»Quizduell« als Beispiel für ein soziales Netzwerk

A social network site is a networked communication platform in which participants 1) have uniquely identifiable profiles that consist of user-supplied content, content provided by other users, and/or system-provided data; 2) can publicly articulate connections that can be viewed and traversed by others; and 3) can consume, produce, and/or interact with streams of user- generated content provided by their connections on the site. – Danah Boyd und Nicole Ellison

In einer revidierten Fassung ihrer einschlägigen Definition von sozialen Netzwerken betonen Boyd und Ellison neu den Zugang zu Inhalten über »Streams« (3), die User hervorbringen, konsumieren oder mit denen sie interagieren können.

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Ein schönes Beispiel für einen solchen Stream ist die App »Quizduell«. Die App erlaubt, mit Freunden oder Fremden ein Quiz in sechs Runden à drei Fragen zu stellen, die jeweils einer Kategorie entnommen werden, welche die Spieler abwechselnd bestimmen können.

Diese Fragen stellen einen »Stream« dar, der aufgrund unterschiedlicher Kriterien zusammengestellt wird (zufällige Wahl der Fragen/Kategorien, Wahl der Kategorien durch User). Quizduell ermöglicht es Usern auch, eigene Fragen einzustellen und so Streams herzustellen. Dadurch verändert sich das Profil: Wer fünf Fragen formuliert hat, erhält eine Krone zur Belohnung.

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Quizduell hat einen enormen Sog, weil es einerseits ermöglicht, das Spielen eines Fernsehquiz‘ in die kurze Arbeitspause reinzuquetschen, weil es andererseits zu einer spielerischen Herausforderung im Kreis der Bekannten lädt. Die Geschwindigkeit, mit der sich die App verbreitet hat, zeigt das Potential von Social Media auf: Sie schaffen individuelle Erlebnisse durch Interaktion mit anderen Menschen. Dass hier Wissen verarbeitet wird, ist nur am Rande relevant.

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Dabei nutzt Quizduell die Möglichkeiten sehr rudimentär. Es wäre eine viel genauere Steuerung der Streams möglich: User könnten in verschiedenen Formaten gegeneinander antreten, Antwortzeiten etc. einstellen. Zudem könnten Sie Fragen nach Schwierigkeit bewerten bzw. ein Algorithmus könnte das tun – und so die Wahl eines herausfordernden oder einfachen Spiels ermöglichen. Wer Fragen schreibt, könnte dafür ebenfalls an einer Art Spiel teilnehmen (wie schwierig sind die Fragen, die ich schreibe etc.) – so dass auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit dem Stream interagiert werden kann. Auch die statistische Tiefe der Auswertung könnte leicht vergrößert werden. 

Wer gegen mich spielen will, ist herzlich eingeladen: Ich heiße, wie immer, phwampfler. 

 

 

Eine Interpretation des Offline-Diskurses

Disconnect.
Disconnect. Elena Sariñena

Schweizer Blogger haben den kommenden Sonntag, den 15. Dezember, als Offlinetag designiert. Ihre Aufforderung:

Verbringt den Tag offline – mit Freunden und Familie, zu Hause, in der Natur, im Lieblingsrestaurant.

Was steckt hinter diesem Wunsch von Menschen, die ihre Smartphones und Laptops ständig nutzen?

Wie die knappe Aufforderung, die ich oben zitiert habe, zeigt, wird in der Vorstellung von Offline-Phasen der Mythos konstruiert, das Leben ohne digitale Kommunikation sei reichhaltiger, echter. »Freunde und Familie«, »Natur«, »Lieblingsrestaurant« – all das wird uns ja durch unser Smartphone nicht genommen. Der nostalgische Wunsch nach einer Zeit, in der Begegnungen und Gespräche tiefer waren, der Mensch mit seiner Umwelt verankert, Konzentration einfacher und Tätigkeiten sinnerfüllt – dieser Wunsch kennzeichnet die Moderne, deren Denkerinnen und Denker seit der Romantik über die Entfremdung klagen, zu welcher die Technologie geführt habe.

