Wie Vorurteile die Internet-Erfahrung überlagern

Das ist der dritte Teil von Gedanken zu meinem geplanten Re:Publica-Workshop. (Er wurde leider nicht berücksichtigt.) 

Im Internet (vielleicht allgemeiner: am Computerbildschirm) passieren Dinge, die zunächst wie Wunder erscheinen. Ich erinnere mich, wie mein Großvater, der gelernt hat, Bücher mit Lettern zu setzen, reagiert hat, als ich ihm zum ersten Mal Textverarbeitung vorgeführt habe. Die Neuartigkeit dieser Erfahrung verhinderte, dass wir sie präzise beschrieben konnten. Eine Reihe von Metaphern mussten verwendet werden, um darüber zu sprechen: Wir »surfen« auf »Seiten«, »folgen« Menschen oder gar »Freunden«, wir »chatten« in einer »virtuellen« Welt, währen wir uns im »real life« ganz anders verhalten.

Die Überforderung angesichts der Möglichkeiten von Internetkommunikation und das beschränkte Vokabular zu ihrer Beschreibung haben starken Anteil an einer Reihe von Urteilen über diese Form von Interaktion – von denen ich denke, dass es meist Vorurteile sind. Ich liste einige davon auf und bin wie immer dankbar für Ergänzungen:

  1. Es gibt eine Trennung zwischen der echten Welt und der virtuellen: Das Internet ist nicht real. Diese Haltung wird von Nathan Jurgenson und dem Team von Cyberology »Digitaler Dualismus« genannt (vgl. meinen Blogpost dazu). 
  2. Interaktionen im Internet sind oberflächlich, sie verbinden Menschen, die sich nichts bedeuten und einander häufig täuschen oder hintergehen.
  3. Informationen im Internet sind notorisch unzuverlässig. Weil alle beitragen können, ist im Gegensatz zu gedruckten Texten und Bildern unklar, was wahr ist; wir könnten überall manipuliert werden.
  4. Internetkommunikation ist generell gefährlich; nicht nur können uns andere Menschen Schaden zufügen, wenn wir uns im Internet bewegen, wir verändern uns auch selbst.
  5. Aus diesen Gründen ist die intensive Nutzung des Internets entweder Ausdruck eines Suchtverhaltens oder Zeitverschwendung; im Internet »surfen« wird schnell als Prokrastination bezeichnet und damit in die Nähe eins pathologischen Problems gerückt.
  6. Das Internet bringt in Menschen schlechte Züge hervor, sie werden aggressiv und beginnen anderen zu schaden, wenn sie sich hinter der Maske der Anonymität in Sicherheit vor Sanktionen wähnen.
Das Internet according to Vorurteile.
Das Internet according to Vorurteile.

Die Medienkonstellation Internet wird als komplexes Phänomen in Gesprächen oft auf triviale Erkenntnisse reduziert: »Facebook-Freunde sind keine echten Freunde«, »Man weiß nie, wer sich hinter einem Pseudonym verbirgt«, »Photoshop ermöglicht das Fälschen von Bildern«, »Jede(r) kann ins Internet« schreiben. Natürlich. Aber das wussten wir alle schon und das war alles auch schon so, bevor es Internetkommunikation gab.

Diese Diskussionen, so meine These, beanspruchen viele Ressourcen, die den Blick auf die produktiven Aspekte verschließen. Nur einige Beispiele: Zielloses Surfen im Internet kann Anstoß für eine Reihe von Lerneffekten sein, Internetbeziehungen können für viele Menschen eine Entlastung darstellen und zurecht einen wichtigen Stellenwert einnehmen, in vielen Fachbereichen finden sich differenzierte, aktuelle und präzise Informationsangebote im Internet. Wikipedia wurde in Bildungsinstitutionen Jahrelang schlecht geredet, obwohl eine ganz einfache Grundhaltung genügt hätte: Skeptisch bleiben und Falsches korrigieren bzw. Fehlendes ergänzen.

Fazit: Wir müssen lernen, präziser auszudrücken, was im Internet passiert.

16 Gründe gegen digitale Kommunikation

Das ist der zweite Teil von Gedanken zu meinem geplanten Re:Publica-Workshop. (Er wurde leider nicht berücksichtigt.) 

Ich liste hier Gründe auf, mit denen Menschen begründen, weshalb sie die Möglichkeiten digitaler Kommunikation nicht nutzen. Diese Gründe – so denke ich – könnten Aufschlüsse darüber geben, weshalb nur wenige Menschen das Potential des Internets nutzen. Die Idee verdanke ich Beat Döbeli, der hier Argumente gegen den Einsatz von ICT an Schulen gesammelt hat. Einige der Argumente sind diesem lesenswerten Blogpost entnommen, auf den mich Klaus Meschede hingewiesen hat. (Danke!)

