Wenn Schülerinnen bloggen – ein Beispiel

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Wie ich z.B. gestern im Interview mit tagi.ch erwähnt habe, entwickeln Schülerinnen und Schüler bei Blogprojekten oft »oft Freude an der Sprache und am Schreiben«. Ein schönes Beispiel dafür habe ich gestern lesen dürfen.

Meine 10. Klasse hatte zunächst den Auftrag, Hebbels Gedicht »Sie sehn sich nicht wieder« und Brechts »Die Liebenden« zu vergleichen – die Vorlage gibts hier als pdf. In einem weiteren Schritt wurden sie gestern aufgefordert, eines der Gedicht auf der wörtlichen oder auf der übertragenen Ebene in einen Prosatext umzuschreiben: Ganz herkömmlich mit Papier und Bleistift – die Texte werden morgen dann ausgewertet.

Eine Schülerin hat auf ihrem Blog, den sie im vergangenen Semester für die Schule genutzt hatte, ihren lesenswerten Text nicht nur publiziert, sondern ihn auch mit einem Bild versehen, das sie dafür speziell bearbeitet hatte. Der Blog wird zur Schnittstelle der Schule nach außen, zur Möglichkeit, die Freude an der sprachlichen Bearbeitung zu teilen, das eigene Talent auszustellen und Medien miteinander zu verbinden, wie das in der Lektion gar nie möglich gewesen wäre.

Blogeinträge statt Aufsätze schreiben

Am 19. Juni haben einige meiner Schülerinnen und Schüler auf einem SRG-Podiumsgespräch über Medienkonsum im Zeitalter von Internet und Gratiszeitungen mit etablierten Persönlichkeiten diskutiert (Radiobericht hier). Im Vorfeld wurde ich vom Regionaljournal Aargau Solothurn interviewt.

Bildschirmfoto 2013-06-18 um 22.57.04Eine lange Version des Interviews findet sich hier, für die geschnittene unten klicken.

Sollen Lehrpersonen anonym bloggen?

Im deutschsprachigen Raum gibt es immer mehr Blogs von Lehrpersonen über ihren Unterrichtsalltag. Ihre Motivation schätzt Berthold Metz, der Betreiber des Portals lehrerfreund.de, wie folgt ein:

Lehrer stoßen in ihrem Alltag selten auf offene Ohren für ihre täglichen menschlichen Erlebnisse. Daher dient vielen besonders der anonyme Kanal im Web zur Verarbeitung. Dort gibt es mehr Freiheiten.

In einem Zeit-Artikel unterscheidet Hadija Haruna Blogs von Lehrpersonen danach, ob die Verfasserin oder der Verfasser anonym auftritt oder nicht:

Während viele anonyme Blogger vor allem ihren Frust ablassen, lustige bis heftige Anekdoten erzählen oder sich mehr Verständnis für ihr Dasein wünschen, schreiben andere mit Klarnamen und nutzen ihr Blog als modernes Archiv, erörtern Schulverordnungen oder geben didaktische Tipps. Sie machen ihrem Wissen Luft – auch um damit nicht allein zu sein.

Sierra Seifert, Society6.

Die Frage, wie sinnvoll es ist, anonym zu agieren, hat nun Lehrerfreund.de in einem ausführlicheren Post diskutiert. Ich möchte hier die wichtigsten Argumente verdichten. Für die Anonymität spricht:

  • Die Privatsphäre von Schülerinnen und Schüler, über die sonst kaum etwas berichtet werden könnte.
  • Das Risiko, von Vorgesetzten oder Behörden sanktioniert zu werden für kritische Bemerkungen.
  • Die Möglichkeit, offen über Gefühle, Unsicherheit und unprofessionelles Verhalten sprechen zu können.
  • Die Beziehung zwischen SchülerInnen und Lehrperson wird durch das Blog nicht tangiert.
  • Die Möglichkeit, spontan auch Unfertiges anbieten zu können, ohne dafür verantwortlich gemacht werden zu können.

Der Lehrerfreund-Beitrag suggeriert, nicht-anonyme Blogs seien oft sehr akademisch und ernst, weil sie auf die humorvolle Schilderung von Alltagserlebnissen verzichten müssen. Aber auch sie haben Vorzüge:

  • Nur bekannte Personen können glaubwürdig und konstruktiv Meinungen äußern und diskutieren.
  • Der Lehrberuf hat lange genug vor verschlossenen Türen stattgefunden: Offenheit ermöglicht, dass auch das Umfeld der Schülerinnen und Schüler am Unterrichtsgeschehen teilhat.
  • Vernetzung mit anderen Lehrpersonen in einem Persönlichen Lernnetzwerk finden mit Vorteil mit Klarnamen statt.
  • Um klare pädagogische und bildungspolitische Diskussionen führen zu können, muss der Kontext der Schule und des Unterrichts bekannt sein.
  • Anonymität befördert den Eindruck, Lehrpersonen könnten ihre Meinung nicht frei äußern.

Eine Empfehlung möchte ich nicht abgeben. Die Entscheidung hängt davon ab, weshalb eine Lehrperson bloggt: Geht es um die Dokumentation von Erlebnissen und das Loswerden von Gefühlen, empfiehlt sich ein anonymes Format. Steht der Austausch mit anderen Lehrenden im Vordergrund, müssen Methoden und Inhalte dokumentiert werden, was mit Klarnamen besser klappt.

(Übersichten über Blogs von Lehrpersonen bietet Lehrerfreund.de auch an: Hier, hier und hier.)