Das hat stark mit der Wahrnehmung unsere Identität zu tun. Die Kehrseite des Mythos ist die Vorstellung, es gäbe hinter unseren Avataren und unseren Inszenierung von uns selbst ein wahres Ich. »Sei ganz dich selbst« ist die paradoxe Aufforderung der Lifestyle-Magazine, die einem gleichzeitig die Anweisung mitgeben, wie denn dieses authentische Ich sich kleiden, ernähren und sexuell erfüllen müsse. Genau so selbstverständlich wie die Erfahrung einer Entfremdung ist die Einsicht der modernen Philosophie, dass Identität aus der Spannung zwischen der eigenen Wahrnehmung und der Wahrnehmung der anderen besteht, oder kurz: Dass es kein Ich ohne die Inszenierung eines Ichs geben kann.

Bezeichnend am Diskurs über Offline-Phasen ist die Pathologisierung von gewissen Verhaltensweisen. Wer zu oft auf einen Bildschirm starrt, gilt als süchtig und krank. Ohne neuartige Verhaltensweisen beschreiben zu können, werden sie als eine Abweichung von dem angesehen, was gesund und normal ist. Das zeigt auch das bekannte Video »I Forgot my Phone«: Als abweichend wird nicht die junge Frau angesehen, die sich der Vernetzung entzieht, sondern die Menschen, welche Verhaltensweisen an den Tag legen, die wir in unserem Alltag alle reproduzieren.

Letztlich geht es um die Bedrohung der neuen Möglichkeiten. Smartphones verändern Menschen: Sie erweitern unser Gedächtnis, unser Denken, sie verändern unsere Gefühle, unser Begehren. Wie das geschieht, wissen wir noch nicht genau – aber es wird Menschen nicht weniger echt und nicht weniger gesund machen, als sie es ohne digitale Technologie sind. Das Bedürfnis, Gefühle und Begehren zu normalisieren, ist die treibende Kraft hinter den Disconnectivistinnen und Disconnectivisten.

Dagegen spricht nichts. Es ist völlig legitim, Erfahrungen zu sammeln und zu reflektieren. Aber die Hoffnung, dadurch gesunder oder echter zu werden, ignoriert wesentliche Erkenntnisse über das Wesen des Menschen.

Das hält auch ein lesenswerter Artikel von Holm Friebe fest, der zeigt, wie stark diese Widersprüche auch mit den Gegebenheiten der Arbeitswelt und den Vorstellungen von Arbeit zusammenhängen:

Dass in einem derart nervösen Klima Besinnungsappelle, die uns zum achtsameren Umgang mit unserer Zeit mahnen und zu einem diätetischen Medienverhalten animieren, erneut Konjunktur haben und gerade in den sozialen Medien eine hohe Viralität erzielen, ist nicht Dialektik, sondern Ausdruck einer widersprüchlichen Wehmut.

(Viele Argumente nehmen Bezug auf Nathan Jurgensons Analyse der  »Disconnectionists«, wie er sie nennt.) 

Mein Beitrag für die #geheimwoz: »Ein Plädoyer für digitale Hygiene«

1349_packshot_grossHeute ist die Wochenzeitung ganz in schwarz erschienen. Für die Sonderausgabe »geheim«, in der es um Überwachung im digitalen Zeitalter geht, habe ich einen Text geschrieben – darüber, wie Laien Datensicherheit herstellen können.

Ich hatte viel Hilfe von Menschen, die etwas von der Sache verstehen – dafür möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken.

Hier ein Auszug, den ganzen Text gibts hier (und im Originallayout):

Vier empfehlenswerte Grundsätze: Daten sparsam anlegen, die angelegten so gut wie möglich schützen, sich beim Datenschutz solidarisch verhalten und weder die Gefahr noch den Nutzen der eigenen Vorkehrungen überschätzen. Da Daten nicht nur dann entstehen, wenn wir einen Computer oder ein Smartphone benutzen, ist das nicht einfach. Jeder Einkauf führt zu einer Datenspur, jede Bahnhofsbenützung oder Autofahrt zu digitalen Videoaufnahmen, jede Kommunikation mit technischen Hilfsmitteln zu sogenannten Metadaten, die zumindest angeben, wer wann miteinander in Kontakt getreten ist. Ob wir telefonieren, Briefe schreiben oder ein soziales Netzwerk benutzen, wird diesbezüglich zunehmend irrelevant. Die USA erfassen sämtliche Briefe digital, Poststellen werden zunehmend mit Video so überwacht, dass die AbsenderInnen von Paketen identifiziert werden können, und Telefongespräche können schon länger problemlos mitgeschnitten werden.

