Das Internet hält nicht, was viele User versprechen

Das ist der vierte Teil von Gedanken zu meinem geplanten Re:Publica-Workshop. (Er wurde leider nicht berücksichtigt.) 

Neben Skeptikerinnen und Skeptikern gibt es im Internet viele Fanboys und -girls. Soziale Netzwerke werden von Menschen gefüllt, die ihre Gratisarbeit nicht nur als ein Vergnügen empfinden, sondern sicher sind, dass ihre Investitionen ins Internet sich auszahlen werden. So präsentieren sie die Möglichkeiten des Internets in einem besseren Licht, als sie bei realistischer Prüfung erscheinen würden. Gerade weil diese intensiven Nutzer so viel investiert haben, müssen sie daran glauben, dass sich ihre Investition auszahlen wird.

Dieser Effekt kann gut beim Social-Media-Marketing beobachtet werden: Wer diese Dienstleistung anbietet, muss Kunden sagen, Social Media sei ein geeigneter Kanal, um Kunden zu finden. Dieser Ratschlag basiert aber auf einer optimistischen Prognose und diese Prognose ist deshalb optimistisch, weil die eigene Situation damit zusammenhängt.

Diese positiven Vorurteile dem Netz gegenüber sind deshalb ein Problem, weil sie oft von den Menschen vertreten werden, welche Digital Immigrants oder nicht-technikaffine Menschen dabei beraten, im Internet aktiv zu werden. Sie produzieren so Enttäuschungen: Wer ein Twitter-Profil eröffnet und erste zögerliche Schritte unternimmt, wird lange brauchen, bis ein Nutzen erkennbar wird. Dieser Nutzen bedarf zudem einer konstanten Anpassung von Filtern und einer unablässigen Reflexion über den Einsatz von technischen Mitteln.

Wer sich theoretisch und kritisch mit Internetkommunikation auseinandergesetzt hat, ist weniger anfällig dafür, es zu überschätzen; sondern setzt Vor- und Nachteile in eine Beziehung.

»not your personal army« - Korrektur der positiven Vorurteile
»not your personal army« – Korrektur der positiven Vorurteile

Ich halte zuweilen Vorträge und erkläre, wie Twitter für mich das Zeitungslesen ersetzt hat. Aber viele Menschen sind besser beraten, die Zeitung zu lesen: Weil sie nicht wie ich schon 10’000 Stunden (ich verwende einfach mal die Zahl von Gladwell, wird irgendwie hinkommen) mit Social Media verbracht haben und das auch so bald nicht tun werden. Ganz ähnlich ist das mit Technologie im Schulzimmer: Viele Lehrpersonen unterrichten ohne schlicht besser. Es lohnt sich für sie nicht, Smartphones und Projektoren zu konfigurieren um dann nach langen Stunden dasselbe schlechter zu machen, was sie vorher schon konnten.

Das Argument, so werde die Zukunft verpasst, halte ich für wenig bedeutsam: Wir wissen nicht, was die Zukunft von sozialen Netzwerken sein wird. Wenn es ohne nicht mehr geht, wird es wohl reichen, dann einzusteigen. Wichtig ist, Aufwand und Ertrag, Chancen und Gefahren realistisch einzuschätzen: Sie weder übertreiben noch runterspielen und weder Drohungen an die Wand malen noch Versprechen abgeben, die nicht aus einer nüchternen Einschätzung resultieren.

Was sich im Internet abspielt ist – so der Titel des lesenswerten Buches von Passig und Lobo – ist weder Segen noch Fluch. Beide Haltungen resultieren aus Projektionen, Umdeutungen und der stärkeren Gewichtung eigener Interessen. Und beide verhindern, dass Menschen die wahren Möglichkeiten des Netzes nutzen können.

(Ich verdanke den Hinweis auf diese Überlegungen der Diskussion im Anschluss an meinen letzten Re:Publica-Post, insbesondere dem Input von Demian Naftali. Danke!)

Wie Vorurteile die Internet-Erfahrung überlagern

Das ist der dritte Teil von Gedanken zu meinem geplanten Re:Publica-Workshop. (Er wurde leider nicht berücksichtigt.) 

Im Internet (vielleicht allgemeiner: am Computerbildschirm) passieren Dinge, die zunächst wie Wunder erscheinen. Ich erinnere mich, wie mein Großvater, der gelernt hat, Bücher mit Lettern zu setzen, reagiert hat, als ich ihm zum ersten Mal Textverarbeitung vorgeführt habe. Die Neuartigkeit dieser Erfahrung verhinderte, dass wir sie präzise beschrieben konnten. Eine Reihe von Metaphern mussten verwendet werden, um darüber zu sprechen: Wir »surfen« auf »Seiten«, »folgen« Menschen oder gar »Freunden«, wir »chatten« in einer »virtuellen« Welt, währen wir uns im »real life« ganz anders verhalten.

