Wie Algorithmen unser Leben verändern werden

Niemand weiß, wie die digitale Welt in 10 Jahren aussehen wird. Während sich die westlichen Gesellschaften in den letzten 50 Jahren nur marginal verändert haben, ändern sich digitale Praktiken sehr schnell: Wir haben alle die Zeit erlebt, in der wir mit Pseudonymen im Internet aktiv waren – heute sind die meisten von uns mit unserem Namen präsent; ohne dass sich viele Menschen überlegt haben, warum das so sein könnte.

Blicke ich in die digitale Zukunft und damit auch in die Zukunft von Social Media, dann denke ich meist an Algorithmen oder Bots. Die Science Fiction war lange von Robotern geprägt, Menschen nachgebildeten Geräten, die vollautomatisch operierten. Man kann die Form und sogar die Materialität weglassen und einfach von »Handlungsvorschriften, die nach einem bestimmten Schema Zeichen umformen« sprechen – wie das Mercedes Bunz in ihrem hervorragend Buch Die stille Revolution tut. Gibt es solche Handlungsvorschriften, dann gibt es natürlich auch entsprechende Geräte, die sie ausführen können – ohne dass es Menschen dazu braucht. Im Jahre 2020 wird es zwischen 50 und 100 Milliarden Geräte mit Internetanschluss geben; die alle Gegenstände und Lebewesen verwalten, nachverfolgen und orten können, die mit einem RFID-Chip ausgestattet sind. Schon 2007 gab es einen solchen Chip, der so klein wie ein Staubkorn war. Bunz spricht in ihrem Buch davon, dass diese Erkenntnis sofort zu einem Reflex führt, dass man an die totale Überwachung denkt – natürlich nicht zu Unrecht:

Wir sehen nur, wie eine bestimmte Technik in einem historischen Moment  eingesetzt wird, und vergessen darüber, dass man damit auch noch ganz andere, bessere Dinge anstellen könnte. Konzentrieren wir uns noch einmal auf den wesentlichen Aspekt des Internets der Dinge: Es erlaubt uns, Projekte, für die wir neben Menschen und Informationen auch materielle Gegenstände und Räume brauchen, wesentlich schneller, leichter und vor allem kostengünstiger zu organisieren. […] damit verlieren die großen, hierarchischen, über Mitgliedsbeiträge, Steuergelder oder die von Aktionären bereitgestellten Mittel finanzierten Institutionen des Industriezeitalters ihr Monopol auf Unternehmungen eines bestimmten Ausmaßes oder Komplexitätsgrades. (156)

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Während Bunz die Revolution der Algorithmen parallel zur Industrialisierung in einem gesamtgesellschaftlichen Rahmen beschreibt, möchte ich etwas konkreter zeigen, was Algorithmen für unseren digitalen Alltag bedeuten und wie sie heute – vielfach unbemerkt – schon präsent sind. Ich tue das anhand von sechs Beispielen, die ich kommentiere.

  1. Algorithmen in Smartphones erkennen heute automatisch, wie hell sie den Bildschirm stellen müssen, damit wir ihn lesen können; bemerken, ob wir auf den Screen schauen und wie wir das Gerät halten. Sie lernen unser Tipp- und Schreibverhalten und verbessern unsere Fehler automatisch. Sie schlagen uns Musik und Apps vor, die wir wahrscheinlich mögen. Sie kennen unsere Kontakte, wissen, wie und worüber wir mit ihnen kommunizieren.  Sie verbessern unsere Bilder automatisch. Wir werden nicht lange auf die ersten Optionen in sozialen Netzwerken warten müssen, die es erlauben, dass automatisch interessante Statusmeldungen, Bilder oder Videos gepostet werden. Schließlich können Algorithmen problemlos erkennen, nach welchen Mustern wir handeln. Unsere Smartphones werden unsere Umwelt wahrnehmen und in der Lage sein, Ausschnitte daraus zu teilen.
    Während wir heute nur noch in der Lage sind, etwas Bedeutsames zu erleben, wenn wir es digital festhalten, werden Algorithmen diese Aufgaben so für uns übernehmen können, dass wir die maximale Aufmerksamkeit unserer Kontakte erhalten. 
  2. Unsere Kontakte könnten bereits heute problemlos Algorithmen oder Bots sein. Mithilfe der im Internet verfügbaren menschlichen Äußerungen können Algorithmen selbständige Facebook-Profile füllen und mit anderen Usern zu interagieren. Spricht uns jemand Unbekanntes im Internet an, können wir heute nicht sagen, ob dahinter eine Person oder ein Bot steckt. Diese Unsicherheit wird zunehmen, wenn z.B. Unternehmen für die Kundenberatung etc. Algorithmen im großen Stil einsetzen, die menschliches Verhalten imitieren und so nicht als solche zu erknnen sind.
  3. Algorithmen können für uns Routinearbeiten erledigen. Sie werden dabei immer besser in der Lage sein, von uns zu lernen: Wir zeigen ihnen zwei, drei Mal, was wir machen wollen, uns sie führen den Schritt dann selbständig aus. Dadurch werden viele Arbeitsschritte ihre Bedeutung und ihren Wert verlieren; geistige Arbeit wird davon stark betroffen sein, vor allem, wenn sie aus Routinearbeiten besteht. Betrachten wir nur Berufe, die mit Büchern zu tun haben: Jeder Buchhändler und jede Bibliothekarin ist heute durch einen Algorithmus ersetzbar. Sie finden Bücher nicht nur schneller, sondern können relevante Passagen zitieren (Amazon sammelt für jede Buch die Passagen, die am häufigsten angestrichen werden) – und zwar aus allen Büchern. Zudem können sie Leserinnen und Leser anhand ihrer Lektüreerfahrungen besser einschätzen.
  4. Überhaupt sind Algorithmen fast in jeder geistigen Tätigkeit Menschen überlegen, die nicht hochtalentiert und enorm erfahren sind. Das zeigt sich sowohl am Schachspiel wie auch beim Pokern. Wettkämpfe sind nur noch möglich, wenn sicher gestellt werden kann, dass Algorithmen keine Rolle spielen. Damit ist auch gezeigt, dass Algorithmen uns Menschen verbessern werden. Sie werden unsere Schwächen kompensieren wie eine Brille das tut. Viele Menschen nutzen heute komplexe Computer mit schlauen Algorithmen, um ihr Gehör zu verbessern. Aus diesen Hörgeräten werden bald Denkgeräte entstehen, die verhindern, das wir vergessen, was wir nicht vergessen wollten, dass wir abschweifen, wenn wir uns konzentrieren wollen.
  5. Algorithmen werden Medien in andere umwandeln. Sie werden uns Texte vorlesen, bildlich darstellen oder Gehörtes verschriftlichen, wenn wir das wünschen. Sie werden Sprachen in andere übersetzen, in real-time und ohne Kosten. Sie werden unsere Gesten besser verstehen, als wir das heute können: Erkennen, wann Babys zur Toilette müssen, wann sie Schmerzen haben.
  6. Bereits heute finden wir Informationen nur noch dank Algorithmen. Google zeigt uns, was wir finden wollen – und zwar anhand von verschiedener, automatischer Abläufe, die unser Suchverhalten, das andere Menschen sowie weitere Kriterien berücksichtigen. Die Technik der Google-Suche kann an beliebigen Orten eingesetzt werden. Nehmen wir die iPad-Menukarte im Restaurant: Sie kann uns problemlos Vorschläge aufgrund unseres Essverhaltens sowie den Vorlieben anderer Menschen machen, kombiniert mit Preisüberlegungen, Wartezeit etc.