Dennoch lohnt sich jede Anstrengung in Bezug auf Datenschutz, weil sie den Aufwand erhöht, mit der Informationen gewonnen werden können. Letztlich ist Überwachung heute nur deshalb so leicht möglich, weil sie so billig ist. Kostet sie mehr – an Geld oder Zeit –, findet weniger davon statt.

Digitale Bildung und digitaler Boulevard – eine Begriffsbestimmung

Buzzfeed, Screenshot.
Buzzfeed, Screenshot.

Dirk von Gehlen analysiert in einem lesenswerten Blogpost das Prinzip von Buzzfeed – und bestimmt dabei genau, was digitaler Boulevard sein kann. Ich zeichne seinen Argumentationsgang kurz nach und übertragen ihn dann auf das Konzept der digitalen Bildung.

von Gehlen beginnt mit einer »erfrischenden Poolmetapher«, die selbstredend auch für digitale Bildungsprozesse gilt:

Man lernt Schwimmen auch nur, wenn man nass wird, und nicht, wenn man am Beckenrand vermeintlich schlaue Dinge über das Wesen des Wassers verbreitet.

Daher müsse man sich mit Netz-Journalismus praktisch auseinandersetzen, statt schlaue Theorien darüber zu verbreiten. von Gehlen tut das im Anschluss. Digitaler Journalismus kümmere sich auch um die Verbreitung von Inhalten, nicht nur um ihre Gestaltung.

Das Internet ist keine lineare Rampe, sondern ein vernetzter Raum. Distribution gehorcht hier schon technisch anderen Regeln als bei klassischen Rampen-Medien. Das bezieht sich zum einen auf den viralen Effekt digitalisierter Inhalte (jeder wird zum Sender), es bezieht sich aber sehr journalistisch darauf, dass es eine inhaltliche Beschäftigung mit Identität und Haltung der Leserschaft voraussetzt.

Die Buzzfeed-Inhalte seien geeignet, um damit digitale Identitäten zu formen. Wer im digitalen Journalismus tätig sei, müsse sich unter anderem folgende Fragen stellen:

  1.  Wie erreicht mein Inhalt seine Leser?
  2.  Nehme ich darauf Einfluss?
  3.  Was machen meine Leser mit diesem Inhalt?
Assoziationen zu digitaler Bildung von Daniel Spielmann
Assoziationen zu digitaler Bildung von Daniel Spielmann

Wie hängt das nun mit digitaler Bildung zusammen? Michael Gieding hat kürzlich Folgendes gesagt:

Es gibt Bildung, die man sich mit Geräten aneignet, die Binärcode verarbeiten, es gibt keine digitale Bildung.

Diese grammatikalische oder semantische Spitzfindigkeit über die deutsche Verwendung von Adjektiven oder die Bedeutung von »digital« lässt sich leicht umgehen, wenn man wie das Beispielsweise Lisa Rosa oft tut, digitale Bildung als Bildung unter den Bedingungen digitaler Kommunikation versteht.

Die Überlegungen von Gehlens bedeuten nun übertragen auf Bildungsprozesse, dass es erstens keinen klar vorgegebenen Distributionsweg mehr gibt und dass zweitens die Gestaltung von Bildungsinhalten mit dem Gedanken an ihre Verbreitung gekoppelt werden müsse.

Konkret heißt das, dass das Modell der Schule, die einen lehrerzentrierten Unterricht als Mix aus frontaler Show, Gruppenarbeiten und Übungen anbietet und so Bildungsinhalte verteilt, keinen Vorrang mehr genießen kann.

Zweitens heißt das, dass digitale Bildung dann gelingen kann, wenn Teilnehmerinnen oder Teilnehmer Bildungsinhalte so nutzen können, dass sich daraus ein Profil ergibt. Badges sind eine erste, sehr rudimentäre Form dieses Prinzips. Letztlich geht es darum, dass das Prinzip des »Teilens« im Netz auch ein Lehr- und Lernprozess mit verschiedenen Rollen sein kann.