  1. Im Internet breiten Menschen ihr Privatleben aus, das interessiert mich nicht
  2. Mein Privatleben geht niemanden etwas an, ich möchte meine Privatsphäre schützen.
  3. Social Media ist unpersönlich: Ich schaue Menschen gerne in die Augen, wenn ich mit ihnen rede.
  4. Dafür habe ich keine Zeit.
  5. Ich möchte nicht, dass jemand meine Fotos oder Texte stiehlt.
  6. Ich will nicht, dass meine Daten für Werbung verkauft werden.
  7. Das ist mir zu kompliziert, ich verstehe es ohnehin nicht.
  8. Ich bin nicht so der Multitasking-Typ.
  9. Früher hatten wir auch kein Internet, es ging auch ohne.
  10. Echte Informationen findet man nur in guten Zeitungen und Büchern.
  11. Gespräche im Internet sind oft gehässig und führen zu nichts.
  12. Ich mag es einfach nicht, vor dem Computer zu sitzen.
  13. Beziehungen im Internet sind oberflächlich und können gefährlich sein.
  14. Man weiß nie, ob Informationen im Internet stimmen oder nicht.
  15. Das Internet macht abhängig.
  16. Das Internet verändert unser Hirn und macht uns dumm.

Dont-Like

Sind das schlechte Gründe? Nein, keinesfalls. Aber sie hindern Menschen daran, die Vorteile zu nutzen, welche sich durch Internetkommunikation auch für sie ergäbe.

Über Ergänzungen zur Liste freue ich mich.

Digitale Meinungsbildung

Auf der Re:Publica 2013 wollte ich in einem Workshop darüber nachdenken, wie die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation mehr Menschen zugänglich gemacht werden könnten. Es geht mir nicht primär um eine Beschreibung der digitalen Kluft – die ist längst beschrieben. Vielmehr geht es um die Frage, welche konkreten Möglichkeiten sich anbieten und welche Hindernisse der Demokratisierung der Internetkommunikation im Wege stehen.

Den Workshop kann ich nicht halten, er fand keinen Platz im Re:Publica-Programm. Und ich bin fast ein wenig froh – weil ich nicht weiß, wie man dieses Thema in einer stündigen Diskussion schlau angehen kann. Fallen lassen möchte ich es nicht, sondern hier in loser Folge über die Fragen nachdenken und daraus dann vielleicht einen längeren Essay schreiben. (Zudem kann ich mich so an der Blogparade von ChiliConCharme beteiligen, in der Beiträge gesammelt werden, die von der Re:Publica abgelehnt worden sind.)

69437_1623977195739_6661013_nAm Anfang sollen Überlegungen zur Meinungsbildung im Internet stehen. Zwei US-Artikel (TechCrunch, Pew Research) lassen folgende, nicht besonders überraschenden Schlüsse zu:

  1. An Meinungsbildungsprozessen und Diskussionen auf Twitter sind 1-3% aller erwachsenen Amerikanerinnen und Amerikaner beteiligt. 
  2. Das Spektrum ist breiter als bei der Bildung der relevanten öffentlichen Meinung: Auch politisch nicht Stimm- und Wahlberechtigte beteiligen sich an den für sie relevanten Diskussionen.
  3. Generell ist der Altersdurchschnitt auf Social Media jünger als in der Bildung der öffentlichen Meinung.
  4. Meinungsbildung findet im Internet sehr selektiv statt; je nach Ereignis und Thema beteiligen sich ganz andere Menschen an Diskussionen.
  5. Nutzerinnen und Nutzer von Social Media sind tendenziell individualistisch eingestellt und deshalb in vielen Fragen tendenziell liberaler als die öffentliche Meinung.
  6. Auf Social Media verbreiten sich positive Botschaften schneller als negative, weil niemand in seinem Netzwerk konstant negative Botschaften verbreiten will.
  7. »Empörung« oder Kritik sind dabei Ausnahmen, auch sie haben auf Social Media starkes Gewicht: »Seht, wie schlecht die Welt und die anderen sind, wir sind die Guten!« dürfte dabei auch eine Art positive Botschaft sein.

Entscheidend ist dabei: Social Media sind ein Teil der Meinungsbildung; sie stehen nicht außerhalb des gesellschaftlichen Diskurses. Gleichzeitig vermögen sie aber nicht alle Meinungen und Positionen abzubilden oder richtig zu gewichten: Individualistische, technikaffine und eher jüngere Menschen schaffen ein liberales Klima.

Mehr Partizipation im Internet würde bedingen, dass alternative Haltungen Gewicht bekommen, Stimmen gehört werden, die heute in vielen Diskussionen Gegenstand von Gespött und Verachtung sind.

Eine letzte Bemerkung zum Begriff »Elite«: Er ist nicht wertend gemeint, sondern deskriptiv. Wer viel in Social Media präsent ist, hat einerseits die Zeit dazu, andererseits die technische Ausrüstung und Kompetenz dafür. Präsenz im Internet weist auf Privilegien hin.)

* * *

Die weiteren Teile der Workshop-Vorbereitung:

Teil 2: 16 Gründe gegen digitale Kommunikation

Teil 3: Vorurteile und das Internet

Teil 4: Das Internet wird überschätzt

Teil 5: Ein positives Leitbild für Netzpolitik

Teil 6: »Crap detect yourself« – Howard Rheingold über Netzwerke

Blogparade: Wie Penelope Tabellenkalkulation gelernt hat

Im Rahmen einer Blogparade habe ich vor 10 Tagen dazu eingeladen, Texte darüber zu schreiben, wie man sich eine spezifische Kompetenz angeeignet hat. Sinn davon ist, dass die Texte so besser sichtbar werden, die Bloggerinnen und Blogger sich so vernetzen und letztlich eine Sammlung von Texten entsteht, die ich dann in einem Schlusspost zusammenfasse und kommentiere. Der Titel der Blogposts wäre »Wie ich etwas gelernt habe«, wobei »etwas« dann ersetzt würde durch die Kompetenz. Eine mögliche Struktur der Beiträge wäre:

  1. Beschreibung der Kompetenz (was bedeutet es, das zu können?)
  2. Phasen des Lernprozesses
  3. Wie habe ich gelernt?
  4. Was lässt sich daraus übers Lernen ableiten?

