Oberflächlichkeit, Narzissmus und Social Media

Manchmal zeigt sie mir ihr Netzwerk, scrollt durch Profilfotos, deutet auf Schülerinnen, die kokett in die Kamera blicken: «Ist die nicht hübsch?» Ich nicke. Sie scrollt weiter. «Und die finde ich auch schön.» Etwas hilflos frage ich dann: «Ist sie denn auch nett? Kann sie etwas?» Meine Tochter zuckt mit den Schultern. Das spielt keine Rolle – wie sollte sie es aufgrund eines solchen Profils auch wissen? Schließlich war es die Rating-Site «Hot or Not», die Mark Zuckerberg zu Facebook inspirierte.
Auch zu meiner Zeit ging es in der Pubertät um Status, aber so oberflächlich war es damals nicht, bilde ich mir ein. Der Gruppendruck war weniger ausgeprägt, die Sozialkontrolle durchlässiger.

Die Betrachtungen von Michèle Binswanger, die als Mutter die Nutzung ihrer Töchter beschreibt, nehmen eine verbreitete Vermutung auf: Die Inszenierung auf den verschiedenen digitalen Plattformen führt zu einer Wahrnehmung anderer Menschen, in der wesentliche Eigenschaften und Fähigkeiten von Menschen von geringer, ihr Aussehen und ihr Narzissmus dafür von sehr großer Bedeutung sind.

Diese Diagnose muss in doppelter Hinsicht genauer geprüft werden:

  1. Gab es nicht schon immer Aspekte des jugendlichen Lebens, die rein oberflächlich waren? So war es in den 80er- und 90er-Jahren in vielen Regionen üblich, Passbilder von sich zu erstellen und an Freundinnen und Freunde zu verteilen, die damit dann Sammlungen anlegten.
  2. Liegt der Auslöser für das Unbehagen nicht in der Effizienz der Kommunikationsmittel, die Verwendungsweisen sichtbar machen, die sonst vielen Menschen verborgen blieben?

In Bezug auf Narzissmus sind solche Fragen intensiv untersucht worden. Gemeint ist damit meist kein klinisches Phänomen, sondern das Gefühl, einzigartig und überlegen zu sein und deshalb mehr Beachtung und eine Spezialbehandlung zu verdienen. Narzisstinnen und Narzissten zeigen zwar ein höheres Selbstbewusstsein, dieses bedarf aber der kontinuierlichen Bestätigung von außen, es ist äußerst instabil. Diese Bestätigung oder Aufmerksamkeit durch andere kann nicht erwidert werden, weil es an Narzissmus Leidenden an Empathie mangelt (Davenport et al., S. 213).

Caravaggio, Narzis. Zwischen 1594 und 1596.

Eine breite Untersuchung von einem Forschungsteam in North Carolina weist nach, dass Social Media für Narzisstinnen und Narzissten ein wichtiges Betätigungsfeld ist, weil es einfach möglich ist, Aufmerksamkeit für das eigene Verhalten zu erhalten. Narzissmus beeinflusst als einer unter verschiedenen Faktoren die Gründe, weshalb Menschen Social Media nutzen, ist aber für sich genommen ein schlechtes Indiz für bestimmte Verhaltensweisen auf Twitter oder Facebook. Das heißt, Narzissmus kann Beweggründe verstärken, Social Media zu nutzen, ist aber nicht Effekt der Verwendung Neuer Medien und führt auch nicht zu messbar anderer Nutzung. Während Davenport und sein Team von der Feststellung ausgehen, dass bisherige Arbeiten zu Narzissmus und Social Media widersprüchliche und uneinheitliche Ergebnisse erzielt hätten, was sie damit erklären, dass Social Media zu Verhaltensweisen führen, die sich nicht isoliert auf einer Plattform messen ließen, sondern nur in der Gesamtheit aufschlussreich seien, vertreten andere Wissenschaftler klar andere Haltungen in Bezug auf Narzissmus. So zieht der Psychologe Jean M. Twenge ein düsteres Fazit:

Insgesamt legt die vorhandene Forschung nahe, dass Aktivitäten auf Facebook zu mehr Aufmerksamkeit auf das eigene Selbst führen. Weil das in gewissen Fällen zu einer Steigerung von Narzissmus führt, lässt sich daraus geringere Aufmerksamkeit für andere ableiten (Twenge, 2013, S. 15, Übers. Ph.W.)

Louis Leung hat die Verbindung von Narzissmus und Social Media in einer chinesischen Studie vertieft untersucht. Er geht davon aus, dass es grundsätzlich fünf psychologische Ziele gibt, die Menschen bei der Benutzung von Social Media anstreben:

  1. Soziale und emotionale Bedürfnisse befriedigen.
  2. Negative Gefühle ausdrücken.
  3. Bestätigung und Aufmerksamkeit erhalten.
  4. Sich unterhalten.
  5. Kognitive Bedürfnisse befriedigen. (S. 1003)

Narzisstinnen und Narzissten sind dabei am letzten Aspekt kaum interessiert. Alle anderen Ziele sind für sie bedeutsam, weil dabei oft Feedback erhalten, das ihnen die nötige Bestätigung gibt und so weitere Aktivitäten verursacht (ebd., S. 1004).

