In einem kurzen Post auf der ZDF-Plattform Hyperland schreibt Julius Endert über die Frage, ob das Internet zu kompliziert sei. Dafür spreche folgender Zusammenhang:
Das Internet vereinfacht die Kommunikation nicht, im Gegenteil: Sie wird beliebig kompliziert, funktioniert wahlweise realtime oder asynchron. Wer sich sicher sein will, dass seine Botschaft auch wirklich ankommt, sollte immer mindestens zwei Kanäle nutzen. Ein Prinzip, welches schon seit der Erfindung der E-Mail gilt. Typisch ist seitdem der Anruf: “Du, ich habe dir ein Mail geschickt.” Kaum einer, der alle verfügbaren Kanäle kennt oder gar zu nutzen weiß. E-mail, Skype, Messenger, Facebook-Chat, Google-Hangout, Twitter, WhatsApp. Und das ist nur der Anfang.
Andererseits, so Endert, gehe die technische Entwicklung der menschlichen immer voraus:
Sozialwissenschaftler wissen: Die technische Entwicklung läuft den Fähigkeiten der Menschen, damit umzugehen, immer voraus. Künftige Generationen werden den Werkzeugkasten der digitalisierten Kommunikation preisen und sogar noch mehr fordern und mehr Möglichkeiten werden kommen. Denn: Sie befreien uns aus der technisch bedingten Limitierung auf wenige Kanäle. Sie schenken uns eine Palette der vielfältigsten Gesprächsmöglichkeiten.
Der Mensch wird endlich wieder Souverän seines Mitteilungsverhaltens und die Art der Kommunikation entscheidet mit über den Grad der Intimität, die wir eingehen möchten – und wir können darüber frei entscheiden.
Diesen Zusammenhang verdeutlicht das unten stehende Prisma – das die Kommunikation im Internet abbildet. Es ist so kompliziert, dass es immer nur in Ausschnitten betrachtet werden kann. Es zeigt aber, wie genau ich die Bedingungen meiner Kommunikationskanäle steuern kann: Ich kann festlegen, wie intim ein Gespräch sein soll und wie öffentlich es sein soll. Ich kann meinem Gegenüber meine Erwartungen an sein Kommunikationsverhalten klar machen, aber dies auch verweigern. Ich kann offene Kommunikationen führen oder sehr enge, klar definierte.
Für die Schule stellen sich im Anschluss an diese Feststellung zwei Fragen:
Wie kann ein Umgang mit diesen Möglichkeiten gelehrten werden?
Kann und soll man davon ausgehen, dass es in der Kommunikation in zehn Jahren auch eine Alternative zu Social Media geben wird? (Die Frage müsste sich auch Sherry Turkle stellen, denke ich.)
Nehmen wir die Herausforderung sofort an, denn über kurz oder lang bleibt uns nichts anderes übrig.
Wäre dies tatsächlich der Fall, dann hätte dies auf mehreren Ebenen Konsequenzen für den Schulalltag:
Im Deutschunterricht müssten die vermitteln Textsorten stark digital orientiert werden und die neuen kommunikativen Rahmenbedingungen wie Öffentlichkeit einbeziehen. Auch Bewerbungen funktionieren nicht mehr nach dem gelernten Schema.
Die Kommunikation zwischen Lehrpersonen und zwischen Lehrpersonen und SchülerInnen müsste frühzeitig auf die Bedeutung der Veränderung überprüft werden. Wenn Lehrpersonen mit SchülerInnen über Facebook kommunizieren, so kann das auch gefährlich werden oder zumindest Unsicherheiten erzeugen.
Als dritte Eben müsste das technische Umfeld vorhanden sein, um diese Art von Kommunikation zu ermöglichen.
Die Frage ist in ihrer Bedeutung nicht zu unterschätzen: Die Schule läuft Gefahr, in für Jugendlichen wesentlichen Lebensbereichen keine Orientierung mehr anbieten zu können.
