Die Facebook-Krise: Ist eine Ära vorbei?

Fast täglich kann man Berichte über Statistiken lesen, die belegen, dass die dominanten Stellung von Facebook als das herausragende soziale Netzwerk bedroht sein könnte:

  1. In der Schweiz nimmt die Beliebtheit von Facebook bei den unter 15-Jährigen ab, wie die PR-Agentur Bernet ermittelt hat. Mehr als die Hälfte der User ist über 30.

    Quelle: bernetblog.ch
    Quelle: bernetblog.ch
  2. In den UK haben fast 2% der FB-User (600’000) im Dezember das Netzwerk verlassen, wie der Guardian berichtet.
  3. Die Kundenzufriedenheit nimmt gemäß dem American Customer Satisfaction Index stark ab, Facebook ist das soziale Netzwerk mit den unzufriedensten Kunden.  Bildschirmfoto 2013-01-15 um 11.08.28

Die Probleme von Facebook sind auf fünf Gründe zurückzuführen:

  1. Monetarisierung
  2. Sicherheit
  3. mobile Nutzung
  4. Privatsphäre
  5. häufige Änderungen der Oberfläche.

Diese Gründe sind miteinander vermischt, lassen aber alle die Attraktivität des Netzwerks sinken. Die Monetarisierung wirkt sich umfassend aus: Viele Posts werden den Usern gar nicht mehr eingeblendet, weil das ein kostenpflichtiges Feature ist; Nachrichten erreichen ihre Empfänger nicht bzw. verschwinden in einer ominösen und eigentlich unsichtbaren Spam-Box; aggressive Werbung erscheint und benutzt dafür andere User, ohne ihr Einverständnis einzuholen.

Foto

Das erschwert auch die mobile Nutzung des Netzwerks. Das Verschicken von Botschaften und Bildern lässt sich da einfacher handhaben als mit der doch eher schwerfälligen und unzuverlässigen App von Facebook. Die Sicherheit und der Schutz der Privatsphäre sind auf Social Media oft Imagefragen, die nicht auf eine realistischen Einschätzung oder einem Vergleich der Netzwerke beruhen. Facebook gilt als notorisch unsauber, ein Ruf, von dem das Netzwerk kaum wieder loskommt.

Die Zwangsänderungen (z.B. Chronik) verärgern viele User, weil sie unerwartete Effekte hervorrufen. Generell kann man nicht sicher sein, wie das aussehen wird, was man bei Facebook hinterlässt. Zudem dürfte sich auch eine Art Abnutzung ergeben haben: Wenn man fünf Mal die Ferienbilder auf Facebook geteilt hat und dafür tolle Kommentare und Likes erhalten hat, erlebt man beim sechsten Mal nichts Aufregendes mehr. Die Interaktion nimmt ab, der Aufwand steigt, die Lust geht verloren.

like and dislike paper

Gleichwohl ist FB immer noch für viele Menschen Synonym für Social Media. Sie erreichen dort ihr größtes Netzwerk, die meisten Bekannten haben FB und müsste erst dazu bewegt werden, eine Alternative zu nutzen. Die Frage ist also: Sind solche Netzwerke an sich in der Krise oder geht es einfach um die Marke FB? Man müsste in die Zukunft blicken können, um die Frage zu beantworten. Das folgende Video zeigt aber auf einer mäßig humorvolle Art und Weise, wie übersättigt viele Menschen mit den Möglichkeiten von FB sind.

Die Präventionsarbeit der Kantonspolizei Basel-Stadt

Ich habe schon einmal darüber berichtet, dass es im Kanton Basel-Stadt (Schweiz) die Aufgabe der Polizei ist, »Kinder und Jugendliche bei einem selbstständigen, kritischen und verantwortungsbewussten Umgang mit den neuen Medien zu unterstützen«.

Dafür hat die Kantonspolizei – genauer: die Präventionspolizei – sogar ein eigenes Facebook-Profil erstellt:

Bildschirmfoto 2012-12-13 um 10.46.26

Dort publizierte sie auch eine Umfrage zum Littering-Verhalten der Jugendlichen:

Auszug aus der Umfrage.
Auszug aus der Umfrage.

Wie 20Minuten und die bz berichten, kam es dabei zu einem peinlichen Problem: Die Antworten der Teilnehmenden erschienen auf deren Facebook-Chronik, waren also für all ihre Kontakte oder sogar für die Öffentlichkeit einsehbar. Damit wurden, so die Zeitungstitel, die Jugendlichen wegen Littering »geoutet« – ein in der Präventionsarbeit denkbar schlechtes Vorgehen. In 20Minuten wird der Sprecher der Kantonspolizei zitiert:

Laut Polizeisprecher Klaus Mannhart handelt es sich um ein Versehen: «Dass die Antworten auch in der Chronik der Teilnehmer erscheinen, wurde leider übersehen.» Der Präventions- und Jugendpolizei würden bei der Bewirtschaftung ihrer Facebookseite gewisse Freiheiten gewährt. Jedoch ­zeige das Beispiel, dass der Umgang mit Social Media komplexer sei als angenommen. Mannhart: «Wir werden die Situation überprüfen und eventuelle Massnahmen evaluieren.»