Es ist Usus, einen Zeitraum vorzugeben: Ich schlage also mal vor, die Texte bis Ende April zu schreiben und würde mich freuen, wenn sie hier mit Kommentar verlinkt würden oder ich eine Mail mit einem Link erhielte.

* * *

Hier der Beitrag von Penelope, sie hat ihn auf Englisch geschrieben:

I was 23 and had been devoting myself to fine arts, dance, literature and languages since the age of 16. I hated maths, science, geography and anything I was expected to learn without being told why. At 16, it had been my opinion that life was hard enough without the need to solve abstract problems that did not serve to make me any happier.

Needless to say, after 7 years away from numbers and logic, my grasp of anything more complicated than basic arithmetic was poor.

Having arrived in London as a tourist, determined to get a job and stay there, I managed to be hired by an agency as an office “temp” (temporary worker) even though I couldn’t even type. At the first company I was sent to, one of my duties involved updating a spreadsheet in Lotus 1-2-3, the precursor of Excel.

When I first realized that the numbers I could see in the cells of the spreadsheet were the result of hidden formulas, my tiny brain was suddenly set on fire! I was both horrified and intrigued. I thought that such trickery was an outrage! – but also utterly fascinating. I knew I had to figure out how this craziness worked! After several weeks of struggling to understand some of the formulas, I managed to get myself on a Beginners’ Course in Lotus 1-2-3. (In the meantime, the company I was sent to as a “temp” had hired me as a permanent employee.)

At the Beginners’ Course, I was even more shocked to discover that I really knew nothing about how the world worked. I didn’t even know that to work out a Profit, you had to subtract the Purchase Price from the Sales Price. How could I know such a thing? I had never worked in a shop, and had never given this matter any thought at all. But this was actually less important to me than learning the magic of those formulas, which caused correctly computed numbers to appear.

As a result of learning the power of spreadsheets, I later became a computer programmer (aka software developer). If I hadn’t had that experience, I would perhaps have gone through life without ever finding out how fascinating the field of numbers and logic is.

I still love to read, draw and dance, but numbers, logic and science in general is where I find a never-ending source of interesting problems that need solving.

====================

Comment: This is not really „how“ in terms of the steps I took, but „how“ the subject grabbed me and enabled me to learn difficult concepts (to me they were difficult) because I was so fascinated.

Wie Tracker Google-Suchanfragen öffentlich machen

Gestern habe per Twitter auf das Problem hingewiesen, dass Tracker sensible Daten veröffentlichen. Ich möchte hier kurz das Problem umreißen und zeigen, wie man es in den Griff bekommen kann. Ich verdanke viele Überlegungen hilfreichen Kommentaren, für die ich mich bedanken möchte.

privacy-violations

Auf dem Bild von Private Internet Access sieht man, welche Daten verbunden werden: Timestamps (Zeitpunkte), IP-Adressen und Google-Suchanfragen. Die Tracker – konkret ist ExtremeTracking gemeint – sammeln diese Daten im Auftrag von Seitenbetreibern: Wenn ich gerne wissen möchte, wer meine Seite mit welchen welchen Suchanfragen findet, können mir Tracker dabei helfen (auch Google bietet diese Dienstleistung an).

Die Suchanfragen im Beispielbild sind alle problematisch; sie weisen auf Suizidversuche, Kinderpornografie, Übergewicht, Magersucht, Softwarepiraterie etc. Die Tracker vermitteln diese Informationen nicht nur an Betreiber von Seiten (denen man das Recht ja zusprechen könnte, zu wissen, wie die Seite gefunden wird), sondern sie veröffentlichen diese Informationen auch (und verkaufen sie). Man kann sich hier live ansehen, wie so eine Seite aussieht. Eine Liste mit Tracking-Diensten findet sich hier. Wichtig ist anzumerken: Unsere Suchanfragen werden nicht komplett veröffentlicht, sondern nur, wenn sie uns auf Seiten geführt haben, die Suchanfragen tracken.

Was heißt das konkret? Wie ich gestern in Bezug auf den Gedanken der digitalen Selbstverteidigung festgehalten habe, wissen wir oft nicht, dass Daten gespeichert werden und wir wissen auch nicht, welche Daten hinzugekauft werden. Facebook könnte z.B. zu den schon vorhandenen Daten via unsere IP-Adresse noch Google-Suchanfragen dazukaufen etc. So könnten digitale Profile erstellt werden, in den viele eigentlich verstückelte Informationen zusammengefügt werden.

Allerdings surfen wenige Menschen mit statischen IP-Adressen. Es ist unklar, wer hinter den IP-Adressen steckt. Sie werden von Internet Service Providern meist dynamisch vergeben; um herauszufinden, an wen, braucht es eine Aufforderung von einer offiziellen Stelle.

Was kann man tun?