Algorithmen werden unbemerkt unverzichtbar werden. Heute können wir die Geräte eine Weile weglegen und ohne sie leben. Bald wird uns das so wünschenswert erscheinen, wie ohne Kleider aus dem Haus zu gehen. Auch das könnten wir, es ist aber nicht nur sozial geächtet, sondern auch meist sehr unbequem.

Von Algorithmen erstellte Kunst. Don Relya, donrelyea.com
Von Algorithmen erstellte Kunst. Don Relya, donrelyea.com

In seinem Buch Gadget hält Jaron Lanier fest, dass unsere Unfähigkeit, online zwischen Mensch und Algorithmus zu unterscheiden, eine Reduktion unseres Menschenbilds zeigt: Wir erwarten von einem Menschen nicht mehr als von einem Algorithmus. Das ist eine Sicht. Lanier behauptet, nur Menschen könnten Bedeutungen hervorbringen. Das darf stark bezweifelt werden: Bald werden uns vollautomatisch erstellte Bilder, Texte und Videos zu Tränen rühren und lachen machen, weil Algorithmen wissen, was für uns lustig ist und was berührend. Mit uns werden auch Algorithmen lachen und weinen – weil sie gelernt haben, wann Menschen das tun.

Die Digitalisierung bietet uns heute die Möglichkeit, eine andere Zukunft zu gestalten. Und aus ihr wird, was wir aus ihr machen. (160)

So der optimistische Schluss von Bunz‘ Buch. Unklar ist, wer wir sein werden, die diese Zukunft gestalten: Gibt es in zehn Jahren noch ein Ich ohne Hilfsmittel? Und: Wäre das zu bedauern?

 

Das neue Latein: Javascript

Javascript ist das neue Latein, meine Damen und Herren, wir sollten uns zügig daher überlegen, wie wir die Wissensvermittlung bei Kindern und Jugendlichen dahingehend verändern, dass wir das Erlernen einer modernen Programmiersprache mit in die Lehrpläne aufnehmen – denn wir wollen doch alle, dass die nachwachsenden Generationen das Rüstzeug für die Zukunft erhalten.

Mit diesem Aufruf forderte Nico Lumma Ende November beim Vorwärts Medienkongress Kommunikation der Zukunft, eine Programmiersprache als zweite Fremdsprache in der Schule zu unterrichten.

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So zugespitzt der Vergleich auf den ersten Blick scheint – er lohnt genauere Überlegungen. Latein und Javascript dienen nicht die Verständigung mit anderen Menschen. Es sind Sprachen, die mit einer sekundären Absicht gelernt werden. Betrachten wir ein Argumentarium, weshalb in der Schule Latein gelernt werden muss, so stehen sechs Gründe im Vordergrund:

  1. Wer Latein lernt, kann andere Sprachen leichter lernen.
  2. Wer Latein lernt, beherrscht und versteht die eigene Sprache besser.
  3. Latein hilft, methodisches Denken und Problemlösekompetenz zu schulen.
  4. Latein ermöglich interkulturelles Lernen.
  5. Latein ist Förderung von begabten Schülerinnen und Schülern.
  6. Latein wirkt identitätsstiftend.

Auf den ersten Blick wird sichtbar: Viele dieser Argumente können auf das Erlernen einer Programmiersprache übertragen werden (Puristinnen und Puristen würden wohl eher für Lisp als für Javascript plädieren). Auch hier eröffnet man begabten Schülerinnen und Schülern ein enormes Lernumfeld, fördert methodisches Denken und hilft dabei, die eigenen Kommunikationsräume und -abläufe besser zu verstehen. Zudem hilft eine Programmiersprache dabei, andere wichtige Kompetenzen zu erwerben: Mathematische und naturwissenschaftliche Zusammenhänge erschließen sich leichter, wenn eine Programmiersprache vorausgesetzt werden kann, zudem werden damit Fertigkeiten erworben, die für fast alle Studienfächer (auch für geisteswissenschaftliche) von Vorteil sind.

