WhatsApp hacken

Disclaimer: Diese Anleitung dient nur dazu, aufzuzeigen, wie unsicher WhatsApp ist. Sie soll nicht genutzt werden, um die Privatsphäre Dritter zu verletzen – die Details sind aber nötig, um deutlich zu machen, wie einfach es ist, im Namen anderer Personen zu chatten. 

In meiner Vorstellung von WhatsApp habe ich erwähnt, wie oft Jugendliche das Tool verwenden, um Nachrichten zu verschicken – auch in Gruppen. In einer Schlussbemerkung habe ich angefügt, das Tool sei unsicher.

Wie unsicher es wirklich ist, zeigt eine Seite, die einem ermöglicht, WhatsApp in jedem Broswer zu nutzen. Unter whatsapp.filshmedia.net erreicht man ein Interface, das wie folgt aussieht:

Man gibt drei Dinge ein:

  1. Die Telefonnummer im Format 41xxxxxxxx, also mit Ländervorwahl, aber ohne + oder 0 (im Bild falsch)
  2. Die so genannte WLAN-Adresse, im iPhone abrufbar unter Einstellungen > Allgemein > Info > WLAN-Adresse; Format xx:xx:xx:xx:xx:xx
    Alternativ: *#06# wählen auf dem Telefon.
  3. Einen Nickname (frei wählbar).

Nun kann man in WhatsApp chatten, indem man eine beliebige Nummer eingibt:

 

Warum ist das gefährlich? Es bedeutet, dass ich nur die oben genannten Informationen brauche, also i. eine Telefonnummer und ii. die WLAN- oder IMEI-Adresse; um vorgeben können, eine andere Person zu sein und Chats in ihrem Namen führen zu können (Mitteilungen können nicht nur empfangen, sondern auch gesendet werden).

 

Rezension und Kommentar: Julia Schramm – Klick mich

Julia Schramm ist Mitglied des Bundesvorstands der Piratenpartei Deutschlands. Sie hat diese Woche ein Buch mit dem Titel »Klick mich. Bekenntnisse eine Internetexhibitionistin« publiziert, das hohe Wellen geworfen hat. Zuerst zu den Wellen, dann zum Buch.

Das Buch wurde kurz nach seinem Erscheinen im Internet gratis zur Verfügung gestellt – man klickte auf einen Link und konnte das Buch lesen (das ist auch jetzt noch möglich). Der Knaus-Verlag verlangte im Namen der Autorin die Löschung dieser Datei – wozu er berechtigt ist. Allerdings widerspricht diese Praxis dem Credo von Julia Schramm, wonach »geistiges Eigentum« problematisch sei und sie selbst sich folgende Aufgabe gegeben habe:

Aber ich kann zumindest für die Freiheit und Anonymität des Netzes eintreten.

Zudem hat Schramm als Vertreterin der Piratenpartei die »Content-Mafia«, also Verlage wie den ihren, wiederholt kritisiert – und unterwirft sich nun den Bedingungen dieser Verlage scheinbar gerne und freiwillig.

Diese Brüche sind es aber wohl nicht, die eine gehässige, unfaire und sexistische Kritik an der Autorin ausgelöst haben, die wiederum auf einem eigenen Blog dokumentiert werden. Dort kann man nachlesen, dass das Honorar und die Tatsache, dass die Autorin weiblich ist, blanken Hass auslösen.

Erstaunlich daran ist eigentlich nur, dass das offenbar weder die Autorin noch der Verlag kommen sahen. Es wäre zumindest möglich gewesen, ein innovatives Vertriebsmodell auszuprobieren oder eine Rechtfertigung anzubieten, warum der Text nach traditionellen Mustern vertrieben wird.

Man sieht aber an dieser Reaktion auf die Publikation wesentliche Elemente des Text selbst: Julia Schramm exponiert sich im Internet – in verschiedenen Varianten ihrer Persönlichkeit. Es ist, als schäle sie sich aus abgelegten Häuten immer wieder neu heraus, erfinde sich neu oder eher: Erprobe sich neu. Das kann man im Buch nachlesen, dort werden verschiedene Identitätsschichten präsentiert, in ihrer Brüchigkeit und Widersprüchlichkeit. Darauf erfährt die Autorin verschiedene Reaktionen, auch unerträgliche. Schramm schreibt:

Die unadressierte Demütigung kann jederzeit zuschlagen, den Tag aus den Angeln heben und den Selbstwert vollständig entleeren.

