Gestern wurde ich von Rialto Filme eingeladen, »Disconnect« zu visionieren. (Beim anschließenden Gespräch gab’s auch Bier und Apérogebäcke, nur damit keine Missverständnisse aufkommen.) Als Lehrer wollte man von mir wissen, ob sich der Film für die Schule eigne. Das werde ich im Anschluss an eine kurze Rezension beantworten.
Der Film erzählt nach dem Muster von (L.A.) Crash vier Konflikte, die in eine Katastrophe münden. Alle gehen nehmen ihren Ausgang in Online-Kommunikation und weisen auf zerrüttete Beziehungen im weißen Mittelstand der USA hin (im Film sind weder schwarze Menschen zu sehen noch solche, die nicht in einem stattlichen Einfamilienhaus leben und SUVs fahren). Während sich die einzelnen Konflikte gemächlich entfalten, montiert der Film Szenen aus den verschiedenen Handlungssträngen recht abrupt nebeneinander, wodurch die Episoden verschmelzen und zu einer Einheit werden. Aus Identitätsdiebstahl, Cybermobbing, Online-Sucht und einer digitalen Liebesbeziehung ergeben sich Probleme, die deutlich machen, wie wichtig intakte (familiäre) Beziehungen sind.
Rein thematisch und von der Geschwindigkeit her ist der Film auf der Volksschulstufe meiner Meinung nach eine großer Herausforderung. Im Gymnasium oder auf Berufsschulen könnte der Film medienpädagogische Reflexionen auslösen. Interessant scheint mir besonders der Anfang zu sein, der zeigt, wie bedeutsam digitale Kommunikation für das Leben der Protagonistinnen und Protagonisten ist. Schnell jedoch dominieren die Katastrophenszenarien: Der mittlere Teil des Filmes fühlt sich pädagogisch an wie »Der Duft der großen weiten Welt«, der Rauchpräventionsfilm von Mario Cortesi, den ich als Jugendlicher mehrfach gesehen habe. Die Katastrophen dominieren den Film zu stark: Die intimen Konversationen, die Figuren im Internet führen, werden zwar realistisch präsentiert, doch sie wirken auf den Zuschauer oder die Zuschauerin stets falsch, unmoralisch. Prävention müsste mit kleineren Schritten verfahren und im Leben der Jugendlichen ansetzen: Das Gespräch am Familientisch, das begleitet wird von Chats auf den Smartphones – das ist eine starke Szene des Filmes. Oder der Jugendliche, der über seine Beziehung zu seinem Vater nur unter Vorspiegelung einer falschen Identität und mit einem Unbekannten sprechen kann. Davon hätte ich gerne mehr gesehen und weniger großes Drama.
Der Film – das hat unser angeregtes Gespräch im Anschluss zeigt – sorgt für Diskussionsstoff. Pädagogisch vielleicht nicht ganz idealen, aber angeregtes Engagement kann mehr Wert sein als didaktische Erwägungen.
Der Verleih hat einen Social Hub für den Film errichtet, auf dem man die Diskussion darüber verfolgen kann. Der Film ist im Orange Kino und startet im September in den Kinos.
Überwachung ist ein konstantes Thema in der digitalen Kommunikation. Nicht erst seit Edward Snowden enthüllt hat, wie die NSA auf Daten aus dem Internet zugreift, gibt es Widerstand und Empörung gegen staatliche Überwachung in Internet. Im folgenden Beitrag möchte ich diskutieren, warum diese Überwachung ein Problem ist. Ich bin der Meinung, dass dies oft mit wenig überzeugenden Argumenten gezeigt worden ist, und beginne deshalb mit einer Kritik der Überwachungskritik.
