Rezepte gegen die Überforderung durch Smartphones im Unterricht

***(Ich biete Schulen, Lehrpersonen und Eltern Coachings und Schulungen zum Thema Smartphones im Unterricht an. Meine Kontaktangaben finden sich hier.)***

An der Kantonsschule Wohlen hat ein Lehrer ein teures Smartphone einer Schülerin unters Wasser gehalten, wie zuerst die Schülerzeitung NAKT berichtete (S.22). In der Aargauer Zeitung wird der Fall heute auch besprochen – zusammen mit einer Umfrage an den Kantonsschulen im Kanton Aargau, wie man mit Handy im Unterricht umgehe. Da ich die Arbeitsgruppe »Mobile Kommunikationsgeräte« an der Kantonsschule Wettingen leite, möchte ich kurz Stellung nehmen zum Vorfall.

Zunächst gilt es eine Überforderung einzugestehen: Mit den Smartphones ist das Internet im Unterricht präsent. Es geht nicht einfach um eine Ablenkungsquelle, auch wenn viele Lehrpersonen das so darstellen. Seit es Schule gibt, schreiben die Lernenden Briefchen, lesen Bücher, füllen Kreuzworträtsel aus. Ablenkung ist etwas, womit Schule umgehen kann. Die Überforderung entsteht, weil Schülerinnen und Schüler jederzeit Informationen abrufen können und mit anderen Menschen in Verbindung treten können. Dieser Überforderung muss man sich stellen.

Was sind nun Rezepte? Das einfachste Rezept wäre, sich darauf einzustellen und diese Tatsache produktiv zu nutzen. Es zu begrüssen, dass Informationen abgerufen werden können und Schülerinnen und Schüler dazu einzuladen, das auch zu tun. (Und natürlich reagieren, wenn Smartphones den Unterricht stören oder einzelne Schülerinnen und Schüler ablenken.)

Weiter braucht es klare Regeln, die zudem umsetzbar sind. In der Arbeitsgruppe haben wir zwei Verwendungsweisen unterschieden: Eine private und eine schulische.

Schulen können zwei sinnvolle Restriktionen verfügen: Entweder den privaten Gebrauch an der Schule gänzlich zu verbieten – und damit wohl auch das Mitbringen und Mitführen von entsprechenden Geräten (was zunehmend schwierig wird, weil wir bald auch mit unserem Taschenrechner oder unserer Uhr ins Internet können); oder aber in gewissen Räumen (z.B. Unterrichtsräumen, analog zum Essen) die Benutzung von mobilen Kommunikationsgeräten zu verbieten.

Der entscheidende Punkt ist die Umsetzung: Ist die Schule gewillt, entsprechende Ressourcen für die Durchsetzung dieser Regelungen bereit zu stellen? Kann sie sinnvolle Massnahmen oder Strafen festlegen, die einer Lernkultur nicht abträglich sind?

Ich würde eher für ein »Learner Profile« plädieren, das sich so lesen könnte:

Lehrpersonen, Angestellte und Schülerinnen und Schüler verwenden private und schuleigene technische Lernunterstützung. Sie vermeiden Ablenkungen vom Unterricht und vom Lernen unter allen Umständen. Da mobile Geräte die Konzentration und den sozialen Zusammenhalt stören können, wird die Nutzung an der Schule auf das Notwendige beschränkt.

Damit wird auch klar, dass entsprechende Lösungen immer Lehrpersonen mitbetreffen sollen und müssen.

Für den schulischen Gebrauch – der ja dann gerade wieder die nötigen Kompetenzen zum Umgang mit mobilen Kommunikationsmitteln vermitteln soll – gilt Folgendes:

Die Vermittlung von Kompetenzen muss immer mit einer Reflexion verbunden sein. Ist das nun das richtige Mittel für diese Aufgabe? Daraus sollte ein Bewusstsein entstehen, das dann auch den Privatgebrauch mit einschließt.

Social Media lernen und lehren mit einem Social Media Portfolio

Update, November 2013: Ich habe die hier skizzierte Vorgehensweise ausführlicher in einem separaten Dokument formuliert, das hier als pdf runtergeladen werden kann.

* * *

Letzte Woche habe ich ein Modell skizziert, wie Lernen auf sozialen Netzwerken aussehen könnte: Man müsse, so mein Vorschlag, »lurken« – also einfach mal zuschauen, mitlesen, nachvollziehen was da passiert. Und sich dann Gedanken machen.

Ich konkretisiere meine Ausführungen nochmals – das Folgende ist als Vorschlag für eine Unterrichtssequenz oder für autodidaktische Lernprozesse gedacht. Die Basis sind meine Erfahrungen, die ich mit diesem Portfolioauftrag zur Arbeit von Journalistinnen und Journalisten (pdf) gemacht habe.

