Programme lassen Menschen arbeiten – Amazons »Mechanical Turk«

comments 3
Risiken

Seit längerem beschäftigt mich die Herausforderung, die programmierte Maschinen für Menschen und ihre soziale Organisation bedeuten. Symbol der Beziehung zwischen Mensch und Maschine ist das Schachspiel, bei dem schon im 18. Jahrhundert Maschinen gebaut wurden, die mit menschlicher Hilfe Schach spielen können. Genauere Ausführungen dazu finden sich hier.

War die Debatte lange auf die Frage der Intelligenz und des Bewusstseins fokussiert, so scheint es heute – auch aufgrund eines veränderten Verständnisses von Bewusstsein – naheliegend, dass Maschinen intelligent und bewusst handeln könnten. Eine selbstverständliche Abgrenzung von Mensch und Maschine ist kaum haltbar. Interessanter ist deshalb die Frage, ob Maschinen Aufgaben für Menschen erledigen oder ob dieses Machtverhältnis kippen könnte. Menschen, die im Auftrag von Maschinen arbeiten, scheinen eine der düstersten Visionen für die Zukunft zu sein.

605918b8a3

Und doch gibt es diese Maschinen schon. Die »Crowdsourcing«-Plattform »Mechanical Turk« von Amazon bezieht sich nicht zufällig auf den »Schachtürken«, die anthropomorphe Maschine, in der sich ein Mensch versteckt hat, der sie bedienen musste, damit sie Schach spielen konnte. Amazon bezeichnet die Plattform als »artifical artificial intelligence«, also künstliche künstliche Intelligenz. Die deutschsprachige Beschreibung von Amazon ist vielsagend:

Amazon Mechanical Turk ist ein Marktplatz für Arbeiten, für die menschliche Intelligenz benötigt wird. Der Webservice Mechanical Turk bietet Unternehmen die Möglichkeit, programmatisch auf diesen Marktplatz und eine vielseitige On-Demand-Mitarbeiterschaft zuzugreifen. Entwickler können diesen Service nutzen, um bei der Erarbeitung ihrer Anwendungen direkt auf die Ressource „menschliche Intelligenz“ zuzugreifen.

Bildschirmfoto 2014-05-06 um 15.41.31

Menschliche Intelligenz wird zur »Ressource«, über die Programme verfügen können. Typische Aufgaben sind Bildbearbeitungen und -beschriftungen, Bereinigungen von größeren Datenmengen, Übersetzungen aber auch kreative Aufgaben. Diese werden enorm günstig erledigt: In den USA werden die »Turks«, also die Arbeiterinnen und Arbeiter, welche diese Plattform nutzen, für so genannte HITs (»human intelligence tasks«) für Aufgaben, die 10 Minuten Aufwand benötigen, teilweise mit 1 oder 2 Cents entschädigt – erhalten also pro Stunde nicht einmal einen Dollar. Ein Dollar pro Stunde ist ein guter Richtwert, der sehr gut bezahlte Arbeiten von weniger gut bezahlten trennt.

Jason Huff hat »Turks« beauftragt, ihre Erfahrungen zu beschreiben. In seinem lesenswerten Essay kommt er zu folgenden Schlüssen: Wer auf der Plattform aktiv ist, verdient damit nicht genug, um die monatlichen Internetkosten zu bestreiten. Es handelt sich um pragmatische Personen, die lieber beschäftigt als gelangweilt sind. Gerade in wirtschaftlichen Krisen oder in Fällen, in denen es schwierig ist, das Haus zu verlassen, ist das Einkommen des »Mechanical Turk« oft sehr wichtig, auch wenn es gering ist. Gleichzeitig gibt es aber auch Menschen, welche die Plattform als Beschäftigungstherapie ansehen.

Waren in einer ersten Untersuchungsphase 2009 vor allem Amerikanerinnen und Amerikaner auf der Plattform aktiv, waren es vier Jahre später zunehmend Menschen aus Indien, die Turking nicht als Nebeneinnahme, sondern als Haupteinnahme ansahen. Neben der Amazon-Plattform gibt es eine Reihe weiterer – z.B. Textbroker in Deutschland. Die Plattformen schaffen in der Regel sehr schlechte Bedingungen für die Arbeitenden: Ihnen kann meist grundlos die Auszahlung verweigert werden, es gibt viel Konkurrenz und kaum Bemühungen, ihren Lohn anzuheben oder zu sichern.

Beängstigend ist das vor allem dann, wenn man hinzunimmt, wie viele Arbeitsschritte in naher Zukunft automatisiert werden können. »Menschliche Intelligenz« mittels Crowdsourcing zur Ressource zu machen, löst eine ganze Reihe weiterer Arbeitsplätze auf und überträgt generell die schlechteren Arbeitsbedingungen in soziale Gefüge mit besseren.

The Author

philippe-wampfler.ch

3 Comments

  1. Pingback: Digitalisierung zerstört den Wert von Arbeit. Wie leistet man Widerstand? | Schule und Social Media

  2. Pingback: Kompetenzen für eine digitale Welt | Schule und Social Media

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s