Die digitale Zigarettenpause

Rauchen hilft mir, nicht zu oft mit mir alleine sein zu müssen. – Rudi Visker

33’362 Tweets habe ich in den letzten fünf Jahren geschrieben. Rund 18 am Tag. Wären die Tweets Zigaretten, hätte ich jeden Tag knapp ein Päckchen geraucht.

Der Vergleich ist nicht weit her geholt: Oft ist Twitter für mich eine Zigarettenpause. Ich breche aus dem aus, was ich gerade tue. Ich atme anders, ich verwende meine Finger, tippe auf dem Smartphone. Lese, was andere schreiben. Als würde ich vor dem Gebäude, in dem ich arbeite, mit Kolleginnen und Kollegen plaudern. Nur eben digital.

Twittern macht süchtig, genau wie rauchen. Vor allem deshalb, weil es in bestimmten Situationen die nahe liegende Handlung ist. Komme ich beim Schreiben mit einem Gedankengang nicht weiter, fällt mir eine Korrektur schwer, dann öffne ich Twitter. Lese einen Artikel, amüsiere mich über ein Bild und schreibe selbst einen schnellen Gedanken auf. Fünf Minuten später arbeite ich weiter.

Zigarettenpausen sollten nicht überbewertet werden. Aber auch nicht unterschätzt. Da kann einiges passieren, gerade weil der formale Kontext verlassen wird. Raucherinnen und Raucher waren schon immer die interessanteren Menschen.

(Für den Gedanken bedanke ich mich bei Dani Graf und @andbhold.)

Cigarette. EmmaKennedy
Cigarette. EmmaKennedy

So denken Lehrpersonen über Social Media. Nummer 6 kann dein Leben verändern!

Disclaimer: Die folgende Liste hat Unterhaltungswert. Sie vereinfacht die Realität und soll zur Reflexion anregen. Die Wirklichkeit bildet sie nicht adäquat ab. Der Titel folgt dem Schema »Sag es heftig!« 

* * *

Gehen Schulklassen in die Pause, so ist der Griff zum Smartphone oft die erste und wichtigste Erholungsmaßnahme für die Jugendlichen. Lehrpersonen stehen diesen Gewohnheiten der Jugendlichen ambivalent gegenüber. Die folgende Liste zeigt, welche Typen es unter Lehrpersonen gibt.

1. Typ »Cannabis«. 

Bildschirmfoto 2014-05-26 um 10.48.44Er denkt: Social Media ist wie Cannabis: Wird oft verharmlost, macht süchtig. Alle behaupten, sie hätten es im Griff. Aber es gibt wenige, die am Wochenende einen Joint wie ein Glas Rotwein genießen. Die meisten verlieren die Kontrolle. Genau so gibt es sicher Jugendliche, die kreativ mit Twitter, Instagram oder einem Blog umgehen. Aber die meisten stumpfen dabei ab, werden oberflächlich und abhängig.

Seine Einsicht: Social Media sind ein Werkzeug. Sie sind nicht automatisch nützlich, sondern nur innerhalb eines sozialen Rahmens.

2. Typ »Ferienfoto«. 

Bildschirmfoto 2020-03-26 um 15.47.15.pngSie denkt: Social Media sind ein guter Weg, um meinen Freundinnen und Freunden zu zeigen, was mir in den schönen Momenten des Lebens widerfährt. Ist doch nett, wenn man mit Bekannten, die weit weg leben, im Kontakt bleiben kann. Seriöse Informationen entnehme ich aber doch lieber Büchern. Man weiß ja doch nie, was jemand bei Wikipedia-Artikeln erfunden hat.

Ihre Einsicht: Ein Austausch hat nicht deshalb Gehalt, weil zwei Menschen zur gleichen Zeit am selben Ort sind.

3. Typ »Goethe«. 

GoetheEr denkt: Zum Glück hat Goethe Bücher geschrieben und sein Talent nicht auf Twitter verschwendet. Was einen Wert für die Bildung hat, wird in bekannten Formen der Nachwelt überliefert. Die Geschwindigkeit und Oberflächlichkeit der Neuen Medien taugt für schnelle Stürme der Entrüstung, eine vertiefte Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen oder kulturellen Fragen ist weder möglich noch erwünscht.

Seine Einsicht: Social Media sind sehr schnell und erzeugen deswegen auch viel Rauschen. Aus der Distanz fällt es oft auch aus Gründen des Kanons leichter, das Rauschen wegzufiltern.

4. Typ »Zirkel«. 

Bildschirmfoto 2014-05-26 um 11.14.27Sie denkt: Für das, was ich hier unterrichte, gibt es Werkzeuge die funktionieren. Dass Menschen auf ihren Social-Media-Profilen viel quatschen, wenn der Tag lang ist, erstaunt nicht. Aber Werkzeuge sind das nicht, sonst wüsste ich, was man damit anfangen könnte.

Ihre Einsicht: Es hilft, Social Media so zu nutzen, dass ein Ziel angestrebt wird und die Nutzung eine Funktion hat.

5. Typ »Youtube«.

Bildschirmfoto 2014-05-26 um 11.18.43Er denkt: Diese Youtube-Videos sind schon verdammt praktisch. Schnell den Projektor starten und schon sehen meine Schülerinnen und Schüler, was ich früher lange auf Videokassetten suchen oder gar selbst an die Tafel zeichnen musste. Ohne das Internet möchte ich nicht mehr unterrichten!

Seine Einsicht: Das Wissen ist im Netz.

6. Typ #edchatde

Bildschirmfoto 2014-05-26 um 11.22.22Sie denkt: Social Media ist ein guter Ausgangspunkt, um über Bildung, Kommunikation und Schule nachzudenken. Der erste Schritt muss es sein, andere Perspektiven nachzuvollziehen und ein Netzwerk aufzubauen, damit wir mitbekommen, was die anderen so machen. Social Media macht das für uns so viel einfacher, z.B. mit dem #edchatde, am Dienstag um 8.

Ihre Einsicht: Die Digitalisierung gräbt die Berufswelt um. Ausbildung und Schule sind keine Selbstläufer mehr, sondern riskieren Kompetenzen zu vermitteln, die in einer digitalen Welt wenig nützen. Vernetzung ist wichtig, Experimentieren essentiell.