Diese Demütigung hat auch mit der Tatsache zu tun, dass die Autorin eine Frau ist. Schramm beschreibt in Klick mich, dass sie als Verwenderin von männlichen Pseudonymen auch Kritik und Gehässigkeit erfahren habe – aber viel stärker auf die Sache bezogen als auf die Person.

Das Buch ist kein Lesevergnügen: Es verwendet eine zu bewusst lockere, jargonhafte Sprache und unterlegt sie mit Verweisen auf ein Glossar, in dem selbst selbstverständliche und abwegige Begriffe erläutert werden. Narrative Elemente können nicht kaschieren, dass sie nur der Auflockerung dienen, man fragt sich, warum nicht konsequent ein autobiographischer Zugang gewählt worden ist.

Auch inhaltlich gibt es fragwürdige Passagen, zu nennen sind lange Chatprotokolle, die so weder relevant noch exemplarisch für den Umgang von Jugendlichen mit dem Internet sind, eine Sexszene, unhaltbare Aussagen über Pornographie, wirre, unsaubere Gedankengänge. Aber gerade diese Fragwürdigkeit ist Teil des Internets – es bietet sich an für solche Aussagen und Gedankengänge, wer sich intensiv mit dem Netz auseinandersetzt, stösst automatisch auf sie.

Dennoch gilt für das Buch das, was Pixar für seine Helden als Regel für gutes Storytelling vorschlägt:

Man muss eine Figur für ihre Versuche, etwas zu erreichen, mehr bewundern können, als für ihre erreichten Erfolge.

Man kann Schramm bewundern: Sie setzt sich dem Internet aus, versucht, Haltungen zu entwickeln, in einer Zeit, in der man jede Haltung zerfetzen kann. Mit den Möglichkeiten digitaler Technologie und zu diesen Möglichkeiten. Vieles geht nicht auf, vieles scheitert. Das Buch richtet sich eigentlich an niemanden: Die Netzgemeinde kennt das alles schon viel besser, die analog lebenden Menschen begegnen Schramms Darstellungen wohl allenfalls mit Verwunderung oder dem Interesse an der (sexuellen) Entwicklung einer jungen, prominenten Frau, die »zuerst digital entjungfert« wurde. (Wer wie Schramm Sexismus kritisiert, darf sich auch nicht dem Sexismus des Verlags beugen, der eine Frauenfigur mit dem Untertitel »Exhibitionistin« ausstellt, um das Buch zu verkaufen, in dem zudem Sexszenen stehen, die einem Kioskroman entnommen sein könnten.)

Bleibt zum Schluss die Kritik, dass ein Buch über die Möglichkeiten des Internets ins Internet gehört: Als interaktiver Text, als Blog, als was Neues – aber nicht als klassisches Buch. Felix Neumann, der das Buch wohlwollend rezensiert, mein im Fazit seiner Besprechung:

Eigentlich ist es kein Buch für ein Buch – die ganzen offenen Enden, ungeglätteten Stellen, das atemlose Springen, die Fülle an Unverbundenem, der Wechsel der Textsorten und Ziele hätte viel besser in ein Blog oder ein Wiki gepaßt.

Tatsächlich hat Julia Schramm diese Idee auch aufgenommen und präsentiert Auszüge aus ihrem Buch auf ihrem Blog: Versehen mit Kommentaren eines digitalen Aktivisten und ihrer Mutter. Mutig, wie das Buch, auch das.

Rezension Daniel Miller: Das wilde Netzwerk.

Beim Hören der differenzierten Kontext Reportage »Fördern soziale Medien Einsamkeit?« von DRS 2 (David Zehnder) bin ich auf Daniel Millers Buch »Das wilde Netzwerk. Ein ethnologischer Blick auf Facebook« gestossen, das dieses Jahr im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Im Folgenden eine Rezension, in der ich besonders auf Millers Thesen zu Facebook eingehe.