Betrachtet man die verfügbaren Studien, so kann kaum nachgewiesen werden, dass Social Media Narzissmus auslöst oder verstärkt. Vielmehr liegt die Annahme nahe, dass es sich bei sozialen Netzwerken um nahezu ideale Betätigungsfelder für Menschen handelt, die narzisstisch veranlagt sind, weil sie damit in kurzen Intervallen Aufmerksamkeit erhalten können und so ihr instabiles Selbstbewusstsein festigen können.

Perspektivenwechsel: Von Gefahren zu Herausforderungen

In seinem lesenswerten Essay »Plastikwörter« (1988) beschreibt Bernahrd Pörksen, wie »Modewörter und Leerformeln Alltagsdietriche bereitstellen, die griffig sind und ganze Wirklichkeitsfelder infizieren« (S. 17). Spreche ich im Folgenden von Herausforderungen, so liegt der Verdacht nahe, dass es sich dabei um ein solche Plastikwort handelt. Ganz im Sinne von Evgeny Morozovs Konzept des »Solutionism«, der vorgibt, die Technologie könne alle Probleme löse, die sie verursache (sowie alle anderen), spreche ich statt von Abgründen, Katastrophen von einer Situation in der eine Lösung existiert. 

Das möchte ich kurz erklären: Betrachten wir eine Entwicklung, so hat die eine Reihe sozialer und ökonomischer Ursachen und vielfältige Auswirkungen. Beides kann zum Urteil führen, dass die Entwicklung nicht wünschenswert sei – z.B. halte ich es für äußerst problematisch, dass wir fast ausschließlich Google verwenden, um vernetzte Daten zu durchsuchen. Das Werkzeug gehört einem Unternehmen, das verheimlicht, wie es funktioniert. Wir werden von einer Technologie abhängig, auf die wir kaum Einfluss haben. Nun folgt aus diesem Urteil, dass wir etwas ändern müssen. Selbst wenn diese Änderung der Weg zurück wäre – woran ich nicht glaube -, also zu einer Welt der gedruckten Zeitungen und Bücher, deren Suchfunktionen auf Bibliothekskataloge beschränkt sind, auch dann wäre es eine Herausforderung, diese Änderung herbeizuführen. 

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Nun mein Plädoyer: Jugendliche sollen als Partnerinnen und Partner betrachtet werden, wenn wir diese Herausforderungen zu meistern versuchen. Wir müssen sie möglichst genau beschreiben, mit wissenschaftlichen Methoden aufzeigen, wie Neue Medien Menschen beeinflussen und beeinträchtigen. Das ist die Basis für eine bewusste Arbeit an Problemen – ohne Lamentieren, ohne künstlich aufgebaute Argumentationsgegner. 

Zu lange haben wir meiner Meinung nach über Scheinprobleme gesprochen, wenn es um Social Media ging. Noch immer höre ich oft die Rede von den Digital Natives, die scheinbaren Probleme durch die Kürze der Nachrichten, die Kritik an der Vernetzung mit Fremden. Hier liegen die Probleme nicht und diese Pseudokritik schadet uns, weil sie echte verunmöglicht. 

Morgen lade ich Jugendliche an der Kanti Stadelhofen ein, an den Herausforderungen mitzuarbeiten. Ich habe zehn rausgepickt. 

Meine Vorsätze für die »freihändyg«-Woche

Morgen beginnt die Aktionswoche »freihändyg«, mit der dazu aufgerufen wird, bewusst digitale Pausen einzulegen. Ich habe bereits hier über meine Haltung dazu berichtet und die Folien publiziert, die ich an zwei Infoabenden verwendet habe. Das mediale Echo auf die Aktion übertrifft die Erwartungen: Einen Artikel der AZ nahm der Blick am Abend auf – und zwar auf der Titelseite.

Bildschirmfoto 2014-03-02 um 21.59.58Die Aktion richtet sich einerseits an Schulklassen, andererseits an Einzelpersonen. Zwei der Klassen, die ich unterrichte, beteiligen sich. Nun steht meine Selbstverpflichtung aus. Hier ist sie:

Ich werde vom Montagmorgen bis Freitagabend:
a) mein Smartphone im Büro meiner Wohnung lassen
b) kompletter Verzicht auf soziale Netzwerke, inbesondere Twitter, Facebook, Google+, Instagram und Tumblr.
c) meine Mails täglich nur ein einziges Mal abrufen und bearbeiten.

Meine Einfälle werde ich während der Woche in einem Evernote-Notizbuch festhalten: Mal sehen, ob ich danach Lust habe, sie zu digitalisieren. Ob ich bloggen werde, lasse ich im Moment noch offen. Zu oft wollte ich rasch zu einem aktuellen Thema Stellung nehmen – darauf möchte ich nicht verzichten müssen.