7. Typ »Duckface«. 

Bildschirmfoto 2014-05-26 um 11.28.00Er denkt: Es gibt keinen besseren Weg als Social Media um zu verstehen, wie die Jugendlichen ticken. Von ihnen kann man lernen, was gerade so angesagt ist. Mache ich da mit, zeige ich mich von meiner menschlichen, ja kollegialen Seite – und was könnte meiner Rolle als Lehrperson zuträglicher sein als das?

Seine Einsicht: Wer Jugendliche verstehen will, sollte mit ihnen reden statt über sie.

8. Typ »Nur weil du nicht paranoid bist…«. 

Bildschirmfoto 2014-05-26 um 11.39.50Sie denkt: Wer will, dass die Geheimdienste und Unternehmen jede seiner Vorlieben kennen und uns bis in den letzten Klick überwachen und manipulieren können, kann Social Media schon nutzen. Für die Schule ist sowas aber nicht: Was im Schulzimmer geschieht, muss nicht archiviert, ausgewertet und überliefert werden. Fehler müssen möglich sein und vergessen werden. Zudem ist ja mehr als die Hälfte von dem, was Menschen im Netz machen, ohnehin illegal.

Ihre Einsicht: Datenschutz bedeutet, dass nur die Daten gespeichert werden, die gespeichert werden müssen. Darüber muss vermehrt nachgedacht werden.

* * *

Der richtige Weg ist ganz einfach: Neue Methoden, Medien und Kommunikationswege sind nicht nutzlos, weil sie neu – genau so wenig wie die alten aufgrund automatisch überholt sind. Neue Wege auszuprobieren und über alte nachzudenken ist aber weder in der Schule noch sonstwo falsch.

Bildquellen: 1., 2., 3., 4., 5., 6., 7., 8

Zwei Jahre »Schule Social Media« – wie ich zum Experten wurde

Seit gut zwei Jahren betreibe ich diese Seite. Ursprünglich diente sie mir dazu, einen Weiterbildungsurlaub vorzubereiten, mittlerweile habe ich damit zwei Bücher geplant und geschrieben (Social-Media-Leitfaden und Generation »Social Media«), eine Reihe von Rezensionen verfasst und habe die Möglichkeit, einem interessierten Publikum meine Haltung zu medienpädagogischen Fragestellungen näher zu bringen.

Der Betrieb dieser Seite hat mir einige Türen geöffnet: Als zweites Standbein neben dem Unterrichten halte ich Referate und führe Workshops in meinem Fachgebiet durch, zudem darf ich immer wieder in den Medien zu Fragestellungen im Bereich der digitalen Bildung Stellung nehmen (ein Überblick über meine Aktivitäten finden sich hier). Ich lerne immer wieder Menschen kennen, die interessante Haltungen vertreten und viel über Medien, die Schule und über Lernen wissen und Lust haben, sich mit mir auszutauschen.

Obwohl ich weder auf anerkannte Ausbildungen verweisen kann noch akademisch tätig bin, werde ich als Experte anerkannt und wahrgenommen. Dieses Ziel hatte ich während der Arbeit am ersten Buch durchaus vor Augen – auch wenn die Rolle von Expertinnen und Experten in den Medien umstritten ist: Zu oft werden einfache Thesen zu Nachrichten erweitert, indem vor allem Boulevardmedien Expertinnen und Experten das sagen lassen, was die Journalistin oder der Journalist hören wollen. Medienpräsenz und Referate sind für mich – und das mag pathetisch klingen – ein Weg, eine Botschaft zu vermitteln: Die Schnittstellen zwischen Jugendlichen, Schule und Technologie bergen ein großes Potential, die Gesellschaft zu verbessern. Menschlichere Lösungen zu finden, Bedürfnisse kennen zu lernen und darauf zu reagieren. Vorurteile und Verurteilungen verschütten dieses Potential.

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Diskussion mit Patrick Rohr, Wenkenhofgespräche 2014

An den Wenkenhofgesprächen wurde ich gefragt, wie man als Experte bekannt werde. Meine Rezepte wären folgende:

  1. Ein Thema wählen, das man aufgrund der eigenen Erfahrungen und Möglichkeiten glaubhaft repräsentieren kann.
  2. Eine Nische finden, die nicht schon besetzt ist.
  3. Sich ein Netzwerk schaffen, indem man mit interessanten Menschen aus diesem Bereich das Gespräch sucht, ihre Publikationen liest und darauf reagiert.
  4. Am Ball bleiben: Aktuelle Debatten, Themen und Texte studieren.
  5. Sein Wissen weitergeben, Mehrwert für andere Schaffen.

An diese fünf Punkte schließen dann Dynamiken an, die bekannt sind: Medien und Weiterbildungsverantwortliche suchen nach Expertinnen und Experten in bestimmten Gebieten und finden sie dann über entsprechende Publikationen.

* * *

Wie geht es weiter? Ich freue mich auf viele spannende Veranstaltungen, zu denen ich schon eingeladen bin. Im Hinterkopf habe ich ein Projekt, das mich stärker in die Perspektive meines angestammten Fachs, der Germanistik, zurückführt – sowie ein eher bildungspolitisches Anliegen, das ich umsetzen möchte.

Schule Social Media ist für mich eine lustvolles Projekt. Ich denke gerne über meine Themen nach und erlebe mich als kreativ, wenn ich sie bearbeite. Aber es nimmt mir auch die Zeit, in der ich nichts Produktives tue. Oft fehlt mir die Ruhe, einen Film zu schauen oder einen Roman zu lesen, weil ich stets etwas tun könnte, ja müsste. Dem »Overwhelm«, dem Gefühl, für nichts Zeit zu haben, möchte ich den Kampf ansagen.

Jugendliche sind keine Kinder

Bildschirmfoto 2014-05-14 um 10.02.57Gestern ist ein Interview bei Watson erschienen, in dem ich vor allem zu Sexting Stellung nehme. Darin sagte ich unter anderem Folgendes:

Man muss aber auch sagen, dass die grosse Mehrheit der Fälle völlig unproblematisch ist. Sexting ist also einfach eine Art, wie Sexualität ausgelebt wird. [Problematische Fälle] sind dann aber gleich sehr gravierend. Das Risiko, das Jugendliche eingehen, ist relativ hoch. Es ist aber nicht so, dass sie das nicht wüssten – genau darin liegt eben der Reiz. […]
Man ist beim Thema Internet einfach noch nicht so weit, dass man versteht, dass es Unfälle gibt. Im Strassenverkehr ist es ja auch nicht so, dass man jeden Unfall künstlich aufbläst und deswegen in Frage stellt, ob man überhaupt noch mit dem Auto fahren sollte.

