Medienkompetenz als Fach – erweiterte Überlegungen

Im Sommer 2012 habe ich die Argumente sortiert, die für oder gegen ein Fach »Medienkompetenz« sprechen. Mein damaliges Fazit war optimistisch und lehnte ein Fach ab:

Medienbildung und Informatikausbildung gehören in den Fachunterricht integriert. In der Expertise steht, diese Integration erfolge »zufällig« und es mangle ihr an »Zuverlässigkeit« im Vermitteln von Kompetenzen, im Anbieten von Reflexionsmöglichkeiten. Damit bin ich einverstanden. Diese Probleme lassen sich aber in einem integrierten Ansatz lösen.

Am Fachforum Jugendmedienschutz hatte ich letzte Woche Gelegenheit, mit Fachleuten noch einmal über die Idee eines Faches nachzudenken, zudem hat Christian Spannagel in einem Kommentar die Frage neu aufgerollt – und Beat Döbeli hat in einer Präsentation die Frage aufgeworfen, wie die Schule auf den Leitmedienwechsel reagieren soll, und dabei die wesentliche Argumente in eine Übersicht verpackt (das ist nur die letzte Folie):

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Gehen wir von der Übersicht Döbelis aus, dann können wir in Bezug auf realistische bildungspolitische Forderungen die Optionen 4-6 momentan weglassen. Damit ist nicht gesagt, dass sie nicht ganz entscheidende Fragen beinhalten – aber Schule ohne Fächer ist momentan nicht denkbar. Für mich bleiben die Alternativen: Integration ohne Fach (1) oder Integration mit Fach (3).

Entscheidend scheinen mir nun drei Aspekte, denen ich bisher zu wenig Gewicht beigemessen habe:

  1. die Einführung eines Faches ist die einzige Möglichkeit, in der Schule Verschiebungen vorzunehmen
  2. nur Fächer schaffen Ressourcen (in der Ausbildung von Lehrenden, in der Herstellung von Lehrmitteln, in der Anstellung von Fachpersonen etc.)
  3. nur Fächer führen dazu, dass einige Lehrpersonen Expertenwissen in Bezug auf Medienkompetenz aufbauen müssen.

Mir leuchtet die Forderung deshalb ein und ich werde sie fortan auch vertreten. Allerdings würde ich dafür plädieren, dass das Fach an ein anderes Fach angebunden wird. Um das etwas auszubauen, möchte ich auf den Kommentar von Christian Spannagel zurückkommen:

Informatik in der Schule muss eigenes Fach sein und kann nicht integriert vermittelt werden: Wenn es um Algorithmen, Informatiksysteme und informatische Modellbildung geht, braucht man Informatiklehrer. Medienbildung – auf der anderen Seite – ist Querschnittsangelegenheit, die in allen Fächern integriert vermittelt werden muss (einfach weil man sowieso in allen Fächern Medien verwendet). “In der Mitte” dazwischen liegt die informationstechnische Grundbildung, in die ich neben der Benutzung von Standardsoftware (Textverarbeitung, Tabellenkalkulation usw.) auch die Nutzung des Webs mit allen Facetten einsortieren würde.

Ein Fach Medienkompetenz muss Medienbildung mit Medienpraxis und -reflexion koppeln. Die Praxis kann gut mit der informationstechnischen Grundausbildung verschmolzen werden – darüber hinaus aber auch mit einem weiteren Fach. Ideal schiene mir die Primärsprache, aber auch Geschichte oder Geografie böten sich an.

Gerade aber Informatik wird wohl eine gewisse Spannung in diese Debatte bringen. Die Forderungen für ein eigenständiges Fach Information – wie hier von Jürg Kohlas vorgebracht – haben dieselbe Berechtigung wie die Forderungen nach einem Fach Medienkompetenz. Die politische Gefahr ist offensichtlich: Die beiden Fächer werden als ein Fach angeboten, das nun weder Informatikkompetenz noch Medienkompetenz vermitteln könnte, sondern dann eben wieder informationstechnische (oder medientechnische) Grundausbildung. Damit wäre es wohl wieder nutzlos.

Blogparade: »Wie ich etwas gelernt habe«

Letzte Woche habe ich darüber geschrieben, wie ich Textverarbeitung gelernt habe. Die Idee dahinter ist, dass man darüber nachdenkt, wie man sich Kompetenzen konkret angeeignet hat, aus welchen Teilen sie bestehen und was man daraus über Lernprozesses ableiten kann.

Ich möchte daraus eine Blogparade machen: Das heißt andere Menschen bitten, auch Texte zu diesem Thema zu schreiben. Sinn davon ist, dass die Texte so besser sichtbar werden, die Bloggerinnen und Blogger sich so vernetzen und letztlich eine Sammlung von Texten entsteht, die ich dann in einem Schlusspost zusammenfasse und kommentiere. Der Titel der Blogposts wäre »Wie ich etwas gelernt habe«, wobei »etwas« dann ersetzt würde durch die Kompetenz. Eine mögliche Struktur der Beiträge wäre:

  1. Beschreibung der Kompetenz (was bedeutet es, das zu können?)
  2. Phasen des Lernprozesses
  3. Wie habe ich gelernt?
  4. Was lässt sich daraus übers Lernen ableiten?

Es ist Usus, einen Zeitraum vorzugeben: Ich schlage also mal vor, die Texte bis Ende April zu schreiben und würde mich freuen, wenn sie hier mit Kommentar verlinkt würden oder ich eine Mail mit einem Link erhielte.

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Unten noch ein Beispiel von mir, weil ich darum gebeten wurde.

* * *

Wie ich gelernt habe, Texte zu schreiben. 

