Rezension: Howard Rheingold – Net Smart

Rheingold liefert in seinem Buch eine Anleitung für eine digitale »literacy«, also eine Lese- und Medienkompetenz (für »literacy« gibt es die deutsche Übersetung »Literalität«, die sehr ungelenk klingt; gemeint ist aber ursprünglich sowas wie Lesefähigkeit). Das besondere an heutigen Formen von literacy ist, so Rheingold, dass es nicht nur eine Kompetenz ist, sondern gekoppelt an die Anforderung ist, sie in Zusammenarbeit mit anderen Menschen zu nutzen.

Ich habe zentrale Aspekte von Rheingolds Buch schon einzeln dargestellt:

Rheingolds Buch empfiehlt sich als Lektüre für digital interessierte Lehrpersonen, weil es sehr praktisch geschrieben ist. Rheingold verweist zwar auf viele theoretische Texte, zitiert aber sehr präzise und weiterführend und fasst die zentralen Thesen immer wieder in Listen und Anleitungen zusammen, die einem aufzeigen, wie man die beschriebenen Kompetenzen Schritt für Schritt aufbauen kann: Für sich selber und im Unterricht auch bei Lernenden.

Bevor Rheingold die wichtigsten Kompetenzen zusammenfasst, zitiert er einen Rat von danah boyd, der sehr aufschlussreich ist:

[Übersetzung phw:] Wenn ich mit Eltern spreche, rate ich ihnen, sich nicht auf die technischen Aspekte zu beziehen, sondern auf die Themen, die sie als Eltern beschäftigen. Kommunikation ist zentral. Wenn Eltern ihren Kindern helfen wollen, die Herausforderung der Technik zu meistern, ist Kommunikation das wichtigste Hilfsmittel. Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation. Wenn einen etwas beschäftigt oder man wissen will, warum das Kind etwas tut, was man nicht versteht, einfach nachfragen. Wenn sie erzählen, sollte man versuchen, ihre Perspektive zu verstehen – und dann mitteilen, warum man eine andere einnimmt. […] Man sollte versuchen, im Dialog zu bleiben. Das Schlimmste, was Erwachsene tun können, ist zu sagen: »Tu das nicht. Das ist schlecht für dich. Das geht so nicht.« Dann schalten Jugendliche ab. Es ist wichtig, Gelegenheiten zu schaffen, um über Themen zu sprechen. Ich gebe meist einen Rat an Erwachsene: Hört zu. Wenn man das tut, merkt man, dass viele Jugendliche vor denselben Schwierigkeiten stehen, die auch Erwachsene wahrnehmen.

Die Gemeinsamkeiten von Erwachsenen und Jugendlichen sind größer, als man denken könnte. Es ist also entscheidend, die eigenen Lernprozesse und die von Kindern und Jugendlichen zusammen zu denken. Erwachsene und Kinder brauchen dieselben Kompetenzen, nämlich:

  • Training und Fokussierung der Aufmerksamkeit.
    Rheingold empfiehlt, die eigene Atmung zu beobachten und andere genau zu beobachten, im Zusammenleben präsent zu sein. Zudem ist es wichtig, die Aufmerksamkeit bewusst zu trainieren, immer wieder sinnvolle Muster zu wiederholen, um sie einzuüben. Wichtig ist auch zu wissen, was man will, welche Ziele man verfolgt.
  • Die Fähigkeit, Unsinn und Unwahres erkennen zu können.
    Rheingold nennt das »crap detection«. Wer suchen kann, kann Relevantes von Irrelevantem unterscheiden. Wichtig ist dabei, dass man eine Vorstellung von einem sinnvollen Resultat hat, weiß, wer sich kompetent äußern kann und wie man mehrere Quellen in einen Bezug zueinander setzen kann. Man muss im Internet detektivische Fähigkeiten entwickeln.
  • Partizipation.
    Social Media ermöglicht Teilnahme und Teilhabe an wichtigen Prozessen. Man kann sich äußern und ein Publikum finden. Partizipation muss eingeübt werden, auch ausprobiert. Neue gesellschaftliche Formen sind möglich, wichtig ist aber auch ein Bewusstsein für Umgangsformen und Privatsphären.
  • Zusammenarbeit.
    Kommunikation bezweckt immer Kooperation. Gut kooperieren bedingt, dass man Inhalte teilt, anderen vertraut, mit gutem Vorbild vorausgeht. Wichtig ist aber auch, Regeln transparent zu machen und andere einzuladen, mitzumachen. Wichtig ist auch, sich bewusst zu machen, dass die kollektive Intelligenz einer Gruppe weder vom durchschnittlichen noch vom höchsten IQ der Mitglieder abhängt, sondern von der Diversität der Gruppe und von ihrer Fähigkeit, sich im Reden abzuwechseln.
  • Netzwerkkompetenz.
    Vertrauen aufbauen und Gegenseitigkeit zu fördern ist eine Kompetenz. Man muss anderen Gefallen tun, um Gefallen erwarten zu können. Wichtig ist aber auch, Netzwerke verbinden zu können und soziale Interaktion mit Small Talk und Freundlichkeit zu pflegen.

Rheingold Buch ist zu empfehlen. Man kann mit Gewinn auch nur Auszüge lesen, sein Stil ist unkompliziert, nicht-akademisch und seine Aussagen sehr konkret und praxisbezogen.

