Vorstellung: Snapchat

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Jugendliche benutzen Medienberichten und meinen Eindrücken zufolge eine App namens Snapchat immer häufiger. Es sei das neue Instagram, sagt die Schwester von Josh Miller. Sowohl im Play Store von Google wie auch im App Store von Apple ist das Programm sehr beliebt. Hier eine kurze Vorstellung und ein Kommentar.

Das Prinzip von Snapchat ist ganz einfach: Man macht ein Bild mit dem Smartphone und bearbeitet es mit einem einfachen Tool:

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Unten am Bild findet sich links die Option, einen Timer zu setzen – er kann von 1 bis 10 Sekunden eingestellt werden. So lange kann der Empfänger oder die Empfängerin das Bild sehen. Sie müssen dafür auf den Screen des Smartphones drücken, was es erschwert, einen Screenshot anzufertigen. Gelingt das trotzdem, wird der Sender oder die Senderin des Bildes darüber informiert.

Nach dem Countdown wird das Bild gelöscht – nicht nur vom Smartphone des Empfängers und der Empfängerin, sondern auch vom Server von Snapchat. Es bleibt nur ein einfaches Protokoll.
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Zum Ärger einiger Nutzerinnen und Nutzer verwendet die App SMS, um neue Freunde einzuladen. Passt man nicht auf, verschickt man schnell SMS an das ganze Adressbuch.

Es gibt zwei Vorteile von dieser Art von Kommunikation:

  1. Kommunikation behält ihre flüchtige Natur. Internetkommunikation verbindet die Eigenschaften mündlichen Sprechens mit einer unbeschränkten Speicherkapazität. Wie würden wir miteinander sprechen, wenn wir wüssten, dass alles, was wir sagen, aufgenommen, unendlich lang gespeichert und möglicherweise in einen völlig neuen Kontext gestellt wird? 
  2. Damit zeigt sich auch die konkrete Anwendung: Einige Jugendliche mögen Sexting, das Verschicken von erotischen Bildern oder Texten über digitale Medien. Wenn sie ein Tool haben, das diese nicht speichert, wird vieles möglich und reizvoll, was vorher problematisch schien (zur Erinnerung: viele Sexting-Bilder landen direkt auf Porno-Seiten).

Der scheinbare Vorteil von Snapchat, nämlich nicht-permanente Nachrichten an gezielte Adresssatinnen und Adressaten zu verschicken, könnte aber auch trügerisch sein. Schnell ist ein Protokoll entwickelt, das alle Snapchat-Nachrichten speichert und weiterverbreitbar macht.

Schule im digitalen Zeitalter

Im Jahrbuch der Kantonsschule Wettingen 2011/2012 (ich unterrichte dort) sind zwei Texte von mir erschienen.

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Der erste befasst sich mit den Herausforderungen der digitalen Kommunikationskultur für die Schule; der zweite mit einer Weiterbildungsveranstaltung für Lehrpersonen zum Thema Social Media. Die pdfs sind leider Scans von mäßiger Qualität, sobald ich das Original vorliegen habe, werde ich sie ersetzen.

Schule, Standardisierung und Social Media

Social Media und die Bildungsorganisation sind geprägt von Standardisierungsbemühungen und hierarchischen Strukturen, obwohl sowohl die Ideale der dialogischen Kommunikation in Netzwerken und die des nachhaltigen Lernens Standards und Hierarchien einer fundamentalen Kritik unterziehen.

Der Aufbau von Netzwerken und die Organisation von Lernprozessen gehen von Subjekten aus. Sie erfolgen bottom-up: Entscheidend sind Motivation, Interessen und persönlicher Nutzen. Wesentliche Aspekte sind nicht messbar, nicht vergleichbar, nicht durch Standards abbildbar und nicht top-down festlegbar.

Vorgaben verhindern Abweichungen. Konzeptionell geht es dabei meist um unerwünschte Abweichungen: Auf standardisierten sozialen Netzwerken gibt es keine Überraschungen, keine unangenehme Erfahrungen für die User. In einer standardisierten Bildungslandschaft lernen alle Schülerinnen und Schüler mit ähnlichen Methoden ähnliche Inhalte und werden ähnlich bewertet.

