Sexting: Inhalte von Social Media direkt auf Pornoseiten

Die Diskussionen um Reddit bzw. den User violentacrez, ein soziales Netzwerk, wo in Unterforen in den USA legale, sexualisierte Bilder von Jugendlichen und Unwissenden verbreitet werden, führen zur Erkenntnis, dass Inhalte, die sich Jugendliche untereinander zusenden, von Pornoseiten verwendet werden. Das berichtet der Guardian.

Der Artikel zitiert die Internet Watch Foundation IWF:

88% of self-made sexual or suggestive images and videos posted by young people, often on social networking sites, are taken from their original online location and uploaded on to other websites.
[Übersetzung phw:] 88% aller selbstgemachten sexuellen oder anzüglichen Bilder und Video, die junge Menschen verbreiten, oft auf Social Media Seiten, werden auf andere Seiten hochgeladen.

Sobald Bilder ins Internet geladen werden, können sich nicht mehr kontrolliert werden. Bei sexualisierten Darstellungen ist dies besonders fatal – weil einerseits ein großes Interesse daran besteht, das mit industriellen Einnahmemöglichkeiten gekoppelt ist, andererseits die Bilder besonders intim sind.

Die IWF berichtet von jungen Menschen, deren Bilder von gestohlenen Handys oder Dritten ins Internet hochgeladen wurden. Die Folgen waren verheerend: Von der Gefährdung einer beruflichen Karriere bis hin zu psychischen Problemen und Suizidalität.

Rechtliche Möglichkeiten gibt es nur, wenn klar nachgewiesen werden kann, dass es sich bei den Bildern um in einem Land verbotene Kinderpornographie handelt.

David Wright vom UK Safer Internet Center sagt:

Much of the advice for children and young people is, quite rightly, to not ’sext‘. However, this research, coupled with our experience, demonstrates that it is still not uncommon.
[Übersetzung phw:] Der einfachste Rat für Kinder und junge Menschen ist: Kein Sexting. Unsere Untersuchungen und Erfahrungen zeigen aber, dass es immer noch verbreitet ist.

Sexting ist ein klarer Fall für die pädagogische Verantwortung in der Vermittlung von Medienkompetenz, die sich nicht darin erschöpft, die Funktionsweise von Tools kennen zu lernen.

 

Cyber-Mobbing: Die Pro Juventute-Kampagne

Pro Juventute will mit einer neuen Kampagne zu Cybermobbing Jugendliche und ihr Umfeld für das Thema sensibilisieren, wie die Organisation in einer Medienmitteilung schreibt. Die Kampagne erfolgt multimedial: Neben einem Clip (ganz unten) gibt es Plakate und eine Facebook-App (Klick aufs Bild).

Folgende Gründe für die Kampagne werden genannt:

  • Das Beratungsangebot 147.ch wird vermehrt wegen Cybermobbing in Anspruch genommen.
  • Die JAMES-Studie von 2010 zeige, dass »jeder fünfte Teenager schon erlebt habe, dass ihn jemand im Internet fertig machen« wolle.
  • Cyber-Mobbing ist nicht ortsgebunden.
  • Die Täter könnten anonym agieren.
  • Cyber-Mobbing ist der Hälfte der Jugendlichen als Begriff nicht bekannt, rund zwei Drittel wissen nicht, wo Hilfe suchen.
  • »Cyber-Mobbing kann von Schlafschwierigkeiten über Depressionen bis zum Jugendsuizid führen.«

Stephan Oetiker, Direktor von Pro Juventute, weist auf eine Überforderung von Lehrpersonen, Jugendlichen und Eltern hin:

Unsere Kampagne zeigt auf, dass: Cyber-Mobbing ein ernstes Problem ist. Wir wollen Jugendliche, Eltern und Lehrer sensibilisieren und Hilfsangebote wie die Notrufnummer 147 aufzeigen. Die Fachleute von Pro Juventute sind in ihrer täglichen Arbeit damit konfrontiert, dass sowohl Jugendliche wie Eltern und Lehrerpersonen überfordert sind mit dem Thema und sich dringend Unterstützung wünschen.

Pro Juventute setzt vor allem auf Prävention und Aufbau von Medienkompetenz. Die Organisation bietet so genannte »Medienprofis-Workshops« an.

* * *

Die Anlage der Kampagne finde ich sinnvoll: Systematischer Aufbau Medienkompetenz ist der Schlüssel im Umgang mit solchen Phänomene – ich berate Eltern und Schulen auch in solchen Fragen.

Die Kampagne selbst ist mir aber zu weit von der Online-Realität weg. Wir sehen ein männliches Model, dominierend ist das Blut, das fließt. Das wirkt drastisch: Es zeigt aber nicht psychische Bedrängnis, in die junge Menschen geraten, der Mix aus sozialen Anforderungen und Überforderungen, die Social Media mit sich bringen können.

Mir scheint es auch wichtig, dass man das Phänomen genauer fasst. »Fertig machen« im Internet ist nicht Cyber-Mobbing. Anonymität ist nicht der Grundmodus von sozialen Netzwerken. Und Medienkompetenz ist mehr als rechtliche Information und Reflexion.

In der NZZ kritisiert Ronny Nicolussi die Kampagne als Methode um an Spendengelder zu gelangen. Die angegeben Zahlen zur Häufigkeit von Cybermobbing seien stark übertrieben, zudem sei Cybermobbing fast immer ein Folgephänomen von bestehendem Mobbing – das Problem liege beim Mobbing, nicht bei der Internetkommunikation.

Meinungsfreiheit in Social Media

Auf der Trollcon hat Klaus Kusanowsky einige Einsichten zur Meinungsfreiheit vermittelt – ich zitiere meine Twitter-Zusammenfassungen:

Seine historische Analyse zeigte die ursprünglich enge Koppelung des Rechts auf Meinungsäußerung mit dem Recht, angehört zu werden. Meinungsfreiheit entkoppelt von diesem Recht führt zur Frage, was denn Meinungen noch bedeuten, wenn jede und jeder eine haben kann und die meisten nicht beachtet werden.