(1) Bestandteile der Kompetenz

Es gibt viel Literatur zum Thema, aus welchen Bereichen die Kompetenz besteht, Texte verfassen zu können. Ich möchte hier nicht zu weit ausholen, sondern vier Aspekte betonen:

  1. Sich vorstellen können, was Texte beim Leser oder bei der Leserin auslösen. 
  2. Die formale Gestaltung der geplanten Wirkung anpassen können.
  3. Die einzelnen Bestandteile des Textes (Wörter, Sätze, Abschnitte) formal und inhaltlich so gestalten, dass eine Orientierung im Text gewährleistet ist und die Rezeption des Textes erfolgreich erfolgen kann.
  4. Beim Verfassen des Textes die eigenen Gedanken ordnen und den Text auch für sich selbst schreiben.

Diese Bestandteile können nicht in dem Sinne gelernt werden, dass sie beherrscht werden und bei jedem neuen Text umfassend abgerufen werden können, sondern es findet lediglich eine Annäherung statt.

(2) Schulzeit

Ich habe immer viel gelesen und gern geschrieben. Das Schreiben fand im Deutschunterricht weit gehend frei von Vorgaben statt: Aufsätze erforderten hauptsächlich Kreativität. Oft wurden Texte von Schülerinnen und Schülern in der Klasse vorgelesen, dabei handelte es sich immer um stilistisch oder inhaltlich ausgefallene, an denen ich mich Orientierte. So entwickelte ich schnell einen eigenwillig, komplizierten Stil. Ich nahm Wörter aus meiner Lektüre und brachte sie in meinen Texten unter. Ich wollte hauptsächlich mit meiner Wortgewandtheit und meinen Kenntnissen beeindrucken.

Parallel dazu musste ich im Latein-, Griechisch- und Französischunterricht viel übersetzen. Mit der Zeit wurden wir dazu angehalten, stilistisch ansprechende Übersetzungen zu schreiben, also solche, die nicht primär genau waren, sondern sinngemäß. Texte zu schreiben, ohne den Inhalt erfinden zu müssen, zeigte mir klarer auf, was stilistisch möglich ist, welche Bandbreiten es gibt und wie Elemente eines Textes zusammenhängen.

Im Austauschjahr schrieb ich zum ersten Mal für eine Schülerzeitung. Begrenzte Zeit und begrenzter Raum waren neue Erfahrungen; zudem gab es klare Vorstellungen, wie ein guter Text einer Schülerzeitung auszusehen hatte (er sollte positiv sein, viele Namen und Aussagen enthalten und von Ereignissen an der Schule handeln). Die Schlussredaktion genoss ich enorm: Der zeitliche Druck wirkte anregend, wir schrieben viel und kritisierten heftig. Und danach hielten wir Ausdrucke in den Händen, welche die fertige Zeitung zeigten – auf die wir dann wiederum Feedback (auch von Unbekannten) erhielten. Es zeigte deutlich, wie Texte ankamen und wirkten.

Kurz vor der Matur hatte ich eine Freundin, mit der ich oft zusammenarbeitete. Sie pflegte, von ihrem Vater vermittelt, einen minimalistischen Stil: Knappe Sätze von hoher Klarheit. Sie las einige meiner Texte und kritisierte ihre stilistische Schwülstigkeit. Es fiel mir schwer einzusehen, dass sie Recht hatte – und ich begann zu vereinfachen. Und dazuzulernen.

(3) Studium

Immer mehr schrieb ich auch persönliche Texte. Die Verbreitung von Email zu Beginn meines Studiums führte dazu, dass ich Beziehungen über lange Texte aufzubauen begann. Ich spielte vermehrt mit Ausdrücken, versuchte eine persönliche Sprache zu finden; schrieb gleichzeitig aber auch über Alltägliches und immer mehr auch über meine Gedanken, auch Intimes kam zur Sprache. Ich lernte schon früh, Internetkommunikation als Mittel zu betrachten, Dinge zur Sprache zu bringen, über die ich mich in Gesprächen weder äußern konnte noch wollte.

Dazu musste ich längere Sachtexte schreiben. Dabei lernte ich zunächst kaum etwas dazu: Ich erhielt kaum Rückmeldungen auf Proseminar- und Seminararbeiten, allenfalls wurden ein paar Kommafehler korrigiert oder inhaltliche Kommentare abgegeben. Hilfreich war das Feedback meines Vaters, der als Volksschullehrer darauf pochte, dass ich nicht zu akademisch schrieb. Die Lektüre von Fachaufsätzen brachte mich immer wieder in Versuchung, ein Fachregister zu verwenden, hinter dem sich unklare Aussagen verstecken ließen.

Die Master- bzw. Lizarbeit stellte mich zum ersten Mal vor die Aufgabe, einen sehr langen Text zu schreiben. Schon während des Studiums hatte ich mir angewöhnt, sofort zu schreiben. Ich verarbeitete meine Lektüre sofort in Texte, die ich dann im Dokument platzierte und immer wieder verschob; während viele Kommilitoninnen und Kommilitonen die Arbeit an einem Stück schrieben, nachdem sie alle wichtigen Texte gelesen hatten. Schreiben wurde für mich schnell zum Mittel, eigene Erkenntnisse zu finden und Lektüre mit Reflexion zu koppeln.

(4) Bloggen und Social Media

Bis ich Social Media nutzte (mit Bloggen begann ich 2006) schrieb ich – mit Ausnahme von Schülerzeitungen – Texte, die meist genau eine Person lasen. Es waren Texte für mich, mit denen ich mich qualifizierte, die aber kein Publikum hatten. Das änderte sich. Zunächst war mein Blog sehr persönlich, es lasen einige Eingeweihte mit. Ich verstehe nicht ganz, wie und wann sie das Publikum erweiterte; eine Mischung von Facebook- und Twitter sowie Google-Suchen führte dazu, dass ich irgendwann einen Kreis von Leserinnen und Lesern hatte. Nicht viele, aber immerhin einige. Heute sind es wohl zwischen 100 und 200, die meine Texte auf dem Blog lesen; je nach Thema können es mehr sein. Die Wirkung der Öffentlichkeit verstehe ich aber nicht ganz: Ich erhalte mehr Feedback und merke sofort, wenn Texte nicht so wirken, wie ich es beabsichtigt habe. Ich kann stärker experimentieren – mal provozieren, mal verknappen, mal ausprobieren. Ich argumentiere parallel zu meinen Texten auch in Foren, auf Twitter, in Kommentaren – und erlebe den Unterschied zwischen den Texten, die ich auf meinen Kanälen veröffentliche, und denen, die auf fremden Kanälen erscheinen. Daraus ergibt sich die Bedeutung des Kontexts.