Foto2Was verspreche ich mir von der Woche? Etwas tiefere Gedanken. Mehr Zeit, mein Buchmanuskript fertigzustellen. Etwas mehr Geduld, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle.

Die Pause wird mir guttun. Ich habe immer wieder bewusst Akzente im Umgang mit dem Internet gelegt und werde das weiterhin tun. Aber Pausen heißen nicht, dass das, was man vorher und nachher getan hat, falsch gewesen wäre. Da halte ich es mit Julia Rieke, die im Stern schrieb:

Die digitale Welt bestimmt nicht mein Leben. Ich bestimme ganz allein, wie ich all die technischen Bereicherungen nutze und sinnvoll in meinen Alltag integriere.

Coca-Cola bewirbt den Social-Media-Guard – eine Interpretation

 

Der New-Yorker-Cartoon von Liam Walsh nahm einen feinen Bezug auf den berühmten Cartoon von Peter Steiner, der ebenfalls im New Yorker erschienen ist. Während in der ersten Phase des Internets Pseudonyme Foren gefüllt haben, hinter denen auch Hunde hätten stehen können, werden in der zweiten Phase des mobilen Internets Menschen selbst zu Hunden: Sie brauchen dieselben Kragen, die Hunden angezogen werden, um sie daran zu hindern, sich zu belecken – weil ihr Umgang mit dem Smartphone zu einem Reflex oder Instinkt geworden ist, der über rationale Argumente oder die Disziplin nicht mehr zu umgehen war.

Letzte Woche nahm Coca Cola den Ball auf: In einer US-Kampagne verteilt der Getränkehersteller solche Hundekragen als »Social Media Guards« in Supermärkten und hat dazu ein geschicktes Werbe-Video veröffentlicht:

Das Video greift die verbreitete nostalgische Sehnsucht nach dem »echten« Leben auf: Wer echte Katzen ansieht, echtes Essen anschaut oder mit echten Menschen spricht, trinkt auch echtes Coca Cola aus Glasflaschen. Keine kalorienreduzierte Brause, echtes, ungesundes Zuckerwasser.

Diese Message mussten die Werbetreibenden aber ironisch brechen. Das taten sie auf drei Arten:

  1. Durch den Sprecher aus dem Off, dessen Kommentare süffisant belächeln, was wir sehen – so dass auch die Lösung nie als ernster Vorschlag erscheint und das Problem nie als echtes Problem, sondern als Zuspitzung und Scherz.
  2. Durch die verlangsamten Einstellungen der Menschen, die Blickkontakt zueinander und zu ihrer Umwelt aufnehmen, die sie leicht irr wirken lässt. Sie werden nicht echt, sondern seltsam, surreal.
  3. Durch die Musik. Zu hören ist nämlich die Einleitung von  »Also sprach Zarathustra« von Richard Strauß. Diese bildet die Titelmusik von Stanley Kubricks 2001 – A Space Odyssey, die unter anderem auch im ersten offiziellen Trailer eingesetzt wurde. Kubricks Film zeigt, wie der Mensch durch die Technologie entstand. Oder Technologie ist der Mensch ein Tier, mit der Technologie fügt er sich und anderen Schaden zu.

So ist der Clip von Coca Cola ein kleines Meisterwerk. Er ist enorm dialektisch, indem er zeigt, wie der Mensch zu kippen droht, wie die Balance zwischen Mensch-Sein und User-Sein diffizil ist. Einfache Lösungen gibt es nur in unseren Wunschvorstellungen. Genau so wenig wie Coca Cola eine Lösung für unsere Problem ist, ist es der Social-Media-Guard.

Ich danke Sarah Genner für den Verweis auf den New-Yorker-Cartoon:

»Freihändyg« – Aktionswoche mit Referaten in Baden und Aarau

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  1. Die Präsentation für die Infoabende ist auf Slideshare (siehe oben). 
  2. Die verwendeten Quellen: Sonntagszeitung, Huffington, Quinn Norton, 20 Minuten, NZZ Offline-Day, NZZ Käser-Essay, FOMO, Phubbing, Film
  3. Unterrichtsmaterial zum Projekt: Präsentation und Arbeitsblätter
  4. Über Fragen, Rückmeldungen und Kritik freue ich mich – entweder hier als Kommentar oder per Mail

* * *

In der ersten Märzwoche führt Aarau, eusi gsund Stadt das Projekt »Freihändyg« durch. Es handelt sich dabei um eine Aktionswoche im Kanton Aargau, bei der die Bevölkerung, Unternehmen und Schulen eingeladen sind, über die Nutzung mobiler Kommunikationsgeräte nachzudenken und während bestimmte Zeiten darauf zu verzichten.

Ich selbst bin dabei als Experte und Berater tätig. So habe ich für interessierte Schulen und Schulklassen entsprechende Materialien konzipiert (Arbeitsblätter und Präsentationen, alle hier online einsehbar) und werde am 25. Februar in Baden und am 26. in Aarau je ein kurzes Referat halten (für Details siehe Flyer oben, er vergrößert sich beim Draufklicken).