  1. Statt Google die Suchmaschine DuckDuckGo verwenden, die Tracking verhinder – vgl. http://donttrack.us/
    Wer Google vermisst, kann die Suchanfrage mit dem !g command versehen und via DDG Google durchsuchen. [danke für den Hinweis in den Kommentaren]
  2. Die Referer kontrollieren (also Seiten nicht informieren, woher man gekommen ist), geht am einfachsten per Browser-Extension: Chrome / Firefox
  3. Eine Browsererweiterung installieren, etwas Privacyfix, Collusion, DoNotTrackMe oder Ghostery.
  4. Seine IP-Adresse mit einem VPN-Zugang verstecken, z.B. mit HideMyAss oder Tor, hier gibt es eine Übersicht mit Providern.

Weitere Tipps finden sich im Kapitel 13. von »Mich kriegt ihr nicht« oder englisch hier.

Aus Blogs ein eBook machen: Bloxp

Die Inhalte von Blogs sollten regelmäßig gesichert werden – zumal die Daten meist auf Servern von Firmen lagern, die damit grundsätzlich tun können, was sie wollen. Ich nutze für dieses Blog WordPress. Unter Werkzeuge->Daten exportieren kann ich leicht eine .xml-Datei erzeugen, die alle meine Inhalte enthält (also auch Kommentare und Bilder).

Der kostenlose Dienst bloxp erweitert meine Möglichkeiten: Ich kann aus meinem Blog ein eBook im .epub-Format erstellen – und zwar mit wenigen Klicks, ohne jeglichen Aufwand. Das Tool erlaubt mir, die Blogposts in eine beliebige Reihenfolge zu bringen, fügt Links als Fussnoten ein und erstellt automatisch ein Inhaltsverzeichnis.

Bildschirmfoto 2013-03-18 um 21.40.37Das heißt umgekehrt auch, dass ich eBooks nicht mit den hier oder hier vorgestellten Methoden erstellen muss, sondern sich einfach ein kostenloges Blog erstellen kann, pro Kapitel einen Post schreiben kann, Bilder einfügen kann und daraus dann automatisch ein .epub-File generieren kann. (Für Konvertierung hier nachsehen).

Das eBook dieses Blogs (Stand 18. März 2013) ist hier kostenlos verfügbar (29 MB, Drobox-Link), wenn sich jemand anschauen möchte, wie das Resultat aussieht.

Digitale Selbstverteidigung

Bildschirmfoto 2013-03-18 um 09.52.46

Steffan Heuer spricht in einem Interview im heutigen Tages-Anzeiger über »digitale Selbstverteidigung«. Damit meint er folgenden Zusammenhang:

Entscheidend ist, wie viel ich von meinem Privatlaben im Netz sehen möchte. Da kommt die digitale Selbstverteidigung ins Spiel. […] Alles, was ich einmal ins Web stelle, kann gegen mich verwendet werden. Man hat im Internet das Recht, jemand anderes zu sein. Es ist meine Identität und Freiheit. Denn: Wollen wir ständig unter der Lupe von Unternehmen sein, wenn wir uns im Web bewegen? Ehrlichkeit rächt sich am längsten, weil das Internet nicht vergisst.

Er steht im Zentrum des Buches von Steffan Heuer, das er zusammen mit Pernille Tranberg geschrieben hat: »Fake it!« heißt es auf Englisch, auf Deutsch: »Mich kriegt ihr nicht! Gebrauchsanweisung zur digitalen Selbstverteidigung«.

Bildschirmfoto 2013-03-18 um 10.01.04Digitale Selbstverteidigung wird deshalb nötig, weil digitale Grundrechte verletzt würden. Heuer und Tranberg beziehen die sechs Rechte aus einem Katalog. Die Präambel hält fest, dass das digitale Ich wie das physische Ich geschützt werden muss. Konkret geht es um folgende Rechte.

  1. Das Recht auf Transparenz: Zu wissen, wer persönliche Daten sammelt und wie sie verwendet werden. 
  2. Das Recht auf Privatsphäre.
  3. Recht auf Auswahl und Kontrolle der Daten.
  4. Recht auf Datensicherheit.
  5. Recht auf Identität und Anonymität.
  6. Recht auf minimale Verwendung der Daten.

Aus dem Recht auf Anonymität leiten Heuer und Tranberg die Forderung ab, Social Media mit Pseudonymen zu verwenden – daher der Slogan »Fake it!«

Sie geben konkrete Tipps, wie digitale Selbstverteidigung praktiziert werden könnte:

Bildschirmfoto 2013-03-18 um 10.10.25Im Interview wird Heuer gebeten, ein konkretes Problem zu schildern:

Ich lege bei Amazon eine Wunschliste an, die Bücher über gesunde Ernährung enthält. Ich lese regelmässig auf Websites Artikel über Bluthochdruck und Diabetes. Ich kaufe im Supermarkt mit einer Bonuskarte Lebensmittel und Naturheilprodukte. Ich benutze Apps, die meine körperlichen Aktivitäten protokollieren. Vielleicht fotografiere ich sogar, was ich esse. Daraus fügt sich beim Datensammler ein wunderbares Bild. Facebook etwa arbeitet mit einem Unternehmen zusammen, das die Einkäufe der Mehrzahl der Amerikaner auswertet und mit einem Facebook-Profil verknüpfen kann. Fast alle Dienstleister geben an, persönliche Daten nicht weiterzuverkaufen. Aber kaum ein Unternehmen sagt, es werde keine Daten über Sie hinzukaufen. Das sollte zu denken geben.