Das ist in Christoph Kappes‚ Analyse das »Gift der Moderne«. In seinem brillanten Rant (oder ist das ein Essay? ein Gedicht? ein Fragment?) schreibt er:

Die Aufmerksamen merken auf bis zur Unmerklichkeit. Auf Twitter heute lesen und sich heute empören, sich morgen über die Empörer empören, dann Schweigen, gelangweilt sein, Witzchen machen. Und alles wieder von vorn, bis Kommunikation zum Würfelspiel wird, weil man sich aussuchen kann, auf welchen Input man antwortet und dann selbst zur Black Box wird und mit den Schenkeln zuckt.

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In Bezug auf soziale Netzwerke haben sich in den letzten Tagen zwei Diskussionen zum Thema Meinungsfreiheit geöffnet, die einen etwas anderen Fokus haben. Grundsätzlich geht es um die Frage, ob die Betreiber solcher Netzwerke, insbesondere Twitter und Reddit, freie Meinungsäußerung beschränken sollen. Ein beliebtes Missverständnis ist, das Recht auf freie Meinungsäußerung als positives Recht zu verstehen: Es gibt kein Recht darauf, seine Meinung äußern zu dürfen. Vielmehr gibt es ein (negatives) Recht darauf, vom Staat daran nicht gehindert zu werden. Konkret heißt das: Wenn Twitter oder Reddit gewisse Meinungen nicht tolerieren will, dann haben diese Firmen das Recht dazu. Genau so, wie eine Zeitung bestimmen kann, ob sie eine Kolumne oder einen Leserbrief abdrucken will.

Flickr cutiemoo. CC BY-ND 2.0

Konkret geht es um einen Twitteraccount, den Twitter in Deutschland gesperrt hat – aus anderen Ländern ist er weiterhin verfügbar. Der Pirat Stefan Urbach hat daraufhin gefordert, Twitter müsse konsequent gegen Nazis vorgehen. Sein Argument grenzt jedoch an willkür – entsprechend kontrovers wurde es diskutiert.

Menschenverachtung ist keine Meinung, sondern eine geäußerte Einstellung. Nach meinem moralischem Kompass muss man die zugrunde liegende Ideologie bekämpfen. So lange wir das nicht geschafft haben, dürfen wir den Menschenverachtern niemals ein Podium bieten. Das hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun, sondern mit einer aufgeklärten Geisteshaltung.

Im Falle von Reddit geht es um Foren, in denen geschmacklose, menschenverachtende Bilder gepostet werden – deren Publikation in den USA aber legal ist. Dazu hat sich der CEO von Reddit, Yishan Wong, wie folgt geäußert:

We stand for free speech. This means we are not going to ban distasteful subreddits. We will not ban legal content even if we find it odious or if we personally condemn it. Not because that’s the law in the United States – because as many people have pointed out, privately-owned forums are under no obligation to uphold it – but because we believe in that ideal independently.

John Scalzi analysiert die Praxis von Reddit pragmatisch: Die User solcher Foren sind häufige Besucher auf der Seite. Entsprechend viele (Werbe-)einnahmen generieren sie. Die Politik von Reddit, alle Meinungen zuzulassen, ist nicht eine Haltung, sondern eine Strategie um möglichst viel Geld zu verdienen.

Wir können nicht erwarten, dass Unternehmen sich anderen Standards verpflichen als juristischen und ökonomischen. Es würde aber Medienunternehmen – wie das Twitter und Reddit sind – gut anstehen, transparente Regeln im Umgang mit Meinungsäußerungen zu haben und dieser verständlich zu kommunizieren.

* * *

Ein dritter Aspekt ist die Meinungsfreiheit auf Social Media und das Arbeitsrecht. Dazu möchte ich den Artikel von Patrik Tschudin empfehlen.

Meine Eindrücke zur Trollcon in Mannheim

Die erste Trollcon ist Geschichte. Ob es noch eine Trollcon braucht oder ob das Thema »Trolle« erschöpft ist, wird sich zeigen. Meinen Beitrag zur Trollcon werde ich genauer präsentieren, wenn Bilder bzw. ein Mitschnitt verfügbar ist – vorerst einige Bemerkungen zum Thema und zur Veranstaltung.

Der »Hackerspace« RaumZeitLabor in Mannheim bestimmte das Setting der Veranstaltung. Auch wenn ich durchaus mit Netzthemen vertraut bin – die anwesende Szene hat mich doch überrascht: Diese Piraten/Hacker/Nerds in den Kaputzenpullis, die an dunklen Laptops farbige Programmzeilen eintippen, kastenweise Mate trinken und nebenbei Smartphones lasergravieren oder mit 3D-Druckern spielen – die gibt es. Für mich als Mann war die Atmosphäre nett, locker lustig – alles war unkompliziert, das Essen gut. Ganz herzlichen Dank für alles – auch wenn jetzt noch Kritischeres kommt – das meine ich ernst!

Die Leute, die in diesem RaumZeitLabor ihre Zeit verbringen, hatten die Trollcon konzipiert. Damit hängt eine gewisse Faszination für Trolle zusammen: Trollen, so hatte ich den Eindruck, wird primär als Quelle der Unterhaltung betrachtet. Einige schienen etwas überrascht davon, dass das Thema von Referentinnen und Referenten diskutiert wurde, die fundierte Thesen präsentierten. Entsprechend war die Kritik auf Twitter – der Verantsaltung wurde ein undifferenziertes, verhamlosendes Troll-Verständnis vorgeworfen.

https://twitter.com/autofocus/status/259988683296493568

Es zeigten sich zwei große Fragen in der Diskussion:
a) Können Trolle überhaupt positive Effekte hervorrufen oder positiv interpretiert werden?
b) Verfolgen Trolle ein Ziel, haben sie eine Utopie? Wünschen sie sich eine Welt, in der alle trollen oder eine, in der trollen nicht mehr möglich ist?
Die Fragen sind schwer zu beantworten und hängen – das war zu erwarten – von der Definition der Figur Troll ab. Wer einfach Provokationen oder das Stören von Kommunikation als Troll-Verhalten (um-)interpretiert, trägt kaum zu einer ergiebigen Diskussion bei. Ich werde meine eigenen Überlegungen hier nicht einfließen lassen, sondern im Beitrag zu meinem Vortrag festhalten.