Die Überforderung angesichts der Möglichkeiten von Internetkommunikation und das beschränkte Vokabular zu ihrer Beschreibung haben starken Anteil an einer Reihe von Urteilen über diese Form von Interaktion – von denen ich denke, dass es meist Vorurteile sind. Ich liste einige davon auf und bin wie immer dankbar für Ergänzungen:

  1. Es gibt eine Trennung zwischen der echten Welt und der virtuellen: Das Internet ist nicht real. Diese Haltung wird von Nathan Jurgenson und dem Team von Cyberology »Digitaler Dualismus« genannt (vgl. meinen Blogpost dazu). 
  2. Interaktionen im Internet sind oberflächlich, sie verbinden Menschen, die sich nichts bedeuten und einander häufig täuschen oder hintergehen.
  3. Informationen im Internet sind notorisch unzuverlässig. Weil alle beitragen können, ist im Gegensatz zu gedruckten Texten und Bildern unklar, was wahr ist; wir könnten überall manipuliert werden.
  4. Internetkommunikation ist generell gefährlich; nicht nur können uns andere Menschen Schaden zufügen, wenn wir uns im Internet bewegen, wir verändern uns auch selbst.
  5. Aus diesen Gründen ist die intensive Nutzung des Internets entweder Ausdruck eines Suchtverhaltens oder Zeitverschwendung; im Internet »surfen« wird schnell als Prokrastination bezeichnet und damit in die Nähe eins pathologischen Problems gerückt.
  6. Das Internet bringt in Menschen schlechte Züge hervor, sie werden aggressiv und beginnen anderen zu schaden, wenn sie sich hinter der Maske der Anonymität in Sicherheit vor Sanktionen wähnen.
Das Internet according to Vorurteile.
Das Internet according to Vorurteile.

Die Medienkonstellation Internet wird als komplexes Phänomen in Gesprächen oft auf triviale Erkenntnisse reduziert: »Facebook-Freunde sind keine echten Freunde«, »Man weiß nie, wer sich hinter einem Pseudonym verbirgt«, »Photoshop ermöglicht das Fälschen von Bildern«, »Jede(r) kann ins Internet« schreiben. Natürlich. Aber das wussten wir alle schon und das war alles auch schon so, bevor es Internetkommunikation gab.

Diese Diskussionen, so meine These, beanspruchen viele Ressourcen, die den Blick auf die produktiven Aspekte verschließen. Nur einige Beispiele: Zielloses Surfen im Internet kann Anstoß für eine Reihe von Lerneffekten sein, Internetbeziehungen können für viele Menschen eine Entlastung darstellen und zurecht einen wichtigen Stellenwert einnehmen, in vielen Fachbereichen finden sich differenzierte, aktuelle und präzise Informationsangebote im Internet. Wikipedia wurde in Bildungsinstitutionen Jahrelang schlecht geredet, obwohl eine ganz einfache Grundhaltung genügt hätte: Skeptisch bleiben und Falsches korrigieren bzw. Fehlendes ergänzen.

Fazit: Wir müssen lernen, präziser auszudrücken, was im Internet passiert.

Aus Blogs ein eBook machen: Bloxp

Die Inhalte von Blogs sollten regelmäßig gesichert werden – zumal die Daten meist auf Servern von Firmen lagern, die damit grundsätzlich tun können, was sie wollen. Ich nutze für dieses Blog WordPress. Unter Werkzeuge->Daten exportieren kann ich leicht eine .xml-Datei erzeugen, die alle meine Inhalte enthält (also auch Kommentare und Bilder).

Der kostenlose Dienst bloxp erweitert meine Möglichkeiten: Ich kann aus meinem Blog ein eBook im .epub-Format erstellen – und zwar mit wenigen Klicks, ohne jeglichen Aufwand. Das Tool erlaubt mir, die Blogposts in eine beliebige Reihenfolge zu bringen, fügt Links als Fussnoten ein und erstellt automatisch ein Inhaltsverzeichnis.

Bildschirmfoto 2013-03-18 um 21.40.37Das heißt umgekehrt auch, dass ich eBooks nicht mit den hier oder hier vorgestellten Methoden erstellen muss, sondern sich einfach ein kostenloges Blog erstellen kann, pro Kapitel einen Post schreiben kann, Bilder einfügen kann und daraus dann automatisch ein .epub-File generieren kann. (Für Konvertierung hier nachsehen).

Das eBook dieses Blogs (Stand 18. März 2013) ist hier kostenlos verfügbar (29 MB, Drobox-Link), wenn sich jemand anschauen möchte, wie das Resultat aussieht.

Medienkompetenz als Fach – erweiterte Überlegungen

Im Sommer 2012 habe ich die Argumente sortiert, die für oder gegen ein Fach »Medienkompetenz« sprechen. Mein damaliges Fazit war optimistisch und lehnte ein Fach ab:

Medienbildung und Informatikausbildung gehören in den Fachunterricht integriert. In der Expertise steht, diese Integration erfolge »zufällig« und es mangle ihr an »Zuverlässigkeit« im Vermitteln von Kompetenzen, im Anbieten von Reflexionsmöglichkeiten. Damit bin ich einverstanden. Diese Probleme lassen sich aber in einem integrierten Ansatz lösen.