Wenn man Social Media hört, denkt man sofort an Facebook, Smartphones, an Menschen vor dem Computer. Die Idee von Social Media ist aber eine andere – die mit gutem Unterricht sehr viel zu tun hat.
Ich versuche das kurz zu skizzieren. Eigentlich geht es um vier Aspekte:
Alle an der Kommunikation Beteiligten können wahlweise aktiv und passiv daran teilnehmen, also Inhalte erstellen und Inhalte konsumieren.
Dadurch verändert sich die Rolle der Lehrperson, die Prozesse begleiten kann, aber nicht exklusiv für Inhalte zuständig ist. Ihre Hauptaufgabe ist nicht mehr das Bereitstellen von Inhalten, sondern die Begleitung im Umgang mit diesen Inhalten, das Coaching.
Zudem verläuft die Kommunikation zwischen allen Teilnehmenden – Schülerinnen und Schüler kommunizieren direkt miteinander und nicht via die Lehrperson.
Dieses Lernen ist dann nicht mehr ortsgebunden und findet nicht mehr nur im schulischen Kontext statt, sondern verbindet private Lernphasen mit schulischen.
John Trevor Custis, Francis M. Drexel School in Philadelphia. 1898. Wikimedia Commons.
Dazu lässt sich immer schön Brechts Ideal in seiner Radiotheorie von 1930 zitieren:
Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen. Der Rundfunk müßte demnach aus dem Lieferantentum herausgehen und den Hörer als Lieferanten organisieren.
Die Schülerinnen und Schüler sollen »in Beziehung gesetzt« werden. Das ist Social Media.
Ein aktuelles Beispiel dazu findet sich in einem Artikel zum »Virtual Linguistics Campus« an der Universität Marburg. Der zitierte Professor, Jürgen Handke, kommentiert das Konzept des »inverted classrooms« wie folgt:
Dennoch kann auf das persönliche Erscheinen im Vorlesungssaal oder Seminarraum auch hier nicht ganz verzichtet werden: Denn das gemeinsame Üben sei immens wichtig, betont Anglistik-Professor Handke. Die Inhalte, die sich die Studenten im Netz aneignen, werden deshalb in einer Präsenzveranstaltung an der Uni vertieft. Das ist Phase zwei des „umgekehrten Klassenzimmers“.
Ganz ohne direkten Kontakt zum Professor geht es also nicht. „Der hat allerdings eine völlig neue Funktion“, sagt Handke und ist ganz offensichtlich begeistert: „Er ist der Begleiter, denn er begleitet die Studierenden beim Üben und Diskutieren. Und die Diskussionen – die sind viel lebhafter als sonst!“
Letztlich hieße Social Media in der Schule, dass Schule ohne Gadgets und Computer stattfindet – dass aber zuhause am und mit dem Computer gelernt wird.
Auf FB hat heute Klaus Meschede, dem ich viele Inputs für das Thema dieses Blogs verdanke, folgenden Vorschlag gepostet:
Idee für ein Projekt zum Schuljahresende:
„Kony 2012“
Vorgeschichte, Kampagne, Wirkung, Auswirkung(?), etc.
Basis: hohe Betroffenheit, Empathie bei Jugendlichen, intensive Kommunikation
Bezug: Moralentwicklung bei Jugendlichen, Empathie vs. Abstraktion/ Universalismus (Habermas als Ergänzung zu Kohlberg), Identitätsbildung
möglichst fächerübergreifend, wenigstens mit Referenten aus SoWi-LK [gemeint: Sozialwissenschaften-Leistungskurs], D-LK [Deutsch-Leistungskurs] (Medien und Kommunikation), evtl. Filmgruppen
Ich möchte diese Idee im Folgenden nun etwas ausführen – und insbesondere aufzeigen, welche Rolle die Reflexion und der Einsatz von Social Media in Bezug auf dieses Thema spielen könnte.
Am Anfang soll eine Liste mit Aspekten stehen, die für das Thema eine Rolle spielen:
Worum geht es ganz grundsätzlich? Was hat sich in Uganda in den letzten fünf Jahren ereignet? Was ist die Rolle der Lord’s Resistance Army? Wie ist die aktuelle Situation zu beurteilen?