Enorm erstaunt hat mich, wie sehr Julia Seeliger die Anwesenden provozieren konnte. Ihr Vortrag zu »Trollfeminismus« enthielt Vorschläge, wie der feministische Diskurs durch Troll-Methoden Probleme angehen könnte, an denen er immer wieder scheitert. Einige feministische Bemerkungen zum Thema Gender im Hackerspace RaumZeitLabor führten zu heftigen Reaktionen. Mir war, als hätte sie einige der Anwesenden brutal getrollt – obwohl ich gar nicht verstand, was an ihren Bemerkungen überhaupt solche Effekte ausgelöst hat. Grundsätzliche feministische Überlegungen scheinen immer wieder eine Erklärung elementarer Zusammenhänge zu erfordern. Wer feministische Thesen vertritt und entsprechend Kritik äußert, muss damit rechnen, an- und abwesend belacht und verhöhnt zu werden.

Seeliger auf der Trollcon.

Damit wage ich es doch, die Frage nach den positiven Effekten zu beantworten. Trolle zwingen ihre Gegenüber in kommunikative Situationen, in denen sie nicht sicher sind, wie sie sich verhalten werden. Sie in ihren Reaktionen Vorstellungen und Regeln explizit machen, die vorher weder bewusst noch diskursiv zugänglich gemacht waren. Der Hackerspace RaumZeitLabor, so meine Interpretation, verstand sich vor der Tollcon als genderlosen oder post-gender Raum: Das Geschlecht der Anwesenden, so die implizite Vorstellung, spielt keine Rolle. Ob Frau, Mann oder Pony: Am Laptop klimpern, bastlen und Mate trinken dürfen und können alle. Dann kam eine feministische Journalistin und zeigte mit ihrer Kritik, dass Geschlecht nur so lange keine Rolle spielt, wie man nicht genau darüber nachdenkt und spricht.

Mein Fazit der Trollcon: Ein Abwesender, ein Soziologe, ein Lehrer, eine Philosophin und ein Pädagoge können einen Hackerspace nicht trollen. Eine Feministin schon.

Wie ein Online-Stalker vorgeht

Reddit – »The Front Page of the Internet« – ist in den USA eines der bedeutesten Social Media-Angebote. Das Forum mit einer eigenwilligen Grafik ist sehr breit in seinem Angebot – und qualitativ sehr hochstehend. Die User von Reddit können eigentlich jedes Problem lösen; Präsident Obama hat sich sogar die Zeit genommen, auf Reddit Fragen der User zu beantworten.

In einem der Sub-Reddits, Unterforen, gibt es die Möglichkeit, Geständnisse abzulegen. Ein Online-Stalker legt dort detailliert dar, wie er bei seinem Stalking-Versuch vorgegangen ist. Ein Lehrstück, wie Informationen übers Internet verbreitet werden.

Der Text eignet sich gut für eine Schulstunde. Ich übersetze ihn auf Deutsch, das englische Original lässt sich hier nachlesen.

Ich habe ein Mädchen online während Monaten gestalkt…

…bis ich einen Schritt zu weit ging.
Zunächst fand ich das Mädchen per Zufall auf Tumblr. Ich klickte durch Posts und Quellenangaben bis ich ihr Bild sah. Ihr Bild. Gott, ist sie schön. Und sexy. Zweifelsohne eines der schönsten Mädchen, das ich je gesehen hatte.
Ich durchsuchte ihre Tumblr-Seite bis ich ihre anderen Social Media-Profile gefunden hatte. Alle waren öffentlich…
Twitter, Instagram, Facebook, Pinterest. Sie war nicht zurückhaltend mit dem, was sie veröffentlichte. Viele Nacktbilder und andere sexy Aufnahmen, aber auch viele Schnappschüsse. Das Mädchen ist atemberaumbend.
Schließlich schaute ich mir ihre Instagram-Bilder auf einer Drittseite an und bemerkte – ihre Bilder waren mit Geotags versehen. Eins. Zwei. Drei. Und so weiter. Geotags verzeichneten ihr ganzes Leben auf einer Karte. Shit, das kann ja nicht sein. Diese Tags. Die meisten waren weniger als eine Stunde von mir zuhause entfernt. Dieses Mädchen lebt nicht auf der anderen Seite der Welt, sondern in nächster Nähe! Da begann es. Ich weiß nicht, was mich ergriff, aber ich begann, tiefer zu graben. Ich musste einfach.
Während der nächsten Monate sammelte ich alle Informationen von allen Social Media Profilen des Mädchens.
Ich fand heraus, wo sie wohnte, wo sie arbeitete, wo sie zur Schule ging, was sie studierte, in welchem Schulareal, in welchem Gebäude. Ich fand auch ihren Stundenplan heraus. Ich wusste, wer ihre nächsten Freunde waren, ihre Namen und wo sie wohnten (sie hatte auch diese Bilder mit Geotags versehen). Ich wusste, wo ihre Eltern wohnten, ihre Schwester und ihr Freund. Sie machte so viele Fotos von ihrer Wohnung, dass ich einen Plan hätte zeichnen können. Ich wusste, wo sie ihre Freizeit verbrachte und welche Lokale sie frequentierte. Ich wusste, was für ein Auto sie fuhr und wo sie tankte.
Um sicher zu sein, schaute ich die Satellitenbilder von Google Maps an und benutzten Google Street View um Bäume und andere Objekte zu identifizieren, die man im Hintergrund von Bildern sah. Ich konnte nicht aufhören, es ergriff mich. All das hätte ich nicht wissen sollen und auch sonst niemand.
Mit all diesen Fragmenten konnte ich ihr ganzes Leben zusammensetzen. Es war erstaunlich und fühlte sich gut an, obwohl ich nicht weiß, warum. Aber ich tat nichts; es war einfach wie ein Spiel.
Bis ich eines Tages, auf meinem Heimweg – ich machte zuerst ein paar Einkäufe. Ich hielt an einem Rotlicht und plötzlich wurde mir klar: Hier wohnt sie. Ich bin in ihrer Nähe. Ich erkannte alles um mich herum, obwohl ich noch nie hier gewesen war. Ich erkannte Schilder, Läden, Bäume. Ich war da. Es war kein SPiel mehr. Sobald die Ampel grün wurde, entschied ich mich. Ich tat es. Ich fuhr herum, bis ich zu ihrer Strasse kam.
Dort war es. Ich fuhr weiter und da vorne war ihr Haus. Ihr Auto. Sie selber.
Alles, was ich zusammengesetzt hatte, war echt. Nicht nur Daten im Computer, Einsen und Nullen. Ich fuhr vorbei, schaute mir das Haus an. Ich erkannte die Vorhänge, sie hatte sie auf Instagram gepostet.
Was zum Teufel tat ich hier?
Ich drückte aufs Gas und fuhr heim. Ich musste weg. Das ist kein Spiel, du Idiot, das ist ein Leben von jemandem.
Ich weiß nicht, warum ich das hier aufschreibe. Es ist über ein Monat her, dass ich bei ihrem Haus vorbeifuhr, und bisher habe ich nicht einmal mehr ans Stalking gedacht. Aber ich musste das einfach loswerden. Bitte nimm das als Warnung, deine Online-Identiät zu schützen. Ihre Postings enthielten alleine nicht zu viel Information. Aber sie erwartete nicht, dass sich jemand die Mühe machte, alles zu kombinieren.