In der Realität werden aber vor allem positive Abweichungen verhindert: Innovative Projekte sind innerhalb der engen Grenzen des auf Social Media Erlaubten nicht mehr möglich. Ebenso können Lehrpersonen mit ganz spezifischen Stärken und Vorlieben diese in einer standardisierten Bildungslandschaft nicht entsprechend gewichten, sie können nicht auf Wünsche oder Bedürfnisse von Lerngruppen eingehen, weil festgelegt ist, was wie unterrichtet werden muss.

Die große Herausforderung für Social Media ist es, dezentrale Netzwerke zu schaffen (vgl. Lovink). Nur so können sie ihr gesellschaftliches und politisches Potential entfalten, ohne einen kommerziellen Nutzen innerhalb eines engen Gerüstes von Normen erbringen zu müssen. Entsprechende Projekte scheinen alle zwar viele Bedürfnisse von Benutzerinnen und Benutzern aufzunehmen, sich aber nicht durchsetzen zu können: Zu stark sind die großen Player wie Facebook, Google oder Twitter, welche durch die Speicherung von Daten viele User in ein Abhängigkeitsverhältnis treten lassen.

Auch hier gibt es eine Parallele zur Schule: Innovative Projekte werden zwar immer wieder formuliert, sie scheitern aber auch an der Macht der staatlichen und standardisierten Schule, deren Diplome eine politisch und gesellschaftlich klar bestimmten Wert haben. »Bildung für alle« im Sinne von Lindner ist nur möglich, wenn dezentrale Lernnetzwerke entstehen können.

Hacker des Tech Mo­del Rail­way Club am MIT, 1950er-Jahre.
Hacker des Tech Mo­del Rail­way Club am MIT, 1950er-Jahre.

Man könnte abschließend davon sprechen, dass sowohl Social Media wie die Bildungsstrukturen gehackt werden müssen: In ihrem Selbstverständnis lösen Hacker auf kreative und ästhetische ansprechende Art und Weise Probleme. Sie tun dies als intellektuelle Herausforderung, nicht um einem von außen vorgegebenen Zweck zu genügen, und umgehen dabei Beschränkungen und Hindernisse, ohne auf Erwartungen Rücksicht zu nehmen. Dieses Ideal kann sowohl auf die Internetkommunikation wie auch auf die Bildung bezogen werden: Wenn sie funktionieren, dann bringen sie Menschen dazu, kreativ Probleme zu lösen, weil sie daran Spaß haben. Es wäre zu wünschen, dass dies gelingen kann.

Merkblatt: Social Media im Unterricht

Dieses Merkblatt sollte vor einer intensiven Nutzung von Social Media im Unterricht abgegeben werden. Die Schülerinnen und Schüler werden gesiezt. Das Merkblatt enthält wichtige Punkte von einem ähnlichen Merkblatt von Mary Chayko (private Kopie, nicht online). Ich freue mich über Hinweise zur Verbesserung der Merkblatts. 

Eine aktuelle Version kann als .pdf- und .doc-File hier geladen werden. Sie unterscheidet sich leicht vom Blogpost.

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Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, Foren, Chats und Blogs werden heute für die Kommunikation mit Freunden und Familie auf verschiedene Arten genutzt. Wie im direkten Kontakt mit anderen Menschen repräsentieren Sie auf sozialen Netzwerken sich selbst, Ihre Familie und Ihre Schule. Verhalten Sie sich deshalb anständig und seien Sie ehrlich. Dabei helfen Ihnen die folgenden Hinweise.

Wenn Sie im Unterricht Aufgaben erhalten, die sich mit Social Media erledigen lassen, dürfen und sollen Sie das auch tun. Es stehen Ihnen aber immer auch alternative Arbeitsmethoden zur Verfügung, niemand wird zur Benutzung von sozialen Netzwerken gezwungen.