Man kann sich in Bezug auf kulturelle Aspekte fragen, ob es nicht auch einen Kulturbestandteil gibt, der mit dem Umgang mit Programmen zu tun hat – aber hier ist der identitätsstiftende Faktor sicher weniger groß als bei Latein.

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Fazit: Der Sinn des Vergleichs ist nicht eine Ablösung des Lateins durch eine Programmiersprache – dafür hat Latein eine zu geringe Bedeutung im heutigen Curriculum. Latein soll weiterhin gelehrt und gelernt werden, finde ich. Aber eine Programmiersprache – von der dritten Klasse weg – als obligatorisch zu erklären, würde auch den Fokus des unsäglichen Informatikunterrichts, der heute mehr Anwendung von Office-Produkten als etwas anderes ist, schärfen. (Vgl. auch dazu den Kommentar zum Lehrplan 21 und zur Behandlung der Informatik darin.)

Sicherheit und WhatsApp – ein Update

Ich habe Ende September kurz dargestellt, dass und wie es möglich ist, WhatsApp so zu hacken, dass man Zugriff auf die Daten anderer User erhält und in ihrem Namen Nachrichten verschicken und empfangen kann. Die neue Version von WhatsApp hat diese Lücke beseitigt.

Wie Heise heute berichtet, ist es aber mit einem recht einfachen Skript immer noch möglich, sich diesen Zugriff zu verschaffen:

Für die Account-Übernahme benötigten wir lediglich die Handynummer des Nutzers und die Seriennummer (IMEI) seines Smartphones – das sind beides Informationen, an die man leicht herankommt. Das eingesetzte Skript hat uns ein Leser zur Verfügung gestellt. Es generiert aus der IMEI das zur Anmeldung am WhatsApp-Server nötige Passwort.

Heise hat WhatsApp angeboten, bei der Lösung des Problems behilflich zu sein, aber bisher keine Antwort erhalten. Es ist also davon auszugehen, dass Kommunikation über WhatsApp nicht sicher ist, wie der Screenshot von Heise illustriert:

Screenshot, Quelle: Heise.

 

Rezension: Jaron Lanier – Gadget

»Warum die Zukunft uns noch braucht«, lautet der deutsche Untertitel von Jaron Laniers Buch »Gadget« – auf englisch trägt es den Befehl »You are not a Gadget!« als Titel. Wir, die Lanier mit »uns« meint, oder eben seine Leserinnen und Leser (»you«) – das sind Menschen. Das Buch ist eine Verteidigung des Menschen, der Person – gegenüber der Zumutungen der Ideen, die hinter Social Media stehen. Lanier rechnet mit dieser Kritik – das merkt man dem Buch deutlich an – mit einer Kultur ab, in der er sich auch bewegt: Dem Denken der Menschen im Silicon Valley, das in einem Widerspruch gefangen ist: Einem Widerspruch zwischen den Mechanismen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die entwicklungsfreudigen und technologiegläubigen Menschen ein komfortables Leben ermöglichen – und dem Anspruch, Menschen aus den Zwängen des Geldes zu befreien, Informationen frei zugänglich zu machen.

Seine Ideen beschreibt Lanier mit farbigen philosophischen Fachbegriffen, die er aufbläst wie Ballone, um damit ganz vieles zu meinen – Spirituelles, Wirtschaftliches, Moralisches. Von diesen drei Sphären aus geht eine Gefahr für die Menschen  aus, wie Lanier in den ersten Teilen seines Essays darlegt. Im letzten Teil entwickelt er dann seine Vision, was die virtuelle Realität, der Begriff, als dessen Erfinder Lanier bekannt geworden ist, im positiven Sinne leisten könne.

Ich werde zuerst die interessanten Aspekte von Laniers Kritik zusammenfassen und dann kurz auf seine Vision eingehen. Ich beziehe mich ausnahmsweise auf die deutsche Übersetzung von Michael Bischoff.

Lanier wendet sich gegen eine Ideologie, die er »digitalen Maoismus« oder »kybernetischen Totalitarismus« nennt (30). Sie misst Netzwerken einen großen Wert zu und organisiert Individuen zu Schwärmen, die Leistungen erbringen. Dabei wird der Mensch als Person vernachlässigt – dabei, so Lanier, »haben nur Menschen Sinn und Bedeutung« (30). Seine Belege: Menschen verhalten sich online rücksichtslos, weil sie nicht als Personen wahrgenommen würden – die Finanzwirtschaft basiert nicht auf echter Wertschöpfung, sondern auf Manipulationen von Netzwerken und Informationen – die Musikkultur ist verarmt – es gibt keine lebendige Spiritualität mehr.

Lanier fordert die Menschen auf, ihre Persönlichkeit mit digitalen Mitteln auszudrücken: Auf Pseudonyme und Nicknamen zu verzichten, als Person aufzutreten und seine Persönlichkeit auszudrücken – hier Laniers eigene Webseite, aufwändige Inhalte erstellen, in die man viel Zeit investiert (Blogposts, Videos) und die das Innere zum Ausdruck bringen.

Eine der interessantesten Passagen von Laniers Buch ist seine Interpretation des Turing-Tests. Der Test fordert eine Person aus, mit zwei »Personen« zu chatten oder ein Gespräch zu führen. Eine der »Personen«, im Bild A, ist ein Computer/Algorithmus, der sich als Mensch ausgibt, die andere eine echte Person.

