Wie (digitale) Weiterbildung funktionieren kann: Der eBazar Wien

8495232252_5018ff13f9_b

Letzte Woche habe ich am eBazar der PH Wien eine Keynote und einen Workshop gehalten (hier gibts meine Folien, meine Materialien und die Keynote zum Nachhören). Hier möchte ich einige Bemerkungen zum Bazar als Format anbringen (und mich damit auch etwas bei den Organisatorinnen und Organisatoren bedanken).

Weiter- bzw. Fortbildung von Lehrpersonen ist nicht ganz einfach – gerade oder auch, wenn es um digitale Werkzeuge geht. Die einen möchten gerne ganz konkrete Rezepte und Werkzeuge nach Hause nehmen, andere ihre Skepsis und ihre Gedanken zum Ausdruck bringen, andere über pädagogische und didaktische Fragestellungen diskutieren und wieder andere Erfahrungen austauschen. Viele Veranstaltungen bedienen nun nur die Bedürfnisse einer bestimmten Zielgruppe – die anderen verhalten sich passiv oder sind enttäusch, frustriert über die Veranstaltung.

Ich erzähle gestenreich von meinen Erfahrungen.
Ich erzähle gestenreich von meinen Erfahrungen.

Der Bazar – die Metapher finde ich leicht schief – konnte dieses fundamentale Problem lösen. Er war folgendermassen organisiert: Es gab Stände, an denen konkrete Projekte und Werkzeuge vorgestellt wurden: Von Lernenden, von Lehrenden, von Expertinnen und Experten, aber auch von Vertreterinnen und Vertretern von Anbietern von Soft- und Hardware. Daneben fanden in verschiedene »Tracks« gruppierte Workshops in einer sehr lockeren Atmosphäre statt: Fachleute trugen vor, verbrachten aber auch viel Zeit mit dem Dialog mit dem Publikum. Einige der Workshops waren sehr technisch und vermittelten spezifische Kompetenzen, andere waren eher reflexiv angelegt. Sie waren kurz gehalten (rund 30 Minuten), so dass es möglich war, sechs Workshops zu besuchen. Sie wurden ergänzt durch zwei ebenfalls kurze Keynotes, neben mir sprach Gerhard Brandhofer – sein Referat ist sehr zu empfehlen (Folien, Audio-File).

Trotz den vielen Angeboten blieb viel Zeit, um Kaffee zu trinken, Gespräche zu führen, Erfahrungen auszutauschen und sich zu vernetzen. Es gab ein funktionierendes WLAN, überall waren Links bzw. QR-Codes zu weiterführenden Angeboten zu finden, auf dem Blog des eBazars und in einer Workshop-Übersicht finden sich knappe Zusammenfassungen.

Überzeugend finde ich an diesem Format:

  1. Angebote machen, aus denen ausgewählt werden kann.  
  2. Freiräume lassen.
  3. Interaktion zwischen Teilnehmenden und Vortragenden ermöglichen und begrüßen.
  4. Vortragende sind auch Teilnehmende, es gibt keine Wissenden und Nicht-Wissenden.
  5. Theorie nicht verhindern, die Praxis aber in den Vordergrund stellen und darüber sprechen, wie man gelungene Projekte umsetzen kann.
Hier lerne ich gerade etwas.
Hier lerne ich gerade etwas.

Obwohl mehr Vorgaben vorhanden sind als bei einem Barcamp (ein Format, dass mir für eine solche Veranstaltung auch reizvoll scheint), war spontan vieles möglich. Ich fühlte mich als Nicht-Zugehöriger zur österreichischen eLearning-Community wohl und habe viel gelernt. Persönlich ist mir klar geworden, dass es gerade im pädagogischen und digitalen Bereich meist wirkungsvoller ist, etwas Tolles zu tun und davon zu erzählen, als sich lange und genaue Gedanken zu machen und die zu vermitteln. Wie Social Media halt: Tolle Inhalte ergeben attraktive Profile und spannende Beziehungen. Aber das ist wohl eine triviale Einsicht.

Und da bin ich bei der Keynote.
Und da bin ich bei der Keynote.

Social Media als Werkzeug

Diese Woche waren bei der FAZ gleich zwei Twitter-»Rants«, wie emotionale Klagen im Internet heißen: Christopher Lauer, prominenter Politiker der Piratenpartei, hielt fest, Twitter sei für ihn »gestorben« und Katrin Rönicke wagte in einem Blogpost den Vergleich, Twitter sei »wie die DDR«. Im Folgenden fasse ich die Debatte kurz zusammen und äußere mich im zweiten Teil allgemeiner zur Frage, wie Social Media als Werkzeug zu analysieren ist.