Das Interview ist neben positiven auch auf kritische Reaktionen gestoßen, vor allem durch den Medienjugendschutzexperten Günter Steppich und den Bildungsjournalisten Christian Füller.

Meiner Meinung nach gibt es drei Hauptkritikpunkte:

  1. Sexting ist ein Phänomen, das nicht entdramatisiert werden darf, weil der Schaden enorm ist, wenn erotische und sexualisierte Bilder von Jugendlichen verbreitet werden und sie dadurch bloßgestellt und misshandelt werden. 
  2. Die Analogie zum Straßenverkehr impliziert, dass im Netz Bemühungen vorhanden sein müssten, um die sexuelle Integrität von Kindern und Jugendlichen zu schützen. Das ist aber nicht der Fall.
  3. Macht jemand solche Aussagen wie ich, dann stelle ich Pro Juventute bzw. Laurent Sedano in ein schlechtes Licht, weil sie scheinbar ein Problem dramatisieren, für dessen Lösung sie sich stark engagieren.

Dazu möchte ich kurz Stellung nehmen, wiederum der Reihe nach:

  1. Aus meiner Sicht müssen zwei Formen von Sexting unterschieden werden:
    a) Eine medialisierte Form der sexuellen Aktivität von Jugendlichen, die Personen, denen sie vertrauen, freizügige Bilder von sich schicken – im Wissen darum, dass ein Vertrauensbruch gravierende Folgen haben kann. Das Vertrauensparadox besagt, dass das Risiko den Wert des Vertrauensbeweises sicherstellt.
    b) Die unbefugte Aufnahme und Verbreitung von intimen Aufnahmen von Jugendlichen/Kindern durch ihre Peers, mit dem Ziel, sich über sie lustig zu machen und sie bloßzustellen.
    Kein vernünftiger Mensch würde bestreiten, dass b) ein massives Problem ist und Lösungen gefunden werden, um solche Fälle zu verhindern. Sie sind dramatisch und es wäre fahrlässig, sie zu verharmlosen. Nun ist aber meine Sicht gerade die, dass eine Lösung für b) auch beinhaltet, dass Jugendliche ernst genommen werden und ihre medialen Praktiken in einem offenen Dialog mit pädagogischen Begleitpersonen diskutiert werden – ohne dass sie dafür verurteilt werden.
    Wird nun a) als Vorstufe oder Basis für b) angeschaut, dann wird das Ausleben jugendlicher Sexualität kriminalisiert und stigmatisiert. Dagegen wehre ich mich.
  2. In der Diskussion bei Christian Füller wurde in diesem Punkt eines klar: Niemand wehrt sich dagegen, dass das Netz für Kinder sicherer gemacht wird. Die Frage ist nur, wie das geschehen kann und was ein angemessener Preis dafür ist. Die Straßenverkehrsanalogie halte ich für weiterhin zutreffend: Da werden Maßnahmen getroffen, gleichwohl darf auf gewissen deutschen Autobahnen weiterhin ohne Tempolimit gefahren werden, weil angenommen wird, dort würden sich keine Kinder aufhalten. Es brauchte sichere Chatrooms für Kinder, Webseiten, die frei von Pornografie sind, Kontrollmöglichkeiten für Eltern. Aber das Netz als solches muss auch ein Platz für Erwachsene sein können.
    Hinzu kommt, dass in solchen Diskussionen oft so getan wird, als wären Jugendliche Kinder. Kinder haben heute ohne Begleitung im Netz nichts verloren. Sie sind verletzlich und müssen geschützt werden. Das gilt für Jugendliche nicht im gleichen Maße, weil es zu ihren Entwicklungsaufgaben gehört, neue Erfahrungen zu machen. Das tun sie auch im Netz.
  3. In der Präventionsarbeit und auch andernorts halte ich wenig von der Vorstellung, das gute Absichten einen vor Kritik schützen sollten. Jugendliche und Kinder leiden unter verschiedenen Problemen: Familienkonflikten, Gewalt, Gruppendynamiken, Armut, Krankheit, Schicksalsschläge, Abhängigkeiten in der Familie etc. Dazu kommen auch durch Medien erzeugte Probleme. Wird der Fokus auf einen Problembereich zu stark, verschwinden andere. Werden Jugendliche als ohnmächtig, statt als handlungsfähig dargestellt, verändert das den Umgang mit ihnen und ihre soziale Rolle. Darauf, so finde ich, darf und soll man hinweisen. Auch die Tatsache, dass die Pro Juventute auf Geld angewiesen ist, muss man nicht verschweigen, wenn man über die Organisation spricht. Dass mit diesem Geld viel gute Arbeit geleistet wird und insbesondere das Informationsmaterial der Pro Juventute von hoher Qualität ist, habe ich nie bestritten.

Ich bin bestrebt, genau hinzusehen und zu differenzieren. Werden Gefahren genau beschrieben und damit verbundene Phänomene, die harmlos sind, positiver dargestellt, als das in der öffentlichen Wahrnehmung der Fall ist, dann ist das in meiner Sicht richtig und wichtig. Dramatisierung dient kaum den von einem Problem Betroffenen.

Mehr Frustration würde der Schule gut tun

In einer Auseinandersetzung mit der Rede von Sascha Lobo auf der Re:Publica 14 schreibt die Bloggerin »Das Nuf«:

Es gibt diese Situationen als Mutter, in denen ich genau weiß, was passieren wird, in denen ich genau weiß, was das Richtige ist und trotzdem tun meine Kinder nicht das was ich ihnen sage. Ich sage es freundlich, ich argumentiere, ich wiederhole, ich wiederhole, ich schimpfe, ich erkläre, ich bitte, ich bettle, ich werde wütend, ich versuche am Ende sogar zu befehlen, immer und immer wieder: aber diese widerspenstigen Kinder tun nicht was ICH möchte und richtig finde und zwar obwohl ich Recht habe.
Zehn Jahre mit Kindern haben mir gezeigt, es wird niemals irgendwas bringen immer und immer weiter auf genau dieser Schiene zu bleiben.

Diese Situation gibt es auch in der Schule. Und zwar auf mindestens zwei unterschiedlichen Ebenen, wie ich im Folgenden kurz darlegen möchte. Es wäre gut, hier die Schiene zu wechseln, aus Frustration über die wirkungslosen Versuche, auf der alten Schiene zum Erfolg zu kommen.