(1) Der Ausnahmezustand als das schlechteste aller Argumente
Judith Horchert hat in einem SPON-Essay darüber nachgedacht, was dem Bundesnachrichtendienst an ihrer Online-Präsenz auffallen könnte. Sie sei ein »unschuldiger und unverdächtiger Mensch« und wolle daher weder »ihr Leben geändert bekommen« noch ihr Verhalten erklären müssen. Das Problem mit dieser Sichtweise: Ob wir verdächtig sind oder nicht, entscheiden nicht wir selbst. Ein Verdacht ist gerade nicht an eine Schuld – im Sinne des Rechtsstaates – gekoppelt. Sobald eine Bombe hochgeht, ein Kind verletzt wird oder schon nur Geld verschwindet, sind alle Bedenken in Bezug auf Überwachung hinfällig. Menschen sind auch in demokratischen Gemeinschaften bereit, im Ausnahmezustand umfassende Überwachungssysteme zu bewilligen, die eine große Menge an Menschen verdächtigen. Zu denken, dass gerade der Ausnahmezustand dazu führen könnte, dass wir aufgrund unseres Online-Verhaltens ungerechtfertigterweise verdächtigt würden, ist naiv: Der Ausnahmezustand führt immer dazu, dass Menschen ungerechtfertigerweise verdächtigt, überwacht und verhaftet werden. Dagegen kennen weder Rechtsstaat noch Demokratie ein Mittel.
(2) Die Reaktion auf das »Nothing-To-Hide«-Argument
Wer nichts zu verbergen habe, habe auch nichts zu befürchten, meinen viele Advokatinnen und Advokaten von umfassender Überwachung. Betroffen seien ja nur die anderen – also die, welche der Gemeinschaft schaden. Und tatsächlich ist dieses Argument in einem klar definierten Kontext gültig: Geschwindigkeitskontrollen gehen in Ordnung, weil erstens die Daten sparsam erhoben werden, nicht archiviert werden und die Kontrolle dazu dient, eine erwünschte Anpassung des Verhaltens herbeizuführen. Warum aber gilt das Argument in einem größeren Kontext – z.B. bei der Überwachung aller Emails – nicht? Standardargumente enthalten die Beobachtung, dass alle Menschen etwas zu verbergen hätten und das auch tun bzw. wollen, oder kritisieren das Argument, weil es die Zusammenhänge umkehrt: Menschen müssen nicht rechtfertigen, warum sie nicht überwacht werden wollen, vielmehr muss die Überwachung begründet werden.
Doch diese Argumente greifen zu kurz, weil sie entweder davon ausgehen, dass Privatsphäre bedeutet, etwas zu verstecken (was implizit Überwachung legitimiert), oder dass Überwachung nicht begründet werden kann. Es ist sinnvoll, bei der Diskussion von Überwachung davon auszugehen, dass sie im Rahmen eines demokratisch erlassenen Gesetzes erfolge (ansonsten gibt es ohnehin einfache Möglichkeiten, sie zu kritisieren).
(3) Was ist eigentlich Privatsphäre?
Privatsphäre ist mehr als das Recht, Informationen zu verstecken. Überwachung verletzt mehrere Aspekte unseres Rechts, aus verschiedenen Gründen die Kontrolle über persönliche Informationen zu behalten. Es ist falsch, davon auszugehen, dass wir alle Steuern hinterziehen, unsere Partnerinnen und Partner betrügen oder ständig moralische Tabus brechen. Entscheidend ist, dass wir oft abwägen, wem wir was erzählen. Privatsphäre ist ein Konzept mit komplexen juristischen, sozialen und kognitiven Bestandteilen, das sich nicht einfach darauf reduzieren lassen kann, Verbotenes oder Verpöntes geheim zu halten.
(4) Das System braucht Daten
Es gibt kein Leben ohne Preisgabe von Daten. Wenn wir Briefe verschicken wollen, dann braucht die Post aus logistischen Gründen eine Adresse des Senders und der Absenderin, um funktionieren zu können. Der Staat braucht Informationen über seine Bürgerinnen und Bürger, um sicher stellen zu können, dass alle eine Ausbildung genießen und ans Abwassersystem angeschlossen sind. Und Google braucht unsere Daten, um uns tolle Dienstleistungen anzubieten. Überwachung ist ein Preis, den wir dafür zahlen, dass unser Leben einfacher wird. Digitale Technologie ermöglicht die verlustfreie, aufwandslose Kopie. Sie befördert die Verbreitung von Wissen, schafft neue Voraussetzungen für Kreativität: Aber erleichtert auch Überwachung. Überwachung ist das Prinzip des Internets.