Am Fachforum Jugendmedienschutz hatte ich letzte Woche Gelegenheit, mit Fachleuten noch einmal über die Idee eines Faches nachzudenken, zudem hat Christian Spannagel in einem Kommentar die Frage neu aufgerollt – und Beat Döbeli hat in einer Präsentation die Frage aufgeworfen, wie die Schule auf den Leitmedienwechsel reagieren soll, und dabei die wesentliche Argumente in eine Übersicht verpackt (das ist nur die letzte Folie):

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Gehen wir von der Übersicht Döbelis aus, dann können wir in Bezug auf realistische bildungspolitische Forderungen die Optionen 4-6 momentan weglassen. Damit ist nicht gesagt, dass sie nicht ganz entscheidende Fragen beinhalten – aber Schule ohne Fächer ist momentan nicht denkbar. Für mich bleiben die Alternativen: Integration ohne Fach (1) oder Integration mit Fach (3).

Entscheidend scheinen mir nun drei Aspekte, denen ich bisher zu wenig Gewicht beigemessen habe:

  1. die Einführung eines Faches ist die einzige Möglichkeit, in der Schule Verschiebungen vorzunehmen
  2. nur Fächer schaffen Ressourcen (in der Ausbildung von Lehrenden, in der Herstellung von Lehrmitteln, in der Anstellung von Fachpersonen etc.)
  3. nur Fächer führen dazu, dass einige Lehrpersonen Expertenwissen in Bezug auf Medienkompetenz aufbauen müssen.

Mir leuchtet die Forderung deshalb ein und ich werde sie fortan auch vertreten. Allerdings würde ich dafür plädieren, dass das Fach an ein anderes Fach angebunden wird. Um das etwas auszubauen, möchte ich auf den Kommentar von Christian Spannagel zurückkommen:

Informatik in der Schule muss eigenes Fach sein und kann nicht integriert vermittelt werden: Wenn es um Algorithmen, Informatiksysteme und informatische Modellbildung geht, braucht man Informatiklehrer. Medienbildung – auf der anderen Seite – ist Querschnittsangelegenheit, die in allen Fächern integriert vermittelt werden muss (einfach weil man sowieso in allen Fächern Medien verwendet). “In der Mitte” dazwischen liegt die informationstechnische Grundbildung, in die ich neben der Benutzung von Standardsoftware (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation usw.) auch die Nutzung des Webs mit allen Facetten einsortieren würde.

Ein Fach Medienkompetenz muss Medienbildung mit Medienpraxis und -reflexion koppeln. Die Praxis kann gut mit der informationstechnischen Grundausbildung verschmolzen werden – darüber hinaus aber auch mit einem weiteren Fach. Ideal schiene mir die Primärsprache, aber auch Geschichte oder Geografie böten sich an.

Gerade aber Informatik wird wohl eine gewisse Spannung in diese Debatte bringen. Die Forderungen für ein eigenständiges Fach Information – wie hier von Jürg Kohlas vorgebracht – haben dieselbe Berechtigung wie die Forderungen nach einem Fach Medienkompetenz. Die politische Gefahr ist offensichtlich: Die beiden Fächer werden als ein Fach angeboten, das nun weder Informatikkompetenz noch Medienkompetenz vermitteln könnte, sondern dann eben wieder informationstechnische (oder medientechnische) Grundausbildung. Damit wäre es wohl wieder nutzlos.

Blogparade: »Wie ich etwas gelernt habe«

Letzte Woche habe ich darüber geschrieben, wie ich Textverarbeitung gelernt habe. Die Idee dahinter ist, dass man darüber nachdenkt, wie man sich Kompetenzen konkret angeeignet hat, aus welchen Teilen sie bestehen und was man daraus über Lernprozesses ableiten kann.

Ich möchte daraus eine Blogparade machen: Das heißt andere Menschen bitten, auch Texte zu diesem Thema zu schreiben. Sinn davon ist, dass die Texte so besser sichtbar werden, die Bloggerinnen und Blogger sich so vernetzen und letztlich eine Sammlung von Texten entsteht, die ich dann in einem Schlusspost zusammenfasse und kommentiere. Der Titel der Blogposts wäre »Wie ich etwas gelernt habe«, wobei »etwas« dann ersetzt würde durch die Kompetenz. Eine mögliche Struktur der Beiträge wäre:

  1. Beschreibung der Kompetenz (was bedeutet es, das zu können?)
  2. Phasen des Lernprozesses
  3. Wie habe ich gelernt?
  4. Was lässt sich daraus übers Lernen ableiten?

Es ist Usus, einen Zeitraum vorzugeben: Ich schlage also mal vor, die Texte bis Ende April zu schreiben und würde mich freuen, wenn sie hier mit Kommentar verlinkt würden oder ich eine Mail mit einem Link erhielte.

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Unten noch ein Beispiel von mir, weil ich darum gebeten wurde.

* * *

Wie ich gelernt habe, Texte zu schreiben. 

(1) Bestandteile der Kompetenz

Es gibt viel Literatur zum Thema, aus welchen Bereichen die Kompetenz besteht, Texte verfassen zu können. Ich möchte hier nicht zu weit ausholen, sondern vier Aspekte betonen:

  1. Sich vorstellen können, was Texte beim Leser oder bei der Leserin auslösen. 
  2. Die formale Gestaltung der geplanten Wirkung anpassen können.
  3. Die einzelnen Bestandteile des Textes (Wörter, Sätze, Abschnitte) formal und inhaltlich so gestalten, dass eine Orientierung im Text gewährleistet ist und die Rezeption des Textes erfolgreich erfolgen kann.
  4. Beim Verfassen des Textes die eigenen Gedanken ordnen und den Text auch für sich selbst schreiben.