Entscheidend ist die Kürze, die vor allem von Twitter vorgegeben wird. Ich verzichte darauf, Abkürzungen zu verwenden und teile meine Tweets selten auf. So muss ich mich oft in 140 Zeichen ausdrücken. Viele Tweets lösche ich, formuliere neu, lösche Unnötiges. Mein Schreiben profitiert davon, zumindest denke ich das. Tweets wirken sofort, die Reaktionen zeigen Unklarheiten unmissverständlich auf. Zudem schreibt man viele davon, ich habe schon über 20’000 veröffentlicht, also ein Buch geschrieben.

Diese Menge ist ein anderer Faktor. Ich schreibe momentan pro Woche rund fünf Blogposts, insgesamt mehr als 300 Texte pro Jahr. Oft schreibe ich sehr schnell; ich nehme mir vor, einen Blogpost in 20 Minuten zu schreiben – erlaube mir dann aber, ihn zu ergänzen und zu überarbeiten. Texte werden so immer mehr zu etwas Provisorischem. Aus Blogposts entstehen Aufsätze, Aufsätze erscheinen zuerst als Blogposts.

(5) Wie habe ich gelernt? 

Texte zu schreiben ist eine offensichtliche Kompetenz. In meinem Beruf als Lehrer, in der Schule und im Germanistik-Studium ist sie ständig explizit präsent. Texte werden besprochen und bewertet. Zunächst habe ich sicher dadurch gelernt, dass ich vielen Profis genau zugeschaut habe: Ich habe viele gute Texte gelesen und sie auf mich wirken lassen. Dabei habe ich auch allgemein über Texte nachgedacht und sie analysiert. Dabei wird klar, dass Begriffe definiert werden müssen, dass Abschnitte zu verbinden sind, dass Repetitionen oft wichtig sein können; Texte einen Rhythmus haben, nicht immer integral gelesen werden und es deshalb besonders exponierte Stellen gibt etc.

Ich habe viel imitiert. Nicht nur literarische Vorlagen, auch Journalistinnen und Journalisten, Sachtexte, sogar mündliche Äußerungen. Oft mit primitiven Tricks: Wörter und Sätze einfach übernehmen. Vergleichsideen klauen. Aufbaustrategien nachahmen.

Entscheidend ist weiter, sich Kritik auszusetzen. Leute zu finden, die eine andere Perspektive auf einen Text haben (z.B. mein Vater) und sie um ehrliches Feedback bitten. Ich war oft verärgert, ich fühlte mich unverstanden und war überzeugt von meinen Formulierungen. Aber ich habe eigentlich immer etwas geändert an meinen Texten. Heute freue ich mich über Rückmeldungen und beherzige sie immer. Auch das musste ich lernen – aber es war einfach: Überarbeitete Texte kamen besser an.

Und zuletzt: Einfach viel schreiben. Schreiben war für mich der Weg, Gelesenes und Gedachtes festzuhalten. Daraus habe ich eine Gewohnheit gemacht. Was Kleist über die Allmähliche Verfertigung von Gedanken beim Reden schreibt, gilt für mich fürs Schreiben:

 Aber weil ich doch irgendeine dunkle Vorstellung habe, die mit dem, was ich suche, von fern her in einiger Verbindung steht, so prägt, wenn ich nur dreist damit den Anfang mache, das Gemüt, während die Rede fortschreitet, in der Notwendigkeit, dem Anfang nun auch ein Ende zu finden, jene verworrene Vorstellung zur völligen Deutlichkeit aus, dergestalt, daß die Erkenntnis zu meinem Erstaunen mit der Periode fertig ist.

(6) Kann man daraus etwas übers Lernen an sich ableiten? 

Meine Erkenntnisse aus dem Textverarbeitungspost haben sich nicht wesentlich verändert, ich formuliere sie aber etwas anders und füge einen Punkt hinzu:

  1. Es hilft, eine Tätigkeit in verschiedenen Kontexten und unter verschiedenen Perspektiven auszuführen. 
  2. Phasen von großer Freiheit und solche von großer Einschränkungen ergänzen einander und entfalten eine besondere Wirkung.
  3. Echte Kritik am eigenen Verhalten löst Lernprozesse aus.

 

 

 

 

 

 

 

Social Media, Kritik und Kulturpessimismus

Wir lernen. Langsam zwar, aber wir lernen. Und die Welt verändert sich und das tut weh, als wenn ein Mensch zu schnell wachsen würde.
Statt bitter zu werden und traurig vom Untergang der Kultur und unserer Werte zu reden, könnte man murmeln: Ja und? Dann gibt es eben keine Bücher auf Papier mehr, dann lernen Babys das Programmieren und Menschen treffen sich im Netz. Häuser werden höher – es ist Veränderung und ich bin ein Teil davon.

»Ja und?«, schlägt Sibylle Berg als Reaktion auf den Wandel vor. Die Welt, so könnte man denken, hat sich immer verändert, weil Menschen sich verändern und die Natur auch.

Wandel wird oft auf zwei Arten wahrgenommen: Als Fortschritt oder als Bedrohung. Progressive und konservative Reaktionen rufen die meiste Resonanz hervor, sie bedienen die Wünsche oder Ängste der Menschen, die mit Technologie und Wandel konfrontiert sind. Das gilt besonders für Social Media: In diesem Blog erhalte ich am meisten Reaktionen auf Texte, die z.B. festhalten, dass Kinderfotos auf Social Media problematisch sind, oder auf solche, in denen ich festhalte, dass Kulturpessimismus nicht angebracht ist, wie z.B. hier oder hier.