Turing stellte die These auf, dass Computer dann menschliches Bewusstsein erlangt hätten, wenn nicht mehr zu beurteilen ist, wer Mensch und wer Computer ist. Lanier bettet den Text zunächst historisch ein und hält fest, dass er auf einem viktorianischen Gesellschaftsspiel beruhte, bei dem sich die Frage stellte, wer Mann und wer Frau ist (47). Zudem habe Turing aufgrund der Einnahme weiblicher Hormone (eine verordnete Behandlung »gegen« seine Homosexualität) weibliche Geschlechtsmerkmale entwickelt – so dass er eigentlich die Person war, von der nicht mehr zu sagen gewesen wäre, ob sie Mann oder Frau (oder eben: Mann oder Computer) gewesen sei.

Laniers clevere Bemerkung ist aber die, dass der Turing Test zwei Dinge gleichzeitig misst: Das Verhalten von A und B – aber auch die Anforderung, die C an menschliches Verhalten stellt. Wenn z.B. schulische Leistungen nur noch in Bezug auf standardisierte Tests, also Algorithmen, gemessen werden, dann wird menschliches Verhalten bald so beurteilt, wie man die Leistung von Computern einschätzt.

Lanier besteht aber auf der Einzigartigkeit des menschlichen Denkens und der menschlichen Kreativität: Beides könne weder durch eine Masse von Menschen ersetzt noch durch Computer geleistet werden. Das bleibt während des ganzen Buches eine diffuse Behauptung, eine Art Glaubenssatz Laniers (»Wenn sich herausstellen sollte, daß der individuell menschliche Verstand über Eigenschaften verfügt…«, S. 73).

Überzeugend ist aber seine Kritik am Design von Social Media: Viele seiner negativen Eigenschaften (z.B. Vereinfachung von Mobbing-Prozessen und Übergriffen, Preisgabe der der Privatsphäre, Verlust der Individualität) seien nicht einfach kleine Fehler, die sich mit der Zeit beheben ließen, sondern fundamentale Eigenschaften eines Designs, das kaum mehr sichtbar sei. Menschen passten sich den Vorgaben an und verhielten sich so, wie es die »Gadgets« von ihnen verlangten: »[D]iese neue Woge eines Gadget-Fetisischmus ist eher von Angst als von Liebe getrieben. […] der reduzierte Inhalt dieser Kommunikation wird am Ende zur Wahrheit des betreffenden Menschen.« (99f.)

Auch die wirtschaftliche Kritik an den neuen Medien und ihren Folgen basiert auf einer Kritik eines wichtigen Konzept: Der Bedürfnispyramide Maslows.

Bedürfnispyramide. Quelle: http://localproduction.net/

Lanier zitiert Maos Vorstellung, nur diejenigen Arbeitsleistungen verdienten einen Lohn, die Bedürfnisse befriedigten, die auf der Pyramide unten stünden: Also Menschen ernährten oder ihnen Sicherheit gewährten. Alle anderen Tätigkeiten, welche aufgrund der wirtschaftlichen Verbesserungen im 19. und 20. Jahrhunderts vielen Menschen ermöglichten, damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sollten Mao zufolge nicht entschädigt werden. Die »Open-Culture-Bewegung«, so Lanier (109f.), führe dazu, dass diese Vorstellung eine neue Bedeutung erhalte: Wenn kulturelle Produkte nur noch gratis geteilt würden, dann könnte man damit kein Geld verdienen und Menschen wären auf andere Aktivitäten angewiesen, um sich Lebensnotwendiges leisten zu können. Die Entwertung der Kultur führe zu einer Entwertung all dessen, was »menschlich« sei – worauf die Menschheit in einem »dunkles Zeitalter« (113) zurückfiele.

Lanier zeigt das mit einer ausführlichen Analyse des Musikmarktes und mit der Beobachtung, dass der zentrale Widerspruch der Social Media-Ideologie an der Werbung sichtbar wird: Social Media macht Werbung eigentlich obsolet.

Ein funktionierendes, aufrichtiges, auf der Weisheit der Vielen basierendes System sollte bezahlte Überredung eigentlich ächten. Wenn die Vielen so weise sind, sollte eigentlich jeder einzelne in der Lage sein, bei der Hausfinanzierung, bei der Wahl der Zahnpasta und auf der Suche nach einem Partner optimale Entscheidungen zu treffen. Diese ganze bezahlte Überredung sollte irrelevant sein. Jeder Penny, den Google verdient, beweist, daß die Vielen gescheitert sind – und Google verdient eine Menge Pennies. (115)

Der Ausweg, den Lanier weist, ist recht einfach: Er fordert eine Kostenpflicht fürs Internet. Der Bezug von Informationen müsse etwas kosten – ganz, ganz wenig. Das Geld erhielten die, welche Informationen anbieten, am besten über eine staatlich finanzierte Infrastruktur. Wer diesen Blogpost liest, würde mir einen Cent, vielleicht weniger überweisen. Mit dieser an etablierte Mechanismen in der Kulturindustrie angelehnten Idee wäre es weiterhin möglich, mit Ideen, Kreativität, menschlichen Tätigkeiten Geld zu verdienen – was letztlich dazu führt, dass Menschen dies weiterhin tun würden.

Gerade in Bezug auf Schule hat Lanier durchaus Recht: Das Privileg, Schülerinnen und Schüler entschädigt unterrichten zu dürfen, ist ein Auslaufmodell. Individuelle Bildung ist über angepasste Netzwerke und mit Video-Tutorials (z.B. von der Kahn Academy) problemlos möglich, Lehrpersonen und Peers bieten ihre Leistungen kostenlos an. Warum müsste man sie also weiterhin bezahlen?