  1. Überlegen Sie sich immer zwei Mal, ob Sie etwas auf sozialen Netzwerken posten wollen oder nicht.
  2. Seien Sie online respektvoll und positiv.
  3. Denken Sie daran, dass viele andere Menschen mit einem anderen Hintergrund lesen und sehen, was Sie hinterlassen: Kinder, Menschen aus anderen Kulturen, Ihre Familie, zukünftige Arbeitgeber usw.
  4. Wenn Sie in Bezug auf eigene oder fremde Handlungen auf sozialen Netzwerken unsicher sind, fragen Sie bei erfahrenen Erwachsenen nach. Verzichten Sie im Zweifelfall auf die Handlung, bis Sie sich sicher sind.
  5. Gehen Sie davon aus, dass alle Texte, Bilder und Videos in sozialen Netzwerken öffentlich einsehbar sind, auch wenn Sie sie schützen.
  6. Denken Sie daran, dass alles, was Sie online tun, gespeichert wird und von Ihnen nicht mehr gelöscht werden kann.
  7. Verwenden Sie gleichwohl private oder anonyme Profile, wenn Sie schulische Arbeiten erledigen.
  8. Hinterlassen Sie keine persönlichen Daten wie Adressen, Telefonnummern, Geburtsdaten, Stundenpläne oder ähnliche Daten auf sozialen Netzwerken. Sie gefährden dadurch möglicherweise sich selbst und oder andere.
  9. Verhalten Sie sich professionell und verzichten Sie auf die Darstellung von Gewalt, von Straftaten oder sexuellen Handlungen auf sozialen Netzwerken.
  10. Vermeiden Sie auch Fotos, Videos oder Texte die Sie oder andere so erscheinen lassen, dass Sie sich dafür schämen könnten.
  11. Sie sind nicht nur für eigene Inhalte verantwortlich, sondern auch für Inhalte, die andere auf Ihren Seiten hinterlassen.

Schulkultur und Social Media

Eine Schulkultur, also die Gesamtheit von Umgangsformen, Erwartungen, Traditionen und Symbolik einer Schule und ihrer Gemeinschaft, ist eigentlich eine Schulkommunikationskultur. Als solche ist sie Veränderungen der Kommunikationspraxis direkt ausgesetzt und davon betroffen. Gerade auch deshalb, weil fast jeder Prozess, der Schule ausmacht, in Social Media abbildbar ist.

Beuth Schule Berlin. everythingandme, society6.
Beuth Schule Berlin. Clemens Behr, society6.

Welche Einflüsse kann Social Media auf die wesentlichen Bestandteile von Schulkultur haben? Zunächst ist die Antwort ganz einfach: Ohne Kommunikation gibt es keine Schulkultur. Sie etabliert Normen und Werte in Bezug auf die Interaktion der Lehrenden und Lernenden an einer Schule und legt fest, welche Erwartungen berechtigt und welche unberechtigt sind. Social Media verändert Kommunikation und damit auch diese Normen, Werte und Erwartungen. Diese Veränderung ist nicht eindimensional zu beschreiben. Einige Verbindlichkeiten werden abgebaut: Ist es unabhängig von Ort und Zeit möglich zu kommunizieren, so wird die Möglichkeit genutzt. Sie ersetzt dann geplante, frühzeitige Informationsprozesse. Andererseits ist damit auch die Erwartung verbunden, dass die Möglichkeiten genutzt werden. Die Einführung von Email kann aus einiger Distanz als erster Schritt in diese Richtung betrachtet werden: An einigen Schulen ist es heute üblich, dass sich kranke Schülerinnen und Schüler vom Unterricht bei all ihren Lehrpersonen per Email abmelden. In der Konsequenz führt das aber auch dazu, dass vor Unterrichtsbeginn Emails gelesen werden müssen – auf beiden Seiten entsteht eine höhere Verbindlichkeit.

Das Beispiel zeigt, dass neue Kommunikationsformen die Entwicklung neuer Normen und Werte erfordern. Das Bestehen auf einer bewährten Kommunikationskultur durch den Ausschluss Neuer Medien ist eine höchstens mittelfristig sinnvolle Strategie, die sich immer stärker von der medialen Wirklichkeit der Familien und der Jugendlichen entfernt und damit aufwändiger zu vermitteln sein wird. Entscheidend ist aber, dass eine kommunikative Kultur mit Social Media erarbeitet wird. Der Ethnologe Daniel Miller hat am Beispiel von Facebook gezeigt, wie das soziale Netzwerk in verschiedenen Kulturen ganz andere Formen annimmt. Es gibt, so seine Hauptthese, nicht ein Facebook, sondern in jeder Kultur ein ganz anderes. Analog gibt es nicht einfach Social Media mit festgelegten kommunikativen Verhaltensweisen, sondern kulturelle Prägungen von Social Media. Jede Schule kann und soll Social Media entsprechend vorhandener Werte und Normen formen.