1. Quellenangaben, Zitate und Plagiate

Die Klagen sind ominpräsent: Schülerinnen und Schüler können nicht richtig zitieren, sie kopieren im Netz und vergessen oder vermeiden, Quellen anzugeben. Dabei wäre es doch so einfach, sagen die Klagenden, das müsste man ihnen doch nur auf der vorherigen Schulstufe einfach zeigen, dann könnten die das. Warum macht das niemand?

Und in der Zwischenzeit machen es alle. Nützt es was? Nein. Seit ich unterrichte – seit über 10 Jahren – höre ich diese Klagen unverändert. Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Entweder mögen Lehrpersonen es, sich zu beklagen, und tun das auch bei Problemen, deren Bewirtschaftung letztlich zu einer Lösung geführt hat – oder alle Methoden, Schülerinnen und Schülern das korrekte Zitieren beizubringen, sind gescheitert.

Dann müsste man fragen, was der Grund dafür ist. Sind die Methoden untauglich? Ist das Problem zu schwierig? Sind die Forderungen überzogen?

2. Interdisziplinarität und Zusammenarbeit

Hier verweise ich nicht mehr auf meine Erfahrung, weil die Geschichte der Diskussion hinter meine Geburt zurückgeht: Die Forderungen, Unterricht müsse fächerübergreifend erfolgen und Schülerinnen und Schüler lernen, zusammenzuarbeiten, begleiten die Schule seit längerer Zeit.

Völlig verhallt sind sie nicht: Das Beispiel des Projektunterrichts zeigt Bestrebungen, die solche Ansätze aufnehmen. Aber zumindest bei erfolgreichen Projekten aus der Schweiz – hier z.B. die Liste mit prämierten Arbeiten aus dem MINT-Bereich – sind meist begabte Jugendliche alleine oder mit einem Partner, einer Partnerin in einem fachlich klar abgesteckten Feld tätig.

Gruppenarbeiten kommen an jeder Schule vor. Sie sind aber meist ein harmloser und unehrlicher Versuch, Zusammenarbeit zu institutionalisieren. Geprüft werden Einzelpersonen und Fächer. Projektarbeiten sind „Nice to have“, aber nicht Kern des Unterrichts.

Dabei zeigen Berufsfelder wie z.B. das des Journalismus, dass Berufe in der Zukunft ohne Kollaboration und Interdisziplinarität nicht mehr ausgeübt werden können. Selbstverständlich gibt es heute noch die gute Geschichte, die von einer Journalistin recherchiert und in Gesprächen vertieft werden kann – waches Denken und gute Schreibe einer Einzelperson reichen dafür aus. Aber immer mehr verstecken sich Geschichten in Datenbergen, die erst abgetragen, visualisiert und interpretiert werden müssen. Dafür braucht es Kenntnisse in Informatik, Statistik, Grafik, Webdesign und alle anderen Fertigkeiten, die Journalistinnen und Journalisten brauchen. Einzelpersonen können solche Projekte kaum stemmen.

Im Mittelpunkt stehen begabte Jugendliche. Nicht Teams.
Im Mittelpunkt stehen begabte Jugendliche. Nicht Teams.

* * *

Die Beschleunigung der digitalen Welt ist enorm. Sie macht oft hilflos und ohnmächtig. Die Berufswelt wird sich wandeln und die Schule muss sich wandeln. Nicht hektisch, nicht unreflektiert – aber sie kann Trägheit nicht mehr länger als eine Tugend verkaufen. Die Frage, ob Lehrpersonen die Ziele, die sich setzen und welche die Gesellschaft ihnen vorgibt, erreichen können, muss direkt gestellt werden und Antworten finden. Werden Diskussionen über Jahrzehnte geführt, mag das ein Zeichen für ihre Bedeutung sein, es weist aber auch auf die Unfähigkeit hin, echte Lösungen zu finden.

Anbieten kann ich keine. Mithelfen, neue Ansätze zu erwägen, werde ich gerne.

Kompetenzen für eine digitale Welt

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An einer Weiterbildungsveranstaltung für Schulleitungsmitglieder an Gymnasien plane ich einen Input, der in der Konzeption der Veranstaltung wie folgt umrissen wurde:

Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Kompetenzen Jugendliche im Gymnasium des beginnenden 21. Jahrhunderts erwerben können und sollen, um ihre Aufgabe in der Berufswelt sowie als mündiger Mitglieder der Gesellschaft wahrnehmen zu können.

In einem Input wird die Bedeutung der Digitalisierung für die Didaktik und das Lernen in Thesen nachgezeichnet. Zentral ist dabei auf Wunsch auch die Frage nach der Konzentration und der vertieften Auseinandersetzung mit Inhalten.

Im Folgenden bündle ich Vorüberlegungen und freue mich über Feedback und Kritik.

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1. Das Gymnasium und die Kompetenzen

Der Auftrag der schweizerischen Gymnasien steht im Maturanerkennungsreglement von 1995. Dort steht:

  1. Ziel der Maturitätsschulen ist es, Schülerinnen und Schülern im Hinblick auf ein lebenslanges Lernen grundlegende Kenntnisse zu vermitteln sowie ihre geistige Offenheit und die Fähigkeit zum selbständigen Urteilen zu fördern.
  2. Die Schülerinnen und Schüler gelangen zu jener persönlichen Reife, die Voraussetzung für ein Hochschulstudium ist und die sie auf anspruchsvolle Aufgaben in der Gesellschaft vorbereitet.
  3. Maturandinnen und Maturanden sind fähig, sich den Zugang zu neuem Wissen zu erschliessen, ihre Neugier, ihre Vorstellungskraft und ihre Kommunikationsfähigkeit zu entfalten sowie allein und in Gruppen zu arbeiten. Sie sind nicht nur gewohnt, logisch zu denken und zu abstrahieren, sondern haben auch Übung im intuitiven, analogen und vernetzten Denken.

Diese Ziele und Vorgaben wurden beispielsweise im Kanton Aargau als kompetenzorientierte Modelle formuliert. Unter der Leitung von Peter Bonati wurden sechs Kompetenzbereiche identifiziert, an denen sich der gymnasiale Unterricht orientieren soll:

Quelle, S. 29
Bonati, Was Gymnasiastinnen und Gymnasiasten lernen sollen, S. 29

Der Kompetenzbegriff, den ich im Folgenden übernehme, ist für Bonati dem Begriff der Lernziele deshalb vorzuziehen, weil er »personalisierte Lernziele« meint (ebd., S. 30).