Das klingt zwar nicht besonders dramatisch, kann aber mit beliebigen Problemen gekoppelt werden: Mit Versicherungen, die Risiken ausschließen wollen, mit Staaten, die sich um die Gesundheit ihrer Bürgerinnen und Bürger Gedanken (und Gesetze) machen etc.

Bildschirmfoto 2013-03-18 um 10.22.01

Heuer und Tanbergs Gedanken gehören zu dem, was sich heute jeder Mensch überlegen muss. Sie sind jedoch aus zwei Gründen gefährlich:

  1. Es gibt nicht digital präsente Menschen und solche, die das nicht sind. Wir alle sind auf Social Media – vielleicht direkt, vielleicht indirekt. Wir werden fotografiert, beschrieben, gefilmt und zwar oft so, dass wir es nicht erfahren und nicht merken. Vorsicht – oder Selbstverteidigung – im Zusammenhang mit unseren eigenen Aktivitäten hilft nicht gegen die Aktivitäten anderer Menschen. 
  2. Das Versprechen, mit einigen Tipps und Tools sich digital sicher bewegen zu können, ist trügerisch. Der Aufwand ist schlicht zu groß. Wenn Google meine Suchdaten verkauft, dann wissen die Käufer, dass ich eine Sechszimmerwohnung in Zürich für unter 1200.- Miete suche. Und wenn meine Pseudonyme mit meiner echten Identität verbunden werden, dann merkt man auch, dass ich meine Zehennägel regelmäßig lackiere und die Bilder auf Instagram poste. Hinter den Kontrollverlust kann man nicht zurück.

Einfache Beobachtungen zeigen, wie leicht Menschen der Versuchung nachgeben, ihre Daten zu verkaufen: Sie klicken auf Angeboten, die ihnen Gratisiphones versprechen und auf Links, hinter denen sich persönliche Bilder von ihnen verbergen sollen – und geben so nicht nur Unternehmen, sondern einfachen Betrügerinnen und Betrügern das, was sie ihnen nicht geben wollen. Es hilft, sich zu informieren. Aber zu denken, Information könne einen im Internet schützen, ist naiv.

Medienkompetenz als Fach – erweiterte Überlegungen

Im Sommer 2012 habe ich die Argumente sortiert, die für oder gegen ein Fach »Medienkompetenz« sprechen. Mein damaliges Fazit war optimistisch und lehnte ein Fach ab:

Medienbildung und Informatikausbildung gehören in den Fachunterricht integriert. In der Expertise steht, diese Integration erfolge »zufällig« und es mangle ihr an »Zuverlässigkeit« im Vermitteln von Kompetenzen, im Anbieten von Reflexionsmöglichkeiten. Damit bin ich einverstanden. Diese Probleme lassen sich aber in einem integrierten Ansatz lösen.

Am Fachforum Jugendmedienschutz hatte ich letzte Woche Gelegenheit, mit Fachleuten noch einmal über die Idee eines Faches nachzudenken, zudem hat Christian Spannagel in einem Kommentar die Frage neu aufgerollt – und Beat Döbeli hat in einer Präsentation die Frage aufgeworfen, wie die Schule auf den Leitmedienwechsel reagieren soll, und dabei die wesentliche Argumente in eine Übersicht verpackt (das ist nur die letzte Folie):

img043

 

Gehen wir von der Übersicht Döbelis aus, dann können wir in Bezug auf realistische bildungspolitische Forderungen die Optionen 4-6 momentan weglassen. Damit ist nicht gesagt, dass sie nicht ganz entscheidende Fragen beinhalten – aber Schule ohne Fächer ist momentan nicht denkbar. Für mich bleiben die Alternativen: Integration ohne Fach (1) oder Integration mit Fach (3).

Entscheidend scheinen mir nun drei Aspekte, denen ich bisher zu wenig Gewicht beigemessen habe:

  1. die Einführung eines Faches ist die einzige Möglichkeit, in der Schule Verschiebungen vorzunehmen
  2. nur Fächer schaffen Ressourcen (in der Ausbildung von Lehrenden, in der Herstellung von Lehrmitteln, in der Anstellung von Fachpersonen etc.)
  3. nur Fächer führen dazu, dass einige Lehrpersonen Expertenwissen in Bezug auf Medienkompetenz aufbauen müssen.

Mir leuchtet die Forderung deshalb ein und ich werde sie fortan auch vertreten. Allerdings würde ich dafür plädieren, dass das Fach an ein anderes Fach angebunden wird. Um das etwas auszubauen, möchte ich auf den Kommentar von Christian Spannagel zurückkommen:

Informatik in der Schule muss eigenes Fach sein und kann nicht integriert vermittelt werden: Wenn es um Algorithmen, Informatiksysteme und informatische Modellbildung geht, braucht man Informatiklehrer. Medienbildung – auf der anderen Seite – ist Querschnittsangelegenheit, die in allen Fächern integriert vermittelt werden muss (einfach weil man sowieso in allen Fächern Medien verwendet). “In der Mitte” dazwischen liegt die informationstechnische Grundbildung, in die ich neben der Benutzung von Standardsoftware (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation usw.) auch die Nutzung des Webs mit allen Facetten einsortieren würde.

