MOOC – Theorie und Praxis

Was ein MOOC (ausgesprochen als /muhk/, alternativ englisch buchstabieren) ist, lässt sich mit einem Video am einfachsten verstehen:

Grundsätzlich ist es ein Kurs (das ist wichtig, eine Art Verlauf oder Struktur muss vorhanden sein), der allen offen steht, online verfügbar ist und viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer hat. Es werden oft xMOOCs von cMOOCs unterschieden, gemeint sind MOOCs, die entweder einen bestehenden, (Offline-)Kurs ergänzen und als Medium Internetkommunikation benutzen (x = extended), oder solche, die im Web 2.0 entstehen, die Materialien sammeln, welche die Teilnehmenden interessieren (c = connectivist). xMOOCs erlauben häufig reine Teilnahme, während cMOOCs die Teilnehmenden auch zu Lehrenden machen. Wichtig ist dabei, dass sie sich untereinander vernetzen.

Gerade läuft ein deutschsprachiger Meta-MOOC, ein MOOC, der zum Inhalt hat, wie man MOOCs durchführt: »How to MOOC«. 164 Teilnehmende sind dabei und schreiben dann nächste Woche ein Handbuch, das dann – eben, alles ist offen – alle verwenden können. Ich habe bei diesem MOOC nicht teilgenommen, weil mich das Thema MOOC zu wenig interessiert, um längerfristig motiviert zu sein. Um richtig verstanden zu werden: Ich finde MOOCs sehr wichtig, es sind Lernformen der Zukunft. Aber ich habe zu wenig Lust, darüber nachzudenken, wie sich MOOCs finanzieren lassen oder wie sich MOOCs mit dem OER-Gedanken verbinden lassen. Salopp gesagt: Praktische Fragen würde ich lösen, wenn ich müsste; nicht theoretisch in meiner Freizeit. (Mir ist ganz klar, dass ein wesentlicher Faktor dieses cMOOCs darin besteht, ein Netzwerk von Interessierten zu schaffen, die entsprechende Angebote auf die Beine stellen können.)

Bildschirmfoto 2013-02-03 um 11.47.46
Jede(r) sucht den eigenen grünen Weg.

Deshalb nehme ich nun an einem anderen MOOC teil, um das Prinzip als Lernender kennen zu lernen und um etwas zu lernen, was mich schon länger interessiert. Der MOOC heißt »Introduction to Complexity« (Santa Fe Institute) und ist der erste in einer Reihe von Kursen zum Thema Komplexitätstheorie. Es ist ein xMOOC, bei dem eine klare Struktur vorgegeben ist und wesentliche Inhalte mit Video-Vorlesungen und Tests vermittelt werden. Meine Eindrücke und wesentliche Erkenntnisse halte ich in einem Journal fest, das ich laufend aktualisieren werde.

 

MOOC_CowV8
Die MOOC-Cow. http://zmldidaktik.wordpress.com/2012/04/20/finally-the-zml-mooc-cow/

 Meiner Meinung nach sind die folgenden Prinzipien wesentliche Eigenschaften von MOOC-Lernprozessen:

Bildschirmfoto 2013-02-11 um 23.17.28

Ein eigenes Ebook erstellen und verbreiten in zwei Stunden

Udpates: Ich ergänze diesen Post laufend. Hier die Daten der wichtigsten Updates: 11.2., 9.15 Uhr – 11.2., 12.15 Uhr – 

Heute habe ich mir einen Abend Zeit genommen, um etwas zu tun, was ich schon immer mal tun wollte: Ein Buch veröffentlichen. Nun, geschrieben hatte ich nur einen Vortrag über Trolle, ich habe ihn hier schon präsentiert: »Warum die Schule Trolle braucht«. Das Manuskript habe ich überarbeitet und daraus Versionen erstellt, die sich über Amazons Kindle-Store und Apples iBook-Store verbreiten lassen. Das ist also, was ich nun im Folgenden »Buch« nennen werde: Ein kurzer Essay mit ein paar Bildern.

Cover

Ich dokumentiere hier mein Vorgehen kurz, Fragen beantworte ich gerne. Voraus nur dies: Ich bin kein Profi, sondern absoluter Laie, der einfach ausprobiert hat, was möglich ist.

  1. Ich habe das Manuskript mit Pages bearbeitet und die hier erwähnten Formatvorlagen und Voragben verwendet
  2. Das Buch konnte dann in Pages mit dem Befehl »Exportieren« direkt als .epub-File gespeichert werden.
  3. Dazu habe ich das Cover (also die erste Seite) separat als Bilddatei gespeichert, sinnvoll ist .jpg.
  4. Das war schon alles: Ein .epub-Buchfile und ein .jpg-Cover reichen für alles, was ich tun wollte, aus:
    a) Kindle-Direct-Publishing geht mit einem vollständig ausgefüllten Amazon-Konto.
    b) Free Books Account für iBooks geht mit einer Apple-ID; allerdings können die Bücher dann nur gratis angeboten werden. Wer Geld verdienen will, muss ein Konto kaufen.
  5. Auf beiden Plattformen habe ich je rund 10 Minuten gebraucht, um alle Informationen auszufüllen.
  6. Auf Epubli habe ich zusätzlich für 20 Euro eine ISBN-Nummer gekauft. Epubli würde auch die gesamte Publikation des Buches übernehmen, ist aber kostenpflichtig.
  7. Die ISBN habe ich zusammen mit der CC-Lizenz in ein Impressum eingefügt.
  8. Die Titelseite muss doppelt eingefügt werden, damit sie in .epub-Dateien als solche erkannt wird.
  9. Ich habe das .epub-File mit Calibre (OS X) in ein .mobi-File umgewandelt.

