früheren Befunden war dies nicht erwartbar. […] Betrachtet man die jeweilig Auffälligen in der Gruppe der 14- bis 24-Jährigen, so findet man Unterschiede in den Präferenzen der Internetaktivitäten. Zwar wird von beiden Gruppen am häufigsten angegeben, dass Soziale Netzwerke genutzt werden, dieses ist jedoch besonders ausgeprägt bei weiblichen Personen, die hingegen eher selten Onlinespiele nutzen. Insgesamt und gerade für diese unerwarteten Befunde bei den jungen weiblichen Probanden wird in zukünftigen Studien zu klären sein, ob die gefundenen Auffälligkeiten tatsächlich im Sinne einer Störung zu verstehen sind, für die Hilfe benötigt wird. Dazu ist es notwendig vertiefende Interviews zu führen, die die klinische Bedeutsamkeit auf der Ebene der Symptome und Kriterien wie auch der damit verbundenen Beeinträchtigungen erfassen.

Im Rahmen der Untersuchung wurde unten stehender Fragenkatalog telefonisch abgerufen (S. 8).

Bildschirmfoto 2014-02-11 um 22.27.31

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philippe-wampfler.ch

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