Personal Learning Networks

In seinem Buch Net Smart beschreibt Howard Rheingold, wie er angefangen hat, sich über Social Media in der Bildung Gedanken zu machen:

[Übersetzung phw:] Als ich verstand, wer was über Social Media in der Erziehung wusste, schränkte ich meinen Fokus auf die ein, die am meisten wussten. Ich widmete meine Aufmerksamkeit denen, denen auch die Expertinnen und Experten Aufmerksamkeit schenkten. Ich fügte weitere Personen hinzu, entfernte andere; ich hörte zu, folgte und begann dann zu kommentieren und Gespräche zu führen. Wenn ich etwas fand, von dem ich dachte, es könnte auch die Menschen interessieren, von denen ich lernte, teilte ich es auf meinen Blogs und auf Twitter. Ich verbreitete auch Informationen, die ich von anderen erhielt. Ich stellte Fragen, bat um Hilfe, und begann denen zu antworten und Hilfe anzubieten, die weniger zu wissen schienen als ich.

Rheingold beschreibt, wie er unbewusst ein PLN, also ein Personal Learning Network aufbaute. Er empfiehlt eine einfache didaktische Übung, um die Möglichkeiten von PLNs im Unterricht zu demonstrieren: In Partnerarbeit sollten Fragen zu einem Unterrichtsthema gestellt werden. Wenn eine der Partnerinnen die Frage beantworten kann, stellt man weitere Fragen. Finden beide keine Antwort, schreibt man die Frage auf. Im Anschluss an diese Arbeitsphase treffen sich alle Lernenden und stellen sich die Fragen, auf die sie selbst noch keine Antworten gefunden haben. Meistens findet sich jemand, der oder die eine Antwort kennt.

PLN wenden diese Mechanismen nun in Netzwerken von Expertinnen und Experten an. Dabei lernen die Teilnehmenden für sich und miteinander. Sie suchen gemeinsam nach weiteren Lernenden, Lehrenden, Lernmaterialien, Methoden und Informationen.

Im Idealfall erfüllen PLNs zwei wichtige didaktische Forderungen: Erstens individualisieren sie Lernprozesse vollständig, zweitens ermöglichen sie eine permanente Reflexion der Lernprozesse, die zu einer kontinuierlichen Verbesserung der Lernmethoden und der PLNs führen.

Voraussetzung sind aber die digitalen Kompetenzen, die Rheingold in seinem Buch ausfühflich beschreibt, vordringlich die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit konzentrieren zu können und sich von den vielen Inputs und Beziehungen nicht ablenken zu lassen.

Die PLN-Kultur baut sich, so Rheingold, aus acht Prozessen auf. Sie sind am einfachsten zu verstehen, wenn man sich vorstellt, man wollte ein PLN zu einem völlig neuen Gebiet aufbauen: Sagen wir, im Internet mit Gebrauchtwagen handeln.

  1. In interessante Medien und Netzwerken offen stöbern.
  2. Gezielt nach Informationen und Expertinnen und Experten suchen.
  3. Ihnen auf ihren Kanälen folgen und sich überlegen, ob sich das lohnt.
  4. Sein eigenes Netzwerk immer wieder neu abstimmen und verbessern (man muss den Menschen, die einem folgen, selbst nicht folgen).
  5. Wichtige Informationen und Inhalte verbreiten: Mit inhaltlichem, sozialen oder auch Unterhaltungswert.
  6. Mit anderen Menschen in Beziehung treten: Nicht zu forsche Forderung stellen, sondern Aufmerksamkeit zeigen.
  7. Fragen stellen, besonders dann, wenn die Antworten auch für andere im eigenen PLN nützlich sein können.
  8. Auf Fragen antworten – auch hier nicht auf Gegenseitigkeit rechnen, sondern mit gutem Beispiel vorangehen.

So baut man soziales Kaptial auf, das auf Netzwerken beruht, in denen Vertrauen herrscht. Dieses soziale Kaptial befähigt einen, Lernprozesse außerhalb etablierter Institutionen durchzuführen. Während also PLNs einen wichtigen Stellenwert in der Schule einnehmen sollten (weil sie Lernen aus eigenem Interesse mit der Möglichkeit der Individualisierung verbinden), könnten sie dazu führen, dass sich Lernen vom Rahmen der Schule löst.

Bild aus Rheingold: Net Smart.

Rezension: Jaron Lanier – Gadget

»Warum die Zukunft uns noch braucht«, lautet der deutsche Untertitel von Jaron Laniers Buch »Gadget« – auf englisch trägt es den Befehl »You are not a Gadget!« als Titel. Wir, die Lanier mit »uns« meint, oder eben seine Leserinnen und Leser (»you«) – das sind Menschen. Das Buch ist eine Verteidigung des Menschen, der Person – gegenüber der Zumutungen der Ideen, die hinter Social Media stehen. Lanier rechnet mit dieser Kritik – das merkt man dem Buch deutlich an – mit einer Kultur ab, in der er sich auch bewegt: Dem Denken der Menschen im Silicon Valley, das in einem Widerspruch gefangen ist: Einem Widerspruch zwischen den Mechanismen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die entwicklungsfreudigen und technologiegläubigen Menschen ein komfortables Leben ermöglichen – und dem Anspruch, Menschen aus den Zwängen des Geldes zu befreien, Informationen frei zugänglich zu machen.

Seine Ideen beschreibt Lanier mit farbigen philosophischen Fachbegriffen, die er aufbläst wie Ballone, um damit ganz vieles zu meinen – Spirituelles, Wirtschaftliches, Moralisches. Von diesen drei Sphären aus geht eine Gefahr für die Menschen  aus, wie Lanier in den ersten Teilen seines Essays darlegt. Im letzten Teil entwickelt er dann seine Vision, was die virtuelle Realität, der Begriff, als dessen Erfinder Lanier bekannt geworden ist, im positiven Sinne leisten könne.

Ich werde zuerst die interessanten Aspekte von Laniers Kritik zusammenfassen und dann kurz auf seine Vision eingehen. Ich beziehe mich ausnahmsweise auf die deutsche Übersetzung von Michael Bischoff.