Woher wissen wir etwas über ein Land wie Uganda? Welchen Quellen vertrauen wir, wie nähren wir uns einem solchen Thema?
Inwiefern gibt es in Westeuropa ein differenziertes Afrikabild? Welchen Aussagen / Fakten / Vorurteilen schenken wir in Bezug auf afrikanische Länder eher Glauben – und warum?
Wie können Menschen auf ein wichtiges Anliegen aufmerksam gemacht werden? Welche Rolle spielen dabei traditionelle Medien, welche Neue Medien bzw. Social Media?
Welchen Einfluss haben Prominente auf die Bedeutung von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Problemen?
Was beschleunigt bzw. verlangsamt soziale Kommunikation auf Netzwerken wie Facebook und Twitter? Welche Inhalte werden schnell und oft geteilt, welche weniger?
Warum berührt uns das Kony Video (stärker als andere Videos)?
Wie unterscheidet sich die Verarbeitung von News durch junge Menschen von der älterer?
Ist es möglich, dass virale Kampagnen bzw. Virals eine Auswirkung außerhalb des Internets (d.h. in der Welt der Dinge und Menschen) haben?
Dürfen Organisationen, die wohltätig bzw. in der Entwicklungshilfe tätig sind, Marketing betreiben? Wie aufwändig darf dieses sein? Ist es besser, wenn eine solche Organisation hohe Einnahmen und hohe Kosten hat, als wenn sie tiefe Einnahmen und tiefe Kosten hat?
Kann virales Marketing auf Social Media Kanälen langfristig für wohltätige Organisationen bedeutsam sein?
Können wir in einer globalisierten Welt ein »fremdes« Problem lösen?
Die persönlichen Geschichten hinter Kony: Jason Russell (Regisseur des Filmes, evangelikaler Hintergrund, sein Sohn); Joseph Kony.
Diese verschiedenen Zugänge bieten sich für einen interdisziplinären Ansatz an. Es stellen sich ganz konkrete politische, wirtschaftliche, historische und soziale Fragen. Es werden kommunikative und mediale Themen verhandelt. Ethische Fragen spielen eine große Rolle, ebenso erkenntnistheoretische.
Infografik: Huffington Post.
Wenn man sich die Bandbreite der Themen anschaut, so ist dieses Projekt klar gymnasial ausgerichtet, wohl sogar eher für Klassen nahe beim Abitur/bei der Matur. Viel Material wird erst dann verfügbar, wenn Schülerinnen und Schüler genügend gut englisch sprechen.
Ich stelle mir einen möglichen Projektablauf wie folgt vor:
Input für alle Projektteilnehmenden:
Visionierung des Kony-VideosDiskussion.
Entscheid für einen Themenbereich, sehr grob skizziert – Bildung von Gruppen.
Danach weiteres Inputmaterial,
z.B.
Projektartige Verarbeitung des Materials und der Überlegungen der Gruppe.
a) Projektziele und -verlauf definieren.
b) Recherchieren, kuratieren und verarbeiten von Hintergrundmaterial.
c) Verarbeitung idealerweise Arbeit mit Social Media, z.B. Wiki oder Blog. (Idee: Es entsteht ein Gesamtprodukt, in das die einzelnen Gruppenbeiträge eingefügt und auf einander bezogen werden können.)
Präsentation und Feedbackprozess.
Die Gruppen präsentieren ihre Ergebnisse dem Plenum und erhalten von anderen Gruppen Feedback.
Wiederholung dieser Schlaufe mit einer Art Öffentlichkeit, über Social Media sehr einfach möglich.
Individuelle Reflexion.
Die Lehrpersonen, die das Projekt begleitet haben, können hier einige allgemeine Fragen stellen (Umgang mit Social Media; Manipulierbarkeit; Möglichkeiten, in einer globalen Welt etwas zu verändern; Afrikabild in Europa und Nordamerika…)
In diesem Prozess kann vor allem auch die persönliche Haltung und Veränderung dieser Haltung ins Spiel gebracht werden, sinnvoll ist hier wohl eine ganz traditionelle Arbeit mit einem persönlichen Text, aber auch Social Media (z.B. als Kommentar etc.) wäre denkbar, wenn für Schülerinnen und Schüler in Ordnung.