Dabei sind meiner Meinung nach zwei Vorstellungen naiv: Dass Wandel verhinderbar wäre, indem man seine Auswirkungen laut genug kritisiert, ist eine ebenso unreflektierte Position wie die, dass uns keine anderen Haltung bleibt, als mit dem Strom zu schwimmen. Eine kritische Auseinandersetzung mit Veränderungen ist wichtig, aber nicht, um sie rückgängig zu machen, sondern um einen angemessenen Umgang mit ihnen zu finden, sie zu verstehen und sie zu gestalten. Kritische Denkerinnen und Denker wie Lovink, Boessel oder Jurgenson distanzieren sich durch fundamentale Kritik von unreflektiertem Umgang mit Technologie und Medien, fordern aber auch keine Technologie- oder Medienabstinenz. Radikale Positionen führen zu Aporien, entweder in einen Technik-Determinismus der Marketingwelt, in der mir Apple, Hollywood und Nestle mitteilen, wie ein Leben zu führen wäre und welche Gedanken zu denken sind, oder aber in eine Widerstands-Fantasie wie die des Una-Bombers.

Wandel - eine Gelegenheitsschwemme.
Wandel – eine Gelegenheitsschwemme.

Die sinnvolle Haltung, das mein Fazit, ist nicht: »Ja und?«, sondern besteht aus drei Fragen:

  1. »Was passiert da?« 
  2. »Was bedeutet das?«
  3. »Wie kann ich damit umgehen?«

Das gilt auch und gerade für die Schule. Dort gibt es Zeit, über Lernen, Lehren und Technologie nachzudenken. Nicht vorgeben, alte Rezepte seien nicht zu verbessern, weil es alte Rezepte seien. Nicht annehmen, neue Hilfsmittel würden eine neue Lern- und Lehrkultur etablieren. Sondern ausprobieren, nachdenken, wieder probieren und wieder nachdenken. Vorgaben hinterfragen, Praktiken hinterfragen, Technik hinterfragen. Was nicht funktioniert, verwerfen, was funktioniert, verbessern.

MOOC – Theorie und Praxis

Was ein MOOC (ausgesprochen als /muhk/, alternativ englisch buchstabieren) ist, lässt sich mit einem Video am einfachsten verstehen:

Grundsätzlich ist es ein Kurs (das ist wichtig, eine Art Verlauf oder Struktur muss vorhanden sein), der allen offen steht, online verfügbar ist und viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat. Es werden oft xMOOCs von cMOOCs unterschieden, gemeint sind MOOCs, die entweder einen bestehenden, (Offline-)Kurs ergänzen und als Medium Internetkommunikation benutzen (x = extended), oder solche, die im Web 2.0 entstehen, die Materialien sammeln, welche die Teilnehmenden interessieren (c = connectivist). xMOOCs erlauben häufig reine Teilnahme, während cMOOCs die Teilnehmenden auch zu Lehrenden machen. Wichtig ist dabei, dass sie sich untereinander vernetzen.

Gerade läuft ein deutschsprachiger Meta-MOOC, ein MOOC, der zum Inhalt hat, wie man MOOCs durchführt: »How to MOOC«. 164 Teilnehmende sind dabei und schreiben dann nächste Woche ein Handbuch, das dann – eben, alles ist offen – alle verwenden können. Ich habe bei diesem MOOC nicht teilgenommen, weil mich das Thema MOOC zu wenig interessiert, um längerfristig motiviert zu sein. Um richtig verstanden zu werden: Ich finde MOOCs sehr wichtig, es sind Lernformen der Zukunft. Aber ich habe zu wenig Lust, darüber nachzudenken, wie sich MOOCs finanzieren lassen oder wie sich MOOCs mit dem OER-Gedanken verbinden lassen. Salopp gesagt: Praktische Fragen würde ich lösen, wenn ich müsste; nicht theoretisch in meiner Freizeit. (Mir ist ganz klar, dass ein wesentlicher Faktor dieses cMOOCs darin besteht, ein Netzwerk von Interessierten zu schaffen, die entsprechende Angebote auf die Beine stellen können.)

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Jede(r) sucht den eigenen grünen Weg.

Deshalb nehme ich nun an einem anderen MOOC teil, um das Prinzip als Lernender kennen zu lernen und um etwas zu lernen, was mich schon länger interessiert. Der MOOC heißt »Introduction to Complexity« (Santa Fe Institute) und ist der erste in einer Reihe von Kursen zum Thema Komplexitätstheorie. Es ist ein xMOOC, bei dem eine klare Struktur vorgegeben ist und wesentliche Inhalte mit Video-Vorlesungen und Tests vermittelt werden. Meine Eindrücke und wesentliche Erkenntnisse halte ich in einem Journal fest, das ich laufend aktualisieren werde.

 

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Die MOOC-Cow. http://zmldidaktik.wordpress.com/2012/04/20/finally-the-zml-mooc-cow/

 Meiner Meinung nach sind die folgenden Prinzipien wesentliche Eigenschaften von MOOC-Lernprozessen:

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Ein eigenes Ebook erstellen und verbreiten in zwei Stunden

Udpates: Ich ergänze diesen Post laufend. Hier die Daten der wichtigsten Updates: 11.2., 9.15 Uhr – 11.2., 12.15 Uhr – 

Heute habe ich mir einen Abend Zeit genommen, um etwas zu tun, was ich schon immer mal tun wollte: Ein Buch veröffentlichen. Nun, geschrieben hatte ich nur einen Vortrag über Trolle, ich habe ihn hier schon präsentiert: »Warum die Schule Trolle braucht«. Das Manuskript habe ich überarbeitet und daraus Versionen erstellt, die sich über Amazons Kindle-Store und Apples iBook-Store verbreiten lassen. Das ist also, was ich nun im Folgenden »Buch« nennen werde: Ein kurzer Essay mit ein paar Bildern.