Wir wollen, dass Verbrechen aufgeklärt werden können. Und doch übersehen wir dabei oft naheliegende Probleme, mit denen Grenzen überschritten werden.
Das Immersion-Projekt des MIT zeigt, wie unsere Gmail-Kontakte vernetzt sind. Allein die so genannten Metadaten lassen differenzierte – aber natürlich auch falsche – Rückschlüsse über unser soziales Umfeld zu.
(5) Probleme von Überwachung
Überwachung schadet ganz konkret – auch abgesehen vom Ausnahmezustand. Hier einige Probleme, die entstehen:
Bürokratie
Überwachung wird von Menschen durchgeführt, die in bürokratischen Prozesse eingebunden sind: Sie halten sich oft an starre Abläufe, sind aber auch frustriert, machen Fehler, sind gleichgültig und werden zu wenig kontrolliert, so dass einfach vieles nicht so läuft, wie das die Gesetzgeberin oder das Gesetz vorsehen.
Menschen und Hierarchien
Überwachung führt zu überwachten Menschen und überwachenden. Diese handeln zwar im Auftrag einer Gemeinschaft oder des Staates, doch dieser Auftrag ist in den problematischen Fällen weder klar noch explizit vorhanden (anders als im Fall der Geschwindigkeitskontrolle). Wer nun überwachen kann oder muss, ist versucht, die dadurch entstehenden Möglichkeiten zu nutzen. Gleichzeitig entsteht so eine Klasse von Menschen, die zu Daten Zugang hat, die für andere nicht einsehbar sind.
Irgendwann bemerkte ich eine Stimme in meinem Kopf: „Dreh dich auf der Straße nicht um! In den Akten stand, dass sie das bei Andrej verdächtig fanden.“ – „Mach keine Witze über Brandanschläge am Telefon! In den Akten stand, dass sie das in einem Telefongespräch mit deiner Mutter angestrichen haben.“
Der Chilling Effect beschreibt, dass wir unser Verhalten ändern und anpassen, wenn wir wissen, dass wir beobachtet und überwacht werden. Wir tun nicht mehr, was wir wollen, sondern eher das, was uns unverdächtig erscheinen lässt.
Eigendynamik von Überwachung und Verdächtigung
Überwachung müsste wohlwollend geschehen: Entlastende Informationen müssten berücksichtigt werden, selbst das Fehlen von belastenden Informationen müsste als Entlastung interpretiert werden. Tatsächlich führen Überwachungssysteme dazu, dass die Überwachung selbst gerechtfertigt wird: Details werden immer so interpretiert, dass sie für eine Beibehaltung oder Ausdehnung von Überwachung sprechen. Kann ein Verdacht nicht erhärtet werden, so spricht genau das dafür, ihn beizubehalten. Dieser Paradoxie kann sich kein Überwachungssystem entziehen. Eines der überraschendsten Beispiele ist die Aktion dieses Menschenrechtsaktivists, der sich mit Proxy-Servern in Pakistan englische Literatur zugeschickt hat und verdächtigt wurde, weil James Joyce und Gerard Manley Hopkins Sätze schrieben, die schwer verständlich sind (aber offensichtlich keine geheime Botschaft enthalten, weil es klassische Texte der englischen Literatur sind).