Ein Fach Medienkompetenz muss Medienbildung mit Medienpraxis und -reflexion koppeln. Die Praxis kann gut mit der informationstechnischen Grundausbildung verschmolzen werden – darüber hinaus aber auch mit einem weiteren Fach. Ideal schiene mir die Primärsprache, aber auch Geschichte oder Geografie böten sich an.

Gerade aber Informatik wird wohl eine gewisse Spannung in diese Debatte bringen. Die Forderungen für ein eigenständiges Fach Information – wie hier von Jürg Kohlas vorgebracht – haben dieselbe Berechtigung wie die Forderungen nach einem Fach Medienkompetenz. Die politische Gefahr ist offensichtlich: Die beiden Fächer werden als ein Fach angeboten, das nun weder Informatikkompetenz noch Medienkompetenz vermitteln könnte, sondern dann eben wieder informationstechnische (oder medientechnische) Grundausbildung. Damit wäre es wohl wieder nutzlos.

Blogparade: »Wie ich etwas gelernt habe«

Letzte Woche habe ich darüber geschrieben, wie ich Textverarbeitung gelernt habe. Die Idee dahinter ist, dass man darüber nachdenkt, wie man sich Kompetenzen konkret angeeignet hat, aus welchen Teilen sie bestehen und was man daraus über Lernprozesses ableiten kann.

Ich möchte daraus eine Blogparade machen: Das heißt andere Menschen bitten, auch Texte zu diesem Thema zu schreiben. Sinn davon ist, dass die Texte so besser sichtbar werden, die Bloggerinnen und Blogger sich so vernetzen und letztlich eine Sammlung von Texten entsteht, die ich dann in einem Schlusspost zusammenfasse und kommentiere. Der Titel der Blogposts wäre »Wie ich etwas gelernt habe«, wobei »etwas« dann ersetzt würde durch die Kompetenz. Eine mögliche Struktur der Beiträge wäre:

  1. Beschreibung der Kompetenz (was bedeutet es, das zu können?)
  2. Phasen des Lernprozesses
  3. Wie habe ich gelernt?
  4. Was lässt sich daraus übers Lernen ableiten?

Es ist Usus, einen Zeitraum vorzugeben: Ich schlage also mal vor, die Texte bis Ende April zu schreiben und würde mich freuen, wenn sie hier mit Kommentar verlinkt würden oder ich eine Mail mit einem Link erhielte.

gelernt_blogparade

Unten noch ein Beispiel von mir, weil ich darum gebeten wurde.

* * *

Wie ich gelernt habe, Texte zu schreiben. 

(1) Bestandteile der Kompetenz

Es gibt viel Literatur zum Thema, aus welchen Bereichen die Kompetenz besteht, Texte verfassen zu können. Ich möchte hier nicht zu weit ausholen, sondern vier Aspekte betonen:

  1. Sich vorstellen können, was Texte beim Leser oder bei der Leserin auslösen. 
  2. Die formale Gestaltung der geplanten Wirkung anpassen können.
  3. Die einzelnen Bestandteile des Textes (Wörter, Sätze, Abschnitte) formal und inhaltlich so gestalten, dass eine Orientierung im Text gewährleistet ist und die Rezeption des Textes erfolgreich erfolgen kann.
  4. Beim Verfassen des Textes die eigenen Gedanken ordnen und den Text auch für sich selbst schreiben.

Diese Bestandteile können nicht in dem Sinne gelernt werden, dass sie beherrscht werden und bei jedem neuen Text umfassend abgerufen werden können, sondern es findet lediglich eine Annäherung statt.

(2) Schulzeit

Ich habe immer viel gelesen und gern geschrieben. Das Schreiben fand im Deutschunterricht weit gehend frei von Vorgaben statt: Aufsätze erforderten hauptsächlich Kreativität. Oft wurden Texte von Schülerinnen und Schülern in der Klasse vorgelesen, dabei handelte es sich immer um stilistisch oder inhaltlich ausgefallene, an denen ich mich Orientierte. So entwickelte ich schnell einen eigenwillig, komplizierten Stil. Ich nahm Wörter aus meiner Lektüre und brachte sie in meinen Texten unter. Ich wollte hauptsächlich mit meiner Wortgewandtheit und meinen Kenntnissen beeindrucken.

Parallel dazu musste ich im Latein-, Griechisch- und Französischunterricht viel übersetzen. Mit der Zeit wurden wir dazu angehalten, stilistisch ansprechende Übersetzungen zu schreiben, also solche, die nicht primär genau waren, sondern sinngemäß. Texte zu schreiben, ohne den Inhalt erfinden zu müssen, zeigte mir klarer auf, was stilistisch möglich ist, welche Bandbreiten es gibt und wie Elemente eines Textes zusammenhängen.

Im Austauschjahr schrieb ich zum ersten Mal für eine Schülerzeitung. Begrenzte Zeit und begrenzter Raum waren neue Erfahrungen; zudem gab es klare Vorstellungen, wie ein guter Text einer Schülerzeitung auszusehen hatte (er sollte positiv sein, viele Namen und Aussagen enthalten und von Ereignissen an der Schule handeln). Die Schlussredaktion genoss ich enorm: Der zeitliche Druck wirkte anregend, wir schrieben viel und kritisierten heftig. Und danach hielten wir Ausdrucke in den Händen, welche die fertige Zeitung zeigten – auf die wir dann wiederum Feedback (auch von Unbekannten) erhielten. Es zeigte deutlich, wie Texte ankamen und wirkten.