Das mag einige, die mich kennen, erstaunen. (Wahrscheinlich alle, die mich kennen.) Ich lebe meist mit dem Handy in der Hand. Daher werde ich auch nicht moralisierend fordern, dass die Woche dazu dient, auf mobile Kommunikation zu verzichten. Ihr Sinn liegt für mich darin, über unsere Gewohnheiten und ihre Auswirkungen nachzudenken. Das Resultat kann gut sein, dass wir sehr zufrieden damit sind, statt in eine Pendlerzeitung oder an Plakatwände an kalten Bahnhöfen zu starren, auf dem Handy mit unseren Freundinnen und Freunden zu chatten. Es kann aber auch darin bestehen, dass wir uns mal Zeit nehmen, an der Bushaltestelle mit der Nachbarin ein paar Worte zu wechseln, statt uns mit Kopfhörern und Bildschirm abzukapseln.

In den beiden einführenden Referaten werde ich anhand von vielen Beispielen erzählen, welche positiven und negativen Auswirkungen Smartphones auf unser Leben haben und erklären, warum Menschen wie die Internetexpertin Danah Boyd oder eine Reihe von Schweizer Bloggern sich bewusst digitale Pausen verordnen. Mein Ziel ist es, Lust zu machen, mit unseren Kommunikationsgewohnheiten zu experimentieren und dabei darüber nachzudenken. In der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule, unterwegs und in der Freizeit.

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Offline.

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Die Facebook-Verweigerung als Inszenierung

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In der NZZ schreibt Alice Kohli einen Nachruf auf ihr Facebook-Alter-Ego. Darin steht unter anderem:

Das Leben auf Facebook war damit genauso kompliziert geworden wie das richtige Leben. Oder noch komplizierter. Würde ich ohne Facebook etwas verpassen? Würde ich tatsächlich wichtige Kontakte verlieren? Kaum.
An einem Sonntagnachmittag im Dezember, nach knapp sechs Jahren, deaktivierte ich meinen Account. «Diese Freunde werden dich vermissen», mahnte Facebook und zeigte mir vier Gesichter, von denen ich ziemlich sicher war, dass sie mich nicht vermissen würden. Ich drückte den Knopf und war draussen. Mein Leben war ein kleines bisschen weniger kompliziert als vorher.

Sie schlägt damit in eine Kerbe, in die schon viele geschlagen haben, z.B. die Autorin Zadie Smith in einem Essay für die New York Review of Books:

Shouldn’t we struggle against Facebook? Everything in it is reduced to the size of its founder. Blue, because it turns out Zuckerberg is red-green color-blind. “Blue is the richest color for me—I can see all of blue.” Poking, because that’s what shy boys do to girls they are scared to talk to. Preoccupied with personal trivia, because Mark Zuckerberg thinks the exchange of personal trivia is what “friendship” is.

Ich bin anderer Meinung und habe dazu einen Kommentar geschrieben. Die dahinter stehenden Gedanken können bei Nathan Jurgenson vertieft werden, der über diesen Social-Media-kritischen Diskurs schreibt, dass es dabei darum gehe, Schwierigkeiten und Unzufriedenheiten im Leben auf einer technischen Ebene als etwas darzustellen, was sich lösen oder heilen lasse: »it is about reframing our anxieties and difficulties as something we can fix«. Das heißt, dass Menschen Beziehungen, Einsamkeit, Vertrauen, Wertschätzung, Selbstvertrauen etc. immer schwer fallen – sie in der Kritik an Technologie der Illusion nachgehen können, es gäbe einfache Rezepte für ein besseres Leben in dieser Hinsicht.

Mein Kommentar zum Artikel kenn gut auf der NZZ-Seite diskutiert werden kann (oder natürlich auch hier):

Mir scheint, diese Beitrag widerspricht sich performativ. Facebook ist die inszenierte Oberfläche – ein Mittel, um als etwas zu erscheinen, was wir gerne wären, nicht sind. Es gibt viele andere: Unsere Kleidung, unsere Autos, unsere Wohnungen. Wie wir reden, was wir arbeiten, was wir unternehmen. Jede Meinung zu Facebook ist genau so eine Inszenierung wie ein Facebook-Profil. Wer sich demonstrativ verweigert unterscheidet sich nicht von denen, die sich demonstrativ mitteilen.
Zu sagen, man könne »Menschen begegnen, ohne sich darum zu kümmern, ob sie auf einer selbstgebauten Skala der digitalen Meta-Ebene vielleicht Sonderlinge wären«, halte ich für eine Illusion. Menschen bauen sich Skalen und sich konstruieren Meta-Ebenen. Ob sie das digital oder analog tun, ist letztlich irrelevant.
Damit will ich nicht sagen, dass das Leben ohne Facebook nicht wunderbar funktionieren würde. Aber Menschen, die darauf verzichten, leben nicht mehr oder echter, als die, die das Tool nutzen. Wir brauchen Kommunikationsmittel, weil wir als Menschen eine symbolische und eine körperliche Seite haben. Zu werten, wie Menschen sich symbolisch inszenieren, halte ich für überheblich und unnötig.