Als Ethnologe schreibt der Londoner Miller grundsätzlich aus einer unaufgeregten Haltung. Er beschreibt Gesellschaften und ihre Beziehungsstrukturen. Für ihn ist Facebook Teil einer Kultur und muss als solcher untersucht werden – im Kontext des Lebens der Menschen, die Facebook nutzen. Diese Kontext findet Miller auf der karibischen Insel Trinidad. Im ersten Teil seines Buches erzählt er sieben Geschichten von Menschen, die auf Trinidad Facebook nutzen. Diese Geschichten sind narrativ konstruiert, wie Miller selber einräumt, es sind nicht Dokumentationen oder Aufzeichnungen, sondern Verdichtungen von Verhaltensweisen. Die Geschichten zeigen zunächst, dass eine Trennung von virtueller und realer Welt kaum haltbar ist: Die virtuelle Welt von Facebook ist ein Teil des realen Lebens von Menschen. Das lässt sich besonders gut verstehen, weil Miller bewusst eine uns fremde Kultur präsentiert.

Er bestätigt mit seinen qualitativen Untersuchungen seine Prämisse, dass

Facebook [sich] stets in regionalen und partikularen Verwendungsweisen realisiert und nirgendwo in einer idealtypischen »Reinform« vorkommt. Die Menschen in der Türkei haben es mit einem ganz anderen Netzwerk zu tun als die in Indonesien. (137)

Zudem gewinnt er aber auch weit reichendere Erkenntnisse, die er in einem analytischen Teil verallgemeinert. Hier seine Thesen mit kurzen Kommentaren:

  1. Facebook erleichtert das Führen von Beziehungen (138)
    Facebook ist einerseits effizient, andererseits befreit es die Menschen von sozialen Konventionen, die mit ihnen nicht besonders gut klar kommen. Wer Hemmungen hat, Menschen anzusprechen oder sich nicht sicher ist, ob ein direkter Kontakt angebracht ist, kann Facebook als »Puffer« (139) nutzen. Die Gefahr, dass virtuelle Beziehungen oberflächlich werden, hält Miller für klein: Bedeutungslose Beziehungen werden nicht gepflegt, auch wenn entsprechende Menschen in sozialen Netzwerken als Kontakte verzeichnet sind.
    Am Beispiel einer Studie von Ilana Gershon (»Breakup 2.0«) zeigt Miller, dass die Tatsache, dass Beziehungen öffentlich geführt werden (und auch beendet werden können), Unsicherheiten schaffen kann und ungewohnte Reaktionen auslösen kann – ein leichter Einwand gegen die These.
  2. Facebook hilft den Einsamen (144)
    Facebook kann Benachteiligungen von Menschen beheben – nicht nur von sozial weniger akzeptierten, sondern auch von Behinderten, von alten Menschen oder Müttern (Vätern?), die Familienarbeit leisten und so weniger Möglichkeiten haben, ihr soziales Netzwerk zu pflegen.
  3. Facebook ist eine Art Meta-Freund (146)
    Wenn ein Freund jemand ist, an den man sich in schwierigen Situationen wenden kann, so vermittelt Facebook solche Freundschaften: Zu jeder Zeit und in jeder Situation ermöglicht mir das Netzwerk, mit jemandem in Kontakt zu treten. Es ist absolut zuverlässig – birgt aber die Gefahr, dass mich die Aktivität anderer in einer schwierigen Situation deprimieren kann. Es ist auch eine sehr seltsame Form von Freundschaft, die nicht auf alle meine Inputs reagiert und völlig virtuell ist, eben: ein Meta-Freund.
  4. Facebook verändert unsere Beziehung zur Privatsphäre (149)
    Eines der Portraits im Buch präsentiert Ajani, eine Frau, die ihr »intensives Privatleben unbedingt für sich behalten möchte« (151). Gleichzeitig nutzt sie aber Facebook regelmässig, sie ist auch sonst im Web 2.0 aktiv: Spielerisch experimentiert sie mit Identitäten, was ihr gerade dabei hilft, ihr Privatleben für sich zu behalten. Damit zeigt Miller, dass die Bedrohung der Privatsphäre, die Facebook immer attestiert wird, auch nur eine Seite der Medaille ist. Korrekter ist es, davon zu sprechen, dass sich die Vorstellungen von Öffentlichkeit und Privatheit verschieben.
  5. Facebook verändert unsere Selbstdarstellung und unser Selbstverständnis (155)
    Miller zeigt, dass die Vorstellung eines »wahren Ichs« und »weniger wahren« Online-Versionen hinfällig ist. Es ist kulturell sehr unterschiedlich ausgeprägt, was das »wahre Ich« ist – soziale Medien können darauf einen Einfluss ausüben, und zwar nicht nur einen negativen. Wichtig ist, dass Facebook »sichtbar« macht, man wird selber zum Gegenstand – ein wichtiger Faktor in Beziehungen und in der Ausbildung einer Identität. »Es wäre […] denkbar, dass es für viele Menschen eine Notwendigkeit ist, sich selbst und ihr Verhalten von einer höheren Instanz absegnen oder verdammen zu lassen. Sie wünschen sich eine übergeordnete moralische Beurteilung ihres Tuns und Lassen – und nutzen Facebook […]« (161).
  6. Mit Facebook enden zwei Jahrhunderte der Fluch aus Gemeinschaften (161)
    Urbanisierung, Industrialisierung und Globalisierung haben zu einer Auflösung von Gemeinschaften geführt. Facebook steht diesem Trend entgegen. Auch wenn Kritiker einwenden, Facebook führe dazu, dass Menschen weniger Zeit miteinander verbringen, gibt es dafür keine Belege, gerade Millers Studie widerspricht diesem Befund. Wer viele soziale Kontakte hat, schätzt die indirekte Form der Kommunikation auf Facebook, wer einsam ist, kann durch FB zu Begegnungen kommen.
  7. Facebook erinnert uns an die Kehrseiten der Gemeinschaft (166)
    Gemeinschaften sind nichts Positives: Sie erlauben Ausschlüsse, Strafen, Streitigkeiten, körperliche Gewalt, Rache etc. Das wird auf FB sichtbar – etwas, was wir oft zu vergessen scheinen. Diese Sichtbarmachung ist nichts Negatives, kann sogar positive Effekte haben, wie Miller festhält.
  8. Auch Facebook kennt Normen (169)
    Facebook ist kein Raum, in dem soziale oder moralische Normen ausser Kraft gesetzt sind – vielmehr gibt es dieselben Normen in einer anderen, eigenen Form.
  9. Facebook ist keine politische Wunderwaffe (171)
    Auch dieser Punkt ist eher trivial: Politisch kann Facebook unter bestimmten Bedingungen etwas bewegen, aber auch etwas behindern.
  10. Facebook verändert unser Verhältnis zur Zeit (176)
    Facebook setzt uns, gerade durch die Timeline-Darstellung, in eine Beziehung mit unserer Vergangenheit und der Vergangenheit unserer Gemeinschaft. Zudem beschleunigt es Kommunikationsprozesse und macht Kommunikation unabhängig von der Tageszeit. Es beeinflusst aber auch die kulturellen Ausprägungen der Zeit (z.B. in Rituale), weil diese Rituale sich auch auf Facebook abspielen, wo eine Art Sozialkontrolle stattfindet, die das Ausbrechen aus konventionellen Zeitvorstellungen hemmt.
  11. Facebook verändert unsere Beziehung zum Raum (180)
    Gerade die Auswirkungen von Migrationsprozesse werden mithilfe von Facebook gedämpft, indem die Bedeutung räumlicher Distanzen geringer wird.
  12. Facebook verändert das Verhältnis von Arbeit und Freizeit (181)
    Facebook findet zu einem großen Teil am Arbeitsplatz statt – betrifft aber das traditionellerweise der Freizeit angehörende Sozialleben. Umgekehrt – und dieser Effekt mag größer sein – dringt mit Facebook und dem mobilen Web die Arbeit auch in den abgegrenzten Raum des Privatlebens ein.
  13. Facebook ist mehr als eine kommerzielle Webseite (184)
    Facebook ist zwar ein kommerzielles Produkt – was aber die Menschen damit machen, nicht. Menschen lehnen rein kommerzielle Beeinflussung ab, sie verfolgen eigene Zwecke mit der Technologie – nicht ohne aber auch sich auch unbewusst für wirtschaftliche Zwecke einspannen zu lassen.
  14. Facebook ist ein Teil einer neuartigen Medienvielfalt (189)
    Miller nennt die Medienvielfalt Polymedia: »In einem polymedialen Umfeld erhält jene Technologie den Vorzug vor einer anderen, die den Absichten des Nutzers entgegenkommt, gang gleich, ob es ihnen darum geht, Gefühle zu zeigen, oder darum, zu verbergen, jemandem in die Augen zu schauen oder seine Stimme zu hören, Streitigkeiten auszutragen oder ihnen lieber aus dem Weg zu gehen, ein Privatgespräch zu führen oder ein großes Publikum zu erreichen« (190).
  15. Facebook ist ist das Internet von morgen (192)
    Facebook zeigt Tendenzen, die das Internet bewegen: Es wird sozialer, es wird lokaler, es erschwert Anonymität, es betont Gemeinschaften, es weitet soziale Beziehungen aus und macht sie sichtbarer. Diese Tendenzen kann man an Facebook ablesen – und sie werden bleiben, auch wenn Facebook verschwindet, so Millers Behauptung.