(1) Lauer und Rönicke in der FAZ

Bildschirmfoto 2013-02-22 um 12.03.51

Lauers Argumentation ist nicht dieselbe wie die von Rönicke. Lauer beschwert sich vor allem über die anderen (Journalistinnen und Journalisten), die nicht richtig filterten und ihn mit Anfragen belästigen, »die auch in eine SMS oder E-Mail passen«. Seine Kritik an Twitter in a nutshell:

Ist es zu viel verlangt, dass sich alle, egal, in welcher Kommunikationsform, vorher folgende drei Fragen stellen: Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden? Und: Welcher Mehrwert entsteht denn durch diese permanente Nabelschau auf Twitter konkret und für wen?

Lauer kann man zwei Dinge entgegenhalten: Erstens scheitert er an den eigenen Ansprüchen. Wer sich die Maxime »Heul nicht, so ist das Game Nutte« aneignet, muss sich nicht über Twitter beschweren, weil das Medium viel Zeit beansprucht und auch unerwünschte Kommunikation ermöglicht, sondern muss Twitter in den Griff bekommen. Zweitens schreibt Lauer in der FAZ das, was er auch in einem Tweet hätte sagen können, er kann keine Analyse liefern, warum jetzt Email und SMS die besseren Kanäle sind als Twitter. Stefan Niggemeier zeigt unterhaltsam auf, dass es Lauer offenbar um wenig mehr als maximales Prestige und maximale Aufmerksamkeit geht.

Bildschirmfoto 2013-02-22 um 12.03.43

Rönickes Kritik ist stärker selbstreflexiv. Sie beobachtete, wie das Medium sie selbst verändert hat, und bilanziert:

Auf twitter fing ich selbst an Menschen nach dem Mund zu reden ohne es wirklich zu realisieren. Leuten, die ich nicht einmal persönlich kenne. Die mich aber beobachteten. Die Beobachtung ist die die Währung auf twitter: Je mehr Menschen zuschauen, desto besser. Ich fing ich an, mich selbst zu zensieren. Selbst wenn ich von einer Meinung oder Aussage überzeugt war, habe ich sie oft für mich behalten, weil mir klar war, dass es nicht nur Kritik geben würde, sondern moralische Entwertung. Zudem formulierte ich meine Worte und Sätze möglichst twitter-[k]ompatibel. Das bedeutet vor allem: Verkürzung entdecken und möglichst knallige Buzzwords finden.

Rönicke räumt ein, das Problem könnte vor allem sie und ihr Umfeld betreffen, sie verallgemeinert weniger als Lauer. Aus Ihrem Text – den unsäglichen DDR-Vergleich möchte ich gar nicht erwähnen, Rönicke benutzt ihn, um gewissen feministischen Bewegungen totalitäre Tendenzen zu unterstellen – ergibt sich die Frage, ob das Medium Twitter oder Social Media uns als Menschen verändert: Beginnen wir anders zu denken, anders zu schreiben und anders zu sprechen, weil wir uns an den Vorgaben des Mediums orientieren?

Hammer Time. Kelsey Horne, society 6
Hammer Time. Kelsey Horne, society 6

(2) Social Media als Werkzeug

Natürlich tun wir das. Technologie verändert die Menschen. Ich habe über 20’000 Tweets geschrieben, also Inhalte in Meldungen verpackt, die 140 und weniger Zeichen enthalten. Natürlich lerne ich dabei eine neue Art des Schreibens. Ich unterhalte mich mit Menschen, die ich noch nie gesehen habe und vielleicht auch nie sehen werde. Natürlich verändert das meinen Umgang mit Menschen. Und ich diskutiere öffentlich mit Nachrichten, die gespeichert und in ganz anderen Kontexten verwendet werden können, die aber auch viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen können, in der Zeitung gedruckt werden. Natürlich erhält Aufmerksamkeit für mich eine andere Bedeutung.