Leserfrage: Richtig informiert sein im digitalen Zeitalter

Gestern erreichte mich eine Frage eines Lesers:

Sehr geehrter Herr Wampfler,

es ist erschreckend, denn leider hat sich mein Zeitungskonsum in den letzten Jahren sehr gewandelt. Richtig regelmäßig lese ich nur noch, Sie werden es ahnen: gar keine mehr. Glücklicherweise höre ich noch DLF.

Zeitungen wie taz, Süddeutsche, ZEIT, Spiegel, Brandeins lese ich nur noch sporadisch in Cafés und dann natürlich radikal selektiv. E-Paper hatte ich nur kurz von der FAZ, so richtig anfreunden konnte ich mich mit dem Zeitunglesen am Bildschirm nicht. Leider? Wie informiert man sich „richtig“?

Zudem habe ich immer wieder den Eindruck, nicht ausreichend informiert zu sein, obwohl ein großes Angebot am Kiosk oder auch an den oben genannten Orten zur Verfügung steht. Es ist schon seltsam, „früher“ hatte man als Leser klassischerweise ein bis zwei Zeitungen, schaute Tagesschau um Punkt 20 Uhr und war bestens informiert und konnte ruhig schlafen. Aber zu dieser Nutzungsweise kann ich auch nicht mehr zurückkehren, ich denke ich verpasse etwas.

Haben Sie für dieses Dilemma, dieses Problemfeld noch einen (letzten) Tipp für mich?

Besten Dank.

Meine Antwort heute Morgen:

Danke für Ihre interessante Frage. 

Entscheidend scheint mir, ob Sie oder wir »früher« ausreichend oder richtig informiert waren, oder nur den Eindruck hatten, es zu sein. Im letzteren Fall wäre die Antwort ja einfach: Das moderne Subjekt definiert sich kulturhistorisch geradezu durch einen Mangel an Informiertheit. Es kann stets nur eine beschränkte Anzahl Perspektiven einnehmen – sein Bild der Welt ist notorisch einseitig und unvollständig. 

Der erste Fall ist daher wohl der relevante. Er setzt voraus, dass es einen Medienkanon gibt, der jeweils in einem sozialen Umfeld bestimmt, was richtig Informiertsein bedeutet. »Früher« hieß das wohl, eine überregionale bildungsbürgerliche Zeitung lesen, eine regionale und die Tagesschau schauen. Alle fehlenden Informationen waren entweder dem Boulevard vorbehalten und damit einer ungebildeten Masse, oder erforderten ein spezifisches, meist akademisches Interesse. 

Die Auflösung dieses Kanons durch die Digitalisierung kann man bedauern – ein Zurück gibt es kaum. Nur Strategien für das Jetzt und für die Zukunft. Ich liste einige auf: 

  1. Flanieren. Sich immer wieder Zeit für Medien nehmen, beobachten, sich inspirieren lassen, aber nicht in Gewohnheiten verfallen, sondern beobachtend weitergehen. Mal eine Woche die FAZ lesen, einen Dokumentarfilm anschauen, Longform-Artikel aus dem englischen Sprachraum anklicken – immer wieder was anderes, fast Zufälliges. An nichts festhalten, aber für alles offen sein. 
  2. Ein Netzwerk aufbauen. Weil ausreichend informiert sein letztlich nichts anderes bedeutet, als ausreichend informiert wirken, ist es sinnvoll das zu wissen, was die wichtigen Bezugspersonen wissen. Das Internet erlaubt uns, den Empfehlungen schlauer Menschen mit ähnlichen Interessen zu folgen. Wenn sich das linksliberale Milieu über einen Feuilletonartikel empört, dann erfahren das die meisten gut vernetzten Twitter-Nutzerinnen und -Nutzer. Wenn es neue bahnbrechende Forschung in der Neurowissenschaft gibt, werden entsprechende Foren und Google-Plus-Gruppen mit Zusammenfassungen und Interpretationen geflutet. Wer richtig vernetzt ist, darf auf die Kraft der Empfehlung vertrauen. 
  3. Eine Nische suchen. Weil wir Informationen und Hintergründe zu Themen, die uns kurzfristig beschäftigen, sehr schnell abrufen können, ist es denkbar, auf eine breite Informationsbasis zu verzichten und sich zu spezialisieren. Die Publikationen lesen, in denen zwei, drei Fachgebiete differenziert behandelt werden. Tagesaktualitäten ignorieren. »News sind irrelevant«, schreibt Rolf Dobelli in einem lesenswerten Artikel

Für mich funktioniert eine Mischung aus a.) -c.) gut. Habe ich den Eindruck, etwas Wichtiges verpasst zu haben, bin ich in einer halben Stunde mit meinem Laptop up-to-date. Das kommt aber weit seltener vor, als der Wunsch, Zeit zu haben, ein längst gelesenes Buch noch einmal zu lesen. 