Auszug aus der Präsentation der Helene-Lange-Schule.
Auszug aus der Präsentation der Helene-Lange-Schule.

Die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden war 2007 Trägerin des Deutschen Schulpreises der Robert Bosch Stiftung. In einer Dokumentation zur Schulkultur  sind folgende Stichworte festgehalten:

  • Beziehungen zwischen Menschen
  • Das bin ich – das sind wir. Einander kennen heißt einander akzeptieren.
  • Wertschätzung der Leistung jedes Einzelnen.
  • Klassenraum als »Zuhause«, die Klasse gibt Halt.
  • Rituale geben Orientierung.
  • Verantwortung übernehmen: Selbständig das Lernen organisieren.; Schüler helfen Schülern; wir leben in einer Welt.
  • Das Lehrerteam: Unterricht und Organisation, Evaluation, Schulentwicklung, Fortbildung, Aufgaben und Ämter.
  • Schule dem Leben außen öffnen.
  • Schule ganzheitlich leben: Fächerübergreifende Projekte.

An diesen Beispielen sieht man, dass gerade die individuelle und die soziale Komponente von Social Media geeignet sind, Schulkultur in einem positiven Sinne zu ermöglichen. Fast alle der hier zitierten Schlagwörter können direkt auf den Umgang von Jugendlichen mit Social Media bezogen werden: Auch dort gibt es ein Zuhause in einer Community, erhält jede und jeder Einzelne für Leistungen Aufmerksamkeit, findet Organisation durch Selbstorganisation statt, werden Verbindungen zwischen Themen und eine Öffnung nach außen leicht gemacht.

Twitter-Aktivitäten während der Tatort Sendung.
Twitter-Aktivitäten während der Tatort Sendung (Januar 2010).

Das heißt wiederum nicht, dass es ohne das Web 2.0 keine Schulkultur mehr geben kann. Aber die Befürchtung, sein Einsatz gefährde den Zusammenhalt und bewährte Konzepte, ist nur dann berechtigt, wenn neue Kommunikationsmittel nicht in die Kulturarbeit an einer Schule integriert werden. Wer länger Teil einer auf Social Media aktiven Gemeinschaft war, kann bestätigen, dass sich dort Menschen kennen lernen, die sich akzeptieren und wertschätzen und so gemeinsam auch Rituale pflegen. Jeden Sonntag Abend verbinden sich im deutschsprachigen Raum Tausende Menschen auf Twitter, um sich über den laufenden Tatort-Film auszutauschen. Sie finden dort eine Gemeinschaft, die ähnliche Interessen teilt, werden gehört und hören zu. Solche virtuellen Rituale sind auch einer Schulgemeinschaft zugänglich. Sie ermöglichen dann eine Verbindung auch im privaten Bereich, schaffen einen virtuellen Klassenraum, der auch dann ein Zuhause ist, wenn sich die Schülerinnen und Schüler nicht darin befinden.

Kontrollverlust und Filtersouveränität

Wie jede technische Innovation wurden auch die Möglichkeiten sozialer Vernetzung im Internet von Anfang an als Gefahr wahrgenommen. Fast zehn Jahre bevor Facebook erstmals im Netz auftauchte, lief in den Kinos ein Thriller mit Sandra Bullock in der Hauptrolle. The Net  (Irwin Winkler, 1995) zeigt eine Computerspezialistin, die ihre Beziehungen und geschäftlichen Kontakte praktisch komplett übers Internet abwickelt. Dies führt im Lauf des Films dazu, dass sie die Kontrolle über ihren Besitz, ihr Leben, ihre Beziehungen und ihre Identität verliert: Ihre Kreditkarten sind ungültig, ihre Sozialversicherungsnummer einer vorbestraften Frau zugeteilt, ihr Haus wird verkauft. Das Internet wird von der effizienten Technologie zur lebensbedrohlichen Waffe, die sich gegen die Benutzerin selbst wendet.