Aber das passiert mit allen Werkzeugen. Werkzeuge ermöglichen, etwas einfacher zu erledigen; sie können aber immer auch missbraucht werden. Werkzeuge sind Waffen. »People kill, not guns« ist eine ebenso naive Haltung wie die, in einer Welt ohne Waffen leben zu wollen. Wenn es Werkzeuge gibt, werden Menschen sie nutzen und sich von ihnen verändern lassen. Die konservative Wendung ist keine Lösung. Lauer und Rönicke werden Twitter nicht abschaffen können. Wenn sie dort schweigen, werden sie andere nicht daran hindern, über sie zu schreiben, Buzzwords zu nutzen und sie per SMS oder Email mit Kritik einzudecken. (Nur ein Beispiel, weils grad passt: Lauer schrieb dem Parteichef Johannes Ponader eine SMS, die von diesem per Twitter und auf seinem Blog veröffentlicht wurde…) Es bleibt nur die Haltung von Porombka:

Mit dem Experimentieren beginnen! Hands on! Auch auf die Gefahr hin, dass man alles Bekannte über den Haufen werfen muss und dabei in Zustände gerät, in denen die alten Orientierungsmuster für Kunst und Leben abhandenkommen, ohne gleich durch neue ersetzt zu werden.
Auch das kann man lernen […]: dass sich das Auflösen der bekannten Zusammenhänge für produktive Schübe nutzen lässt. […] Es geht um die Frage, wie man das, was als Nächstes kommt, gestalten kann.

Jump Cut, Kubrick, 2001.
Jump Cut, Kubrick, 2001.

Mit der »Flarf«-Methode kreative SMS oder Tweets schreiben

In seinem Buch »Schreiben unter Strom« stellt Stephan Porombka unter anderem die Flarf-Methode vor, um mit Google-Ergebnissen Lyrik zu erstellen. Er präsentiert ein mögliches Ergebnis (S.  28):

Doc - 19.02.2013 16-16

Ein FAZ-Artikel beleuchtet den Hintergrund der Flarf-Bewegung:

Von nun an ging es [Gary Sullivan] darum, möglichst lustige, politisch inkorrekte, subversive, unflätige, anzügliche – irgendwie jedenfalls unpassende Gedichte zu schreiben. Die Clique seiner Dichterkollegen in New York hielt das für eine zeitgemäße Idee (es war die Bush-Ära) und schloss sich an. Wer von ihnen auf den Namen „Flarf“ kam, weiß Sullivan nicht mehr, aber er definiert es folgendermaßen: „Flarf besitzt die Eigenschaft des Flarfigen.“ Im März 2001 richten sich die Flarfisten eine Mailingliste ein und beginnen, Gedichte hin und her zu schicken, die aus Versatzstücken von Google-Suchergebnissen bestehen.

„Ich google zwei disparate Suchbegriffe, beispielsweise ,Latex‘ und ,Michael Jackson’“, sagt Sharon Mesmer, ebenfalls Flarf-Dichterin, studierte Philologin, Anfang vierzig, die hauptberuflich Kreatives Schreiben an der New School in New York unterrichtet. „Dann kopiere ich einige Textstücke aus der Ergebnisliste von Google in ein Word-Dokument und bearbeite sie, arrangiere um, denke mir Sätze aus. Das fertige Gedicht schicke ich an die Flarf-Mailingliste.“

Dort wird es dann von den anderen Dichtern weiterbearbeitet, wieder gegoogelt und so fort. Das Gedicht ist also nie fertig. Insofern hat der Werkbegriff der Flarf-Leute etwas Vorneuzeitliches. Sie sind wie im Mittelalter eher Redakteure und Kopisten denn Autoren, ihre Texte durchlaufen viele verschiedene Stadien. Es existieren gleichwertige Varianten, aber kein Original. Denn man stützt sich ja immer schon auf kopierte Bruchstücke aus Ergebnislisten – und deren Autoren sind sowieso unauffindbar.

Ich habe daraus ein Anleitung für den Unterricht gemacht, die man hier als pdf runterladen kann.

Gewählt habe ich – aus aktuellem Anlass – die Begriffe »Wien«, »Februar« und »Schreiben«; diese gegooglet und dann eine der hinteren Ergebnisseiten gewählt. Daraus habe ich dann je drei interessante Sätze rauskopiert, aus denen sich dann ein Gedicht erstellen lässt.

Die Aufgabenstellung lautet konkret wie folgt:

  1. Schreiben Sie ein Gedicht, das sich als SMS oder Tweet versenden lässt, d.h. es darf inkl. Leerzeichen nicht länger als 160 oder 140 Zeichen sein.
  2. Gehen Sie wie folgt vor:
    a) wählen Sie interessante Wörter oder Sätze aus
    b) arrangieren Sie sie
    c) schleifen Sie (Satzeichen, Einfügen von Partikeln etc.)
  3. (freiwillig)
    Publizieren Sie das Gedicht, indem Sie es jemandem schicken oder es auf Facebook oder Twitter veröffentlichen.

Interessanter wird das Ganze, wenn als Vorlage nicht Google-Ergebnisse, sondern die SMS, Tweets oder Facebook-Statusnachrichten von anderen Personen genommen werden, die dann – als eine Art Rückmeldung – ein Gedicht erhalten.