Lanier wendet sich gegen eine Ideologie, die er »digitalen Maoismus« oder »kybernetischen Totalitarismus« nennt (30). Sie misst Netzwerken einen großen Wert zu und organisiert Individuen zu Schwärmen, die Leistungen erbringen. Dabei wird der Mensch als Person vernachlässigt – dabei, so Lanier, »haben nur Menschen Sinn und Bedeutung« (30). Seine Belege: Menschen verhalten sich online rücksichtslos, weil sie nicht als Personen wahrgenommen würden – die Finanzwirtschaft basiert nicht auf echter Wertschöpfung, sondern auf Manipulationen von Netzwerken und Informationen – die Musikkultur ist verarmt – es gibt keine lebendige Spiritualität mehr.

Lanier fordert die Menschen auf, ihre Persönlichkeit mit digitalen Mitteln auszudrücken: Auf Pseudonyme und Nicknamen zu verzichten, als Person aufzutreten und seine Persönlichkeit auszudrücken – hier Laniers eigene Webseite, aufwändige Inhalte erstellen, in die man viel Zeit investiert (Blogposts, Videos) und die das Innere zum Ausdruck bringen.

Eine der interessantesten Passagen von Laniers Buch ist seine Interpretation des Turing-Tests. Der Test fordert eine Person aus, mit zwei »Personen« zu chatten oder ein Gespräch zu führen. Eine der »Personen«, im Bild A, ist ein Computer/Algorithmus, der sich als Mensch ausgibt, die andere eine echte Person.

Turing stellte die These auf, dass Computer dann menschliches Bewusstsein erlangt hätten, wenn nicht mehr zu beurteilen ist, wer Mensch und wer Computer ist. Lanier bettet den Text zunächst historisch ein und hält fest, dass er auf einem viktorianischen Gesellschaftsspiel beruhte, bei dem sich die Frage stellte, wer Mann und wer Frau ist (47). Zudem habe Turing aufgrund der Einnahme weiblicher Hormone (eine verordnete Behandlung »gegen« seine Homosexualität) weibliche Geschlechtsmerkmale entwickelt – so dass er eigentlich die Person war, von der nicht mehr zu sagen gewesen wäre, ob sie Mann oder Frau (oder eben: Mann oder Computer) gewesen sei.

Laniers clevere Bemerkung ist aber die, dass der Turing Test zwei Dinge gleichzeitig misst: Das Verhalten von A und B – aber auch die Anforderung, die C an menschliches Verhalten stellt. Wenn z.B. schulische Leistungen nur noch in Bezug auf standardisierte Tests, also Algorithmen, gemessen werden, dann wird menschliches Verhalten bald so beurteilt, wie man die Leistung von Computern einschätzt.

Lanier besteht aber auf der Einzigartigkeit des menschlichen Denkens und der menschlichen Kreativität: Beides könne weder durch eine Masse von Menschen ersetzt noch durch Computer geleistet werden. Das bleibt während des ganzen Buches eine diffuse Behauptung, eine Art Glaubenssatz Laniers (»Wenn sich herausstellen sollte, daß der individuell menschliche Verstand über Eigenschaften verfügt…«, S. 73).

Überzeugend ist aber seine Kritik am Design von Social Media: Viele seiner negativen Eigenschaften (z.B. Vereinfachung von Mobbing-Prozessen und Übergriffen, Preisgabe der der Privatsphäre, Verlust der Individualität) seien nicht einfach kleine Fehler, die sich mit der Zeit beheben ließen, sondern fundamentale Eigenschaften eines Designs, das kaum mehr sichtbar sei. Menschen passten sich den Vorgaben an und verhielten sich so, wie es die »Gadgets« von ihnen verlangten: »[D]iese neue Woge eines Gadget-Fetisischmus ist eher von Angst als von Liebe getrieben. […] der reduzierte Inhalt dieser Kommunikation wird am Ende zur Wahrheit des betreffenden Menschen.« (99f.)

Auch die wirtschaftliche Kritik an den neuen Medien und ihren Folgen basiert auf einer Kritik eines wichtigen Konzept: Der Bedürfnispyramide Maslows.

Bedürfnispyramide. Quelle: http://localproduction.net/

Lanier zitiert Maos Vorstellung, nur diejenigen Arbeitsleistungen verdienten einen Lohn, die Bedürfnisse befriedigten, die auf der Pyramide unten stünden: Also Menschen ernährten oder ihnen Sicherheit gewährten. Alle anderen Tätigkeiten, welche aufgrund der wirtschaftlichen Verbesserungen im 19. und 20. Jahrhunderts vielen Menschen ermöglichten, damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sollten Mao zufolge nicht entschädigt werden. Die »Open-Culture-Bewegung«, so Lanier (109f.), führe dazu, dass diese Vorstellung eine neue Bedeutung erhalte: Wenn kulturelle Produkte nur noch gratis geteilt würden, dann könnte man damit kein Geld verdienen und Menschen wären auf andere Aktivitäten angewiesen, um sich Lebensnotwendiges leisten zu können. Die Entwertung der Kultur führe zu einer Entwertung all dessen, was »menschlich« sei – worauf die Menschheit in einem »dunkles Zeitalter« (113) zurückfiele.

Lanier zeigt das mit einer ausführlichen Analyse des Musikmarktes und mit der Beobachtung, dass der zentrale Widerspruch der Social Media-Ideologie an der Werbung sichtbar wird: Social Media macht Werbung eigentlich obsolet.