Diese Bestandteile können nicht in dem Sinne gelernt werden, dass sie beherrscht werden und bei jedem neuen Text umfassend abgerufen werden können, sondern es findet lediglich eine Annäherung statt.

(2) Schulzeit

Ich habe immer viel gelesen und gern geschrieben. Das Schreiben fand im Deutschunterricht weit gehend frei von Vorgaben statt: Aufsätze erforderten hauptsächlich Kreativität. Oft wurden Texte von Schülerinnen und Schülern in der Klasse vorgelesen, dabei handelte es sich immer um stilistisch oder inhaltlich ausgefallene, an denen ich mich Orientierte. So entwickelte ich schnell einen eigenwillig, komplizierten Stil. Ich nahm Wörter aus meiner Lektüre und brachte sie in meinen Texten unter. Ich wollte hauptsächlich mit meiner Wortgewandtheit und meinen Kenntnissen beeindrucken.

Parallel dazu musste ich im Latein-, Griechisch- und Französischunterricht viel übersetzen. Mit der Zeit wurden wir dazu angehalten, stilistisch ansprechende Übersetzungen zu schreiben, also solche, die nicht primär genau waren, sondern sinngemäß. Texte zu schreiben, ohne den Inhalt erfinden zu müssen, zeigte mir klarer auf, was stilistisch möglich ist, welche Bandbreiten es gibt und wie Elemente eines Textes zusammenhängen.

Im Austauschjahr schrieb ich zum ersten Mal für eine Schülerzeitung. Begrenzte Zeit und begrenzter Raum waren neue Erfahrungen; zudem gab es klare Vorstellungen, wie ein guter Text einer Schülerzeitung auszusehen hatte (er sollte positiv sein, viele Namen und Aussagen enthalten und von Ereignissen an der Schule handeln). Die Schlussredaktion genoss ich enorm: Der zeitliche Druck wirkte anregend, wir schrieben viel und kritisierten heftig. Und danach hielten wir Ausdrucke in den Händen, welche die fertige Zeitung zeigten – auf die wir dann wiederum Feedback (auch von Unbekannten) erhielten. Es zeigte deutlich, wie Texte ankamen und wirkten.

Kurz vor der Matur hatte ich eine Freundin, mit der ich oft zusammenarbeitete. Sie pflegte, von ihrem Vater vermittelt, einen minimalistischen Stil: Knappe Sätze von hoher Klarheit. Sie las einige meiner Texte und kritisierte ihre stilistische Schwülstigkeit. Es fiel mir schwer einzusehen, dass sie Recht hatte – und ich begann zu vereinfachen. Und dazuzulernen.

(3) Studium

Immer mehr schrieb ich auch persönliche Texte. Die Verbreitung von Email zu Beginn meines Studiums führte dazu, dass ich Beziehungen über lange Texte aufzubauen begann. Ich spielte vermehrt mit Ausdrücken, versuchte eine persönliche Sprache zu finden; schrieb gleichzeitig aber auch über Alltägliches und immer mehr auch über meine Gedanken, auch Intimes kam zur Sprache. Ich lernte schon früh, Internetkommunikation als Mittel zu betrachten, Dinge zur Sprache zu bringen, über die ich mich in Gesprächen weder äußern konnte noch wollte.

Dazu musste ich längere Sachtexte schreiben. Dabei lernte ich zunächst kaum etwas dazu: Ich erhielt kaum Rückmeldungen auf Proseminar- und Seminararbeiten, allenfalls wurden ein paar Kommafehler korrigiert oder inhaltliche Kommentare abgegeben. Hilfreich war das Feedback meines Vaters, der als Volksschullehrer darauf pochte, dass ich nicht zu akademisch schrieb. Die Lektüre von Fachaufsätzen brachte mich immer wieder in Versuchung, ein Fachregister zu verwenden, hinter dem sich unklare Aussagen verstecken ließen.

Die Master- bzw. Lizarbeit stellte mich zum ersten Mal vor die Aufgabe, einen sehr langen Text zu schreiben. Schon während des Studiums hatte ich mir angewöhnt, sofort zu schreiben. Ich verarbeitete meine Lektüre sofort in Texte, die ich dann im Dokument platzierte und immer wieder verschob; während viele Kommilitoninnen und Kommilitonen die Arbeit an einem Stück schrieben, nachdem sie alle wichtigen Texte gelesen hatten. Schreiben wurde für mich schnell zum Mittel, eigene Erkenntnisse zu finden und Lektüre mit Reflexion zu koppeln.