Entscheidende Punkte sind:

  • Der Wille zum Stalking entstand als Nebenprodukt, aus einer Social Media-Dynamik.
  • Problematisch ist die Verknüpfung verschiedener Accounts.
  • Geotagging ist etwas, was viele Kameras automatisch machen. Die entsprechenden Seiten zeigen Informationen an, als User merkt man das unter Umständen gar nicht.
  • Das Risiko berechnet sich nicht aus einzelnen Postings, sondern aus ihrer Kombination.
  • Der Stalker kannte zunächst keine Daten wie Adresse, Telefonnummern oder Namen.

Rezension: Passig/Lobo – Internet. Segen oder Fluch

Das Autorenteam Kathrin Passig und Sascha Lobo unternimmt mir ihrem neuesten Buch den Versuch, die Debatte ums Internet zu verflüssigen und in konstruktive Bahnen zu lenken.

Der dringend notwendige Diskurs um das Internet, seine Bedeutung für unser Leben und seine Folgen ist ritualisiert und erstarrt. (7)

Passig und Lobo. Flickr: simsullen. CC NC-BY-NC 2.0

Es handle sich um einen »dauerhafteren, komplexeren Konflikt, mit dem wir einen Umgang finden müssen« (9). Das tun sie, indem sie die »zentralen Eckpunkte« der Debatte – das kleine Wortspiel stammt aus diesem Vortrag von Sascha Lobo – humorvoll aufrollen, zeigen, welche Argumente sich erschöpft haben und die Diskussion nicht vorwärtsbringen und was eigentlich – das das unterliegende Hauptthema des Buches – denn wirklich spezifisch mit dem Internet zusammenhängt und was allgemeine Probleme der Menschheit, ihres Umganges mit Technologie und mit Informationen sind:

Die Digitalisierung färbt die Welt nicht schwarz-weiß, nur weil sie mit Nullen und Einsen zu tun hat, ebenso wenig wie Geigen den Konzertsaal in einen Schafstall verwandeln, nur weil sie mit Darmsaiten bespannt sind. Technik beantwortet die einfachen Fragen […] Alle wirklich interessanten Probleme existieren nach der Erfindung neuer Techniken ungerührt weiter. Was im Umkehrschluss aber auch bedeutet, dass alle angeblich durch Technik in die Welt kommenden Probleme entweder vorher schon existiert haben oder einfach nicht sehr interessant sind. (298)

Wie in einem Auszug auf SPON nachzulesen ist, zeichnen Passig und Lobo die Argumente der »Internetoptimisten« und der »Internetskeptiker« nach. Damit gelingt ihnen der »Versuch[] der Vermittlung« (14) zwischen den beiden Positionen ausgezeichnet, obwohl sie nicht verbergen, dass sie die digitale Welt mögen.

Das Buch richtet sich an ein breites Publikum: Internetaffine Menschen finden darin unterhaltsame Vergleiche, Gedankenexperimente und Zusammenfassungen wichtiger Inputs und Debatten, die nicht alle bekannt sind. Aber Internetaffinität ist keine Voraussetzung, es wird erklärt, wie digitale Phänomene zu verstehen sind – und zwar so, dass sich niemand langweilt. (Wenn man den beiden Schreibenden einen Vorwurf machen könnte, dann den, dass sie ihre erste Regel im Umgang mit Metaphern, man solle sie »sparsam und risikobewusst«(48) einsetzen, offenbar beim Schreiben des Buches nicht beachtet haben.)

Ich möchte im Folgenden ein Kapitel genauer zusammenfassen – das über den sozialen Aspekt von Social Media: »Entfremdung und Nähe« (220 – 240). Es wird strukturiert durch »Frontverläufe« (222):

  • Vereinsamung und Gesellschaftsbildung.
    Fazit: »Es gibt Onlinesozialkontakte, wenn man es so empfindet.« (227)
  • Narzissmus und Empathie.
    Fazit: »[…] wenn wir im negativsten Fall annehmen, dass gar nicht zu unterscheiden ist, ob im Netz echte Empathie wirkt oder nur aus narzisstischen Gründen vorgetäuschte Empathie: Das gilt außerhalb genauso. Wenn das Netz schlecht und unsozial sein soll, ist es die Welt auch.« (232)
  • Oberflächlichkeit und Unterflächlichkeit: »Der Programmierspruch: ‚It’s not a bug, it’s a feature‘ kann eben auch für die Oberflächlichkeit gelten. [Es könnte sein, (phw)] dass schwache Verbindungen entgegen der allgemeinen Auffassung geradezu unersetzlich für den sozialen Austausch sind.« (236f.)