Aaron Swartz‘ Idee der perfekten Universität

Aaron-Schwartz

Der kürzlich verstorbene Internetaktivist Aaron Swartz hat im Alter von 20 Jahren ein Jahr an der Elite-Uni Stanford studiert, die er nach einem Jahr verließ um an eigenen Projekten zu arbeiten. In einem Eintrag in seinem Blog, in dem er über seinen dritten Tag an der Uni nachdenkt, übt er radikale Kritik an Stanford und formuliert sein Ideal einer Universität:

It’s hard to say this without sounding even more superior than usual, but it doesn’t strike me that most Stanford students (and professors) are exceptionally bright. I suppose this is not too surprising, since the requirements for admission do not really test for this quality. And unlike, say, MIT, Stanford doesn’t interview students as part of the admission process, nor do they demand any examples of real work (which seem like decent ways of finding intelligence). I was led to believe that Stanford was a magical place where everyone was a genius. This is somewhat disappointing.

If I wanted to start a more effective university, it would be pretty simple: Hire the smartest people and accept the smartest students, get them to work on projects that interest them, get them to work together on stuff that interests them, organize a bunch of show-and-tells and mixers, and for the most part let them figure stuff out on their own. (This system might be cheaper too.)

Bemerkenswert finde ich daran mehrere Punkte:

  1. Die Aussage, dass »real work« ein deutliches Zeichen von Intelligenz sein. 
  2. Dass formale Bildung leicht durch informelle ersetzt werden kann.
  3. Die Bedeutung von zwei Punkten:
    a) Dass intelligente Menschen sich treffen und
    b) dass sie an Projekten arbeiten, die sie selber interessieren.

Für die Umsetzung von Swartz‘ Idee braucht es heute keine Universität im physischen Sinne mehr: Soziale Netzwerke ermöglichen alles, was er einfordert – ohne allerdings die Reputation eines Abschlusses bieten zu können. Aber wer braucht einen Abschluss, wenn er oder sie »real work« vorweisen kann?

Effizient Arbeiten im Zeitalter digitaler Kommunikation

Jack Cookson, Society6
Jack Cookson, Society6

Ich werde ab und zu darauf angesprochen, dass ich recht produktiv sei. Deshalb hier einige Maximen, die mir effizientes Arbeiten mit digitalen Hilfsmitteln erleichtern:

  1. Nicht fernsehen, keine Zeitschriften oder Zeitungen lesen.
    Ich gestalte meine eigenen Filter und konsumiere so Texte und Videos ganz gezielt. Vorgegebene Zusammenstellungen verführen zum Browsen und zum Verweilen bei Texten oder Sendungen, die man sich gar nicht ansehen will.
  2. Texte nicht ganz lesen.
    Für gewisse Texte nehme ich mir nur wenig Zeit. Gemessen habe ich das nicht, ich schätze aber, es handelt sich um 90 Sekunden. In diesen 90 Sekunden weiß ich, was ich mit dem Text machen will – z.B. speichern, verschicken, ignorieren. Das tue ich dann.
  3. Dinge sofort oder so spät wie möglich erledigen.
    Wir erhalten immer wieder Aufforderungen, etwas zu tun. Beispielsweise zahle ich meine Handyrechnung online. Das tue ich entweder gleich beim Rechnungseingang oder bei der letzten Mahnung. Dasselbe gilt für das Schreiben von Texten, das Erledigen von Pendenzen etc.: Sofort erledigen oder liegen lassen. Meistens erhält man Reminder, dass etwas zu tun ist.
  4. Suchen statt archivieren.
    Man kann viel Zeit damit verbringen, Medien kompliziert zu archivieren. Mit einem sinnvollen Betriebssystem mit Suchfunktion und Google ist das eigentlich sinnlos: Ich speichere nur sehr grob und suche grundsätzlich nach allen Dokumenten, statt sie aus einem Archiv zu fischen.
  5. Wissensmanagement.
    Wissen wird gefunden, bearbeitet und weitergegeben. Diese Schritte befolge ich konsequent. Fast alles, was mir wichtig ist, halte ich irgendwo fest. So speichere ich es länger und finde es schneller weider.
  6. Zeiträume freihalten.
    Ich verplane meine Arbeitszeit kaum. Sobald ich arbeite, erledige eine Pendenz nach der anderen; aber ich habe immer freie Zeiträume, in denen ich spontan etwas erledigen kann. Das hilft mir dabei, gewisse Aufgaben sofort erledigen zu können.
  7. Wiederverwerten.
    So lange man nicht vorgibt, alles neu erfunden zu haben, kann man viele Texte, Dokumente und Verweise mehrfach verwenden. Davor sollte man nicht zurückschrecken.
  8. Von der Arbeit anderer profitieren.
    Das klingt perfider, als es ist. Social Media erlaubt uns, die Inhalte vieler anderer Menschen nutzen zu können. Warum sollten wir das nicht tun (wenn wir dabei transparent sind)?  Das kann auch bedeuten, Feedback einzuholen oder andere um gute Ideen zu bitten.
  9. Gewohnheiten und Routinen entwickeln.
    Das kann man theoretisch so beschreiben, ist aber sehr abstrakt. Letztlich hilft es, immer wieder ähnliche Arbeitsschritte durchzuführen, die man dann wie Bausteine verwenden kann. Blogposts schreibe ich oft nach demselben Muster: Ich halte Ideen als Notizen fest, schreibe den Text dann in einem Durchlauf und überarbeite ihn nach der Publikation (oft auch mehrmals). Diese Routine hilft mir dabei, das sehr schnell erledigen zu können.
  10. Mobil arbeiten.
    Wir verbringen viel Zeit mit Warten und Reisen. Diese Zeit kann auch Arbeitszeit sein. Ich arbeite auf dem Arbeitsweg und genieße die Freizeit zuhause.
  11. Keine Zeit mit Technik verlieren. 
    Wer immer wieder neue Programme installiert, neue Geräte aufsetzt etc. verliert enorm viel Arbeit. Ich nutze Technik langfristig: Gleiche Betriebssysteme, gleiche Geräte. Alles muss funktionieren – sobald sich Abstürze häufen oder etwas nicht so reagiert, wie ich es erwarte, behebe ich das Problem. Sonst nutze ich immer dieselben Werkzeuge.
  12. Infotention.
    Howard Rheingold nenn die Fähigkeit, Informationen das richtige Maß an Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, Infotention. Diese Kompetenz ist entscheidend und muss immer wieder trainiert werden. Am einfachsten geht das mit der Frage: »Warum lese/schaue/höre ich, was ich gerade lese/schaue/höre? Hat das mit meinem direkten Arbeitsziel zu tun?«
  13. Perfektionismus vermeiden.
    Es ist eine Binsenwahrheit: Die letzten 5 oder 2 Prozent einer Arbeit brauchen gleich viel Zeit wie die ersten 95 oder 98. Also einfach 95% anstreben und die restlichen 5% abschenken. Das gilt nicht für alle Arbeiten, aber bei vielen hilft es nicht, das Layout zu optimieren, jedes stilistische Problem zu beheben oder den letzten Tippfehler zu suchen.

Nun freue ich mich über weitere Tipps in den Kommentaren.

MOOC – Theorie und Praxis

Was ein MOOC (ausgesprochen als /muhk/, alternativ englisch buchstabieren) ist, lässt sich mit einem Video am einfachsten verstehen:

Grundsätzlich ist es ein Kurs (das ist wichtig, eine Art Verlauf oder Struktur muss vorhanden sein), der allen offen steht, online verfügbar ist und viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat. Es werden oft xMOOCs von cMOOCs unterschieden, gemeint sind MOOCs, die entweder einen bestehenden, (Offline-)Kurs ergänzen und als Medium Internetkommunikation benutzen (x = extended), oder solche, die im Web 2.0 entstehen, die Materialien sammeln, welche die Teilnehmenden interessieren (c = connectivist). xMOOCs erlauben häufig reine Teilnahme, während cMOOCs die Teilnehmenden auch zu Lehrenden machen. Wichtig ist dabei, dass sie sich untereinander vernetzen.

Gerade läuft ein deutschsprachiger Meta-MOOC, ein MOOC, der zum Inhalt hat, wie man MOOCs durchführt: »How to MOOC«. 164 Teilnehmende sind dabei und schreiben dann nächste Woche ein Handbuch, das dann – eben, alles ist offen – alle verwenden können. Ich habe bei diesem MOOC nicht teilgenommen, weil mich das Thema MOOC zu wenig interessiert, um längerfristig motiviert zu sein. Um richtig verstanden zu werden: Ich finde MOOCs sehr wichtig, es sind Lernformen der Zukunft. Aber ich habe zu wenig Lust, darüber nachzudenken, wie sich MOOCs finanzieren lassen oder wie sich MOOCs mit dem OER-Gedanken verbinden lassen. Salopp gesagt: Praktische Fragen würde ich lösen, wenn ich müsste; nicht theoretisch in meiner Freizeit. (Mir ist ganz klar, dass ein wesentlicher Faktor dieses cMOOCs darin besteht, ein Netzwerk von Interessierten zu schaffen, die entsprechende Angebote auf die Beine stellen können.)