Daran sieht man, wie stark Lanier in die Zukunft denkt. Auch wenn einige seiner Beobachtungen der heutigen Funktionsweise von Social Media polemisch oder falsch sein mögen, seine Analyse der zugrunde liegenden Ideologien zumindest begrifflich äußerst blumig ist und seine Vorstellungen von Spiritualität und dem Wesen einer »Person« diffus: Er zeigt die Fluchtpunkte der Entwicklungen auf, die wir erst als beginnende wahrnehmen.

Das sieht man auch an seinen Interessen und Projektvorschlägen, die von einer Mathematisierung der Finanzinstrumente bis zur Entwicklung einer post-symbolischen Kommunikation reichen – also der Möglichkeit, sich zu verwandeln, um kommunizieren zu können, ohne dass mithilfe von Symbolenetwas gesagt oder geschrieben werden muss. Diese Idee soll nicht mehr beschrieben, sondern mit einem wunderschönen Video unterlegt werden, auf das sich Lanier bezieht:

Wie man mit dem Informationsfluss kompetent umgeht: Infotention

In seiner Enzyklopädie dachte Denis Diderot schon 1755 über Informationsüberfluss nach:

As long as the centuries continue to unfold, the number of books will grow continually, and one can predict that a time will come when it will be almost as difficult to learn anything from books as from the direct study of the whole universe. It will be almost as convenient to search for some bit of truth concealed in nature as it will be to find it hidden away in an immense multitude of bound volumes. When that time comes, a project, until then neglected because the need for it was not felt, will have to be undertaken.
[zitiert nach der Übersetzung von Baker et al., deutsche Übersetzung phw:] Mit den Jahrhunderten wird die Zahl der Bücher kontinuierlich wachsen, und man kann eine Zeit voraussehen, in der er es ebenso schwierig sein wird, von Büchern etwas zu lernen wie durch das Studium des ganzen Universums. Es wird fast gleich umständlich sein, nach einem Stück Wahrheit zu suchen, das von der Natur versteckt wird, wie nach einem, das sich in einer Unzahl von Bändern verbirgt. Wenn diese Zeit kommt, wird ein Projekt nötig sein, das man bisher vernachlässigt hat.

In seinem Buch Net Smart hält Howard Rheingold fest, dass wohl jeder Wandel, der zu effizienteren Kommunikation führt, folgende Reaktionen mit sich bringt:

  1. Alarmismus aufgrund der Überlastung durch die verfügbare Information.
  2. Entwicklung von Werkzeugen zum Umgang damit (z.B. stilles Lesen, Interpunktion, Kodex-Form des Buches etc.).
  3. Eine neue Generation von Menschen, die fähig ist, die neuen Werkzeuge einzusetzen.

Rheingold entwickelt in seinem Buch ein Konzept, das er »Infotention« nennt. Es geht aus von der fundamentalen Einsicht, dass sich Information und Aufmerksamkeit komplementär verhalten: Je mehr Informationen gleichzeitig verfügbar sind, desto weniger Aufmerksamkeit kann ihnen gewidmet werden. Rheingolds Konzept besteht aus drei Bestandteilen:

  1. Die Fähigkeit, in jedem Moment die zur Situation passende Aufmerksamkeit aufbringen zu können.
  2. Filter und Dashboards einrichten zu können, die Informationen bereit halten.
  3. Die Pflege eines sozialen Netzwerkes, das mit sinnvollen Empfehlungen das Rauschen der Informationen durchbrechen kann.
Bild aus Rheingold: Net Smart.

Es geht also darum, die eigenen Gewohnheiten in Bezug auf Aufmerksamkeit mit entsprechenden Werkzeugen zu koppeln. Am Anfang steht für Rheingold die Formulierung eines Ziels, das man auf einem Stück Papier notiert und gut sichtbar neben oder an den Bildschirm klebt. Es hilft einem dabei, jede Online-Aktivität zu prüfen.

Man kann seine Infotention-Fähigkeit einfachen Fragen üben:

  • Was will ich gerade tun oder erreichen? (Z.B., wenn ich mich an den Computer setze oder das Smartphone hervorhole.)
  • Wo klicke ich gerade drauf?
  • Wie gehe ich damit um?

Die letzte Frage führt zu einem einfachen Triage-Modell: Links, Inputs etc. müssen abgelegt werden, wenn sie mittel- oder langfristig wichtig sein könnten – aber dürfen nicht zu einer Ablenkung führen. Es ist also nötig, dafür entsprechende Tools zu haben.

Ich benutze einen einfachen Mechanismus:

  • Was kurzfristig interessant sein könnte, öffne ich in einem Browser-Tab.
  • Was ich mittelfristig lesen werde, speichere ich mit Instapaper ab.
  • Was langfristig wichtig sein könnte, lege ich in einem Lesezeichen-Ordner im Browser ab.

Rheingold fordert nun die Entwicklung einer Kompetenz, Filter und Dashboards managen zu können. Damit meint er Tools, die Informationen durchsuchen und Relevantes hervorheben und Irrelevantes ausblenden. Er fordert, dass diese Kompetenz in der Schule einen prominenten Platz einnehmen muss. Wichtig sei es, in den Strom der Information eintauchen zu können: Eintauchen als eine gezielte, bewusste Tätigkeit, die auch das Auftauchen einschließt und mit der niemand Gefahr läuft, vom Strom mitgezogen zu werden oder darin zu ertrinken.