Ein funktionierendes, aufrichtiges, auf der Weisheit der Vielen basierendes System sollte bezahlte Überredung eigentlich ächten. Wenn die Vielen so weise sind, sollte eigentlich jeder einzelne in der Lage sein, bei der Hausfinanzierung, bei der Wahl der Zahnpasta und auf der Suche nach einem Partner optimale Entscheidungen zu treffen. Diese ganze bezahlte Überredung sollte irrelevant sein. Jeder Penny, den Google verdient, beweist, daß die Vielen gescheitert sind – und Google verdient eine Menge Pennies. (115)

Der Ausweg, den Lanier weist, ist recht einfach: Er fordert eine Kostenpflicht fürs Internet. Der Bezug von Informationen müsse etwas kosten – ganz, ganz wenig. Das Geld erhielten die, welche Informationen anbieten, am besten über eine staatlich finanzierte Infrastruktur. Wer diesen Blogpost liest, würde mir einen Cent, vielleicht weniger überweisen. Mit dieser an etablierte Mechanismen in der Kulturindustrie angelehnten Idee wäre es weiterhin möglich, mit Ideen, Kreativität, menschlichen Tätigkeiten Geld zu verdienen – was letztlich dazu führt, dass Menschen dies weiterhin tun würden.

Gerade in Bezug auf Schule hat Lanier durchaus Recht: Das Privileg, Schülerinnen und Schüler entschädigt unterrichten zu dürfen, ist ein Auslaufmodell. Individuelle Bildung ist über angepasste Netzwerke und mit Video-Tutorials (z.B. von der Kahn Academy) problemlos möglich, Lehrpersonen und Peers bieten ihre Leistungen kostenlos an. Warum müsste man sie also weiterhin bezahlen?

Daran sieht man, wie stark Lanier in die Zukunft denkt. Auch wenn einige seiner Beobachtungen der heutigen Funktionsweise von Social Media polemisch oder falsch sein mögen, seine Analyse der zugrunde liegenden Ideologien zumindest begrifflich äußerst blumig ist und seine Vorstellungen von Spiritualität und dem Wesen einer »Person« diffus: Er zeigt die Fluchtpunkte der Entwicklungen auf, die wir erst als beginnende wahrnehmen.

Das sieht man auch an seinen Interessen und Projektvorschlägen, die von einer Mathematisierung der Finanzinstrumente bis zur Entwicklung einer post-symbolischen Kommunikation reichen – also der Möglichkeit, sich zu verwandeln, um kommunizieren zu können, ohne dass mithilfe von Symbolenetwas gesagt oder geschrieben werden muss. Diese Idee soll nicht mehr beschrieben, sondern mit einem wunderschönen Video unterlegt werden, auf das sich Lanier bezieht:

Artikel im HEP-Magazin: »Social Media lösen ein, was moderner Unterricht fordert«

Fürs Magazin des HEP-Verlags habe ich einen Artikel geschrieben, in dem ich gezeigt habe, dass der Einsatz von Social Media im Unterricht sinnvoll ist. Das Magazin (2/2012) kann hier als pdf runtergeladen werden. Der Artikel zuerst als Bild (wird größer, wenn man draufklickt), unten auch als kopierbarer Text.

Die Möglichkeiten digitale und soziale Medien für Lernprozesse lassen sich an konkreten Unterrichtsbeispielen am besten verstehen. Vier Beispiele sollen zeigen, wie Social Media Unterricht verbessern und vereinfachen können. 

  • Hausaufgaben  können auf einer Online-Plattform festgehalten werden, wo Abwesende nachschlagen, Probleme könnten direkt diskutiert und ausgeräumt werden – mit oder ohne Beteiligung einer Lehrperson. 
  • Es ist möglich, ganze Unterrichtsteile ins Internet zu verlagern: Lehrvorträge könnten, gerade in naturwissenschaftlichen Fächern, als Lernvideos zuhause bearbeitet werden – damit in den Lektionen Zeit für Diskussionen, selbständiges Forschen und Experimentieren bleibt. 
  • Für geisteswissenschaftliche Fächer besteht die Möglichkeit, unterrichtsbegleitende oder thematische Blogs einzurichten, auf denen entweder die ganze Klasse oder einzelne Lernende Zusammenhänge fortlaufend formulieren, während sie von anderen Klassenmitgliedern per Kommentar Feedback erhalten. 
  • Viele Schülerinnen und Schüler beteiligen sich nicht am mündlichen Unterricht. Ihnen könnte man erlauben, per Smartphone Kommentare abzugeben oder Fragen zu stellen, die parallel auf einer Leinwand eingeblendet werden. 

Zu diesen Beispielen einige Bemerkungen: Social Media werden meist mit Facebook in Verbindung gebracht, und damit mit dem Abbilden von Freizeitaktivitäten und der Verletzung der Privatsphäre. Diese Bedenken sind für den Einsatz im Unterricht gegenstandslos: Benutzt werden schulspezifische Plattformen, in denen die Lernenden und die Lehrpersonen geschützt und unter sich sind (z.B. lore.com). Zudem werden Social Media längst für professionelle Kommunikation mit gehaltvollen Inhalten eingesetzt, zum Beispiel im journalistischen, politischen oder wissenschaftlichen Bereich. 

Social Media lösen das ein, was eine moderne Vorstellung von Unterricht einfordert: Die Lernenden sind aktiv, tauschen Wissen direkt aus und bringen ihre privaten Interessen in schulische Lernprozesse ein. Dennoch sollen sie wirkungsvolle Lehrmethoden nicht ersetzen, sondern ergänzend dabei helfen, Kommunikationsprozesse zu vereinfachen. Aus diesen Gründen ist es sinnvoll, wenn Social Media auch in der Schule zur Lernunterstützung genutzt werden. 