Bildschirmfoto 2013-02-03 um 11.47.46
Jede(r) sucht den eigenen grünen Weg.

Deshalb nehme ich nun an einem anderen MOOC teil, um das Prinzip als Lernender kennen zu lernen und um etwas zu lernen, was mich schon länger interessiert. Der MOOC heißt »Introduction to Complexity« (Santa Fe Institute) und ist der erste in einer Reihe von Kursen zum Thema Komplexitätstheorie. Es ist ein xMOOC, bei dem eine klare Struktur vorgegeben ist und wesentliche Inhalte mit Video-Vorlesungen und Tests vermittelt werden. Meine Eindrücke und wesentliche Erkenntnisse halte ich in einem Journal fest, das ich laufend aktualisieren werde.

 

MOOC_CowV8
Die MOOC-Cow. http://zmldidaktik.wordpress.com/2012/04/20/finally-the-zml-mooc-cow/

 Meiner Meinung nach sind die folgenden Prinzipien wesentliche Eigenschaften von MOOC-Lernprozessen:

Bildschirmfoto 2013-02-11 um 23.17.28

»Sex-Falle Facebook« – konstruktive Lösungen zu einem Problem

Ein Mann hat in der Schweiz Knaben missbraucht, die er über Facebook kennen gelernt hat. Er hat dazu offenbar ein falsches Profil verwendet, wie der Blick berichtet. Facebook, so die Sprache des Boulevards, sei eine »Sex-Falle«. Dokumentiert wird das mit einer Strassen-Umfrage, bei der Jugendliche zu Protokoll geben, was sie schon alles auf Facebook gelesen haben.

Dazu einige Fragen und Antworten, die auf konstruktive Lösungen hinweisen sollen.

1. Fördern Facebook und Social Media sexuellen Missbrauch? 

Unklar. Facebook schafft eine Atmosphäre, die für das Kennenlernen von Täter und Opfer wichtig ist, man spricht von »grooming« oder »gruscheln«. Es vereinfacht das Kennen Lernen von Jugendlichen und Kindern enorm. Andererseits gab es auch schon vor Facebook viele Wege, Jugendliche und Kinder anzusprechen. Ob es sich hier um eine Verlagerung oder eine Verstärkung handelt, ist meines Erachtens noch ungeklärt.

2. Sind Jugendliche naiv, was die Gefahren von Facebook anbelangt? 

Nein. Jugendliche sind sehr kompetent und werden heute eindringlich vor Gefahren gewarnt. Sie mögen ab und zu mit Fremden chatten, aber generell sind ihnen die Grenzen bewusst und sie sind meistens auch in der Lage, sich zu schützen. Allerdings nutzen Täter typische Schwachstellen von Jugendlichen aus, was aber nicht der Fehler der Betroffenen ist.

3. Hilft ein Schulfach »Facebook«? 

Medienkompetenz ist enorm wichtig und muss in der Schule gelehrt werden. Ob in einem eigenen Fach oder nicht, kann man sich fragen. Wichtiger als ein Fach ist, dass Erwachsene (Eltern, Lehrpersonen, andere Betreuungspersonen) mit Jugendlichen über Medien, Medienverhalten und soziale Netzwerke sprechen. Offen, ohne Angst zu machen und mit echtem Interesse an den Fähigkeiten der Jugendlichen.

4. Was kann man tun, um Kinder zu schützen?

Ihnen aufzeigen, wer ihre Ansprechpersonen sind, wenn sie Probleme haben oder ihnen etwas Merkwürdiges passiert. Weniger gefährdet sind die Kinder, die mit jemandem darüber sprechen, wenn sie seltsame Anfragen per Facebook erhalten.

Bildschirmfoto 2013-02-11 um 10.28.14

Ein eigenes Ebook erstellen und verbreiten in zwei Stunden

Udpates: Ich ergänze diesen Post laufend. Hier die Daten der wichtigsten Updates: 11.2., 9.15 Uhr – 11.2., 12.15 Uhr – 

Heute habe ich mir einen Abend Zeit genommen, um etwas zu tun, was ich schon immer mal tun wollte: Ein Buch veröffentlichen. Nun, geschrieben hatte ich nur einen Vortrag über Trolle, ich habe ihn hier schon präsentiert: »Warum die Schule Trolle braucht«. Das Manuskript habe ich überarbeitet und daraus Versionen erstellt, die sich über Amazons Kindle-Store und Apples iBook-Store verbreiten lassen. Das ist also, was ich nun im Folgenden »Buch« nennen werde: Ein kurzer Essay mit ein paar Bildern.