Miller betrachtet im Schlusswort Facebook als ein konservatives Netzwerk, weil es uns dabei hilft, Beziehungen zu den Menschen zu führen, die uns nahe stehen. Diese These zeigt er an einer dichten ethnologischen Untersuchung, in die er im zweiten Teil des Buches viele theoretische Betrachtungen einfließen lässt, die von seiner enormen Fachkenntnis und Belesenheit zeugen. Eine lohnenswerte Lektüre, weil keine voreiligen Schlüsse gezogen und die Neutralität des Blickes möglichst lange aufrecht gehalten werden.

Beeinflussung durch Social Media

Ein großes Facebook-Experiment, dessen Resultate in der renommierten Fachzeitschrift Nature publiziert wurden, ist schon aufgrund seiner Dimension erstaunlich: 61 Millionen Menschen nahmen daran teil. Das Experiment von James Fowler und seinem Team zeigt so, dass Social Media Untersuchungen ermöglicht, die vor dieser Vernetzung undenkbar gewesen wären.

Worum ging es im Experiment? Mit einem eingeblendeten Banner wurden rund 60 Millionen aufgefordert, wählen zu gehen – und zwar bei den Kongresswahlen 2010 in den USA. Sie sahen zudem auch Freunde, die bereits abgestimmt haben und konnten auf einen Link klicken, mit dem sie wiederum Freunden zu verstehen geben konnten, dass sie abgestimmt haben, wie auf dem Bild erkennbar ist. Je rund 600’000 Facebook-User sahen entweder nur das Banner (ohne Freunde) oder nichts – das die beiden Kontrollgruppen.

Die Erkenntnisse aus dem Experiment sind die folgenden:

  • Nur wenn Freunde eingeblendet werden, ist ein Einfluss erkennbar. Das Banner ohne Freunde ist von der Wirkung her identisch wie kein Banner.
  • Das Experiment erhöhte die Wahrscheinlichkeit, wählen zu gehen, um 0.4 Prozent. Es brachte 300’000 Menschen dazu, wählen zu gehen, die sonst nicht wählen gegangen wären.
  • Einfluss üben nur die engen Freunde aus, also nur 10 der 150 FB-Freunde, mit denen man sich aktiv austauscht.
  • Wichtiger als die direkte Beeinflussung durch das Banner ist der Ansteckungs- oder Netzwerkeffekt, der über den direkten Austausch mit Freunden läuft – das Banner löst also einen indirekten Weiterleitungseffekt aus, der – so schätzen die Forscher – vier mal stärker ist als der direkte.

Fowler sagte zum letzten Punkt:

Man wird nicht nur beeinflusst von den Nachrichten, die man selbst liest, sondern auch von den Nachrichten, welche die eigenen Freunde lesen. Der wichtigster Treiber für Verhaltensänderungen ist nicht die Nachricht, sondern das große soziale Netzwerk. Die Erforschung sozialer Beeinflussung kann dramatische Auswirkungen auf Produkte, Politik und die öffentliche Gesundheit haben.