Social Media Portfolio

  1. Entwicklung einer konkreten Fragestellung, z.B.
    a) »Wie funktioniert Twitter?«
    b) »Wie vernetzen sich Menschen im Internet?«
    c) »Was muss man machen, um einen erfolgreichen Blog zu führen?«
    d) »Wie präsentieren sich Politikerinnen und Politiker auf Social Media?«
  2. Fokus auf eine oder wenige geeignete Profile oder Personen. Hilfreich sind dabei für einen Schweizer Kontext die Listen von einflussreich.ch, z.B.
    a) Bloggerinnen und Blogger im deutschsprachigen Raum
    b) Politikerinnen und Politiker Schweiz
    c) Kommunikationsprofis Schweiz
  3. Sich vertraut machen mit den wichtigsten Begriffen und Ranking-Faktoren, z.B. mit dem Klout-Score. Evtl. Begriffslisten anlegen, Twitter-Einführungen studieren etc.
  4. Regelmäßige Lektüre der Posts, der Profilveränderungen und der verlinkten Medieninhalte (z.B. alles lesen bei einem Profil, jede Woche einen Tag lang alles lesen etc.)
  5. Protokollieren der wichtigsten Feststellungen und Beobachtungen mit einfachen Fragen:
    a) Wer ist das, der oder die da aktiv ist/sind?
    b) Was sind die wichtigsten Themen?
    c) Wie werden sie präsentiert (Sprache, Abkürzungen, Links etc.)
    d) Wie reagieren andere Leserinnen und Leser darauf?
    e) Wann ergeben sich Dialoge oder Diskussionen? Sind sie ergiebig?
  6. Reflexion dieser Beobachtungen:
    a) Was habe ich gelernt?
    b) Was hat mich gestört?
    c) Was wäre für mein eigenes Auftreten auf Social Media wichtig?

Ich freue mich über Anregungen und Kommentare zu diesem Vorschlag!

Flickr cirox, CC-BY-NC 2.0

»lurk moar« – Entwurf einer Social Media-Didaktik

Auf dem berüchtigten Forum /b/ auf 4chan.org führt radikale Anonymität dazu, dass sich aus destruktiven und kreativen Kräften im Internet immer wieder so genannte Memes ergeben – Kommunikationshandlungen, die sich sehr schnell verbreiten. Eines dieser Memes ist eine Aufforderung an einen anderen »Anon«, also ein anderes anonymes Mitglied: »lurk moar«. Der zweite Teil der Aufforderung beutet »more«, das Adverb ist in der typischen Schreibweise von 4chan gehalten. »to lurk« bzw. »lurker« bezeichnet die Haltung, in Foren nur mitzulesen, anstatt selber zu posten und beizutragen.

Die Encyclopedia Dramatica formuliert es mit der üblichen Obszönität:

A Lurker has an account, is actively reading, downloading, and doing shit, but NEVER FUCKING POSTS.

Der Logik der Aufforderung gehorchen ist der Eintrag zur »lurk moar« zirkulär gehalten, wie der Screenshot unten zeigt. Wer nicht weiß, was »lurk moar« bedeutet, muss eben gerade das tun: Mehr mitlesen, mehr Kommunikationsabläufe beobachten um sie dann schließlich zu übernehmen oder kreativ zu erweitern bzw. zu stören.

Lurk moar. Eintrag in der Encyclopedia Dramatica.

In frühen Prä-Internet-Foren war Lurken verpönt. Es verhinderte, dass sich eine Community aufbaute, dass Leute ihre Gedanken teilten oder allenfalls einfach gute Gedanken von anderen kopieren. Heute sind Teilen, Kopieren sowie Community integrale Bestandteile von Social Media – es geschieht eher zu viel statt zu wenig.

Wer Social Media verstehen will, so mein didaktischer Vorschlag, sollte »lurken«. Geht ganz einfach:

  1. Konto erstellen.
  2. Profil kann leer gelassen werden.
  3. Aktiv mitlesen, interessanten Leuten folgen.
  4. Nicht selber posten.

Diese Zurückhaltung dient der Reflexion: Erst wenn man weiß, wie eine bestimmte Kommunikationshandlung wirkt, kann man ihren Einsatz beurteilen. Wenn einen User stören, verärgern, begeistern – dann gibt es die Möglichkeit, sich zu überlegen, das diese Störung, diesen Ärger oder diese Begeisterung ausgelöst haben. Das »Lurken« schafft eine Distanz, die pädagogisch sehr wertvoll. Learning by doing wird in einem ersten Schritt zu learning by lurking.

Wie setzt man das konkret im Unterricht ein? Eine einfache Methode sind Portfolios. Ich habe z.B. Schülerinnen und Schüler in der Medienkunde schon oft Journalistinnen und Journalisten begleiten lassen (hier ein Auftrag als pdf)- einfach lesen, was sie schreiben, und sich dazu Gedanken machen. Ähnlich könnte man auch bei profilierten Social Media-Nutzern vorgehen – auch als Lehrperson, die sich informieren möchte, wie Social Media funktionieren.

(Die so genannte 1%-Regel besagt, dass nur 1% der Benutzer von Social Media Inhalte erstellen, 9% mit Kommentaren beitragen und 90% nur Lurker sind…)

Wikimedia.

Verhalten in Chats

Dabei ist der Begriff »Gespräch« durchaus zutreffend: Auch wenn die Chats ins Handy getippt werden und so scheinbar schriftlich erfolgen, haben sie wichtige Merkmale mündlicher Kommunikation: Sie sind flüchtig, erfolgen synchron, dialogisch und sind unvollständig und fehlerhaft.  Jugendliche verwenden die syntaktisch scheinbar fehlerhafte Wendung »mit jemandem schreiben«. Diese Formulierung passt die dialogische Formulierung »mit jemandem reden« für den digitalen Kontext an und ersetzt damit die transitive – und damit monologische Formulierung »jemandem schrieben«.

Die Gespräche erfolgen jedoch – anders als analoge Gespräche – simultan. Die technischen Gegebenheiten bringen zudem die Möglichkeit einer viel stärkeren Selektivität mit sich.