Visiualisierung der Twitter-Aktivitäten zu Kony 2012, SocialFlow.
Lernen ist eine auf Zukunft gerichtete Aktivität. Ich lerne aus Neugier, aus Interesse, aus Spass oder wegen extern an mich herangetragenenen Notwendigkeiten und ich verspreche mir davon, bestimmte Aufgaben oder Herausforderungen in der Zukunft bewältigen zu können.
Neuhaus zitiert dabei Bruno Latour und sein Konzept des Komponierens, das auf solche Aktivitäten sehr schön anwendbar ist:
Der Bruch mit der Vergangenheit wird nicht ausreichen. Kritik wird auch nicht helfen. Es ist Zeit zu komponieren – in allen Bedeutungen des Wortes, einschließlich mit etwas komponieren, also Kompromisse einzugehen, sich zu kümmern, sich langsam zu bewegen, vorsichtig und mit Vorsorge.
Im letzten Blogpost habe ich auf den Mindshift-Blog verwiesen, wo die Journalistin Tina Barseghian die (technologische) Zukunft der Lernens erforscht. Im folgenden werde ich die Aussagen von zwei lesenswerten Artikeln zusammenfassen und knapp kommentieren:
Die Grundvoraussetzungen sind klar: Inhalte im Internet können auf mobilen Geräten überall und jederzeit angesehen werden. Dieser Fluss von Informationen bedeutet grundsätzlich, dass die Schule nicht mehr die primäre Aufgabe hat, diese Informationen zur Verfügung zu stellen – z.B. als Wissen von Lehrpersonen oder in Form von Unterrichtsmaterialien.
Digitales Lernen findet, wie auch traditionelle Lernformen, auf fünf Standbeinen statt:
Lerninhalte
Lernmethoden
Lerngemeinschaft
Institutionalisierung und Anerkennung von Lernerfolgen
Technologien und Medien des Lernens
Die »Revolution« betrifft diesen fünften Punkt. Werden die Medien digital, so ist es viel einfacher als bisher, Kopien anzufertigen. Anders gesagt: Lerninhalte kosten nichts mehr – z.B. OER.
Daran schließen sich grundsätzlich vier Fragen an:
Mit welchen pädagogischen Mitteln sollen und können die Vorteile des digitalen Lernens genutzt werden?
Wie organisiert man Gemeinschaften, in denen diese Inhalte erlernt werden können?
Wie erfolgt die Anerkennung von Lernerfolgen im digitalen Lernen?
Mit welchen Technologien sollen digitale Inhalte abgerufen und bearbeitet werden?
The things I care most about is collaborative skills, are you a good communicator, can you get stuff done? I think that’s the number one thing that isn’t being assessed anywhere that is super important. That’s what you ask when someone wants a job from you: do they get stuff done.
[Übersetzung phw] Ich interessiere mich am meisten für Kompetenzen im Bereich der Zusammenarbeit: Kannst du kommunizieren? Kannst du Aufgaben erledigen? Das ist die wichtigste Fähigkeit, die von allen verlangt wird. Wenn jemand angestellt werden soll, geht es genau darum: Kann die Person Aufgaben erledigen?
Punkt i. hingegen ist der Gegenstand von Barseghians Post. Ihre Forderung ist klar und wurde auf diesem Blog schon mehrfach wiederholt: Technologie verfügbar zu haben ist nur dann hilfreich, wenn es auch effiziente Methoden gibt, sie für pädagogische Zwecke einzusetzen. Zudem müssen digitale Geräte so zugänglich gemacht werden, dass sich privates und schulisches Lernen vermischt. Barseghians und ihre Gewährsleute skizzieren eine Learning-By-Doing-Mentalität, die durch Hilfsmittel wie Smartphones und iPads gefördert werden kann.