Diese Effekte müssen nun genauer untersucht werden. Fowler glaubt selbst daran, dass nur positive Nachrichten einen Einfluss haben – man grenze sich von Freunden ab, die einen negativen Einfluss auf einen ausüben wollen, so der Forscher.

Interessant ist, dass Facebook selbst am Experiment beteiligt war – und die Erkenntnisse von Fowler in seinen neuen mobilen Werbeeinblendungen gekonnt nutzt. Dort werden nämlich Werbeseiten angezeigt, die von FB-Freunden ein »like« bekommen haben – als handle es sich um einen regulären Eintrag im Facebook-Stream.

Mobile Facebook Werbung, September 2012.

Wie Jugendliche WhatsApp nutzen

WhatsApp ist eine App, die man auf jedem Smartphone installieren kann. Sie nutzt eine bestehende Internetverbindung um Nachrichten, Bilder oder Videos zu verschicken – tut also das, was auch mittels SMS oder MMS möglich wäre.

Durchgesetzt hat sich WhatsApp aus zwei Gründen:

  • es war immer kostenfrei, auf WhatsApp Nachrichten zu verschicken
  • die App gibt es für jede gebräuchliche Plattform, sie verbindet insbesondere Nutzerinnen und Nutzer von Android mit denen von iOS.

Seit einigen Monaten bietet WhatsApp auch eine Gruppenchatfunktion, die sich vor allem bei Jugendlichen großer Beliebtheit erfreut. Damit können bis zu 30 Kontakte einer Gruppe hinzugefügt werden, alle können dann die Chatnachrichten von allen anderen lesen.

WhatsApp verbindet damit die Möglichkeiten eines (Video-)Chats mit den Stärken mobiler Kommunikation – und das meist kostenlos. Hinzu kommt der Aspekt, dass es sich zwar um ein soziales Medium handelt, bei dem Privatsphäre aber kein problematischer Aspekt zu sein scheint: Die Chats sind auf die Teilnehmenden beschränkt, es gibt nicht wie bei Facebook oder anderen sozialen Netzwerken potentielle Mitlesende.

Jugendliche organisieren sich z.B. in Klassenverbänden, aber auch in Cliquen, Sportvereinen etc. oft mit WhatsApp-Gruppen. So verschicken sie wichtige Infos, tauschen aber auch Bilder aus und klatschen. In Pausen kann es in Klassenzimmern oft vorkommen, dass Gespräche nicht mehr direkt, sondern per WhatsApp geführt werden: Was nicht alle Beteiligten als Verlust empfinden. Gerade die Möglichkeit, Bilder einzubeziehen wird als bereicherndes Element empfunden. (Vgl. meinen Vorschlag für einen sinnvollen Umgang mit Smartphones an Schulen.)

Vermehrt wird WhatsApp auch benutzt, um bei Prüfungen zu betrügen. Wenn Klassengruppen existieren, reicht es, dass jemand eine gute Lösung fotographiert und sofort auch verschickt – und alle erhalten sie innert Sekunden auf ihrem Smartphone.

* * *

WhatsApp ist momentan gerade im Gespräch, weil die Software enorm unsicher ist. Gerade weil damit täglich eine Millarde Nachrichten verschickt werden, kein zu vernachlässigendes Problem. Wie man hier nachlesen kann, betreffen die Sicherheitsprobleme alle Ebenen der Software: Hacker können sich über WhatsApp leicht Zugriff zu allen gespeicherten Telefonnummern in einem Gerät verschaffen, sie können alle Nachrichten abhören oder sich als eine bei WhatsApp registrierte Person ausgeben.