Diese düsteren Hollywood-Vision beschreiben keine Realität – aber sie zeigen, wie stark die Ängste sind, die mit der Gestaltung einer Online-Identität und der Pflege eines digitalen Beziehungsnetzes zusammenhängen. Wenn es sich letztlich nur um Daten handelt, die abbilden, wer ein Mensch ist und mit wem er in Kontakt steht, dann scheint es naheliegend, dass diese Daten missbraucht werden.

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Michael Seemann, ein deutscher Kulturwissenschaftler, der in seinen Arbeiten die gesellschaftlichen Veränderungen durch digitale Technologie nachzeichnet, fasst diese Zusammenhänge wie folgt zusammen:

Die These vom Kontrollverlust besagt, dass wir zunehmend die Kontrolle über Daten und Inhalte im Internet verlieren. Betroffen ist jede Form der Informationskontrolle: Staatsgeheimnisse, Datenschutz, Urheberrecht, Public Relations, sowie die Komplexitätsreduktion durch Institutionen.

Die Vorstellung von »informationeller Selbstbestimmung«, die viele Menschen haben und die auch rechtlich dokumentiert ist, ist angesichts der Möglichkeiten der Datensammlung, der Datenspeicherung und insbesondere der Datenverknüpfung nicht mehr länger haltbar. »Ein Kontrollverlust entsteht, wenn die Komplexität der Interaktion von Informationen die Vorstellungsfähigkeiten eines Subjektes übersteigt«, schreibt Seemann (pdf, S. 74). Er gibt dafür zwei Gründe an: Erstens bilden mobile und stationäre Aufzeichnungsgeräte die Welt heute digital ab; es gibt keine Handlung, die nicht zu einem Datensatz führen könnte. Zweitens ist es im Internet praktisch kostenlos möglich, Informationen weiterzugeben. Die Konstruktion des Internets ist dem Schutz von Daten entgegengesetzt, weil sie die Zirkulation von Daten erfordert.

Regierungen versuchen dem Kontrollverlust durch immer restriktivere Gesetzgebung in Bezug auf Internetkommunikation beizukommen. Nach dem Vorbild von China gibt es mittlerweile eine Reihe von Ländern, die Inhalte im Internet blocken und den freien Austausch von Informationen behindern. Die Organisation Reporters Without Borders zählt neben China elf weitere Ländern zu den »Feinden des Internets«, 14 weitere Ländern stehen unter Beobachtung, darunter auch Frankreich, Australien und die Türkei (Reporters Without Borders, S. 2) Bezeichnend ist, dass es in diesen Ländern für Expertinnen und Experten immer noch möglich ist, die Sperren zu umgehen und Informationen zu verbreiten, die Bemühungen zur Kontrolle also auch scheitern, wenn sie von Regierungen mit enormen Aufwand unternommen werden. Das heißt nicht, dass die Zensurbestrebungen nicht verheerende Folgen für die Grundrechte der Menschen in diesen Ländern hätten; aber es zeigt, dass der Kontrollverlust in der Internetkommunikation eine Tatsache ist, die nicht rückgängig zu machen ist.

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Diese Einsicht führt Seemann dazu, den Kontrollverlust zu akzeptieren und mit einem ethischen Konzept der Filtersouveränität zu koppeln:

Die Freiheit des Anderen, zu lesen oder nicht zu lesen, was er will, ist die Freiheit des Senders, zu sein, wie er will. «Filtersouveränität», so habe ich diese neue Informationsethik genannt, ist eine radikale Umkehr in unserem Verhältnis zu Daten.

Praktisch bedeutet das, dass Informationen so mitgeteilt werden sollen, dass andere in der Lage sind, Filter einzusetzen. Zu denken sind Beispielsweise an Werbefilter: Moderne Browser ermöglichen die Installation von Zusatzprogrammen, die Werbung im Internet komplett ausblenden (z.B. AdBlock). Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und Instragram zwingen User immer stärker dazu, sich auch Werbung anzusehen, indem sie direkt in die Funktionalität der Werkzeuge eingebunden wird. Wer die Dienste nutzen will, muss sich Werbung ansehen. Filtersouveränität wird verhindert.