Cover

Ich dokumentiere hier mein Vorgehen kurz, Fragen beantworte ich gerne. Voraus nur dies: Ich bin kein Profi, sondern absoluter Laie, der einfach ausprobiert hat, was möglich ist.

  1. Ich habe das Manuskript mit Pages bearbeitet und die hier erwähnten Formatvorlagen und Voragben verwendet
  2. Das Buch konnte dann in Pages mit dem Befehl »Exportieren« direkt als .epub-File gespeichert werden.
  3. Dazu habe ich das Cover (also die erste Seite) separat als Bilddatei gespeichert, sinnvoll ist .jpg.
  4. Das war schon alles: Ein .epub-Buchfile und ein .jpg-Cover reichen für alles, was ich tun wollte, aus:
    a) Kindle-Direct-Publishing geht mit einem vollständig ausgefüllten Amazon-Konto.
    b) Free Books Account für iBooks geht mit einer Apple-ID; allerdings können die Bücher dann nur gratis angeboten werden. Wer Geld verdienen will, muss ein Konto kaufen.
  5. Auf beiden Plattformen habe ich je rund 10 Minuten gebraucht, um alle Informationen auszufüllen.
  6. Auf Epubli habe ich zusätzlich für 20 Euro eine ISBN-Nummer gekauft. Epubli würde auch die gesamte Publikation des Buches übernehmen, ist aber kostenpflichtig.
  7. Die ISBN habe ich zusammen mit der CC-Lizenz in ein Impressum eingefügt.
  8. Die Titelseite muss doppelt eingefügt werden, damit sie in .epub-Dateien als solche erkannt wird.
  9. Ich habe das .epub-File mit Calibre (OS X) in ein .mobi-File umgewandelt.

Das Buch wird momentan verarbeitet, ich poste hier die Links zu den Büchern, sobald sie erschienen sind. Interessant ist, dass Apple nur einen Zugang zum Gratisprogramm kostenlos anbietet, Amazon auch ermöglicht, Geld zu verdienen. Allerdings wird das Buch bei Amazon auch verschenkt, wenn es anderswo gratis verfügbar ist. Das ist durchaus mein Ziel: Ich will kein Geld verdienen, sondern einen Aufsatz von mir möglichst breit verfügbar machen.

Hier die von mir erstellen Files in Version 1.1, das ganze Buch steht unter der Lizenz CC BY 3.0.

(Dieser Post erscheint am 9. Februar auf Rivva.)

Relevanz, Social Media und die Filter Bubble

Die Diskussion rund um #Aufschrei, eine auf Social Media initiierte Debatte über Alltagssexismus (zunächst nur als Ausdruck sexistischer Erfahrungen gedacht), führte auch zu Diskussionen über die Frage, ob die Masse von Tweets oder anderen Äußerungen auf Social Media Indikator für die Relevanz eines Themas sein kann.
Rainer Stadler, Medienexperte der NZZ hat sich dazu pointiert geäußert:

(Der Kontext kann auf Storify nachgelesen werden.)

Relevant kann also, so Stadler, nur etwas sein, was wahr ist. Während es in seinem Bildbereich, der Mathematik, Wahrheit als eindeutige Eigenschaft geben mag, ist Wahrheit im sozialen und politischen Bereich multiperspektivisch, Kafkas Aussage, Wahrheit gebe es allenfalls im Chor, passt dafür gut. Relevant ist, was einen Chor dazu bringt zu singen. Mit dieser Metapher kann man zwei Abgrenzungen vornehmen: Erstens braucht es für Relevanz nicht nur den Konsum entsprechender Meldungen, sondern echtes Engagement von Menschen (singen ist nicht dasselbe wie zuhören), zweitens kann der Chor für gewisse Zuhörende auch unschön oder falsch klingen: So lange er singt, bringt er viele Stimmen zusammen und hat so Gewicht, also Relevanz.

Haben nun die größten Chöre die größte Relevanz? Oder die, welche besonders schön, virtuos oder laut singen? Diese Frage scheint mir nicht besonders interessant. So lange es einen Chor gibt, ist ein Thema relevant. Größe des Chors, Schönheit des Gesangs, Virtuosität und Lautstärke haben sicher alle einen Einfluss. Entscheidend scheint mir viel mehr, dass wir selber auch alle in Chören mitsingen. Die Frage ist, ob wir dabei auch die anderen noch hören.