Social Learning

Ich möchte kurz auf eine lesenswerte Einführung zu Social Learning hinweisen, die Jochen Robes für das Didacta Magazin (3/12) geschrieben hat. Er definiert Social Learning wie folgt:

Vor diesem Hintergrund umfasst Social Learning das informelle, selbstorganisierte und vernetzte Lernen, das durch
Social Media und soziale Netzwerke unterstützt wird. Aus Sicht des einzelnen Nutzers kann Social Learning ein alltäglicher, bewusst oder unbewusst ablaufender Prozess sein.
Aus Sicht der Bildungsinstitutionen oder Lehrenden geht es dagegen um die unterschiedlichen Wege, das Potenzial dieser Netzwerke und Tools gezielt für die Verbesserung der eigenen Lehr- und Lernpraxis zu nutzen.

Zum ganzen Artikel (pdf) führt ein Klick auf das Bild…

Migration mit Facebook verstehen: Eine interaktive Karte

Auf facebookstories.com hat Mia Newman eine interaktive Karte publiziert, mit denen Beziehungen zwischen einzelnen Ländern veranschaulicht werden können. Dabei werden ungewöhnliche Beziehungen kurz thematisiert, wie man auf folgendem Ausschnitt sehen kann:

Newman hat in Internationalen Beziehungen doktoriert und Beziehungen zwischen Nationen untersucht. Der Einbezug von Facebook hat drei Aspekte hervorgehoben, von welchen die Nähe der Beziehungen auf FB abhängt

  •  Migration
  • wirtschaftliche Beziehungen
  • ehemalige Kolonien zu den Nationen, die sie einst beherrscht haben.

Die interaktive Karte eignet sich gut, um Schülerinnen und Schülern kleine Forschungsaufträge zu gebe, z.B. wenn ein Land oder ein Kontinent zum Unterrichtsthema wird.

Vorstellung: MOOC

Die Abkürzung MOOC steht für Massively Open Online Courses, also Unterrichtseinheiten, die sehr vielen Studierenden offen stehen. Gemeint sind Tausende von Lernenden, die gleichzeitig Vorlesungen hören können, sich darüber austauschen und teilweise sogar interaktiv einbezogen werden können.

MOOCs gehören zu dem, was man Blended Learning nennt, das wohl bekannteste Beispiel ist die darauf spezialisierte Khan Academy.

In einem Interview mit The Atlantic macht der Verantwortliche für Online-Learning an der Stanford University, John Mitchell, einige aufschlussreiche Bemerkungen, die ich hier knapp festhalten möchte:

  1. Das Herstellen von Videos ist heute vom Aufwand und vom technischen Know-How her kaum mehr von der Produktion von Texten zu unterscheiden.
  2. Online Learning führt dazu, dass die Arbeitszeit von sehr kompetenten Lehrenden effektiver eingesetzt werden kann.
  3. Online Leraning führt zu einer Demokratisierung der Bildung: Auch Studierende an anderen Unis können die Top-Professoren von Stanford in Videovorlesungen erleben.
  4. Studierende können die Zeit ihres Studiums flexibler nutzen – z.B. berufsbegleitend oder von zuhause aus studieren.
  5. Gleichzeitig bieten MOOC für die Zeit an der Uni mehr individuelle Betreuungsmöglichkeiten, weil die Lehre zu einem großen Teil online stattfindet.

Mitchell erwähnt auch eine Gefahr, dass die Forschungsgemeinschaft an einer Uni, die Lehre und Forschung verbindet, auseinanderfallen könnte – was auch zu wirtschaftlichen Problemen führen könnte, weil viele bedeutende Forscherinnen und Forscher sich mit Drittmitteln finanzieren, die sie vor allem dank ihrer Forschung erhalten.

Bild Flickr, giulia.forsythe, CC BY-NC-SA 2.0

Social Media, ein Algorithmus oder ein redaktioneller Beitrag? – Zum Fall Bettina Wulff.

Bettina Wulff hat Google verklagt, weil die Suchmaschine mit seiner Autocomplete-Funktion im Zusammenhang mit ihrem Namen die Suchanfragen »Bettina Wulff Prostitutierte« und »Bettina Wulf Escort« vorschlägt.

 

Zur Klage gibt es zwei unterschiedliche juristische Einschätzungen, wie Wolfgang Michal auf Carta schreibt: Rechtsanwalt Thomas Stadler ist der Meinung, die Klage dürfte und dürfe keinen Erfolg haben, weil das Resultat eine Zugangserschwerung zu Suchdiensten und Informationen sei. Die vorgeschlagenen Suchanfragen würden zu Texten aus seriösen Medien führen, die nichts anderes besagte, als dass Frau Wulff verleumdet worden sei.