Das Buch wird momentan verarbeitet, ich poste hier die Links zu den Büchern, sobald sie erschienen sind. Interessant ist, dass Apple nur einen Zugang zum Gratisprogramm kostenlos anbietet, Amazon auch ermöglicht, Geld zu verdienen. Allerdings wird das Buch bei Amazon auch verschenkt, wenn es anderswo gratis verfügbar ist. Das ist durchaus mein Ziel: Ich will kein Geld verdienen, sondern einen Aufsatz von mir möglichst breit verfügbar machen.

Hier die von mir erstellen Files in Version 1.1, das ganze Buch steht unter der Lizenz CC BY 3.0.

(Dieser Post erscheint am 9. Februar auf Rivva.)

Relevanz, Social Media und die Filter Bubble

Die Diskussion rund um #Aufschrei, eine auf Social Media initiierte Debatte über Alltagssexismus (zunächst nur als Ausdruck sexistischer Erfahrungen gedacht), führte auch zu Diskussionen über die Frage, ob die Masse von Tweets oder anderen Äußerungen auf Social Media Indikator für die Relevanz eines Themas sein kann.
Rainer Stadler, Medienexperte der NZZ hat sich dazu pointiert geäußert:

(Der Kontext kann auf Storify nachgelesen werden.)

Relevant kann also, so Stadler, nur etwas sein, was wahr ist. Während es in seinem Bildbereich, der Mathematik, Wahrheit als eindeutige Eigenschaft geben mag, ist Wahrheit im sozialen und politischen Bereich multiperspektivisch, Kafkas Aussage, Wahrheit gebe es allenfalls im Chor, passt dafür gut. Relevant ist, was einen Chor dazu bringt zu singen. Mit dieser Metapher kann man zwei Abgrenzungen vornehmen: Erstens braucht es für Relevanz nicht nur den Konsum entsprechender Meldungen, sondern echtes Engagement von Menschen (singen ist nicht dasselbe wie zuhören), zweitens kann der Chor für gewisse Zuhörende auch unschön oder falsch klingen: So lange er singt, bringt er viele Stimmen zusammen und hat so Gewicht, also Relevanz.

Haben nun die größten Chöre die größte Relevanz? Oder die, welche besonders schön, virtuos oder laut singen? Diese Frage scheint mir nicht besonders interessant. So lange es einen Chor gibt, ist ein Thema relevant. Größe des Chors, Schönheit des Gesangs, Virtuosität und Lautstärke haben sicher alle einen Einfluss. Entscheidend scheint mir viel mehr, dass wir selber auch alle in Chören mitsingen. Die Frage ist, ob wir dabei auch die anderen noch hören.

Das ist, was Eli Pariser Filter Bubble genannt hat:

Der Grundcode des neuen Internets ist recht simpel. Die neue Generation der Internetfilter schaut sich an, was Sie zu mögen scheinen – wie Sie im Netz aktiv waren oder welche Dinge oder Menschen Ihnen gefallen – und zieht entsprechende Rückschlüsse. Prognosemaschinen entwerfen und verfeinern pausenlos eine Theorie zu Ihrer Persönlichkeit und sagen voraus, was Sie als Nächstes tun und wollen. Zusammen erschaffen diese Maschinen ein ganz eigenes Informationsuniversum für jeden von uns – das, was ich die Filter Bubble nenne – und verändern so auf fundamentale Weise, wie wir an Ideen und Informationen gelangen.

Wenn nun Vertreterinnen und Vertreter traditioneller Medien Themen wie die mit #Aufschrei in Verbindung gebrachten deswegen ignorieren oder geringschätzen, weil hier nur eine »Empörungswelle« heißlaufe, dann nehmen sie implizit auf die Vorstellung einer Filter Bubble Bezug: Das Internet führe halt Mesnchen zusammen, die sich empören wollen, und wenn sie es tun, scheint das schnell ein lauter Chor zu werden, der deswegen aber keine Relevanz beanspruchen kann. Anders gesagt: Den Social-Media-Usern schienen halt die Themen relevant, die in ihrer Filter Bubble viel Plat einnähmen, obwohl sie gar nicht relevant seien.

kafka wahrheit

Rainer Stadler schlägt alternativ klassische Relevanzmerkmale vor:

 

Interessant ist hier, dass auch Stadler auf eine Filterblase verweist: Die Klick- und Leserdaten seiner eigenen Publikation (oder Texte) sind ihm bekannt, Rückmeldungen erhält er aus seinem eigenen Umfeld und der von ihm wahrgenommenen Konkurrenz.