Man muss die Frage stellen, ob Präventionsarbeit und Vermittlung von Medienkompetenz von einer Stelle geleistet werden soll, welche die Komplexität sozialer Netzwerke unterschätzt. Generell kann man fragen, ob die Polizei in der Lage ist, Jugendliche in der Mediennutzung zu begleiten. Im Kontakt mit der Polizei ist der Gedanke an das Überschreiten von Gesetzen und den Schutz vor kriminellem Verhalten ständig präsent.

Meine Meinung: Den Umgang mit neuen Medien müssen Kinder und Jugendliche von ihren Eltern und ihren Lehrpersonen lernen, nicht von der Polizei.

 

Facebook ordnet die Freunde – aber wie?

Gestern wurde eine Möglichkeit rumgereicht, wie man eine Liste einsehen kann, die Facebook von den Kontakten eines Users anlegt. Angelo Zehr hat eine Anleitung in seinem Blog gepostet:

  1. www.facebook.com öffnen und einloggen.
  2. Öffne den Quell­text der Seite (je nach Brow­ser im Menu oder per Rechtsklick)
  3. Suche nach der Buch­sta­ben­folge Orde­red­Fri­ends­Lis­t­In­iti­al­Data. 
  4. Kurz nach die­sem Begriff folgt eine Liste von Facebook-Benutzer-IDs.
  5. Öffnet man nun eine neue Face­book­seite nach dem Mus­terhttp://www.facebook.com/xxx (wobei xxx mit der gefun­den Use­rID zu erset­zen ist) gelangt man auf das Pro­fil des ent­spre­chen­den Facebook-Freundes.
Screenshot von Angelo Zehr. Klicken zum Vergrößern.
Screenshot von Angelo Zehr. Klicken zum Vergrößern.

Es stellt sich die Frage: Nach welchen Kriterien ordnet Facebook diese Liste? Man kann beobachten, dass viele intensiv genutzte Kontakte zuoberst stehen. So weit ich das überblicken kann, wurden viele Kriterien einfach mal vorgeschlagen (Chat-Frequenz und -Intensität, Profilansichten, Likes auf den Profilen, verbrachte Zeit auf Profilen etc.), aber es gibt keine klaren Hinweise.

Auf dem Fragenportal Quora ist die Frage momentan noch offen, ich erwarte, dass dort bald eine sinnvolle Lösung auftaucht. Oder vielleicht hier in den Kommentaren…

Anleitung: Daten aus Social Media archivieren

Setzt man Social Media als Tool für Wissensmanagement ein – z.B. um wichtige Links kommentiert abzulegen, eigene Gedanken zu dokumentieren, Gelesenes zusammenzufassen und in Verbindung zu setzen etc. -, kommt man nicht umhin darüber nachzudenken, wie man seine Daten archivieren kann. Damit kann man einerseits sicher stellen, dass sie unabhängig von der Existenz der einzelnen Plattformen erhalten bleiben, andererseits sie mit anderen Mitteln bearbeiten und durchsuchen.

Im Folgenden eine kurze Anleitung, wie Daten der wichtigsten Plattformen gesichert werden können.

Facebook: Im Menu der Kontoeinstellungen gibt es die Option, ein Archiv der eigenen Daten herunterzuladen (Bild wird beim Klicken größer):

Die Standardoption beinhaltet eigentlich die wichtigsten Daten – wer aber komplett sehen möchte, was Facebook abspeichert (inklusive IP-Adressen etc.), kann auch ein erweitertes Archiv herunterladen:

Google: Google bietet für alle Dienste einen zentralen Download-Manger, der Google Takeout heißt: google.com/takeout. Dort ist es möglich, die Bilder aus Picasa, Videos von Youtube sowie alle Daten aus Google Drive runterzuladen, auch die Informationen aus Google+ sind abrufbar. Google bietet die Möglichkeit, alle Daten in einem Archiv oder sie einzeln ausgewählt zu speichern.