Ausschluss und Intransparenz
Überwachung hat mit digitaler Kommunikation grundsätzlich nichts zu tun – es gab sie schon immer. Die Nachbarinnen und Nachbarn, die mitbekommen, wann wir streiten, Sex haben, nach Hause kommen, kochen, die Toilette benutzen; die Unternehmen, die unsere Bedürfnisse decken; die Archive, die unser Wissen sammeln: Sie alle überwachen Menschen und verletzen ihre Privatsphäre. Aber in der Regel ist uns das Ausmaß und die Funktionsweise dieser Überwachung bewusst: Ich weiß, dass die Verkäuferin im Dorfladen mitbekommt, wie gesund ich mich ernähre, wie oft ich Kondome kaufe und was meine Nachbarinnen und Nachbarn über mich denken; und ich habe eine Vorstellung, wie sie mit diesem Wissen umgeht. – Die NSA-Überwachung und ähnliche Systeme in Europa haben diese Eigenschaft nicht: Wir können nicht einsehen, welche Informationen der Staat oder Geheimdienste über uns sammeln, wofür sie verwendet werden und mit welchen anderen Datenbanken sie verbunden werden. Die Verkäuferin im Dorfladen weiß plötzlich auch das, was meine Ärztin weiß, meine früheren Lehrpersonen über mich wissen, sie ist auch mein Sachbearbeiter bei der Bank und auf dem Steueramt. Ihr Wissen ist aber dennoch lückenhaft und blendet vieles, was für das Verständnis meiner Motive und Handlungen wichtig ist, aus. Die Verkäuferin nutzt nun dieses verzerrte, aber vernetzte Wissen – um im Bild zu bleiben – für beliebige Zwecke: Sie entscheidet aufgrund meiner Einkäufe, ob ich einen Fahrausweis bekommen soll, mich für einen bestimmten Beruf eigne oder ob ich einen Blog führen darf oder nicht. Kurz: Daten werden verzerrt, aggregiert und für sekundäre Zwecke verwendet.
Im aktuellen Spiegel (pdf) sagt Snowden im Interview:
Aufgabe der NSA ist es, von allem Wichtigen zu wissen, das außerhalb der Vereinigten Staaten passiert. Das ist eine beträchtliche Aufgabe, und den Leuten dort wird vermittelt, dass es eine existentielle Krise bedeuten kann, nicht alles über jeden zu wissen. Und dann glaubt man irgendwann, dass es schon in Ordnung ist, sich die Regeln etwas hinzubiegen. Und wenn die Menschen einen dann dafür hassen, dass man die Regeln ver- biegt, wird es auf einmal überlebenswichtig, sie sogar zu brechen.
Die Vorstellung, es sei in der Tat das Recht, das darüber entscheidet, was passiert und wie es passiert, trifft nicht zu; in Wirklichkeit ist es die Technologie, sind es die Hardware und die Codes. […]
Heute zieht beinahe jeder eine Datenspur hinter sich her, die manipuliert und verdreht werden kann. Firmenvorstände wissen um diese Machtdynamik, und nur wenige wagen es aufzumucken – falls es überhaupt einige wagen und falls es überhaupt welche gibt, die das Spiel durchschauen.
Das heißt: Auch wenn wir davon ausgehen, dass ein umfassender Überwachungsapparat gewollt und legitimiert ist, und auch wenn wir sicherstellen könnten, dass er keine Fehler macht und sauber arbeitet – beides ist höchst unwahrscheinlich – selbst dann wird er seinen Rahmen erweitern, Gesetze hinbiegen und sie schließlich brechen. Die Überwachung selbst schafft neue Möglichkeiten, die letztlich die Bedingungen verändern, unter denen wir leben und entscheiden. Überwachung ist als System autopoietisch: Sie legitimiert sich selbst und weitet sich aus. Wenn Daten gesammelt werden, werden sie auch benutzt – und meist nicht mehr für das, wofür sie gesammelt worden sind.
Geht es in der heutigen politischen Diskussion um Sicherheit, um Terroristinnen und Kinderschänder, so befasst sich das System schon mit Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit. Überwachung ist falsch, weil sie verändert, wie wir alle handeln und wie wir alle entscheiden.
Mit meiner 10. Klasse habe ich im Deutschunterricht etwas Filmgeschichte gemacht – in einer Einführung ging es um Filmtechnik. Dabei wollte ich ihnen zeigen, welche Tricks verwendet werden, um einfach Vorgänge zu filmen wie das Runtergehen einer Treppe oder das Betreten eines Zimmers. Um das praktisch zu erfahren, hat die Klasse mit Smartphones Vine-Videos gedreht. Mir ging es nur darum, formale Vorgaben zu haben (Vines können nur 6 Sekunden lang sein) sowie eine einfache Möglichkeit, Videos zu schneiden – der ganze soziale Aspekt war irrelevant, die Videos sollten weder auf Twitter geteilt noch von möglichst vielen Followern gesehen haben.