That’s where the pedagogical practice comes to play, a thoughtful use of tool sets. Having the apps sitting on your phone on your desk in and of itself isn’t going to make you smarter, and it won’t make the classroom more anything. It’s what you do with it, and how it’s supported, how teachers and students know to learn, to use those tools. It’s part of a complex nature of learning.
[Übersetzung phw]: Das ist der Punkt, wo die pädagogische Praxis relevant wird: Ein durchdachter Einsatz von Werkzeugen. Nur Apps auf seinem Telefon zu haben macht niemanden schlauer und es verbessert auch die Erfahrung im Klassenzimmer in keiner Hinsicht. Es kommt darauf an, was man mit den Geräten und den Apps macht und wie dieses Handeln unterstützt wird, wie Lehrpersonen und SchülerInnen ihr Lernen und ihren Einsatz von Hilfsmitteln verstehen. Es ist ein Teil der komplexen Natur des Lernens.
Gestern habe ich hier einen Artikel zusammenfasst, in dem die Frage diskutiert worden ist, wie sich der digitale Wandel für Schulen und Lehrpersonen auswirken wird. Dabei ging es insbesondere auch um den Einsatz von Tablets und iPads in der Schule. Ich möchte im Folgenden einige Überlegungen zum Einsatz von iPads festhalten – ich werde diesen Post laufend ergänzen.
0. Tablets oder iPads?
Der allgemeine Begriff Tablet suggeriert, es gäbe verschiedene Hersteller, deren Produkte im ähnlichen Umfang in der Schule einsetzbar wären. Konkrete Beispiele gibt es hingegen meist nur mit dem iPad, also mit Produkten von Apple.
Screenshot von tablet-user.de/tablet-vergleich
Apple ist im Schulbereich im deutschsprachigen Raum sehr aktiv: Die Firma
führt Anlässe durch, an denen Praxislösungen vorgestellt und von Fachleuten diskutiert werden (hier ein aktuelles Beispiel aus der Schweiz)
bietet Lehrpersonen die Möglichkeit, mit iBooks Authorselbst Lehrmittel fürs iPad zu erstellen.
Diese breite Palette von Angeboten, die Vertrautheit vieler Schulen mit Apple-Produkten und sowie die hohe Bekanntheit und Beliebtheit von iPads bei Jugendlichen erschweren eine objektive Auswahl des besten Tablets und führen im Bildungsbereich zu einer Gleichsetzung von Tablets mit iPads. Die Gefahr dürfte bekannt sein: Schulen machen sich sowohl von der Soft- wie auch von der Hardware von Apple abhängig und müssen langfristig auch die hohen Apple-Preise bezahlen.
Um iPads in der Schule gewinnbringend einsetzen zu können, müssen Beispiele aus der Praxis bekannt gemacht werden. Es reicht letztlich nicht aus, einfach Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern iPads zu verteilen, in der Hoffnung, es würde sich etwas ergeben.
Hier eine im Moment aktuelle Liste mit Beispielsammlungen:
Lernen mit iPad.
Die Schweizer Seite bietet viele Links und soll demnächst Praxisbeispiele enthalten, die Seite befindet sich aber offenbar erst im Aufbau.
iPad in der Schule.
Die deutsche Seite wird von vier Lehrpersonen betreut und bietet einführende Texte und Unterrichtsbeispielen aus verschiedenen Fachbereichen.
Schule Apps.
Eine plattformneutrale Datenbank verschiedener Apps für den Bildungsbereich – übersichtlich und hilfreich.
paducation
Umfangreiche Dokumentation eines Schulversuchs mit iPads mit vielen Hintergrundinfos.