Es ist ein geeignetes Kapitel, um festzustellen, wie Passig und Lobo argumentieren: Sie vermeiden Komplexität nicht und sie scheuen sich auch nicht, Fragen zu stellen, Lücken offen zu lassen. Gleichzeitig sind sie äußerst belesen und bringen ihre Sachkenntnis ohne Affekt ein: Sie beschreiben beispielsweise, wie Profile auf Facebook Arbeitspsychologen zu präziseren Einschätzungen von BewerberInnen befähigen als standardisierte Eignungstests.

Wenn aber ein simples, gar nicht darauf zugeschnittenes Facebook-Profil mehr über die berufliche Eignung einer Person sagt als seit vierzig Jahren von Fachleuten für diesen Zweck entwickelte Tests – dann heißt das auch, dass soziale Netzwerke eine ungeahnte Tiefe bergen. (235)

Vergleiche bringen den Leser dazu, sich Fragen zu stellen, deren Antworten er schon zu kennen gemeint hat: So beginnt das Kapitel mit der Aufforderung, sich eine Welt vorzustellen, in der zuerst das soziale Computerspiel und dann das Buch erfunden worden wäre. Wie würden Eltern und ErzieherInnen reagieren, wenn Kinder plötzlich Bücher läsen? (220) Oder: Wurden die ersten Menschen, die sich Kleider angezogen haben, auch als Selbstdarsteller beschimpft? (230)

Fazit: Wer nicht in einer argumentativen Schlaufe in Bezug auf das Internet stecken bleiben will, sondern gewillt ist, sich neu zu orientieren, Argumente zu prüfen, sich anregen zu lassen, der oder die kann im Moment kein bessere, aktuelleres und lustigeres Buch lesen als das von Passig und Lobo. Auf dem »Beipackzettel« von Sascha Lobo kann man auch nachlesen, wann man das Buch lesen soll:

  • […]
  • man technische und gesellschaftliche Hintergründe erfahren möchte zu den meistdiskutierten Netzthemen
  • man wissen will, wo welche Argumente vermieden werden sollten und warum
  • man ernüchtert werden möchte, weil hinter manchen Bereichen der Debatte schlicht unauflösbare Gegensätze stehen (Spoiler: zum Glück nicht hinter allen)
  • man manchmal nachts unter der Bettdecke heimlich daran zweifelt, ob man wirklich überall immer richtig liegt
  • man andere Positionen und ihre Geschichte verstehen möchte
  • kurz: wenn man Teil der Lösung sein möchte und nicht Teil des Problems.

Umgang mit der »digitalen Schnellwelt«

Im Magazin Cicero hat Christian Jakubetz einen präzisen Blogpost publiziert, in dem er die kulturpessimistischen und internet-skeptischen Debatten der letzten Wochen zusammenfasst und darauf reagiert. Er bezieht sich vor allem auf Manfred Spitzer und Anitra Eggler, über die er schreibt:

Beide surfen auf einer Angstwelle und kommen zu der Idee, man müsse diesem digitalen Wahnsinn einfach nur ein paar Grenzen setzen und schon sei alles wieder gut. […] Das Blöde daran ist ja nur, dass uns das alles nicht im geringsten weiter bringt: Weder lässt sich mit der Digitalisierung des Lebens umgehen, indem man nur noch zweimal am Tag Mails liest noch damit, dass man erst im Alter von 14 Jahren regelmäßig an den Rechner darf.

Jakubetz geht davon aus, dass ein Wandel stattfinde, der nicht zu stoppen ist. Die Reaktion der Verweigerung sei zwar naheliegend, aber wertlos.

Dass die Welt etwas schneller und vielkanaliger und natürlich mal wieder etwas komplizierter geworden ist, lässt sich nicht dadurch ändern, wenn man so tut, als wäre es einfach nicht so. […] Digitalisierung [ist] etwas, was es seit Jahrmillionen gibt: eine Evolution, eine Weiterentwicklung – etwas, von dem uns unsere Kinder irgendwann mal ernsthaft fragen werden, wie eigentlich Leben möglich war, bevor es sowas gab.

Deshalb sei keine spezielle Reaktion darauf erforderlich. Der Mensch kenne einfache Lösungen, um mit Überforderung, parallelen Handlungen und hoher Geschwindigkeit umzugehen: Der Glaube an die Richtigkeit des eigenen Handelns, Nachfragen, einzelne Kanäle ausblenden, Störendes ignorieren. Die Digitalisierung bringe hier nichts wesentlich Neues – und deshalb seien auch keine eigenen, spezifischen Haltungen nötig, um dem digitalen Leben zu begegnen, »weil diese digitale Welt so parallel gar nicht ist, sondern in ihren Grundzügen schon ziemlich meiner echten entspricht«.

 

Wie 1.5 Millionen Blogs von Lehrpersonen und ihren SchülerInnen gelöscht wurden

Wie Netzpolitik.org berichtet, wurde die Seite edublogs.org vom Server-Betreiber ServerBeach gelöscht. Die Seite ist momentan erreichbar, ebenfalls die dort gehosteten Blogs.

Die Auskünfte der Betreiber von Edublogs, dem größten Anbieter für Bildungsblogs in den USA, sind trotzdem interessant. Der Schulbuchverlag Pearson hat mit einer DMCA-Takedown-Notice von SeverBeach verlangt, das Angebot von Edublogs zu löschen. Es ging um einen Test eines Psychiaters namens Beck (»Beck’s Hopelessness Scale«), mit dem er in den 1970er-Jahren Einschätzungen für Suizidrisiken vorgenommen hat. Das File ist immer noch verfügbar, es ist im Google-Cache gespeichert.

Pikant an der Geschichte sind folgende Tatsachen:

  1. Die Skala wurde 2007 publiziert.
  2. Pearson verlangt $120 für dieses Skala, die wenige Fragen umfasst.
  3. Pearson verlange nicht, dass die Skala gelöscht wird, sondern alle 1.5 Millionen Blogs.
  4. ServerBeach hat dieser Aufforderung Folge geleistet.