Würde man Seemanns Überlegungen auf die Schule beziehen, so müsste man Schülerinnen und Schülern basierend auf der Einsicht, dass Lehrpersonen nicht kontrollieren können, was mit ihren Inhalten und Inputs passiert, die Freiheit gewähren, aus dem Informationsausgebot auszuwählen.

Filter allgemein verstanden ermöglichen die Suche nach erwünschten und das Ausblenden von unerwünschten Inhalten. Sie sind deshalb wichtig, weil die Speicherkapazitäten digitaler Medien heute die menschliche Fähigkeit, Daten zu verarbeiten, bei weitem übersteigern. Das zeigt das Potential dieser Entwicklung: Von Lehrerseite her kann jede Redundanz vermieden werden. Lehrvorträge müssten einmal gehalten werden und wären dann immer abrufbar, auffindbar. Dadurch könnten viel mehr interessante Referate zu verschiedenen Themen entstehen, eine Beschränkung auf ausgewählte Themen um Schülerinnen und Schüler nicht zu überfordern, wäre nicht nötig – da sie ja ihre eigenen Filter einsetzen und mit denen Überforderung verhindern. Die Fähigkeit, Filter einzusetzen, stellt eine wesentliche Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien dar.

Shooter-Spiele und Amokläufe

Zu so genannten Shooter-Spielen (oder »Killerspielen«) und Amokläufen wurde schon viel gesagt. Einiges davon ist Unsinn: Das Spielen am Computer bringt einen Menschen nicht dazu, andere und sich selber umzubringen. Selbst wenn man eine Korrelation feststellen könnte, lässt sich daraus keine Kausalität ableiten; d.h. wenn Amokläufer oft Shooter mögen, dann heißt das noch lange nicht, dass die Shooterspiele die Ursache für die Amokläufe sind. Deshalb ist es auch falsch anzunehmen, ein Verbot bestimmter Spiele könnte Gewalttaten verhindern.

Screenshot Far Cry 2
Screenshot Far Cry 2

Der entscheidende Punkt ist aber, wie es Menschen verändert, wenn sie tage- und nächtelang am Bildschirm andere Menschen in realitätsnahen Simulationen töten. Bert te Wildt ist der Ansicht, dass dabei oft Suchtverhalten vorliegt: Es trete oft mit anderen Krankheitsbildern kombiniert auf und verlagere einen Teil der Beziehungsarbeit ins Mediale. Dadurch werde die Fähigkeit, Empathie zu empfinden, eingeschränkt – weil es im Medialen keine Möglichkeit gebe, zu helfen. Letztlich handle es sich um Realitätsflucht, Bedürfnisse und Emotionen, mit denen real nicht umgegangen werden kann, werden in eine virtuelle Dimension verschoben.

Meiner Meinung nach können Eltern und Erziehende viel einfacher die Frage stellen, warum eine Jugendliche, ein Jugendlicher es als Freizeitbeschäftigung ansehe, andere Menschen zu töten. Was macht daran Spass? Was führt zu einer Befriedigung? Warum muss Gewalt in abscheulicher Detailtreue simuliert werden? Warum setzen sich Jugendliche Programmen aus, mit denen Soldaten das effiziente Töten lernen?

Screenshot Modern Warfare 3
Screenshot Modern Warfare 3

Letztlich scheint mir das ein entscheidender Punkt zu sein: Gewalttätige Menschen, die Gewalt in Simulation üben, können damit Gewalt zu ihrem Alltag machen, sie als Routine erleben, sie üben und damit andere Bedürfnisse und Emotionen überdecken. Das scheint mir das Problematische zu sein, was nicht mit Verboten zu lösen ist, sondern mit erzieherischer Arbeit und dem Status von Gewalt in einer Gesellschaft.

»Six Degress of Separation« als offene Lernumgebung

Ein offene Lernumgebung bedeutet grundsätzlich, dass Schülerinnen und Schüler eigene Fragestellungen entwickeln können und mit eigenen Werkzeugen und Methoden vorgegebene Fragen oder Probleme lösen. Besonders im Mathematikunterricht handelt es sich dabei um ein didaktisch viel versprechendes Konzept, weil es verhindert, dass Methoden rezeptartig angewendet werden. Vielmehr werden eigenständig zielführende Methoden gefunden, was oft mit tief schürfenden Lernprozessen verbunden ist.