Sherry Turkle beschreibt diese Bedrohung wichtiger sozialer Fähigkeiten in ihrem Buch »Alone Together«. Die Computerwissenschaftlerin beschreibt die paradoxe Situation, dass Social Media und konstant in Verbindung mit anderen Menschen treten lassen, diese Verbindungen aber nicht haltbar und belastbar sind, sondern uns nur konstant beschäftigen und uns einsamer werden lassen. Sie schreibt zusammenfassend:

Online, we easily find “company” but are exhausted by the pressures of performance. We enjoy continual connection but rarely have each other’s full attention. We can have instant audiences but flatten out what we say to each other in new reductive genres of abbreviation. […] We have many new encounters but may come to experience them as tentative, to be put “on hold” if better ones come along. Indeed, new encounters need not be better to get our attention. We are wired to respond positively to their simply being new. […] We like being able to reach each other almost instantaneously but have to hide our phones to force ourselves to take a quiet moment.
[Übersetzung phw:] Online finden wir leicht »Gesellschaft«, aber der Druck, etwas leisten zu müssen, erschöpft uns. Wir genießen kontinuierliche Verbindungen aber haben selten die ganze Aufmerksamkeit unseres Gegenübers. Wir haben sofort Publikum, aber dampfen das, was wir einander sagen, mit neuen Mitteln der Abkürzung ein. […] Wir machen viele Bekanntschaften, aber sie sind provisorisch, wir können jederzeit ignoriert werden, wenn sich interessantere Gesprächspartner anbieten. Neue Bekanntschaften müssen nicht einmal interessanter sein, wir haben gelernt, alles Neue positiv zu bewerten. […] Wir mögen es, einander ständig und sofort erreichen zu können, aber müssen unsere Telefone verstecken, um uns einen ruhigen Moment zu verschaffen.

Diese pessimistische Perspektive auf die neuen Möglichkeiten, Gespräche zu führen, ergänzt Turkle durch ein Bild der Familie, die beim Essen nicht mehr vor dem Fernseher sitzt, sondern deren Mitglieder alle konstant mit Abwesenden in Verbindung stehen und so nicht in der Lage sind, mit den wichtigsten Menschen in ihrer Umgebung ein gehaltvolles Gespräch zu führen.

Was Turkle beschreibt, ist eine Gefährdung, der Jugendliche stärker noch als Erwachsene ausgesetzt sind. Im Aufbau eines eigenen sozialen Netzes sind sie darauf angewiesen, viele neuen Bekanntschaften zu machen. Soziale Netzwerke helfen ihnen dabei, es fällt ihnen leicht, gemeinsame Interessen zu entdecken und Gesprächsthemen zu finden. Gleichzeitig bedarf es aber einer konstanten Präsentation der eigenen Persönlichkeit: Das eigene Stilbewusstsein, die Medienkompetenz, der Sinn für Humor, der soziale Status sowie das Aussehen können ständig überprüft und upgedated werden. Jugendliche nehmen ihre Mitmenschen häufig auch über ihre Erscheinung auf sozialen Netzwerken wahr – obwohl ihnen klar ist, dass es sich nicht um ein Abbild einer realen Person handelt.

Nüchtern gesehen steigt dadurch die Komplexität der sozialen Interaktionen: Jugendliche werden von ihren Peers heute nicht nur aufgrund ihrer körperlichen Erscheinung, ihrer Kleidung, ihrer Rhetorik, ihres Wissens und ihrer Kompetenzen eingeschätzt und beurteilt, sondern auch aufgrund ihres Auftritts und Verhaltens im Cyberspace.

Chats haben dabei aber selten den Charakter eine Selbstzwecks. Soziale Verbindungen wurden schon immer medial hergestellt: Ob Kontakte mit Briefen, per Telefon oder im Internet geknüpft oder gepflegt werden, ist qualitativ nicht von Belang. Bedeutsam ist die Beschleunigung der medialen Sphäre: Der Austausch erfolgt permanent, begleitet jede andere Aktivität und kennt unter Umständen keine Pause. Beziehungen können so sehr eng werden – Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner erwarten ständig Antworten, Reaktionen, Lesebestätigungen. Mit leistungsfähigen Smartphones gibt es kaum geschützte Räume mehr, in der Menschen mit sich alleine sind oder die Gesellschaft real Anwesender die einzige Form des Miteinanders ist.

Gerade weil Chats das Medium sind, in dem Jugendliche und auch Kinder konstant aktiv sind, ist es wichtig, dass die Schule das Thema aufgreift. Eine empfehlenswerte Möglichkeiten bieten dabei die Lehrmodule »Chatten ohne Risiko«:

Dort sind ausführliche Beispiele enthalten, wie Gefahrensituation in Chats mit Unbekannten entstehen, die geeignet sind, Unterrichtsgespräche darüber in Gang zu bringen:

Gleichzeitig vermeidet das Lehrmittel einen Alarmismus: Es informiert sachlich und unaufgeregt.

Digitaler Dualismus

Der Begriff Dualismus taucht in der Diskussion des Körper-Geist-Problems regelmäßig auf: Die naive, intuitive Position besagt, dass Menschen einen Körper und einen Geist haben, die nebeneinander existieren. Die Frage, wie man sich eine Interaktion zwischen materiellem Körper und nicht-materiellem Geist vorstellen müsse, stiftet dabei große Verwirrung. Die Verwirrung könnte gelöst werden, indem man eine so genannt monistische Position einnimmt: Es gibt nur den Körper, der in der Lage ist, so etwas wie geistige Phänomene hervorzubringen. Oder es gibt nur den Geist, der uns die Illusion gibt, einen Körper zu haben und in einer physisch manifestierten Realität zu leben.

Grafik zum Leib-Seele-Problem, Ausschnitt. Wikimedia.