Cover

Ich dokumentiere hier mein Vorgehen kurz, Fragen beantworte ich gerne. Voraus nur dies: Ich bin kein Profi, sondern absoluter Laie, der einfach ausprobiert hat, was möglich ist.

  1. Ich habe das Manuskript mit Pages bearbeitet und die hier erwähnten Formatvorlagen und Voragben verwendet
  2. Das Buch konnte dann in Pages mit dem Befehl »Exportieren« direkt als .epub-File gespeichert werden.
  3. Dazu habe ich das Cover (also die erste Seite) separat als Bilddatei gespeichert, sinnvoll ist .jpg.
  4. Das war schon alles: Ein .epub-Buchfile und ein .jpg-Cover reichen für alles, was ich tun wollte, aus:
    a) Kindle-Direct-Publishing geht mit einem vollständig ausgefüllten Amazon-Konto.
    b) Free Books Account für iBooks geht mit einer Apple-ID; allerdings können die Bücher dann nur gratis angeboten werden. Wer Geld verdienen will, muss ein Konto kaufen.
  5. Auf beiden Plattformen habe ich je rund 10 Minuten gebraucht, um alle Informationen auszufüllen.
  6. Auf Epubli habe ich zusätzlich für 20 Euro eine ISBN-Nummer gekauft. Epubli würde auch die gesamte Publikation des Buches übernehmen, ist aber kostenpflichtig.
  7. Die ISBN habe ich zusammen mit der CC-Lizenz in ein Impressum eingefügt.
  8. Die Titelseite muss doppelt eingefügt werden, damit sie in .epub-Dateien als solche erkannt wird.
  9. Ich habe das .epub-File mit Calibre (OS X) in ein .mobi-File umgewandelt.

Das Buch wird momentan verarbeitet, ich poste hier die Links zu den Büchern, sobald sie erschienen sind. Interessant ist, dass Apple nur einen Zugang zum Gratisprogramm kostenlos anbietet, Amazon auch ermöglicht, Geld zu verdienen. Allerdings wird das Buch bei Amazon auch verschenkt, wenn es anderswo gratis verfügbar ist. Das ist durchaus mein Ziel: Ich will kein Geld verdienen, sondern einen Aufsatz von mir möglichst breit verfügbar machen.

Hier die von mir erstellen Files in Version 1.1, das ganze Buch steht unter der Lizenz CC BY 3.0.

(Dieser Post erscheint am 9. Februar auf Rivva.)

Relevanz, Social Media und die Filter Bubble

Die Diskussion rund um #Aufschrei, eine auf Social Media initiierte Debatte über Alltagssexismus (zunächst nur als Ausdruck sexistischer Erfahrungen gedacht), führte auch zu Diskussionen über die Frage, ob die Masse von Tweets oder anderen Äußerungen auf Social Media Indikator für die Relevanz eines Themas sein kann.
Rainer Stadler, Medienexperte der NZZ hat sich dazu pointiert geäußert:

(Der Kontext kann auf Storify nachgelesen werden.)

Relevant kann also, so Stadler, nur etwas sein, was wahr ist. Während es in seinem Bildbereich, der Mathematik, Wahrheit als eindeutige Eigenschaft geben mag, ist Wahrheit im sozialen und politischen Bereich multiperspektivisch, Kafkas Aussage, Wahrheit gebe es allenfalls im Chor, passt dafür gut. Relevant ist, was einen Chor dazu bringt zu singen. Mit dieser Metapher kann man zwei Abgrenzungen vornehmen: Erstens braucht es für Relevanz nicht nur den Konsum entsprechender Meldungen, sondern echtes Engagement von Menschen (singen ist nicht dasselbe wie zuhören), zweitens kann der Chor für gewisse Zuhörende auch unschön oder falsch klingen: So lange er singt, bringt er viele Stimmen zusammen und hat so Gewicht, also Relevanz.

Haben nun die größten Chöre die größte Relevanz? Oder die, welche besonders schön, virtuos oder laut singen? Diese Frage scheint mir nicht besonders interessant. So lange es einen Chor gibt, ist ein Thema relevant. Größe des Chors, Schönheit des Gesangs, Virtuosität und Lautstärke haben sicher alle einen Einfluss. Entscheidend scheint mir viel mehr, dass wir selber auch alle in Chören mitsingen. Die Frage ist, ob wir dabei auch die anderen noch hören.

Das ist, was Eli Pariser Filter Bubble genannt hat:

Der Grundcode des neuen Internets ist recht simpel. Die neue Generation der Internetfilter schaut sich an, was Sie zu mögen scheinen – wie Sie im Netz aktiv waren oder welche Dinge oder Menschen Ihnen gefallen – und zieht entsprechende Rückschlüsse. Prognosemaschinen entwerfen und verfeinern pausenlos eine Theorie zu Ihrer Persönlichkeit und sagen voraus, was Sie als Nächstes tun und wollen. Zusammen erschaffen diese Maschinen ein ganz eigenes Informationsuniversum für jeden von uns – das, was ich die Filter Bubble nenne – und verändern so auf fundamentale Weise, wie wir an Ideen und Informationen gelangen.