(4) Bloggen und Social Media

Bis ich Social Media nutzte (mit Bloggen begann ich 2006) schrieb ich – mit Ausnahme von Schülerzeitungen – Texte, die meist genau eine Person lasen. Es waren Texte für mich, mit denen ich mich qualifizierte, die aber kein Publikum hatten. Das änderte sich. Zunächst war mein Blog sehr persönlich, es lasen einige Eingeweihte mit. Ich verstehe nicht ganz, wie und wann sie das Publikum erweiterte; eine Mischung von Facebook- und Twitter sowie Google-Suchen führte dazu, dass ich irgendwann einen Kreis von Leserinnen und Lesern hatte. Nicht viele, aber immerhin einige. Heute sind es wohl zwischen 100 und 200, die meine Texte auf dem Blog lesen; je nach Thema können es mehr sein. Die Wirkung der Öffentlichkeit verstehe ich aber nicht ganz: Ich erhalte mehr Feedback und merke sofort, wenn Texte nicht so wirken, wie ich es beabsichtigt habe. Ich kann stärker experimentieren – mal provozieren, mal verknappen, mal ausprobieren. Ich argumentiere parallel zu meinen Texten auch in Foren, auf Twitter, in Kommentaren – und erlebe den Unterschied zwischen den Texten, die ich auf meinen Kanälen veröffentliche, und denen, die auf fremden Kanälen erscheinen. Daraus ergibt sich die Bedeutung des Kontexts.

Entscheidend ist die Kürze, die vor allem von Twitter vorgegeben wird. Ich verzichte darauf, Abkürzungen zu verwenden und teile meine Tweets selten auf. So muss ich mich oft in 140 Zeichen ausdrücken. Viele Tweets lösche ich, formuliere neu, lösche Unnötiges. Mein Schreiben profitiert davon, zumindest denke ich das. Tweets wirken sofort, die Reaktionen zeigen Unklarheiten unmissverständlich auf. Zudem schreibt man viele davon, ich habe schon über 20’000 veröffentlicht, also ein Buch geschrieben.

Diese Menge ist ein anderer Faktor. Ich schreibe momentan pro Woche rund fünf Blogposts, insgesamt mehr als 300 Texte pro Jahr. Oft schreibe ich sehr schnell; ich nehme mir vor, einen Blogpost in 20 Minuten zu schreiben – erlaube mir dann aber, ihn zu ergänzen und zu überarbeiten. Texte werden so immer mehr zu etwas Provisorischem. Aus Blogposts entstehen Aufsätze, Aufsätze erscheinen zuerst als Blogposts.

(5) Wie habe ich gelernt? 

Texte zu schreiben ist eine offensichtliche Kompetenz. In meinem Beruf als Lehrer, in der Schule und im Germanistik-Studium ist sie ständig explizit präsent. Texte werden besprochen und bewertet. Zunächst habe ich sicher dadurch gelernt, dass ich vielen Profis genau zugeschaut habe: Ich habe viele gute Texte gelesen und sie auf mich wirken lassen. Dabei habe ich auch allgemein über Texte nachgedacht und sie analysiert. Dabei wird klar, dass Begriffe definiert werden müssen, dass Abschnitte zu verbinden sind, dass Repetitionen oft wichtig sein können; Texte einen Rhythmus haben, nicht immer integral gelesen werden und es deshalb besonders exponierte Stellen gibt etc.

Ich habe viel imitiert. Nicht nur literarische Vorlagen, auch Journalistinnen und Journalisten, Sachtexte, sogar mündliche Äußerungen. Oft mit primitiven Tricks: Wörter und Sätze einfach übernehmen. Vergleichsideen klauen. Aufbaustrategien nachahmen.

Entscheidend ist weiter, sich Kritik auszusetzen. Leute zu finden, die eine andere Perspektive auf einen Text haben (z.B. mein Vater) und sie um ehrliches Feedback bitten. Ich war oft verärgert, ich fühlte mich unverstanden und war überzeugt von meinen Formulierungen. Aber ich habe eigentlich immer etwas geändert an meinen Texten. Heute freue ich mich über Rückmeldungen und beherzige sie immer. Auch das musste ich lernen – aber es war einfach: Überarbeitete Texte kamen besser an.

Und zuletzt: Einfach viel schreiben. Schreiben war für mich der Weg, Gelesenes und Gedachtes festzuhalten. Daraus habe ich eine Gewohnheit gemacht. Was Kleist über die Allmähliche Verfertigung von Gedanken beim Reden schreibt, gilt für mich fürs Schreiben:

 Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist.

(6) Kann man daraus etwas übers Lernen an sich ableiten? 

Meine Erkenntnisse aus dem Textverarbeitungspost haben sich nicht wesentlich verändert, ich formuliere sie aber etwas anders und füge einen Punkt hinzu:

  1. Es hilft, eine Tätigkeit in verschiedenen Kontexten und unter verschiedenen Perspektiven auszuführen. 
  2. Phasen von großer Freiheit und solche von großer Einschränkungen ergänzen einander und entfalten eine besondere Wirkung.
  3. Echte Kritik am eigenen Verhalten löst Lernprozesse aus.

 

 

 

 

 

 

 

Social Media, Kritik und Kulturpessimismus

Wir lernen. Langsam zwar, aber wir lernen. Und die Welt verändert sich und das tut weh, als wenn ein Mensch zu schnell wachsen würde.
Statt bitter zu werden und traurig vom Untergang der Kultur und unserer Werte zu reden, könnte man murmeln: Ja und? Dann gibt es eben keine Bücher auf Papier mehr, dann lernen Babys das Programmieren und Menschen treffen sich im Netz. Häuser werden höher – es ist Veränderung und ich bin ein Teil davon.

»Ja und?«, schlägt Sibylle Berg als Reaktion auf den Wandel vor. Die Welt, so könnte man denken, hat sich immer verändert, weil Menschen sich verändern und die Natur auch.