Ausgehend von dieser Beschreibung kann man sich nun dem Problem der virtuellen und der realen Welt zuwenden. Auch hier gibt es eine naive dualistische Position: Sie besagt, dass es neben der realen Welt eine virtuelle Scheinwelt gibt. Eine nahe liegende Kritik an Social Media verwendet diese Art von Dualismus, um festzuhalten, dass Facebook-Freunde keine echten Freunde seien, Konversationen auf Social Media keine echten Gespräche (vgl. z.B. Sherry Turkle), Aktivitäten in der virtuellen Sphäre generell eine Ablenkung von dem, was in der Realität wichtig ist.

Der Dualismus ist auch in Bezug auf unsere Persönlichkeit eine verbreitete Position: Er gibt vor, wir hätten eine feste Identität, die sich in der physischen Welt manifestiert (über unser Aussehen, unser Verhalten, unsere Eigenschaften etc.). In der virtuellen Welt präsentieren wir dann Facetten dieser Identität, eigentliche Zerrbilder – häufig versehen mit Pseudonymen oder Avataren. Auch hier wird schnell eine Bedrohung unserer Identität festgestellt: Durch die virtuelle Zersplitterung könnten wir uns verlieren, vergessen, wer wir wirklich sind und was unsere Bedürfnisse sind.

Ich möchte der Vorstellung des digitalen Dualismus nun Alternativen gegenüberstellen. Eine Möglichkeit wäre es, festzustellen, dass das, was wir Realität nennen, in einem hohen Grad virtuell ist. Unser Hirn konstruiert grundsätzlich seine Außenwelt – genau so, wie das ein Computer tut. Wir sehen die Welt nicht als das, was sie ist – sondern wir stellen uns eine Welt vor und passen das Modell so an, dass unsere Interaktionen mit der Welt möglichst effizient sind. Genau so ist unsere Persönlichkeit in hohem Masse virtuell: Sie bestand nie aus einer Einheit, sondern wird bestimmt durch Erzählungen, Vorstellungen, Fiktionen, Auslassungen und Hinzufügungen. Als soziale Wesen präsentieren wir uns immer anderen Menschen – ganz ähnlich, wie das auf Facebook-Profilen passiert.

Der Künstler Roland Wagner Bezzola präsentiert sich auf Facebook. Stand 7. November 2012.

Man kann aber auch eine andere Perspektive einnehmen – wie das Nathan Jurgenson tut. Er spricht davon, dass das Virtuelle Teil der Realität ist – und schon immer war. Digitale Technologien ermöglichen nun einfach eine erweiterte Realität, eine Augmented Reality. Seine These lautet:

This speaks to a fundamental way of conceptualizing and theorizing the Internet specifically, and spaces and places generally: that digital and material realities dialectically co-construct each other. For example, social networking sites (e.g., MySpace, Facebook) are not separate from the physical world, but rather they have everything to do with it, and the physical world has much to do with digital socializing. No longer can we think of a “real” world opposed to being “online”. Instead, we need to think with a paradigm that centers on the implosion of the worlds of bits and atoms into the augmented reality that has seemingly become ascendant.
[Übersetzung phw:] Daraus kann man ableiten, wie eine Konzeptionalisierung und eine Theorie des Internets – und allgemeiner von Räumen und Orten – aussehen müsste: Digitale und physische Realitäten konstruieren sich dialektisch gegenseitig. Nehmen wir als Beispiel soziale Netzwerke wie MySpace und Facebook: Sie sind nicht von der realen Welt zu unterscheiden, sondern haben damit zu tun – genau so wie die physische Welt mit digitalisierten sozialen Prozessen zu tun hat. Wir können das »Reale« nicht länger als Gegensatz zu »Online« denken. Stattdessen brauchen wir ein Paradigma, das die Implosion der Welt der Bits und Atome in eine erweiterte Realität berücksichtigt.

Um ein konkretes Beispiel zu machen: In den USA ist es bei WG-Besichtigungen zunehmend üblich, dass Bewerberinnen und Bewerber ihr Facebook-Profil angeben müssen, damit überprüft werden kann, ob das, was sie von sich behaupten, wirklich stimmt. Damit trägt die virtuelle Sphäre dazu bei, eine reale Identität zu konstruieren. Ähnlich stellen sich Menschen der Netzgemeinde bei Treffen in der realen Welt häufig mit ihrem Twitter-Handle vor: Ihre Identität kann nur über ihre Profile auf sozialen Netzwerken markiert werden.

So überzeugend diese Feststellungen sind, so wichtig ist es, terminologisch genau zu bleiben. Giorgio Fontana hält fest, dass die Opposition oder Dualität zwischen einer digitalen Sphäre und einer realen nicht haltbar ist – das heiße aber nicht, dass man nicht zwischen online und offline oder digital oder analog unterscheiden könne. Zudem müsse man verschiedene Perspektiven unterscheiden:

”Real” can mean “belonging to reality” (ontology) but also “authentic” (a real friend – sociology, folk psychology, etc.). Jurgenson is right when he says that digital is not opposed to real in both senses: a conversation on Facebook or on Skype is not less real neither less authentic than a face-to-face one. It’s just different; really different: while rejecting the naive idea of it being inauthentic or unreal, we should also consider carefully what changes between these two ways of interacting.
[Übersetzung phw:] »Real« kann heißen »zur Realität gehörend« (ontologisch), aber auch »authentisch« (ein realer Freund – Soziologie, Volkspsychologie etc.). Jurgenson hat Recht, wenn er sagt, das Digitale sei dem Realen in beiden Bedeutungen nicht entgegengesetzt: ein Gespräch auf Facebook oder Skype ist nicht weniger real und nicht weniger authentisch als face-to-face-Gespräch. Es ist einfach anders; wirklich anders: Während die naive Sichtweise, es sei nicht authentisch oder nicht real zurückzuweisen ist, sollte man genau prüfen, was die beiden Arten der Interaktion unterscheidet.