Das ist, was Eli Pariser Filter Bubble genannt hat:

Der Grundcode des neuen Internets ist recht simpel. Die neue Generation der Internetfilter schaut sich an, was Sie zu mögen scheinen – wie Sie im Netz aktiv waren oder welche Dinge oder Menschen Ihnen gefallen – und zieht entsprechende Rückschlüsse. Prognosemaschinen entwerfen und verfeinern pausenlos eine Theorie zu Ihrer Persönlichkeit und sagen voraus, was Sie als Nächstes tun und wollen. Zusammen erschaffen diese Maschinen ein ganz eigenes Informationsuniversum für jeden von uns – das, was ich die Filter Bubble nenne – und verändern so auf fundamentale Weise, wie wir an Ideen und Informationen gelangen.

Wenn nun Vertreterinnen und Vertreter traditioneller Medien Themen wie die mit #Aufschrei in Verbindung gebrachten deswegen ignorieren oder geringschätzen, weil hier nur eine »Empörungswelle« heißlaufe, dann nehmen sie implizit auf die Vorstellung einer Filter Bubble Bezug: Das Internet führe halt Mesnchen zusammen, die sich empören wollen, und wenn sie es tun, scheint das schnell ein lauter Chor zu werden, der deswegen aber keine Relevanz beanspruchen kann. Anders gesagt: Den Social-Media-Usern schienen halt die Themen relevant, die in ihrer Filter Bubble viel Plat einnähmen, obwohl sie gar nicht relevant seien.

kafka wahrheit

Rainer Stadler schlägt alternativ klassische Relevanzmerkmale vor:

 

Interessant ist hier, dass auch Stadler auf eine Filterblase verweist: Die Klick- und Leserdaten seiner eigenen Publikation (oder Texte) sind ihm bekannt, Rückmeldungen erhält er aus seinem eigenen Umfeld und der von ihm wahrgenommenen Konkurrenz.

Social Media ermöglicht aber eine Wahrnehmung von vielen Stimmen. Die Vorstellung, man sähe darin nur den eigenen Kontext, kann man nämlich getrost zurückweisen. Christoph Kappes leitet daraus eine Kritik an Parisers Konzept ab (pdf):

Das Internet filtert nicht wie herkömmliche Medien Informationen für den Rezipienten weg, sondern eröffnet nur – potenziell unendlich viele – gefilterte Sichten. Gern wird zur Veranschaulichung die Cafeteria als Beispiel genannt, die durch die Vorauswahl an Mahlzeiten die Möglichkeiten verringert, während das Web sozusagen alle Zutaten mit Rezepten bereitstellt. Eine bestimmte Information wird obendrein an vielen Stellen des Nachrichtenkonsums auftauchen, wenn sie gewisse Relevanzschwellen überschreitet. Wer sich sein Netzwerk nach durchschnittlichen Maßen zusammenstellt, also mit etwa einhundertfünfzig Kontakten, kann daher kaum eine ihn interessierende Information übersehen. […] Dass es nicht zu einer Gleichartigkeit von maschinellen Empfehlungen kommt, ergibt sich auch daraus, dass keine Situation wie die andere ist: Sie ist nach Zeit, Ort und Personen sowie deren Bedürfnissen, Kontexten, sozialen Beziehungen und Informationslandschaften immer neu.

Durch Social Media hergestellte Relevanz unterscheidet sich auf zwei Arten von traditionellen Vorstellungen:

  1. Die Daten sind allen ungefiltert zugänglich, nicht nur einer schreibenden Eliter.
  2. Daten entstehen durch Engagement der Teilnehmenden, nicht durch bloßen Konsum.

Dafür zwei Beispiele: In der Weltwoche dieser Woche argumentiert Alex Baur, von 63 Kommentaren auf der »Webseite des Tages-Anzeigers« hätten nur 13 eine bestimmte Haltung ausgedrückt. Dieses Argument wird angesichts der Tatsache problematisch, dass die Kommentare gefiltert sind – und zwar ohne dass der Filter transparent wäre. Ähnlich verhält es sich bei Klickzahlen: Gerade auf Newsnet, also der »Webseite des Tages-Anzeigers« dominieren oft Artikel die Charts, die mit reißerischen Titeln oder »attraktiven« Bildern versehen sind. Interessant wären die Zahlen, wenn erkennbar wäre, wie lange Menschen eine Artikel gelesen haben. Der Klick auf den Artikel zeigt weder Interesse noch Engagement.

Kurz: Social Media aufgrund der Tatsache, dass alle mitschreiben können, die Fähigkeit abzusprechen, Relevanz zu erzeugen, ist wohl keine sinnvolle Haltung. Im Blick zu behalten, dass nur wenige Menschen auf Social Media aktiv sind, ist allerdings auch nicht falsch.