Digitale Bildung und digitaler Boulevard – eine Begriffsbestimmung

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Chancen / Kommunikation / Medien
Buzzfeed, Screenshot.

Buzzfeed, Screenshot.

Dirk von Gehlen analysiert in einem lesenswerten Blogpost das Prinzip von Buzzfeed – und bestimmt dabei genau, was digitaler Boulevard sein kann. Ich zeichne seinen Argumentationsgang kurz nach und übertragen ihn dann auf das Konzept der digitalen Bildung.

von Gehlen beginnt mit einer »erfrischenden Poolmetapher«, die selbstredend auch für digitale Bildungsprozesse gilt:

Man lernt Schwimmen auch nur, wenn man nass wird, und nicht, wenn man am Beckenrand vermeintlich schlaue Dinge über das Wesen des Wassers verbreitet.

Daher müsse man sich mit Netz-Journalismus praktisch auseinandersetzen, statt schlaue Theorien darüber zu verbreiten. von Gehlen tut das im Anschluss. Digitaler Journalismus kümmere sich auch um die Verbreitung von Inhalten, nicht nur um ihre Gestaltung.

Das Internet ist keine lineare Rampe, sondern ein vernetzter Raum. Distribution gehorcht hier schon technisch anderen Regeln als bei klassischen Rampen-Medien. Das bezieht sich zum einen auf den viralen Effekt digitalisierter Inhalte (jeder wird zum Sender), es bezieht sich aber sehr journalistisch darauf, dass es eine inhaltliche Beschäftigung mit Identität und Haltung der Leserschaft voraussetzt.

Die Buzzfeed-Inhalte seien geeignet, um damit digitale Identitäten zu formen. Wer im digitalen Journalismus tätig sei, müsse sich unter anderem folgende Fragen stellen:

  1.  Wie erreicht mein Inhalt seine Leser?
  2.  Nehme ich darauf Einfluss?
  3.  Was machen meine Leser mit diesem Inhalt?
Assoziationen zu digitaler Bildung von Daniel Spielmann

Assoziationen zu digitaler Bildung von Daniel Spielmann

Wie hängt das nun mit digitaler Bildung zusammen? Michael Gieding hat kürzlich Folgendes gesagt:

Es gibt Bildung, die man sich mit Geräten aneignet, die Binärcode verarbeiten, es gibt keine digitale Bildung.

Diese grammatikalische oder semantische Spitzfindigkeit über die deutsche Verwendung von Adjektiven oder die Bedeutung von »digital« lässt sich leicht umgehen, wenn man wie das Beispielsweise Lisa Rosa oft tut, digitale Bildung als Bildung unter den Bedingungen digitaler Kommunikation versteht.

Die Überlegungen von Gehlens bedeuten nun übertragen auf Bildungsprozesse, dass es erstens keinen klar vorgegebenen Distributionsweg mehr gibt und dass zweitens die Gestaltung von Bildungsinhalten mit dem Gedanken an ihre Verbreitung gekoppelt werden müsse.

Konkret heißt das, dass das Modell der Schule, die einen lehrerzentrierten Unterricht als Mix aus frontaler Show, Gruppenarbeiten und Übungen anbietet und so Bildungsinhalte verteilt, keinen Vorrang mehr genießen kann.

Zweitens heißt das, dass digitale Bildung dann gelingen kann, wenn Teilnehmerinnen oder Teilnehmer Bildungsinhalte so nutzen können, dass sich daraus ein Profil ergibt. Badges sind eine erste, sehr rudimentäre Form dieses Prinzips. Letztlich geht es darum, dass das Prinzip des »Teilens« im Netz auch ein Lehr- und Lernprozess mit verschiedenen Rollen sein kann.