Zwei – wiederum sehr rudimentäre – Beispiele:

  1. Ich teile einen Artikel zum Mindestlohn, der aufzeigt, dass für Staaten, bei denen die niedrigsten Löhne für Dienstleistungen bezahlt werden, die unabhängig von der Exportwirtschaft sind, Mindestlöhne nicht zu höherer Arbeitslosigkeit führen. Wer den Artikel liest, kann sich mit der Frage auseinandersetzen, wie Mindesrlöhne und Arbeitslosigkeit zusammenhängen.
  2. Ich stelle eine echte Frage, also eine, die mich bewegt und die gut formuliert ist, so dass klar ist, was mögliche Antworten auszeichnet. Auf diese Frage erhalte ich von meinem Netzwerk Antwortvorschläge und weiterführende Hinweise.

Wer also in einer womöglich immer wechselnden Rolle digitale Bildung betreibt, sollte sich auch mit der Frage auseinandersetzen, wie Inhalte mit Netzwerkeffekten gekoppelt werden können. Eine kleine Seite, die ich beispielsweise zum Thema Popliteratur erstellt habe, führt dabei zu nichts: Wer das heute sieht, setzt vielleicht ein Bookmark oder liest zwei, drei Abschnitte. Anschlussfähig ist daran wenig.

Plädoyer für einen nachlässigen Umgang mit dem Urheberrecht

Wenn ich an Schulfortbildungen mit Lehrpersonen über die Möglichkeiten und Grenzen des Einbezugs von Social Media in die schulische Arbeit und Kommunikation nachdenke, tauchen immer große Bedenken auf, was Urheberrechte anbelangt.

Ein Beispiel. Die AGBs von Facebook enthalten folgenden Passus:

Du gibst uns eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, gebührenfreie, weltweite Lizenz zur Nutzung jeglicher IP-Inhalte, die du auf oder im Zusammenhang mit Facebook postest.

Wenn ich nun als Lehrperson ein Arbeitsblatt (z.B. »Pornografie in Katz und Maus«) auf Facebook hochlade, dann erteile ich Facebook Rechte, die ich gar nicht besitze: Das Urheberrecht (genauer: das exklusive Nutzungsrecht; Zusatz 28. November abends) an Arbeitsblättern hält nämlich mein Arbeitgeber, nicht ich selbst. Also dürfte ich nur dann Inhalte hochladen, die ich in meiner Arbeitszeit erstellt habe, wenn mein Arbeitgeber davon Kenntnis hat und damit einverstanden ist. Kurz: Ich darf grundsätzlich einmal nichts hochladen, was ich in der Zeit erstellt habe, für die ich bezahlt bin.

Roy Lichtenstein. Quelle
Roy Lichtenstein. Quelle

Weiter enthält mein Arbeitsblatt ein Bild von Roy Lichtenstein – dessen Urheberrechte mir ehrlich gesagt komplett unklar sind.

Was tun? Es gibt aus meiner Sicht zwei Haltungen: Die vorsichtige verzichtet bei allen Unklarheiten darauf, Material verfügbar zu machen. So lange nicht völlig klar ist, dass die beabsichtigte Nutzung eines Inhalts mit den Absichten der UrheberrechtsinhaberInnen konform ist, verzichtet man auf die Nutzung.

Die nachlässige – und für die plädiere ich – befolgt nur vier Prinzipien:

  1. Man gibt sich nie als UrheberIn eines fremden Werkes aus.
  2. Quellen werden verlinkt oder angegeben.
  3. Beanstandungen von rechtmässigen UrheberInnen werden berücksichtigt.
  4. Diese Art der Nutzung erfolgt nicht kommerziell: Sobald mit Inhalten direkt Geld verdient wird, werden die UrheberInnen geltendem Recht gemäß befragt und entschädigt.

Der Grund, weshalb ich auf die vorsichtige Haltung verzichte, dürfte klar sein: Nur wenn ich andere Werke zitiere, kann ich das darin enthaltene weiterentwickeln und weiter denken. Eine Kultur, die Inhalte gewissen Zugriffen entzieht, ist leblos. Dann stellt sich aber die Frage, weshalb ich darauf verzichte, das Angebot von vernünftigen Lizenzen wie Creative Commons nicht zu nutzen? Der Grund dafür ist eine gewisse Frustration, die Michael Seemann treffend beschreibt:

Creative Commons ist das Gegenteil eines verständlichen Urheberrechts. Es braucht eine lange Einarbeitungszeit in den Lizenzwust, und selbst dann macht man ständig Fehler. Wirklich verstanden werden die Lizenzen nur in Nerdkreisen, die sich darauf spezialisiert haben. Es ist kein Zufall, dass es Alltag in Redaktionen und Blogs ist, gegen CC-Lizenzen zu verstoßen oder meist gleich zugunsten kommerzieller Angebote darauf zu verzichten.