Die Bedeutung dieser Analyse und dieser Fragen wird offenbar, wenn man sich vor Augen hält, was Luciano Floridi konstatiert hat:

[W]e are probably the last generation to experience a clear difference between offline and online.

Digitaler Dualismus wird verschwinden, weil die beiden Sphären sich nicht mehr unterscheiden lassen. Wir werden die Augen durch Brillen sehen, die unser Modell von der Realität mit Informationen ergänzen – und in der virtuellen Sphäre unsere Städte, Wohnungen und Mitmenschen auf eine ganz natürliche Art und Weise erleben. Das heißt nicht, dass wir über diese Erfahrungen und Seinsweisen nicht nachdenken sollten.

reality is virtual enough – Juan Antonio Zamarripa, society6

Rezension: Geert Lovink – Networks Without a Cause

Der holländische Medientheoretiker Lovink begleitet die Entwicklung des Internets durch seine kritischen Studien, die er regelmäßig publiziert. Sein neuestes Buch ist kürzlich auch auf Deutsch erschienen, es heißt »Das halbwegs Soziale«. Im Untertitel verspricht der Autor eine Kritik an Social Media beziehungsweise an der »Vernetzungskultur«. Diese Kritik leistet er – indem er unter die Oberflächen und die technischen Gegebenheiten vordringt und darstellt, welche psychologischen und sozialen Effekte sich durch die Benutzung sozialer Netzwerke beobachten und beschreiben lassen. (Im Folgenden beziehe ich mich auf die englische Taschenbuchausgabe.)

Ich werde die wesentlichen Aspekte zusammenfassen, die Lovink in der Einleitung sowie in den ersten beiden Kapiteln präsentiert (einen habe ich schon in meinen Blogpost über »social« einfließen lassen, weitere werden folgen). Die weiteren Kapitel bergen spezifische Untersuchungen zu Einzelthemen, auf die ich nicht im Detail eingehen werde. Das Buch ist eine lohnende Lektüre für alle, die Social Media nicht nur als Werkzeug benutzen wollen, sondern die zugrundeliegenden Mechanismen verstehen wollen. Lovink schreibt sehr dicht, fasst oft Gedanken von anderen Kritikern zusammen, bezieht sie auf Internet-Phänomene. Dabei berücksichtigt er eine enorme Breite von theoretischen Ansätzen – er überblickt den kritischen Diskurs im angelsächsischen und europäischen Raum und bezieht psychoanalytische, philosophische, soziologische Zugänge in seine Analyse ein.

Die Hauptthese von Lovink ist, dass das Web 2.0 seine Versprechen nicht eingelöst habe. Es habe sich ein kommunikativer Kapitalismus etabliert, der zwar Diskurs ermögliche, aber einer, dem jeder politische Gehalt fehle. Die Art, wie Entscheidungen gebildet werden, wie politische Verantwortung funktioniere, Partizipation – all das habe sich durch Social Media nicht verändert, obwohl man sich das erhofft hat. Als Beispiel fügt Lovink die PR von Politikerinnen und Politikern auf Twitter an, die politische Kommunikation nicht verändert habe. (2)

Die Frage sei, ob Social Networks im Moment eine Art Jugend durchlaufen und reiften, um dann andere Funktionen zu übernehmen – oder ob sie, wie viele User, ewig Kinder blieben. Dasselbe gilt für die Kritik sozialer Netzwerke: Sie durchlaufe Zyklen der Empörung (Kinderpornographie, Privatsphäre, Rolle des Journalismus).

In der Einleitung beschreibt Lovink das Web 2.0 mit vier Aspekten, die es von einem Werkzeug zu einem Raum machen, in dem sich verschiedene »User-Cultures« etabliert haben und etablieren:

  1. real-time
    Die Welt wird nicht virtueller, sondern das Virtuelle realer. Wir werden von sozialen Netzwerken aufgefordert, unsere Ichs permanent – in real-time – zu präsentieren – ohne eine Rolle zu spielen. Diese Präsentation ist eng mit der Möglichkeit verwoben, ein Ich-Gefühl zu entwickeln und mit anderen in Verbindung zu treten.
  2. From Link to Like
    Links erlauben Besuchern einer Webseite, auf eine andere abzuspringen. Das ist der Grund, warum sie schon immer zögerlich eingesetzt wurden. Links ermöglichen Suchmaschinen, das Netz zu ordnen, Bedeutungen und Zusammenhänge zu generieren. Weil sie das so gut können, verhindern sie aber, dass Links verwendet werden: Menschen klicken heute kaum mehr auf Links, sondern verwenden direkt die Google-Suche. Dadurch wird die Suche parasitär: Sie braucht Links für die Qualität ihrer Ergebnisse, verhindert aber gleichzeitig, dass Links verwendet werden. Diese Problematik wird verstärkt durch den zunehmenden Gebrauch von »Like«-Buttons: Hier wird nicht mehr eine direkte Empfehlung abgegeben, sondern die Empfehlung erfolgt via eine Plattform, die User dazu bringt, immer wieder zu ihr zurückzukehren. Lovink sieht hier einen Wechsel in der Aufmerksamkeitsökonomie von der Suche hin zur Selbst-Referenz.
  3. kein echter Dialog
    Das öffentliche Internet, so Lovink, sei ein Schlachtfeld extremer Meinungen, die kaum auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft würden. Deshalb wird die Kommentarkultur zu einem grossen Problem fürs Web 2.0. Gleichzeitig für real-time dazu, dass Reflexion kaum mehr möglich ist: Das Netz und seine User werden überschwemmt mit Informationen, auf die man kaum mehr gehaltvoll reagieren kann. (Der Klout-Score misst beispielsweise nicht den Gehalt von Diskussionen, sondern nur die Tatsache, dass Reaktionen erfolgen.)
  4. Nationale Netzwerke
    Immer stärker werden im Internet nationale Grenzen errichtet, die politische Kontrolle ermöglichen. Dabei spielen einzelne Dissidenten oder Hacker, die sich der Kontrolle entziehen, keine Rolle – weil sie keinen Einfluss haben können. Wer sich außerhalb des offiziellen Netzes und außerhalb der sozialen Netzwerke beweget, kann zwar das Internet frei nutzen – aber mit niemandem agieren und keine Massen mobilisieren. Die Frage wird also sein, ob es möglich sein wird, dynamische, dezentrale Netzwerke zu organisieren.

