Nicht ganz so schlimm: Empörung und Sozialkontrolle im Netz

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Politik / Psychologie / Rezension

Wenn technophobe Darstellung des »Internets« schwerer abzuliefern sind, dann gibt es eine kleine Chance, dass wir darüber sinnvoll diskutieren können, welche Probleme Technologie lösen kann und welche Probleme sie überhaupt lösen sollte.

Dieses Zitat von Evgeny Morozov (S. 358) macht deutlich, dass nicht allein die optimistische Sprechweise über digitale Kommunikation – die ja im Zuge der NSA-Skandale fast flächendeckend verschwunden ist -, sondern auch die sich wiederholenden Befürchtungen die Aufmerksamkeit von den Fragen abziehen, die für die Zukunft und die Gesellschaft entscheidend sind.

Zwei gute Beispiele sind diese Woche erschienen: Anne Roth beschreibt im FAZ-Blog ihre Widerstände gegen die Sozialkontrolle im Netz, Thymian Bussemer bei Carta wie die »Freiheit« im Netz in »Bedrängung, Gruppenzwang und Drangsalierung« umschlagen könnten. Die folgende Lektüre der beiden Texte geht der Frage, inwiefern damit Mechanismen beschrieben sind, die durch die Digitalisierung der Kommunikation bedingt sind. Sozialkontrolle, Gruppendruck und Mobbing existieren zweifelsohne – aber hat das Netz diese destruktiven sozialen Prozesse beeinflusst oder verändert?

Roth beschreibt das Problem wie folgt:

Mit dem Versprechen einer besseren Welt kam die Erkenntnis, dass mit der Demokratisierung der Öffentlichkeit Meinungen ungebremst aufeinanderprallen, die vorher selten so sichtbar waren. […]
In der digitalen Kommunikation ist viel schwerer, Emotionen sichtbar zu machen. Ein Effekt ist, dass häufig nur negative Reaktionen sichtbar werden, weil Zustimmung selten verbal – oder in diesem Fall schriftlich – ausgedrückt wird.

So werde, das Roths Fazit, die Idee der Meinungsfreiheit im Netz »ad absurdum« geführt, indem die Sozialkontrolle des Dorfes Einzug halte: »alles wird gesehen, alles wird kommentiert«. 

Auch wenn der XKCD-Verweis auf das negative Recht der Meinungsfreiheit dem Staat gegenüber eine begriffliche Schärfung im juristische Sinne erlauben würde, ist Roths Absicht eine andere: Sie will in ihrem Beitrag darauf hinweisen, dass Meinungsbildung bei jungen Menschen abseits des Mainstreams einen Schonraum braucht. Subkulturen brauchen Freiräume, in denen sie experimentieren, Haltungen einnehmen und verwerfen können.

XKCD, »Free Speech«

Dass diese Freiräume im Web nicht existieren, halte ich für eine Perspektive, die sich historisch ergeben hat: War das Web einst ein Ort für Subkulturen, weil es für ein Stammtisch- oder Mainstream-Publikum wenig bereit hielt, hat sich das in den letzten Jahren geändert. Verloren gegangen ist nicht die Möglichkeit der Freiräume im Netz, sondern ihre Selbstverständlichkeit.

Kommentare und Kritik werden sichtbar. Schon immer wurde das streitende Paar nach dem Verlassen des Restaurants von allen Anwesenden ausgiebig besprochen, radikale Feministinnen sahen sich schon immer Kritik ausgesetzt – nur hatten sie nicht die Möglichkeit, sich die Kommentare auch anzuhören. Was aber den Unterschied zum Dorf ausmacht, ist die Möglichkeit der Filter: Der Nachbar oder die Verkäuferin im Dorfladen konnten nicht einfach geblockt, gesperrt oder ignoriert werden – im Netz ist das möglich. Es ist ein gewisser Aufwand damit verbunden, die Kommunikationsmöglichkeiten schaffen neue Belastungen und Pflichten. Aber sie verhindern nicht, dass Freiräume geschaffen werden können, in welche Kommentare und Kritik nicht ständig einbrechen.

Ist Roths Argument eingegrenzt und nachvollziehbar, so steigert sich Bussemer in einen Rundumschlag, der trotz seinen Bezügen auf zwei Neuerscheinungen – Detel/Pörksen: Der entfesselte Skandal und Klausnitzer: Das Ende des Zufalls – wahnhaft erscheint: »Die Öffentlichkeit ist seit einigen Jahren in einem rauschhaften Zustand«, heißt es da beispielsweise. Empörungswellen würden Politikern das Leben schwer machen und es Medien verunmöglichen, Nachrichten zu strukturieren, während die Teilnehmenden an diesen Empörungswellen so viele Daten im Netz hinterließen, dass ihre Existenz gefährdet sei. Das führe aber keineswegs zu Verhaltensänderungen.

Dass die Abarbeitung an der »Empörung im Netz« eine perfide Strategie ist, um bestimmte Arten der Kritik zu delegitimieren, habe ich an dieser Stelle bereits notiert. Dass bösartige Briefpost und Pakete, die Politikerinnen und Politiker erhalten, keine Folge der Digitalisierung sein dürften, ergibt sich fast von selbst. Befindet sich die Öffentlichkeit tatsächlich in einem Rausch? Nur weil ich auf Twitter oder in den Kommentarspalten der digitalen Zeitungen täglich Empörungswellen mitverfolgen kann, die gezielt geschürt werden, oft aus ganz kommerziellen Interessen, scheint mir die Öffentlichkeit selbst recht ruhig zu bleiben. Das mag an meiner eingeschränkten Perspektive liegen – aber mir scheint es nahe liegend, dass der Small Talk und der Stammtisch der Menschen sich digitalisiert hat. Ob wir zuhören, mitmachen und uns dazusetzen wollen, müssen wir entscheiden. Nur weil wir es können, heißt das nicht, dass alle Menschen es tun.

The Author

philippe-wampfler.ch

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