 

Wie man mit dem Informationsfluss kompetent umgeht: Infotention

In seiner Enzyklopädie dachte Denis Diderot schon 1755 über Informationsüberfluss nach:

As long as the centuries continue to unfold, the number of books will grow continually, and one can predict that a time will come when it will be almost as difficult to learn anything from books as from the direct study of the whole universe. It will be almost as convenient to search for some bit of truth concealed in nature as it will be to find it hidden away in an immense multitude of bound volumes. When that time comes, a project, until then neglected because the need for it was not felt, will have to be undertaken.
[zitiert nach der Übersetzung von Baker et al., deutsche Übersetzung phw:] Mit den Jahrhunderten wird die Zahl der Bücher kontinuierlich wachsen, und man kann eine Zeit voraussehen, in der er es ebenso schwierig sein wird, von Büchern etwas zu lernen wie durch das Studium des ganzen Universums. Es wird fast gleich umständlich sein, nach einem Stück Wahrheit zu suchen, das von der Natur versteckt wird, wie nach einem, das sich in einer Unzahl von Bändern verbirgt. Wenn diese Zeit kommt, wird ein Projekt nötig sein, das man bisher vernachlässigt hat.

In seinem Buch Net Smart hält Howard Rheingold fest, dass wohl jeder Wandel, der zu effizienteren Kommunikation führt, folgende Reaktionen mit sich bringt:

  1. Alarmismus aufgrund der Überlastung durch die verfügbare Information.
  2. Entwicklung von Werkzeugen zum Umgang damit (z.B. stilles Lesen, Interpunktion, Kodex-Form des Buches etc.).
  3. Eine neue Generation von Menschen, die fähig ist, die neuen Werkzeuge einzusetzen.

Rheingold entwickelt in seinem Buch ein Konzept, das er »Infotention« nennt. Es geht aus von der fundamentalen Einsicht, dass sich Information und Aufmerksamkeit komplementär verhalten: Je mehr Informationen gleichzeitig verfügbar sind, desto weniger Aufmerksamkeit kann ihnen gewidmet werden. Rheingolds Konzept besteht aus drei Bestandteilen:

  1. Die Fähigkeit, in jedem Moment die zur Situation passende Aufmerksamkeit aufbringen zu können.
  2. Filter und Dashboards einrichten zu können, die Informationen bereit halten.
  3. Die Pflege eines sozialen Netzwerkes, das mit sinnvollen Empfehlungen das Rauschen der Informationen durchbrechen kann.
Bild aus Rheingold: Net Smart.

Es geht also darum, die eigenen Gewohnheiten in Bezug auf Aufmerksamkeit mit entsprechenden Werkzeugen zu koppeln. Am Anfang steht für Rheingold die Formulierung eines Ziels, das man auf einem Stück Papier notiert und gut sichtbar neben oder an den Bildschirm klebt. Es hilft einem dabei, jede Online-Aktivität zu prüfen.

Man kann seine Infotention-Fähigkeit einfachen Fragen üben:

  • Was will ich gerade tun oder erreichen? (Z.B., wenn ich mich an den Computer setze oder das Smartphone hervorhole.)
  • Wo klicke ich gerade drauf?
  • Wie gehe ich damit um?

Die letzte Frage führt zu einem einfachen Triage-Modell: Links, Inputs etc. müssen abgelegt werden, wenn sie mittel- oder langfristig wichtig sein könnten – aber dürfen nicht zu einer Ablenkung führen. Es ist also nötig, dafür entsprechende Tools zu haben.

Ich benutze einen einfachen Mechanismus:

  • Was kurzfristig interessant sein könnte, öffne ich in einem Browser-Tab.
  • Was ich mittelfristig lesen werde, speichere ich mit Instapaper ab.
  • Was langfristig wichtig sein könnte, lege ich in einem Lesezeichen-Ordner im Browser ab.

Rheingold fordert nun die Entwicklung einer Kompetenz, Filter und Dashboards managen zu können. Damit meint er Tools, die Informationen durchsuchen und Relevantes hervorheben und Irrelevantes ausblenden. Er fordert, dass diese Kompetenz in der Schule einen prominenten Platz einnehmen muss. Wichtig sei es, in den Strom der Information eintauchen zu können: Eintauchen als eine gezielte, bewusste Tätigkeit, die auch das Auftauchen einschließt und mit der niemand Gefahr läuft, vom Strom mitgezogen zu werden oder darin zu ertrinken.

Als Beispiel zitiert er eine Lehrerin, Meredith Stewart, die ihre Schülerinnen und Schüler im sechsten Schuljahr gerade solche Fähigkeiten lehrt:

Wie aus Medienkonsum Lernprozesse entstehen

Ich lese im Moment Net Smart von Howard Rheingold – ein Buch, in dem es darum geht, welche Kompetenzen es braucht, um in einer Informationswelt, die von sehr schnellem Informationsaustausch und sozialen Netzwerken geprägt ist, den Überblick zu behalten, die Kontrolle zu erlangen und lernen zu können. Eine Rezension folgt.

Howard Rheingold in Amsterdam, 2010.

Rheingold erwähnt Dan Gillmors Buch Mediactive (hier online lesbar als CC-BY-NC-SA), in dem fünf Prinzipien entwickelt werden, wie Inhalten auf Social Media begegnet werden soll. Die Prinzipien sind schöne Beispiele dafür, wie sorgfältiger Konsum von medialen Inhalten eine breite Palette von Lernprozessen auslösen kann – eine der wichtigsten Thesen Rheingolds. Er erwähnt beispielsweise im Internet engagierte Jugendliche (z.B. Bloggerinnen, Youtuber, Gamerinnen), die trotz ausgiebigem Konsum einer Reihe von Fragestellungen explorativ nachgehen und eigenständig lernen. Rheingold zitiert Mizuko Ito:

Themen autonom nachzugehen aufgrund eines persönlichen Interesses, indem man zufällige Suchprozesse durchführt und ausprobiert, führt dazu, dass Jugendliche mehr Verantwortung für ihr Lernen übernehmen.