In Google Drive bzw. Google Docs ist es leicht möglich, nur einzelne Ordner zu speichern (um sie z.B. als Backup auf einer externen Harddisk oder auf einem anderen Cloud-Service wie Amazon oder Dropbox abzulegen). Man muss dazu Files markieren und kann dann mit der Option »herunterladen« im Menu »Mehr« auch auswählen, in welchem Format die Files runtergeladen werden sollen. Das ist praktisch, weil man so Googles etwas seltsames Format umgehen kann und ein gebräuchlicheres wie den Microsoft-Standard wählen kann:

Twitter:  Verantwortliche bei Twitter haben versprochen, bis Ende 2012 eine offizielle Möglichkeit anzubieten. Eine inoffizielle Möglichkeit bietet Tweetbackup an, dort können alle wesentlichen Daten runtergeladen werden.

Blogs: Praktisch alle Blogplattformen bieten die Möglichkeit an, die Daten zu exportieren. So entsteht ein brauchbares Archiv, bei WordPress im .xml-Format, das man auch bei anderen Plattformen wieder einspeisen könnte.

Instagram: Alle Instagram-Bilder können mit Instaport runtergeladen werden, in Zukunft ist es möglich, sie auch nach Flickr oder Facebook zu exportieren. (Das ist auch die offiziell empfohlene Vorgehensweise.)

Pinterest: Eine offizielle Möglichkeit gibt es nicht. Pin4Ever bietet eine Archivfunktion an, die jedoch bei mehrmaliger Benutzung kostenpflichtig wird.

Mit dem Dienst »If This Then That« (IFTTT.com) ist es einfach möglich, konstante Backups von Daten zu erstellen. Leider sind einige soziale Netzwerke bei IFTTT nicht mehr präsent, weil sie keine unlimitierten Zugriffe externer Apps erlauben (z.B. Twitter). Hier ein Rezept zum Speichern von Pinterest in der Dropbox.

* * *

 Eine allgemeine Bemerkung: Ich empfehle, alle wichtigen Daten dreifach zu sichern und zwar unabhängig voneinander. D.h. die Backups müssen unabhängig von Orten, Geräten und Anbietern sein. Ich verwende folgende Lösung:

  1. Backup auf externer Harddisk zuhause.
  2. Backup auf externer Harddisk am Arbeitsplatz.
  3. Backup auf Google Drive.
  4. Backup auf Dropbox.
  5. Bei wichtigen Projekten: Backup auf Memory-Sticks.

Damit ist der Zeitfaktor noch nicht berücksichtigt: Diese Methoden stellen nur sicher, dass der Zugriff auf die Daten gewährleistet ist, nicht aber, dass sie auch in 20, 50 oder 100 Jahren noch verwendbar sind.

Ich freue mich über weitere Tipps oder Fragen in den Kommentaren!

Portrait: Eine 14-Jährige auf Facebook

Im Tages-Anzeiger ist heute ein Auszug auf Ursula Eichenbergers Buch Vom Federhalter zu Facebook – vier Schweizer Kindheiten 1912–2012 (NZZ libroabgedrucktDer Auszug zeigt, wie die 14-jährige »Jamileh« (Pseudonym) Facebook nutzt. Eichenberger erzählt geschickt eine Geschichte einer Beziehung zu einer Facebook-Bekanntschaft, Dario. Sie endet damit, dass diese ein Bild so bearbeitet, dass Jamileh darauf oben-ohne zu sehen ist – gerade auch im Zusammenhang mit Pornoseiten, die Inhalte aus Facebook übernehmen hochproblematisch.

Der Artikel ist lesenswert. Zur Anschauung seien hier FB-Gespräche zitiert, wie sie unter Jugendlichen in der Schweiz auf Social Media üblich sind:

Fiona: Mega puff. shaads, was meinsch, chan ich das em marco so säge? (Es folgte, was Fiona an Marco zu schreiben plante) befor ich afange will ich, dass duh weish das ich dich über alles lieb! aber weish, ich finds mega sheisse, das duh mir nöd vertraush. ich lieb de francesco nöd. es entüsht mich mega das duh mich behandlish wie es spielzüg . . . ich lahn mir das eifach nöd gfalle amo! weish s gaht mer ums prinzip. das duh s gfühl hesh duh chash sege mit wem ich hänge und mit wem ichs gued ha dörf . . . mit mir chash das nöd mache.
Jamileh: guet gmacht, shnug 🙂
Fiona: shaads, danke das duh da bish ich finds nöd selbstverstendlich!
Während des Chats meldete sich Dario: hey ^.^ – mich vermisst?
Jamileh: äääh, nai, ^^ beleidigt? 😛
Dario: sehr
Jamileh: kai grund, känn di ja nöd ;–D
Dario: das cha sich ändere. wie laufts with fründe?
Jamileh: guet ;–D
Dario: und mit mier?
Jamileh: schiss 😛