Als Beispiel zitiert er eine Lehrerin, Meredith Stewart, die ihre Schülerinnen und Schüler im sechsten Schuljahr gerade solche Fähigkeiten lehrt:

Social Media lernen und lehren mit einem Social Media Portfolio

Update, November 2013: Ich habe die hier skizzierte Vorgehensweise ausführlicher in einem separaten Dokument formuliert, das hier als pdf runtergeladen werden kann.

* * *

Letzte Woche habe ich ein Modell skizziert, wie Lernen auf sozialen Netzwerken aussehen könnte: Man müsse, so mein Vorschlag, »lurken« – also einfach mal zuschauen, mitlesen, nachvollziehen was da passiert. Und sich dann Gedanken machen.

Ich konkretisiere meine Ausführungen nochmals – das Folgende ist als Vorschlag für eine Unterrichtssequenz oder für autodidaktische Lernprozesse gedacht. Die Basis sind meine Erfahrungen, die ich mit diesem Portfolioauftrag zur Arbeit von Journalistinnen und Journalisten (pdf) gemacht habe.

Social Media Portfolio

  1. Entwicklung einer konkreten Fragestellung, z.B.
    a) »Wie funktioniert Twitter?«
    b) »Wie vernetzen sich Menschen im Internet?«
    c) »Was muss man machen, um einen erfolgreichen Blog zu führen?«
    d) »Wie präsentieren sich Politikerinnen und Politiker auf Social Media?«
  2. Fokus auf eine oder wenige geeignete Profile oder Personen. Hilfreich sind dabei für einen Schweizer Kontext die Listen von einflussreich.ch, z.B.
    a) Bloggerinnen und Blogger im deutschsprachigen Raum
    b) Politikerinnen und Politiker Schweiz
    c) Kommunikationsprofis Schweiz
  3. Sich vertraut machen mit den wichtigsten Begriffen und Ranking-Faktoren, z.B. mit dem Klout-Score. Evtl. Begriffslisten anlegen, Twitter-Einführungen studieren etc.
  4. Regelmäßige Lektüre der Posts, der Profilveränderungen und der verlinkten Medieninhalte (z.B. alles lesen bei einem Profil, jede Woche einen Tag lang alles lesen etc.)
  5. Protokollieren der wichtigsten Feststellungen und Beobachtungen mit einfachen Fragen:
    a) Wer ist das, der oder die da aktiv ist/sind?
    b) Was sind die wichtigsten Themen?
    c) Wie werden sie präsentiert (Sprache, Abkürzungen, Links etc.)
    d) Wie reagieren andere Leserinnen und Leser darauf?
    e) Wann ergeben sich Dialoge oder Diskussionen? Sind sie ergiebig?
  6. Reflexion dieser Beobachtungen:
    a) Was habe ich gelernt?
    b) Was hat mich gestört?
    c) Was wäre für mein eigenes Auftreten auf Social Media wichtig?

Ich freue mich über Anregungen und Kommentare zu diesem Vorschlag!

Flickr cirox, CC-BY-NC 2.0

Instagram neu auch im Browser

Heute war ich in Einsiedeln und habe dieses Bild gemacht:

Wer sich auskennt, weiß sofort: Instagram. Der Dienst bietet eine App für Smartphones an, mit der quadratische Bilder aufgenommen werden, die sich mit Filtern bearbeiten lassen. So erscheinen viele Bilder, als seien sie künstlerische Produkte.

Torsten Kleinz schrieb heute auf Google+:

Höhlengleichnis, modern. Die Welt ist das ohne Instagram-Filter. Doch Du kannst sie nicht sehen und Du kennst den Filter nicht.

Die App spricht visuelle Menschen enorm an. Mit Bildern lässt sich viel sagen, man zeigt sich, sein Leben, seine Freunde. Deshalb ist das soziale Netzwerk auch bei Jugendlichen sehr populär. Es ermöglicht, Benutzern zu folgen, ihre Bilder anzusehen, zu kommentieren zu und zu bewerten. Instagram hat kürzlich Twitter in den USA überholt, was die Zahl der User betrifft. Instagram zeigt so, dass sich das Web zunehmend vom sozialen zum mobilen Internet wandelt.

Bisher war Instagram nur auf Smartphones verfügbar, wer sich die Bilder auf dem Computer anschauen musste, musste einen Service eines Drittanbieters wie Statigram benutzen.

Wie Instagram heute ankündigt, wird es künftig möglich sein, Profile direkt unter http://instagram.com/*user* aufzurufen – in meinem Fall wäre das dann http://instagram.com/phwampfler (geht im Moment noch nicht, aber wohl bald).

Eine Tumblr-Seite sammelt Bilder von reichen Jugendlichen, die ihr Leben auf Instagram dokumentieren. So sieht das dann aus, wenn sie sich auf einen Wirbelsturm vorbereiten:

Eigene Kurzlinks verwenden

Im Zusammenhang mit meinem Projekt – das auf diesem Blog dokumentiert wird – schreibe ich Texte und halte Vorträge. Dabei möchte ich immer wieder Links verwenden, die man sich merken oder notieren kann. Ein Beispiel: Die Dokumente für meinen Trollcon-Vortrag habe ich auf Google Docs gesammelt und später dann veröffentlicht.

Die URL lautet: https://docs.google.com/folder/d/0B4AyFbz6l0dKNkxxaHFnMGNBZGc/edit

Gekürzt: bit.ly/trollcon

Mit dem Gratis-Dienst bit.ly geht das ganz wunderbar. Großer Nachteil: Man macht sich von einem Anbieter abhängig (der zudem zumindest indirekt von Libyen abhängig ist).