Die Vorstellung des Netzwerks hat nun die Schülerinnen und Schüler mit einer Lernumgebung in Verbindung gebracht, die sie selbständig weiter erforschen konnten. Und das passierte auch: Zwei Monate später erfuhr ich, dass einer meiner Schüler sowas wie ein kleiner Star auf Vine geworden war: Unter dem Profil Willi Sauer (eine Anspielung auf den Ort Willisau und die Willisauer Ringli, eine Art Kekse) erstellte er kleine Stop-Motion-Videos, die sich einer großen Beliebtheit erfreuen. Sein Lernprozess war ein informeller, er umfasste aber folgende Komponenten:
den Zeitrahmen ausnutzen
Stop-Motion mit Vine aufnehmen
Geschichten erzählen mit kurzen Videos
Videos so präsentieren, dass sie in einem sozialen Netzwerk wahrngenommen werden (Hashtags etc.)
In der Nacht auf den letzten Sonntag ist es in Bern zu Ausschreitungen im Rahmen einer Demonstration unter dem Namen »Tanz dich frei« gekommen. In den Medien setzt der Berner Gemeinderat Reto Nause den Fokus auf die Verantwortung von Facebook:
Weil die Organisatoren der Demonstration von der Anonymität der Internetplattform Facebook profiteren konnten, fordert die Politik nun Konsequenzen. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Bern soll in Bezug auf die Ausschreitungen «die Strafbarkeit von Facebook» prüfen, fordert der Geimeinderat. Bei genügendem Tatverdacht soll ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden. Der zuständige Staatsanwalt liess derweil durchblicken, dass diese Forderung keine Priorität hat (siehe Zusatz).
Dem Staatsanwalt ist beizupflichten, wenn man zwei Aspekte auseinanderhält:
Die Kooperation von FB mit Strafuntersuchungen.
Die Möglichkeit von Behörden, Meinungsäußerungen auf FB zu kontrollieren oder damit verbundene Daten zu erhalten.
Facebook kooperiert in strafrechtlichen Verfahren und gibt Daten an Behörden weiter. Das ist gut so. Aber die Privatsphäre von Usern zu schützen ist gleichermassen ein berechtigtes Anliegen. Wie andere private Verwalter von Daten soll FB auf das Verlangen von Gerichten Daten frei geben – und nicht beliebig mit Behörden zusammenarbeiten und so präventive Polizeiarbeit jenseits von rechtsstaatlichen Verfahren ermöglichen.
Was in der Schweiz aussieht, als könnte es die Ordnung im öffentlichen Raum sicherstellen, dient in anderen Ländern zur Durchsetzung von totalitärer Unterdrückung. Auch wenn verhindert werden muss, dass Krawalle in Städten stattfinden, so darf das nicht dazu führen, dass die Möglichkeit, seine Meinung im Internet kundzutun, auch anonym, eingeschränkt wird – weil das ein wichtiges Grundrecht ist.
Diese Forderung ist zudem Ausdruck einer Projektion: Dass Ausschreitungen wenigen Verantwortlichen zugeschrieben werden könnten, die zu ihnen aufgerufen haben. Gewalttaten, die in Massenansammlungen von Menschen ausgehen, haben komplexe Ursachen. Hier Social Media in den Fokus zu nehmen, ist nicht nur falsch, sondern auch naiv.
Infotention bezeichnet für Howard Rheingold die Fähigkeit, einer Information die nötige Aufmerksamkeit zukommen zu lassen – nicht zuviel und nicht zuwenig.
In einem überzeugend argumentierten Artikel beschreibt Daniel Willingham, dass Geduld eine der Kompetenzen ist, die Jugendlichen dabei fehlt. Sie können aufpassen und aufmerksam sein – wollen es aber nicht, weil sie leicht gelangweilt werden. Was könnte man didaktisch darauf antworten?
