Das soziale Gedächtnis

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Wir alle kennen das Phänomen: Während des lockeren Partygesprächs fällt uns der Name der Schauspielerin, die uns kürzlich so beeindruckt hat, einfach nicht mehr ein. Wir wissen, dass sie bei The Newsroom mitspielt und Bilder von der Figur, die sie spielt, im Internet gelandet sind. Und so zücken wir unser Smartphone, finden diese Seite und finden heraus, dass es sich um Olivia Munn handelt. Nach kurzer Lektüre erfahren wir, dass intime Bilder nicht nur in ihrer Rolle den Weg ins Netz gefunden haben, sondern das auch der Schauspielerin selbst passiert ist.

Wenn uns das passiert, dass wir Google benutzen müssen, um uns an etwas erinnern zu können, reagieren wir meist mit gemischten Gefühlen: Einerseits sind wir über die Technologie erstaunt, die Funktionen unseres Gedächtnisses übernimmt. Andererseits ärgern wir uns darüber, dass wir offenbar ohne Smartphone nicht mehr denken können. »I’m not thinking the way I used to think«, schrieb etwas Nicholas Carr in The Shallows (2012), und Frank Schirrmacher notierte in einer Selbstreflexion in Payback (2009):

Ich spüre, dass mein biologisches Endgerät im Kopf nur über eingeschränkte Funktionen verfügt und in seiner Konfusion beginnt, eine Menge falscher Dinge zu lernen. (auch als Essay hier nachlesbar)

Die Perspektive von XKCD bzw. Randall Monroe.

Das Phänomen heißt auf Englisch »Tip-of-the-tongue syndrome« oder TOT-Phänomen. Wir haben den Eindruck, es verschärfe sich durch die Omnipräsenz digitaler Werkzeuge.

Im Abschnitt »The Art of Finding« in seinem Buch Smarter Than We Think (2013) geht Clive Thompson diesem Eindruck auf den Grund. Seine Erkenntnisse, die er aus Gesprächen mit Forscherinnen und Forschern gewonnen hat, lassen sich wie folgt zusammengefassen:

  1. Menschen benutzen ein soziales Gedächtnis. Wie Daniel Wegener und sein Team gezeigt haben, verfügen wir über ein »transactive memory«, also über die Fähigkeit, Speichervorgänge aufzuzeigen. Wer in langfristigen Partnerschaften lebt, erinnert sich nicht an dieselben Dinge wie der Partner oder die Partnerin, weiß aber, was die andere Person abgespeichert hat: Jemand kennt die Geburtstage, jemand weiß, wo welche Werkzeuge verstaut sind.
  2. Daraus lässt sich ableiten, dass Menschen über ein recht gutes Metagedächtnis verfügen. Sie wissen, wer was weiß – auch wenn sie es selbst nicht wissen.
  3. Das heißt, Menschen haben Google eigentlich schon immer benutzt: Einfach in Bezug auf andere Menschen statt bei der Bedienung einer Maschine. »Quite simply, we seem to record as much outside our mind as within them«, hielt Wegener in den 80er-Jahren fest.
  4. Betsy Sparrow hat Wegeners Forschung vertieft und in Experimenten herausgefunden
    a) dass Menschen sich weniger gut an Fakten erinnern, wenn sie wissen, dass diese irgendwo digital gespeichert sind
    b) dass das Wissen, dass Informationen gespeichert werden, die Fähigkeit verbessert, zu wissen wo sie gespeichert sind
    c) dass Menschen in Bezug auf soziales Gedächtnis Maschinen genau so benutzen wie andere Menschen.

Wenn wir nun also die Auswirkungen des Zugriffs auf maschinelle Speichersysteme beurteilen, beurteilen wir gleichzeitig eine Entwicklung des Gedächtnisses, die viel älter ist: Bestimmte Informationen auszulagern. Die Entwicklung ist nicht ein Zerfall der kognitiven Leistungen, sondern eine Errungenschaft, die zu effizienteren Denkleistungen geführt hat.