Mir ist bewusst, dass ich mich damit in einer rechtlichen Grauzone befinde. Gerade als Lehrer ist das nicht optimal: Will ich meinen Schülerinnen und Schülern wirklich vermitteln, dass Urheberrecht irrelevant ist und sie es missachten können, wenn sie wollen? Nein, das will ich nicht. Ich will ihnen die Idee des Urheberrechts vermitteln: Fremde Ideen als als solche zu bezeichnen und kein Geld mit dem zu verdienen, was andere geleistet haben. Jede darüber hinausgehende Art von Bürokratie lehne ich aber so lang ab, wie mir nicht jemand explizit sagt, dass das unerwünscht ist.

Ein schlechtes Gewissen habe ich keines. Ich unterstelle anderen Herstellerinnen und Herstellern von Inhalten, dass sie mit so etwas wie »Fair Use«, ob es das in ihrem nationalen Urheberrecht geben mag oder nicht, einverstanden sind. Sind sie es nicht, berücksichtige ich diesen Wunsch. Meine Inhalte – z.B. die Texte in diesem Blog – darf verwenden, wer sie verwenden möchte. Wozu ist mir egal, so lange darauf verwiesen wird, dass sie von mir stammen.

Wie die Schule mit problematischen Facebook-Äusserungen umgehen soll

Made, Society 6.
Made, Society 6.

Im Rahmen der Diskussion um den Schüler, der anlässlich seines Geburtstags eine – seiner Meinung nach satirische – Drohung auf Facebook publiziert hatte und wegen »Schreckung der Bevölkerung« verurteilt worden ist, werde ich immer wieder gefragt, wie denn Lehrpersonen und Schulleitungen damit umgehen sollen, wenn Sie auf problematische Einträge in sozialen Netzwerken hingewiesen werden.

Betrachten wir dazu ein reales Beispiel, das mir zugetragen worden ist: Eine Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener hat an einem Wochenende einen Youtube-Abend veranstaltet und lustige Videos angeschaut – darunter auch eines von der Dave Chappelle Show mit einem Auszug aus einem Interview von Rick James. Der Musiker sagt: »Cocaine’s a hell of a drug« – »Kokain ist eine potente Droge«.

Ein 17-jähriger Gymnasiast postete das Zitat – »Cocaine’s a hell of a drug« – morgens um zwei auf seinem Facebook-Konto. Am folgenden Montag wurde er von einem Lehrer, der von diesem Beitrag durch andere SchülerInnen erfahren hatte, damit konfrontiert und musste sich vor diesem Lehrer und dem Schulleiter für seinen angeblichen Drogenkonsum rechtfertigen.

Geht das, so die Frage an mich, in Ordnung? Das Facebook-Konto sei so privat wie die Aktivitäten am Wochenende. Beides gehe die Schule nichts an und gehöre zum Privatleben des Schülers.

Formell ist das sicher richtig. Allerdings entspricht es den pädagogischen Vorstellung in der Schweiz, dass Lehrpersonen wenn immer möglich Schülerinnen und Schüler bei privaten Problemen beraten. Dabei gilt es jedoch Folgendes zu beachten:

  1. Die Beratung darf nicht auf einer Annahme oder Unterstellung basieren, sondern muss von Fakten oder Wahrnehmungen der Schülerin, des Schülers ausgehen.
  2. Deshalb muss bei kolportierten oder medial dargestellten Gefährdungen zunächst der Kontext abgeklärt werden, indem alle Beteiligten zu ihrer Sicht befragt werden – im konkreten Beispiel wohl auch die Eltern des Schülers. Schon eine einfache Google-Suchanfrage hätte hier ergeben, dass es sich um ein Zitat handelt, nicht um einen authentischen Erfahrungsbericht.
  3. Die Beratungsfunktion der Schule ist nicht eine strafrechtliche Verfolgung. Die Polizei ist dann einzuschalten, wenn eine realistische Gefährdung für andere besteht. Bei Hinweisen auf Drogenkonsum steht nicht die Strafverfolgung im Mittelpunkt der pädagogischen Aktivitäten, sondern Unterstützung für betroffene Schülerinnen und Schüler.