Zwei Tage später

Dario: lebsh no? mich vermisst?
Jamileh: sicher ;–D du mich? 😛
Dario: nöd mal gshribe hesh -.-
Jamileh: will ich xait ha duh sötts mir & mer loost was d’frau seit
Dario: nur wenn mal mit mier abmachsh
Jamileh: das laht sich veribaare
Dario: muesch 🙂 Kino? >>>3
Jamileh: ich maach nöd eifach mit dir ume, wennd weg dem is kino wilsh chashs der abshmike ;-D
Dario: nai wett dich kennelerne.
Jamileh: im kino?
Dario: denn gömmer halt go shoppe xD
Jamileh: hahaha
Dario: ich bruche schueh mann
Jamileh: frau
Dario: biiiiiiitte chumm
Jamileh: muen luege
20 Minuten später Dario: shads? wo bish?

 

Rezension: Passig/Lobo – Internet. Segen oder Fluch

Das Autorenteam Kathrin Passig und Sascha Lobo unternimmt mir ihrem neuesten Buch den Versuch, die Debatte ums Internet zu verflüssigen und in konstruktive Bahnen zu lenken.

Der dringend notwendige Diskurs um das Internet, seine Bedeutung für unser Leben und seine Folgen ist ritualisiert und erstarrt. (7)

Passig und Lobo. Flickr: simsullen. CC NC-BY-NC 2.0

Es handle sich um einen »dauerhafteren, komplexeren Konflikt, mit dem wir einen Umgang finden müssen« (9). Das tun sie, indem sie die »zentralen Eckpunkte« der Debatte – das kleine Wortspiel stammt aus diesem Vortrag von Sascha Lobo – humorvoll aufrollen, zeigen, welche Argumente sich erschöpft haben und die Diskussion nicht vorwärtsbringen und was eigentlich – das das unterliegende Hauptthema des Buches – denn wirklich spezifisch mit dem Internet zusammenhängt und was allgemeine Probleme der Menschheit, ihres Umganges mit Technologie und mit Informationen sind:

Die Digitalisierung färbt die Welt nicht schwarz-weiß, nur weil sie mit Nullen und Einsen zu tun hat, ebenso wenig wie Geigen den Konzertsaal in einen Schafstall verwandeln, nur weil sie mit Darmsaiten bespannt sind. Technik beantwortet die einfachen Fragen […] Alle wirklich interessanten Probleme existieren nach der Erfindung neuer Techniken ungerührt weiter. Was im Umkehrschluss aber auch bedeutet, dass alle angeblich durch Technik in die Welt kommenden Probleme entweder vorher schon existiert haben oder einfach nicht sehr interessant sind. (298)

Wie in einem Auszug auf SPON nachzulesen ist, zeichnen Passig und Lobo die Argumente der »Internetoptimisten« und der »Internetskeptiker« nach. Damit gelingt ihnen der »Versuch[] der Vermittlung« (14) zwischen den beiden Positionen ausgezeichnet, obwohl sie nicht verbergen, dass sie die digitale Welt mögen.

Das Buch richtet sich an ein breites Publikum: Internetaffine Menschen finden darin unterhaltsame Vergleiche, Gedankenexperimente und Zusammenfassungen wichtiger Inputs und Debatten, die nicht alle bekannt sind. Aber Internetaffinität ist keine Voraussetzung, es wird erklärt, wie digitale Phänomene zu verstehen sind – und zwar so, dass sich niemand langweilt. (Wenn man den beiden Schreibenden einen Vorwurf machen könnte, dann den, dass sie ihre erste Regel im Umgang mit Metaphern, man solle sie »sparsam und risikobewusst«(48) einsetzen, offenbar beim Schreiben des Buches nicht beachtet haben.)

Ich möchte im Folgenden ein Kapitel genauer zusammenfassen – das über den sozialen Aspekt von Social Media: »Entfremdung und Nähe« (220 – 240). Es wird strukturiert durch »Frontverläufe« (222):

  • Vereinsamung und Gesellschaftsbildung.
    Fazit: »Es gibt Onlinesozialkontakte, wenn man es so empfindet.« (227)
  • Narzissmus und Empathie.
    Fazit: »[…] wenn wir im negativsten Fall annehmen, dass gar nicht zu unterscheiden ist, ob im Netz echte Empathie wirkt oder nur aus narzisstischen Gründen vorgetäuschte Empathie: Das gilt außerhalb genauso. Wenn das Netz schlecht und unsozial sein soll, ist es die Welt auch.« (232)
  • Oberflächlichkeit und Unterflächlichkeit: »Der Programmierspruch: ‚It’s not a bug, it’s a feature‘ kann eben auch für die Oberflächlichkeit gelten. [Es könnte sein, (phw)] dass schwache Verbindungen entgegen der allgemeinen Auffassung geradezu unersetzlich für den sozialen Austausch sind.« (236f.)