Zwei – wiederum sehr rudimentäre – Beispiele:

  1. Ich teile einen Artikel zum Mindestlohn, der aufzeigt, dass für Staaten, bei denen die niedrigsten Löhne für Dienstleistungen bezahlt werden, die unabhängig von der Exportwirtschaft sind, Mindestlöhne nicht zu höherer Arbeitslosigkeit führen. Wer den Artikel liest, kann sich mit der Frage auseinandersetzen, wie Mindesrlöhne und Arbeitslosigkeit zusammenhängen.
  2. Ich stelle eine echte Frage, also eine, die mich bewegt und die gut formuliert ist, so dass klar ist, was mögliche Antworten auszeichnet. Auf diese Frage erhalte ich von meinem Netzwerk Antwortvorschläge und weiterführende Hinweise.

Wer also in einer womöglich immer wechselnden Rolle digitale Bildung betreibt, sollte sich auch mit der Frage auseinandersetzen, wie Inhalte mit Netzwerkeffekten gekoppelt werden können. Eine kleine Seite, die ich beispielsweise zum Thema Popliteratur erstellt habe, führt dabei zu nichts: Wer das heute sieht, setzt vielleicht ein Bookmark oder liest zwei, drei Abschnitte. Anschlussfähig ist daran wenig.

The Author

philippe-wampfler.ch

5 Comments

  1. teilen und fragen: das gefällt mir auch gut als formel.
    hier eine spontane systematisierung von lern-modi:

    soziales lernen: teilen & fragen
    netzwerk-lernen: impulse in die cloud schicken & möglichst viele anschlüsse schaffen (damit eigendynamik entstehen kann & zurückkommt)
    offenes lernen: laut arbeiten, über die schulter schauen und schauen lassen
    individuelles lernen: tüfteln und aneignen

  2. Lisa Rosa says

    Das gefällt mir: Teilen (von Funden) und MItteilen von echten Fragen scheint mir auch zentral. Aber dass deine Eigenkreation, worauf Du keine Antwort erhalten hast, nirgendwo hinführte – das halte ich für einen Kurzschluss. Stellt er doch einen Fund zum Teilen dar. Dass dieser spezielle, den Du da als Referenz benutzt, noch nicht geteilt wurde, liegt vllt daran, dass er bisher noch nicht von denen, die ihn brauchen könnten und dann teilen würden, gefunden wurde. 🙂
    Neulich habe ich mich mit Wissenschaftlern unterhalten. Älteren. Denen sagte ich: Ihr müsst was geben, wenn ihr beim Netzwerken was kriegen wollt. Da verstanden sie bloß: Sie sollten publizieren, denn zu geben, dachten sie, hätten sie vor allem Content. Ich meinte aber etwas ganz anderes: nämlich Wertschätzung. Z.B. durch plussen und liken. Aber doch am meisten durch Kommentieren von anderer Leute Content. Denn nur das hält ein Gespräch aufrecht. Kommunikation gibt es nur dadurch, dass jemand einen Anschluss zum Gespräch macht, indem er auf etwas eingeht, was sein Vorredner gesagt hat. Das war schon immer so. Und das hat sich vermutlich auch unter den Bedingungen von Digitalität eigentlich nicht geändert.

    • Danke – das ist ein sehr schöner, verbindender Gedanke. Die älteren Wissenschaftler/-innen können halt im universitären System oftmals Reputation geben, indem sie anderen zu Publikationen, Vorträgen etc. verhelfen.
      (Ich meinte bei meinem Beitrag, dass das eben so noch eine reine Publikation ist, die zwar verlinkbar ist, aber nicht ein Beitrag zu einer Diskussion etc. Ich kann nicht sagen, wie denn solche Inhalte in digitale Prozesse eingefügt werden sollten oder wie sie anschlussfähig gemacht werden könnten – mein Gefühl sagt mir, dass das so noch nicht optimal klappt.)

      • Lisa Rosa says

        Die alte Wissenschaftsgesellschaft kommuniziert über Fachaufsätze (in denen die geäußerten Thesen Aufforderung zum Widerspruch sind). Das ist mit deinen Blogposts doch nicht viel anders – nur, dass das Pingpong der Debatte einfach mehr Speed hat.

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