Wenn nun Vertreterinnen und Vertreter traditioneller Medien Themen wie die mit #Aufschrei in Verbindung gebrachten deswegen ignorieren oder geringschätzen, weil hier nur eine »Empörungswelle« heißlaufe, dann nehmen sie implizit auf die Vorstellung einer Filter Bubble Bezug: Das Internet führe halt Mesnchen zusammen, die sich empören wollen, und wenn sie es tun, scheint das schnell ein lauter Chor zu werden, der deswegen aber keine Relevanz beanspruchen kann. Anders gesagt: Den Social-Media-Usern schienen halt die Themen relevant, die in ihrer Filter Bubble viel Plat einnähmen, obwohl sie gar nicht relevant seien.

kafka wahrheit

Rainer Stadler schlägt alternativ klassische Relevanzmerkmale vor:

 

Interessant ist hier, dass auch Stadler auf eine Filterblase verweist: Die Klick- und Leserdaten seiner eigenen Publikation (oder Texte) sind ihm bekannt, Rückmeldungen erhält er aus seinem eigenen Umfeld und der von ihm wahrgenommenen Konkurrenz.

Social Media ermöglicht aber eine Wahrnehmung von vielen Stimmen. Die Vorstellung, man sähe darin nur den eigenen Kontext, kann man nämlich getrost zurückweisen. Christoph Kappes leitet daraus eine Kritik an Parisers Konzept ab (pdf):

Das Internet filtert nicht wie herkömmliche Medien Informationen für den Rezipienten weg, sondern eröffnet nur – potenziell unendlich viele – gefilterte Sichten. Gern wird zur Veranschaulichung die Cafeteria als Beispiel genannt, die durch die Vorauswahl an Mahlzeiten die Möglichkeiten verringert, während das Web sozusagen alle Zutaten mit Rezepten bereitstellt. Eine bestimmte Information wird obendrein an vielen Stellen des Nachrichtenkonsums auftauchen, wenn sie gewisse Relevanzschwellen überschreitet. Wer sich sein Netzwerk nach durchschnittlichen Maßen zusammenstellt, also mit etwa einhundertfünfzig Kontakten, kann daher kaum eine ihn interessierende Information übersehen. […] Dass es nicht zu einer Gleichartigkeit von maschinellen Empfehlungen kommt, ergibt sich auch daraus, dass keine Situation wie die andere ist: Sie ist nach Zeit, Ort und Personen sowie deren Bedürfnissen, Kontexten, sozialen Beziehungen und Informationslandschaften immer neu.

Durch Social Media hergestellte Relevanz unterscheidet sich auf zwei Arten von traditionellen Vorstellungen:

  1. Die Daten sind allen ungefiltert zugänglich, nicht nur einer schreibenden Eliter.
  2. Daten entstehen durch Engagement der Teilnehmenden, nicht durch bloßen Konsum.

Dafür zwei Beispiele: In der Weltwoche dieser Woche argumentiert Alex Baur, von 63 Kommentaren auf der »Webseite des Tages-Anzeigers« hätten nur 13 eine bestimmte Haltung ausgedrückt. Dieses Argument wird angesichts der Tatsache problematisch, dass die Kommentare gefiltert sind – und zwar ohne dass der Filter transparent wäre. Ähnlich verhält es sich bei Klickzahlen: Gerade auf Newsnet, also der »Webseite des Tages-Anzeigers« dominieren oft Artikel die Charts, die mit reißerischen Titeln oder »attraktiven« Bildern versehen sind. Interessant wären die Zahlen, wenn erkennbar wäre, wie lange Menschen eine Artikel gelesen haben. Der Klick auf den Artikel zeigt weder Interesse noch Engagement.

Kurz: Social Media aufgrund der Tatsache, dass alle mitschreiben können, die Fähigkeit abzusprechen, Relevanz zu erzeugen, ist wohl keine sinnvolle Haltung. Im Blick zu behalten, dass nur wenige Menschen auf Social Media aktiv sind, ist allerdings auch nicht falsch.

 

 

Was man von der Lesesucht-Debatte im 18. Jahrhundert lernen kann

Die Lesesucht ist ein thörigter, schädlicher Mißbrauch einer sonst guten Sache, ein wirklich großes Übel, das so ansteckend ist, wie das gelbe Fieber in Philadelphia; sie ist die Quelle des sittlichen Verderbens für Kinder und Kindes Kinder.
– Johann Gottfried Hoche, »Vertraute Briefe über die jetzige abentheuerliche Lesesucht« (1794)

Im 18. Jahrhundert kritisierte eine Reihe von Intellektuellen, Experten, würde man wohl heute sagen, die grassierende Lesesucht. Wie der lesenswerte Beitrag von Klaus Wolschner deutlich macht, wurde während der zunehmenden Alphabetisierung die zunehmende Lektüre von Romanen ein einem Krankheitsdiskurs beobachtet – ein bekanntes Beispiel ist Karl Philipp Moritz‘ autobiographisch inspirierter Bildungsroman Anton Reiser:  »Das Lesen war ihm nun einmal so zum Bedürfnis geworden, wie es den Morgenländern das Opium sein mag, wodurch sie ihre Sinne in eine angenehme Betäubung bringen.« (S. 174)

In seiner »Mediologie des 18. Jahrhunderts« mit dem Titel »Körperströme und Schriftverkehr« hat der Konstanzer Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke dieses Phänomen analysiert. Er spricht von einem »Überdruck der Imaginationen« (S. 403): Literatur hat Wünsche ausgelöst, die im beschränkten dörflichen Umfeld nicht zu befriedigen waren. Gleichzeitig hat sich die Möglichkeit ergeben, sich über die Schrift Netzwerke aufzubauen, die von der physischen Präsenz gelöst werden können. Dadurch wurden auch etablierte Mechanismen zur Verteilung von Macht und Wissen infrage gestellt. Koschorke zitiert einen zeitgenössischen Text von Karl Gottfried Bauer:

Wo der Mensch so wenig in sich, sondern stets außer sich zu existieren gewohnt ist, wo er so wenig durch sich selbst ist und alles durch andere, durch den Gebrauch äußerlicher Werkzeuge zu werden suchen muss, wo er folglich nur selten sich selbst genug sein kann, wo er einen großen Teil seiner moralischen, ja man kann dreist behaupten, auch seiner physischen Freiheit, Preis gibt und dennoch hinter seinem, oft ganz chimärischen Ziele, weit zurückbleibt.