Wandel wird oft auf zwei Arten wahrgenommen: Als Fortschritt oder als Bedrohung. Progressive und konservative Reaktionen rufen die meiste Resonanz hervor, sie bedienen die Wünsche oder Ängste der Menschen, die mit Technologie und Wandel konfrontiert sind. Das gilt besonders für Social Media: In diesem Blog erhalte ich am meisten Reaktionen auf Texte, die z.B. festhalten, dass Kinderfotos auf Social Media problematisch sind, oder auf solche, in denen ich festhalte, dass Kulturpessimismus nicht angebracht ist, wie z.B. hier oder hier.

Dabei sind meiner Meinung nach zwei Vorstellungen naiv: Dass Wandel verhinderbar wäre, indem man seine Auswirkungen laut genug kritisiert, ist eine ebenso unreflektierte Position wie die, dass uns keine anderen Haltung bleibt, als mit dem Strom zu schwimmen. Eine kritische Auseinandersetzung mit Veränderungen ist wichtig, aber nicht, um sie rückgängig zu machen, sondern um einen angemessenen Umgang mit ihnen zu finden, sie zu verstehen und sie zu gestalten. Kritische Denkerinnen und Denker wie Lovink, Boessel oder Jurgenson distanzieren sich durch fundamentale Kritik von unreflektiertem Umgang mit Technologie und Medien, fordern aber auch keine Technologie- oder Medienabstinenz. Radikale Positionen führen zu Aporien, entweder in einen Technik-Determinismus der Marketingwelt, in der mir Apple, Hollywood und Nestle mitteilen, wie ein Leben zu führen wäre und welche Gedanken zu denken sind, oder aber in eine Widerstands-Fantasie wie die des Una-Bombers.

Wandel - eine Gelegenheitsschwemme.
Wandel – eine Gelegenheitsschwemme.

Die sinnvolle Haltung, das mein Fazit, ist nicht: »Ja und?«, sondern besteht aus drei Fragen:

  1. »Was passiert da?« 
  2. »Was bedeutet das?«
  3. »Wie kann ich damit umgehen?«

Das gilt auch und gerade für die Schule. Dort gibt es Zeit, über Lernen, Lehren und Technologie nachzudenken. Nicht vorgeben, alte Rezepte seien nicht zu verbessern, weil es alte Rezepte seien. Nicht annehmen, neue Hilfsmittel würden eine neue Lern- und Lehrkultur etablieren. Sondern ausprobieren, nachdenken, wieder probieren und wieder nachdenken. Vorgaben hinterfragen, Praktiken hinterfragen, Technik hinterfragen. Was nicht funktioniert, verwerfen, was funktioniert, verbessern.

MOOC – Theorie und Praxis

Was ein MOOC (ausgesprochen als /muhk/, alternativ englisch buchstabieren) ist, lässt sich mit einem Video am einfachsten verstehen:

Grundsätzlich ist es ein Kurs (das ist wichtig, eine Art Verlauf oder Struktur muss vorhanden sein), der allen offen steht, online verfügbar ist und viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat. Es werden oft xMOOCs von cMOOCs unterschieden, gemeint sind MOOCs, die entweder einen bestehenden, (Offline-)Kurs ergänzen und als Medium Internetkommunikation benutzen (x = extended), oder solche, die im Web 2.0 entstehen, die Materialien sammeln, welche die Teilnehmenden interessieren (c = connectivist). xMOOCs erlauben häufig reine Teilnahme, während cMOOCs die Teilnehmenden auch zu Lehrenden machen. Wichtig ist dabei, dass sie sich untereinander vernetzen.

Gerade läuft ein deutschsprachiger Meta-MOOC, ein MOOC, der zum Inhalt hat, wie man MOOCs durchführt: »How to MOOC«. 164 Teilnehmende sind dabei und schreiben dann nächste Woche ein Handbuch, das dann – eben, alles ist offen – alle verwenden können. Ich habe bei diesem MOOC nicht teilgenommen, weil mich das Thema MOOC zu wenig interessiert, um längerfristig motiviert zu sein. Um richtig verstanden zu werden: Ich finde MOOCs sehr wichtig, es sind Lernformen der Zukunft. Aber ich habe zu wenig Lust, darüber nachzudenken, wie sich MOOCs finanzieren lassen oder wie sich MOOCs mit dem OER-Gedanken verbinden lassen. Salopp gesagt: Praktische Fragen würde ich lösen, wenn ich müsste; nicht theoretisch in meiner Freizeit. (Mir ist ganz klar, dass ein wesentlicher Faktor dieses cMOOCs darin besteht, ein Netzwerk von Interessierten zu schaffen, die entsprechende Angebote auf die Beine stellen können.)

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Jede(r) sucht den eigenen grünen Weg.

Deshalb nehme ich nun an einem anderen MOOC teil, um das Prinzip als Lernender kennen zu lernen und um etwas zu lernen, was mich schon länger interessiert. Der MOOC heißt »Introduction to Complexity« (Santa Fe Institute) und ist der erste in einer Reihe von Kursen zum Thema Komplexitätstheorie. Es ist ein xMOOC, bei dem eine klare Struktur vorgegeben ist und wesentliche Inhalte mit Video-Vorlesungen und Tests vermittelt werden. Meine Eindrücke und wesentliche Erkenntnisse halte ich in einem Journal fest, das ich laufend aktualisieren werde.