Social Media ermöglicht aber eine Wahrnehmung von vielen Stimmen. Die Vorstellung, man sähe darin nur den eigenen Kontext, kann man nämlich getrost zurückweisen. Christoph Kappes leitet daraus eine Kritik an Parisers Konzept ab (pdf):

Das Internet filtert nicht wie herkömmliche Medien Informationen für den Rezipienten weg, sondern eröffnet nur – potenziell unendlich viele – gefilterte Sichten. Gern wird zur Veranschaulichung die Cafeteria als Beispiel genannt, die durch die Vorauswahl an Mahlzeiten die Möglichkeiten verringert, während das Web sozusagen alle Zutaten mit Rezepten bereitstellt. Eine bestimmte Information wird obendrein an vielen Stellen des Nachrichtenkonsums auftauchen, wenn sie gewisse Relevanzschwellen überschreitet. Wer sich sein Netzwerk nach durchschnittlichen Maßen zusammenstellt, also mit etwa einhundertfünfzig Kontakten, kann daher kaum eine ihn interessierende Information übersehen. […] Dass es nicht zu einer Gleichartigkeit von maschinellen Empfehlungen kommt, ergibt sich auch daraus, dass keine Situation wie die andere ist: Sie ist nach Zeit, Ort und Personen sowie deren Bedürfnissen, Kontexten, sozialen Beziehungen und Informationslandschaften immer neu.

Durch Social Media hergestellte Relevanz unterscheidet sich auf zwei Arten von traditionellen Vorstellungen:

  1. Die Daten sind allen ungefiltert zugänglich, nicht nur einer schreibenden Eliter.
  2. Daten entstehen durch Engagement der Teilnehmenden, nicht durch bloßen Konsum.

Dafür zwei Beispiele: In der Weltwoche dieser Woche argumentiert Alex Baur, von 63 Kommentaren auf der »Webseite des Tages-Anzeigers« hätten nur 13 eine bestimmte Haltung ausgedrückt. Dieses Argument wird angesichts der Tatsache problematisch, dass die Kommentare gefiltert sind – und zwar ohne dass der Filter transparent wäre. Ähnlich verhält es sich bei Klickzahlen: Gerade auf Newsnet, also der »Webseite des Tages-Anzeigers« dominieren oft Artikel die Charts, die mit reißerischen Titeln oder »attraktiven« Bildern versehen sind. Interessant wären die Zahlen, wenn erkennbar wäre, wie lange Menschen eine Artikel gelesen haben. Der Klick auf den Artikel zeigt weder Interesse noch Engagement.

Kurz: Social Media aufgrund der Tatsache, dass alle mitschreiben können, die Fähigkeit abzusprechen, Relevanz zu erzeugen, ist wohl keine sinnvolle Haltung. Im Blick zu behalten, dass nur wenige Menschen auf Social Media aktiv sind, ist allerdings auch nicht falsch.

 

 

Was man von der Lesesucht-Debatte im 18. Jahrhundert lernen kann

Die Lesesucht ist ein thörigter, schädlicher Mißbrauch einer sonst guten Sache, ein wirklich großes Übel, das so ansteckend ist, wie das gelbe Fieber in Philadelphia; sie ist die Quelle des sittlichen Verderbens für Kinder und Kindes Kinder.
– Johann Gottfried Hoche, »Vertraute Briefe über die jetzige abentheuerliche Lesesucht« (1794)

Im 18. Jahrhundert kritisierte eine Reihe von Intellektuellen, Experten, würde man wohl heute sagen, die grassierende Lesesucht. Wie der lesenswerte Beitrag von Klaus Wolschner deutlich macht, wurde während der zunehmenden Alphabetisierung die zunehmende Lektüre von Romanen ein einem Krankheitsdiskurs beobachtet – ein bekanntes Beispiel ist Karl Philipp Moritz‘ autobiographisch inspirierter Bildungsroman Anton Reiser:  »Das Lesen war ihm nun einmal so zum Bedürfnis geworden, wie es den Morgenländern das Opium sein mag, wodurch sie ihre Sinne in eine angenehme Betäubung bringen.« (S. 174)

In seiner »Mediologie des 18. Jahrhunderts« mit dem Titel »Körperströme und Schriftverkehr« hat der Konstanzer Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke dieses Phänomen analysiert. Er spricht von einem »Überdruck der Imaginationen« (S. 403): Literatur hat Wünsche ausgelöst, die im beschränkten dörflichen Umfeld nicht zu befriedigen waren. Gleichzeitig hat sich die Möglichkeit ergeben, sich über die Schrift Netzwerke aufzubauen, die von der physischen Präsenz gelöst werden können. Dadurch wurden auch etablierte Mechanismen zur Verteilung von Macht und Wissen infrage gestellt. Koschorke zitiert einen zeitgenössischen Text von Karl Gottfried Bauer:

Wo der Mensch so wenig in sich, sondern stets außer sich zu existieren gewohnt ist, wo er so wenig durch sich selbst ist und alles durch andere, durch den Gebrauch äußerlicher Werkzeuge zu werden suchen muss, wo er folglich nur selten sich selbst genug sein kann, wo er einen großen Teil seiner moralischen, ja man kann dreist behaupten, auch seiner physischen Freiheit, Preis gibt und dennoch hinter seinem, oft ganz chimärischen Ziele, weit zurückbleibt.