Versucht man, die Aufgabe des Gymnasiums auf einen Nenner zu bringen, dann geht es darum, dass Lernende darauf vorbereitet werden, sich in Wissensprozessen sozial zu verhalten. Also etwa zu arbeiten, gesellschaftliche Systeme zu pflegen, Kritik zu üben, Politik zu betreiben…

2. Die Folgen der Digitalisierung

Die Wissensarbeit des Journalismus wurde durch die Digitalisierung sehr schnell und direkt betroffen – weshalb an seinem Beispiel einige Folgen klar aufgezeigt werden können (vgl. dazu den ersten Teil von »online first«):

  1. Aufweichung der Gate-Keeper-Rolle
    Redaktionen von Massenmedien sind weiterhin für die Auswahl der Inhalte, die ein breites Publikum wahrnehmen kann, verantwortlich. Aber ihre Selektionskraft hat nachgelassen: Digitale Kanäle können andere Akzente setzen und Themen aufkommen lassen, welche die etablierten Medien dann übernehmen.
  2. Verlust der Informationsmonopols
    Findet ein Ereignis statt, dann können Interessierte heute aus einer Palette von Kanälen auswählen. Augenzeugen berichten auf Twitter, Zeitungen und Fernsehstationen aus verschiedenen Länder online. Es ergibt sich also auch eine
  3. Internationalisierung
    zumal viele Netzwerke länderübergreifend gebildet werden.
  4. Auflösung von Kontexten
    Informationen sind nicht mehr in ganze Zeitschriften oder Sendungen eingebettet, sondern werden selektiv verbreitet: Teils als Zitate oder als einzelne Artikel. Jeder User im Web 2.0 hat einen eigenen Kontext.
  5. Kürzere Aufmerksamkeitsspannen
    Untersuchungen zeigen, dass journalistische Texte zunehmend kürzer werden und von längeren oft nur die ersten Abschnitte gelesen werden.
  6. Experimente
    Aufgrund der veränderten wirtschaftlichen Situation – Werbetreibende zahlen im Vergleich mit gedruckten Medien online deutlich weniger für Werbung – sind Journalistinnen und Journalisten heute gefordert, neue Formen wie »Listicles« zu erproben, die digital Erfolg haben und auch neue Formen von Werbung (so genannte »native ads«) ermöglichen.

Diese sechs Einsichten können leicht auf die Schule übertragen werden. Auch hier geht ein Monopol verloren. Inhalte und Umgebungen für Lernprozesse finden sich heute im Netz. Einheiten in hoch stehendem Frontalunterricht (Bsp. Kahn Academy) sind ebenso verfügbar wie ganze Kurse, bei denen die Teilnehmenden auf Materialien von Fachleuten zurückgreifen können, aber auch selbst produktiv werden (Bsp. MOOCs). Wie im Journalismus ist der Kontext der Schule nicht mehr zwingend: Wer Algebra lernen möchte, muss nicht gleichzeitig einen Deutschkurs besuchen, Literatur lesen, Fremdsprachen erwerben und Sport treiben. Auch der Einfluss auf die Aufmerksamkeitsspannen sind beobachtbar: Die Hirne von Schülerinnen und Schüler passend sich an digitale Kontexte an, sie verarbeiten auch schulische Informationen ähnlich wie die im Netz. Das betrifft alle schulischen Aktivitäten, vom Speichern von Informationen über den Leseprozess bis zur sozialen Interaktion.

Digitalisierung hat aber auch gesellschaftliche Auswirkungen, die sich besonders in der Arbeitswelt zeigten. Der Beruf der Journalistin oder des Journalisten ist dafür ein gutes Beispiel: Zu allen Fähigkeiten, die im Beruf schon immer wichtig waren – Wissen strukturieren und vermitteln können, gute Geschichten aufspüren, Menschen zum Sprechen bringen, Debatten führen -, treten nach Auffassung vieler Expertinnen und Experten heute die Kompetenzen, mit Daten und Programmen umgehen zu können. »Datenjournalismus«, wie diese Bewegung heißt, erfordert als Journalistinnen und Journalisten, die zusätzlich Kompetenzen in Statistik und Informatik mitbringen und mit Fachleuten in diesen Bereichen so zusammenarbeiten können, dass sie eine gemeinsame Sprache finden. Projekte, bei denen große Datenmengen so verarbeitet werden, dass sich ein breites Publikum in interaktiven Darstellungen einen Überblick verschaffen können, erfordern eine neue Form von Teamarbeit, weil letztlich im Produkt nicht mehr erkannt werden kann, von wem welcher Teil stammt.

Die drei oben genannten Ziele der gymnasialen Ausbildung – lebenslanges Lernen, gesellschaftliche Verantwortung, Zugang zu neuem Wissen – haben sich durch die Digitalisierung verändert. Das heißt nicht, dass über Jahrhunderte erprobte Lern- und Lehrmethoden komplett obsolet würden, wie das ein naiver Fortschrittsglaube bei jeder Innovation so lange behauptet, bis das Gegenteil belegt ist. Vielmehr bedeutet es, dass neue Möglichkeiten zu bewährten hinzutreten: Und zwar sowohl im Umgang mit Inhalten wie auch in der sozialen Interaktion.

Bezieht man diese Einsicht auf die Kompetenzen, so meint Digitalisierung gerade nicht eine Aufwertung der IKT-Kompetenzen. Sie ersetzen Reflexion, sprachlichen Ausdruck, Sozialverhalten und die Fähigkeit, sich motivieren zu können, keinesfalls – werden aber ähnlich basal. Am Gymnasium gibt es seit Jahren die Tendenz, Informatik als ein Fach zu isolieren, in dem meist Anwendungsübungen durchgeführt werden. Diese Tendenz ist heute ähnlich gefährlich wie die absurde Vorstellung, Reflexionskompetenz oder Sozialverhalten als Fach vermitteln zu wollen. Diese überfachlichen Kompetenzen hebe ich bewusst heraus, weil die für die Digitalisierung nötige Medienkompetenz genau darauf basiert: Sie lässt sich nicht auf die Nutzung und Produktion von Medien reduzieren, sondern muss auch ihre Einflüsse auf die Gesellschaft und Individuen reflektieren.