Man lernt daraus: Wer Blogs sicher publizieren will, darf sich nicht von Plattformen abhängig machen. Dasselbe könnte theoretisch auch wordpress.com passieren, wo dieser Blog gespeichert ist. Wer solche Dienste nutzt, muss regelmässige Backups anlegen, sonst könnten alle Daten verloren gehen – nicht wegen eines eigenen Fehlers, sondern wegen jemandem, der ebenfalls diesen Dienst nutzt.

»dark social« – das Netz war schon immer sozial

Technikjournalist Alexis Madrigal diskutiert im Atlantic die Frage, ob Effekte, wie sie in Social Media sichtbar werden, nicht schon immer zur Struktur des Internets gehört haben. Er summiert diese Effekte unter dem Begriff Dark Social:

My whole Internet life involved sharing links with local and Internet friends. How was I supposed to believe that somehow […] Facebook created a social web out of what was previously a lonely journey in cyberspace when I knew that this has not been my experience?
[Übersetzung phw:] Zu meinem Leben im Internet gehört immer, dass ich Links mit Bekannten und Internet-Freunden geteilt habe. Wie könnte ich glauben, dass Facebook ein soziales Netz aus etwas geschaffen habe, was vorher eine einsame Reise im Cyberspace war, wenn das überhaupt nicht meiner Erfahrung entsprach?

Zum Bereich Dark Social gehören Links, die man per Email oder in Chats verschickt, in Unterlagen abdruckt etc.

Madrigal begann, diese Effekte zu messen. Die unten stehende Grafik Seitenaufrufe auf The Atlantic, mit denen direkt einzelne Artikel aufgerufen werden (Suchmaschinen sind weggelassen, Links von Startseiten aus ebenfalls). Dark Social bringt 2.5x so viel Traffic wie Facebook, auch mehr als alle Suchmaschinen kombiniert.

Der Effekt, so Madrigal, ist auf anderen Seiten ähnlich, teilweise sogar größer.

Er zieht darauf folgende Schlüsse:

  1. Es bringt verhältnismässig wenig, Twitter und FB-Aktivitäten zu optimieren, wenn man viele Besucherinnen und Besucher auf seine Seiten locken will. Dark Social ist nicht beeinflussbar.
  2. Social Media hat soziale Funktionen nicht eingeführt, sondern strukturiert und sichtbar gemacht. Sie machen User zu öffentlichen Personen, die auf ihren Profilen soziale Interaktionen publizieren. Das hat Vor-, aber auch Nachteile: Es existieren mehr Daten, die unterschiedlich genutzt werden können.
  3. Menschen haben soziale Netzwerke mit den technologischen Mitteln des Web 1.0 konstruiert.  Die Geschichte des Internets geht zu stark von den technischen Möglichkeiten aus, nicht von ihrer Benutzung.

Madrigal schließt mit einem interessanten Fazit:

We’re not giving our personal data in exchange for the ability to share links with friends. Massive numbers of people — a larger set than exists on any social network — already do that outside the social networks. Rather, we’re exchanging our personal data in exchange for the ability to publish and archive a record of our sharing. That may be a transaction you want to make, but it might not be the one you’ve been told you made.
[Übersetzung phw:] Wir tauchen unsere Daten nicht geen die Möglichkeit ein, Links mit Freunden zu teilen. Viele Menschen tun das bereits außerhalb von sozialen Netzwerken. Vielmehr tauschen wir persönlichen Daten gegen die Möglichkeit ein zu publizieren und unsere Aktivitäten archivieren zu können. Natürlich kann man das tun, aber vielleicht ist es nicht das, was einem gesagt wurde.

Rezension: Bert te Wildt – Medialisation

Bert te Wildt ist Oberarzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin an der medizinischen Hochschule in Bochum. Dieses Jahr ist bei Vandenhoeck & Ruprecht sein Buch mit dem Titel »Medialisation. Von der Medienabhängigkeit des Menschen« erschienen. Im Folgenden eine Rezension, die wiederum zwei Teile aufweist: einen zusammenfassenden und einen kritisch-wertenden. (Kleine Anmerkung: Ich bin daran interessiert, solche Rezensionen auch in anderen Publikationen unterzubringen und würde sie auch entsprechend umschreiben. Kontakt.)

Das Buch beschreibt das Phänomen der Medialisation, das der Autor wie folgt definiert:

Medialisation meint die kollektive Umsiedlung des Menschen in denjenigen medialen Raum, in dem er sich seine individuellen und kollektiven Träume zu erfüllen hofft. (13)

 Auch wenn Medien den Menschen als solchen überhaupt erst ausmachen, schon immer ausgemacht haben, und das Leben der Menschen schon immer auch in einem medialen Raum stattgefunden hat, so sind wir daran, einen entscheidenden Schritt zu erleben: das Mediale wird zum »entscheidenden Referenzbereich« (wenn ich etwas erlebe, so muss ich es filmen oder fotografieren) und auch zum »zentralen Lebensbereich« (16).

Diesen Umbruch behandelt te Wildt nun kritisch und stellt die Frage nach der Möglichkeit und Bedeutung einer Medienabhängigkeit des Menschen. Damit meint er nicht nur ein pathologischen Phänomen von Mediensüchtigen, sondern ganz allgemein die Vorstellung, dass Medienabhängigkeiten den Menschen ausmachen könnte. Diesem Themenfeld nähert sich te Wildt von den verschiedenen Mediendisziplinen her, denen er jeweils ein Kapitel widmet: Mediengeschichte, -theorie, -technologie, -ökonomie, -soziologie, -psychologie, -anthropologie, -pädagogik, -politik, -ästhetik und Medienphilosophie.

Der zentrale Gedanke dabei ist, dass die Omnipräsenz des Medialen dazu führt, dass Bedürfnisse unmittelbar gestillt werden können. Technische Möglichkeiten machen Menschen dabei zu Kleinkindern, so te Wild: Sie geben jedem Trieb nach und befriedigen ihn virtuell. Dabei vernachlässigen sie ihre »realen«, d.h. körperlichen und existenziellen Bedürfnisse und decken sie mit simulierter Befriedigung zu (98ff.). Diese Simulation versagt aber im Ernstfall:

[Im Internet] wird kein Hungernder satt gemacht, kein Mensch umfassend geliebt, kein Kind gezeugt und geboren, kein Kranker gepflegt und kein Sterbender begleitet und beerdigt. (120)

Medienabhängigkeit ist ein Risiko, dem Arme stärker ausgesetzt sind: Ähnlich wie beim Essen werden sich einen gesunden Zugang zur Realität, d.h. die Erfahrung des eigenen Körpers in der Natur, nur noch Reiche leisten können (101ff.); gleichzeitig ist Medienabhängigkeit aber auch ein Armutsrisiko – wer in die Sphäre des Medialen und Virtuellen abdriftet, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit arm als ander Menschen.