Willingham bezieht sich in seiner Antwort auf Jennifer L. Roberts, eine Harvard-Professorin, die ihre Studentinnen und Studenten in ein Museum in Boston schickt, wo sie drei Stunden (!) vor einem Bild ihrer Wahl sitzen müssen, um es zu betrachten. Diese Aufgabe, so Roberts, führe zu immer mehr Details – so habe Roberts selbst im oben abgebildeten Gemälde von Copley erst nach längerer Betrachtung gesehen, dass die Form des weißen Bauches des Eichhörnchens nicht dur der des Ohrs des Jungen entspricht, sondern auch im Vorhang über seiner linken Schulter auftaucht.
Willinghams Fazit: Wir müssen Lernenden zeigen, dass sich Geduld auszahlt, weil sie mit dem Vergnügen gekoppelt ist, Bedeutungsebenen zu entdecken, die vorher nicht wahrnehmbar gewesen wären. Geduld muss mit einer positiven Erfahrung verbunden werden.
If we are concerned that students today are too quick to allow their attention to be yanked to the brightest object (or to willfully redirect it once their very low threshold of boredom is surpassed), we need to consider ways that we can bring home to them the potential reward of sustained attention. They need to feel the pleasure of discovering that something you thought you had figured out actually has layers that you had not appreciated.
In der aktuellen Ausgabe (Mai 2013) von Fritz und Fränzi, dem Elternmagazin der Schweiz, ist ein Artikel von mir zu Lehren und Lernen mit Social Media erschienen. Hier das pdf.
Wer hat schon Lust, Meisterwerke der Literatur, gleich wie deren Autoren heissen mögen, auf einem Tablet zu geniessen? Die bereichernde und beglückende Lesefreude besteht auch darin, ein richtiges Buch in den Händen zu halten.
Das Zitat aus André Pfenningers Kommentar zum Salon du Livre Genève ist symptomatisch für eine Haltung, die ich nostalgisch nennen möchte. Sie besagt, dass der Prozess des Lesens mit Materialität verbunden sein müsse, und zwar mit einer bestimmten: Papier, Druckfarbe und einem Einband.
Viele Menschen haben sich daran gewöhnt, so zu lesen. Sie erinnern sich an wundervolle Bücher, die sie als physische Bände in den Händen gehalten haben, und bilden sich ein, der Prozess des Lesens müsse diese sinnliche Komponente (schnell wird vom Gewicht der Bücher geredet, von ihrem Geruch etc.) enthalten.
Reading, Michaelis Moshe
Muss er nicht. Lesen ist das Entziffern eines symbolischen Codes, den ein anderer Mensch verwendet hat, um sich auszudrücken. Entziffern und codieren sind gänzlich virtuelle Prozesse, welche die Mittelbarkeit der physischen Welt nicht notwenidgerweise bedürfen. Überträgt man die nostalgische Haltung auf die gesprochene Sprache, wo müsste man behaupten, ein Gespräch verlöre etwas von seinem Gehalt, wenn es nicht auf eine Platte eingeritzt oder eine CD gebrannt würde, weil man es nur so in den Händen halten kann.
Ich kann und will niemandem vorschreiben, wie sie oder er zu lesen hat. Wer physische Bücher mag, darf sie gerne kaufen und lesen und sammeln – das tue ich auch. Aber es ist sinnlos, zu behaupten, der Prozess des Lesen müsse eine physische Dimension enthalten, weil das einfach nicht stimmt. Genussvolles, tiefgreifendes Lesen ist auf einem Tablet, einer virtuellen Brille oder einem futuristischen Display genau so möglich wie auf einer Papyrusrolle. Der Prozess des Lesens hat sich in der Kulturgeschichte der Menschen immer wieder verwandelt. Das ist kein Grund zum Jammern.
Im Rahmen eines CAS-Moduls bin ich am 26. April als Experte an die Fachhochschule St. Gallen eingeladen. Hier gibts die Unterlagen zu meinem Input über die Zukunft von Social Media.