Der Fall ist deshalb anders gelagert als der des Luzerner Ex-Gymnasiasten, der seine Mitschülerinnen und Mitschüler erschreckt hat und deshalb verurteilt worden ist. Dennoch lässt sich aus beiden Fällen eine einfache Checkliste für Zweifelsfälle ableiten, wenn Lehrpersonen von problematischen Einträgen auf sozialen Netzwerken hören:

  1. Könnte eine Gefährdung für eine oder mehrere Personen bestehen?
  2. Was sagt die verantwortliche Person dazu? In welchem Kontext steht der Beitrag?
  3. Wie wird der Eintrag von anderen Schülerinnen und Schülern wahrgenommen?
  4. Wenn der Eindruck noch vorhanden ist, dass es eine echte Gefährdung oder Bedrohung gibt:
    a) Entweder Betroffenen Beratung und Unterstützung anbieten und sie auf Fachstellen aufmerksam machen
    b) oder die Polizei einschalten.
  5. Egal, welche Option bei 4. gewählt wird: Betroffene Personen sowie ihre Eltern müssen über das Vorgehen und die Beweggründe informiert werden.

Ohne psychologisches Feingefühl und medienpädagogischen Sachverstand läuft so etwas nicht ab – beides sollten Lehrpersonen entweder mitbringen oder bei Kolleginnen und Kollegen abrufen können. Das Vorgehen stellt aber sicher, dass Lehrpersonen sich keine Vorwürfe machen müssen, wenn ein Problem außer Kontrolle gerät.

»Vorsicht, falsche Fuffziger« – über Fake-Profile im Internet

Falsche Fuffziger

In der Rheinpfalz am Sonntag ist gestern ein Artikel von Thomas Huber über Fakes erschienen, zu dem ich auch beigetragen habe. Er basiert auf meinen Tipps, wie man sich vor falschen Profilen im Netz schützen kann. Ausgangspunkt ist der Fall von Victoria Hamburg, den ich sehr zur Lektüre empfehle. Mittlerweile ist auch eine Fortsetzung mit weiterführenden Gedanken erschienen.

Ein Klick auf das Bild öffnet den ganzen Beitrag als Bild-File, hier ein Auszug:

Auf keinen Fall sollten sich Netznutzer von der Vollständigkeit eines Profils blenden lassen. Manche Faker betreiben einen recht großen Aufwand, um ihre digitale Zweitpersönlichkeit mit so vielen Details wie möglich anzufüttern, erfinden auch Lebensereignisse und reichern so die Zeitleiste bei Facebook an. Auch die nächste Stufe des Fakertums erklimmen manche: Sie legen weitere Profile an und verbinden sie mit dem ursprünglichen Profil. Das Ergebnis ist ein Netzwerk von „Sockenpuppen“, die einander gegenseitig ihre Existenz bestätigen können. Im Fall von Victoria aus Hamburg geht die Bloggerin davon aus, dass ihr Faker nicht weniger als 16 verschiedene Identitäten erschaffen hat, um sie und andere Frauen von seiner Echtheit zu überzeugen.

Den Trick, den Wampfler vorschlägt, um solche Sockenpuppen zu enttarnen, nennt er „Triangulationsmethode“. Dabei müssen 2 weitere Personen, die beide vertrauenswürdig sind, die Existenz des betreffenden Profilinhabers bestätigen. Auf Facebook gibt es einen Automatismus, der etwas darüber aussagt, wie viele gemeinsame Bekanntschaften es mit einem anderen Benutzer gibt. Allerdings: Facebook wird normalerweise benutzt, um bestehende Bekanntschaften zu bestätigen, nicht um neue Leute kennen zu lernen. Unbekannte, die sich dort an einen ranwanzen und keinerlei gemeinsame Bekannte aufweisen, sollten ohnehin mit äußerster Vorsicht betrachtet werden. Im Zweifelsfall und vor allem für Anfänger mit Facebook & Co. hilft es laut Wampfler auch, ein „Zweitgutachten“ erstellen zu lassen: Das heißt, jemand, der schon lange in den Sozialen Netzwerken unterwegs ist, sollte sich ein zweifelhaftes Profil ansehen. Solche Leute haben meistens einen Riecher dafür, wenn etwas faul ist.