Elegantere Lösung wäre, einen eigenen Kurzlink-Dienst zu verwenden. Das hat folgende Vorteile:

  • Man kann die Daten selbst verwalten.
  • Man erhält umfangreiche Statistiken: Wie oft wurde welcher Link angeklickt?
  • Man kann Links verändern: Ihnen andere URLs zuweisen oder sogar andere Seiten.
  • Man kann die Daten exportieren und weiterverarbeiten.

Das habe ich eben eingerichtet – hier die Anleitung:

  1. Voraussetzung:
    a) eigene kurze Domain, in meinem Fall: phwa.ch
    b) eine WordPress.org-Installation (d.h. WordPress selber hosten)
    c) Pretty Link-Plugin mit Pro Option (kostet $37)
  2. Einrichten:
    a) Kurz-URL auf WordPress aktivieren
    b) Pretty Link-Bookmarklet installieren (gibts auch für das iPhone). Von dort kann man den Link dann automatisch weiterverbreiten. Das sieht so aus:

Das wär’s eigentlich schon. Diesen Beitrag kann man nun auch unter phwa.ch/prettylink abrufen. Für den Hinweis auf diese Möglichkeit möchte ich Clemens Schuster herzlich danken.

Kinderfotos auf Social Media

Das bin ich. Als ich sieben war, wurde ich von Bienen gestochen. Meine Augen schwollen zu. Meine Eltern machten ein Bild, das Bild klebten sie in ein Fotoalbum. Als ich es vor drei Jahren durchsah, digitalisierte ich das Bild und publizierte es auf meiner Facebook-Seite.

Heute würden viele Eltern das Bild direkt ins Internet laden – ihren Freunden zeigen, wie lustig ihre Kinder aussehen, wie süss, wie unbeholfen. Einige tun es direkt aus dem Kreißsaal und dann sehr regelmäßig, z.B. auf einem speziellen Blog – andere sehr zurückhaltend oder fast nie. Und doch gibt es auch von diesen Kindern viele Bilder im Netz: Z.B. werden sie von Krankenhäusern wie dem Triemli-Spital in Zürich ins Netz gestellt und auch während Jahren archiviert.

Wo liegt das Problem? Wer fotografiert wird, hat das Recht am eigenen Bild. Es bedeutet, vereinfacht gesagt, dass fotografierte Personen bestimmen dürfen, wie und ob ihr Bild veröffentlich wird – außer, man befindet sich an einem Anlass, wo man gerechnet werden muss, dass Bilder gemacht und publiziert werden, oder man ist eine Person, an der ein sehr starkes öffentliches Interesse besteht. Genauer habe ich das für Social Media hier dargelegt, interessant ist auch dieser Text aus dem NZZ Folio.

Kinder haben auch ein Recht am eigenen Bild. Art. 301 ZGB besagt:

Die Eltern leiten im Blick auf das Wohl des Kindes seine Pflege und Erziehung und treffen unter Vorbehalt seiner eigenen Handlungsfähigkeit die nötigen Entscheidungen.

Kinder können nicht darüber entscheiden, wo und wie ihre Bilder publiziert werden sollen – also übernehmen die Eltern diese Entscheidung. Das ist die gängige Praxis. Nun gibt es aber einen grundlegenden Konflikt, der analog auch in der Debatte um die Beschneidung von Knaben aufscheint: Die Interessen der Eltern – ein Bild zu publizieren, weil sie ihren Nachwuchs präsentieren wollen – kollidieren mit dem Recht des Kindes an seinen eigenen Bildern.

Für die Kinderlobby Schweiz formuliert Daniel Goldberg ein wichtiges Prinzip:

Das Ausmass der Fremdbestimmung möglichst klein und die künftige Selbstbestimmung möglichst offen zu behalten.

Gerade darum geht es auch bei der Publikation von scheinbar harmlosen Bildern: Es ist unklar, wie sich das Kind entwickelt. Vielleicht wird es durch einen Unfall behindert. Vielleicht ändert es seine sexuelle Orientierung. Vielleicht wird es eine öffentliche Figur. Der Punkt ist: Eltern können nicht wissen, welche Interessen ein Kind haben wird und welche Bilder es von sich publizieren will. Es gibt nichts, was hier zu einer Güterabwägung führen könnte: Das Interesse der Eltern, Bilder ihrer Kinder zu publizieren, ist sicher weniger stark als das Recht der Kinder.

Das Fazit ist ganz einfach: Keine Bilder von Kindern im Internet öffentlich verfügbar machen. Das fordert eine Initiative auf Facebook bereits seit längerem. Sind die Kinder Teil eines größeren öffentlichen Anlasses und als einzelne nicht identifizierbar, mag das eine Ausnahme sein. Ansonsten sehe ich aber nicht, warum man diesen Grundsatz verletzen würde. Ich freue mich aber über eine Diskussion in den Kommentaren.

Warum die Schule Trolle braucht – mein Vortrag auf der Trollcon

Am letzten Sonntag habe ich auf der ersten Trollcon in Mannheim meine Thesen präsentiert, weshalb es in der Schule schon immer Trolle gab – und es Trolle weiterhin geben sollte. Ich möchte hier nun die wichtigsten Erkenntnisse zusammenfassen – den ganzen Vortrag (mit Slides) kann man hier nachlesen und ganz unten gibt es auch ein Video. (Update: Mittlerweile habe ich den Vortrag auch als Essay publiziert.)
Meine allgemeinen Eindrücke zur Konferenz habe ich bereits auf der Heimfahrt festgehalten, die Dokumentationsseite enthält viele Links auf andere Artikel. Die Bilder stammen von cheatha (Flickr, CC BY 2.0).