Ein juristisches Konzept in Bezug auf den Umgang mit Informationen.
Die Trennung einer häuslichen von einer öffentlichen Sphäre.
Kontrolle des Informationsflusses bzw. Kontrolle über die Situation, in denen Informationen genutzt werden können.
Wir können das an einem Beispiel betrachten: Ein Arbeitnehmer geht nicht zur Arbeit, weil er verkatert ist. Bei seiner Chefin entschuldigt er sich unter dem Vorwand, an einer Grippe zu leiden. Er veröffentlicht aus Versehen eine private direkte Mitteilung an eine Mitarbeiterin auf seinem öffentlich einsehbaren Twitter-Kanal: »Bin nicht krank, nur verkatert. Danke trotzdem ;)«.
Informationen über unsere Gesundheit sind juristisch recht klar geregelt: Der Arbeitgeber hat Anrecht auf bestimmte Informationen (z.B. ein Arztzeugnis bei längerer Abwesenheit), auf andere nicht (er darf keinen Schwangerschaftstest bei der Anstellung verlangen). Der Arbeitnehmer im Beispiel geht davon aus, dass seine Privatsphäre geschützt sei, wenn er sich zuhause aufhält, niemand weiß, ob er tatsächlich krank ist oder nicht und niemand kann ihn unangekündigt besuchen und seine Symptome überprüfen. Er wäre also aus der Perspektive von i. und ii. in seinem Betrug geschützt und könnte kaum belangt werden, würde er nicht die Kontrolle über den Informationsfluss verlieren.
Kurz: Weder der Schutz durch das Recht noch durch die eigene Wohnung schützt die Privatsphäre, wenn der Fluss der Informationen nicht kontrolliert werden kann. Social Media und mobile Kommunikation auf Smartphones scheinen gerade das zu verhindern: Eine Untersuchung des Wall Street Journals zeigt z.B., welche Apps welche Informationen weitergeben – ohne dass Benutzerinnen und Benutzer das wissen. Viele Menschen nutzen Apps, um Informationen über ihren Gesundheitszustand (Schlaf, Gewicht, Bewegung, Ernährung, Medikamente, Menstruation etc.) zu sammeln und zu speichern. Zudem sind viele elektronischen Geräte heute in der Lage, die geografische Position zu ermitteln – der Zusammenhang muss nicht weiter ausgeführt werden: Es ist schwierig, digitale Werkzeuge zu nutzen, ohne zumindest teilweise die Kontrolle über den Informationsfluss und die Verwendung von persönlichen Informationen zu verlieren.
Was hat das für Konsequenzen für unseren Umgang mit privaten Informationen? Jugendliche, so hat Danah Boyd herausgefunden, sind mit der Situation vertraut, viele Informationen nicht kontrollieren zu können, weil ihre Eltern und Lehrpersonen aus pädagogischen Gründen diese Informationen ermitteln und nutzen (meine Zusammenfassung von Boyds Arbeiten findet sich hier). Deshalb kommunizieren sie häufig so, dass ihre Kommunikation grundsätzlich öffentlich ist, sie aber wichtige Informationen verbergen. Das heißt: Sie verwenden viel Aufwand dafür, bestimmte Informationen privat oder geheim zu halten, während die meisten Erwachsenen viel Aufwand dafür verwenden, Informationen zu veröffentlichen. Dieser Wandel dürfte mit Social Media für mehr Menschen bedeutsam werden. Die Verfügbarkeit von Informationen wird auch zu viel »noise« führen: Daten, die Menschen nicht klar zugeordnet werden können, weil die Menge an Informationen und Identitäten schlicht zu groß ist. Kürzlich hat ein Artikel bei Quartz gezeigt, wie einfach es ist, falsche Personen in sozialen Netzwerken real werden zu lassen.
Das heißt: Die Öffentlichkeit von Informationen schadet unserer Privatsphäre weniger, als wir denken können. Und wir werden lernen, die Informationen zu schützen, die für uns bedeutsam sind, während wir weniger wichtige automatisch publik machen.