3. Vom Mensch zur Maschine

Zu den unsichtbaren Folgen der Digitalisierung gehört unsere zunehmende Abhängigkeit von Algorithmen: Ohne Programme fährt heute kein Auto mehr, Kühe werden von Algorithmen gemolken und Informationen gefiltert. Programme fällen zunehmend Entscheidungen für uns: Sei es, was wir zu sehen bekommen, wenn wir bei Google nach bestimmten Begriffen oder Bildern suchen, oder sei es, wie ein Auto optimal einparkiert wird.

Menschen werden sich zunehmend mit Programmen messen und ihre Fähigkeiten maschinell erweitern und verbessern. So sehr vielen an »natürlichen Menschen« gelegen ist: Der soziale Druck, mit dem Technologie zu neuen Normen führt, führt zum sozialen Ausschluss all derer, die sich ihm entgegenstellen. Wer heute ohne E-Mail-Adresse oder Handy leben will, muss gravierende private und berufliche Konsequenzen auf sich nehmen. Und so gibt es keine Postboten mehr, die ihre Pakete nicht mit GPS und schlauen Maschinen verteilen, die ihren Arbeitsalltag vermessen und optimieren und ihnen jede Routenentscheidung abnehmen.

Ihr Beruf ist – wie viele andere auch – durch die Digitalisierung gefährdet. Maschinen werden Menschen viele Aufgaben abnehmen: Meist unangenehme, aber oft auch solche, mit denen heute für viele Menschen ein Einkommen erzielt werden kann.

Welche Jobs werden durch die Digitalisierung wie stark gefährdet? - Quelle
Welche Jobs werden durch die Digitalisierung wie stark gefährdet? – Quelle

Digitalisierung von Arbeit bedeutet aber nicht nur, dass Abläufe automatisiert werden. Plattformen wie Amazons »Mechanical Turk« erlauben es, auf menschliche Intelligenz wie eine Ressource zuzugreifen: Kreative Arbeiten mit Texten und Bildern werden an ein Heer von Menschen vergeben, die zuhause am Computer sitzen und für ein paar Cents Aufgaben erledigen, für die noch vor wenigen Jahren Menschen angestellt wurden. Auch wenn man solche Verfahren nicht völlig pessimistisch beurteilt, so zeigen sie, dass Zusammenarbeit unter Menschen immer stärker auch unter Einbezug von digitalen Werkzeugen möglich ist und erleichtert wird.

Greifen Algorithmen in den Arbeitsprozess ein, so ist das mit einer zunehmenden Standardisierung verbunden, die sich auch in der Bildung bemerkbar macht. In seinem Buch Gadget macht Jaron Lanier eine feinsinnige Anmerkung zum Turing-Test, der besagt, dass Computer dann denken können, wenn Menschen in Chats nicht mehr unterscheiden können, ob sie es mit menschlichen oder algorithmischen Partnern zu tun haben. Der Test, so Lanier, messe zwei Dinge gleichzeitig: Das Verhalten der Chatpartner – aber auch die Anforderung, welche die Versuchsperson an menschliches Verhalten stellt. Diese Anforderungen würden zunehmend sinken, befürchtet Lanier. Wenn z.B. schulische Leistungen nur noch in Bezug auf standardisierte Tests, also Algorithmen, gemessen werden, dann wird menschliches Verhalten bald so beurteilt, wie man die Leistung von Computern einschätzt.

4. Kompetenzen für eine digitalisierte Welt

Aus dieser exemplarischen Veranschaulichung der Konsequenzen der Digitalisierung für die Schule und die Gesellschaft ergibt sich die Forderung, dass junge Menschen lernen müssen, sich in einer Welt zu orientieren, in denen Informationen vermittelt und Arbeit digital durchgeführt werden. Sie müssen Werkzeuge, Maschinen und Programme einsetzen können, aber diesen Einsatz auch reflektieren.

In diesem Zusammenhang spricht man von »digital literacy«, auf Deutsch nur ungenügend mit »Informationskompetenz« übersetzt. Definiert werden kann diese Kompetenz wie folgt:

Die Fähigkeit, digitale Informationen aus verschiedenen Quellen und in verschiedenen Formaten zu verstehen und zu nutzen. Gemeint ist nicht ein einfacher Lesevorgang, vielmehr ist gemeint, die Informationen beim Lesen auf ihren Gehalt und ihre Bedeutung zu prüfen. Dabei wird das Bewusstsein entwickelt, digitale Werkzeuge zielorientiert und reflektiert einzusetzen, neue Medien schaffen zu können, sie aber auch zu evaluieren, analysieren und in ihre Bestandteile zu zerlegen.

Ergänzt werden müsste noch eine soziale Fähigkeit: Beziehungen digital aufzubauen und zu pflegen und sich so ein persönliches Lernnetzwerk anzulegen, das lebenslanges Lernen ermöglicht.

Diese Sammlung an digitalen Kompetenzen kann leicht zerlegt werden:

  1. Visuelle Kommunikation.
  2. Wahre und relevante von falscher und irrelevanter Information trennen.
  3. Die Quellen von Informationen ermitteln können, auch wenn das digital erschwert wird.
  4. Filter einrichten und pflegen.
  5. Jedem Stück Information mit der richtigen Menge an Aufmerksamkeit begegnen und sich nicht ablenken lassen.
  6. Repetitive Arbeitsschritte mithilfe von Programmen abkürzen.
  7. Verstehen, wie Algorithmen und Suchmaschinen funktionieren und wo ihre Schwächen liegen.
  8. Über die eigene Filter-Bubble nachdenken.
  9. Über Einfluss in sozialen Netzwerken nachdenken.
  10. Reflektieren, dass digitale Kommunikation Menschen ausgrenzen kann.

Diese unvollständige Sammlung hat jeweils einen aktiven und einen passiven Teil: Genau so wichtig wie die Rezeption von digitalen Inhalten ist ihre Produktion.

5. Fazit

Nehmen die Schweizer Gymnasien ihren Auftrag ernst, kommen sie gar nicht darum herum, digitale Medien in den Unterricht einzubeziehen. Mündige Mitglieder der Gesellschaft, die in einer Wissens- und Informationsgesellschaft verantwortlich handeln können und sich selbst motivieren, kommen im 21. Jahrhundert ohne digitale Kompetenzen nicht mehr aus. Dabei geht es um viel mehr, als ICT projektweise einzubeziehen und lustige Filmli zu drehen oder ein Dokument kollaborativ zu bearbeiten: Auf dem Spiel steht letztlich das Verständnis für das Funktionieren der Wissensverbreitung und der Gestaltung von Arbeitsplätzen.