Lovink fragt, warum es keine entsprechende Theorie gäbe, die den Missstand, dass heute alle Netzwerk-Aktivität über gigantische, zentrale Netzwerke wie Google und Facebook läuft, reflektieren und Gegenkonzepte diskutieren kann.

Kapitel 1: Networked Condition

Im ersten Kapitel beschreibt Lovink die Auswirkungen des Überflusses an Information. Es beschreibt eine »networked condition« (24ff.): Sie entsteht, weil Menschen heute Unzufriedenheit nicht mehr politisch produktiv äußern können. Also entwickeln sie eine Medientheorie, in der sie Offline-Zeit als gehaltvoller präsentiert als die Auseinandersetzung mit Online-Informationen und errichten mit dem Begriff des »digital native« eine Figur, die einer Generation und einem Geschlecht zugehört, die mit den Informationsströmen umgehen können. Dabei setzen sie sich aber selber freiwillig den Informationsströmen aus, indem sie Computerdatenbanken füllen, wenn sie von Maschinen dazu aufgefordert werden, Links weiterverschicken und auf Facebook teilen, das Internet mit Informationen füttern, aus denen wiederum Konsumprodukte entstehen, die zum Informationsüberfluss beitragen.

Für junge Menschen wirkt sich das in einem Gefühl einer sanften Narkose aus: Es kann nichts getan werden, obwohl die Gesellschaft auseinanderfällt. Es bleibt der Spass, die Lustbefriedigung. Lovink zitiert Franco Berardi, der die Networked Condition als neo-liberales Gebot versteht (28):

As if there was any choice to participate in Facebook, Twitter, and to have your mobile phone on 24/7. Berardi: »The problem is not in the technology. We have come to terms with it. The killing element is the combination of info stress and competition. We have to win, and to be the first. The real pathogenic effect ist the neo-liberal pressure that makes the network condition so unlivable – not the abundance of information in itself.«

Jugendliche beherrschen die Technologie – aber sie werden von einem Druck beherrscht, präsent zu sein und sich Informationen auszusetzen – und zwar so, dass sie wahrgenommen werden. Wer sich die Kompetenz aneignet, den Bildschirm zu verlassen, sich dem konstanten Fluss von Informationen zu entziehen und zu entscheiden, was Unterhaltung, was Ablenkung und was wirklich wichtig ist, wird pädagogisch und moralisch beurteilt und verurteilt. Entscheidend ist, sich weder als Opfer einer Entwicklung zu sehen, die unser Leben beschleunigt, noch einfach regelmäßig Pausen einzulegen – sondern bewusst Inhalte zu konsumieren, zu produzieren und unsere Abhängigkeit von zentralisierten Netzwerken zu reduzieren. Wir müssen lernen, selber zu bestimmen, wie mit Informationen umgegangen wird uns uns scheinbaren Sachzwängen entziehen. Lovink sieht ein Paradox: Die scheinbare Individualisierung, die durch die Präsentation unseres Ichs auf Social Media möglich wird, führt letztlich zu einer rein algorithmischen Bearbeitung von Daten, die unsere Ichs wiederum konstruieren. (Wenn das zu kompliziert schien: Wenn wir unsere individuellen Erlebnisse Facebook anvertrauen, so lassen wir die Präsentation unseres Ichs und unsere Wahrnehmung durch andere durch eine Maschine konstruieren – wie alle anderen FB-Nutzer auch…)

Kapitel 2: Facebook und Anonymität

Wer heute lebt, wird regelmäßig aufgefordert, ganz sich selbst zu sein. Gleichzeitig stimmen Menschen, die diesen Aufforderungen nachkommen, in ihren Bedürfnissen überein: Alle trinken gerne Starbucks-Kaffee, Reisen nach Australien und Sorkin-Serien. Lovink fragt, ob wir auf dem Netz jemand anderes sein können, als wir »wirklich« sind: Dabei beobachtet er die Tendenz von sozialen Netzwerken, Identität festzuhalten und jeder Person eine starre Identität zuzuweisen. Wir vertrauen diesem Identitätsmangement, weil entweder Big Brother schon lange existiert oder die Katastrophe, die alle unsere Identitäten bedrohen könnte, nie eintreffen wird (40).

Es ist heute, so stellt Lovink in Bezug auf Eva Illouz fest, dass die Herausbildung eines Ich-Gefühls nur noch in Kombination mit Quantifizierung und Vergegenständlichung dieses Ichs (z.B. in Datenbanken) möglich ist. Diese Tendenz führt dazu, dass professionelles und privates Ich immer mehr verschmelzen und wir uns deshalb immer als die schnellsten, schlausten und besten präsentieren müssen (42). Soziale Netzwerke erlauben uns, zwei Formen von sozialem Kapital aufzubauen: Zu zeigen, wer uns liebt und mit wem wir verbunden sind.