Das psychologisch tiefgründigste Argument hat mit dem Bewusstsein zu tun. Es entsteht durch die Kopplung von innerer und äusserer Wahrnehmung (112). Nun gibt es nach te Wildt zwei Arten von Medialität: intrapsychische (Introspektion) und extrapsychische (Abstraktionsfähigkeit) (184f.). »Medialisation« verhindert durch ein Übergewicht von extrapsychischen, kollektiv entstandener Medialität den Aufbau einer intrapsychischen, individuellen. te Wildt bringt das verständlich auf den Punkt:

Wird das Kind mulitmedial von kollektiven Vorstellungsbildern überflutet, so fehlen ihm die Zeit und der Raum, innerhalb seiner selbst eine mentale Sphäre auszubilden, die noch dann existiert, wenn alle Medien abgeschaltet sind. (191)

Pädagogisch plädiert te Wildt für die Erfahrung des Körpers, das Hervorbringen der Stimme, der Schrift mit nicht abstrahierten Mitteln. Computer und Internet können allenfalls Erfahrungen begleiten, nicht aber ersetzen.

Dieses Argument begründet er auch mit differenzierten Bemerkungen zur Medienabhängigkeit oder -sucht als Krankheit. Anders als Spitzer zeigt er genau, weshalb er Medienabhängigkeit als eigenständiges Krankheitsbild betrachtet (139ff.):

  • Es tritt zwar oft mit anderen Krankheitsbildern (Depressionen, Angststörungen) zusammen auf, aber das ist auch bei stoffgebundenen Abhängigkeiten meist der Fall. Die Medizin gibt keine Kausalität vor (waren zuerst die Depressionen und dann die Abhängigkeit oder umgekehrt), sondern beschreibt Phänomene.
  • Medienabhängigkeit betrifft hauptsächlich Heranwachsende, ihre Folgen sind daher besonders verheerend.
  • Medienabhängige verlagern Beziehungen und Beziehungsarbeit ins Mediale. Sie erstellen Profile oder Avatare ihrer selbst, an die zentrale Beziehungen anknüpfen. So sind sie gezwungen, viel Zeit dafür aufzuwenden, was den Suchtcharakter verstärkt, gleichzeitig erleben sie aber zufällige Ausschüttungen von Belohnung, wie das bei Glücksspielen der Fall ist, für die es auch eine medizinisch anerkannte Abhängigkeit gibt.
  • Diese »virtuelle Dimension von Beziehungen« führt dazu, dass »das empathische Moment leide[t] oder gar verkommen könnte« (220). Menschen verlieren das Mitgefühl, weil sie ausserstande sind, handeln zu helfen: Sie können im Medialen nur zuschauen.
  • Medien bieten die Möglichkeit der Realitätsflucht: Realität und Wirklichkeitsansprüche driften auseinander – kann die Realität die Ansprüche nicht befriedigen, werden sie ins Mediale externalisiert und zum Objekt gemacht (172).

te Wildt fordert intensivere Forschung, bevor gesagt werden könne, welche Therapieansätze sich als wirksam erweisen können (144ff.).

Medialisation, so kann zusammenfassend gesagt werden, ist gefährlich, weil Funktionen des menschlichen Daseins und Zusammenlebens in die virtuelle Sphäre ausgelagert werden und niemand sagen kann, wer die kontrolliert oder allenfalls manipuliert (124).

Im Schlussteil des Buches fragt te Wildt nach den Möglichkeiten einer Metamorphose des Menschen, der Lösung des Bewusstseins vom Körper. Bislang handle es sich »beim virtuellen Universum [aber um] nicht mehr als ein Versuch, im besten Falle eine Vorbereitung des Menschen, sich einer Metamorphose zu unterziehen« (250). Das Fazit lautet dann:

Die vielfältige Realitätsflucht des Menschen am Scheideweg wird hinter dem Hunger nach realer Nahrung zu einem der größten globalen Probleme, nicht zuletzt deshalb, weil sie uns von den wirklich drängenden Fragen der Menschheit abhält. Im besten Falle können wir lernen, in beiden Welten, der konkreten und der virtuellen Realität, zu leben und die eine für die andere nutzbar zu machen. Da die pathologische, die medienkritische Sicht das mediale Gesamtbild in den bisherigen Ausführungen getrübt haben mag, darf nicht unerwähnt bleiben, dass die neuen Technologischen, gerade auch das Internet, organisatorisch und bildungstechnisch nutzbar gemacht werden können, um den weltweiten konkret-realen Nöten beizukommen. Ds wäre eine Art von Medialisation, die die Zivilisation nicht ablöst, sondern erreicht, unterstützt und vielleicht auf eine höhere Ebene trägt. […] (251)

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te Wildt ist belesen, er schreibt differenziert, entwickelt Gedankengänge und Argumente sauber und definiert zentrale Begriffe. Das macht das Buch lesenswert, es ist eine Fundgrube für medienpsychologische und medienphilosophische Zusammenhänge. Der Autor will aber zu viel: In einer tour de force befragt er alle Medienwissenschaften, stellt zu viele Zusammenhänge dar und wiederholt sich nicht zuletzt. Das Buch ist zu lang geraten. Die Hauptargumente sind in ihm verborgen. Wünschenswert wäre ein weniger umständlicher Aufbau gewesen: Einen anthropologisch-theoretischen Zugang zum Menschen als Medienwesen und konkrete, praktische Aussagen zu Medienabhängigkeit als Krankheit und zu Therapiemöglichkeiten.