Es ist ein geeignetes Kapitel, um festzustellen, wie Passig und Lobo argumentieren: Sie vermeiden Komplexität nicht und sie scheuen sich auch nicht, Fragen zu stellen, Lücken offen zu lassen. Gleichzeitig sind sie äußerst belesen und bringen ihre Sachkenntnis ohne Affekt ein: Sie beschreiben beispielsweise, wie Profile auf Facebook Arbeitspsychologen zu präziseren Einschätzungen von BewerberInnen befähigen als standardisierte Eignungstests.

Wenn aber ein simples, gar nicht darauf zugeschnittenes Facebook-Profil mehr über die berufliche Eignung einer Person sagt als seit vierzig Jahren von Fachleuten für diesen Zweck entwickelte Tests – dann heißt das auch, dass soziale Netzwerke eine ungeahnte Tiefe bergen. (235)

Vergleiche bringen den Leser dazu, sich Fragen zu stellen, deren Antworten er schon zu kennen gemeint hat: So beginnt das Kapitel mit der Aufforderung, sich eine Welt vorzustellen, in der zuerst das soziale Computerspiel und dann das Buch erfunden worden wäre. Wie würden Eltern und ErzieherInnen reagieren, wenn Kinder plötzlich Bücher läsen? (220) Oder: Wurden die ersten Menschen, die sich Kleider angezogen haben, auch als Selbstdarsteller beschimpft? (230)

Fazit: Wer nicht in einer argumentativen Schlaufe in Bezug auf das Internet stecken bleiben will, sondern gewillt ist, sich neu zu orientieren, Argumente zu prüfen, sich anregen zu lassen, der oder die kann im Moment kein bessere, aktuelleres und lustigeres Buch lesen als das von Passig und Lobo. Auf dem »Beipackzettel« von Sascha Lobo kann man auch nachlesen, wann man das Buch lesen soll:

  • […]
  • man technische und gesellschaftliche Hintergründe erfahren möchte zu den meistdiskutierten Netzthemen
  • man wissen will, wo welche Argumente vermieden werden sollten und warum
  • man ernüchtert werden möchte, weil hinter manchen Bereichen der Debatte schlicht unauflösbare Gegensätze stehen (Spoiler: zum Glück nicht hinter allen)
  • man manchmal nachts unter der Bettdecke heimlich daran zweifelt, ob man wirklich überall immer richtig liegt
  • man andere Positionen und ihre Geschichte verstehen möchte
  • kurz: wenn man Teil der Lösung sein möchte und nicht Teil des Problems.

Der erste Facebook-Werbespot

Letzte Woche hat Facebook vermeldet, eine Milliarde aktive Nutzer zu haben – und feiert diesen Erfolg mit einem Werbefilm, den Starregisseur Alejandro González Iñárritu gedreht hat (21 Grams, Babel).

 

Der Werbespot versucht, in die Tiefe zu gehen. Er benutzt dafür das Symbol des Stuhls – ein problematisches Symbol: Clint Eastwood hat es politisch aufgeladen, als er am Nominationskongress der Republikaner in Florida eine Rede an einen leeren Stuhl gehalten hat, wobei er so tat, als sässe Präsident Obama drauf. Der Stuhl steht also für einen demokratischen Präsidenten und gleichzeitig auch für einen gealterten Schauspieler und Regisseur, dessen politisches Engagement Auslöser für viel Spott und Häme gewesen ist.

Die Tiefe des FB-Clips ist denn auch arg gekünstelt und gesucht. Von den Stühlen geht es dann sehr schnell über zu einer Nation (FB wird oft als Nation bezeichnet, v.a. um seine Grösse erfassen zu können), die seltsam apolitisch erscheint: Nichts sagende Fahnen mit applaudierenden Menschen vor einem Regierungsgebäude, in dem nichts passiert (was für ein Bild für Facebook). Und dann kommt noch das Universum ins Spiel und man wundert sich: Habe ich nun gerade einen wunderbaren Werbespot gesehen oder einen komplett doofen? Auch hier wieder: Keine schlechte Beschreibung für das, was Menschen auf Facebook machen.

Die Tatsache, dass wir den Film auf Youtube ansehen, zeigt auch die Grenzen von FB: Wie Daniel Miller in seiner Studie überzeugend gezeigt hat, wird FB zwar von unterschiedlichen Kulturen als jeweils ganz anderes soziales Instrument eingesetzt – aber nie als Universalinstrument (benutzen alle Kulturen Stühle? – eher nicht…). FB ist nicht das ganze Internet (hier hat sich Miller getäuscht) und wird es wohl auch nicht werden.

