Verständnis oder Härte in der Schule?

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Immer wieder stoße ich in der pädagogischen Arbeit auf eine Frage, welche an den Kern dessen geht, was in der Schule praktiziert wird. Ich mache sie an einem Beispiel fest: Eine Schülerin bittet mich am Tag vor der Prüfung darum, diese auf einen Termin nach den Ferien verschieben zu können. Sie sei privat und in der Schule stark unter Druck und könne nicht so auf die Prüfung lernen, dass sie die nötige Sicherheit habe.

Ich stehe vor einem Dilemma: Entweder zeige ich Verständnis und gehe auf den Wunsch der Schülerin ein, was für mich naheliegend ist, da ich mir wenig Lerneffekt von einer Prüfung verspreche, die unter großem Druck und ohne entsprechende Vorbereitung abgelegt wird – oder ich bestehe auf dem frühzeitig kommunizierten Termin und zeige Härte.

The cure for everything is salt water. Sweat, tears, the sea. - Isak Dinesen

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Am Gymnasium, so ein immer wieder gehörter Vorwurf, sei es Schülerinnen und Schülern möglich, mit immer neuen Ausreden Pflichten zu vernachlässigen, was in der Arbeitswelt und auch an Hochschulen so nicht möglich sei. Gewöhnten sie sich daran, dass auf ihre Anliegen Rücksicht genommen werde, würden sie weich und entwickelten die nötigen Kompetenzen im Umgang mit Terminen und Druck nicht.

Auf der anderen Seite steht für mich die Frage, wie sinnvoll eine Welt ist, die Menschen Bedingungen setzt, die qualitativ hochwertige Arbeit verhindern. Soll die Schule diese Bedingungen simulieren, weil sie in der Arbeitswelt große Verbreitung finden?

Meine Haltung ist das Gespräch darüber: Aufzeigen, wie viel Spielraum ich wirklich habe; diskutieren, ob es sich lohnt, eine Anstrengung aufzuschieben oder durchzustehen; darüber sprechen, dass zu hohe Ansprüche an die eigene Arbeit lähmend wirken können, weil Perfektionismus ineffizient ist.

Befriedigend ist das aber nicht immer: Verhandeln ist anstrengend und führt nicht immer zu zufriedenstellenden Resultaten.

Wie gehen andere Lehrpersonen mit diesem Konflikt um?

The Author

philippe-wampfler.ch

2 Comments

  1. Diese deine Haltung war auch immer meine Haltung. Die von Schulleitungen oft propagierten „prinzipiellen Lösungen“ (hier zB. „Es werden keine Arbeiten auf nach den Ferien verschoben.“) haben mir nie gefallen; ich habe ihnen auch selten nachgelebt. Wenn ich doch jungen Menschen respektvoll als mündige Menschen begegne, nehme ich das, was sie sagen, grundsätzlich mal ernst. Wenn ich das tue, gilt es, Lösungen zu suchen, die solidarisch von allen akzeptiert werden könnten (in dem von dir beschrieben Beispiel also auch von der Klasse). D.h. unter Umständen, dass wir *alle* – Schülerin, LP und Klasse – uns der Problemstellung annehmen. Denn wenn du mit der Schülerin allein einen für euch beide akzeptablen Deal aushandelst, bedeutet das noch nicht automatisch, dass die Klasse das auch gut findet. „Wir würden auch lieber nach den Ferien geschrieben haben!“ könnten einige sagen.
    Ich habe deshalb mein „Prüfungsregime“ immer möglichst vielseitig zu organisieren versucht: mittels Streichnoten, mittels individuell frei wählbaren Prüfungsterminen, mittels Zusatzprüfungen und Ähnlichem. So dass sich diese Schülerin zB. hätte entscheiden können: Ich mache die Prüfung von morgen nicht und beanspruche damit das Recht, nur (supponiert) fünf von sechs Prüfungen absolvieren zu müssen.
    (Analog zum Recht, einen Halbtag pro Quartal frei machen zu dürfen.)
    Du hast natürlich Recht: Das braucht Zeit, gibt Aufwand – hat sich aber in meinem Unterricht stets bewährt.

    • Danke, Theo, für deinen Kommentar. Dass ein Lösung auch für die Klasse stimmen muss, ist für mich selbstverständlich. Aber die Klassen sind generell nicht für »harte« Lösungen, zumindest in meiner Wahrnehmung.

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