Kinder lesen. Kupferstich von 1778. (Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung)
Kinder lesen. Kupferstich von 1778. (Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung)

Wenn man die Eigenschaften der Debatte über die Lesesucht zusammenfasst, dann sind folgende Aspekte relevant:

  1. Betroffen von der Kritik sind nicht-privilegierte Gruppen wie Frauen und Jugendliche; sie geht aus von Privilegierten. 
  2. Die dahinterstehende Ideologie ist der digitale Dualismus: Die (physische) Realität und die virtuelle Welt der Romane sind zu trennen. Die Interaktion der beiden Sphären wird als gefährlich bezeichnet.
  3. Der verwendete Suchtbegriff ist auch aufgrund von unpräzisen Vergleichen undifferenziert und tendenziös.

Diese Aspekte gelten auch für »Mediensucht«, wie sie heute mit Computerspielen (»World of Warcraft«) und Social Media in Verbindung gebracht wird. Es wäre also leicht, die Diskussion einfach zu verweigern, indem man darauf verweist, dass jeder mediale Wandel von ähnlichen Befürchtungen geprägt war: Sei es das Lesen, der Film oder eben Computerspiele – stets war die Rede von einer »gänzlichen Zerrüttung des Gehirns« oder »einem empfindlichen Nervensystem« (die Zitate stammen aus einem Traktat von Friedrich Burchard Beneken aus dem Jahr 1788). Gehirn und Nerven sind ein Universalargument, das Raum für viele Spekulationen bietet und immer wieder ignoriert, wie formbar und gewöhnungsfähig das menschliche Hirn ist.

Gleichwohl können problematische Auswirkungen von eine virtuellen Gefühls- und Handlungswelt nicht als gänzlich unberechtigt zurückgewiesen werden. Der Suchtexperte Bert te Wildt argumentiert präzise, wenn er festhält, Medienabhängigkeit sei besonders verheerend, weil sie hauptsächlich Heranwachsende betreffe. Sie verlagerten dabei ihre Beziehungen und ihre Beziehungsarbeit ins Mediale. Indem sie Profile und Avatare ihrer selbst erstellen, also mit Ersatz-Ichs den Cyberspace bevölkern, seien sie gezwungen, viel Zeit in den Aufbau dieser simulierten Personen zu investieren und daraus resultierende Beziehungen zu pflegen. Dabei erlebten sie zufällige Ausschüttungen von Belohnungsreizen, die gekoppelt mit entsprechenden Vorgängen im Hirn wie bei Glücksspielen zu Abhängigkeit führen können. Diese »virtuelle Dimension von Beziehungen« führe nach de Wildt dazu, dass »das empathische Moment leidet oder gar verkommen könnte«. Menschen verlieren das Mitgefühl, weil sie außerstande sind, handeln zu helfen: Sie können im Medialen nur zuschauen. Letztlich böten Medien die Möglichkeit der Realitätsflucht: Realität und Wirklichkeitsansprüche driften dabei auseinander. Kann die Realität die Ansprüche nicht befriedigen, würden sie ins Mediale externalisiert und zum Objekt gemacht.

Dieses Suchpotential der virtuellen Dimension, sei sie nun durch Bücher, Filme oder Games gegeben, hat aber auch ein revolutionäres Potential: Es befähigt, die Wirklichkeit zu verändern, Autoritäten zu hinterfragen, eigene Netzwerke in der virtuellen Dimension zu bilden, die Beschränkungen der Realität überwinden können. Als Beispiel kann hierfür Marina Weisbands Biografie angeführt werden, die als Migrantin in der Schule schlecht integriert war und ausgeschlossen wurde. Sie sagte dazu in einem Interview:

Mit 13 habe ich einen Internetanschluss bekommen, und dort habe ich Freunde gefunden. Da hatte ich dann meine virtuelle Clique. Sobald wir von der Schule heimkamen, haben wir uns alle in einem bestimmten Forum getroffen und uns hin und her geschrieben, bis wir eingeschlafen sind. Wir waren uns sehr nah. Ich habe auch meinen ersten Freund online kennengelernt.