Youtube hat dann natürlich seine eigenen Gesetze – sofort reagieren andere Filmemacher humoristisch auf die Vorlage und verhunzen sie. Sie bietet sich an dafür, könnte man sagen.

Vorstellung: Me & My Shadow – Welche Spuren hinterlassen wir im Internet?

Die ästhetisch sehr ansprechende Website »Me & My Shadow« vermittelt sehr anschaulich Informationen über digitale Spuren, die wir im Internet hinterlassen. Die Seite gibt es leider nur auf Englisch, eine Lektüre der Texte und ein Durchlauf durch die interaktiven Angebote ist aber sehr lohnend.

 

 

Das Feature »Trace my Shadow« erlaubt es zu erfahren, welche Spuren man überhaupt im Internet hinterlässt – basierend auf einigen Nutzungsangaben. Danach ist es möglich, zu jeder Spur genauere Angaben zu erhalten.

Die Seite bietet auch die Möglichkeit, interaktiv zu erfahren, was die wesentlichen Punkte der EULA (»End User Licence Agreements« oder Allgemeine Geschäftsbestimmungen) von Online-Diensten sind, welche versteckten Datensammlungen damit legitimiert werden – siehe »Lost in Small Print«.

Die Betreiber der Seite beschreiben den Zweck ihres Angebots wie folgt:

Me and my shadow is a new initiative by Tactical Tech that will examine different aspects of the digital traces we leave behind us online. The project has developed out of a growing concern for the way that privacy issues are impacting social networking users and owners of online and mobile devices. These are important issues for everyone, but they have a particularly serious impact on rights and transparency advocates, independent journalists, and activists who can be targets of surveillance, censorship and control.
[Übersetzung phw:] »Me and my shadow« ist eine neue Initiative von Tactical Tech. Sie überprüft verschiedene Aspekte von digitalen Spuren, die wir online hinterlassen. Das Projekt ist aus der wachsenden Besorgnis entstanden, dass Privatsphärenprobleme Nutzer von Social Media und mobilen Geräten immer stärker beeinflussen. Dabei handelt es sich um wichtige Themen für jedermann, aber besonders für AktivistInnen im Bereich der Privatsphäre, unabhängige JournalistInnen und andere AktivistInnen, die das Ziel von Überwachung, Zensur und Kontrolle werden könnten. 

Rezension Daniel Miller: Das wilde Netzwerk.

Beim Hören der differenzierten Kontext Reportage »Fördern soziale Medien Einsamkeit?« von DRS 2 (David Zehnder) bin ich auf Daniel Millers Buch »Das wilde Netzwerk. Ein ethnologischer Blick auf Facebook« gestossen, das dieses Jahr im Suhrkamp Verlag erschienen ist. Im Folgenden eine Rezension, in der ich besonders auf Millers Thesen zu Facebook eingehe.

Als Ethnologe schreibt der Londoner Miller grundsätzlich aus einer unaufgeregten Haltung. Er beschreibt Gesellschaften und ihre Beziehungsstrukturen. Für ihn ist Facebook Teil einer Kultur und muss als solcher untersucht werden – im Kontext des Lebens der Menschen, die Facebook nutzen. Diese Kontext findet Miller auf der karibischen Insel Trinidad. Im ersten Teil seines Buches erzählt er sieben Geschichten von Menschen, die auf Trinidad Facebook nutzen. Diese Geschichten sind narrativ konstruiert, wie Miller selber einräumt, es sind nicht Dokumentationen oder Aufzeichnungen, sondern Verdichtungen von Verhaltensweisen. Die Geschichten zeigen zunächst, dass eine Trennung von virtueller und realer Welt kaum haltbar ist: Die virtuelle Welt von Facebook ist ein Teil des realen Lebens von Menschen. Das lässt sich besonders gut verstehen, weil Miller bewusst eine uns fremde Kultur präsentiert.

Er bestätigt mit seinen qualitativen Untersuchungen seine Prämisse, dass

Facebook [sich] stets in regionalen und partikularen Verwendungsweisen realisiert und nirgendwo in einer idealtypischen »Reinform« vorkommt. Die Menschen in der Türkei haben es mit einem ganz anderen Netzwerk zu tun als die in Indonesien. (137)

Zudem gewinnt er aber auch weit reichendere Erkenntnisse, die er in einem analytischen Teil verallgemeinert. Hier seine Thesen mit kurzen Kommentaren:

  1. Facebook erleichtert das Führen von Beziehungen (138)
    Facebook ist einerseits effizient, andererseits befreit es die Menschen von sozialen Konventionen, die mit ihnen nicht besonders gut klar kommen. Wer Hemmungen hat, Menschen anzusprechen oder sich nicht sicher ist, ob ein direkter Kontakt angebracht ist, kann Facebook als »Puffer« (139) nutzen. Die Gefahr, dass virtuelle Beziehungen oberflächlich werden, hält Miller für klein: Bedeutungslose Beziehungen werden nicht gepflegt, auch wenn entsprechende Menschen in sozialen Netzwerken als Kontakte verzeichnet sind.
    Am Beispiel einer Studie von Ilana Gershon (»Breakup 2.0«) zeigt Miller, dass die Tatsache, dass Beziehungen öffentlich geführt werden (und auch beendet werden können), Unsicherheiten schaffen kann und ungewohnte Reaktionen auslösen kann – ein leichter Einwand gegen die These.
  2. Facebook hilft den Einsamen (144)
    Facebook kann Benachteiligungen von Menschen beheben – nicht nur von sozial weniger akzeptierten, sondern auch von Behinderten, von alten Menschen oder Müttern (Vätern?), die Familienarbeit leisten und so weniger Möglichkeiten haben, ihr soziales Netzwerk zu pflegen.
  3. Facebook ist eine Art Meta-Freund (146)
    Wenn ein Freund jemand ist, an den man sich in schwierigen Situationen wenden kann, so vermittelt Facebook solche Freundschaften: Zu jeder Zeit und in jeder Situation ermöglicht mir das Netzwerk, mit jemandem in Kontakt zu treten. Es ist absolut zuverlässig – birgt aber die Gefahr, dass mich die Aktivität anderer in einer schwierigen Situation deprimieren kann. Es ist auch eine sehr seltsame Form von Freundschaft, die nicht auf alle meine Inputs reagiert und völlig virtuell ist, eben: ein Meta-Freund.
  4. Facebook verändert unsere Beziehung zur Privatsphäre (149)
    Eines der Portraits im Buch präsentiert Ajani, eine Frau, die ihr »intensives Privatleben unbedingt für sich behalten möchte« (151). Gleichzeitig nutzt sie aber Facebook regelmässig, sie ist auch sonst im Web 2.0 aktiv: Spielerisch experimentiert sie mit Identitäten, was ihr gerade dabei hilft, ihr Privatleben für sich zu behalten. Damit zeigt Miller, dass die Bedrohung der Privatsphäre, die Facebook immer attestiert wird, auch nur eine Seite der Medaille ist. Korrekter ist es, davon zu sprechen, dass sich die Vorstellungen von Öffentlichkeit und Privatheit verschieben.
  5. Facebook verändert unsere Selbstdarstellung und unser Selbstverständnis (155)
    Miller zeigt, dass die Vorstellung eines »wahren Ichs« und »weniger wahren« Online-Versionen hinfällig ist. Es ist kulturell sehr unterschiedlich ausgeprägt, was das »wahre Ich« ist – soziale Medien können darauf einen Einfluss ausüben, und zwar nicht nur einen negativen. Wichtig ist, dass Facebook »sichtbar« macht, man wird selber zum Gegenstand – ein wichtiger Faktor in Beziehungen und in der Ausbildung einer Identität. »Es wäre […] denkbar, dass es für viele Menschen eine Notwendigkeit ist, sich selbst und ihr Verhalten von einer höheren Instanz absegnen oder verdammen zu lassen. Sie wünschen sich eine übergeordnete moralische Beurteilung ihres Tuns und Lassen – und nutzen Facebook […]« (161).
  6. Mit Facebook enden zwei Jahrhunderte der Fluch aus Gemeinschaften (161)
    Urbanisierung, Industrialisierung und Globalisierung haben zu einer Auflösung von Gemeinschaften geführt. Facebook steht diesem Trend entgegen. Auch wenn Kritiker einwenden, Facebook führe dazu, dass Menschen weniger Zeit miteinander verbringen, gibt es dafür keine Belege, gerade Millers Studie widerspricht diesem Befund. Wer viele soziale Kontakte hat, schätzt die indirekte Form der Kommunikation auf Facebook, wer einsam ist, kann durch FB zu Begegnungen kommen.
  7. Facebook erinnert uns an die Kehrseiten der Gemeinschaft (166)
    Gemeinschaften sind nichts Positives: Sie erlauben Ausschlüsse, Strafen, Streitigkeiten, körperliche Gewalt, Rache etc. Das wird auf FB sichtbar – etwas, was wir oft zu vergessen scheinen. Diese Sichtbarmachung ist nichts Negatives, kann sogar positive Effekte haben, wie Miller festhält.
  8. Auch Facebook kennt Normen (169)
    Facebook ist kein Raum, in dem soziale oder moralische Normen ausser Kraft gesetzt sind – vielmehr gibt es dieselben Normen in einer anderen, eigenen Form.
  9. Facebook ist keine politische Wunderwaffe (171)
    Auch dieser Punkt ist eher trivial: Politisch kann Facebook unter bestimmten Bedingungen etwas bewegen, aber auch etwas behindern.
  10. Facebook verändert unser Verhältnis zur Zeit (176)
    Facebook setzt uns, gerade durch die Timeline-Darstellung, in eine Beziehung mit unserer Vergangenheit und der Vergangenheit unserer Gemeinschaft. Zudem beschleunigt es Kommunikationsprozesse und macht Kommunikation unabhängig von der Tageszeit. Es beeinflusst aber auch die kulturellen Ausprägungen der Zeit (z.B. in Rituale), weil diese Rituale sich auch auf Facebook abspielen, wo eine Art Sozialkontrolle stattfindet, die das Ausbrechen aus konventionellen Zeitvorstellungen hemmt.
  11. Facebook verändert unsere Beziehung zum Raum (180)
    Gerade die Auswirkungen von Migrationsprozesse werden mithilfe von Facebook gedämpft, indem die Bedeutung räumlicher Distanzen geringer wird.
  12. Facebook verändert das Verhältnis von Arbeit und Freizeit (181)
    Facebook findet zu einem großen Teil am Arbeitsplatz statt – betrifft aber das traditionellerweise der Freizeit angehörende Sozialleben. Umgekehrt – und dieser Effekt mag größer sein – dringt mit Facebook und dem mobilen Web die Arbeit auch in den abgegrenzten Raum des Privatlebens ein.
  13. Facebook ist mehr als eine kommerzielle Webseite (184)
    Facebook ist zwar ein kommerzielles Produkt – was aber die Menschen damit machen, nicht. Menschen lehnen rein kommerzielle Beeinflussung ab, sie verfolgen eigene Zwecke mit der Technologie – nicht ohne aber auch sich auch unbewusst für wirtschaftliche Zwecke einspannen zu lassen.
  14. Facebook ist ein Teil einer neuartigen Medienvielfalt (189)
    Miller nennt die Medienvielfalt Polymedia: »In einem polymedialen Umfeld erhält jene Technologie den Vorzug vor einer anderen, die den Absichten des Nutzers entgegenkommt, gang gleich, ob es ihnen darum geht, Gefühle zu zeigen, oder darum, zu verbergen, jemandem in die Augen zu schauen oder seine Stimme zu hören, Streitigkeiten auszutragen oder ihnen lieber aus dem Weg zu gehen, ein Privatgespräch zu führen oder ein großes Publikum zu erreichen« (190).
  15. Facebook ist ist das Internet von morgen (192)
    Facebook zeigt Tendenzen, die das Internet bewegen: Es wird sozialer, es wird lokaler, es erschwert Anonymität, es betont Gemeinschaften, es weitet soziale Beziehungen aus und macht sie sichtbarer. Diese Tendenzen kann man an Facebook ablesen – und sie werden bleiben, auch wenn Facebook verschwindet, so Millers Behauptung.