 

 

Instagram: Social Media in der Primarschule

Im heutigen Workshop, den ich im Rahmen des CAS PICTS an der PH Zürich unterrichte, wurde die Kritik laut, bei Schülerinnen und Schülern, die kaum lesen und schreiben könnten, sei der pädagogische Einsatz von Social Media illusorisch.
Zusammen mit der Studiengangleiterin Rahel Tschopp entstanden schnell Beispiele, wie visuelle Netzwerke wie Instagram in der Schule schon früh genutzt werden können:

  • Zahlen und Buchstaben: Auf dem Schulweg oder zuhause Zahlen oder Buchstaben fotografieren, als Form oder auch als natürliche Menge. Eine Woche die 4, dann die 5 etc.
  • Haustiere: Haustiere fotografieren, ihre Ernährung zeigen, ihr Zuhause etc.
  • Bilder vom Schulweg: Kleines Rätsel: Stammt dieses Bild von meinem Schulweg oder nicht?
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Zahl 4. Oder 3? Oder Buchstabe E… 

Sofort ist der Alltag der Schülerinnen und Schüler im Schulzimmer und wird zum Lernobjekt. Sie können ein gemeinsames Instagram-Profil mit vorgegebenem Passwort und die Smartphones ihrer Eltern, Geschwister etc. nutzen. Medienkompetenz wird zuhause und in der Schule ein Thema. Schreiben ist unnötig, Personen keine abgebildet, Gefahren kaum vorhanden.

Digital Natives und Hard News

Heute bin ich an der SGKM-Jahrestagung 2014 auf einem Panel engagiert, bei dem es um die Frage geht, wie »Digital Natives« mit Hard News umgehen. Hier meine Notizen zu meinem Inputreferat. Allfällige Erkenntnisse aus der Diskussion werde ich später anfügen. 

* * *

Ich werde im Folgenden zwei Kernthesen vertreten:

  1. Es gibt keine »Digital Natives«, weil die Kategorie ein Behelfswort ist, mit dem Erwachsene versuchen, die Verunsicherung durch die Digitalisierung zu bewältigen.
  2. News werden nicht »softer«, sondern aus einem Kanon gelöst: Das Selbstverständnis dessen, was jemand wissen muss, um als informiert zu gelten, hat sich aufgelöst. Das betrifft Jugendliche besonders.

Diese Thesen möchte ich an einem Beispiel verdeutlichen: Mit rund 17-jährigen Schülerinnen und Schüler der Fachmittelschule spreche ich immer am Freitagmorgen um acht über aktuelle Themen, die in den Medien Resonanz finden: Ohrfeigen, politische Entwicklungen in der Ukraine, der Fall Carlos.

Ich halte die Schülerinnen und Schüler an, drei Fragen zu beantworten:

  1. Was wissen Sie darüber?
  2. Woher wissen Sie es?
  3. Was denken Sie selbst darüber?

Die Ergebnisse sind immer erstaunlich differenziert: Gemeinsam schafft es einer Klasse, ein präzise Bild aktueller Entwicklungen zu zeichnen und sich darüber eine Meinung zu bilden. Die Informationsquellen, welche die Schülerinnen und Schüler dabei verwenden, sind enorm unterschiedlich: Sehr verbreitet ist die 20Minuten-App und Links, die auf Facebook verschickt werden. Ebenfalls eine große Rolle spielen die Medien, die im Haushalt der Eltern genutzt werden: Abonnierte Tageszeitungen, die Tagesschau, Radiosendungen.

Jugendliche interessieren sich sehr für solche Lektionen und Gespräche über Hard News und die Funktionsweise von Medien. Sie übernehmen viele Urteile von ihren Eltern und Lehrpersonen: Wikipedia misstrauen sie stärker, als das sinnvoll ist, traditionellen Medien vertrauen sie fast automatisch. Entscheidend sind für sie aber Urteile von Bezugspersonen, die sie für kompetent halten.

Ihre Frustration resultiert meist daraus, dass es anstrengend und aufwändig ist, sich zu informieren. Spreche ich mit Jugendlichen über Nachrichtensendungen, beklagen sie sich darüber, dass ihnen die Zeit fehlt, sich seriös zu informieren. Das führt teilweise zu einer Frustrationsspirale: Je stärker sie sich bemühen, auf dem Laufenden zu bleiben, desto stärker wird das Gefühl, zu wenig zu einem Thema zu wissen.

Jugendliche nutzen Social Media für die Kommunikation mit Peers. Wer den sozialen Anschluss nicht verpassen will, muss WhatsApp oder Instagram nutzen. Dabei wandeln sich viele Informationsprozesse vom Push- zum Pull-Prinzip: Wer sich darüber informieren will, was Bekannte tun, kann das aus den Social-Media-Streams rauslesen, und muss nicht warten, bis das bei einem Treffen erzählt wird. Ähnlich verhalten sich Jugendliche Nachrichten gegenüber: Interessieren sie sich für einen Zusammenhang, rufen sie diesbezügliche Informationen ab, statt sich regelmäßig damit über feste Kanäle berieseln zu lassen.

Das heißt aber nicht, dass sie dabei automatisch bestimmte Kompetenzen erwerben oder News ausschließlich auf Social-Media-Kanälen erhalten wollten. Jugendliche wissen sehr genau, wie Manipulation funktioniert und dass nicht alles stimmt, was im Internet steht. Sowohl die Vorstellungen von automatischem Kompetenzerwerb wie auch die implizierte Naivität im Umgang mit Medien halte ich für Vorurteile, die Erwachsene brauchen, weil sie von der Informationsflut überfordert sind.

Kürzlich hat mich auf meinem Blog eine Anfrage von einem Arzt aus Deutschland erreicht, der mir folgende Frage gestellt hat:

Wie informiert man sich “richtig”?

Zudem habe ich immer wieder den Eindruck, nicht ausreichend informiert zu sein, obwohl ein großes Angebot am Kiosk oder auch an den oben genannten Orten zur Verfügung steht. Es ist schon seltsam, “früher” hatte man als Leser klassischerweise ein bis zwei Zeitungen, schaute Tagesschau um Punkt 20 Uhr und war bestens informiert und konnte ruhig schlafen. Aber zu dieser Nutzungsweise kann ich auch nicht mehr zurückkehren, ich denke ich verpasse etwas.