Medienwandel ein ein sozial komplexes Phänomen. Er kann nicht bewältigt werden, indem jahrhundertealte Formeln wiederholt und in sozialen Abgrenzungs- und Ausgrenzungsbemühungen eingesetzt werden – aber auch nicht, indem er unkritisch gefeiert wird. In ihrem lesenswerten Essay »Standardsituationen der Technologiekritik« hat Kathrin Passig ein Muster diskutiert, das technische Neuerungen kulturhistorisch begleite. In der Welt fasst es Felix Müller wie folgt zusammen:

  1. Wofür soll das bitte gut sein?
  2. Das braucht doch kein Mensch.
  3. Die Einzigen, die das wollen, sind zweifelhafte oder privilegierte Minderheiten.
  4. Das ist ja nur eine Modeerscheinung.
  5. Die Innovation verändert überhaupt nichts.
  6. Die Neuerung ist zwar ganz gut, aber nicht gut genug.
  7. Sie stürzt schwache Charaktere ins Verderben.

Die Facebook-Krise: Ist eine Ära vorbei?

Fast täglich kann man Berichte über Statistiken lesen, die belegen, dass die dominanten Stellung von Facebook als das herausragende soziale Netzwerk bedroht sein könnte:

  1. In der Schweiz nimmt die Beliebtheit von Facebook bei den unter 15-Jährigen ab, wie die PR-Agentur Bernet ermittelt hat. Mehr als die Hälfte der User ist über 30.

    Quelle: bernetblog.ch
    Quelle: bernetblog.ch
  2. In den UK haben fast 2% der FB-User (600’000) im Dezember das Netzwerk verlassen, wie der Guardian berichtet.
  3. Die Kundenzufriedenheit nimmt gemäß dem American Customer Satisfaction Index stark ab, Facebook ist das soziale Netzwerk mit den unzufriedensten Kunden.  Bildschirmfoto 2013-01-15 um 11.08.28

Die Probleme von Facebook sind auf fünf Gründe zurückzuführen:

  1. Monetarisierung
  2. Sicherheit
  3. mobile Nutzung
  4. Privatsphäre
  5. häufige Änderungen der Oberfläche.

Diese Gründe sind miteinander vermischt, lassen aber alle die Attraktivität des Netzwerks sinken. Die Monetarisierung wirkt sich umfassend aus: Viele Posts werden den Usern gar nicht mehr eingeblendet, weil das ein kostenpflichtiges Feature ist; Nachrichten erreichen ihre Empfänger nicht bzw. verschwinden in einer ominösen und eigentlich unsichtbaren Spam-Box; aggressive Werbung erscheint und benutzt dafür andere User, ohne ihr Einverständnis einzuholen.

Foto

Das erschwert auch die mobile Nutzung des Netzwerks. Das Verschicken von Botschaften und Bildern lässt sich da einfacher handhaben als mit der doch eher schwerfälligen und unzuverlässigen App von Facebook. Die Sicherheit und der Schutz der Privatsphäre sind auf Social Media oft Imagefragen, die nicht auf eine realistischen Einschätzung oder einem Vergleich der Netzwerke beruhen. Facebook gilt als notorisch unsauber, ein Ruf, von dem das Netzwerk kaum wieder loskommt.

Die Zwangsänderungen (z.B. Chronik) verärgern viele User, weil sie unerwartete Effekte hervorrufen. Generell kann man nicht sicher sein, wie das aussehen wird, was man bei Facebook hinterlässt. Zudem dürfte sich auch eine Art Abnutzung ergeben haben: Wenn man fünf Mal die Ferienbilder auf Facebook geteilt hat und dafür tolle Kommentare und Likes erhalten hat, erlebt man beim sechsten Mal nichts Aufregendes mehr. Die Interaktion nimmt ab, der Aufwand steigt, die Lust geht verloren.

like and dislike paper

Gleichwohl ist FB immer noch für viele Menschen Synonym für Social Media. Sie erreichen dort ihr größtes Netzwerk, die meisten Bekannten haben FB und müsste erst dazu bewegt werden, eine Alternative zu nutzen. Die Frage ist also: Sind solche Netzwerke an sich in der Krise oder geht es einfach um die Marke FB? Man müsste in die Zukunft blicken können, um die Frage zu beantworten. Das folgende Video zeigt aber auf einer mäßig humorvolle Art und Weise, wie übersättigt viele Menschen mit den Möglichkeiten von FB sind.

Kompetenzen für eine digitale Welt

Philipp Zurmöhle, society6.
Philipp Zurmöhle, society6.