Jugendliche schreiben so viel wie noch nie

Unsere Schülerinnen und Schüler schreiben so viel wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Unser Schreiben verändert sich massiv. Die Herausforderung für die Schule besteht darin, herauszufinden, was seine Bedeutung ist, um für die nützlich zu sein, die ihre Erfahrung in Kompetenzen ummünzen möchten.

Dieses Zitat von von Jeff Grabill, der die Schreibaktivitäten amerikanischer Studierender untersucht hat, erstaunt nicht: Es ist in der digitalen Kommunikation kaum denkbar, sich zu präsentieren, ohne akzeptabel schreiben zu können. Beziehungen werden meist schriftlich angebahnt: Kommentare werden verfasst, Nachrichten ausgetauscht.

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Andrew Simmons, ein erfahrener Englischlehrer, beobachtet bei seinen Schülerinnen und Schülern eine massiver Verbesserung bei der Kompetenz, eigene Gefühle schriftlich auszudrücken. Tatsächlich geben in der Studie von Grabill über 90% der Studierenden an, sie würden hauptsächlich schreiben, um ein persönliches Bedürfnis zu stillen. Das hat, folgt man Simmons, besonders einen Einfluss auf männliche Jugendliche, die sich in sozialen Netzwerken von traditionellen Rollenbildern lösen könnten:

Just as social networking frees users from public decorum and encourages the birthing of troll alter egos, it allows my students to safely, if temporarily, construct kinder, gentler versions of themselves as well.

Das informelle Schreiben in den sozialen Netzwerken hat aber seine Grenzen:

Writing isn’t just about the spilling of guts, obviously, but the transparency encouraged by social networking has laid the foundation for this freedom. When this freedom results in powerful, honest writing, it can in turn result in true healing for kids—not just the momentary reassurance a well-received status update may provide.

Soll Schreiben diese psychologische Funktion für Jugendliche annehmen, muss es aus dem Kontext der schnelllebigen Netzwerke in Formen überführt werden, die mehr Geduld erfordern – einerseits durch intensivere Arbeit an Texten, andererseits durch eine verzögerte oder gar ausbleibende Reaktion der Mitmenschen.

Schreiben ist für Jugendliche wichtiger denn je. Das ist eine große Chance für die Schule – aber auch eine Herausforderung. Die Form ihres Schreibens ist oft weit von dem entfernt, was Textsorten im Schulunterricht traditionellerweise verlangen. So können etablierte Verfahren und Bewertungsprozesse schnell zum Eindruck führen, es würden Kompetenzen verloren gehen, wenn gleichzeitig wichtige erworben werden – nur nicht die, welche gemäß dem Kanon gefragt sind.

(Dieser Beitrag wurde bei Rivva verlinkt.)

Kettenbriefe auf WhatsApp

Nach einem Artikel im Mamablog über einen verstörenden WhatsApp-Kettenbrief habe ich gestern mit Gabriela Braun darüber gesprochen, dass Kinder oft bei Kettenbriefen zum ersten Mal auf ein Medienproblem stoßen, das sie selbst nicht bewältigen können. Im Interview wird deutlich, wie wichtig es ist, dass die Mediennutzung von Kindern begleitet wird – Medienkompetenz entsteht nicht, wenn solche Situationen vermieden werden, sondern wenn Kinder sie bewältigen können. Dafür brauchen sie die Begleitung von Erwachsenen.

Online ist ein kurzes Interview mit mir entstanden, der Print-Artikel zitiert eine Aussage von mir.

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Wie PR Informationen verunreinigt

Kürzlich habe ich hier im Blog kritisch darüber berichtet, dass die Swisscom um Schulen einen wirksamen Contentfilter anbieten zu können, mit Hilfe einer amerikanischen Firma verschlüsselte Kommunikation teil- und zeitweise entschlüsselt.

Auf meinen Blogpost erhielt ich viele Kommentare, unter anderem auch deswegen, weil der Blogpost für meine Verhältnisse oft gelesen und verlinkt wurde. Drei dieser Kommentare lasen sich wie folgt:

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Die drei Kommentare nahmen klar zu einem Problem Stellung. Auf sozialen Netzwerken tauchte schnell die Frage auf, ob sie PR enthielten. Haben Verantwortliche bei der Swisscom aufgrund der Kritik diese Kommentare verfasst oder verfassen lassen?