Das wäre mein Rat zum Schluss: Verwenden Sie die Zeit, die Sie früher für FAZ und Tagesschau aufgewendet haben, um ein Sachbuch oder einen Roman zu lesen. 

Welche Regeln für Snapchat gelten: wie sich Social Media wandeln

In einem MTV-Artikel erklärt Alison Hillhouse  die Faszination an Snapchat. Die Smartphone-App erlaubt es, Bilder und Videos zu verschicken – die im Gegensatz zu WhatsApp-Inhalten bei der Empfängerin nicht gespeichert werden, sondern nur eine kurze Zeit sichtbar sind und dann vom Server und den Geräten verschwinden (es gibt aber Möglichkeiten, die Bilder dennoch dauerhaft zu speichern). Die Bilder werden, wie man unten sieht, häufig bemalt und mit Text versehen. Sie können einfach an ganze Gruppe von Adressaten verschickten werden.

Fans der Milwaukee Bucks, einem Basketball-Team in den USA.
Fans der Milwaukee Bucks, einem Basketball-Team in den USA.

Inhalte von Snapchats sind oft Selfies, also Bilder des eigenen Gesichts. Daneben können auch eher zufällige Eindrücke und Objekte fotografiert und verschickt werden.

Hillhouse beschreibt die Neuartigkeit der Kommunikation mit Snapchat wie folgt:

Die App schafft ein neue Art von Nähe und bewahrt dennoch eine gewisse Distanz. Am einfachsten ist es, Snapchat als eine Mischung zwischen alltäglicher Konversation und dem Lesen von Social-Media-Feeds zu beschreiben.

Teenager, so ihre Vermutung, würden sich in einer zunehmend virtuelleren Kommunikationswelt nach dem face-to-face-Kontakt mit anderen sehnen, dabei aber die Möglichkeiten der Distanz, die Social Media ermöglichten, nicht aufgeben wollen. Zudem ist Snapchat äußerst bequem – die App erfordert kaum Aufwand.

Selfie von Radarie.
Selfie von Radarie.

Ihre Analyse ergänzt Hillhouse mit Snapchat-Regeln, welche für die Kommunikation unter Jugendlichen gälten (sie stammen aus einem Forum, bei dem Jugendliche ihren Umgang mit der App beschrieben haben):

  1. Wenn du verliebt bist, schicke zuerst Snaps und schreibe erst später. Snapchat-Nachrichten kann man allen schicken, auch wenn man sie kaum kennt. Am besten ist es, das Eis mit Gruppennachrichten zu brechen, aus denen dann 1:1-Unterhaltungen entstehen können.
  2. Schicke Menschen, die nicht zu deinen engen Freunden gehören, nicht zu viele Selfies.
  3. Selfies sollen wenig inszeniert sein, lustig und seltsam – außer in einer romantischen Beziehung. Dort muss der Look und das Licht stimmen.
  4. Schicke nicht zu viele Snaps. Fünf pro Tag und Person ist eine gute Regel.
  5. Achte darauf, wo du Snapchat-Inhalte betrachtest: Du weißt nie, was ein Video oder ein Bild zeigt.
  6. Öffne Snapchat-Nachrichten nie sofort, vor allem wenn du in eine Person verliebt bist. Bei besten Freunden gilt die Regel nicht.

Diese Regeln sind (unabhängig von ihrem konkreten Inhalt) ein schönes Beispiel dafür, dass die Möglichkeit einer nicht normierten, von Erwachsenen unberührten Kommunikationstechnologie automatisch eine Struktur erhält. Gewisse Verhaltensweisen werden nur solche Normen als erwünscht und erwartbar gekennzeichnet, andere abgewertet.

Snapchat selbst zeigt, wie differenziert Kommunikationsvorgänge in Neuen Medien betrachtet werden müssen. Waren Social Media gestern anonym, textlastig und öffentlich, so sind sie heute an Offline-Identitäten gebunden, visuell und privat.

Quelle
Quelle

Zusatz 2. Februar: Zwei kleine Ergänzungen und Präzisierungen aufgrund der Kommentare.

Bemerkungen zu Copyright und Datenschutz

Die folgenden Anmerkungen greifen zwei Fälle auf, die sich in den Schweizer Medien in der letzten Woche ergeben haben:

  1. Kurt W. Zimmermann schreibt in der Wochenzeitung Weltwoche eine Medienkolumne. Vor zwei Wochen beschrieb Zimmermann da unter dem Titel »Welcome to the Club« (Paywall, Ausriss unten), wie er mittels des Weltwoche Anwalts Martin Wagner dem Chefredaktor der »Schweiz am Sonntag«, Patrik Müller, untersagt habe, seine Kolumne auf Twitter zu verbreiten.
    Seither wird seine Kolumne auf Twitter wöchentlich aufgeschaltet, von einem mittlerweile gelöschten Konto aus (Google-Cache-Link) und einem noch aktiven. Beide Konten werden anonym betrieben. Ob Zimmermann dagegen wie angekündigt juristisch vorgehen kann, darf zumindest bezweifelt werden. zimmermann
  2. Auf dem neuen Medienportal Watson berichtete Maurice Thiriet darüber, dass ein Schweizer Millionenerbe hohe Schulden habe. Dieser behauptete, die verwendeten Informationen – ein Auszug aus dem Betreibungsregister – seien veraltet und daher falsch. Daraufhin publizierte Thiriet den kompletten Auszug, auf dem ein aktuelles Datum zu lesen war.