Blickt man in die Zukunft, so wirkt Medienkompetenz oft wie ein Schlagwort, mit dem viele Ansprüche gemeint sind, die sich nicht genau benennen lassen. In der Diskussion des Begriffs Kompetenz vermischen sich zudem die Anforderungen einer wirtschaftlich determinierten Berufswelt und gesellschaftliche Vorstellungen von individueller Entwicklung, wie Anja Wagner in ihrer Dissertation mit dem Titel »ÜberFlow« festhält (S. 108):

Die Kompetenzdebatte fokussiert auf die Person als zentrale Instanz der Kompetenzentwicklung. Seitens gesellschaftspolitischer Instanzen wird über den individualisierten Kompetenzbegriff großer Druck auf die Menschen ausgeübt, damit diese problemorientiert auf flexible äußere Anforderungen reagieren können und die nationalen Gesellschaften innovativ weiterentwickeln. Will man dagegen weniger die funktionale Anbindung an von außen gesetzte Normen oder Ziele (wie staatliche Entwicklung, Innovationen, persönliche Bildung o.ä.) in den Vordergrund rücken und eher die Sicht des Einzelnen einnehmen, so kommt der individuellen Handlungs- und Gestaltungsfähigkeit eine größere Bedeutung zu. Die persönliche Kompetenz zur Gestaltung von Situationen ist eine andere als fach- oder methodenspezifische Kompetenzen, um in bestimmten Situationen im Interesse der Wissensökonomie zu agieren.

Die Fähigkeit, im Internet vorliegende Angebote nutzen zu können, auf die beispielsweise das »Internet Literacy Handbook« der UNESCO eingeschränkt ist, und die damit verbundene Reflexion erweitert Wagner mit drei zentralen Voraussetzungen, die Individuen befähigen »eine individuelle Netz-Kompetenz aufzubauen, die es ermöglicht, neben den herrschenden Netzwerkstrukturen alternative Netzwerke mit gestalten zu können« (S. 109f.):

  1. Selbstregulation, Selbstorganisation, Selbstreflexion und Selbstreflexion ermöglichen informelles Lernen im Kontext des Web 2.0; sie führen zu »Neugierde und Kreativität, Initiative und Autonomie, Lernfähigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Frustrationstoleranz, Improvisationsgeschick und Risikobereitschaft«.
  2. Eine Internetkompetenz, die sich aus einer Medienalphabetisierung oder Medien-literacy, »medienspezifischen Analyse-, Evaluations- und Contententwicklungs-Skills« und der Fähigkeit, Informationen kontextualisieren zu können, zusammensetzt.
  3. Die unter 1. und 2. genannten Fähigkeiten kommen in heterogenen sozialen Zusammenhängen zum Einsatz, entscheidend ist also die Kompetenz, in flexiblen Umgebungen problembezogen kommunizieren zu können, ohne die eigene Autonomie preiszugeben.

Medienkompetenz muss in Bildungsprozessen mit der Förderung sozialer und ethischer Kompetenzen gekoppelt werden. Nur so kann dem einerseits gesellschaftlichen, andererseits wirtschaftlichen Druck widerstanden werden, der durch die Neuen Medien gerade auf Jugendliche ausgeübt wird.

»Überschätzter Frontalunterricht« – mein Beitrag im Sonntag

Gestern ist im Sonntag meine Meinung zum Frontalunterricht erschienen, die ich hier schon als Blogpost entworfen habe. Der Text kann auch digital gelesen werden.

Ich freue mich über Kommentare.

Der Sonntag, 13. Januar 2013, S. 13.
Der Sonntag, 13. Januar 2013, S. 13.

Informatik und Programmieren in der Grundschule

Die Zeit berichtet über ein Projekt in Estland, das von der Tiger Leap Foundation initiiert worden ist. Momentan läuft ein Pilotprojekt. Ziel ist, dass alle Schülerinnen und Schüler in Estland in der Grundschule lernen zu programmieren.

Doch können Grundschüler wirklich schon programmieren lernen? Ja, sogar schon in der ersten Klasse, glaubt Ave Lauringson. Der Programmierunterricht in Estland soll gleich nach der Einschulung losgehen. Möglich machen das spezielle Programmierumgebungen für Kinder. Dabei wird nicht wie in einer klassischen Programmiersprache Zeile für Zeile ein komplizierter Code aus Text und Zahlen aufgeschrieben, sondern die Kinder ziehen einfache Befehle als farbliche Blöcke in ein Feld. Wenn man alles richtig zusammengebaut hat, läuft auf dem Bildschirm zum Beispiel eine Katze einer Maus hinterher. So lernen Kinder, wie Programme aufgebaut sind und dass der Computer kein magisches Gerät mit einem mysteriösen Eigenleben ist, sondern eine Maschine, die man dressieren kann.

Estnische Kinder lernen ab 7 Jahren programmieren.
Estnische Kinder lernen ab 7 Jahren programmieren.

Der Artikel betont vor allem die Funktion der Informatik für eine spätere Berufsausbildung im technischen oder im IT-Bereich. Die Formulierung der Tiger Leap Foundation ist etwas offener:

The aim of the Tiger Leap Foundation is to foster pupils’ interest towards science and help them acquire the skills for using modern technology wisely in the course of their studies.

Beat Doebeli geht in einer Zusammenfassung eines Vortrags von Simon Peyton Jones noch einen entscheidenden Schritt weiter:

In diese Richtung zielt auch, dass Simon Peyton Jones mehrfach betont hat, bei seinen Bemühungen gehe es ihm nicht um das eine Prozent, dass nachher Informatik studiere, sondern um die 99%, die keinen Informatikberuf ergreifen würden. Es gehe um Allgemeinbildung; darum, dass in einer Informationsgeselllschaft, alle und eben nicht nur die Informatiker eine gewisse Ahnung über Informatik haben müssten.