Das Problem der kleinen Welt oder eben der »six degrees of separation« kann leicht eingeführt und auf Social Media bezogen werden:

Angenommen, wir treffen auf Facebook auf eine völlig unbekannte Person. Wie wahrscheinlich ist es, dass einer unserer Kontakte mit dieser Person befreundet ist? Wie wahrscheinlich ist es, dass einer unserer Kontakte mit jemandem befreundet ist, die oder der mit dieser Person befreundet ist?

Daran können nun einige Fragen angehängt werden:

  1. Wie könnte ein gutes Experiment aussehen, um diese Frage zu untersuchen?
  2. Angenommen, ich wollte die Bilder eines geschützen Facebook-Profils anschauen und ich weiß, dass ein Freund einer meiner Freundinnen mit der betreffenden Person verbunden ist; aber nicht, welche Freundin und welcher Freund das genau sind. Wie könnte ich vorgehen?
  3. Einige Inhalte von Facebook kann man so schützen, dass sie nur von »Freunden von Freunden« angeschaut werden können. Wie viele »Freunde von Freunden« gibt es wohl?
    Wie viele »Freunde von Freunden von Freunden«?

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Diese Fragen können mit sozialen Netzwerken beantwortet werden. Das Data-Team von Facebook hat die Nutzer intensiv untersucht und dabei herausgefunden, dass im Herbst 2011 die durchschnittliche Distanz zwischen zwei Usern 4.7 »Hops« waren, d.h. es braucht von Person A bis zu Person B 3.7 »Zwischenfreunde«. 6 Hops verbinden 99.9% aller Benutzerinnen und Benutzer von Facebook, 5 Hops 92%.#

Die meisten Netzwerke sind aber sehr lokal, innerhalb eines Landes sind die meisten User mit 4 Hops verbunden, zudem haben fast alle User eine bestimmten Alters Freunde mit demselben Durchschnittsalter.

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Facebook und die betreffenden Forscher kennen die sozialen Netzwerke, Stanley Milgram, auf den das berühmte Experiment zurückgeht, kannte sie nicht. Er ging wie folgt vor:

Das erste Kleine-Welt-Experiment wurde im Jahre 1967 von dem amerikanischen Psychologen Stanley Milgram, damals an der Harvard University, durchgeführt. Milgram erstellte eine Art Informationspaket, das 60 zufällig ausgewählte Teilnehmer an jeweils eine vorher festgelegte Person in Boston zu senden hatten. Als Startpunkte wählte er Personen aus den sozial und geografisch weit von der Zielstadt entfernten Städten Omaha und Wichita. Die Aufgabe der Teilnehmer bestand darin, das Paket nicht direkt an die Zielperson zu senden, sofern sie diese nicht persönlich kannten (bei ihrem Vornamen ansprachen), sondern an eine Person, die sie persönlich kannten und bei der die Wahrscheinlichkeit höher war, dass sie die Zielperson kannte. Gleichzeitig waren die Teilnehmer angehalten, grundlegende Daten über sich selbst in einer Tabelle zu vermerken und eine Postkarte an die Wissenschaftler zu senden, um die Kette nachvollziehbar zu machen.

Ein Team der Columbia-Universität (pdf) hat Milgrams-Experiment wiederholt – mit der Unterstützung von Computern.# Ihre Erkenntnisse waren, dass Menschen auch heute noch offline-Bekanntschaften bevorzugen, meistens Kontakte desselben Geschlechts wählen. Weder sehr enge noch sehr lose Bekanntschaften wurden besonders häufig gewählt; ausschlaggebend waren meist Beruf und Wohnort der »Zwischenfreunde«. Die Durschnittslänge waren 5 Hops (auch hier waren die Netzwerke nicht bekannt), nur 1.6% der Sendungen erreichten das Ziel.

Die Präventionsarbeit der Kantonspolizei Basel-Stadt

Ich habe schon einmal darüber berichtet, dass es im Kanton Basel-Stadt (Schweiz) die Aufgabe der Polizei ist, »Kinder und Jugendliche bei einem selbstständigen, kritischen und verantwortungsbewussten Umgang mit den neuen Medien zu unterstützen«.