Ein besonders schönes Beispiel aus dem Physikunterricht sei hier noch speziell erwähnt, es wird bei mediendidaktik.org erläutert:
So wurde z.B. auf den Fluren unserer Uni die Geschwindigkeit des Schalls ermittelt, indem die Mikrofone von zwei iPads in exakt 10 Meter Entfernung auf den Boden gelegt wurden. Mit einem Klangholz wurde genau in der Mitte auf der 5-Meter-Marke ein Synchronisierungs-Klick erzeugt und dann hinter den iPads ein weiterer Klick. Diese Klicks wurden von beiden iPads aufgezeichnet. Die hohe Auflösung des eingesetzten Sound-Editors (WavePad) ermöglichte es, den zeitlichen Abstand der beiden Klicks exakt darzustellen. Aus der zeitlichen Differenz zwischen den Messungen der beiden iPads können die Lernenden dann die Geschwindigkeit des Schalls (Geschwindigkeit = Weg/Zeit) relativ genau ermitteln. Dieses Experiment lässt sich genauso auch mit Smartphones auf Basis von Android oder IOS-Systemen durchführen.
2. Praktische Hinweise zum Umgang mit Tablets in der Schule
Um Tablets oder iPads in der Schule einzusetzen, gibt es grundsätzlich fünf Möglichkeiten:
Die Schule leiht sich für Projekte befristet Geräte aus, z.B. hier.
Die Schule schafft wenige Geräte an, die dann in Einzelstunden oder in Projekten eingesetzt werden können.
Die Schule kauft für bestimmte Fächer oder für alle Schülerinnen und Schüler Geräte, die im Klassenzimmer genutzt werden können.
Die Schule gibt Schülerinnen und Schülern Geräte zur schulischen (und privaten) Nutzung ab.
Die Schule nutzt Geräte, welche Schülerinnen und Schüler privat besitzen.
Diese Möglichkeiten unterscheiden sich erheblich und sind mit unterschiedlichen Kosten und unterschiedlichem Nutzen verbunden.
Der gestern zusammengefasste Artikel wies darauf hin, dass der Einsatz von Geräten oft an Details scheitert, dass also Einsatzformen wie 1. und 2. immer mit einer technischen Hürde verbunden sind, die recht hoch ist.
Ideal wäre wohl Möglichkeit 4. Die private Abgabe könnte auch mit der Verpflichtung zur Wartung verbunden sind – alle Schülerinnen und Schüler sind dafür besorgt, dass sie ein funktionsfähiges Gerät haben. Sie könnten dann in allen Fächern Unterrichtsmaterialen draufladen – also z.B. auch Wörterbücher für den Fremdsprachenunterricht, Taschenrechner-Apps, welche teure Grafikrechner ersetzen könnten etc.
Weitere, sehr konkrete praktische Überlegungen zur Lagerung, zur Sicherheit und zum Synchronisieren von iPads im Unterrichtsgebrauch finden sich hier.
Experimentierkasten, um Phänomene in der Umwelt, sowie von theoretisch beschriebenen Wissenselementen erfahrbar zu machen
Schnittstelle für Kommunikation und Austausch
Sammlungsort für die persönliche Externalisierung von Wissen (Portfoliofunktion für Schüler und Lehrer)
Damit ist gemeint, dass alle Funktionen von Tablets genutzt werden sollen. Die Geräte sind nicht nur dazu da, um Inhalte rezipieren zu können (vgl. z.B. meine Anmerkungen zum Lesen auf diesen Geräten) – sie sollen immer auch produktiv und kommunikativ genutzt werden.
Das heißt: Schülerinnen und Schüler sollten Inhalte auf den Tablets konsumieren, aber auch selber herstellen – und zwar mit allen Möglichkeiten, die die Geräte bieten (Videos und Photos aufnehmen, Tonaufnahmen, Geolokalisierung etc.). Zudem sollten sich Schülerinnen und Schüler untereinander und mit Lehrpersonen und anderen Lernen an anderen Orten vernetzen, z.B. via Social Media.