 

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Die MOOC-Cow. http://zmldidaktik.wordpress.com/2012/04/20/finally-the-zml-mooc-cow/

 Meiner Meinung nach sind die folgenden Prinzipien wesentliche Eigenschaften von MOOC-Lernprozessen:

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Ein eigenes Ebook erstellen und verbreiten in zwei Stunden

Udpates: Ich ergänze diesen Post laufend. Hier die Daten der wichtigsten Updates: 11.2., 9.15 Uhr – 11.2., 12.15 Uhr – 

Heute habe ich mir einen Abend Zeit genommen, um etwas zu tun, was ich schon immer mal tun wollte: Ein Buch veröffentlichen. Nun, geschrieben hatte ich nur einen Vortrag über Trolle, ich habe ihn hier schon präsentiert: »Warum die Schule Trolle braucht«. Das Manuskript habe ich überarbeitet und daraus Versionen erstellt, die sich über Amazons Kindle-Store und Apples iBook-Store verbreiten lassen. Das ist also, was ich nun im Folgenden »Buch« nennen werde: Ein kurzer Essay mit ein paar Bildern.

Cover

Ich dokumentiere hier mein Vorgehen kurz, Fragen beantworte ich gerne. Voraus nur dies: Ich bin kein Profi, sondern absoluter Laie, der einfach ausprobiert hat, was möglich ist.

  1. Ich habe das Manuskript mit Pages bearbeitet und die hier erwähnten Formatvorlagen und Voragben verwendet
  2. Das Buch konnte dann in Pages mit dem Befehl »Exportieren« direkt als .epub-File gespeichert werden.
  3. Dazu habe ich das Cover (also die erste Seite) separat als Bilddatei gespeichert, sinnvoll ist .jpg.
  4. Das war schon alles: Ein .epub-Buchfile und ein .jpg-Cover reichen für alles, was ich tun wollte, aus:
    a) Kindle-Direct-Publishing geht mit einem vollständig ausgefüllten Amazon-Konto.
    b) Free Books Account für iBooks geht mit einer Apple-ID; allerdings können die Bücher dann nur gratis angeboten werden. Wer Geld verdienen will, muss ein Konto kaufen.
  5. Auf beiden Plattformen habe ich je rund 10 Minuten gebraucht, um alle Informationen auszufüllen.
  6. Auf Epubli habe ich zusätzlich für 20 Euro eine ISBN-Nummer gekauft. Epubli würde auch die gesamte Publikation des Buches übernehmen, ist aber kostenpflichtig.
  7. Die ISBN habe ich zusammen mit der CC-Lizenz in ein Impressum eingefügt.
  8. Die Titelseite muss doppelt eingefügt werden, damit sie in .epub-Dateien als solche erkannt wird.
  9. Ich habe das .epub-File mit Calibre (OS X) in ein .mobi-File umgewandelt.

Das Buch wird momentan verarbeitet, ich poste hier die Links zu den Büchern, sobald sie erschienen sind. Interessant ist, dass Apple nur einen Zugang zum Gratisprogramm kostenlos anbietet, Amazon auch ermöglicht, Geld zu verdienen. Allerdings wird das Buch bei Amazon auch verschenkt, wenn es anderswo gratis verfügbar ist. Das ist durchaus mein Ziel: Ich will kein Geld verdienen, sondern einen Aufsatz von mir möglichst breit verfügbar machen.

Hier die von mir erstellen Files in Version 1.1, das ganze Buch steht unter der Lizenz CC BY 3.0.

(Dieser Post erscheint am 9. Februar auf Rivva.)

Relevanz, Social Media und die Filter Bubble

Die Diskussion rund um #Aufschrei, eine auf Social Media initiierte Debatte über Alltagssexismus (zunächst nur als Ausdruck sexistischer Erfahrungen gedacht), führte auch zu Diskussionen über die Frage, ob die Masse von Tweets oder anderen Äußerungen auf Social Media Indikator für die Relevanz eines Themas sein kann.
Rainer Stadler, Medienexperte der NZZ hat sich dazu pointiert geäußert:

(Der Kontext kann auf Storify nachgelesen werden.)

Relevant kann also, so Stadler, nur etwas sein, was wahr ist. Während es in seinem Bildbereich, der Mathematik, Wahrheit als eindeutige Eigenschaft geben mag, ist Wahrheit im sozialen und politischen Bereich multiperspektivisch, Kafkas Aussage, Wahrheit gebe es allenfalls im Chor, passt dafür gut. Relevant ist, was einen Chor dazu bringt zu singen. Mit dieser Metapher kann man zwei Abgrenzungen vornehmen: Erstens braucht es für Relevanz nicht nur den Konsum entsprechender Meldungen, sondern echtes Engagement von Menschen (singen ist nicht dasselbe wie zuhören), zweitens kann der Chor für gewisse Zuhörende auch unschön oder falsch klingen: So lange er singt, bringt er viele Stimmen zusammen und hat so Gewicht, also Relevanz.