Hier Gillmors Prinzipien – in meiner Adaption – mit einem kurzen Kommentar:

  1. Sei skeptisch.
    Bevor man Informationen teilt, sollte man sie prüfen. Ideal ist die von Rheingold vorgeschlagene »Triangulationsmethode« – eigentlich reichen aber auch die klassischen zwei unabhängigen Quellen:  Wenn Informationen von drei bzw. zwei glaubwürdigen Quellen bestätigt werden, ohne dass die aufeinander Bezug nehmen, dann ist die Information glaubwürdig.
  2. Sei nicht allem gegenüber gleich skeptisch: Lasse dein Urteil walten. 
    Wer skeptisch ist, kann schnell dazu übergehen, dass Vertrauen in alle Information, die nicht von Freunden stammt, zu verlieren. Das ist gefährlich. Wir müssen Informationen beurteilen und riskieren, dass wir uns einmal getäuscht haben. Das ist weniger schlimm, als wenn wir keine Informationen mehr zur Kenntnis nehmen.
  3. Verlasse deine Komfortzone und deine Bubble.
    Suche immer auch nach Informationen, die deinen Haltungen widersprechen und widerlegen könnten, woran du und deine wichtigsten Bezugspersonen glauben.
  4. Stelle mehr Fragen.
    Gerade wenn man nach Informationen sucht, sollte man sich fragen, wie denn gute Antworten aussehen könnten. Das verbessert die Suche, ihre Resultate. Gleichzeitig helfen Fragen aber auch, eigene Lücken offen zu legen und ermöglichen in sozialen Netzwerken, von kompetenten Auskunftspersonen direkt wertvolle Informationen zu erhalten.
  5. Lerne Medientechniken verstehen und anwenden. 
    Seit einiger Zeit ist es unter JournalistInnen Mode geworden, das Programmieren zu erlernen. Sie lernen so eine Technik, die für den Umgang mit Daten entscheidend ist. Wenn sie sie aktiv beherrschen, sind sie auch in der Lage, zu verstehen, was mit Daten gemacht wird und wie man ihre Aufbereitung beurteilen kann.

Hier ein ganz einfaches Beispiel, wie spielerisches Konsumieren von Inhalten Lernprozesse auslösen können:

Das Wikipedia-Rennen. 

  1. Nimm einen aktuell relevanten Wikipedia-Artikel, z.B. »Gazastreifen«. Das ist der Start des Rennens.
  2. Versuche, von dort entweder zum Artikel des Tages zu gelangen (heute ist es »Dinosaurier«) oder zu einem zufälligen Artikel zu gelangen.
  3. Man darf nur immer auf einen Wikipedia-Link in einem Artikel klicken, um einen Schritt weiterzukommen.
  4. Jeder Link gibt einen Zug.
  5. Wer am wenigsten Züge benötigt, gewinnt.

(Mehr Beispiele gibt es in meinem Originalpost zum Spiel.)

Lösungsvorschlag Gazastreifen – Dinosaurier:  Gazastreifen – Liste deutscher Gemeinden nach Bevölkerungsdichte geordnet – BerlinMuseum für Naturkunde (Berlin) – Dinosaurier = 4 Züge. 

 

 

 

Was man aus der Petraeus-Affäre über Anonymität im Internet lernen kann

Ganz einfach: Anonymität gibt es im Internet nicht. Oder: Fast nicht.

Der ehemalige Direktor des amerikanischen Geheimdienstes CIA, David Petraeus, wurde am 9. November entlassen. Die Affäre ist äußerst kompliziert, wie man der folgenden Grafik entnehmen kann, ihre Hintergründe sind teilweise unklar.

 Klar ist: Im Mittelpunkt stehen Emails. Brisant ist das, weil das FBI die Affäre zwischen Petraeus und Broadwell in ihren Email-Spuren aufgedeckt hat – obwohl Petraeus Direktor des Geheimdienstes war, also hätte wissen können und wissen, wie man Spuren verhindert. Das Fazit wäre: Wenn Petraeus nicht heimlich per Mail verkehren kann, kann es wahrscheinlich niemand. Hier die entscheidenden Fakten, wie sie John Breeden II für GCN zusammengetragen hat:

  1. Bei verschickten Emails, werden viele IP-Adressen registriert und mitgeschickt. So sind die Absender in den meisten Fällen ermittelbar.
  2. Deshalb nutzen Terroristen einen Trick: Sie hinterlassen in Email-Konten nur Entwürfe, die dann von den Empfängern gelesen werden können (und gleich wieder gelöscht). So müssen keine Emails verschickt werden. Auch Petraeus und Broadwell haben diesen Trick verwendet.
  3. Google gibt Behörden recht freizügig Zugang zu Kontoinformationen (also auch Login-Informationen, d.h. wer hat sich wo und wann in ein Konto eingeloggt und was getan). Eine Übersicht bietet Google selbst in ihrem Transparency-Report (erste Jahreshälfte 2012: D: 1533 Regierungsanfragen, 39% erfüllt; CH: 82/68%).
  4. So hat sich das FBI auch Zugang zu Broadwells Konten verschafft – weil sie Jill Kelley per Mail belästigt hatte. Sie tat das zwar anonym und von einem Hotel aus, aber durch die Hoteldaten konnte das FBI ermitteln, wer zum gleichen Zeitpunkt in jedem der betreffenden Hotels war.