Kurz vor der Matur hatte ich eine Freundin, mit der ich oft zusammenarbeitete. Sie pflegte, von ihrem Vater vermittelt, einen minimalistischen Stil: Knappe Sätze von hoher Klarheit. Sie las einige meiner Texte und kritisierte ihre stilistische Schwülstigkeit. Es fiel mir schwer einzusehen, dass sie Recht hatte – und ich begann zu vereinfachen. Und dazuzulernen.

(3) Studium

Immer mehr schrieb ich auch persönliche Texte. Die Verbreitung von Email zu Beginn meines Studiums führte dazu, dass ich Beziehungen über lange Texte aufzubauen begann. Ich spielte vermehrt mit Ausdrücken, versuchte eine persönliche Sprache zu finden; schrieb gleichzeitig aber auch über Alltägliches und immer mehr auch über meine Gedanken, auch Intimes kam zur Sprache. Ich lernte schon früh, Internetkommunikation als Mittel zu betrachten, Dinge zur Sprache zu bringen, über die ich mich in Gesprächen weder äußern konnte noch wollte.

Dazu musste ich längere Sachtexte schreiben. Dabei lernte ich zunächst kaum etwas dazu: Ich erhielt kaum Rückmeldungen auf Proseminar- und Seminararbeiten, allenfalls wurden ein paar Kommafehler korrigiert oder inhaltliche Kommentare abgegeben. Hilfreich war das Feedback meines Vaters, der als Volksschullehrer darauf pochte, dass ich nicht zu akademisch schrieb. Die Lektüre von Fachaufsätzen brachte mich immer wieder in Versuchung, ein Fachregister zu verwenden, hinter dem sich unklare Aussagen verstecken ließen.

Die Master- bzw. Lizarbeit stellte mich zum ersten Mal vor die Aufgabe, einen sehr langen Text zu schreiben. Schon während des Studiums hatte ich mir angewöhnt, sofort zu schreiben. Ich verarbeitete meine Lektüre sofort in Texte, die ich dann im Dokument platzierte und immer wieder verschob; während viele Kommilitoninnen und Kommilitonen die Arbeit an einem Stück schrieben, nachdem sie alle wichtigen Texte gelesen hatten. Schreiben wurde für mich schnell zum Mittel, eigene Erkenntnisse zu finden und Lektüre mit Reflexion zu koppeln.

(4) Bloggen und Social Media

Bis ich Social Media nutzte (mit Bloggen begann ich 2006) schrieb ich – mit Ausnahme von Schülerzeitungen – Texte, die meist genau eine Person lasen. Es waren Texte für mich, mit denen ich mich qualifizierte, die aber kein Publikum hatten. Das änderte sich. Zunächst war mein Blog sehr persönlich, es lasen einige Eingeweihte mit. Ich verstehe nicht ganz, wie und wann sie das Publikum erweiterte; eine Mischung von Facebook- und Twitter sowie Google-Suchen führte dazu, dass ich irgendwann einen Kreis von Leserinnen und Lesern hatte. Nicht viele, aber immerhin einige. Heute sind es wohl zwischen 100 und 200, die meine Texte auf dem Blog lesen; je nach Thema können es mehr sein. Die Wirkung der Öffentlichkeit verstehe ich aber nicht ganz: Ich erhalte mehr Feedback und merke sofort, wenn Texte nicht so wirken, wie ich es beabsichtigt habe. Ich kann stärker experimentieren – mal provozieren, mal verknappen, mal ausprobieren. Ich argumentiere parallel zu meinen Texten auch in Foren, auf Twitter, in Kommentaren – und erlebe den Unterschied zwischen den Texten, die ich auf meinen Kanälen veröffentliche, und denen, die auf fremden Kanälen erscheinen. Daraus ergibt sich die Bedeutung des Kontexts.

Entscheidend ist die Kürze, die vor allem von Twitter vorgegeben wird. Ich verzichte darauf, Abkürzungen zu verwenden und teile meine Tweets selten auf. So muss ich mich oft in 140 Zeichen ausdrücken. Viele Tweets lösche ich, formuliere neu, lösche Unnötiges. Mein Schreiben profitiert davon, zumindest denke ich das. Tweets wirken sofort, die Reaktionen zeigen Unklarheiten unmissverständlich auf. Zudem schreibt man viele davon, ich habe schon über 20’000 veröffentlicht, also ein Buch geschrieben.

Diese Menge ist ein anderer Faktor. Ich schreibe momentan pro Woche rund fünf Blogposts, insgesamt mehr als 300 Texte pro Jahr. Oft schreibe ich sehr schnell; ich nehme mir vor, einen Blogpost in 20 Minuten zu schreiben – erlaube mir dann aber, ihn zu ergänzen und zu überarbeiten. Texte werden so immer mehr zu etwas Provisorischem. Aus Blogposts entstehen Aufsätze, Aufsätze erscheinen zuerst als Blogposts.

(5) Wie habe ich gelernt? 