1. Was sind Trolle?

Trolle kommunizieren im Internet, indem sie ihre Absichten und ihre Identität verfremden. Ihre Absicht ist es, lulz zu erzeugen: Ein hämisches, schadefrohes Lachen über die Verwirrung oder das Leid von anderen. Sie tun das, indem sie Kommunikationsabläufe stören. Dabei brauchen sie eine Kommunikationssituation und Akteure, die eine Art geregelte Kommunikation betreiben. Im Anschluss an ihre Störversuche werden sie meist aus der Kommunikation ausgeschlossen, sie selber verbreiten die lulz möglichst breit und versuchen andere ebenfalls zum Trollen aufzufordern.

Spricht man über Trolle, so sollte man immer angeben, welche Verhaltensweise man als »trollig« bezeichnet und ihren Kontext berücksichtigen.

2. Trolle in der Schule?

Von Trollen in der Schule würde ich dann sprechen, wenn das Unterrichtsgespräch so gestört wird, dass Verunsicherung entsteht – bei der Lehrperson, bei der Klasse. Diese Verunsicherung sollte vom Troll absichtlich herbeigeführt werden, aber ohne dass diese Absicht für die anderen erkennbar ist.

Solche Störungen kennt man aus der eigenen Schulzeit – man kann sie aber auch in literarischen Werken identifizieren, in meinem Vortrag habe ich Robert Musils Törless und Juli Zehs Spieltrieb dahingehend interpretiert.

Trolliges Verhalten in der Schule kann wie folgt systematisiert werden:

Gemeint ist, dass soziale Beziehungen, die Selbstreflexion der Lehrperson oder der Unterrichtsinhalte, die Sache, Ausgangspunkt für eine Störung sind. Diese Typologie ist angelehnt an Störungen des Unterrichtsgesprächs, wie sie in einschlägigen Lehrmitteln dokumentiert sind (Bittner und Wagner, 2006).

3. Wie sind Trolle in der Schule zu bewerten?

Wenn Trolle Verunsicherung schaffen, ist das in den meisten Fällen problematisch. Es gibt in der Schule jedoch auch positive Aspekte:

  1. Trolle zeigen unsichtbare Machstrukturen, Rollenvorgaben und Hierarchien auf, die Lernen verhindern oder behindern können.
  2. Trolle zeigen den fundamentalen Widerspruch der Schule auf, Jugendlichen bei der Selbstfindung zu helfen (das zu werden, was sie werden wollen), aber gleichzeitig Vorgaben zu erfüllen (der Arbeitswelt, standardisierte Aufgaben zu erledigen).
  3. Trollen zeigen, dass die Schule eigentlich keinen Widerstand mehr zulässt, weil sie als biopolitische Disziplin (Foucault) immer verstanden werden muss als etwas, was allen Beteiligten nützt.
  4. Trolle zeigen versteckte Privilegien von Lehrpersonen auf, z.B., kein echtes Interesse haben zu dürfen (was sie bei SchülerInnen nicht verstehen).
  5. Trolle ermöglichen echte Kreativität – sie können scheitern, sie probieren aus, sie ändern ihre Identität. Gerade im Schonraum Schule ist das für Jugendliche enorm wichtig.

Das heißt aber nicht, dass die Schule Trolle dann unterstützen muss, wenn sie Schaden anrichten und ihr Verhalten eher als Bullying oder Mobbing zu werten ist. Wo da die Grenzen liegen, ist schwierig zu bestimmen.

4. Digitales Lernen und Trolle

Sobald Unterrichtsgespräche durch Social Media ergänzt oder ersetzt werden, geraten zwei wesentliche Bedingungen für Trollverhalten – und damit für kreatives Lernen – in Gefahr: Die Neukonzeption einer Identität sowie die fehlende Permanenz von Daten. Unterrichtsgespräche leben deshalb, weil Schülerinnen und Schüler Haltungen erproben können – und Gesagtes nicht gespeichert wird. Wenn dies nun geschieht, so dürfte man befürchten, dass sich alle viel angepasster, konservativer verhalten – und nur noch Erwartungen erfüllen. Social Media in der Schüler müsste die Möglichkeit einräumen, Identitäten zu modifizieren, damit zu spielen – und die Löschung von Geschriebenem/Gesagtem als Standard einsetzen.

5. Lehrerinnen und Lehrer als Trolle

Postel’s Law lautet:

Be conservative in what you do; be liberal in what you accept from others.

Es bezeichnet ein Ratschlag an Ingenieure, ist aber auch eine gute Beschreibung des Verhaltens vieler Lehrpersonen: Sie verwenden bewährte Methoden und Inhalte. Damit funktionieren sie genau umgekehrt wie Trolle, wie die folgende Matrix zeigt:

Moderne Didaktik fordert Lehrpersonen, die ihr eigenes Lernen parallel zu dem der Schülerinnen und Schüler ausstellen und reflektieren. Sollen sie nun auch trollen? Man stellt sich so eine Alternative zum Postel-Lehrer-Ingenieur vor: Der Lehrer-Troll. Er variiert Methoden und Inhalte, versucht Irritation zu schaffen, Sicherheiten zu erschüttern – und so Lernprozesse auszulösen. Das ist soweit nur einmal ein Gedanke, ein Ideal, ein Fluchtpunkt. Was eine Troll-Didaktik bedeuten würde, das gälte es genauer auszuarbeiten.

Fazit

Trolle sagen immer etwas aus über die Institutionen oder Kontexte, in denen sie funktionieren. Sie können nie isoliert analysiert werden, sondern immer in Bezug auf die Bedingungen, die ihr Trollen möglich machen.

(Quellen für den Vortrag können dem Manuskript bzw. dem Google-Docs Ordner entnommen werden. Die Aufzeichnung wird eingefügt, sobald sie verfügbar ist.)