Die Wahl eines rein theoretischen Ansatzes verhindert, dass nicht-geschulte Leserinnen und Leser sich anhand von Beispielen Vorstellungen machen können, wie denn die neue Medienwelt konkret funktioniert, welche Spiele gespielt werden, wie der Sog der Interaktivität konkret wirkt. Es werden keine Fallbeispiele genannt, nicht einmal konkrete Software findet Erwähnung – auch wenn man leicht schließen kann, dass das Buch hauptsächlich auf dem Umgang mit World of Warcraft beruht.

Es ist te Wildt zugute zu halten, dass er kaum wertet. Er stellt Zusammenhänge dar, wirft Fragen auf, aber er malt keine Katastrophenszenarien und hält immer wieder fest, dass Medialität auch viele Möglichkeiten bereit hält. Er ist nie dogmatisch. Ein Schlüsselzitat dazu darf man sich für medienpolitische Debatten merken:

Es ist bisher nicht möglich zu sagen, ob die negativen oder positiven Passungen im Netz überwiegen. Momentan hängt diese Einschätzung nicht von wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen ab, sondern vom eigenen Weltbild. (119)

Pathos dringt nur stellenweise durch, vor allem die Forderung nach Medienabstinenz in der Erziehung reißt te Wildt dazu hin, leicht emotional zu werden und Menschen, die eine Beschränkung der Möglichkeiten des Internets verhindern wollen, die Fähigkeit abspricht, ihre Kinder zu erziehen (203f.).

Es gibt aber einige Klischees über neue Medien, die te Wildt gerne und ohne Nachweis durch Studien übernimmt: Im Internet sei es »einfacher einen Sexualpartner zu finden als einen Liebespartner« (121), Blogs und Twitter seien Ausdruck einer tiefen Verunsicherung (169f.), viele Filme würden gegen den Willen der Betroffenen ins Internet gestellt (221) und der Konsum von Kinderpornografie im Internet stelle »längst keine Randerscheinung mehr« dar (ebd.). Auch die Formulierung, die »eigene virtuelle Freiheit [höre da auf], wo die virtuelle Freiheit des Anderen anfängt« (89) greift einen Gedanken auf, der durch die virtuelle Dimension noch unklarer wird: Wo ist denn überhaupt die Grenze, wo die Freiheiten aneinander stossen? Und wie soll ich eine Grenze von aussen sehen, die sich mir immer nur von innen präsentiert? Und wie zieht man im »Cyberspace«, der ja gerade nur metaphorisch ein Ort ist, eine Grenze?

Problematisch erscheinen mir te Wildts Einschübe von unreflektierten Gemeinplätzen aber nur bei einem zentralen Argument: Das Internet führe zu einer sofortigen Bedürfnisbefriedigung, während Medien wie »eine […] Tageszeitung, ein Buch oder eine Nachrichtensendung« bewusst gewählt werden. Diese Abgrenzung erscheint sehr künstlich, was in te Wildts unsorgfältiger Mediendefinition liegt: Während er in der Einleitung Definitionen einen eigenen Abschnitt widmet und dort angibt, er werde mit der Definition von Mike Sandbothe arbeiten: »Medien sind Werkzeuge zwischenmenschlichen Handelns« (Sandbothe, zitiert S. 30).

Nun ist – und das hält te Wildt explizit fest – natürlich auch Gespräche Medien, Gesang, Handgeschriebenes, Bücher, Zeitungen etc. Wenn man nun einen qualitativen Bruch beschreiben möchte, dann reicht es meines Erachtens nicht aus darauf zu verweisen, die Funktionsweise eines Computers würde nicht verstanden (189), die eines Bleistifts hingegen schon. Menschen verstehen meist nicht, wie der Herstellungsprozess von Büchern oder Zeitungen funktioniert, sie lesen sie trotzdem mit Gewinn. Der springende Punkt ist gerade die Bewusstseinsbildung, die te Wildt sauber erklärt, die aber eine unscharfe Grenze darstellt: Man kann den Ort nicht bezeichnen, an dem ich mich durch soziale Medien fremdbestimmen und manipulieren lasse, von ihnen abhängig werde. Diese Prozesse sind nicht notwendigerweise mit dem Internet oder der Digitalisierung verbunden – aber sehr häufig.

Letztlich verfällt te Wildt der biogenetischen Grundregel, also der Vorstellung, die Entwicklung des Menschen vom Säugling zum Erwachsenen sei eine Art Nachvollzug der Entstehung der Menschheit als Art. So postuliert er, jede Medium habe »seine Zeit« – und Bildschirmmedien, wie von Spitzer und anderen festgehalten, dürften erst von Erwachsenen genutzt werden. Dieser Grundgedanke kann kaum begründet werden – auch wenn die pädagogischen Konsequenzen darauf durchaus einleuchten mögen.

Eine Antwort auf eine entscheidende Frage vermag te Wildt nicht zu bieten. Er zitiert Günther Anders »Die Antiquitiertheit des Menschen« von 1956, der schreibt:

Denn aus der Unterstellung, wir, ausschließlich mit Ersatz, Schablonen und Phantomen genährte Wesen wären noch Iche mit einem Selbst, könnten also noch davon abgehalten werden, ‚wir selbst‘ zu sein oder zu ‚uns selbst‘ zu kommen, spricht vielleicht ein heute nicht mehr gerechtfertigter Optimismus. Liegt nicht der Augenblick, in dem ‚Entfremdung‘ als Aktion und Vorgang noch möglich ist, bereits hinter uns? (Anders, zitiert S. 101)

In seiner Konsequenz bedeutet dieser Gedanke, dass keine Trennung zwischen »realen« und »virtuellen« Bedürfnissen mehr möglich ist. Die scheinbar simulierte Bedürfnisbefriedigung wäre dann die echte und die Forderung, den Körper in der Natur zu entwickeln eine normative, die dem Fehlschluss unterliegt, der Wert der Natur sei deshalb höher zu werten als die Virtualität, weil es sie schon immer gegeben habe. Wie kann man hier sauber argumentieren und trennen?

(Am 28. Oktober 2012 ist diese Rezension in der Ausgabe 8(2) von e-beratungsjournal.net erschienen.)