Texte zu schreiben ist eine offensichtliche Kompetenz. In meinem Beruf als Lehrer, in der Schule und im Germanistik-Studium ist sie ständig explizit präsent. Texte werden besprochen und bewertet. Zunächst habe ich sicher dadurch gelernt, dass ich vielen Profis genau zugeschaut habe: Ich habe viele gute Texte gelesen und sie auf mich wirken lassen. Dabei habe ich auch allgemein über Texte nachgedacht und sie analysiert. Dabei wird klar, dass Begriffe definiert werden müssen, dass Abschnitte zu verbinden sind, dass Repetitionen oft wichtig sein können; Texte einen Rhythmus haben, nicht immer integral gelesen werden und es deshalb besonders exponierte Stellen gibt etc.

Ich habe viel imitiert. Nicht nur literarische Vorlagen, auch Journalistinnen und Journalisten, Sachtexte, sogar mündliche Äußerungen. Oft mit primitiven Tricks: Wörter und Sätze einfach übernehmen. Vergleichsideen klauen. Aufbaustrategien nachahmen.

Entscheidend ist weiter, sich Kritik auszusetzen. Leute zu finden, die eine andere Perspektive auf einen Text haben (z.B. mein Vater) und sie um ehrliches Feedback bitten. Ich war oft verärgert, ich fühlte mich unverstanden und war überzeugt von meinen Formulierungen. Aber ich habe eigentlich immer etwas geändert an meinen Texten. Heute freue ich mich über Rückmeldungen und beherzige sie immer. Auch das musste ich lernen – aber es war einfach: Überarbeitete Texte kamen besser an.

Und zuletzt: Einfach viel schreiben. Schreiben war für mich der Weg, Gelesenes und Gedachtes festzuhalten. Daraus habe ich eine Gewohnheit gemacht. Was Kleist über die Allmähliche Verfertigung von Gedanken beim Reden schreibt, gilt für mich fürs Schreiben:

 Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist.

(6) Kann man daraus etwas übers Lernen an sich ableiten? 

Meine Erkenntnisse aus dem Textverarbeitungspost haben sich nicht wesentlich verändert, ich formuliere sie aber etwas anders und füge einen Punkt hinzu:

  1. Es hilft, eine Tätigkeit in verschiedenen Kontexten und unter verschiedenen Perspektiven auszuführen. 
  2. Phasen von großer Freiheit und solche von großer Einschränkungen ergänzen einander und entfalten eine besondere Wirkung.
  3. Echte Kritik am eigenen Verhalten löst Lernprozesse aus.

 

 

 

 

 

 

 

Präventive Polizeiarbeit mit Facebook

In einem Auszug aus seinem neuen Buch hält Evgeny Morozov fest, wie Algorithmen, Daten und Social Media dazu führen könnten, dass Verbrechen verhindert werden können, bevor sie begangen werden – und kritisiert diesen Zugang zugleich.

»Predictive Policing« wertet statistisches Wissen über Kriminalität systematisch aus. So können beispielsweisen die Ressourcen der Polizei gezielt  dort eingesetzt werden, wo die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass es zu gewaltsamen Übergriffen kommt. Einbezogen werden aber auch real-time Daten: In den USA gibt es in den Städten ein Netzwerk von Mikrofonen und Kameras, die z.B. Schüsse sofort melden, Autokennzeichnen überprüfen und mit großen Rechnern diese Daten in Verbindung bringen.

Cover des Buches von Morozov.
Cover des Buches von Morozov.

Das Problem sind dabei, so Morozov, die Algorithmen: Auch wenn sie als objektiv wahrgenommen werden, sind sie es wahrscheinlich nicht. Die fehlende Transparenz, die nötig ist, um den Vorteil der maschinellen Verfahren zu sichern (wenn Verbrecher die Algorithmen einsetzen könnten, dann wären sie teilweise nutzlos), führt dazu, dass eingebaute Vorurteile (z.B. über Rassen, soziale Schichten etc.) nicht erkannt werden können und versteckt eine immense Wirkung entfalten. Ein weiteres Problem sind die Dunkelziffern: Die Statistiken, auf denen die Algorithmen beruhen, erheben nur die erfassten Verbrechen, nicht aber die der Polizei nicht bekannten. Dieser Effekt verstärkt sich durch die maschinelle Verarbeitung.

Soziale Netzwerke setzen ebenfalls auf »Predictive Policing«: Um dem Vorwurf zu entgehen, Verbrechern zu erleichtern, durchsuchen Facebook und ähnliche Anbieter die Daten ihrer Nutzer systematisch nach Auffälligkeiten (z.B. alle Kontakte sind minderjährig, spezielle Keywords für Drogenhandel, Vergewaltigung etc.)

Daraus konstruiert Morozov seine Kritik:

    1. Private Internetfirmen müssen sich nicht an die Verfahrensregeln halten, die Menschen in Staaten vor der Staatsgewalt schützen – sie können sie also systematisch überwachen. 
    2. Während heute vor allem problematische Äußerungen die Grundlage für einen Verdacht darstellen, können mit der Verarbeitung großer Datenmengen auch unproblematische Äußerungen die Basis für einen Verdacht darstellen:

      Thus, even tweeting that you don’t like your yoghurt might bring police to your door, especially if someone who tweeted the same thing three years before ended up shooting someone in the face later in the day.

Das Fazit: Der Nutzen von »Predictive Policing« ist überzeugend. Es muss aber verhindert werden, dass diffuse und unfaire Methoden im großen Stil eingesetzt werden und so unschuldige Menschen gefährden. Das kann nur geschehen, wenn die Verfahren der Polizei überprüft werden können und transparent sind.