Doch es gibt einige Unterschiede zwischen Maschinen und Personen als Partner unserer sozialen Gedächtnisse:

  • Wir akzeptieren bei Maschinen viel eher, dass sie zusätzliche Informationen liefern (wie z.B. beim einleitenden Beispiel) – beginnen dabei aber zu prokrastinieren (was durchaus auch mit Lerneffekten verbunden sein kann). Weil wir Maschinen kontrollieren, lassen wir eher zu abgelenkt zu werden.
  • Wir wissen bei vertrauten Menschen, wo ihre Stärken und Schwächen liegen. Wenn mein Freund mir dabei hilft, mich an wichtige Tennisresultate zu erinnern, sich aber beim French Open immer wieder täuscht, dann traue ich diesen Informationen weniger, weil ich seinen »track record« kenne. Google hat auch Schwächen, da wir aber zu wenig gut verstehen, wie Google funktioniert, können wir sie weder erkennen noch einbeziehen.
  • Wir wissen noch zu wenig über die Auswirkungen digitaler Gedächtnisse, wie Gedächtnisforscher Daniel Schacter bemerkt: Es ist nicht möglich, eine sinnvolle Kontrollgruppe zu definieren, die sich in einer Informationsgesellschaft bewegt, aber auf Computer und Internet verzichtet.

Thompsons Fazit ist durchdacht: Kreatives Denken erfordert eine große Vertrautheit mit einer Materie. Dabei ist es nicht möglich, wesentliche Inhalte auszulagern – wer eine Expertin oder ein Experte auf einem Gebiet ist, erinnert sich an alle wesentlichen Fakten und Zusammenhänge, weil sie oder er daraus zu neuen Erkenntnissen gelangen kann. »Getting young people to care about the hard stuff«, ist eine Herausforderung, die nicht neu ist, sondern die Menschen und ihre Geschichte begleitet.

Die entscheidende Frage ist also nicht, wie unser Gedächtnis strukturiert ist, sondern wie wir die nötige Tiefe bei der Konzentration auf und bei der Bearbeitung von Informationen erreichen.

The Author

philippe-wampfler.ch

3 Comments

  1. Pingback: Kompetenzen für eine digitale Welt | Schule und Social Media

  2. Lisa Rosa says

    Die oberflächliche beliebte Unterscheidung „Maschine“/“Person“ als Partner des sozialen Gedächtnisses verpasst eine wichtige Einsicht: Schon immer brauchen die Menschen „Maschinen“, also Kommunikationsmedien, um miteinander zu kommunizieren, denn Gehirne können nicht mit Gehirnen kommunizieren. Es braucht einen „vermittelnden Gegenstand“, und das ist ein Medium. Die zeigende Geste, die Sprache, die Schrift, der Druck, das Digitale sind – historisch aufsteigend – die Medien, die die Menschheitsgeschichte dafür eintwickelt hat. Existenz und Entwicklung des Bewusstsein des einzelnen Individuums ist an das regelmäßige Kommunizieren mit gesellschaftlichem Bewusstsein (an „den Anderen“) gekoppelt. Es gibt kein „einsames Bewusstsein“, und wer von jeglicher Kommunikation (und sei sie nur in Form von gespeichertem) abgeschnitten ist, wird verrückt, d.h. sein Bewusstsein geht kaputt!). Das eine ist die Voraussetzung des anderen ebenso wie gleichzeitig ihr jeweiliges Produkt.
    Auf diesem Verständnishintergrund von Gesellschaft, Medien und Psyche (Bewusstseinstätigkeit) ist also noch einsichtiger, warum das „Neue-Medien-Bashing“ in Gestalt des Kulturpessimismus Quark ist. Denn ebenso wie das „menschliche“ in den Medien vor dem Digitalen immer weniger sichtbar ist, aber trotzdem enthalten, ist es auch im Digitalen enthalten. Die Angst vor der „Maschine“, die wir als Einzelne nicht kontrollieren können, kann nur auf der Illusion bestehen, dass bisher – ohne diese Maschine – direkte Kontrolle auf immer gesellschaftliche Bewusstseinstätigkeit – möglich gewesen wäre, dass wir also absoluter Herr unserer eigenen Gedanken wären. Mitnichten. Aber das Gegenteil, dass der immer gesellschaftliche Einfluss auf unsere Gedanken gleichbedeutend wäre mit Determinismus (also Zwangssteuerung) durch die Gesellschaft (bzw. durch „die Maschine“, „die Industrie“, „das Kapital“) ist eben genauso falsch.
    Die obigen Zusammenhänge findet man übereinstimmend beschrieben und nachgewiesen z.B. bei Merlin Donald (für Hirn und Bewusstsein), bei A. N. Leont’ev (für Kultur, Lernen, Bewusstsein) und bei Michael Giesecke (für Kultur- und Mediengeschichte).

  3. Pingback: Rezension: Clive Thompson – Smarter Than You Think | Schule und Social Media

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