Beiden Fällen ist gemeinsam, dass Informationen bzw. Daten veröffentlicht werden, welche Betroffene so nicht veröffentlicht haben wollen. Während 1. ein klarer Verstoss gegen das Schweizer Urheberrecht darstellt, der aber kaum geahndet werden kann, ist bei 2. zumindest umstritten, ob Auszüge aus dem Betreibungsregister veröffentlicht werden dürfen. Zugänglich sind sie allen, die ein Interesse an den entsprechenden Informationen belegen können (z.B., weil sie gedenken, mit einer Person einen Vertrag abzuschließen).

Mit den heutigen Möglichkeiten kann jede Information, sei sie durch Datenschutz oder Copyright geschützt, anonym publiziert und legal abgerufen werden (wer die publizierte Kolumne oder den Auszug liest, macht sich in der Schweiz sicher nicht strafbar).

Ich sehe zwei Konsequenzen aus dieser Problemlage:

Erstens müssen staatliche Informationen, Datenbanken und Register der Öffentlichkeit leicht zugänglich gemacht werden. Gewisse Auswirkungen von so genanntem »Doxing« – dem bösartigen Veröffentlichen privater Informationen über eine Person oder eine Gruppe – können gelindert werden, wenn diese Informationen öffentlich zugänglich sind. Letztlich heißt das, dass das Betreibungsregister und ähnliche Datenquellen wie das Telefonbuch abrufbar sein müssten. (»Doxing« meint auch, dass anonyme Profile identifiziert werden – das ist hier nicht gemeint.)

Für das Urheberrecht bedeutet diese Einsicht letztlich, dass das Vertrauen in ein Geschäftsmodell, das über die exklusive Bestimmung von Verbreitungskanälen und -weisen funktioniert, zumindest erschüttert ist.

Zu meinen, dem Staat mehr Möglichkeiten zu geben, um solche Vergehen unterbinden zu können, ist zweitens gleichbedeutend mit einem totalitären Staat. Das formuliert Rick Falkvinge heute in einer Kolumne sehr klar:

Any digital, private communications channel can be used for private protected correspondence, or to transfer works that are under copyright monopoly.
In order to prevent copyright monopoly violations from happening in such channels, the only means possible is to wiretap all private digital communications to discover when copyrighted works are being communicated. As a side effect, you would eliminate private communications as a concept. There is no way to sort communications into legal and illegal without breaching the postal secret – the activity of sorting requires observation.
Therefore, as a society, we are at a crossroads where we can make a choice between privacy and the ability to communicate in private, with all the other things that depend on that ability (like whistleblower protections and freedom of the press), or a distribution monopoly for a particular entertainment industry. These two have become mutually exclusive and cannot coexist, which is also why you see the copyright industry lobbying so hard for more surveillance, wiretapping, tracking, and data retention (they understand this perfectly).

Kurz: Als Gesellschaft stehen wir heute vor der Wahl, entweder Konzepte wie das Briefgeheimnis, private Kommunikation, Pressefreiheit und Schutz von Whistleblowern aufzugeben, oder aber die gängige Vorstellung von Copyright. Das Urheberrecht in der heutigen Form kann nur geschützt werden, wenn Kommunikation vollumfänglich überwacht wird.

Die Konsequenzen sind verstörend, das Dilemma aber anders nicht lösbar. Jeder Verstoß gegen das Urheberrecht, jede Veröffentlichung von staatlich geschützten Informationen macht das deutlich. Und jede Forderung nach mehr Überwachung im Netz.

Humanistische Bildung und Social Media: Teil III – Mensch und Maschine

Das ist der dritte Teil eines Essays zur Verbindung des humanistischen Bildungsideals und Social Media.

* * *

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Freiherr Joseph Friedrich zu Racknitz, Ueber den Schachspieler des Herrn von Kempelen, Leipzig und Dresden 1789

Bevor es Schachcomputer gab, waren Menschen von der Idee besessen, dass eine Maschine besser Schach spielen könne als ein Mensch. Etwas mehr als 200 Jahre nachdem der Schachtürke, eine Maschine, die von einem Menschen bedient wurde, zum ersten Mal Schach spielte, schlug der IBM-Computer Deep Blue den Schachweltmeister Garry Kasparov in einem Turnier. Seither haben nicht nur die Computer, sondern vor allem die Algorithmen starke Fortschritte gemacht: Auf jedem Handy lässt sich eine Software installieren, die zu den stärksten Schachspielern der Welt gehören würde, dürfte sie an den Turnieren teilnehmen.