Kinder lesen. Kupferstich von 1778. (Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung)
Kinder lesen. Kupferstich von 1778. (Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung)

Wenn man die Eigenschaften der Debatte über die Lesesucht zusammenfasst, dann sind folgende Aspekte relevant:

  1. Betroffen von der Kritik sind nicht-privilegierte Gruppen wie Frauen und Jugendliche; sie geht aus von Privilegierten. 
  2. Die dahinterstehende Ideologie ist der digitale Dualismus: Die (physische) Realität und die virtuelle Welt der Romane sind zu trennen. Die Interaktion der beiden Sphären wird als gefährlich bezeichnet.
  3. Der verwendete Suchtbegriff ist auch aufgrund von unpräzisen Vergleichen undifferenziert und tendenziös.

Diese Aspekte gelten auch für »Mediensucht«, wie sie heute mit Computerspielen (»World of Warcraft«) und Social Media in Verbindung gebracht wird. Es wäre also leicht, die Diskussion einfach zu verweigern, indem man darauf verweist, dass jeder mediale Wandel von ähnlichen Befürchtungen geprägt war: Sei es das Lesen, der Film oder eben Computerspiele – stets war die Rede von einer »gänzlichen Zerrüttung des Gehirns« oder »einem empfindlichen Nervensystem« (die Zitate stammen aus einem Traktat von Friedrich Burchard Beneken aus dem Jahr 1788). Gehirn und Nerven sind ein Universalargument, das Raum für viele Spekulationen bietet und immer wieder ignoriert, wie formbar und gewöhnungsfähig das menschliche Hirn ist.

Gleichwohl können problematische Auswirkungen von eine virtuellen Gefühls- und Handlungswelt nicht als gänzlich unberechtigt zurückgewiesen werden. Der Suchtexperte Bert te Wildt argumentiert präzise, wenn er festhält, Medienabhängigkeit sei besonders verheerend, weil sie hauptsächlich Heranwachsende betreffe. Sie verlagerten dabei ihre Beziehungen und ihre Beziehungsarbeit ins Mediale. Indem sie Profile und Avatare ihrer selbst erstellen, also mit Ersatz-Ichs den Cyberspace bevölkern, seien sie gezwungen, viel Zeit in den Aufbau dieser simulierten Personen zu investieren und daraus resultierende Beziehungen zu pflegen. Dabei erlebten sie zufällige Ausschüttungen von Belohnungsreizen, die gekoppelt mit entsprechenden Vorgängen im Hirn wie bei Glücksspielen zu Abhängigkeit führen können. Diese »virtuelle Dimension von Beziehungen« führe nach de Wildt dazu, dass »das empathische Moment leidet oder gar verkommen könnte«. Menschen verlieren das Mitgefühl, weil sie außerstande sind, handeln zu helfen: Sie können im Medialen nur zuschauen. Letztlich böten Medien die Möglichkeit der Realitätsflucht: Realität und Wirklichkeitsansprüche driften dabei auseinander. Kann die Realität die Ansprüche nicht befriedigen, würden sie ins Mediale externalisiert und zum Objekt gemacht.

Dieses Suchpotential der virtuellen Dimension, sei sie nun durch Bücher, Filme oder Games gegeben, hat aber auch ein revolutionäres Potential: Es befähigt, die Wirklichkeit zu verändern, Autoritäten zu hinterfragen, eigene Netzwerke in der virtuellen Dimension zu bilden, die Beschränkungen der Realität überwinden können. Als Beispiel kann hierfür Marina Weisbands Biografie angeführt werden, die als Migrantin in der Schule schlecht integriert war und ausgeschlossen wurde. Sie sagte dazu in einem Interview:

Mit 13 habe ich einen Internetanschluss bekommen, und dort habe ich Freunde gefunden. Da hatte ich dann meine virtuelle Clique. Sobald wir von der Schule heimkamen, haben wir uns alle in einem bestimmten Forum getroffen und uns hin und her geschrieben, bis wir eingeschlafen sind. Wir waren uns sehr nah. Ich habe auch meinen ersten Freund online kennengelernt.

Medienwandel ein ein sozial komplexes Phänomen. Er kann nicht bewältigt werden, indem jahrhundertealte Formeln wiederholt und in sozialen Abgrenzungs- und Ausgrenzungsbemühungen eingesetzt werden – aber auch nicht, indem er unkritisch gefeiert wird. In ihrem lesenswerten Essay »Standardsituationen der Technologiekritik« hat Kathrin Passig ein Muster diskutiert, das technische Neuerungen kulturhistorisch begleite. In der Welt fasst es Felix Müller wie folgt zusammen:

  1. Wofür soll das bitte gut sein?
  2. Das braucht doch kein Mensch.
  3. Die Einzigen, die das wollen, sind zweifelhafte oder privilegierte Minderheiten.
  4. Das ist ja nur eine Modeerscheinung.
  5. Die Innovation verändert überhaupt nichts.
  6. Die Neuerung ist zwar ganz gut, aber nicht gut genug.
  7. Sie stürzt schwache Charaktere ins Verderben.

Die Facebook-Krise: Ist eine Ära vorbei?

Fast täglich kann man Berichte über Statistiken lesen, die belegen, dass die dominanten Stellung von Facebook als das herausragende soziale Netzwerk bedroht sein könnte:

  1. In der Schweiz nimmt die Beliebtheit von Facebook bei den unter 15-Jährigen ab, wie die PR-Agentur Bernet ermittelt hat. Mehr als die Hälfte der User ist über 30.