Haben nun die größten Chöre die größte Relevanz? Oder die, welche besonders schön, virtuos oder laut singen? Diese Frage scheint mir nicht besonders interessant. So lange es einen Chor gibt, ist ein Thema relevant. Größe des Chors, Schönheit des Gesangs, Virtuosität und Lautstärke haben sicher alle einen Einfluss. Entscheidend scheint mir viel mehr, dass wir selber auch alle in Chören mitsingen. Die Frage ist, ob wir dabei auch die anderen noch hören.

Das ist, was Eli Pariser Filter Bubble genannt hat:

Der Grundcode des neuen Internets ist recht simpel. Die neue Generation der Internetfilter schaut sich an, was Sie zu mögen scheinen – wie Sie im Netz aktiv waren oder welche Dinge oder Menschen Ihnen gefallen – und zieht entsprechende Rückschlüsse. Prognosemaschinen entwerfen und verfeinern pausenlos eine Theorie zu Ihrer Persönlichkeit und sagen voraus, was Sie als Nächstes tun und wollen. Zusammen erschaffen diese Maschinen ein ganz eigenes Informationsuniversum für jeden von uns – das, was ich die Filter Bubble nenne – und verändern so auf fundamentale Weise, wie wir an Ideen und Informationen gelangen.

Wenn nun Vertreterinnen und Vertreter traditioneller Medien Themen wie die mit #Aufschrei in Verbindung gebrachten deswegen ignorieren oder geringschätzen, weil hier nur eine »Empörungswelle« heißlaufe, dann nehmen sie implizit auf die Vorstellung einer Filter Bubble Bezug: Das Internet führe halt Mesnchen zusammen, die sich empören wollen, und wenn sie es tun, scheint das schnell ein lauter Chor zu werden, der deswegen aber keine Relevanz beanspruchen kann. Anders gesagt: Den Social-Media-Usern schienen halt die Themen relevant, die in ihrer Filter Bubble viel Plat einnähmen, obwohl sie gar nicht relevant seien.

kafka wahrheit

Rainer Stadler schlägt alternativ klassische Relevanzmerkmale vor:

 

Interessant ist hier, dass auch Stadler auf eine Filterblase verweist: Die Klick- und Leserdaten seiner eigenen Publikation (oder Texte) sind ihm bekannt, Rückmeldungen erhält er aus seinem eigenen Umfeld und der von ihm wahrgenommenen Konkurrenz.

Social Media ermöglicht aber eine Wahrnehmung von vielen Stimmen. Die Vorstellung, man sähe darin nur den eigenen Kontext, kann man nämlich getrost zurückweisen. Christoph Kappes leitet daraus eine Kritik an Parisers Konzept ab (pdf):

Das Internet filtert nicht wie herkömmliche Medien Informationen für den Rezipienten weg, sondern eröffnet nur – potenziell unendlich viele – gefilterte Sichten. Gern wird zur Veranschaulichung die Cafeteria als Beispiel genannt, die durch die Vorauswahl an Mahlzeiten die Möglichkeiten verringert, während das Web sozusagen alle Zutaten mit Rezepten bereitstellt. Eine bestimmte Information wird obendrein an vielen Stellen des Nachrichtenkonsums auftauchen, wenn sie gewisse Relevanzschwellen überschreitet. Wer sich sein Netzwerk nach durchschnittlichen Maßen zusammenstellt, also mit etwa einhundertfünfzig Kontakten, kann daher kaum eine ihn interessierende Information übersehen. […] Dass es nicht zu einer Gleichartigkeit von maschinellen Empfehlungen kommt, ergibt sich auch daraus, dass keine Situation wie die andere ist: Sie ist nach Zeit, Ort und Personen sowie deren Bedürfnissen, Kontexten, sozialen Beziehungen und Informationslandschaften immer neu.

Durch Social Media hergestellte Relevanz unterscheidet sich auf zwei Arten von traditionellen Vorstellungen:

  1. Die Daten sind allen ungefiltert zugänglich, nicht nur einer schreibenden Eliter.
  2. Daten entstehen durch Engagement der Teilnehmenden, nicht durch bloßen Konsum.

Dafür zwei Beispiele: In der Weltwoche dieser Woche argumentiert Alex Baur, von 63 Kommentaren auf der »Webseite des Tages-Anzeigers« hätten nur 13 eine bestimmte Haltung ausgedrückt. Dieses Argument wird angesichts der Tatsache problematisch, dass die Kommentare gefiltert sind – und zwar ohne dass der Filter transparent wäre. Ähnlich verhält es sich bei Klickzahlen: Gerade auf Newsnet, also der »Webseite des Tages-Anzeigers« dominieren oft Artikel die Charts, die mit reißerischen Titeln oder »attraktiven« Bildern versehen sind. Interessant wären die Zahlen, wenn erkennbar wäre, wie lange Menschen eine Artikel gelesen haben. Der Klick auf den Artikel zeigt weder Interesse noch Engagement.

Kurz: Social Media aufgrund der Tatsache, dass alle mitschreiben können, die Fähigkeit abzusprechen, Relevanz zu erzeugen, ist wohl keine sinnvolle Haltung. Im Blick zu behalten, dass nur wenige Menschen auf Social Media aktiv sind, ist allerdings auch nicht falsch.