Dem kann ich zustimmen. Die Überlegungen zum Status des Programmierens und der Informatik in der Schule, die ich hier bereits festgehalten habe, sind immer allgemeinbildend zu verstehen. Bildungscurricula auf spezifische Berufsbilder auszurichten, ist in einer Gesellschaft, in der berufliche Anforderungen sehr dynamisch sind, äußerst gefährlich.

Auswirkungen von Social Media auf das Gehirn

Hirnforschung wird heute als »Universalschlüssel« zum Verständnis des Menschen und seiner Lebensweise betrachtet. Oft wird dabei übersehen, dass die bildgebenden Verfahren viele Zusammenhänge vereinfachen, auf willkürlichen Entscheidungen beruhen und nur innerhalb eines Modells des Menschen eine Aussagekraft haben. Es ist zudem äußerst schwierig, einen so komplexen kommunikativen Wandel, wie er mit Social Media verbunden ist, isoliert neurologisch zu untersuchen.

gehirn

Wird also darüber gesprochen, was neue Medien mit unseren Hirnen oder den Hirnen von Kindern und Jugendlichen anstellen, ist Vorsicht geboten. Das gilt für die Voraussage, wir würden lernen, problemlos mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bearbeiten und können Reize viel schneller verarbeiten, wie auch für die Befürchtung, wesentliche Denkfähigkeiten durch falschen Mediengebrauch bedroht seien. Ganz bösartig kommentierte Martin Robbins eine skeptische Studie der Neurowissenschaftlerin Susan Greenfield, indem er ihren Erkenntniswert zusammenfasste:

Greenfield [behauptet], dass eine unbestimmte Art von Umgang mit einem unbestimmten Teil moderner Technologie eine unbestimmte Anzahl menschlicher Hirne auf eine unbestimmte Art beeinflussen kann, so dass unbestimmte Effekte eintreten. (übers. Ph.W.)

Dennoch kann man folgende vorsichtigen Aussagen machen:

  1. Mediennutzung und Formen sozialer Interaktion beeinflussen die Entwicklung des Gehirns. Neutraler formuliert: Das Gehirn passt sich in seiner Entwicklung, also vor allem bei Kindern und Jugendlichen, den Lebensumständen an. Dieser Umstand kann an sich nicht gewertet werden. Auf Kinder, Erwachsene und ältere Menschen wirken digitale Medien anders, weil ihr Hirn und seine Teilsysteme unterschiedlich ausgebildet sind.
  2. Oberflächliche und repetitive Medienaktivitäten haben negative Auswirkungen auf die Entwicklung des Gehirns (sehen Kinder sehr viel fern, kann das zu schlechteren Schulleistungen und Schlafstörungen führen). Ob das Social Media betrifft oder nicht, lässt sich kaum sagen. Zu beachten ist, dass hier Jugendliche immer auch aktiv sind und nicht nur passiv Inhalte konsumieren.
  3. Führende Experten und Analysten gehen davon aus, dass durch den Gebrauch von Social Media die Aufmerksamkeitsspanne sinken wird und es für Menschen schwierig wird, komplexe Probleme mit dauerhafter Konzentration zu bearbeiten.
  4. Die Ablenkungen durch Social Media stellen für das soziale Zusammenleben eine Herausforderung dar. Das Hirn wird stark geprägt durch soziale Interaktionen; würden alle Beziehungen durch oberflächliche, virtuelle ersetzt, dann wäre die Ausbildung von Sozialkompetenz gefährdet.
  5. Gewisse Konzentrationsleistungen sind nicht mehr nötig, weil Computer als Hilfsmittel viele Aufgaben für uns erledigen (z.B. das Addieren von langen Zahlenreihen, Rechtschreibprüfung, das Auswendiglernen von langen Listen etc.). Allerdings scheint die fehlende Übung zu verhindern, dass bestimmte Gehirnareale ausgebildet werden, die für das Lösen komplexer Probleme verwendet werden, obwohl es natürlich problemlos möglich ist, auch am Computer komplexe Fragestellungen zu bearbeiten.

Im Sinne einer Bilanz kann man davon ausgehen, dass digitale Medien einer gesunden Entwicklung nicht entgegenstehen, wenn sie wichtige menschliche Aktivitäten nicht ablösen, sondern ergänzen. Das physische Begreifen der Welt, Sport, Musik oder Theater sind in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen nicht zu ersetzen. Aber es ist möglich, zusätzlich dosiert am Computer zu spielen, das Smartphone in einem sinnvollen Kontext als Lerninstrument zu nutzen und mit Freundinnen und Freunden auf Facebook zu chatten.