Schach, so könnte man sagen, war lange ein Abgrenzungskriterium zwischen Mensch und Maschine: Maschinen können viel, aber nicht Schach spielen. Und so lange sie das nicht können, braucht der Mensch keine Angst davor zu haben, den Maschinen nicht mehr überlegen zu sein.

Ein etwas feineres Kriterium formulierte der Mathematiker Alan Turing 1950: Der nach ihm benannte Turing-Test besagt, dass Maschinen oder Computer dann als intelligent gelten können, wenn ein Mensch nicht in der Lage ist, in einem Chat mit einem menschlichen und einem maschinellen Partner  zu bestimmen, was von einem Menschen getippt wurde und was von einem Computer.

Gegen diesen Test gibt es eine Reihe von Einwänden – der spannendste stammt wohl von John Searle, der im Chinese-Room-Experiment vorgeschlagen hat, sich einen Raum vorzustellen, in dem ein Mensch sitzt, der kein Chinesisch spricht, aber mit Hilfe eines Buches chinesische Botschaften, die unter der Tür durchgeschoben werden, problemlos beantworten kann. Der Mensch kann deswegen kein Chinesisch – und ein Computer deshalb auch weder eine natürliche Sprache sprechen noch denken.

Die Frage, ob Computer denken können oder gar ein Bewusstsein entwickeln werden, kann nicht so einfach beantwortet werden, wie das Searle vorgibt. Selbstlernende Algorithmen – wie sie z.B. Google einsetzt – erledigen Aufgaben, für die sie nicht spezifisch programmiert worden sind. Gängige Vorstellungen der Funktionsweise von Computern prallen daran ab.

Was hat das mit humanistischer Bildung und Social Media zu tun? Social Media führen dazu, dass menschliche Kommunikation medialisiert abläuft. Zwischen zwei Menschen treten jeweils ein Interface, das sie bedienen müssen, um einander indirekt wahrnehmen zu können. Aufgrund unser Lebens- und Arbeitsverhältnisse nutzen wir solche Kommunikationsformen immer häufiger: Kinder sprechen mit ihren abwesenden Eltern über Skype, Mitarbeitende organisieren sich über Länder und Kontinente hinweg. Das gilt auch für die Bildung.

Während Schulbücher Wissen schon immer medialisiert zugänglich gemacht haben, war der Unterricht meist auf direkten Kontakt hin angelegt. Menschen bilden sich mit anderen Menschen zusammen. Neu treten nicht nur Geräte zwischen die Menschen, sondern es wird zunehmend unsicher, ob am anderen Ende überhaupt noch ein Mensch ist oder ein Computer. So schrecklich die Vorstellung erscheinen mag, dass Algorithmen in die Rolle von Lehrpersonen oder gar Schülerinnen und Schüler schlüpfen: Sie ist nicht in der fernen Zukunft zu suchen. Bereits heute gibt es Computerprogramme, die bestimmte Mathematikaufgaben effizienter vermitteln können als menschliche Coaches. Zudem verwenden wir Menschen auch immer mehr Algorithmen, die unsere Arbeit vereinfachen.

Wenn nun der Humanist Humboldt fordert, Bildung habe den Zweck, dass der Mensch mit seiner »Einzigartigkeit die Menschheit bereichere«, dann wird das immer mehr fraglich. Menschliche Äußerungen dienen im Internet riesigen Algorithmen dazu, Wissen effizienter verarbeiten zu können. Die entscheidende Frage wird in der Zukunft sein, ob Menschen Maschinen nutzen oder Maschinen Menschen. Die besten Schachpartien spielen heute Spielerinnen und Spieler, die darin geübt sind, mit einem Computer zu interagieren. Sie teilen sich die schwierige Aufgabe des Spiels mit einem Automaten – es lässt sich nicht mehr genau bestimmen, wer wichtiger ist.

In seinem Buch Gadget macht Jaron Lanier eine feinsinnige Anmerkung zum Turing-Test. Er messe zwei Dinge gleichzeitig: Das Verhalten der Chatpartner – aber auch die Anforderung, welche die Versuchsperson an menschliches Verhalten stellt. Diese Anforderungen würden zunehmend sinken, befürchtet Lanier. Wenn z.B. schulische Leistungen nur noch in Bezug auf standardisierte Tests, also Algorithmen, gemessen werden, dann wird menschliches Verhalten bald so beurteilt, wie man die Leistung von Computern einschätzt.

Social Media könnte also dazu führen, dass wir mit Menschen ähnlich kommunizieren wie mit Computern. Unser Verhältnis zu Maschinen wird die große Herausforderung der nächsten zehn bis 50 Jahre sein. Hierfür ist das humanistische Bildungsideal ein wichtiger Orientierungspunkt, gerade auch für die vielen ethischen Fragen, die der Umgang mit immer autonomeren Maschinen mit sich bringen wird (wer ist für ihr Handeln verantwortlich, wie dürfen wir sie behandeln?).