Miller betrachtet im Schlusswort Facebook als ein konservatives Netzwerk, weil es uns dabei hilft, Beziehungen zu den Menschen zu führen, die uns nahe stehen. Diese These zeigt er an einer dichten ethnologischen Untersuchung, in die er im zweiten Teil des Buches viele theoretische Betrachtungen einfließen lässt, die von seiner enormen Fachkenntnis und Belesenheit zeugen. Eine lohnenswerte Lektüre, weil keine voreiligen Schlüsse gezogen und die Neutralität des Blickes möglichst lange aufrecht gehalten werden.

Migration mit Facebook verstehen: Eine interaktive Karte

Auf facebookstories.com hat Mia Newman eine interaktive Karte publiziert, mit denen Beziehungen zwischen einzelnen Ländern veranschaulicht werden können. Dabei werden ungewöhnliche Beziehungen kurz thematisiert, wie man auf folgendem Ausschnitt sehen kann:

Newman hat in Internationalen Beziehungen doktoriert und Beziehungen zwischen Nationen untersucht. Der Einbezug von Facebook hat drei Aspekte hervorgehoben, von welchen die Nähe der Beziehungen auf FB abhängt

  •  Migration
  • wirtschaftliche Beziehungen
  • ehemalige Kolonien zu den Nationen, die sie einst beherrscht haben.

Die interaktive Karte eignet sich gut, um Schülerinnen und Schülern kleine Forschungsaufträge zu gebe, z.B. wenn ein Land oder ein Kontinent zum Unterrichtsthema wird.