Die unten stehende Infografik (Quelle) zeigt das Problem auf, dass kostenpflichtige Angebote für iPads diese schnell zu einer viel teureren Alternative machen, als es Bücher heute sind. Letztlich wollen Apple und die Verlage mit digitalen Lehr- und Lernmitteln Geld verdienen. Die Grafik ist schon älter und bezieht sich auf die USA, sie geht davon aus, dass herkömmliche Bücher rund 40% günstiger sind als iPads (und blendet den didaktischen Zusatznutzen von iPads natürlich aus). Die Gefahr besteht aber, dass Investitionen in Technik nicht nur für Eltern die Schule teurer machen, sondern darüber hinaus zu einem Qualitätsabbau über den Abbau von Lehrerstellen führen.
Konrad Fischer und Max Haerder haben für die Wirtschaftswoche einen längeren Artikel über die Herausforderungen der Digitalisierung der Bildungslandschaft verfasst. Er kann auf karriere.de online abgerufen werden.
Der entscheidende Punkt: Die Digitalisierung der Schule ist nicht mit Sicherheit der Unterrichtsqualität dienlich. Empfehlenswert sind Modelle, bei denen Schülerinnen und Schüler Tablet-Computer wie iPads als persönliche Geräte ausgehändigt bekommen, die sie auch privat uneingeschränkt nutzen können.
Im Folgenden eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Punkte:
In Deutschland (und auch in der Schweiz) hat bisher auf technologische Innovationen im Sinne des Schweinezyklus‚ reagiert: Man hat eine Innovation so lange ignoriert, bis man sie nicht mehr ignorieren konnte – sie damit aber auch verpasst.
Der Einsatz digitaler Medien in der Schule scheitert oft an Kleinigkeiten: Z.B. am Aufwand, der die Reservation der Laptops, die Wartung der Geräte und der Umgang mit ungeplanten Störungen mit sich bringt.
Das Problem liegt auch in einem Paradox der Didaktik: »Anstatt die Schüler auf ihre eigene Zukunft vorzubereiten, bekommen sie die Vergangenheit ihrer Lehrer vermittelt.«
Unterricht über Neue Medien fokussiert zu stark auf Gefahren von neuen Medien, nimmt Chancen zu wenig in den Blick.
Es besteht die realistische Möglichkeit, dass Tablets (z.B. iPads) und digitale Schulbücher einen umfassenden Medienwandel in der Schule auslösen.
Der Einsatz von digitalen Lehrmitteln könnte große Kosteneinsparungen bringen und auch innovativen Kleinprojekten eine Chance auf Unterrichtseinsatz bieten.
Der didaktische Nutzen des Einsatzes von Tablets – hier ein Blog mit Beispielen – ist umstritten:
Als Vorteile werden stärker kollaboratives Arbeiten sowie höhere Effizienz genannt; diese Vorteile können jedoch (noch?) nicht nachgewiesen werden.
Vorgeschlagen wird ein Modell, bei dem die Schülerinnen und Schüler die Geräte auch privat nutzen können. Sie geben dann mehr acht auf die Geräte und verbinden privates und schulisches Lernen.
Auch die Bilanz von Whiteboards ist durchzogen: »Wer es gut einsetzt, kann damit guten Unterricht ein Stück besser machen, schlechter Unterricht wird schlecht bleiben«, sagt Medienpädagoge Stefan Aufenanger.
Die technische Aufrüstung birgt die Gefahr des Abbaus von Stellen und damit einer Senkung der Unterrichtsqualität, wie sich in den USA zeigt.
Technische Neuerungen werden immer auch von Lobbys und Interessenverbänden der Industrie gefordert, die ein Interesse daran haben, Geräte zu verkaufen.
Der Schluss des Artikels: »Lehrer protestieren gegen weitere Investitionen in Technik, neulich hat die „New York Times“ eine Waldorf-Schule im Silicon Valley aufgetan, die besonders bei Kindern von IT-Angestellten beliebt ist. Der Grund: Es herrscht absolutes Bildschirmverbot.«
Ein Artikel in der New York Times dokumentiert den Einsatz von Twitter im Kindergarten. Die Lehrerin Jennifer Aaron nutzt Twitter mit einem Schulaccount (er ist geschützt) und publiziert mit ihrer Klasse drei Mal wöchentlich einen Tweet, also eine Nachricht von 140 Zeichen. Die Klasse einigt sich auf eine Nachricht, verschickt die – und Eltern, Großeltern und Interessierte können sie lesen.