Die andere Seite wird vom Juristen Ernst Müller vertreten, der von Google verlangt, die redaktionelle Verantwortung für die Autocomplete-Funktion zu übernehmen – oder sie ganz auszuschalten. Ein zentrales Argument: Vielen Nutzern wird selbst bei der Eingabe »be« der »verleumderischen Ergänzungsvorschlag«angezeigt, ohne dass ein Interesse des Users an diesem Thema erkennbar wäre.

Wie auch immer diese Frage rechtlich zu beantworten ist: Für Suchmaschinenbenutzer ist unklar geworden, ob die Autocomplete-Funktion:

  1. die häufigsten Suchbegriffe anzeigt, die mit den eingegebenen Buchstaben beginnen
  2. Vorschläge einer Redaktion präsentiert, die eventuell auch gegen Bezahlung gewisse Begriffe häufiger einblendet oder andere ausblendet
  3. Resultate eines Alogrithmus darstellt, der bestimmte Prinzipien berücksichtigt, die nicht dokumentiert sind.

Diese Vermischung verschiedener Möglichkeiten begegnet uns im sozialen Netz häufiger: Wir wissen nicht, ob wir Texte oder Daten lesen, die Menschen generiert haben oder Maschinen – oder beliebige Mischformen.

Wie Google seine Karten macht

In seinem bekannten Buch »Simulacrum und Simulation« (hier das pdf auf Englisch) verweist Jean Beaudrillard in der Einleitung auf eine Erzählung von Jorge Luis Borges (»Die Strenge der Wissenschaft«), in der die Idee von einer 1:1-Karte entwickelt wird. Beaudrillard leitet daraus seinen Begriff des Simulacrums ab, dem scheinbaren Abbild, die ohne Original auskommt. Ein Simulacrum sind heute die Google-Karten, die uns auf dem Handy die Welt oft wahrer zeigen, als sie in der Wirklichkeit ist.

Abgesehen von solch philosophischen Überlegungen kann man sich aber – z.B. im Rahmen des Geographie-Unterrichts – ganz konkret fragen, wie Google seine Karten erstellt. Die Frage beantwortet ein äußerst lesenswerter Artikel in The Atlantic (auch TechCrunch berichtet ausführlich darüber). Grundsätzlich geht es darum, die Realität so abzubilden, dass die daraus resultierenden Daten benutzbar sind, z.B. für Navigation. Geht man von verfügbaren Daten aus, dann erhält man ungefähr solche Satellitenbilder, die offensichtliche Fehler enthalten:

Spezialisten arbeiten bei Google daran, diese Daten zu verbessern und zu ergänzen. Teilweise hunderte von Informatikern füttern Daten in Datenbanken ein, damit Karten entstehen, die so aussehen:

Erstaunlich ist dabei die Vorgehensweise von Google:

  • Um Abzweigungen etc. korrekt abzubilden, werden Fahrzeuge getrackt, welche die Strassen benutzen.
  • Wegweiser werden mit einer speziellen Software von Fotos aus eingelesen und als Daten eingebunden.
  • Rückmeldungen von Kartenbenutzern über Ungenauigkeiten werden innert wenigen Stunden bearbeitet und führen zu verbesserten Karten.

Wie beim Übersetzungsprojekt Google Translate handelt es sich auch bei Google Maps um Social Media: Die Erfahrung von Menschen wird direkt eingebunden.

Google, so nehmen Spezialisten an, arbeitet daran, die Kartendaten zu ihrem Hauptgeschäft zu machen; die Superkarte fügt alle unseren mentalen Karten, die Orte mit Bedeutungen aufladen, zusammen und macht sie individuell nutzbar, ein Stück »augmented reality«, also eine verbesserte Realität. Wir werden, so das Fazit des Artikel, Mühe haben, der Versuchung zu widerstehen, die darin besteht, Google unseren Standort anzuvertrauen, damit Google uns sagen kann, wo wir uns eigentlich befinden.