Haben Sie für dieses dieses Problemfeld einen Tipp für mich?

Das Gefühl, ständig etwas zu verpassen, ist unter erwachsenen Medienkonsumentinnen und –konsumenten verbreitet. Wer sich die aktuellen Serien im Schweizer Fernsehen anschaut, wird von den Downloadern belächelt, wer am Morgen intensiv Zeitung liest, muss damit rechnen, dass seit dem Druck der Zeitung entscheidende Entwicklungen vonstatten gegangen sind.

Die Hoffnung, dass Jugendliche mit dieser Informationsflut kompetent umgehen können, dafür Filter und Relevanzkriterien entwickeln, einfach deshalb, weil sie jünger sind, ist so naheliegend wie falsch. Wie Erwachsene brauchen Jugendliche Anleitung dabei, wie man Unwichtiges ausblendet und den Informationsgehalt von Nachrichten beurteilt. Sie brauchen Einstiegshilfen, um Journalismus auch zu verstehen, wenn sie nicht regelmäßig Dossiers zur Kenntnis genommen haben.

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Verständnis oder Härte in der Schule?

Immer wieder stoße ich in der pädagogischen Arbeit auf eine Frage, welche an den Kern dessen geht, was in der Schule praktiziert wird. Ich mache sie an einem Beispiel fest: Eine Schülerin bittet mich am Tag vor der Prüfung darum, diese auf einen Termin nach den Ferien verschieben zu können. Sie sei privat und in der Schule stark unter Druck und könne nicht so auf die Prüfung lernen, dass sie die nötige Sicherheit habe.

Ich stehe vor einem Dilemma: Entweder zeige ich Verständnis und gehe auf den Wunsch der Schülerin ein, was für mich naheliegend ist, da ich mir wenig Lerneffekt von einer Prüfung verspreche, die unter großem Druck und ohne entsprechende Vorbereitung abgelegt wird – oder ich bestehe auf dem frühzeitig kommunizierten Termin und zeige Härte.

The cure for everything is salt water. Sweat, tears, the sea. - Isak Dinesen
The cure for everything is salt water. Sweat, tears, the sea. – Isak Dinesen

Am Gymnasium, so ein immer wieder gehörter Vorwurf, sei es Schülerinnen und Schülern möglich, mit immer neuen Ausreden Pflichten zu vernachlässigen, was in der Arbeitswelt und auch an Hochschulen so nicht möglich sei. Gewöhnten sie sich daran, dass auf ihre Anliegen Rücksicht genommen werde, würden sie weich und entwickelten die nötigen Kompetenzen im Umgang mit Terminen und Druck nicht.

Auf der anderen Seite steht für mich die Frage, wie sinnvoll eine Welt ist, die Menschen Bedingungen setzt, die qualitativ hochwertige Arbeit verhindern. Soll die Schule diese Bedingungen simulieren, weil sie in der Arbeitswelt große Verbreitung finden?

Meine Haltung ist das Gespräch darüber: Aufzeigen, wie viel Spielraum ich wirklich habe; diskutieren, ob es sich lohnt, eine Anstrengung aufzuschieben oder durchzustehen; darüber sprechen, dass zu hohe Ansprüche an die eigene Arbeit lähmend wirken können, weil Perfektionismus ineffizient ist.

Befriedigend ist das aber nicht immer: Verhandeln ist anstrengend und führt nicht immer zu zufriedenstellenden Resultaten.

Wie gehen andere Lehrpersonen mit diesem Konflikt um?

Vor- und Nachteile des Experten-Daseins

Heute werde ich in 20 Minuten, einer Schweizer Gratiszeitung, mit Aussagen zum vermeintlichen Trend zitiert, dass fremde Menschen im öffentlichen Raum fotografiert und bloßgestellt werden. Ich habe gestern mit der verantwortlichen Journalistin kurz telefoniert und konnte dann meine Zitate gegenlesen. Das funktionierte alles, wie es sollte.

Aber schon beim Gespräch und beim Gegenlesen erfasste mich leichtes Unbehagen. Erstens wird hier etwas zu einem Trend gemacht, wofür es keine empirische Basis gibt. Seit Kameraphones verbreitet sind, gibt es Menschen, welche das Recht am eigenen Bild bei anderen missachten, oft auch im öffentlichen Verkehr.

Ich versuchte, das Phänomen auf drei Arten einzuordnen:

  1. Ich erklärte, dass es sich dabei um eine moralisch kaum vertretbare und juristisch zweifelhafte Vorgehensweise handle, die ich für übergriffig und verletzend halte.
  2. Ich verband sie mit der Überwachung des öffentlichen Raums und interpretierte sie als eine private Reaktion darauf, dass der Staat und Unternehmen im Namen der Sicherheit Videos und Bilder von uns anfertigen, ohne dass wir damit einverstanden sein müssen.
  3. Ich wies auf Beispiele von politischen Bewegungen wie »Breitmachmacker« hin, die solche Methoden als Widerstand verwendeten.

Waren im von mir gegengelesenen Text 1. und 3. vertreten, fiel 2. – meiner Meinung nach der interessanteste Aspekt – völlig weg. Der publizierte Texte spitzte meine Argumente noch einmal zu: Dramatische Tendenz hier, Experte mit klaren Worten da.

Im Schnitt werde ich jeden Monat ein oder zwei Mal zu solchen Phänomenen befragt und kenne die Abläufe. Mir ist bewusst, dass den Zielgruppen keine differenzierte Analyse zugemutet wird. Die Präsenz in reichweitenstarken Medien wertet mich als Fachmann paradoxerweise auch dann auf, wenn die getätigten Aussagen von jedem denkenden Menschen stammen könnten und Expertenwissen dafür keine Voraussetzung ist. Das Dilemma ist wohl kaum aufzulösen: Entweder den Platz jemand anderem überlassen und auf eigenen Plattformen – wie hier – für interessierte Lesende differenziert argumentieren, oder eingespannt zu werden für einen Text, der nur pointiert Wirkung entfaltet.

Über Tipps in den Kommentaren würde ich mich freuen!

Aus Marc Steffen und Philippe Wampfler wurde ein Experte.
Aus Marc Steffen und Philippe Wampfler wurde ein Experte.