Dafür hat die Kantonspolizei – genauer: die Präventionspolizei – sogar ein eigenes Facebook-Profil erstellt:

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Dort publizierte sie auch eine Umfrage zum Littering-Verhalten der Jugendlichen:

Auszug aus der Umfrage.
Auszug aus der Umfrage.

Wie 20Minuten und die bz berichten, kam es dabei zu einem peinlichen Problem: Die Antworten der Teilnehmenden erschienen auf deren Facebook-Chronik, waren also für all ihre Kontakte oder sogar für die Öffentlichkeit einsehbar. Damit wurden, so die Zeitungstitel, die Jugendlichen wegen Littering »geoutet« – ein in der Präventionsarbeit denkbar schlechtes Vorgehen. In 20Minuten wird der Sprecher der Kantonspolizei zitiert:

Laut Polizeisprecher Klaus Mannhart handelt es sich um ein Versehen: «Dass die Antworten auch in der Chronik der Teilnehmer erscheinen, wurde leider übersehen.» Der Präventions- und Jugendpolizei würden bei der Bewirtschaftung ihrer Facebookseite gewisse Freiheiten gewährt. Jedoch ­zeige das Beispiel, dass der Umgang mit Social Media komplexer sei als angenommen. Mannhart: «Wir werden die Situation überprüfen und eventuelle Massnahmen evaluieren.»

Man muss die Frage stellen, ob Präventionsarbeit und Vermittlung von Medienkompetenz von einer Stelle geleistet werden soll, welche die Komplexität sozialer Netzwerke unterschätzt. Generell kann man fragen, ob die Polizei in der Lage ist, Jugendliche in der Mediennutzung zu begleiten. Im Kontakt mit der Polizei ist der Gedanke an das Überschreiten von Gesetzen und den Schutz vor kriminellem Verhalten ständig präsent.

Meine Meinung: Den Umgang mit neuen Medien müssen Kinder und Jugendliche von ihren Eltern und ihren Lehrpersonen lernen, nicht von der Polizei.

 

Wir surfen nicht anonym – und kaufen auch nicht anonym ein

Wie 42floors berichtet, gibt es Datenbanken, die Webseiten anbieten, Menschen zu identifizieren, die sich ihre Seite ansehen. Das heißt konkret:

  1. Die Datenbanken sammeln Logininformationen, die wir auf Seiten hinterlassen. (Die Seiten verkaufen sie.)
  2. Diese Informationen enthalten auch Informationen, die automatisch gesammelt werden: IP-Adressen sowie die Konfiguration des Browsers und des Betriebssystems.
  3. Besuchen nun Menschen mit diesen Identifikationseigenschaften Seiten, ohne sich einzuloggen, werden die Login-Daten von einer andern Seite benutzt, um den Betreibern persönliche Informationen zu vermitteln.
  4. Die persönlichen Informationen wie Email-Adresse etc. werden benutzt, um personalisierte Angebote zu machen.
Screenshot von 42floors mit Informationen der Seitenbesucher, die sich nicht eingeloggt haben.
Screenshot von 42floors mit Informationen der Seitenbesucher, die sich nicht eingeloggt haben.

42floors erwähnt ein analoges Beispiel für diese Möglichkeiten:

You drive to Home Depot and walk in.  Closed-circuit cameras match your face against a database of every shopper that has used a credit card at Walmart or Target and identifies you by name, address, and phone.  If you happen to walk out the front door without buying anything your phone buzzes with a text message from Home Depot offering you a 10% discount good for the next hour.
[Übersetzung phw:] Du fährst zum Baumarkt und gehts rein. Überwachungskameras erkennen dein Gesicht, vergleichen es mit einer Datenbank aller Menschen, die schon jemals eine Kreditkarte in einem Supermarkt verwendet hat und identifizieren dich mit Name, Adresse und Telefonnummer. Sobald du rausgehst, ohne was gekauft zu haben, erhältst du eine SMS, die dir einen 10%-Gutschein offeriert, wenn du innerhalb der nächsten Stunde etwas kaufst.

Dieses Beispiel ist heute technisch möglich. Was im Internet passiert, passiert wohl auch in nicht primär digitalen Szenarien. Wir sind überall identifizierbar.