    Quelle: bernetblog.ch
    Quelle: bernetblog.ch
  2. In den UK haben fast 2% der FB-User (600’000) im Dezember das Netzwerk verlassen, wie der Guardian berichtet.
  3. Die Kundenzufriedenheit nimmt gemäß dem American Customer Satisfaction Index stark ab, Facebook ist das soziale Netzwerk mit den unzufriedensten Kunden.  Bildschirmfoto 2013-01-15 um 11.08.28

Die Probleme von Facebook sind auf fünf Gründe zurückzuführen:

  1. Monetarisierung
  2. Sicherheit
  3. mobile Nutzung
  4. Privatsphäre
  5. häufige Änderungen der Oberfläche.

Diese Gründe sind miteinander vermischt, lassen aber alle die Attraktivität des Netzwerks sinken. Die Monetarisierung wirkt sich umfassend aus: Viele Posts werden den Usern gar nicht mehr eingeblendet, weil das ein kostenpflichtiges Feature ist; Nachrichten erreichen ihre Empfänger nicht bzw. verschwinden in einer ominösen und eigentlich unsichtbaren Spam-Box; aggressive Werbung erscheint und benutzt dafür andere User, ohne ihr Einverständnis einzuholen.

Foto

Das erschwert auch die mobile Nutzung des Netzwerks. Das Verschicken von Botschaften und Bildern lässt sich da einfacher handhaben als mit der doch eher schwerfälligen und unzuverlässigen App von Facebook. Die Sicherheit und der Schutz der Privatsphäre sind auf Social Media oft Imagefragen, die nicht auf eine realistischen Einschätzung oder einem Vergleich der Netzwerke beruhen. Facebook gilt als notorisch unsauber, ein Ruf, von dem das Netzwerk kaum wieder loskommt.

Die Zwangsänderungen (z.B. Chronik) verärgern viele User, weil sie unerwartete Effekte hervorrufen. Generell kann man nicht sicher sein, wie das aussehen wird, was man bei Facebook hinterlässt. Zudem dürfte sich auch eine Art Abnutzung ergeben haben: Wenn man fünf Mal die Ferienbilder auf Facebook geteilt hat und dafür tolle Kommentare und Likes erhalten hat, erlebt man beim sechsten Mal nichts Aufregendes mehr. Die Interaktion nimmt ab, der Aufwand steigt, die Lust geht verloren.

like and dislike paper

Gleichwohl ist FB immer noch für viele Menschen Synonym für Social Media. Sie erreichen dort ihr größtes Netzwerk, die meisten Bekannten haben FB und müsste erst dazu bewegt werden, eine Alternative zu nutzen. Die Frage ist also: Sind solche Netzwerke an sich in der Krise oder geht es einfach um die Marke FB? Man müsste in die Zukunft blicken können, um die Frage zu beantworten. Das folgende Video zeigt aber auf einer mäßig humorvolle Art und Weise, wie übersättigt viele Menschen mit den Möglichkeiten von FB sind.

Kompetenzen für eine digitale Welt

Philipp Zurmöhle, society6.
Philipp Zurmöhle, society6.

Blickt man in die Zukunft, so wirkt Medienkompetenz oft wie ein Schlagwort, mit dem viele Ansprüche gemeint sind, die sich nicht genau benennen lassen. In der Diskussion des Begriffs Kompetenz vermischen sich zudem die Anforderungen einer wirtschaftlich determinierten Berufswelt und gesellschaftliche Vorstellungen von individueller Entwicklung, wie Anja Wagner in ihrer Dissertation mit dem Titel »ÜberFlow« festhält (S. 108):

Die Kompetenzdebatte fokussiert auf die Person als zentrale Instanz der Kompetenzentwicklung. Seitens gesellschaftspolitischer Instanzen wird über den individualisierten Kompetenzbegriff großer Druck auf die Menschen ausgeübt, damit diese problemorientiert auf flexible äußere Anforderungen reagieren können und die nationalen Gesellschaften innovativ weiterentwickeln. Will man dagegen weniger die funktionale Anbindung an von außen gesetzte Normen oder Ziele (wie staatliche Entwicklung, Innovationen, persönliche Bildung o.ä.) in den Vordergrund rücken und eher die Sicht des Einzelnen einnehmen, so kommt der individuellen Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit eine größere Bedeutung zu. Die persönliche Kompetenz zur Gestaltung von Situationen ist eine andere als fach- oder methodenspezifische Kompetenzen, um in bestimmten Situationen im Interesse der Wissensökonomie zu agieren.

Die Fähigkeit, im Internet vorliegende Angebote nutzen zu können, auf die beispielsweise das »Internet Literacy Handbook« der UNESCO eingeschränkt ist, und die damit verbundene Reflexion erweitert Wagner mit drei zentralen Voraussetzungen, die Individuen befähigen »eine individuelle Netz-Kompetenz aufzubauen, die es ermöglicht, neben den herrschenden Netzwerkstrukturen alternative Netzwerke mit gestalten zu können« (S. 109f.):

  1. Selbstregulation, Selbstorganisation, Selbstreflexion und Selbstreflexion ermöglichen informelles Lernen im Kontext des Web 2.0; sie führen zu »Neugierde und Kreativität, Initiative und Autonomie, Lernfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Frustrationstoleranz, Improvisationsgeschick und Risikobereitschaft«.
  2. Eine Internetkompetenz, die sich aus einer Medienalphabetisierung oder Medien-literacy, »medienspezifischen Analyse-, Evaluations- und Contententwicklungs-Skills« und der Fähigkeit, Informationen kontextualisieren zu können, zusammensetzt.
  3. Die unter 1. und 2. genannten Fähigkeiten kommen in heterogenen sozialen Zusammenhängen zum Einsatz, entscheidend ist also die Kompetenz, in flexiblen Umgebungen problembezogen kommunizieren zu können, ohne die eigene Autonomie preiszugeben.

Medienkompetenz muss in Bildungsprozessen mit der Förderung sozialer und ethischer Kompetenzen gekoppelt werden. Nur so kann dem einerseits gesellschaftlichen, andererseits wirtschaftlichen Druck widerstanden werden, der durch die Neuen Medien gerade auf Jugendliche ausgeübt wird.