Breeden gibt Tipps, wie man vorgehen soll, wenn man im Internet anonym agieren (und Mails verschicken) will:

  • Mails ohne die originalen Header-Informationen (wie IP) verschicken. So genannte Remail-Services ersetzen die Header-Informationen, bieten aber wiederum Risiken, dass sie dazu dienen, Informationen zu sammeln. 
  • Online-Mail-Dienste nur über einen Proxy verwenden.
  • Sich nie von zuhause aus oder von Hotels aus einloggen, immer öffentliche Hotspots verwenden und jeden nur einmal. Entscheidend ist hier, ob man über den Hotspot identifizierbar ist oder nicht.
  • Cache und Cookie-Daten auf den (mobilen) Geräten sofort löschen – was nicht bei allen Geräten zuverlässig geht.
  • Nie gleichzeitig in ein anonymes und einen nicht-anonymes Konto einloggen.

Ich habe bereits hier einmal festgehalten, weshalb es im Internet keine Anonymität gibt: Wir hinterlassen, z.B. schon nur durch unseren Browser (Version, Betriebssystem, Plugin etc.) klare Spuren im Internet, die Rückschlüsse auf uns ermöglichen, auch wenn wir uns komplett anonym wähnen.

***Zusatz 16. November:***

Ich habe den Artikel leicht modifiziert. Der Kommentar von Torsten ist empfehlenswert, ebenso die Anmerkungen von Martin auf Google Plus.

Rezepte gegen die Überforderung durch Smartphones im Unterricht

***(Ich biete Schulen, Lehrpersonen und Eltern Coachings und Schulungen zum Thema Smartphones im Unterricht an. Meine Kontaktangaben finden sich hier.)***

An der Kantonsschule Wohlen hat ein Lehrer ein teures Smartphone einer Schülerin unters Wasser gehalten, wie zuerst die Schülerzeitung NAKT berichtete (S.22). In der Aargauer Zeitung wird der Fall heute auch besprochen – zusammen mit einer Umfrage an den Kantonsschulen im Kanton Aargau, wie man mit Handy im Unterricht umgehe. Da ich die Arbeitsgruppe »Mobile Kommunikationsgeräte« an der Kantonsschule Wettingen leite, möchte ich kurz Stellung nehmen zum Vorfall.

Zunächst gilt es eine Überforderung einzugestehen: Mit den Smartphones ist das Internet im Unterricht präsent. Es geht nicht einfach um eine Ablenkungsquelle, auch wenn viele Lehrpersonen das so darstellen. Seit es Schule gibt, schreiben die Lernenden Briefchen, lesen Bücher, füllen Kreuzworträtsel aus. Ablenkung ist etwas, womit Schule umgehen kann. Die Überforderung entsteht, weil Schülerinnen und Schüler jederzeit Informationen abrufen können und mit anderen Menschen in Verbindung treten können. Dieser Überforderung muss man sich stellen.

Was sind nun Rezepte? Das einfachste Rezept wäre, sich darauf einzustellen und diese Tatsache produktiv zu nutzen. Es zu begrüssen, dass Informationen abgerufen werden können und Schülerinnen und Schüler dazu einzuladen, das auch zu tun. (Und natürlich reagieren, wenn Smartphones den Unterricht stören oder einzelne Schülerinnen und Schüler ablenken.)

Weiter braucht es klare Regeln, die zudem umsetzbar sind. In der Arbeitsgruppe haben wir zwei Verwendungsweisen unterschieden: Eine private und eine schulische.

Schulen können zwei sinnvolle Restriktionen verfügen: Entweder den privaten Gebrauch an der Schule gänzlich zu verbieten – und damit wohl auch das Mitbringen und Mitführen von entsprechenden Geräten (was zunehmend schwierig wird, weil wir bald auch mit unserem Taschenrechner oder unserer Uhr ins Internet können); oder aber in gewissen Räumen (z.B. Unterrichtsräumen, analog zum Essen) die Benutzung von mobilen Kommunikationsgeräten zu verbieten.

Der entscheidende Punkt ist die Umsetzung: Ist die Schule gewillt, entsprechende Ressourcen für die Durchsetzung dieser Regelungen bereit zu stellen? Kann sie sinnvolle Massnahmen oder Strafen festlegen, die einer Lernkultur nicht abträglich sind?

Ich würde eher für ein »Learner Profile« plädieren, das sich so lesen könnte:

Lehrpersonen, Angestellte und Schülerinnen und Schüler verwenden private und schuleigene technische Lernunterstützung. Sie vermeiden Ablenkungen vom Unterricht und vom Lernen unter allen Umständen. Da mobile Geräte die Konzentration und den sozialen Zusammenhalt stören können, wird die Nutzung an der Schule auf das Notwendige beschränkt.

Damit wird auch klar, dass entsprechende Lösungen immer Lehrpersonen mitbetreffen sollen und müssen.

Für den schulischen Gebrauch – der ja dann gerade wieder die nötigen Kompetenzen zum Umgang mit mobilen Kommunikationsmitteln vermitteln soll – gilt Folgendes:

Die Vermittlung von Kompetenzen muss immer mit einer Reflexion verbunden sein. Ist das nun das richtige Mittel für diese Aufgabe? Daraus sollte ein Bewusstsein entstehen, das dann auch den Privatgebrauch mit einschließt.

Social Media lernen und lehren mit einem Social Media Portfolio

Update, November 2013: Ich habe die hier skizzierte Vorgehensweise ausführlicher in einem separaten Dokument formuliert, das hier als pdf runtergeladen werden kann.

* * *

Letzte Woche habe ich ein Modell skizziert, wie Lernen auf sozialen Netzwerken aussehen könnte: Man müsse, so mein Vorschlag, »lurken« – also einfach mal zuschauen, mitlesen, nachvollziehen was da passiert. Und sich dann Gedanken machen.