In diesem Beitrag soll diese Frage nicht geklärt werden (der oberste Beitrag wurde von einer der Swisscom zugewiesenen IP-Adresse aus verfasst, was aber kein Beleg für oder gegen die These ist). Es geht auch nicht um die Swisscom, sondern um das allgemeine Problem, das PR im Netz für Menschen bedeutet, die mit Informationen lernen oder arbeiten.

Das Problem geht von einer Einsicht aus, die Brian Solis in seinen Büchern formuliert hat: Unternehmen können nicht länger Botschaften von Marketingabteilungen mittels Werbung aussenden, weil ihre Produkte durch die Möglichkeiten der Netzkommunikation konstant öffentlich bewertet und kommentiert werden. Um Vertrauen gegenüber einer Marke entstehen zu lassen, reicht eine Markengeschichte oder eine Inszenierung der Marke nicht aus, das Vertrauen wird häufig in der halb-öffentlichen Interaktion generiert.

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Da sich Vertrauen häufig auch als soziales Phänomen ergibt, liegt es nahe, sich positiven Einfluss aufs Vertrauen zu kaufen. So lassen sich Profis anstellen, die:

  1. Kommentare schreiben
  2. Bewertungen abgeben
  3. Artikel schreiben
  4. Wikipedia füllen.

Im Anschluss an die These von Malcolm Gladwell, dass es Menschen gebe, welche einen besonderen Einfluss auf andere ausüben, werden insbesondere in Social Media aktive Menschen stark dazu angehalten, Werbung zu machen. So offeriert Zalando Bloggerinnen und Bloggern wie mir Gutscheine, wenn sie sie den Dienst ausprobieren und darüber schreiben, der Zürcher Künstler und Kurator Philipp Meier hat kürzlich von Microsoft ein Tablet geschenkt bekommen und Renato Mitra, der mit seinem Apfelblog bereits wenig Distanz zur Welt des Marketings zeigte, bloggt neu für Mini – als Gegenleistung darf er die Autos gratis fahren.

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Mitra schreibt dazu im Impressum:

MINIBlog.ch wird nicht im Namen von MINI Switzerland geführt, sondern von der Privatperson Renato Mitra. Die Gestaltung, die Community wie auch inhaltliche Themen und Meinungen werden nicht von MINI Switzerland beeinflusst.

Meine eigene Erfahrung lassen mich daran zweifeln. Spätestens, wenn Mitra auf Sicherheitsprobleme von Minis aufmerksam machen möchte, dürfte der Druck, eine bestimmte inhaltliche Botschaft rüberzubringen, wachsen.

Gibt es ein Problem? Meier, Mitra und ich sind informierte Zeitgenossen. Wir können frei entscheiden, ob wir eine Entschädigung annehmen wollen und ob unsere Gegenleistung dafür angemessen ist (mein Verdacht ist, dass Social-Media-Akteure und -Akteurinnen oft einiges günstiger sind als professionelle Werberinnen und Werber). Und in all diesen drei Fällen wird der interessierten Leserschaft auch schnell deutlich, dass es sich um PR handelt – sie kann entsprechend reagieren (z.B. interessieren mich Mitras Kanäle nicht mehr, wenn sie mit Mini-Werbung gefüllt sind).

Aber letztlich produzieren wir Informationen, die verunreinigt sind. Was wir präsentieren, entspricht nicht mehr ganz unserer Haltung. Thema oder Instrumente sind vorgegeben. Jede Information hat potentiell eine PR-Komponente, die nicht in allen Fällen separat ausgewiesen wird. Wer dafür bezahlt wird, Wikipedia-Artikel zu schreiben, kann das dort nicht einmal vermerken. Wer im Auftrag von Unternehmen Kommentare in Newsportale oder Blogs abfüllt, soll das nicht vermerken.

Was dazu dient, Vertrauen in eine Marke zu erzeugen, schafft Misstrauen in Informationen von Fremden. Während Kommentare für mich ein ideales Mittel sind, auch harte Kritik abzuholen, weil ich Kommentierenden erlaube, das komplett anonym zu tun, so sind sie gleichzeitig auf ein ideales Mittel, auf meinem Blog Links und Meinungen zu platzieren, die nicht von den Kommentierenden, sondern von Unternehmen vertreten werden.

Eine Wertung lasse ich bewusst weg, sondern schließe mit der Beobachtung, dass gerade jungen Menschen oft das Gefühl abgeht, wie stark der Einfluss und wie gross die Möglichkeiten bezahlter PR sind.