Lovink schlägt drei Auswege vor, wie wir mit diesen Problemen umgehen können:

  1. Die Selbstpromotion verhindern. 
    Gleichzeitig erlauben die sozialen Netzwerke nur positive und einfache Gefühle: Es gibt nur eine Beziehungsform (»Freunde«) und nur eine Art, auf Content zu reagieren: »Like«. Wir werden auf eine einzige Identität reduziert. Als Ausweg bleibt nur, auf verschiedenen Netzwerken verschiedene Aspekte unserer Persönlichkeit zu präsentieren, die verschiedenen Aspekte unserer Persönlichkeit auszudrücken, Widersprüche zu erzeugen anstatt sie zu glätten.
  2. Die Konsumhaltung hinter Social Media aufzeigen:
    Soziale Netzwerke verlangen immer mehr von uns. Twitter-Profile und ihre Statistik sind eng verknüpft: Je mehr wir leben, desto höher sind unserer Zahlen. Wir schreiben viel, aber meist Nonsense – wir sagen so viel wie die Figuren im Big Brother-Haus (46). Das kann man aufzeigen und sich diesen Trends verweigern.
  3. Anonymität wieder schätzen lernen.
    Gemeinhin wird das Internet als ein Raum angeschaut, an dem anonyme Menschen Unfug treiben. Tatsächlich sind aber nur sehr wenige wirklich anonym unterwegs – es gibt keine Anonymität im Internet. Sie ist gleichzeitig wichtig und bedrohlich.

Instagram neu auch im Browser

Heute war ich in Einsiedeln und habe dieses Bild gemacht:

Wer sich auskennt, weiß sofort: Instagram. Der Dienst bietet eine App für Smartphones an, mit der quadratische Bilder aufgenommen werden, die sich mit Filtern bearbeiten lassen. So erscheinen viele Bilder, als seien sie künstlerische Produkte.

Torsten Kleinz schrieb heute auf Google+:

Höhlengleichnis, modern. Die Welt ist das ohne Instagram-Filter. Doch Du kannst sie nicht sehen und Du kennst den Filter nicht.

Die App spricht visuelle Menschen enorm an. Mit Bildern lässt sich viel sagen, man zeigt sich, sein Leben, seine Freunde. Deshalb ist das soziale Netzwerk auch bei Jugendlichen sehr populär. Es ermöglicht, Benutzern zu folgen, ihre Bilder anzusehen, zu kommentieren zu und zu bewerten. Instagram hat kürzlich Twitter in den USA überholt, was die Zahl der User betrifft. Instagram zeigt so, dass sich das Web zunehmend vom sozialen zum mobilen Internet wandelt.

Bisher war Instagram nur auf Smartphones verfügbar, wer sich die Bilder auf dem Computer anschauen musste, musste einen Service eines Drittanbieters wie Statigram benutzen.

Wie Instagram heute ankündigt, wird es künftig möglich sein, Profile direkt unter http://instagram.com/*user* aufzurufen – in meinem Fall wäre das dann http://instagram.com/phwampfler (geht im Moment noch nicht, aber wohl bald).

Eine Tumblr-Seite sammelt Bilder von reichen Jugendlichen, die ihr Leben auf Instagram dokumentieren. So sieht das dann aus, wenn sie sich auf einen Wirbelsturm vorbereiten:

Cybercrime – ein Markt wie jeder andere

Russische, aber auch chinesische und brasilianische Hacker bieten ihre Dienstleistungen im Internet wie auf einem Marktplatz an. Da Eindringen in Computer oder Online-Konten ist ein Geschäft, das es schon lange gibt – entsprechend breit gefächert ist das Angebot. Ein Report von Trend Micro, »Russian Underground 101« (pdf) listet detailliert Dienstleitungen und Preise auf, wie Ars Technica UK berichtet.

Screenshot von antichat.ru, wo Hacker ihre Dienstleistungen anbieten.

Hier einige Beispiele:

  • Hacken eines Facebook, Twitter oder Google Kontos: rund $150
  • Hacken eines Geschäftemail-Servers $500
  • einfache Spamtechnik: $10 für 1 Million Emails
  • eine DDoS-Attacke mieten, mit der man Server lahmlegen kann: $50-70
  • Software, mit der man ins Mobiltelefon einer anderen Person eindringen kann: $25
  • Traffic: 1000 Besucher auf einer Homepage für <$15.

Als besondere Gefahr werden Apps für Android-Telefone erwähnt, die auf dubiosen Seiten geladen werden. Ansonsten, so der Bericht, würden Menschen heute stärker auf Gefahren achten als früher. Gleichzeitig würden die Hacker aber auch immer raffinierter.

Drei beliebte Geschäftsmodelle von Cyberkriminellen verdienen besondere Beachtung:

  1. Per Telefon wird einem Beratung angeboten, falls man einen viren- oder trojanerverseuchten Computer habe. Die Beratenden zeigen einem dann einen verdächtig erscheinenden Eintrag auf dem eigenen Computer – man »sieht« mit eigenen Augen, dass die Computer verseucht ist. Dann bieten sie an, das Problem kostenlos zu lösen: Man müsse nur eine Software installieren. Diese Software ist dann bösartig: Sie ermöglicht z.B., den Computer zu blockieren (siehe ii.)
  2. Harddisks werden blockiert. Will man zugreifen, erscheint eine Meldung, die Polizei habe Kinderpornographie oder Raubkopien entdeckt. Damit verhindern die Kriminellen, dass man sich an die Polizei wendet – weil viele Menschen davor Angst haben, mit solchen Dateien erwischt zu werden. Also nehmen sie Angebot der Hacker wahr, Geld zu zahlen und so ihre Daten wiederzubekommen (tatsächlich erhält man die Daten zurück, wird aber als »Opfer« in den Datenbanken belassen…).
  3. DNS-Changer ändern das Verhalten der Internetverbindung so, dass man ständig Seiten besucht, die für Besuche bezahlen. Die Hacker leiten also de facto den ganzen Webverkehr über ihre Server um und verdienen damit Geld.