Man solle, so das Schlusswort von Howard Rheingold bei seinem gestrigen Vortrag in Luzern, nicht mit der Technologie mithalten, sondern mit der »literacy«, also den Kompetenzen. Der Begriff literacy lässt sich nicht genau übersetzen, Rheingold versteht darunter eine Fähigkeit sowie ihre soziale Einbettung und Kontextualisierung. Wie wir heute Technologie nutzen hat immer auch soziale Auswirkungen: Unsere Suchbegriffe bei Google; die Links, die von unseren Texten ausgehen; unsere Likes bei Facebook und unsere Tweets beeinflussen die Interneterfahrung vieler anderer Menschen – manchmal direkt, manchmal indirekt. Wichtig deshalb: »Crap detection«. Was in unserem Informationsfluss ist wahr und relevant und was falsch, halbwahr oder unwichtig? Diese Prüfung gilt nicht nur für fremde Inhalte, sondern im Sinne einer Netzwerkverantwortung, auch für eigene.
Das »Power Law of Participation«, das Rheingold gezeigt hat, macht deutlich, wie viele Tätigkeiten es gibt, mit denen man sich in Netzwerken beteiligt – schon allein das Lesen von Beiträgen ist eine Form von Partizipation.
Wie hier schon einmal ausgeführt, ist dabei eine der wichtigsten literacies die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit zu steuern: Rheingold spricht von »Infotention«. Gestern hat er einen zentralen Aspekt betont: Wir müssen lernen zu beobachten, worauf wir uns konzentrieren und wie wir unsere Werkzeuge einsetzen. Seine konkreten Tipps:
Sich in die Rolle anderer versetzen (z.B. indem man als Lehrerin oder Lehrer einmal die Klasse filmt und ihr zeigt, wie es von vorne aussieht, wenn viele Lernende vor Bildschirmen sitzen).
Zu beschreiben, wie man seinen Browser, seinen Desktop, sein Mobiltelefon organisiert und wie man damit interagiert.
Rheingolds These: Nur fünf Prozent der Menschen beherrschen Multitasking in dem Sinne, dass sie mehrere Tätigkeiten so ausüben können, dass diese qualitativ nicht darunter leiden. Er vermutet, diese hätten Multitasking gelernt. Nur: Wie genau?
Rheingolds Aufmerksamkeit für einmal bei seinen Hunden. Er ist eine Stunde pro Tag offline.
Im Vortrag hat Rheingold auch ausführlich über Netzwerke gesprochen – seine Konzeption eines Persönlichen Lernnetzwerks habe ich hier zusammengefasst. Seine wichtigsten Aussagen:
»If nobody in your network annoys you, you are in a echo chamber«: Man muss ehrliche und intelligente Menschen in seinem Netzwerk haben, die andere Meinungen vertreten, um von ihnen lernen zu können.
Nicht nur konsumieren, kreieren. Nur so sind die Bedingungen gegeben, dass bessere Werkzeuge entstehen können.
Wenn man Menschen motivieren will, bei einem Projekt mitzuhelfen, soll man sie wählen lassen, was sie tun wollen.
Menschen lernen einander zu vertrauen, wenn sie über Unwichtiges reden können und small talk betreiben.
»Weak ties« helfen uns dabei, einen Job oder Partner zu finden; bei »strong ties« können wir schlafen, wenn unser Haus niederbrennt. Wir brauchen in Netzwerken beides.
Die Position in Netzwerken ist ausschlaggebend, nicht die Zahl der Verbindungen. Die Position ergibt sich daraus, wie viele Menschen über das eigene Profil mit anderen in Verbindung treten.
Netzwerke müssen diversifiziert sein, also Expertinnen und Laien enthalten. Wichtig sind zudem Menschen, die Lücken überbrücken.
»pay it forward« – Menschen helfen einem, wenn man ihnen schon geholfen hat.
Die Zukunft digitaler Medien hängt von uns ab. Net Smart, S. 8.
Mit bestem Dank an die Hochschule Luzern, die zum Anlass mit Howard Rheingold eingeladen hatte.