Diese Idee scheint mir sehr sinnvoll zu sein. So kleine Kinder wären überfordert mit der Technik und den Möglichkeiten – Twitter ist so eine im wahrsten Sinne des Wortes soziale Aktivität, die relevante Informationen produziert. Die Lehrerin sagt:
To me, Twitter is like the ideal thing for 5-year-olds because it is so short. It makes them think about their day and kind of summarize what they’ve done during the day; whereas a lot of times kids will go home and Mom and Dad will say, ‘What did you do today?’ And they’re like, ‘I don’t know.’
Medienpädagogik heißt in Zeiten von Social Media vor allem, Eltern für die Begleitung ihres Kindes fit zu machen.
Deshalb böten sich Elternabende an, in denen es hauptsächlich darum ginge, bei Eltern das Interesse an Medienpädagogik und Social Media zu wecken – das sei für eine wirkungsvolle Begleitung entscheidender als entsprechende Kompetenzen.
Sehr wichtig scheint mir eine transparente Information der Eltern, wenn Social Media in der Schule eingesetzt werden. Was sollte ihnen vermittelt werden?
Was macht man in der Schule genau?
Wie schützt die Schule die Privatsphäre von Schülerinnen und Schülern?
Wie verhindert die Schule Cybermobbing in Schulprojekten?
Welche Informationen über ihre Kinder sind nach oder während Schulprojekten öffentlich einsehbar?
Welche Infrastruktur brauchen Kinder, um Lernaktivitäten auch zuhause optimal nachgehen zu können?
Welche Lernziele verfolgen Projekte mit neuen Medien?
Wichtig ist auch ein Punkt, den Albers-Heinemann hervorhebt – der als Motto für den Umgang mit Social Medie im schulischen Kontext gelten könnte:
Nutzung heißt aber noch nicht kluger Umgang. Die Frage lautet deshalb, wie weit sich die Schule erlauben darf, nicht auf diesen Zug aufzuspringen und nötige Kompetenzen zu vermitteln.
Andres Streiff hat einen Educa-Guide verfasst, in dem die Möglichkeiten des Lernens mit Handys im Unterricht thematisiert werden:
Handys und Smartphones müssen heute nicht mehr nur für den Freizeitbedarf genutzt werden. Sie können Schülerinnen und Schülern auch das Lernen erleichtern und Zeit sparen. Der vorliegende educa.Guide will Volksschulen den Einstieg ins M-Learning erleichtern. Dabei geht es dem Autor darum, aufzuzeigen, wie man konkret zum Entstehungszeitpunkt des educa.Guides (Herbst 2010) an die Umsetzung gehen kann. Er berichtet aus seinen eigenen Erfahrungen mit mobilen Kommunikationsgeräten im Unterricht.
Der Guide kann hier heruntergeladen werden, dort gibt es auch weiterführende Materialien. Lizenz des Guides: CC BY-NC-ND.
Wie Nowoczesnapolska.org.pl berichtet, führt eine Kooperation zwischen verschiedenen Regierungsstellen und NGOs in Polen dazu, dass die Schulbücher für die 4. bis 6. Klasse unter einer Creative Commons BY-Lizenz veröffentlicht werden. Das heißt, die Lehrmittel dürfen z.B. frei kopiert, angepasst und überarbeitet werden. Das ermöglicht auch ihre Verbreitung im Internet. Polen hat dafür 15 Millionen Dollar ausgegeben.
Im Text heißt es:
Using educational materials in a free and unrestricted way is more than crucial for effective educational system. We believe that a right to use, re-use, improve and adapt human knowledge to one’s needs is just one of the basic human rights. We are very pleased that Polish government now sees the problem of access and right to use educational resources as its own responsibility.
Polen tut damit, was bei der Erstellung von öffentlich finanzierten Inhalten die Regel sein sollte: Sie uneingeschränkt öffentlich verfügbar und verbreitbar machen.