Fazit: Absolute Sicherheit ist im Internet – wie überall, eigentlich – eine Illusion. Sie besteht, weil den meisten Menschen niemand Schaden zufügen will und es viel technisches Know-How braucht, um diesen Schaden zuzufügen. Durch Lohngefälle und Verfügbarkeit solcher Angebote wird es aber immer einfacher, schädliche Software und Tools einzusetzen.

Zur Bedeutung von »social« in Social Media

Versucht man den Begriff »Social Media« wörtlich zu übersetzen, so wirkt »soziale Medien« sofort schief. Handelt es sich um »soziale« Medien – also solche, die sich auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt beziehen, ihn fördern, auf ihn einwirken? Das stimmt alles nicht ganz.

In seiner Social Media-Kritik »Networks Without a Cause« hielt Geert Lovink 2011 fest, »the social« sei heute nur noch ein Feature, während lange Zeit undenkbar gewesen sei, »social« ohne moralische Konnotation zu verwenden: Das Soziale war ein Problem oder ein Ideal. Heute könne man aber Gemeinschaft (»community«) und »the social« problemlos trennen: »social« sei, so Lovink, heute nur noch eine Eigenschaft technologischer Prozesse, ein Teil von Programmen, die Menschen auf Plattformen festhielten, welche ihre Zeit in Anspruch nehmen, ohne gesellschaftliche Strukturen auszubilden oder Gemeinschaften herzustellen.

Diese Kritik am Begriff »social« präzisieren Nathan Jurgenson und Withney Erin Boessel in einem kurzen Essay. Sie unterscheiden zwei Begriffe: »social« und »Social«.

  • social
    Der erste Begriff, der Alltagssprache entnommen, bedeutet so viel wie gesellschafts- oder gemeinschaftsbezogen. Es betrifft alles, was sich zwischen Menschen abspielt: direkt oder indirekt, on- oder offline.
  • Social
    Der zweite Begriff hat eine viel engere Bedeutung: Er meint Interaktionen, die messbar, quantifizierbar, protokollierbar und benutzbar sind. Menschliches Verhalten, das in Datenbanken abgebildet werden kann, ist »Social«. Das hat im deutschsprachigen Raum auch Christoph Kappes schon so formuliert: »’Social‘ meint, dass menschliche Beziehungen maschinell abgebildet werden (zur Zeit noch naiv) und zur Informationsselektion und -verbreitung genutzt werden.«
Gordon Dam, , Australien. Wikimedia/JJ Harrison, CC BY-SA 3.0

Die Autorin und der Autor verwenden für ihre Unterscheidung ein Bild. »social« ist wie der Wasserkreislauf: Es regnet, es bilden sich Bäche, Flüsse; die wiederum bilden Seen und Meere – und von dort verdunstet das Wasser und bildet Wolken. »Social« ist nun ein Stausee: Eine Wassermasse, die eine spezifische Funktion hat (Energie herzustellen) und – ohne das selber zu merken – künstlich gebildet worden ist.

Die spezifische Funktion von »Social« und damit von Social Media ist den Autoren zufolge Arbeit gratis verfügbar zu machen. Das Geschäftsmodell des Web 2.0 sei es, Plattformen durch die von Usern generierten Inhalte attraktiv zu machen – also durch Gratisarbeit. Entsprechend bedrohlich wirkten nicht messbare Aspekte des »sozialen« Internets, die dann – wie das kürzlich Alexis Madrigal getan hat – »dark social« genannt werden.

Geht man noch einen Schritt weiter, so kann man mit Bert te Wildt konstatieren, dass sich »[d]as Mediale vom Individuellen zum Kollektiven hin entwickelt«: War das erste Medium die Stimme des Menschen, gebunden an seinen Körper und seine Individualität, so ist das Medium Internet heute völlig unabhängig von Körpern und Individuen – und damit auch von ihren Beziehungen. Es braucht keine Individuen mehr, um soziale Netzwerke herzustellen – die sozialen Netzwerke schaffen vielmehr Individuen. So ist es z.B. bei gewissen WGs in den USA üblich, dass an einem Zimmer Interessierte mit einem Facebook-Profil beweisen müssen, dass es sie tatsächlich gibt.

JAMES-Studie 2012

Die ZHAW hat 2010 eine große Studie zum Mediennutzungsverhalten von Jugendlichen veröffentlicht, die so genannte JAMES-Studie (Jugend, Aktivitäten, Medien – Schweiz). Befragt wurden über 1000 Jugendliche zwischen 12 und 19.

Dieses Jahr wurde ein zweiter Durchgang durchgeführt. Die Studie wird im Januar 2013 publiziert, eine Präsentation mit ersten Untersuchungsergebnissen ist auf der JAMES-Seite aber schon verfügbar (pdf). Es handelt sich um Zwischenergebnisse, die am 24. Oktober publiziert wurden.

Die Ergebnisse untersuchen das Freizeitverhalten der Jugendlichen – mit Medien und ohne. Der Fokus bei der Ergebnissen liegt darauf, dass sich die Nutzung der Handys verändert hat – die wesentlichen Aspekte können der folgenden Grafik entnommen werden:

Handynutzung im Vergleich 2010-2012. JAMES Studie, ZHAW.