Ich konkretisiere meine Ausführungen nochmals – das Folgende ist als Vorschlag für eine Unterrichtssequenz oder für autodidaktische Lernprozesse gedacht. Die Basis sind meine Erfahrungen, die ich mit diesem Portfolioauftrag zur Arbeit von Journalistinnen und Journalisten (pdf) gemacht habe.

Social Media Portfolio

  1. Entwicklung einer konkreten Fragestellung, z.B.
    a) »Wie funktioniert Twitter?«
    b) »Wie vernetzen sich Menschen im Internet?«
    c) »Was muss man machen, um einen erfolgreichen Blog zu führen?«
    d) »Wie präsentieren sich Politikerinnen und Politiker auf Social Media?«
  2. Fokus auf eine oder wenige geeignete Profile oder Personen. Hilfreich sind dabei für einen Schweizer Kontext die Listen von einflussreich.ch, z.B.
    a) Bloggerinnen und Blogger im deutschsprachigen Raum
    b) Politikerinnen und Politiker Schweiz
    c) Kommunikationsprofis Schweiz
  3. Sich vertraut machen mit den wichtigsten Begriffen und Ranking-Faktoren, z.B. mit dem Klout-Score. Evtl. Begriffslisten anlegen, Twitter-Einführungen studieren etc.
  4. Regelmäßige Lektüre der Posts, der Profilveränderungen und der verlinkten Medieninhalte (z.B. alles lesen bei einem Profil, jede Woche einen Tag lang alles lesen etc.)
  5. Protokollieren der wichtigsten Feststellungen und Beobachtungen mit einfachen Fragen:
    a) Wer ist das, der oder die da aktiv ist/sind?
    b) Was sind die wichtigsten Themen?
    c) Wie werden sie präsentiert (Sprache, Abkürzungen, Links etc.)
    d) Wie reagieren andere Leserinnen und Leser darauf?
    e) Wann ergeben sich Dialoge oder Diskussionen? Sind sie ergiebig?
  6. Reflexion dieser Beobachtungen:
    a) Was habe ich gelernt?
    b) Was hat mich gestört?
    c) Was wäre für mein eigenes Auftreten auf Social Media wichtig?

Ich freue mich über Anregungen und Kommentare zu diesem Vorschlag!

Flickr cirox, CC-BY-NC 2.0

»lurk moar« – Entwurf einer Social Media-Didaktik

Auf dem berüchtigten Forum /b/ auf 4chan.org führt radikale Anonymität dazu, dass sich aus destruktiven und kreativen Kräften im Internet immer wieder so genannte Memes ergeben – Kommunikationshandlungen, die sich sehr schnell verbreiten. Eines dieser Memes ist eine Aufforderung an einen anderen »Anon«, also ein anderes anonymes Mitglied: »lurk moar«. Der zweite Teil der Aufforderung beutet »more«, das Adverb ist in der typischen Schreibweise von 4chan gehalten. »to lurk« bzw. »lurker« bezeichnet die Haltung, in Foren nur mitzulesen, anstatt selber zu posten und beizutragen.

Die Encyclopedia Dramatica formuliert es mit der üblichen Obszönität:

A Lurker has an account, is actively reading, downloading, and doing shit, but NEVER FUCKING POSTS.

Der Logik der Aufforderung gehorchen ist der Eintrag zur »lurk moar« zirkulär gehalten, wie der Screenshot unten zeigt. Wer nicht weiß, was »lurk moar« bedeutet, muss eben gerade das tun: Mehr mitlesen, mehr Kommunikationsabläufe beobachten um sie dann schließlich zu übernehmen oder kreativ zu erweitern bzw. zu stören.

Lurk moar. Eintrag in der Encyclopedia Dramatica.

In frühen Prä-Internet-Foren war Lurken verpönt. Es verhinderte, dass sich eine Community aufbaute, dass Leute ihre Gedanken teilten oder allenfalls einfach gute Gedanken von anderen kopieren. Heute sind Teilen, Kopieren sowie Community integrale Bestandteile von Social Media – es geschieht eher zu viel statt zu wenig.

Wer Social Media verstehen will, so mein didaktischer Vorschlag, sollte »lurken«. Geht ganz einfach:

  1. Konto erstellen.
  2. Profil kann leer gelassen werden.
  3. Aktiv mitlesen, interessanten Leuten folgen.
  4. Nicht selber posten.

Diese Zurückhaltung dient der Reflexion: Erst wenn man weiß, wie eine bestimmte Kommunikationshandlung wirkt, kann man ihren Einsatz beurteilen. Wenn einen User stören, verärgern, begeistern – dann gibt es die Möglichkeit, sich zu überlegen, das diese Störung, diesen Ärger oder diese Begeisterung ausgelöst haben. Das »Lurken« schafft eine Distanz, die pädagogisch sehr wertvoll. Learning by doing wird in einem ersten Schritt zu learning by lurking.

Wie setzt man das konkret im Unterricht ein? Eine einfache Methode sind Portfolios. Ich habe z.B. Schülerinnen und Schüler in der Medienkunde schon oft Journalistinnen und Journalisten begleiten lassen (hier ein Auftrag als pdf)- einfach lesen, was sie schreiben, und sich dazu Gedanken machen. Ähnlich könnte man auch bei profilierten Social Media-Nutzern vorgehen – auch als Lehrperson, die sich informieren möchte, wie Social Media funktionieren.

(Die so genannte 1%-Regel besagt, dass nur 1% der Benutzer von Social Media Inhalte erstellen, 9% mit Kommentaren beitragen und 90% nur Lurker sind…)

Wikimedia.