Die Hirnforscher Hans-Peter Thier und Michael Madeja weisen darauf hin, dass die Medienpädagogik neurologische Erkenntisse: war beürcksichtigen sollte, aber dadurch keine radikal neue Orientierung erfahren wird:

Die Hirnforschung kann der Pädagogik nützliche Hinweise geben. Zwar versuchen Menschen schon seit Jahrtausenden die Erziehung der Kinder zu optimieren. Da gibt es bereits einen großen Schatz an empirischem Wissen, so dass man von der Hirnforschung keine revolutionären Veränderung mehr erwarten kann. […] Die Hirnforschung gibt uns viele Hinweise, die bessere, eindringlichere und damit letztlich auch erfolgreichere Medienangebote ermöglichen. Denken Sie etwa an den aktuellen Trend, Fernseh- und Computermonitore zu produzieren, die einen Tiefeneindruck ermöglichen und den Betrachter gewissermaßen in die Mitte des Geschehens versetzen.

Eine Bemerkung zum Frontalunterricht

Der Frontalunterricht ist in aller Munde. Seit die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung Mitte Dezember den Frontalunterricht gelobt hat – »Frontalunterricht macht klug« / »Klassischer Frontalunterricht produziert gute Resultate« – trifft man überall auf Befürworterinnen und Befürworter der Methode: Von den Lehrenden, die insgeheim schon immer gewusst haben, wie gut die Methode ist (nichts anderes wird übrigens in der didaktischen Ausbildung gelehrt: guter Frontalunterricht ist eine effiziente Methode), bis zu den ehemaligen Schülerinnen und Schülern, die guten Lehrerinnen und Lehreren einfach gern zugehört haben, stimmen alle ins wissenschaftlich belegte Lob ein.

Vergessen geht dabei, wie limitiert die Vorstellungen von Schule, Unterricht, Funktion der Lehrperson, Leistung und Erfolg sind, die mit diesem Lob verbunden sind. Man geht davon aus, alle Schülerinnen und Schüler müssten dasselbe lernen, müssten es von der Lehrperson lernen und würden dann Leistung erbringen, wenn ihre Resultate in standardisierten Vergleichstesten besser als die anderer sind.

Dabei gibt man den eigenen, verinnerlichten Maßstab aus der Hand. Die Schule sozialisiert junge Menschen so, dass sie selber nicht entscheiden müssen oder dürfen, was sie lernen wollen, wie sie lernen wollen und wie gut sie etwas gelernt haben. Nicht einmal ihre Lehrerin oder ihr Lehrer darf das entscheiden, sondern es wird von außen (von wem eigentlich genau) vorgegeben. »Ich habe so keine Lust auf Mathematik«, ist eine Äußerung, die man in vielen Klassen an vielen Schulen regelmäßig hört. Nützt nichts: Mathematik steht auf dem Stundenplan, binomische Formeln müssen gelernt werden. Warum? Lehrplan, Klausuren, Arbeitswelt…

gerechte_auslese

Das zentrale Argument: Es kann nicht sein, dass 25 Menschen gleichzeitig dasselbe hören müssen, um erfolgreich lernen zu können. Natürlich sollen sie inspirierenden Lehrenden zuhören: Zu dem Zeitpunkt, an dem sie dafür offen sind, wo sie davon profitieren. Und wann dieser Zeitpunkt ist, müssen sie selber entscheiden lernen. Kinder und Jugendliche wollen lernen (und wenn sie das einmal nicht wollen, dann haben sie vielleicht sogar das Recht dazu). Sie werden – dank Social Media – immer stärker informell, privat lernen, unterstützt durch technische Geräte und Expertinnen und Experten, die ihnen weltweit zeigen, wie man einen Song auf der Gitarre spielt, wie man chinesische Wörter ausspricht oder wie man mit binomischen Formeln umgeht.

Dieses Lernen ist dann nicht vergleichbar und nicht standardisierbar, weil Lernen per se nicht vergleichbar und standardisierbar ist.

Der Frontalunterricht erlebt ein Revival, weil viele pädagogische und didaktische Grundeinsichten vergessen gehen. Er ist in der heutigen Bildungslandschaft relativ besser als halbbatzig umgesetzte Alternativen. Aber er nicht per se besser als offene Lernumgebungen, eigenständig initiierte Lernprozesse und echte Kollaboration unter an gleichen Themen interessierten Peers.

Guter Frontalunterricht – so mein Fazit – ist der, den Schülerinnen und Schüler selber wählen und in dem sie jederzeit aufstehen und rausgehen können. Erzwungener Frontalunterricht ist keine gute Lernform.

* * *

Zusatz – Max Woodtli schreibt:

Solange Schule nach wie vor als Wissensanhäufungsinstitution gesehen wird, wo Wissenskonserven von einer Lehrperson im Gleichtakt den SchülerInnen “eingetrichtert” werden müssen, wie auf dem Bild (aus dem Jahre 1929) des Artikels dargestellt, mag Frontalunterricht sicher eine effiziente Methode sein. Das hat aber leider nichts mit Lernen und schon gar nichts mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu tun.