Übergriffe auf Social Media – die fehlende Objektivität

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Im Magazin des Tages-Anzeigers geht es in der Titelgeschichte um einen Schweizer Gymnasiasten, der an seinem Geburtstag folgenden Kommentar hinterlassen hatte (pdf, ein Interview mit der Autorin gibt es hier):

Freut sich hüt niemert, dass ich gebore worde bin… ich schwör, ich zahls eu allne zrug! es isch nöd e frag vo de Höflichkeit, sondern vom Respekt und Ehre. Ich vernichte eu alli, ihr werdet es bereue, dass ihr mir nöd in Arsch kroche sind. Denn jetzt chan eu niemert me schütze… Pow! Pow! Pow!

Ist dieser Jugendliche gefährlich? Mit dieser Frage, so die These der Autorin Denise Bucher, hatte die Schweizer Justiz Mühe mit Social Media, weil sie unerfahren in diesem Gebiet sei. Sie zitiert den Berner Strafrechtsprofessor Martino Mona, der sagt, der Eintrag sei »lächerlich. Drohen wegen zu wenig Geburtstagswünschen? Also, für einen normalen Menschen ist das lächerlich. Für einen Amokläufer kann es ernst sein«.

Der Jugendliche wurde wegen »Schreckung der Bevölkerung« zu einer Busse von 1350 Franken verurteilt, er muss zudem die Verfahrenskosten von 13’600 Franken übernehmen.

Wo liegt das Problem? Inhalte in Social Media gleichen denen in einem persönlichen Gespräch: Sie sind nicht objektiv verständlich, sondern nur im sozialen Kontext. Relevant sind die Erwartungen. Ist der folgende Ausschnitt Teil eines Konflikts oder harmloses Gerede? Wie erkennt man das?

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Lehrpersonen haben mir kürzlich erzählt, Eltern seien besorgt gewesen, weil ein Schüler auf WhatsApp geschrieben habe: »Ich bringe dich um!« Schülerinnen und Schüler sagen sich das täglich in Schweizer Schulen tausendfach, ohne dass es Anlass zur Besorgnis geben würde. Steht es aber da und wird aus dem Kontext gerissen, wird das viel schwieriger zu beurteilen.

Dabei ist das Argument, jemand habe das anders gemeint, es sei ein Witz gewesen – was auch der Urheber der Geburtstagsdrohung sagt – nur ein Teil dessen, was relevant ist. Einbezogen werden müssen auch die Erwartungen seines Publikums – und davon ist nur ein Teil mit dem Autor bekannt, ein anderer Teil schaut einfach nur zu, weil die Inhalte halb-öffentlich sind.

Die Herausforderung ist groß. Inhalte müssen gedeutet werden. Es gibt nicht einfach Worte, die klar etwas besagen, sondern sie beziehen ihre Bedeutung aus dem Kontext. Damit ist die Justiz überfordert, gerade in Zeiten, in denen jedes Risiko vermieden werden muss. Das zeigt diese Geschichte.

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philippe-wampfler.ch

6 Comments

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  2. Das Problem ist, dass wir eine Schriftkultur haben. Geschriebenes ist verbindlich, wir unterschreiben Verträge, was geschrieben ist, gilt. Da die Online-Kommunikation, die von ihrem Stil und ihrer subjektiven Bedeutung eher dem Mündlichen entliehen ist, kommt es zu solch unfassbaren Missverständnissen und Urteilen.

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  4. Noch etwas: Auch der Satz „Ich bring dich um“, EGAL in welchem Kontext und von welcher Altersstufe, wird an meiner Schule nicht unter „ist halt so üblich unter Jugendlichen“ hingenommen. Er führt (Minimum) zu einem ernsten Gespräch mit unserem Schulsozialarbeiter + weiteren Sanktionen.

    • Danke für beide Kommentare.
      Ich will nicht sagen, dass solche Aussagen einfach hingenommen und ignoriert werden sollen. Aber wenn sich jemand im Kollegenkreis eines bestimmten Jargons bedient, der eben auch metaphorische und übertriebene Drohungen enthält, die aber die Adressaten in der Regel entschlüsseln können, ist das etwas anderes als eine telefonische Drohung, die ja nicht in eine Geschichte von Drohungen eingegliedert werden kann. Also: Würde im Dorf täglich eine Verrückte mit exakt demselben Wortlaut androhen, ein Gebäude anzuzünden, und wäre allen klar, dass sich diese Person in einer geschlossenen Anstalt befindet und noch nie auch nur ein Baumhaus angezündet hat, dann würde man wahrscheinlich irgendwann anfangen, diesen Kontext einzubeziehen.
      Drohungen sollen und müssen ernst genommen werden. Aber nicht alles, was wie eine Drohung aussieht, ist auch eine.

  5. In unserem Ort gab es diese Woche eine telefonische Bombendrohung in einem öffentlichen Gebäude. Das Gebäude wurde NATÜRLICH geräumt – in diesen Situationen kann man nicht lange über Kontext nachdenken. Ende des Liedes: die Drohung stellte sich (wie auch vermutet/erhofft) als haltlos heraus. Warum ich das erzähle? Ich denke, der Kontext ist bei solchen, öffentlichen Äußerungen irrelevant. Es gibt hier keine Zeit für mögliche Analysen – im Zweifelsfall müssen öffentliche Äußerungen/offene Drohungen oder Beleidigungen immer ernst genommen werden. Wenn man sie aber ernst nimmt und in irgend einer Weise „amtlich“ reagiert, kann das teuer werden. Der Verursacher trägt die Kosten – so einfach ist das. Der obige Sprachduktus, der zwischen Jugendlichen vielleicht üblich ist, ist NICHT öffentlichkeitsgeeignet, sei es verbal (z.B. in der S-Bahn) oder schriftlich. Schriftlich ist er nur leichter zu ahnden. Aber einfach „stehen lassen“ sollte man solchen provokativen Sprachmüll nie.

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